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Der Schatz der Inkas

Karl May: Der Schatz der Inkas - Kapitel 29
Quellenangabe
pfad/may/sendado2/sendado2.xml
typefiction
authorKarl May
titleLopez Jordan
publisherDeutscher Hausschatz in Wort und Bild
booktitleEl Sendador
firstpub 1890/1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.karl-may-gesellschaft.de
created20090708
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28. Fortsetzung

Die Sonne hatte schon über zwei Dritteile ihres Laufes zurückgelegt, als die Wüste ein Ende nahm. Das Gras spitzte erst sehr spärlich, nur hier und da, aus dem dürren Sande hervor; dann bildete es einige Inseln, welche sich später vereinigten, und endlich gingen wir wieder über eine Prärie, die dritte des heutigen Tages. Die Sonne sank im Westen, als wir wieder Wald vor uns sahen. Pena fragte mich, ob wir auch jetzt wieder, wie schon einmal, den Wald auf einem Umwege erreichen wollten.

»Nein,« antwortete ich. »Wir bleiben hier, bis es vollständig dunkel geworden ist.«

»Ist es nicht besser, noch vor der Nacht in den Wald zu kommen?«

»Täten wir das, so fänden wir die Roten nicht. Ich bin überzeugt, daß sie höchstens eine halbe Stunde vor uns sind. Sie haben also soeben erst den Wald erreicht und werden sich beeilen, ein Lager zu finden; das wird natürlich am Rande des Waldes oder doch in der Nähe desselben liegen, so daß es nicht schwer zu entdecken ist.«

»Ich bin mit dieser Berechnung einverstanden; sie ist besser als die meinige.«

Wir setzten uns also nieder, warteten, bis es dunkel geworden war und brachen dann wieder auf. Schon nach kurzer Zeit zeigte es sich, daß meine Vermutung die richtige gewesen war. Es glänzte uns unter den ersten Bäumen hervor ein lebhaftes Feuer entgegen, und wir erblickten Gestalten, welche sich um dasselbe bewegten. Nun machten wir einen Umweg, indem wir einen Bogen schlugen, um den Roten in den Rücken zu kommen, was uns auch recht gut gelang. Dort lagen wir am Stamme eines Baumes und sahen, hinter demselben vorblickend, dem Lagertreiben zu.

Näher durften wir uns noch nicht wagen, denn es gab noch zu viel Bewegung unter den Roten. Da, wo sie lagerten, stand Wasser in einem ziemlich großen Tümpel, aus welchem es in einem bloß handbreiten Bächlein an mir und Pena vorüberfloß, jedenfalls um baldigst wieder zu versiechen. Wir tranken mit wahrer Wonne das köstliche Naß.

Die Indianer brachten aus ihren zusammengelegten Decken große Fleischstücke hervor, welche sie, wie am Mittag, am Feuer brieten. Während des Essens ging es heiter her, dann aber wickelten sich die Leute in die Decken und legten sich nieder, um zu schlafen.

Zwei taten dies nicht, nämlich der Häuptling und der Weiße. Sie saßen ein Stück abseits der andern, mit dem Rücken gegen einen Baum, der so nahe hinter ihnen stand, daß sie ihn beinahe mit den Händen erreichen konnten, und unterhielten sich.

»Hinter diese beiden müssen wir kommen,« sagte ich. Wir huschten also nach der andern Seite hinüber und schlichen uns dann hinzu. Da ich die Sprache der Mbocovis nicht verstand, so ließ ich Pena voran und hielt mich nur bereit, ihm sofort beizuspringen, falls man ihn sehen sollte.

Aber er machte seine Sache gar nicht übel. Als er den Baum erreicht hatte, legte er die Arme auf die Erde und seinen Kopf darauf, so daß das Gesicht nach unten lag und nicht gesehen werden konnte. Bei dem Scheine des flackernden Feuers, dessen Schatten gespenstisch hin- und wiederhuschten, hatte er das Aussehen einer Bodenerhöhung, und es gehörte mehr als ein gewöhnlich scharfer Blick dazu, in ihm einen Menschen zu erkennen. So blieb er lange Zeit liegen, während ich geduldig wartete. Ich hörte die Stimmen der beiden Sprechenden und konnte nur dem Tone derselben entnehmen, ob sie sich von etwas Angenehmen oder Unangenehmen unterhielten. Sie sprachen jetzt nicht mehr so angeregt wie vorher, sondern schläfriger; sie machten Pausen. Darum blieb Pena so lange liegen, denn er wollte natürlich nicht eher wieder gehen, als bis er wußte, woran er war, als bis er erfahren hatte, welchen Zweck der Zug hatte.

Endlich, nachdem er seine Stellung fast drei Viertelstunden eingenommen hatte, kam er zurückgekrochen und raunte mir zu:

»Kommen Sie! Ich weiß zwar nicht alles, aber doch genug!«

Wir schoben uns auf Händen und Füßen weit genug zurück, um nicht gesehen zu werden, und erhoben uns dann vom Boden, um nach der Stelle, an welcher wir uns vorher befunden hatten, zurückzukehren.

»Nun,« sagte ich dort, »ich bin sehr begierig, Ihren Bericht zu hören.«

»Jetzt noch nicht. Nehmen Sie ihre Gewehre und Ihr Fleisch auf, und folgen Sie mir! Wir dürfen nicht ruhen, sondern müssen sofort aufbrechen, um einen Weißen, der vielleicht gar ein Europäer ist, zu retten!«

Das war genug für mich. Ich schritt hinter ihm drein, ohne ihn weiter zu fragen. Er ging in einem Bogen um das Lager herum bis an den Rand des Waldes und dann immer weiter, diesem letzteren entlang. Dabei hütete er sich, hinaus in die Grasprärie zu treten, wo wir eine sichtbare Spur zurückgelassen hätten, sondern er ging stets unter den ersten Bäumen hin, wo die Bodenvegetation niedriger war und die von unsern Füßen niedergetretenen Stellen sich bis morgen früh jedenfalls wieder aufgerichtet hatten. Freilich ging es in der Dunkelheit nicht so schnell, wie wir gewünscht hätten, aber in den anderthalb Stunden, die es in dieser Weise fortging, hatten wir doch gewiß eine gute Wegstunde zurückgelegt. Dann gelangten wir an eine Lücke, welche unsern Weg rechtwinkelig berührte, und wir lenkten in dieselbe ein, um ihr zu folgen.

»Jetzt dürfen wir sprechen,« sagte er. »Die Roten werden gleich von dort, wo sie liegen, durch den Wald gehen. Ich aber bin bis hierher gegangen, um ihn von hier aus zu passieren, damit sie nicht etwa morgen unsere Fährte sehen.«

»Wußten Sie denn, daß diese Lücke sich hier befindet?«

»Nein, ich erfuhr es von dem Weißen. Er stellte es dem ›Giftigen‹, dem Häuptlinge anheim, einen der beiden Wege, welche er beschrieb, zu wählen, und dieser entschied sich für den ihm nächstgelegenen. Darum nahm ich den andern, also diesen hier.«

»Haben Sie nicht vielleicht eine Bemerkung gehört, aus welcher sich erraten läßt, wer dieser Weiße ist?«

»Leider nicht.«

»Der Häuptling muß ihn aber doch wohl genannt haben!«

»Allerdings, aber er bediente sich eines so eigenartigen Wortes, daß ich gar nicht glauben kann, es sei der Name des Weißen. Wenigstens habe ich noch keinen Menschen gekannt, der so geheißen hat.«

»Wie denn?«

»El Yerno.«

»Das ist freilich ein sonderbarer Name, denn Yerno heißt doch Schwiegersohn.«

»Allerdings. Jedenfalls lautet der eigentliche Name dieses Mannes anders, und er wird nur von den Rothäuten so genannt. Diese pflegen die Menschen lieber nach einer ihnen in die Augen fallenden oder sonst wichtigen Eigenschaft als beim richtigen Namen zu nennen.«

»Dann wäre er ihnen also als Schwiegersohn wichtig, und daraus ist zu schließen, daß sein Schwiegervater ein Mann ist, welcher bei den Mbocovis in großem Ansehen steht.«

»Oder ist er der Schwiegersohn eines ihrer Leute!«

»Schwerlich. Dann würden sie dieser Verwandtschaftsbezeichnung nicht eine so große Wichtigkeit beilegen.«

»Nun, dem mag einstweilen sein, wie ihm wolle. Die Hauptsache ist das, was sie vorhaben. Sie wollen nämlich, wie Sie ganz richtig vermuteten, nach der Laguna de Carapa, um die Tobas zu überfallen.«

»Das sind doch Rote! Sie sprachen aber von einem Weißen, der vielleicht gar ein Europäer sei!«

»Allerdings, und damit war jener weiße Häuptling der Tobas gemeint, welcher ein Abkömmling der Inkaherrscher sein soll.«

»Was wollen sie mit ihm?«

»Der Weiße behauptet, daß dieser Häuptling große Schätze besitze. Er ist so kühn gewesen, bis an die Laguna de Carapa zu gehen und sich dort mehrere Tage lauschend umherzuschleichen. Da hat er gehört, daß die Tobas eben jetzt einen Kriegszug gegen die Chiriguanos, von denen sie beleidigt worden sind, unternehmen. Es bleiben nur wenige Krieger an der Laguna zurück, welche er mit den achtundfünfzig Mbocovis leicht überrumpeln zu können meint. Sie sollen aus dem Hinterhalte mit giftigen Pfeilen getötet werden, worauf die Frauen und Kinder leicht ermordet oder gefangen genommen werden können. Von diesen, den Frauen und Kindern, glaubt er durch Drohungen und Folterungen erfahren zu können, wo der weiße Häuptling wohnt, den auch er, wie alle andern Leute, el viejo Desierto, den alten Einsamen oder den alten Einsiedler nannte. Unter diesem Namen ist er nämlich überall bekannt.«

»Und dieser viejo Desierto ist es also, von dem Sie vermuten, daß er ein Europäer und nicht ein Sohn der Inkas sei?«

»Nicht ich, sondern dieser ›Schwiegersohn‹ sprach die Vermutung aus.«

»Gab er einen Grund dafür an?«

»Ja. Er sagte, daß der Desierto jährlich einmal nach Santiago komme, um dort gewisse Geschäfte abzumachen. Bei einer solchen Gelegenheit hat er ihn getroffen und mit ihm gesprochen. Aus gewissen Äußerungen, welche dabei aus dem Munde des Alten gefallen sind, glaubt er vermuten zu dürfen, daß dieser von europäischer Abstammung sei.«

»So! Das wär freilich nicht das erste Mal, daß ein Europäer Häuptling eines wilden Stammes wird. Solche Fälle sind schon wiederholt dagewesen. Doch selbst wenn ich nichts davon gehört hätte, daß eine solche Vermutung gehegt wird, wäre ich entschlossen, ihn zu warnen.«

»Ich natürlich auch.«

»Die Roten mögen ihre Duelle immerhin unter einander ausfechten; ich bekümmere mich nicht darum; aber wo es sich um einen Weißen handelt, so fühle ich mich verpflichtet, mich seiner anzunehmen, auch wenn er nicht ein Europäer, sondern ein hiesiger ist. Aber wie den Weg nach der Laguna de Carapa finden!«

»Ich kenne ihn. Der ›Schwiegersohn‹ hat ihn dem Häuptling so genau beschrieben, und ich habe mir jedes Wort so sorgfältig gemerkt, daß ich gar nicht irren kann.«

»Wie weit ist es bis dorthin?«

»Er gab die Entfernung auf acht Stunden an, von dem heutigen Lager aus.«

»So können wir, wenn der Weg keine allzugroßen Schwierigkeiten bietet, schon am Morgen dort sein. Wann soll der Überfall geschehen?«

»Morgen abend. Der ›Schwiegersohn‹ will die Mbocovis bis an eine versteckte Stelle führen, welche sie zu Mittag erreichen, und dann rekognoszieren gehen. Sie sollen seine Rückkehr erwarten und dann, wenn es dunkel geworden ist, mit ihm nach der Laguna aufbrechen.«

»Hat der ›Schwiegersohn‹ nichts gesagt, was auf seine eigentlichen Verhältnisse schließen läßt?«

»Kein Wort.«

»Auch nichts von dem, dessen Schwiegersohn er ist?«

»Nein – – und doch, jetzt besinne ich mich. Der ›Giftige‹ fragte ihn, wo sich jetzt sein Suegro Schwiegervater befinde, und er antwortete, er sei nach dem Osten gegangen, um ein gutes Geschäft zu machen.«

»Sprach er nicht von der Rückkehr dieses Suegro?«

»O doch. Er bemerkte, daß er wohl bald zu erwarten sei und daß es dann wieder gute Gelegenheit zum Verdienst geben werde, da der Suegro sich am Parana doch jedenfalls nach fremden Reisenden erkundigt habe.«

Was mir gleich bei den ersten Äußerungen Penas, wenn auch nur ziemlich dunkel vorgeschwebt hatte, das wurde jetzt licht.

»Aber Freund, das sagen Sie erst jetzt?« rief ich aus. »Dieser Suegro ist am Parana gewesen und kommt jetzt zurück. Auf wen paßt das wohl?«

»Wen ich meine? Zum Henker, ich meine eben gar niemanden! Wen soll ich denn eigentlich meinen?«

»Dieser Suegro ist vielleicht noch weiter gewesen, aus dem Parana in ein kleines Nebenflüßchen gefahren und dann kurz vor uns wieder zurück!«

Er blieb stehen und ließ sich nicht fortziehen. Ich sah trotz der Dunkelheit, daß er mich groß anstarrte, und erst nach einer Weile stieß er hervor:

»Teufel! Zielen Sie etwa auf Geronimo Sabuco, den Sendador?«

»Natürlich.«

»Das wäre kühn! Sie denken jetzt, ebenso wie ich, natürlich stets an diesen Kerl, und folglich denken Sie auch in diesem Augenblicke an ihn und bringen ihn mit diesem Schwiegersohne, dessen Schwiegervater er gar nicht ist, in Verbindung!«

»Meine Vermutung ist nicht so grundlos, wie Sie meinen! Wissen wir nicht, daß der Sendador einen geheimen Aufenthalt hier im Chaco hat und daß er Indianer als Verbündete besitzt?«

»Allerdings.«

»Daß er, der berühmte Anden- und Pampasführer, Leute über das Gebirge gebracht hat, die niemals wieder gesehen worden sind?«

»Auch das ist richtig.«

»Daß wir ihn in Folge dessen in Verdacht gehabt haben und noch haben, daß er diejenigen, die sich ihm anvertrauen, falls er dabei einen Gewinn ersieht, nicht durch die Pampa und über die Alpen, sondern irreführt?«

»Wetter noch einmal! Sie steigen mir da ganz gehörig auf das Leder!«

»Ferner, hat nicht der Schwiegersohn gesagt, daß sein Schwiegervater sich am Parana wohl nach fremden Reisenden umgesehen haben werde?«

»Das waren allerdings seine Worte.«

»Und daß es dann wieder gute Geschäfte geben werde?«

»Caracho! Es wird hell in mir! Sennor, ich habe wirklich wunder gedacht, was für ein Kerl ich bin; aber mich dahinein zu denken, dazu habe ich mir die Zeit gar nicht genommen; das habe ich gar nicht für nötig gehalten!«

»Ja, so ist es. Ich fragte Sie nach Nebensachen, und Sie besannen sich nicht einmal auf solche; jetzt aber stellt es sich heraus, daß dieses scheinbar Nebensächliche und Unwichtige gerade die Hauptsache ist!«

»So meinen Sie wirklich, daß der Sendador der Schwiegervater dieses Schwiegersohnes ist?«

»Ja. Es steht bei mir als Gewißheit da.«

»Man hat doch nie gehört, daß er eine Tochter hat!«

»Wer spricht von Töchtern und Mädchen! Und nun erklärt es sich sehr leicht, daß der Weiße, welcher sich heute bei den Mbocovis befindet, von diesen nur El Yerno genannt wird. Der Sendador ist für sie der wichtigste Mann, den sie kennen; darum bezeichnen sie andere nach dem Verhältnisse, in welchem sie zu diesem stehen. Er hat, wenn er von seinem Schwiegersohn mit ihnen sprach, diesen jedenfalls stets nur ›mein Yerno‹ genannt, und nun bezeichnen sie denselben eben ausschließlich nur mit diesem Worte.«

»Es leuchtet mir immer mehr ein, daß Sie recht haben!«

»Und mir leuchtet immer mehr ein, daß ich ganz richtig sprach, als ich sagte, daß noch nicht alles verloren sei. Die Mbocovis wollen die Tobas überfallen, um den alten Desierto zu bekommen; wir aber drehen den Spieß um, indem wir sie überrumpeln, um den Sendador zu fangen!«

»Und nun wollen wir laufen, daß wir vorwärts kommen!«

»Ja. Ich war teufelsmäßig müde; jetzt aber spüre ich nichts mehr davon. Mit Anbruch des Tages müssen wir an der Laguna de Carapa sein.«

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