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Der Schatz der Inkas

Karl May: Der Schatz der Inkas - Kapitel 25
Quellenangabe
pfad/may/sendado2/sendado2.xml
typefiction
authorKarl May
titleLopez Jordan
publisherDeutscher Hausschatz in Wort und Bild
booktitleEl Sendador
firstpub 1890/1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.karl-may-gesellschaft.de
created20090708
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24. Fortsetzung

»Ganz richtig! Aber wo im Gran Chaco ein Indianer ist, sind ganz gewiß noch mehr in der Nähe. Oder meinen Sie, daß ein Roter sein Messer, welches er so notwendig braucht, verschenkt, wenn nicht Genossen von ihm nahe sind, von denen er wieder eins bekommen kann? Auch gibt ein Indianer kein Messer her, ohne etwas anderes dafür zu erhalten. Der Sendador hatte nichts bei sich, folglich hat er ihm etwas versprochen. Und was kann er ihm versprochen haben? Doch wohl nur die Beute, die bei uns zu machen ist!«

»Sie denken das Schlimmste!« entgegnete Frater Hilario.

»Das ist hier besser als das Beste denken und dann das Schlimmste erleben,« antwortete Pena. »Wenn der Sendador hier rote Freunde findet, so hat er es nicht nötig, sich schutzlos in unsere Hand zu geben. Wir haben dann nicht nur nichts vor ihm voraus, sondern er ist uns vielleicht sogar überlegen. Auf diesem Papiere fordert er uns auf, zwei Tagereisen weit nach Westen zu reiten. Wie nun aber, wenn diese roten Freunde sich eben zwei Tagereisen von hier befinden?«

»Meinen Sie, daß der Mann, dessen Spur wir hier sehen, sich ganz allein so weit von den Seinen entfernt?«

»Warum soll das nicht möglich sein? Wer weiß, was er vorgehabt hat. Nur auf diese Weise ist es erklärlich, daß der Sendador uns so weit hinter sich herziehen will. Oder haben Sie vielleicht eine andere Erklärung?«

»Ja.«

»Dann bin ich neugierig, sie zu hören!«

»Sie ist sehr einfach. Der Sendador weiß, daß uns viel daran liegt, mit ihm nach der Pampa de Salinas zu gehen. Wir sind ihm also nicht gefährlich, wenigstens so lange nicht, bis wir dort unseren Zweck erreicht haben. Anders aber ist es mit den Männern, die er nach der Insel gelockt hat. Diese haben nicht das mindeste Interesse daran, daß er leben bleibe; sie können nur wünschen und beabsichtigen, sich an ihm zu rächen. Darum muß er bemüht sein, so weit wie möglich von ihnen fortzukommen. Bis dahin, wo wir den Zettel fanden, könnten diese zwanzig Männer uns begleitet haben, um ihn dort zu fassen; aber weiter gehen sie auf keinen Fall mit, da sie ihre Weiber und Kinder unmöglich so lange Zeit in der gefährlichen Wildnis allein lassen können. Darum hat der Sendador uns gar nicht erwartet; er ist gegangen, und zwar je weiter, desto besser. Wir folgen ihm zwei Tagereisen weit, die zwanzig aber sicher nicht. Dies ist der einzige Grund, daß er heute unser Kommen nicht abgewartet hat.«

»Hm! Ich glaube nicht daran. Was meinen Sie dazu, Sennor?« fragte mich Pena.

»Ich gebe weder dem einen noch dem andern recht,« antwortete ich. »Beide belegen ihre Ansicht mit Gründen, welche triftig sind. Die Folge allein kann zeigen, wer recht hat. Der Sendador weiß nur allzu gut, daß wir seine Feinde sind und daß es einen oder einige unter uns gibt, von denen er keine Gnade zu erwarten hat; es ist also sehr leicht möglich, daß er uns eine Falle legt. Wir müssen vorsichtig sein.«

»Und zwar sehr! Sie sehen also wohl ein, daß es unrecht war, ihn entkommen zu lassen. Wir befinden uns unbedingt in Gefahr, was nicht der Fall wäre, wenn wir ihn noch bei uns hätten. Was also tun? Wir wollen und müssen ihn haben und sind also gezwungen, seiner Aufforderung Folge zu leisten.«

»Ja, das werden wir. Reiten wir zurück. Wir haben hier nichts mehr zu tun.«

Die Sonne war verschwunden, und es dämmerte stark. Wir jagten über die Pampa hin, ohne zu befürchten, daß wir die Spur verlieren und uns verirren könnten. Wenn wir sie nicht mehr sahen, so durften wir uns auf die Pferde verlassen, welche gewiß nicht von der Richtung wichen, wenn wir sie nicht dazu zwangen. Dieses Vertrauen wurde auch nicht zu Schanden. Wir erreichten das Flußbett genau an der Stelle, an welcher wir es verlassen hatten. Die einzige Schwierigkeit bestand darin, in der Dunkelheit die steile Böschung hinab zu kommen; dann, als diese überwunden war, ging es wieder aufwärts, bis wir die Gefährten erreichten.

Diese hatten nicht gewagt, ein Feuer anzubrennen; als sie aber hörten, daß wenigstens für heute keine Veranlassung zu allzu großer Vorsicht sei, wurde eine Flamme angefacht und, während wir schliefen, von der ausgestellten Wache unterhalten. Die Pferde waren an die Büsche gebunden, von denen sie fressen konnten, bis wir am Morgen aufbrachen.

Die Spur des Sendador war so kräftig eingetreten, daß wir sie noch deutlich sahen, als der Tag angebrochen war. Wir folgten ihr mit möglichster Schnelligkeit, um ihn vielleicht noch vor der bestimmten Zeit einzuholen, was wir aber, wie sich bald zeigte, aufgeben mußten.

Wir hatten sieben Stunden gelagert; diese Zeit war für uns verloren, denn es stellte sich heraus, daß der Sendador die ganze Nacht hindurch gegangen war. Wir kamen ihm zwar leidlich nahe, denn als der Tag sich wieder zur Rüste neigte, schätzte ich seine Fährte auf nur drei Stunden alt; aber wir mußten nun wieder halten, da wir in der Dunkelheit die Spur nicht sehen konnten.

Es war zwar zu erwarten, daß er sich nun auch ausruhen müsse; aber in der Lage, in welcher er sich befand, genügten einige Stunden Schlafes, ihm die Kräfte für den Weitermarsch zu geben, während wir wieder wenigstens sieben Stunden warten mußten, bis wir den Weg fortsetzen konnten.

Wir hatten, seit das Flußbett von uns verlassen worden war, meist offene Pampas zu durchreiten gehabt; am nächsten Tage gab es Urwald, aber nicht den undurchdringlichen Urwald des Monte impenetrabile, sondern lichten, gut passierbaren Wald, dessen Stämme weit aus einander standen. Er glich einem Grasgarten, welcher zum Schutze gegen die Sonnenhitze mit unregelmäßig stehenden Bäumen bepflanzt ist. Hier und da gab es eine Lichtung, welche aber niemals von bedeutender Größe war.

Das mußte uns lieb sein. Wir hatten das Zusammentreffen mit dem Sendador zu erwarten und mußten vermeiden, uns in eine Lage zu begeben, in welcher er vielleicht mit Helfershelfern plötzlich und unerwartet über uns kommen konnte.

Darum blieb ich bedenklich halten, als wir gegen Abend wieder über eine dieser Lichtungen kamen und vor uns einen nicht so lichten, sondern geschlossenen Wald erblickten. Die Blöße war mit Gras bewachsen, aus welchem sich hier und dort ein einzelner Strauch erhob, und besaß einen Durchmesser von vielleicht dem vierten Teile einer Wegstunde.

Ich zog mein Fernrohr aus der Satteltasche und richtete es nach dem Walde, hinter welchem die Sonne verschwunden war. Ich sah Unterholz zwischen den Bäumen. Das gab keinen sichern Aufenthalt. Darum stieg ich vom Pferde und sagte, daß ich entschlossen sei, hier auf dieser Lichtung zu kampieren.

»Aber warum denn hier?« fragte Pena. »Die Spur führt ja weiter, und wir müssen ihr folgen, wenn wir den Sendador treffen wollen!«

»Nein, wir müssen nicht weiter,« antwortete ich. »Die zweite Tagereise ist zu Ende, und wir können überzeugt sein, daß er sich in der Nähe befindet. Überhaupt ist seine Fährte nicht über eine halbe Stunde alt; er steckt also ganz gewiß dort in dem Walde.«

»Was schadet das?«

»Das sagen Sie, der Sie vorher so mißtrauisch waren? Wie nun, wenn er Indianer bei sich hat, wie Sie behaupten wollten?«

»Die sehen uns ja nicht, da wir uns hüten werden, ein Feuer anzubrennen.«

»So! Der Sendador soll zu uns kommen, aber ein Feuer dürfen wir nicht brennen? Wie will er uns da finden, wenn es Nacht geworden ist? Ein Feuer ist unbedingt nötig, denn wenn wir auch noch so mißtrauisch sind, so müssen wir immerhin den Fall für möglich halten, daß er es für jetzt ehrlich meint. Wir haben uns einen Ort auszusuchen, an welchem er das Feuer sehen kann, aber keine Möglichkeit findet, uns zu überfallen. Im Walde kann er sich mit Indianern, wenn er ja welche bei sich hat, so nahe an uns schleichen, daß uns ihre vergifteten Pfeile treffen. Hier aber ist das Terrain offen, so daß wir ihn bemerken können.«

»O, er kann uns doch beschleichen, hier erst recht, wo er uns schon von weitem zu sehen vermag!«

»Nein. Wir müssen Wachen ausstellen, und diese werden hier einen etwa sich heimlich nähernden Feind leichter bemerken als im dichten Walde.«

»Ganz wie Sie wollen. Übernehmen Sie aber auch dann, wenn Sie sich geirrt haben, die Verantwortung?«

»Das werde ich, während Sie es wohl nicht verantworten könnten, wenn wir Ihrem Rate folgten.«

Seit Pena wußte, daß ich es war, welcher dem Sendador die Flucht ermöglicht hatte, erteilte er seinem Verhalten gegen mich eine gewisse Schärfe, welche ganz geeignet war, uns nach und nach zu entfremden. Die andern Gefährten gaben mir recht, und so wurde abgestiegen und ein Vorrat von dürrem Holze für das Feuer gesucht. Wir hatten im Laufe des Tages Wild genug für ein hinlängliches Abendmahl geschossen, und für die Pferde war auch gesorgt, da es nicht nur Futter für sie, sondern auch ganz nahe eine Wasserlache gab, aus welcher sie trinken konnten.

Während die Vorbereitungen zum Camp getroffen wurden, verließ ich den Platz, um mich zu überzeugen, ob die Fährte wirklich nach dem Walde und nicht etwa nach der Seite führe. Um nicht von dem Walde aus gesehen zu werden, ging ich in möglichst gebückter Haltung und suchte hinter jedem Busche, welcher sich mir bot, Deckung. Nachdem ich etwa achthundert Schritte weit gegangen war, blieb mir kein Zweifel, daß der Sendador in gerader Linie den Wald aufgesucht hatte, und ich kehrte zurück.

Das Feuer brannte schon, und die Gefährten hatten sich an das Braten des Fleisches gemacht. Als es dunkel geworden war, stellte ich vier Wachen aus, welche von Zeit zu Zeit abgelöst werden sollten. Eine kam nach vorn, eine je zur rechten und linken Hand und eine auch rückwärts vom Lager, da der Sendador uns umgehen und also auch von hinten kommen konnte. Die Leute erhielten die Weisung, sich hinter Büsche niederzulegen, damit sie nicht leicht gesehen werden könnten. Sie wurden nicht nahe an das Lager, sondern fast zweihundert Schritte entfernt von demselben postiert, erstens weil ein etwaiger Feind sie in solcher Entfernung von uns wohl nicht vermutete und zweitens weil, wenn sie Gefahr bemerkten und uns durch einen lauten Zuruf warnten, wir Zeit zur Verteidigung finden konnten, noch ehe der Feind diese Strecke zurückgelegt hatte.

Aber es schien, als ob weder der Sendador noch irgend sonst wer kommen wolle, Ich hatte mich gleich nach dem Essen hingelegt, um jetzt, wo ein Überfall am wenigsten zu erwarten war, einige Stunden zu schlafen. Um Mitternacht sollte man mich wecken.

Als man dies tat, hatte sich noch niemand sehen lassen, und Pena sagte:

»Der Sendador wird sich hüten, sich wieder sehen zu lassen! Das haben wir von Ihrer Milde, mit welcher Sie selbst einen solchen Menschen behandeln!«

»Verlassen Sie sich darauf, daß er kommt,« antwortete ich.

»So kommt er als Feind!«

»Das ist abzuwarten. Jetzt werde ich bis Tagesanbruch wachen und den vordern Posten übernehmen.«

Als ich mich entfernte, sah ich noch, daß Pena und Gomarra die Köpfe zusammensteckten, um sich leise zu unterhalten. Der letztere gefiel mir von Stunde zu Stunde immer weniger. Er hatte während der letzten beiden Tage fast kein Wort gesprochen, und dieses Schweigen, sein verbissenes Gesicht und die Blicke, welche sein Auge warf, wenn vom Sendador gesprochen wurde, ließen mein Vertrauen nicht wieder aufkommen. Ich befürchtete einen Zusammenstoß, sobald der Sendador zu uns kam.

Der Steuermann war es, den ich ablösen wollte. Als ich bei ihm ankam, sagte er:

»Ein miserables Ding, so auf dem Ausguck zu liegen, ohne daß sich ein Segel sehen laßt! Am liebsten wäre es mir, wenn einige Dutzend Rote kämen, damit ich einmal richtige Arbeit machen könnte. Aber unsereinem geschieht nie das, was man sich wünscht!«

»Malen Sie den Teufel nicht an die Wand! Die Nacht ist erst halb vorüber, und es kann noch genug geschehen, was uns nicht lieb ist.«

»Es wird weiter nichts geschehen, als daß ich mich nun schlafen lege. Gute Nacht!«

Er ging mißmutig fort, und ich nahm seine Stellung ein. Es war, als ob er recht behalten solle, denn es verging eine Stunde und dann noch eine, ohne daß sich ein lebendes Wesen hören oder sehen ließ. Hinter mir flammte der müde Feuerschein zuweilen für einen kurzen Augenblick auf, und vor mir lag die dunkle Nacht, die aber nach und nach von einem helleren Schimmer überworfen wurde, denn die dünne Sichel des zunehmenden Mondes stieg am Himmel auf.

Da war es mir, als ob vor mir sich etwas rege. Ich legte das Ohr auf die Erde und hörte ein Schleifen, wie wenn jemand langsam und leise sich durch das Gras bewegt. Dann sah ich eine gebückte Gestalt, welche sich mir näherte. Die Fährte ging dicht neben dem Strauch, hinter welchem ich lag, vorüber. Daß der Mann auf dieser Spur zu uns kam, war ein gutes Zeichen; denn wäre er in feindlicher Absicht gekommen, so hätte er sich wohl gehütet, den Weg zu betreten, welchen wir kannten.

Er kam an mich heran und ging an mir vorüber. Ich blieb liegen, um erst zu sehen, ob er allein sei. Es kam niemand hinter ihm her, und so erhob ich mich, um mich ihm zu zeigen.

Ich hatte den Sendador erkannt. Wohl gegen zwanzig Schritte folgte ich ihm, ohne daß er mich hörte. Dann trat ich lauter auf. Er fuhr herum, erblickte mich, machte eine Bewegung, als ob er davoneilen wolle, blieb aber doch stehen und fragte mit unterdrückter Stimme:

»Ein Mensch hinter mir! Wer sind Sie?«

Ich trat nahe an ihn heran und antwortete:

»Sehen Sie genauer her, Sennor Sabuco! Erkennen Sie mich?«

»Ja,« antwortete er jetzt. »Sie sind es! Aber wie kommen Sie hinter mich?«

»Ich stand Posten oder vielmehr ich lag Posten und ließ Sie, als ich Sie kommen sah, an mir vorüber, um zu erfahren, ob Sie allein da sind. Dann folgte ich Ihnen.«

»Wer sollte außer mir da sein?«

»Gute Freunde von Ihnen.«

»Pah! Und Wachen haben Sie ausgestellt?«

»Natürlich! Das ist die Gewohnheit eines jeden vorsichtigen Menschen.«

»Hier bedarf es keiner Vorsicht. Ich meine es ehrlich mit meinem Versprechen. Wer ist mit Ihnen da? Nur die Yerbateros?«

»Ja, diese, dann die beiden Seeleute, der Bruder, Pena und Gomarra.«

»Alle Teufel! Diesen letztern wünsche ich nicht dabei.«

»Ich glaube nicht, daß Sie große Sorge zu haben brauchen. Er hat mir versprochen, sich einstweilen jeder Feindseligkeit zu enthalten.«

»Einstweilen also? So kann er also an jedem beliebigen spätern Augenblicke über mich herfallen?«

»Nein. So lange ich bei Ihnen bin, stehen Sie unter meinem Schutze.«

»Versprechen Sie mir das?«

»Ich habe es Ihnen bereits versprochen und halte mein Wort.«

»Daß Sie es ehrlich meinen, das glaube ich, und ich werde bald sehen, wie ich mit den andern daran bin. Haben sie eine Ahnung, auf welche Weise ich entkommen bin?«

»Ich habe es ihnen gesagt.«

»Sennor, das ist gefährlich für Sie!«

»Allerdings! Gomarra schoß in der ersten Wut auf mich.«

»Teufel! Wurden Sie getroffen?«

»Nein. Ich habe ihn dann aber so gepackt, daß er Respekt bekommen hat.«

»Also, den Tod konnten Sie davon haben? Das merke ich mir, Sennor! Sie sind für Ihren Feind ein höchst gefährlicher Kerl; aber daß Sie ein gegebenes Wort halten, weiß ich ganz genau. Lesen Sie meine Quipus, und enträtseln Sie mir die Zeichnungen, so werden Sie mit mir zufrieden sein! Ich sah Ihr Feuer. Sie befinden sich hier; also haben Sie meinen Zettel gefunden?«

»Wir fanden und lasen ihn.«

»Und waren Ihre Gefährten gleich bereit, meiner Weisung Folge zu leisten?«

»So ziemlich, obgleich es ihnen nicht ganz ungefährlich erschien.«

»Welche Gefahr sollte dabei sein?«

»Es gibt da verschiedene Fährlichkeiten. Wie nun, zum Beispiel, wenn Sie nur deshalb Wort halten, um sich Ihrer gefährlichsten Feinde zu entledigen?«

»Wie könnte ich das anfangen? Sie haben ja meine Waffen behalten!«

»Sind Sie wirklich ganz unbewaffnet?«

Er blickte mir einige Augenblicke in das Gesicht und antwortete dann:

»Allerdings nicht.«

»Was für Waffen haben Sie?«

»Hier dieses Messer.«

Er zog es aus dem Gürtel und zeigte es mir.

»Von wem haben Sie es?« erkundigte ich mich.

»Von einem Indianer, den ich zufällig traf. Er borgte es mir.«

»Und er befindet sich jetzt noch in Ihrer Nähe?«

Wieder blickte er mir eine Weile in das Gesicht, bevor er zögernd antwortete:

»Ja, Sennor, er ist da.«

»Und andere mit ihm?«

»Ja. Es ist ein mir befreundeter Stamm, den ich durch den zufällig getroffenen Angehörigen desselben hierher beordern ließ. Meinen Sie und Ihre Gefährten es ehrlich, so werden Sie von diesen Roten freundlich behandelt werden; vergreifen Sie sich aber an mir, so werden Sie ausgelöscht wie die Lichter eines Wachsstockes.«

»Welchem Stamm gehören Sie an?«

»Das erfahren Sie erst dann, wenn ich weiß, daß ich bei Ihnen sicher bin.«

»Und wie viele Personen sind es?«

»Sie werden einsehen, daß ich Ihnen auch das erst später sagen kann.«

»Gut! Ich dringe nicht in Sie, denn da ich mir keiner Hinterlist bewußt bin, habe ich diese Leute nicht zu fürchten. Ich sehe, daß Sie ehrlich sind und mich nicht belügen und täuschen; das wird ein möglichst gutes Einvernehmen ergeben.«

»O,« lachte er halblaut, »was das betrifft, so brauchen Sie nicht von Ehrlichkeit zu sprechen, Sennor. Es ist mehr Klugheit als Ehrlichkeit von mir.«

»Wieso?«

»Ich habe eine große Unvorsichtigkeit begangen, was mir aber erst spät einfiel. Gomez hat – – aber, wo ist der überhaupt? Auch bei Ihnen?«

»Nein, bei den Karawanenleuten.«

»So! Also Gomez hat mir von Ihnen erzählt, und was ich da gehört habe, das ist ganz geeignet gewesen, in mir die Vorstellung zu erwecken, daß Sie auf die geringste Kleinigkeit achten und sich nicht täuschen lassen. Sie haben also ganz gewiß gesehen, wie der Zettel an den Baum befestigt war?«

»Allerdings. Ich dachte mir gleich, daß Sie ein Messer hätten und daß Sie jemand getroffen haben müßten, der es Ihnen gab.«

»Und weiter?«

»Ich bin auf Ihrer Spur zurückgeritten und habe die Fährte des Indianers gefunden. Natürlich sagte ich mir, daß er gegangen sei, um Ihnen seine roten Kameraden zuzuführen.«

»Und darum haben Sie Posten aufgestellt!«

»Nicht darum allein. Ich hätte das auch in dem Falle getan, daß ich überzeugt gewesen wäre, Sie ganz allein an zutreffen. Ich pflege auch in solchen Fällen, in denen es nicht unbedingt notwendig ist, gern vorsichtig zu sein.«

»Besonders hier, wo Sie mir doch nicht ganz trauen können!«

»Ja. Sie verraten da eine sehr anerkennenswerte edle Selbsterkenntnis. Daß Sie mir den eigentlichen Grund Ihrer Aufrichtigkeit sagen, macht Ihnen bei mir keinen Schaden. Haben Sie da nicht aus angeborener Ehrlichkeit, sondern aus Klugheit so gehandelt, so darf ich erwarten, daß Sie in Zukunft in gleicher Weise klug sein und also einsehen werden, daß Hinterlist Sie nur in Schaden bringen kann. Sähe ich, daß Sie mich oder einen meiner Gefährten schädigen wollten, so würde ich Sie keinen Augenblick länger schonen. So, nun wissen wir gegenseitig, woran wir mit einander sind. Jetzt kommen Sie mit mir an das Feuer!«

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