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Der Schatz der Inkas

Karl May: Der Schatz der Inkas - Kapitel 27
Quellenangabe
pfad/may/sendado2/sendado2.xml
typefiction
authorKarl May
titleLopez Jordan
publisherDeutscher Hausschatz in Wort und Bild
booktitleEl Sendador
firstpub 1890/1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.karl-may-gesellschaft.de
created20090708
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26. Fortsetzung

»Gibt es denn gar keine Möglichkeit, sie zu finden, falls sie noch leben?« fragte Pena.

»Eine einzige. Wir müssen wieder dorthin, von wo wir dem Sendador entwichen sind. Da er mich nicht mehr hat, wird er nun die Gefährten aufsuchen – falls er sie eben nicht schon ermorden ließ.«

»So schlafen wir jetzt einige Stunden und machen uns dann auf die Wanderung!«

Das geschah. Der Körper verlangte Ruhe, aber die Sorge raubte sie ihm. Schon um Mitternacht brachen wir wieder auf. Als es hell geworden war, sahen wir, daß auch unsere gestrigen Spuren vollständig verwaschen waren.

»Das ist sehr gut,« sagte Pena, »denn da hat der Sendador nicht erfahren, wohin wir sind.«

»Nein, das ist nicht gut,« entgegnete ich, »denn da werden wir auch nicht sehen, wohin er sich gewendet hat. Seine Spuren sind ebenso verwischt wie die unserigen.«

»Aber er ist doch später aufgebrochen. Ich holte Sie noch lange vor Mitternacht ein, während er erst am Morgen hat suchen können.«

»Es hat bis Mittag mit nur einer kurzen Unterbrechung geregnet. Da ist kein Fußeindruck mehr zu finden.«

Es zeigte sich, daß meine Vermutung die richtige war. Als wir uns der Gegend näherten, in welcher ich als Gefangener bei den Indianern gesessen hatte, mußten wir uns außerordentlich in acht nehmen, weil der Sendador sich ja hier befinden konnte. Wir drangen nur unter Anwendung aller Westmannsfinessen vor, was uns viel Zeit kostete, und als wir endlich an der Stelle anlangten, wo die Indianer gelagert hatten, fanden wir sogar das niedergedrückte Moos und Gras wieder aufgerichtet. Nach langem Suchen entdeckten wir den Ort, an welchem die Pferde angebunden gewesen waren. Wir erkannten das an den vielen abgefressenen Zweigen.

Wir begannen nun auch hier Kreise zu schlagen, fanden aber, um den Ausdruck zu gebrauchen, nicht die Spur von einer Spur. Als wir dann am Abende traurig und bis zum Tode ermüdet bei einander lagen, fragte Pena:

»Was nun? Ich bin am Rande meiner Klugheit angelangt.«

»Ich ebenso.«

»Aber wir können doch nicht bis an unser sanftseliges Ende hier sitzen bleiben!«

»Das beabsichtige ich keineswegs. Wir schlafen uns aus und suchen morgen früh noch einmal. Vielleicht entdecken wir doch einen kleinen, wenn auch noch so winzigen Anhalt.«

»Ich habe alle Hoffnung schon längst aufgegeben. Unsere Gefährten sind tot. Bedenken Sie den Haß, den der Sendador auf Gomarra hatte!«

»Zeigen Sie mir ihre Leichname. So lange ich diese nicht sehe, bin ich von ihrem Tode noch nicht überzeugt. Der Sendador war ein Freund der Yerbateros. Warum soll er sie ermorden? Warum den Bruder, den Kapitän und den Steuermann? Vielleicht hat er Gomarra ausgelöscht. Hätte er aber den Befehl gegeben, auch den andern das Leben zu nehmen, so wäre er kein Bösewicht mehr, sondern geradezu ein Teufel.«

»Das ist er auch. Ich bin des Suchens müde und möchte am liebsten heim.«

»Ohne den Tod unserer Genossen gerächt zu haben?«

»Wir wissen doch nicht, wo der Sendador ist! Wir haben seine Spur verloren!«

»Das ist richtig; aber wir werden sie wiederfinden auf dem Wege nach der Pampa de Salinas.«

»Sie glauben, daß er dorthin geht?«

»Ganz gewiß tut er das.«

»Es hat doch keinen Zweck mehr, da Sie ihm entwischt sind, und er nun niemand hat, der ihm seine Geheimnisse entziffern kann.«

»Aber ich kenne den Ort, an welchem er die Flasche vergraben hat, ziemlich genau. Das weiß er, und so muß er annehmen, daß ich nun hingehen werde, um sie mir zu holen. Meinen Sie nicht, daß dies eine hinreichende Veranlassung für ihn ist, möglichst schnell nach der Pampa zu gehen, um mir vorzukommen?«

»Kann mir eigentlich gleich sein. Ich möchte heim, um meine Sachen zu ordnen und dann nach der Estanzia del Yerbatero zu gehen, wo ich meine Nichte finde.«

»Und vorher brannten Sie förmlich vor Haß und Rache gegen den Sendador! Wo bleibt da die Konsequenz. Nur fort von hier, bis dahin, wo wir Menschen finden. Vielleicht erfahren wir da etwas, was uns nützlich ist. Wir nehmen die Richtung nach den Anden und halten unterwegs die Augen offen. Ich zweifle nicht daran, daß uns der Himmel einen Fingerzeig gibt, der uns auf den richtigen Weg leitet!«

Fünftes Kapitel.

Ein Cascarillero.

Zwei Tage waren seit unserem Aufbruche nach der unheilvollen Katastrophe vergangen; der dritte Tag hatte begonnen, und wir zwei einsamen Menschen marschierten wortlos in der Richtung, für welche wir uns entschlossen hatten, durch die Einsamkeit.

Noch nie im Leben war ich so mißmutig gewesen, wie jetzt, und das gewiß nicht ohne Grund. Bisher stets beritten gewesen, mußte ich mich nun auf meine steif gewordenen Beine verlassen. Die Kameraden waren verloren, und ich war so ziemlich von allem entblößt, was für einen Weg durch die Wildnis nötig ist. Zwar hatte ich meine Waffen gerettet; aber die Munition war mit dem Pferde und mit den Satteltaschen verloren gegangen. Ein Glück nur, daß sich noch eine Anzahl Patronen im Gürtel befanden! Die Mehrzahl derselben, etwa drei Dutzend, war für die Revolver, eine Waffe, welche ich zum Schießen von Wildbret, von dem wir leben mußten, nicht benützen konnte. Auch Pena hatte nur einige Kugeln in dem Beutel und wenig Pulver im Horne.

Wir wanderten durch eine der wildesten Partien des Gran Chaco. Der zur argentinischen Konföderation gehörige Teil desselben leidet allerdings unter dem Regenmangel der subtropischen Zone, doch überschwemmen während und nach der Regenzeit die Flüsse weite Strecken des Landes, und da entwickelt sich eine unvergleichliche Vegetationsfülle. Die Flüsse senden weite Buchten aus, welche den Bayous Nordamerikas oder den Maijehh des oberen Niles zu vergleichen sind. In ihrer Nähe und in derjenigen der Flüsse gibt es Waldungen, welche kaum zu durchdringen sind. Der spanisch sprechende Einwohner nennt sie Monte impenetrabile, undurchdringliche Wälder. Es gibt da nicht nur Bäume, sondern auch meilenweite Dickichte von stacheligen Mimosen und Leguminosen, die nur wenige natürliche Öffnungen frei lassen, welche von den Indianern als Pfade und Wege zu ihren Raub- und Handelszügen benützt werden. Dann kommen dazwischen weite Grasfluren oder unbewässerte, öde Strecken, auf denen man nur selten einen Kaktus oder eine Salzpflanze zu sehen bekommt.

Es gibt ausgedehnte Flächen, welche man mit der arabischen Wüste vergleichen möchte. Man nennt sie Travesias. Der stetig wehende Südwind häuft den Sand zu Hügeln, Medanos genannt, auf; daher fallen sie an der Nordseite steil ab; ihre Umrisse verändern sich beständig, da der Sand an der südlichen Seite aufsteigt und auf der nördlichen herunterfällt. Sie wandern also von Süd nach Nord.

Auch gibt es Stellen, welche wegen ihres Triebsandes höchst gefährlich sind. Als Adolf von Wrede im Jahre 1843 sich auf seiner denkwürdigen Entdeckungsreise in Hadhramaut befand, kam er am Bahr es Ssafy in der Wüste el Ahgaf an eine Stelle, deren Sand er, als er ihn faßte, beinahe unfühlbar fand. Es war ein bis oben an den Rand gefüllter Felsenkessel, und dieser Sand war so fein, so leicht und widerstand so wenig, daß, als Wrede mit dem Stocke hineinstieß, es ihm vorkam, als ob er ins Wasser stoße. Er legte sich vorsichtig auf den Rand des Felsens und band ein Gewicht an eine lange Schnur. Als er dasselbe in den Sand warf, sank es unter und zog ihm die Schnur aus der Hand. Keiner seiner arabischen Begleiter hatte sich wie er bis an dieses alles verschlingende Grab gewagt. Humboldt zweifelte an der Wahrheit dieser Schilderung, und Leopold von Buch nannte Wrede geradezu einen Lügner, Karl Ritter aber und der berühmte Arabist Fresnel retteten seine Ehre.

Die Araber hatten dem Reisenden erzählt, daß diese Gegend Bahr es Ssafy genannt werde, weil einst ein König namens Ssafy, welcher vom Beled es Ssaba Wadian mit einem großen Heere kam, um in Hadhramaut einzufallen, den größten Teil seiner Truppen an der erwähnten Stelle verloren habe. Wrede war und blieb lange Zeit ein Märtyrer des Zweifels großer Geographen, welche seine wahren Berichte vom Studiertische aus rezensierten. Und doch wissen nicht nur die Bewohner des Hadhramaut, sondern auch die Leute des südlichen Mendoza in Argentinien und die Indianer des Gran Chaco, daß es Gegenden gibt, welche mit tiefen, unergründlichen Triebsandmassen angefüllt sind, in denen Menschen und Tiere wie im Wasser versinken. Solche Stellen werden dort Quadales genannt.

Am Vormittage des dritten Tages kamen wir über eine grasreiche Pampa, welche sich endlos vor uns auszudehnen schien und ganz einer nördlichen Prärie glich, nur daß es eine andere Art des Grases und nicht das mir so bekannte Büffelgras war, durch welches wir bis an den Leib waten mußten. Seine langen Halme waren schmal und leicht; man fühlte sie kaum, und doch ermüdeten sie uns ganz ungewöhnlich. Man dachte dabei unwillkürlich an den Schnee, welcher, so leicht er ist, zu Wehen aufgehäuft, der Kraft einer Lokomotive zu widerstehen vermag.

Pena hatte sein Gewehr geschultert und schritt bahnbrechend voran. Aber als wir schon über eine Stunde lang durch dieses Grasmeer mehr geschwommen als gegangen waren, blieb er stehen, holte tief aufseufzend Atem und sagte:

»Jetzt steigen nun Sie einmal voran, Sennor! Noch eine einzige Stunde so, dann falle ich um. Da lobe ich mir doch die Prärien droben im Norden. Und ich möchte wetten, daß es, wenn wir diese Savanne hinter uns haben, noch viel schlimmer wird. Entweder läuft sie in eine Wüste aus oder in ein stacheliges Mimosenfeld.«

»Das glaube ich nicht,« antwortete ich, indem ich vorwärts deutete. »Sehen Sie den dunklen Strich ganz draußen am Horizonte? Das ist kein Mimosengebüsch, welches wir wegen seiner geringen Höhe auf eine so weite Entfernung gar nicht sehen könnten, sondern das ist Wald, hoher Wald.«

Er legte die Hand über die Augen, um von der Sonne nicht geblendet zu werden, blickte nach der angedeuteten Richtung und stimmte bei:

»Sie haben recht. Gott sei Dank; es ist Wald. Hoffentlich gibt es da ein Wildpret! Ich habe Hunger. Gestern gab es nur ein armseliges Meerschweinchen für den ganzen langen Tag. Das ist für zwei so gesunde und kräftige Männer, wie wir sind, zu wenig. Haben Sie nicht auch das Gefühl eines gewissen Nichts in der Gegend Ihres Magens?«

»Und ob! Ich bin im Stande und schieße mir einen Papagei, wenn ich nichts anderes finde.«

»Brrr! Das lassen Sie! Ich weiß sehr genau, wie diese Art von Fleisch schmeckt.«

»Ich bitte um die Beschreibung!«

»Das weichste Stück, die Brust, gleicht dem Sohlenleder; die Schenkelstücke sind trocken und zähe wie ein alter, lederner Kofferüberzug, und an den Flügelblättern müssen Sie ganz genau so kauen, als wenn Sie ein Stück Rhinozeroshaut verspeisen.«

»Dann werde ich mir freilich etwas Besseres wünschen, und wenn es auch nur ein armer Pampashase wäre.«

»Den gibt es hier äußerst selten. Machen Sie vorwärts, daß wir den Wald erreichen!«

Wir stampften weiter, wohl drei Viertelstunden lang, dann zeigte es sich, daß der dunkle Strich, den wir am Horizonte gesehen hatten, wirklich Wald war. Nach kurzer Zeit konnten wir schon die einzelnen Baumarten, Ceibo, Channar, Algaroben und andere unterscheiden. Sonderbarer Weise traten diese Bäume sofort als geschlossener Wald auf, ohne vorher durch Büsche eingeleitet zu werden. Als wir uns seinem Rande bis auf ungefähr hundert Schritte genähert hatten, blieb ich überrascht stehen, denn ich erblickte vor mir den Beweis, daß es hier Menschen, und zwar viele, gegeben hatte.

»Was gibt's?« fragte Pena. »Warum stutzen Sie so?«

»Sehen Sie nicht den Strich, der sich längs des Waldrandes quer über unsere Richtung durch das Gras zieht?«

Er hatte diese Fährte noch gar nicht bemerkt, richtete den Blick auf dieselbe und meinte dann:

»Schade, daß sie schon vorüber sind und nicht eben jetzt erst kommen!«

»Wer?«

»Nun, die Hirsche. Natürlich ist's ein Rudel Hirsche gewesen. Das hätte einen Braten gegeben!«

Er schnalzte mit der Zunge; ich aber antwortete ihm:

»Wenn das eine Rotwildspur ist, so mögen Sie mich, besonders da Sie so hungrig sind, sofort mit Haut und Haar verspeisen.«

»Wer soll es denn gewesen sein, wenn nicht Hirsche?«

»Menschen, und zwar viele.«

»Schwerlich, denn in diesem Falle würde die Fährte breiter sein. Und Sie haben die Spur ja noch gar nicht in der Nähe beachtet!«

»Für eine so allgemeine Bestimmung, ob sie von Menschen oder Hirschen gemacht würde, ist eine genaue Besichtigung gar nicht notwendig. Hirsche haben kleine Hufe, mit denen sie nur leicht auftreten; sie stampfen das Gras nicht nieder, so daß es am Boden liegen bleibt.«

»Meinen Sie, daß Menschen stampfen?«

»Nein. Aber wenn ihrer viele hinter einander gehen, so vollbringt der Hintermann, was der Vordermann unterlassen hat: Es wird eine fest ausgetretene Fährte fertig. Kommen Sie!«

Wir kamen an die Spur, und noch hatte ich mich nicht niedergebückt, um dieselbe zu betrachten, als Pena ausrief:

»Wahrhaftig, Sie haben recht; es waren Menschen. Das ist ein Glück für uns, denn – –«

»Schreien Sie nicht so!« unterbrach ich ihn. »Noch wissen wir nicht, ob wir uns dieser völlig unbekannten Leute freuen dürfen.«

»Meinen Sie?« fragte er, nun leiser sprechend. »Wollen doch sehen!«

Er prüfte die Fährte ebenso wie ich und sagte dann:

»Ja, es sind nicht nur zwei oder drei, es sind jedenfalls wenigstens zehn Personen gewesen.«

»Sagen Sie zwanzig, dreißig, vierzig. Ja, ich behaupte, daß hier wohl an die fünfzig Personen gegangen sind und daß sie vor ungefähr zwei Stunden da vorüber kamen.«

»Alle Wetter! Woher wollen Sie das wissen?«

»Warten Sie noch! Es fragt sich besonders, von welcher Farbe diese Leute waren. Warten Sie, ich kann es ganz genau bestimmen!«

»Unmöglich!«

»Es ist nicht unmöglich, sondern im Gegenteile sehr leicht.«

Ich ging eine kleine Strecke auf der Fährte fort, hob einige abgerissene Halme auf, welche festgetreten worden waren, kehrte zurück, um sie ihm zu zeigen und sagte:

»Da lagen auf einer Strecke von kaum dreißig Schritten diese Halme; sie sagen mir alles, was ich wissen muß. Wenn diese Spur jünger und nicht bereits zwei Stunden alt wäre, so würde ich Sie ersuchen, sich mit mir zu bücken, damit wir nicht gesehen werden können. Wir haben es nämlich mit Indianern zu tun.«

»Und das haben Ihnen diese Grashalme gesagt?«

»Ja. Sie wissen doch, welcher Umstand hinsichtlich der Fußbekleidung zwischen Cascarilleros (Rindensuchern) und den Indianern des Gran Chaco besteht?«

»Natürlich! Die letzteren gehen barfuß, die ersteren aber nie.«

»Nun, die Leute, welche hier vorüberkamen, waren barfuß, denn den Voranschreitenden sind diese Halme zwischen die Zehen gekommen und abgerissen worden.«

»Ah! Das ist möglich. Aber können diese Halme nicht auch durch Stiefel oder Schuhe oder auf eine andere Weise abgerissen worden sein?«

»Diese hier nicht. Reißen Sie einen Halm ab, oder er mag an Ihrem Fuße, an Ihrem Beine hängen bleiben und ab- oder ausgerissen werden, so bleibt er gerade, glatt und unverletzt, so wie dieser hier.«

Ich riß einen langen Halm ab und zeigte ihm denselben.

»Hier ziehe ich nun den Halm, den ich Ihnen soeben zeigte, zwischen zwei Fingern hindurch, indem ich ihn mit denselben ziemlich fest drücke. Was ist die Folge? Sehen Sie ihn jetzt an!«

»Er bekommt Bruch an Bruch und wird rund; er bleibt nicht mehr gerade, sondern er biegt sich krumm.«

»Ganz richtig! Das ist die Folge davon, daß er sich zwischen meinen Fingern befunden hat. Ganz dasselbe wird stattfinden, wenn ein Halm zwischen zwei Zehen gerät. Indem der Fuß sich vorwärts bewegt, wird der Halm durch die Zehen gezogen und abgerissen; er wird, wie der technische Ausdruck heißt, gerippelt und zieht sich krumm. Sämtliche Halme, welche ich aufgelesen habe, waren gerippelt; sie haben sich also zwischen den Zehen der Leute befunden, welche hier gegangen sind. Diese Leute waren also barfuß, folglich Indianer.«

»Hm!« meinte er. »Darauf wäre ich nicht gekommen. Sie haben aber jedenfalls recht.«

»Gewiß; wenigstens bin ich überzeugt davon.«

»Woraus schließen Sie aber, daß es so viele Personen gewesen sind?«

»Aus der Festigkeit, welche die Fährte noch jetzt besitzt. Zehn und auch zwanzig Personen. welche hinter einander gehen, treten das Gras nicht in der Weise nieder, daß es lang liegen bleibend, förmlich in die Erde gedrückt wird, zumal diese Leute barfuß sind.«

»Möglich! Aber wie kommen Sie auf die Zeit von zwei Stunden?«

»Das sagt mir der Grad, in welchem diese Halme welk geworden sind. Freilich, auf die Minuten läßt sich diese Zeit nicht bestimmen; aber ich bin überzeugt, daß meine Schätzung, überhaupt meine Ansicht die richtige ist.«

»Ich muß Ihnen beistimmen. Also Indianer waren es, und zwar fünfzig ungefähr! Nun fragt es sich, in welcher Absicht sie hierher kamen.«

»In kriegerischer. Händler waren es nicht, weil die Fährte beweist, daß die Indianer keine Waren bei sich gehabt haben, denn in diesem Falle wäre die Spur unregelmäßiger und auch breiter ausgetreten. Die Leute haben keine Lasten getragen, auch keine Tiere bei sich gehabt; sie sind frei und ledig gegangen, nur höchstens mit den Waffen in den Händen.«

»Und was tun wir jetzt. Haben wir diese Indianer zu beachten oder nicht?«

»Natürlich haben wir uns sehr um sie zu bekümmern. Es kann uns nicht gleichgültig sein, wenn sich ein Zug von räuberischen Wilden mit uns in derselben Gegend befindet. Wir müssen gewärtig sein, daß wir ganz unvermutet auf diese Leute treffen.«

»Das wohl nicht. Sie gehen gerade nach West, wir aber nordwestlich.«

»Ja, hier an dieser Stelle führt die Fährte nach West; aber Sie wissen ebenso gut wie ich, daß man, besonders hier im Chaco, nicht stets eine schnurgerade Linie einhalten kann. Die Roten kennen ihren Weg gewiß sehr genau; sie werden alle Hindernisse vermeiden und umgehen, müssen also oft von der ursprünglichen Richtung abweichen. Haben sie sich weiter von hier mehr rechts gewendet, und wir gehen geradeaus fort, so müssen wir mit ihnen zusammentreffen, was ich natürlich vermeiden möchte. Ich will lieber zwanzig mit Schießgewehren und Tomahawks bewaffneten Sioux als einem einzigen hiesigen feindlichen Roten, der mich mit einem vergifteten Pfeile leichter und schneller unschädlich macht als diese zwanzig mit ihren ehrlichen Waffen. Übrigens muß ich unbedingt wissen, was und wohin diese Leute wollen. Bevor ich das nicht erfahren habe, kann ich mich nicht sicher fühlen. Wir müssen ihnen nach.«

»Dann adieu Hirschbraten und Ausruhen! Nur der Hunger bleibt!«

»Es geht mir nicht besser als Ihnen. Bedenken Sie, daß wir einen ausgetretenen Pfad vor uns haben; das Gehen wird uns nicht so ermüden wie bisher.«

»Das ist aber auch das einzige Gute von der ganzen Sache!« brummte er mißmutig.

»Seien Sie doch nicht so niedergeschlagen. Wenn wir gar den Mut und die Lebenslust verlieren, so ist's aus mit uns.«

»Sie haben schon recht, daß Sie mich schelten. Ich bin von dem, was geschehen ist, so deprimiert wie noch nie im Leben. Es ist, als ob der Satan sein Spiel gehabt habe. Wer soll da noch das alte Vertrauen und die frühere Freudigkeit besitzen?«

»Wir beide natürlich! Denken Sie etwa, daß das Schicksal, dem unsere Freunde verfallen sind, mir gleichgültiger ist als Ihnen? Ich bin länger mit ihnen beisammen gewesen als Sie, und so versteht es sich wohl ganz von selbst, daß die Katastrophe mir ebenso zu Herzen geht, wie Ihnen. Aber das Herz ist etwas anderes als der Kopf. Mag mein Herz mit einem noch so großen Leide beschäftigt sein, sobald es notwendig ist, daß der Kopf in seine Rechte tritt, so muß das erstere einstweilen schweigen. Und unsere Köpfe brauchen wir hier, wenn es überhaupt unsere Absicht ist, sie zu behalten und die Gefährten zu retten.«

Wir waren, während wir zusammen sprachen, der Fährte mit raschen Schritten gefolgt, ich voran und er hinterdrein. Jetzt faßte er mich hinten, hielt mich fest und sagte:

»Bleiben Sie doch einmal stehen und sagen Sie die letzten Worte noch einmal! Ich muß vollständig falsch gehört haben. Wie meinten Sie? Sie geben sie nicht verloren?«

»Ja, so sagte ich.«

Er blickte mich mit einem ganz unbeschreiblichen Erstaunen an und fragte dann:

»So ist es bei Ihnen hier in dieser Gegend nicht richtig! Ich habe Sie für einen geistig gesunden und zuverlässigen Mann gehalten. Aber Sennor, was denken Sie denn eigentlich?«

»Ich denke, daß man den Totenschein eines Menschen nicht eher unterzeichnen darf, als bis man seine Leiche gesehen hat, und selbst dann muß man sich genau überzeugen, ob es auch wirklich die seinige ist.«

»Aber, es versteht sich doch ganz von selbst, daß sie tot sind! Ich glaubte, Sie möchten am liebsten wieder umkehren, um noch länger und eifriger nachzuforschen, als es bisher schon geschehen ist.«

»Und wenn ich das nun wirklich beabsichtigte?«

»So gehen Sie zurück! Machen Sie, was Sie wollen! Ich halte Sie nicht. Ich aber begleite Sie auf keinen Fall; darauf können Sie sich verlassen!«

»Nun, einstweilen folgen wir dieser Fährte. Kommt Zeit, kommt Rat!«

»Aber in dieser Angelegenheit nicht! Die ist vollständig vorüber und abgeschlossen. Sprechen wir nicht mehr davon!«

Ich hütete mich, ein weiteres Wort zu sagen, und nahm den unterbrochenen Weg wieder auf. Er führte uns eine Viertelstunde lang immer am Wald hin und bog dann scharf in denselben ein. Es gab da eine Lichtung, einen breiten Streifen, welcher frei von Bäumen den Wald durchschnitt.

»Sie haben vorhin recht gehabt,« sagte Pena. »Die Roten kennen ihren Weg sehr genau. Man sieht, daß ihnen diese Waldblöße nicht ganz unbekannt gewesen ist, da sie sich so direkt nach derselben gewendet haben.«

»Das ist nur das Eine; das Andere aber ist, daß sie sich nun auf derselben Richtung befinden, welche auch die unserige ist. Hätten wir diese vorhin verfolgt, ohne der Spur nachzugehen, so wäre es uns vielleicht schwer geworden, uns durch den dichten Wald zu arbeiten. Und höchst wahrscheinlich hätte es dann ein Zusammentreffen mit den Roten gegeben, welches für uns verhängnisvoll werden mußte, weil wir nicht auf dasselbe vorbereitet waren.«

Nach kurzer Zeit traten die Bäume näher zusammen, so daß die Blöße schmaler wurde. Die Fährte führte rechts, nahe an den Bäumen hin. Ein plötzliches, ängstliches und feines Kreischen von links her ließ mich stehen bleiben. Ein Eichhörnchen kam in höchster Eile über die schmale Lichtung gesprungen, gejagt von zwei Tieren, welche im Eifer der Verfolgung ebenso wenig wie der kleine Flüchtling auf uns achteten. Als das Eichhörnchen den diesseitigen Wald erreichte, lief es am Stamme des nächsten Baumes empor, und seine Feinde folgten ihm.

»Zwei Soncho Monas!« rief Pena. »Das gibt einen guten Braten!«

Er nahm sein Gewehr schußfertig in die Hand und ich tat dasselbe. Soncho Mona nennt der Bewohner des Gran Chaco den Rüsselbären, auch Coati genannt. Das Tier liefert nicht nur einen sehr gesuchten Pelz, sondern auch ein außerordentlich zartes und wohlschmeckendes Fleisch.

Das Eichhörnchen hatte einen weit hinausragenden Ast erreicht, flüchtete nach der Spitze desselben und tat von dort aus einen kühnen Sprung nach einem niedriger liegenden Aste des nächsten Baumes, indem es sich dabei des Schwanzes als Steuer bediente. Die Coatis langten auf dem Aste an, auf welchem sich das Hörnchen einen Augenblick vorher befunden hatte, wagten aber nicht denselben Sprung zu tun, und blickten dem entkommenen Tierchen enttäuscht nach.

»Sie den hinteren und ich den vorderen!« sagte Pena.

Ich nickte. Die Schüsse krachten. Das eine Coati stürzte sofort herab; das andere suchte sich anzukrallen, konnte sich aber nicht halten, da es auch ins Leben getroffen war, und folgte dem ersteren nach. Als wir zur Stelle kamen, wo beide lagen, bewegten sie sich schon nicht mehr. Die Tiere haben ein fast so zähes Leben wie der Fuchs, dessen Größe sie auch besitzen; die Kugeln hatten also die richtigen Stellung getroffen.

»Na, da gibt's ja zu essen,« meinte Pena vergnügt. »Und was für ein Fleisch! Nun wollen wir freilich von dem Papagei nicht wieder sprechen! Nehmen Sie das Ihrige, und dann wieder weiter!«

Jeder nahm seine Beute auf, und dann wurde der Weg fortgesetzt. Nach einiger Zeit traten die Bäume weiter und weiter aus einander, und wir kamen wieder auf eine so hochgrasige Savanne, wie die vorige gewesen war. Der Wald hatte nur in einem langen, schmalen Streifen bestanden.

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