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Der Schatz der Inkas

Karl May: Der Schatz der Inkas - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/may/sendado2/sendado2.xml
typefiction
authorKarl May
titleLopez Jordan
publisherDeutscher Hausschatz in Wort und Bild
booktitleEl Sendador
firstpub 1890/1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.karl-may-gesellschaft.de
created20090708
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22. Fortsetzung

Gomez war bei voller Besinnung, rang aber auch nach Atem. Ich hielt ihm mein Messer auf die Brust und sagte:

»Bleiben Sie liegen, und bewegen Sie sich nicht, sonst fährt Ihnen meine Klinge in das Fleisch! Sie kennen mich. Und beantworten Sie mir meine Fragen aufrichtig! Sie wissen, ich will Ihren Schaden nicht; aber wahr müssen Sie sein. Wie kamen Sie aus dem Keller?«

»Durch die verborgene Mauerlücke.«

»Ah so! Sie wollten uns überfallen?«

»Ja. Ich habe meinen Leuten aber das Versprechen abgenommen, niemanden zu töten.«

»Warum denn den Überfall, wenn Sie uns schonen wollten?«

»Um den Sendador zu befreien.«

»Sie hätten sich umsonst bemüht. Der Sendador ist geflohen.«

»Wie ist das möglich? Ihnen entkommt doch keiner!«

»Ich selbst habe ihm die Fesseln durchschnitten. Er ist mit meiner und der Yerbateros Erlaubnis geflohen; doch dürfen dies die andern, die ihn töten wollten, nicht wissen. Sie werden also auf alle Fälle einstweilen darüber schweigen.«

»Gern. Aber sagen Sie die Wahrheit?«

»Haben Sie schon einmal eine Lüge von mir gehört? Und horchen Sie! Die rufenden Stimmen da unten! Das sind unsere Gefährten, welche ihn suchen. Glauben Sie es nun?«

»Ja, Sennor. Aber wenn sie ihn nun wieder ergreifen?«

»Er wird wohl vorsichtig sein. Sie ersehen aus dem allen, daß ich es gut mit Ihnen meine.«

»Wenn das wahr ist, warum nehmen Sie uns gefangen?«

»Weil Sie uns überfallen wollten. Wir werden morgen diesen Ort verlassen und wünschen Frieden zwischen uns und euch. Wer sind diese beiden Indianer?«

»Sie sind Kaziken.«

»Also Häuptlinge? Sie sehen aber nicht so aus.«

»Sennor, die Aripones sind arm. Sie haben nicht das Vermögen, sich prachtvoll zu kleiden und mit Schmuck zu behangen. Der eine ist ein Friedens- und der andere ein Kriegshäuptling.«

»Sind noch mehrere Häuptlinge bei euch?«

»Nur noch ich; aber ich bin nur ein Unteranführer.«

»Gut! Ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Wir behalten diese beiden Männer als Geißeln bei uns. Geschieht uns nichts, so lassen wir sie frei, wenn wir hier fortgehen. Haben wir aber im geringsten zu klagen, so stechen wir sie nieder und rotten auch euch aus. Sie wissen, daß ich Wort halte!«

»Sennor, man wird Ihnen nicht ein einziges Haar krümmen!«

»Auch unser Eigentum achten?«

»Ja.«

»Ich meine nicht nur uns allein, die wir jetzt hier sitzen, sondern auch alle diejenigen, welche zu dem Wagenzuge gehören.«

»So verstehe auch ich es.«

»Gut, dann sind Sie wieder frei. Kehren Sie zu Ihren Kriegern zurück, und teilen Sie ihnen mit, was ich Ihnen gesagt habe!«

Er war sichtlich froh. Indem er zögernd vom Boden aufstand, erkundigte er sich in zweifelndem Tone:

»Ich darf also wirklich gehen?«

»Ja, Gomez.«

»Sennor, ich erkenne wieder, daß Sie unser Freund sind. Sie sind ganz anders, viel anders als die hiesigen Weißen. Es muß in Ihrer Heimat freundlichere Menschen geben.«

»Gute Menschen gibt es überall, auch hier.«

»Das habe ich noch nicht erfahren. Ich habe meinen Leuten von Ihnen erzählt. Alle wollen Sie sehen. Wenn Sie es erlauben, so kommen wir, wenn es Tag geworden ist, zu Ihnen.«

»Das ist zu gewagt.«

»Wir werden offen, einzeln und unbewaffnet kommen. Und wenn Sie uns mißtrauen, so werden wir Ihnen vorher noch zehn unserer besten Männer senden, welche Sie als Pfand unserer Freundschaft behandeln mögen.«

»Das will ich gelten lassen. Kommen Sie aber vorher allein zu mir, damit ich mit Ihnen die Bedingungen besprechen kann, unter denen ich einen Besuch von so vielen Menschen erlauben darf!«

»Ich werde kommen; ja, wenn Sie es verlangen, so werde ich jetzt meine Leute benachrichtigen und dann als Ihr Gefangener zu Ihnen zurückkehren.«

»Nein, das will ich nicht, Gomez. Und damit auch diese beiden Häuptlinge, deren Sprache ich leider nicht kenne, nicht über ihr Schicksal in Sorge sind, so teilen Sie ihnen unser Abkommen mit. Sie werden gut behandelt werden und gutes Essen und Trinken erhalten.«

Er sprach mit ihnen, und ich sah, daß ihre besorgten, ängstlichen Gesichter sich aufhellten. Dann bemerkte ich noch:

»Wir werden jetzt diese Anhöhe verlassen und hinab zu den Wagen gehen, wo wir die Nacht zubringen wollen. Unsern Willen kennen Sie; handeln Sie nach demselben, so werden Sie nicht zu klagen haben. Gute Nacht, Gomez!«

»Sie werden mit uns zufrieden sein, Sennor!«

Er ging. Auch wir brachen auf, waren aber vorsichtiger, als vorhin Pena und Gomarra gewesen waren. Wir gaben den beiden Häuptlingen zwar die Füße zum Gehen frei, banden ihnen aber Riemen, die wir fest in den Händen hielten, um die Knöchel. So stiegen wir langsam die Höhe hinab. Der Schein der unten brennenden Feuer war unser Leiter.

Vielleicht war es unvorsichtig von mir, dem Versprechen des Indianers ein solches Vertrauen zu schenken; aber ich hatte eben die feste Überzeugung, daß er und seine Genossen dasselbe nicht täuschen würden. Hatten sie sich einmal in den Gedanken gefunden, daß sie nun auf die erwartete Beute verzichten mußten, so konnte es ihnen nur lieb sein, uns aus Gegnern in Freunde verwandelt zu sehen.

Als wir unten an dem Lagerplatz ankamen, fanden wir nur die Frauen und Kinder mit den Fuhrknechten vor. Die Männer waren noch abwesend, um die Umgegend nach dem entsprungenen Sendador zu durchsuchen, was bei der nächtlichen Dunkelheit ganz erfolglos sein mußte.

Die Frauen hatten natürlich erfahren, in welcher Gefahr sich ihre Männer befunden hatten, welchem Schicksale sie selbst verfallen gewesen waren und daß sie ihre Rettung nur uns zu verdanken hatten. Darum empfingen sie uns mit den Ausdrücken größter Dankbarkeit, die aber die beiden gefangenen Kaziken keineswegs auf sich beziehen durften; diese wurden vielmehr mit Blicken angeblitzt, welche alles, aber nur nicht freundlich waren. Wir machten sie mit dem Übereinkommen bekannt, welches wir mit den Indianern getroffen hatten, und darauf erfreuten sich die beiden Häuptlinge einer wenigstens nicht ganz feindseligen Behandlung seitens der Frauen.

Es verging längere Zeit, ehe die Suchenden zurückkehrten; sie kamen einzeln, einer nach dem andern. Der vorletzte war Pena, der letzte Gomarra. Die beiden waren am zornigsten über das Entkommen des Sendadors und hatten sich in Folge dessen die meiste Mühe gegeben, seiner wieder habhaft zu werden. Besonders befand Gomarra sich in einem Zustande größter Wut.

»Wir hatten ihn!« knirschte er. »Wir hatten ihn sogar fest! Ich brauchte dem Mörder meines Bruders nur das Messer zwischen die Rippen zu stoßen, so war der Mord gerächt. Und nun ist er uns wieder entkommen! Sennor, daran sind Sie schuld!«

Er richtete diese Worte an mich; darum fragte ich im Tone der Verwunderung:

»Ich? Wie kommen Sie auf diese ganz grundlose Idee?«

»Sie wissen es ebenso gut wie ich und wie die andern. Sie sind der große Menschenfreund, der selbst dem schlechtesten Kerl nichts zu leide tun will. Wäre es auf mich angekommen, so hätte ich diesen Erzhalunken sofort niedergestochen. Sie aber möchten einen solchen Kerl wie den größten Ehrenmann der Erde behandelt wissen, und der Erfolg einer solchen Dummheit ist dann, daß er die Flucht ergreift.«

»Ich will nicht mit Ihnen rechten, Gomarra, denn Sie sind aufgeregt; doch wenn Sie von Dummheit sprechen, so muß ich Ihnen sagen, daß ich Ihnen nicht die Erlaubnis gebe, das, was ich tue, in dieser Weise zu begutachten. Wenn Sie mich für einen dummen Menschen halten, so kann ich Ihnen nur den Rat erteilen, sich nach einem klügeren Kameraden umzusehen, mit welchem Sie Ihre Zwecke schneller und leichter erreichen als mit mir. Oder handeln Sie für sich allein! Ich zwinge Sie keineswegs, sich an meine Person zu binden.«

Er wollte zornig antworten, besann sich aber eines andern und setzte sich, während er mißmutig vor sich hin brummte, am Feuer nieder.

Die schlechte Laune der Leute wurde dadurch verstärkt, daß ich ein friedliches Abkommen mit den Indianern getroffen hatte; doch nahmen sie das ruhig hin, ohne sich darüber zu äußern. Sie erzählten einander, was sie jetzt in der Verfolgung des Sendador geleistet hatten. Dabei stellte sich heraus, daß ihre Heldentaten nur darin bestanden hatten, daß sie mit den Köpfen an die Bäume gerannt waren und sich die Hände und Gesichter an den Büschen zerrissen hatten, ohne einen Zipfel des Sendador zu sehen oder einen Hauch von ihm zu hören.

»Sie hätten dabei sein sollen, Sennor,« sagte Pena zu mir. »Dann hätten wir ihn vielleicht doch erwischt.«

»Vielleicht? Nein, sondern ganz gewiß,« antwortete ich.

»Oho!« meinte Gomarra, welcher noch immer nicht die Herrschaft über seinen Zorn gewonnen hatte. »Wenn Sie Ihrer Sache wirklich so gewiß waren, warum haben Sie da nicht mitgesucht?«

»Weil er keine Zeit hatte,« antwortete Pena an meiner Stelle. »Der Sennor mußte doch droben bei den Roten bleiben.«

»Und wenn das auch nicht der Fall gewesen wäre, so hätte er auch nichts gefunden. Bei dieser Finsternis war es unmöglich, ihn zu entdecken.«

»Nun, warum haben Sie ihn denn da gesucht?« fragte ich.

»Weil wir zu eifrig waren. Oder sollten wir nicht wenigstens den Versuch machen? Wir konnten ja zufällig auf ihn stoßen. Sie behaupten auch mit so großem Selbstvertrauen, daß Sie ihn gewiß bekommen hätten!«

»Aber wenn und wie! Ich hätte seine Spur gefunden, und wenn man diese einmal hat, so hat man auch sehr bald den Mann selbst.«

»Dazu ist noch immer Zeit!«

»Nein, denn Sie haben sie nun ausgetreten und verwischt. Wenn über zwanzig Personen in den Büschen herumgekrochen sind, so soll mir selbst der beste Fährtensucher sagen, welche Stapfen die richtigen sind! Und wenn er sie auch finden sollte, so gehen sie ihm gleich wieder verloren, da die Eindrücke anderer Füße ihn irre machen müssen.«

Er antwortete nicht weiter und drehte sich ab, um sich wortlos in seinen Grimm zu versenken. Derjenige, welcher die Sache am drolligsten nahm, war der Steuermann. Er saß stumm da, schüttelte nur immer mit dem Kopfe und zog allerlei Grimassen.

»Was haben Sie denn?« fragte ich ihn.

»Einen Ärger habe ich, was denn sonst! Hätte ich nur Ihnen nicht gefolgt, sondern ihm zwei Rippen eingedrückt oder drei; dann hätte er es wohl unterlassen, davon zu laufen! Ich hatte ihn so hübsch zwischen diesen Händen!«

Er hielt mir seine Riesenhände hin und blickte sie betrübt an.

»Grämen Sie sich nicht!« tröstete ich ihn. »Sie werden schon noch Arbeit für diese Quadratrutenhände bekommen. Wer weiß, wozu es gut ist, daß der Kerl vorläufig entkommen ist.«

Ich gab ihm einen heimlichen Wink, und er schwieg. Später setzte sich Turnerstick zu ihm und mir, und ich erklärte den beiden mit leiser Stimme, auf welche Weise dem Sendador die Flucht ermöglicht worden war. Sie waren nicht blutdürstig genug, meine Gründe zu verwerfen, sondern stimmten mir bei.

Das Abendessen wurde von allen wortkarg eingenommen, und die Nacht verlief, ohne daß sich etwas Bemerkenswertes ereignet hatte. Schon am frühesten Morgen, als der Tag kaum graute, kam Gomez in das Lager und fragte an, ob uns seine Indianer nun besuchen dürften. Wir gaben die Erlaubnis, daß nur fünfzehn, höchstens zwanzig Mann auf einmal kommen dürften, und dieser Bestimmung wurde streng Folge geleistet.

Die Karawanenleute hatten verschiedene Tausch und Geschenkartikel mitgebracht, da vorauszusehen gewesen war, daß sie mit Indianern zusammentreffen würden, mit denen ein möglichst gutes Einvernehmen zu erzielen sei. Von diesen Vorräten empfing jeder eine Kleinigkeit, und diese Gaben stimmten die Roten so freundlich, daß wir alle Sorgen, welche wir in Beziehung auf sie etwa noch gehabt hätten, fallen lassen konnten. Sie wurden so zutraulich, daß wir die Erlaubnis zur gleichzeitigen Anwesenheit aller gaben, was sie in solche Freude versetzte, daß sie, um uns ihre gute Gesinnung zu beweisen, alle ihre vergifteten Pfeile in das Feuer warfen.

Die gute Stimmung mußte ausgenutzt werden. Auf meinen Rat wurde Zucker, Rum und anderer Branntwein hervorgesucht und in den auf dem Wagen mitgebrachten Feldkesseln ein tüchtiger Grog gebraut, dessen Genuß die Roten so entzückte, daß die beiden Kaziken, deren Fesseln wir gelöst hatten, den Ansiedlern den Vorschlag machten, mit ihnen ein heiliges Schutz- und Trutzbündnis zu schließen, was natürlich sehr gern angenommen und unter dem gebräuchlichen und bindenden Zeremoniell vollzogen wurde.

Nun waren die vorherigen Feinde in sichere Freunde umgewandelt. Die Roten sahen ein, daß ein langer, steter und freundlicher Verkehr mit den Weißen, welche vielleicht für immer da blieben, ihnen mehr Nutzen bringen werde als eine einmalige Beraubung derselben, und dachten nun gar nicht mehr daran, nach dem Sendador zu suchen und sich zur Ausführung seiner Pläne herzugeben.

Gomez machte den Dolmetscher. Es wurde eine Sitzung abgehalten, deren Erfolg der war, daß die Indianer versprachen, die Weißen zu begleiten, sie zu beschützen und ihnen in allem behilflich zu sein. Die letzteren waren über ihr für einstweilen vorgestrecktes Ziel hinausgekommen. Sie hatten zunächst nur bis an die früheren Ansiedelungen gewollt und waren nur durch den Sendador gezwungen worden, bis zu dem Orte, an welchem sie sich jetzt befanden, vorzugehen. Aus diesem Grunde mußten sie sich natürlich entschließen, zurückzufahren.

Hatten sie sich gestern abend nur schwer zu einer milden Beurteilung der Indianer bewegen lassen, so freuten sie sich jetzt, ein so gutes und vorteilhaftes Einvernehmen mit ihnen erzielt zu haben. Um so weniger aber zeigten sie sich geneigt, den Sendador durchschlüpfen zu lassen. Sie schworen ihm Rache und gelobten, ihn umzubringen. falls er sich wieder in ihrer Nähe blicken und ergreifen lasse, und forderten uns auf, ihn schleunigst zu verfolgen und, falls wir ihn träfen, unschädlich zu machen.

Dann wurden die Wagen umgelenkt und bespannt, und die Karawane kehrte, von den Aripones begleitet, auf demselben Wege, auf welchem die Karren gestern gekommen waren, nach dem vorherigen Halteplatze zurück.

Pena und Gomarra waren während der letzten Stunden nicht im Lager gewesen; sie hatten sich aufgemacht, um nach der Fährte des Sendadors zu suchen. Also waren nun nur noch diejenigen Personen vorhanden, welche von mir in das Vertrauen gezogen waren und ihre Zustimmung gaben, den Sendador wenigstens einstweilen noch zu schonen, um mit ihm nach der Pampa de Salinas zu gehen. Sie mußten mir durch Handschlag versprechen, gegen Gomarra und Pena nicht zu verraten, daß ich dem berüchtigten Führer den Riemen durchschnitten hatte, um ihm die Freiheit zu geben.

»Aber nun stehen wir vor einer sehr schwierigen Frage,« sagte der Frater, »und ich kann mir keine befriedigende Lösung derselben denken. Pena und Gomarra haben natürlich die Absicht, bei uns zu bleiben. Sie wollen aber den Sendador haben und brennen darauf, ihn zu bestrafen. Wir aber wollen mit ihm reisen. Wie wird das in Einklang zu bringen sein?«

»Das ist allerdings eine Schwierigkeit, welche nicht leicht zu überwinden ist.«

»Wollen wir ihnen sagen, wie die Sachen stehen?«

»Nein, wenigstens jetzt noch nicht. Pena würde sich wohl beruhigen lassen, Gomarra aber nicht.«

»Oder wollen wir uns von ihnen trennen?«

»Nein. Das wäre nicht recht und gut gehandelt, selbst wenn die beiden uns fremd wären. Pena aber ist ein Bekannter, ein früherer Gefährte von mir, gegen den ich unmöglich treulos handeln kann.«

»So sollen sie also bei uns bleiben; zugleich aber soll auch der Sendador zu uns stoßen. Ich verstehe nicht, die Sache einzurichten, und bezweifle auch, daß Sie das fertig bringen.«

»Ja, es ist unangenehm. Vielleicht ist es am besten, wenn wir die Sache jetzt gehen lassen, bis wir den Sendador treffen.«

»Nun, so gibt es Mord und Totschlag! Gomarra wird sofort über ihn herfallen.«

»Das bezweifle ich sehr, denn der Sendador wird nicht so plötzlich in unsere Mitte treten. Ich denke, er erwartet uns und gibt mir ein heimliches Zeichen, daß er da ist. Dann kann ich ihm ja sagen, daß Gomarra unversöhnlich ist, und werde hören, welche Vorschläge er mir in dieser Beziehung macht.«

»Er wird Ihnen sagen, daß wir Gomarra fortschicken sollen.«

»Das ist wahrscheinlich. Aber wir können auf diesen Vorschlag nicht eingehen. Ich mag nicht in dieser Weise gegen einen bisherigen Gefährten handeln. Und selbst wenn wir das täten, glauben Sie, daß dadurch die Sache besser würde?«

»Nein.«

»Ich auch nicht, denn Gomarra würde uns nachschleichen, um den Sendador zu erschießen. Dieser würde das vermuten und also auf seiner Hut sein. Einer von beiden müßte fallen. Nein, ich halte es doch für das allerbeste, Pena und Gomarra die Wahrheit zu sagen.«

»Dann machen Sie sich nur auf Vorwürfe gefaßt, welche jedenfalls keine freundlichen sein werden.«

»Was das betrifft, so fürchte ich mich nicht. Ich werde sie mir gefallen lassen, so lange sie sich innerhalb der Grenzen derjenigen Höflichkeit bewegen, welche ich selbst in diesem Falle beanspruchen muß.«

Jetzt kam Pena von der Suche zurück. Er machte ein mißvergnügtes Gesicht und sagte, sich an mich wendend:

»Sie haben recht gehabt. Wir waren dumm, als wir in den Büschen herumkrochen. Der Boden ist zertreten, und nun mag der Kuckuck entscheiden, welche Stapfen von den Füßen des Sendador herrühren.«

»Ich wußte, daß Sie vergeblich suchen würden.«

»Ich weiß es nun auch; aber ich habe nun doch wenigstens meine Schuldigkeit getan. Es muß mich wundern, daß andere nicht ebenso denken.«

Er warf bei diesen Worten einen vorwurfsvollen Blick im Kreise umher.

»Es wundert Sie, daß wir so ruhig sitzen bleiben, ohne uns in der Weise wie Sie zu bemühen?«

»Selbstverständlich! Ihnen scheint es sehr gleichgültig zu sein, ob der Kerl entkommt oder nicht!«

»O nein. Aber wir haben zwei triftige Gründe, uns die Mühe des Nachforschens gar nicht erst zu geben.«

»Welche wären das?«

»Der eine Grund bezieht sich auf die Zeit. Sie haben auf der Strecke, welche Sie durchsuchten, die Spuren verwischt. Um sie doch noch zu finden, müßte man in einer sehr weiten Kreislinie um das Lager gehen, Schritt für Schritt, jeden Zoll breit des Bodens genau untersuchend. Das kann von jetzt bis zum Abend dauern, ohne daß wir unsern Zweck erreichen. Und selbst wenn das Glück uns so günstig wäre, daß es uns einen Fußeindruck zeigte, so wird der Sendador so klug gewesen sein, späterhin ein Terrain aufzusuchen, auf welchem er keine Fährte hinterläßt. Selbst wenn er über grasigen Boden gegangen ist, werden sich die Halme, bis wir kommen, wieder aufgerichtet haben. Wir würden also unsere Zeit verschwenden, ohne einen Erfolg zu haben.«

»Das ist wahr; ich sehe es auch ein. Und nun Ihr zweiter Grund?«

»Der ist noch viel triftiger als der erste. Wir wissen nämlich, daß wir den Sendador ganz gewiß treffen werden.«

»O!« rief er verwundert aus. »Wo?«

»Hier in diesem Flußbett, aufwärts von hier. Er selbst hat es uns gesagt.«

»Wie! Gesagt? Er selbst?«

»Ja. Er hat es uns sogar fest versprochen.«

»Sennor, Sie machen Spaß!«

»O nein. Ich habe mit ihm das Abkommen getroffen, daß er wieder zu uns stößt.«

»Das – das soll ich glauben?«

»Ja. Setzen Sie sich nieder; ich will es Ihnen erzählen.«

Er folgte dieser Aufforderung. Kaum aber hatte ich meinen Bericht begonnen, so stand er langsam wieder auf, stellte sich vor mich hin und sah mich, während er mir zuhörte, mit großen, erstaunten Augen an. Als ich dann fertig war, erwartete ich, daß er losbrechen werde; er aber setzte sich mit ebenso langsamen Bewegungen, wie er aufgestanden war, wieder nieder und fragte in ruhigem Ton:

»Und die Sennores hier sind alle einverstanden gewesen?«

»Alle.«

»So muß ich schweigen und mich fügen, denn die Mehrheit ist gegen mich. Wissen Sie wohl, lieber Landsmann, daß ich Sie bisher für einen klugen Menschen gehalten habe?«

»Nur bisher?«

»Ja, nur bis heute! Nun aber ist's aus! Solches Ungeziefer muß ausgerottet werden, wo und sobald man es trifft. Daß Sie ihm die Freiheit wiedergegeben haben, ist wohl der größte Bock, den Sie in Ihrem Leben geschossen haben.«

»Möglich! Mag es ein Fehler sein, so glaube ich doch, ihn verantworten zu können.«

»Ein Fehler war es jedenfalls. Denn glauben Sie wirklich, daß er sich wieder sehen lassen wird?«

»Ja. Es liegt in seinem Interesse, mich mit nach der Pampa de Salinas zu nehmen.«

»Sie, aber nicht uns. In seinem Interesse liegt es vielmehr, alle Zeugen und Mitwisser seiner Taten unschädlich zu machen. Wir mögen nur schleunigst diesen Ort verlassen, denn ich bin überzeugt, daß er sich in unserer Nähe umhertreibt, um uns heimlich wegzuputzen.«

»Er hat keine Waffen!«

»Pah! Was heißt Waffe! Ein Knüppel ist auch eine Waffe, mit welcher er, wenn ein einzelner sich von den übrigen entfernen sollte, ihn niederschlagen kann. Nimmt er dann dem Toten das Gewehr, so hat er, was er braucht, und kann uns alle nach einander in die Ewigkeit befördern.«

»Wer soll ihm dann die Pläne und die Quipus entziffern?«

»O, Sie läßt er leben, Sie allein!«

»In diesem Falle würde es ihm unmöglich werden, meiner Rache zu entgehen und mich zu zwingen, ihm zu Diensten zu sein.«

»Was wollen Sie machen, wenn er Sie überfällt, überwältigt und zwingt, mit ihm zu gehen!«

»Papperlapapp! Wie will er es fertig bringen, mich in solche Entfernungen mit sich zu schleppen! Selbst wenn es mir unmöglich wäre, mich zu befreien, würde jede Begegnung mit andern Leuten ihm verderblich sein. Sie vergessen, daß der Weg später durch bewohnte Gegenden führt.«

»Die er aber vermeiden kann. Sie hätten ihn festhalten sollen, selbst wenn Sie ihn nicht töten wollten. Entweder konnten wir mit ihm nach der Pampa de Salinas, um ihn dort zu zwingen, uns die Orte zu zeigen, an denen er die Quipus und die Pläne vergraben hat, oder wir übergeben ihn der Obrigkeit, die wohl kurzen Prozeß mit ihm gemacht haben würde.«

»Sie mögen recht haben; ich kann Ihre Ansicht nicht widerlegen, denn es ist eben eine Ansicht, und da kann nur der Erfolg entscheiden, ob sie richtig oder falsch ist; aber es ist nun einmal geschehen, und wir können es nicht ändern.«

»Vielleicht doch noch! Wenn er wirklich so dumm oder so vertrauensselig sein sollte, sich uns zu stellen, so nehmen wir ihn fest und befolgen das, was ich Ihnen jetzt gesagt habe.«

»Das geht nicht, weil ich ihm mein Wort gegeben habe.«

»Unsinn! Einem Mörder, einem solchen Verbrecher und gefährlichen Menschen braucht man das Wort nicht zu halten!«

»Doch! Wenn man nämlich damit keine Ungesetzlichkeit begeht. Ich habe ihm die Freiheit zugesagt und werde nicht gegen diese Zusage handeln.«

»Nun, mein Wort sollen Sie hiermit haben, da ich mich als Ihren Freund betrachte und mich also nicht mit Ihnen veruneinigen will. Ob aber Gomarra sich ebenso bereitwillig finden läßt, das bezweifle ich sehr. Sie mögen es versuchen!«

Er wendete sich ab und war nun nicht mehr zu sprechen. Doch konnte ich die Überzeugung hegen, daß er nichts tun werde, was gegen meinen Willen sein würde. Kurze Zeit später kam auch Gomarra zurück. Man sah es ihm an, daß er sich in der schlechtesten Laune befinde. Die andern warfen mir heimlich bezeichnende Blicke zu, mit denen sie mir ihre Meinung kund taten, daß ich wohl einen schweren Stand haben würde. Er warf sein Gewehr zornig zur Erde und sagte:

»Es ist nichts! Der Teufel mag wissen, wohin der Kerl geflohen ist. Ich bin rundum gegangen und habe alles durchsucht aber vergeblich. Ja, Fußspuren gibt es genug, aber welche sind die seinigen! Ich könnte mich vor Ärger erstechen oder vergiften, daß ich so albern gewesen bin, ihn entkommen zu lassen! Aber Sie,« wendete er sich an mich, »verstehen die Spuren zu lesen. Sie müssen suchen; dann finden wir die richtige gewiß. Ich begreife nicht, daß Sie hier sitzen bleiben und nicht schon längst sich aufgemacht haben, uns zu helfen!«

»Ich hatte anderes zu tun und habe überhaupt die Absicht gar nicht, heute und hier nach dem Flüchtling zu forschen.«

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