Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl May >

Der Schatz der Inkas

Karl May: Der Schatz der Inkas - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/may/sendado2/sendado2.xml
typefiction
authorKarl May
titleLopez Jordan
publisherDeutscher Hausschatz in Wort und Bild
booktitleEl Sendador
firstpub 1890/1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.karl-may-gesellschaft.de
created20090708
Schließen

Navigation:

16. Fortsetzung

Heute bekam die Gegend ein anderes Gesicht. Sie bot weit mehr Abwechslung als gestern. Es gab kleinere Camps, welche durch hübsche Waldungen von einander getrennt wurden. Hier und da kamen wir auch über eine sandige Strecke, welche wenig Spuren von Pflanzenwuchs zeigte und mich an die nordmexikanische Sonora erinnerte. Dann gelangten wir an eine Lagune, deren Ufer flach im Sande verliefen und mit dichtem Schilfe besetzt waren. Ganze Scharen von Wasservögeln flogen bei unserem Nahen auf, und wenn der Schilfkranz sich einmal öffnete, so daß wir einen Blick über das Wasser gewannen, so sahen wir die knorrigen Köpfe der Krokodile aus demselben ragen.

Die Wälder, durch welche oder an denen wir vorüber kamen, bestanden meist aus Quebrachos, Mistols, Vinals, Channars und sehr hohem Kaktus. Einen schönen Anblick gewährte es, wenn diese Bäume von Schlingpflanzen überwuchert waren, in denen zahlreiche Vogelnester hingen.

Auch heute machten wir erst spät am Abende Halt, brachen aber am nächsten Morgen später auf, da die Pferde doch mehr als gestern der Ruhe bedurften.

Wir befanden uns nun in Mitten des so berüchtigten Gran Chaco. Aber ich fand nichts, was den schlechten Ruf dieser abgelegenen Gegend erklärt hätte. Nur unter dem Übelstande eines großen Temperaturwechsels hatten wir zu leiden. Während die Tage schon sehr warm waren, brachten uns die Nächte eine fast winterliche Kälte, welche durch den starken Luftstrom erhöht wurde, der frei über den offenen Camps streichen konnte.

An Speise hatten wir keinen Mangel; selbst als unser Fleischvorrat zur Neige ging, fanden wir Wild mehr als genug. Leider wurde mein sehnlichster Wunsch, einen Jaguar zu sehen oder gar zu erlegen, nicht erfüllt.

Die meisten Lagunen, an denen wir vorüber kamen, führten salziges Wasser. Dies und die Krokodile waren schuld, daß es keine Fische gab.

Da sonst nichts Ungewöhnliches über die Gegend zu erwähnen ist und uns auch nichts Außerordentliches passierte, so erwähne ich nur, daß wir acht Tage lang fast immer gerade gegen Westen ritten und die Strecken, welche wir zurücklegten, von Tag zu Tag immer kleiner wurden, eine Folge der steigenden Ermüdung der Pferde, denen wir nur die allernötigste Ruhe gönnten.

In diesen acht Tagen hatten wir nach Aussage Gomarras zehn gute Tagesritte zurückgelegt und näherten uns nun den Ansiedelungen. Der Führer meinte, daß wir sie morgen gegen Abend erreichen würden. Gomez hatte also die Entfernung nicht richtig geschätzt, als er sie auf zehn Tagesstrecken angegeben hatte.

Noch war uns keine Spur zu Gesicht gekommen, weder von Gomez noch von der Wagenkarawane. Am heutigen Tage aber sollten wir auf die erstere treffen.

Ich ritt mit dem Bruder und unserem Führer voran. Wir befanden uns auf reich bewachsenem Prärieboden, dessen Gras den Pferden fast bis an den Leib reichte. Da war eine frische Fährte schon von weitem zu erkennen.

Und wirklich erblickten wir im Süden, also links von uns, einen dunklen Strich, welcher sich parallel mit unserer Richtung durch das Gras zog. Natürlich suchten wir ihn auf, um ihn zu untersuchen. Er stammte von zwei Pferden her, welche hier neben einander geritten waren.

»Sollte das Gomez mit seiner Mutter gewesen sein?« fragte der Frater.

»Möglich,« antwortete ich.

»Ich halte es für unmöglich. Bedenken Sie nur, wie wir geritten sind, wie wir unsere Pferde angestrengt haben. Das kann er nicht ebenso getan haben. Er muß also hinter uns und kann nicht vor uns sein.«

»Hm! Wer weiß, welcher Hilfsmittel er sich bedient hat. Er ist hier bekannt.«

»Ehe er nur über den Fluß gekommen ist!«

»Jedenfalls hat er auch ein Boot gehabt.«

»Aber der Proviant hat ihm gefehlt. Um nicht zu hungern, hat er also jagen müssen, und das hält auf.«

»Kann er sich nicht auch auf irgend eine Weise mit Fleisch versehen haben?«

»Das ist möglich, mir aber gar nicht sehr wahrscheinlich.«

»Ich halte es für sehr möglich,« erklärte Gomarra. »Gomez ist ein höchst umsichtiger und kluger Mensch, dem man seinen Scharfsinn nicht so leicht ansieht.«

»Das habe ich erfahren,« stimmte ich bei.

»Nicht wahr, Sennor! Leider kann man solchen Pferdespuren nicht ansehen, wen die Tiere getragen haben.«

»Sie irren sich.«

»Sie halten es für möglich, dieser Fährte abzulesen, wer hier geritten ist? Bitte, tun Sie es!«

Er sprach diese Aufforderung mit einem Lächeln aus, welches seinen Unglauben deutlich zu erkennen gab. Ich antwortete:

»Das braucht nicht gleich zu sein. Eine Fährte ist lang, und was sie hier an dieser Stelle nicht verrät, das wird sie uns später sagen, wenn wir ihr folgen. Einstweilen genügt es mir, zu wissen, daß die beiden Pferde sehr ermüdet gewesen sind.«

»Woraus schließen Sie das?«

»Daraus, daß sie die Füße geschleppt haben. Zwei Pferde, und zwar ganz abgemattet, genau in der Richtung nach den Ansiedelungen, das macht es freilich sehr wahrscheinlich, daß wir Gomez und seine Begleiterin vor uns haben.«

»Es können auch andere sein. Ich gebe dem Frater ganz recht. Gomez hatte nur wenige Stunden Vorsprung vor uns. Wie sollte er sich also noch immer vor uns befinden?«

»Warten wir es ab!«

Wir folgten von jetzt an natürlich genau der Fährte, welche immer die gleiche Deutlichkeit behielt, aber auch kein einziges Merkmal zeigte, aus welchem zu schließen gewesen wäre, wer die Reiter gewesen seien. Erst nach langer Zeit, als wir eine der bereits erwähnten Lagunen vor uns liegen sahen, gab es eine Abwechslung, und zwar eine ganz bedeutende. Es kam nämlich von links herauf eine breite, tief eingegrabene Spur, welche aus vielen Wagengeleisen bestand. Hier an der Lagune hatten die Fuhrwerke angehalten; es war da Rast gehalten worden.

Wir untersuchten den Platz. Es hatten da mehrere Feuer gebrannt. Die durstigen Pferde und Ochsen waren in das Wasser gestiegen, um zu saufen, denn man sah die Spuren deutlich im Uferschlamme.

Das war aber auch alles, was wir bemerkten. Besondere Merkmale fanden wir nicht.

»Das ist die Karawane, welche wir suchen,« sagte Gomarra. »Wann mag sie hier gewesen sein?«

»Vorgestern,« antwortete ich, »wie ich aus verschiedenen Anzeichen sehe, welche ich kennen gelernt habe. Die Spuren alle sind nicht von gestern, sondern von einem Tag früher.«

»So hätten diese Leute ihre Ochsen außerordentlich angetrieben!«

»Ja, aber das Terrain war ein gutes. Es hat ihnen fast gar keine Hindernisse geboten. Gestern früh sind sie von hier fortgereist.«

»Und wann sind die beiden Reiter hier gewesen, deren Fährte wir bisher folgten?«

»Heute am Vormittage. Da es jetzt erst Mittag ist, so befinden sie sich also nur wenige Stunden vor uns.«

»Vielleicht können wir sie erreichen?«

»Nein, denn auch unsere Pferde sind ermüdet, wenigstens ebenso wie die ihrigen. Wir holen sie nun nicht vor den Ansiedelungen ein.«

»Das ist schade!«

»Allerdings. Es gibt freilich ein Mittel, sie zu erreichen, indem ich ihnen allein nachreite. Mein Pferd ist das beste und hält noch eine gute Strecke aus. Wenn ich mich jetzt von Ihnen trenne, bin ich überzeugt, die beiden Reiter noch vor Abend zu erreichen.«

»Das werden Sie nicht tun, Sennor. Sie dürfen sich nicht von uns trennen. Man weiß nicht, was Ihnen widerfahren kann.«

»Was könnte mir geschehen?«

»Fühlen Sie sich ja nicht zu sicher! Wir kommen nun in das Gebiet der Aripones. Sie könnten leicht auf einige von diesen Leuten stoßen.«

»Ich halte sie nicht für gefährlich. Ich wünsche sogar, die Leute kennen zu lernen. Leider aber verstehe ich ihre Sprache nicht.«

»Das ist ein höchst triftiger Grund, sich von ihnen fern zu halten, wenigstens solange Sie keinen Dolmetsch bei sich haben. Nein, wir können Sie nicht fort lassen.«

Da die andern ihm beistimmten, so mußte ich auf meinen Plan verzichten, obgleich ich mich gar zu gern überzeugt hätte, wem die beiden Pferde gehörten, deren Spuren wir zuerst gesehen hatten.

Wir folgten also von jetzt an der Wagenfährte, mit welcher die erstere Spur nun zusammenfiel. Schon nach wenigen Stunden sahen wir, daß die Karawane wieder Halt gemacht hatte und die vorige Nacht geblieben war, mitten auf freiem Camp; das war doch sonderbar, ja sogar auffallend. Was mußte geschehen sein?

Ich umritt den Lagerplatz und bemerkte bald die Spur eines einzelnen Mannes, welcher da umhergelaufen war. Zu welchem Zwecke? Er hatte zu der Gesellschaft gehört, denn seine Spur kam von der Lagerstätte und führte auf dieselbe zurück. Er war wie suchend umhergegangen, weit vom Lager fort.

Heute früh war dann die Karawane von hier aufgebrochen. Sie hatten ihren Weg sehr, sehr langsam fortgesetzt, wie man aus der Fährte ersehen konnte. Leider wurde es bald Nacht, und da mußten wir lagern, sonst hätten wir die Spur leicht verlieren können.

Das, was wir bisher beobachtet hatten, war wenig genug; es bot eigentlich gar keinen Grund zu Befürchtungen, und doch hegte ich ein Mißtrauen, welches zwar dunkel war, aber sich doch nicht überwinden ließ. Oft hat der Mensch eine Ahnung, auf welche er sich besser als auf ein offenbares Ereignis verlassen kann.

Wir brachen am frühen Morgen wieder auf. Natürlich mußten wir annehmen, daß die Karawane während der Nacht gerade so wie wir gerastet habe, aber wir ritten Stunde um Stunde und sahen doch nicht die Spur eines Lagerplatzes.

Das war wieder sehr auffällig. Erst zwei Lagerplätze so eng neben einander, und nun eine lange Wagenfahrt während der Nacht! Das mußte gewisse Gründe haben. Aber ich konnte darüber noch so lange nachdenken, es fiel mir keine stichhaltige Erklärung ein.

Da plötzlich tauchte vor uns ein dunkler Punkt auf, welcher sich uns schnell näherte und dabei immer größer wurde. Es war ein Reiter, der im Galopp herangehetzt kam. Wir sahen, daß er sein Pferd mit dem Lasso peitschte. Als er nahe herangekommen war, schwenkte er den breitrandigen Hut und rief uns laut entgegen:

»Hallo, Sennores, sind Sie diejenigen, welche ich suche?«

»Wen suchen Sie?« fragte der Bruder.

»Leute, die aus Palmar kommen.«

»Das stimmt, Sennor. Wir kommen von dort.«

»Gott sei Dank! So ist die Hilfe doch vielleicht noch möglich!«

»Für wen?«

»Für – –«

Die Antwort blieb ihm im Munde stecken. Er hielt jetzt vor uns und hatte bis jetzt nur den Bruder beachtet, der mit ihm sprach. Nun aber fiel sein Blick auf mich, und da hielt er mitten in der Antwort inne. Er trug die Kleidung eines Gaucho, einen dichten Vollbart, welcher von seinem Gesichte fast nur die Nasenspitze sehen ließ, und hatte den Hut tief in die Stirn gezogen.

»Cobrido!« rief er. »Ist es möglich!«

»Was?« fragte ich, da er mich noch immer anstarrte.

»Daß Sie da sind!«

»Ich? Kennen Sie mich?«

»Na, und ob! Sie aber scheinen mich ganz vergessen zu haben.«

»Kann mich wirklich nicht besinnen.«

»Wirklich nicht? Sollte – –? Ah, ja, der Bart, der Bart!«

»Ihre Stimme kommt mir freilich bekannt vor.«

»Nicht wahr? Ja, ja! Wollte soeben heim, weil ich dachte, daß Sie kommen würden, und nun treffe ich Sie da mitten im Chaco!«

»Heim – weil Sie dachten – – daß ich kommen würde? Ah, jetzt geht mir das Licht auf! Sie sind Sennor Pena?«

»Endlich, endlich kommt er auf meinen Namen!« rief der Mann jetzt. »Willkommen, Sennor, willkommen!«

Er gab mir die Hand, welche ich ihm kräftig schüttelte, und drückte mir die meine, daß ich hätte schreien mögen. Dabei rief er lachend:

»Also Sie haben mich wirklich nicht erkannt? Sie wollen zu mir und kennen mich nicht? Das ist im höchsten Grade lustig! Und hier treffe ich Sie! In der Wildnis, während ich überzeugt war, daß Sie den sehr zahmen Weg per Diligence von Buenos Ayres aus einschlagen würden? Das ist noch spaßhafter!«

»Wie es scheint, kommt Ihnen jetzt alles sehr spaßhaft vor, während Sie sich droben in Mexiko stets in sehr ernster Stimmung befanden!«

»Da hatte ich alle Veranlassung, ernst zu sein, Sennor!«

»Und wo kommen Sie jetzt her?«

»Von Goya.«

»Dahin wollten wir, um den Führer Geronimo Sabuco zu suchen.«

»Den konnten Sie nicht dort finden. Ich habe ihn vor ganz kurzer Zeit bei den alten Ansiedelungen gesehen.«

»Haben Sie mit ihm gesprochen?«

»Fällt mir nicht ein! Das hätte mir meinen Kopf gekostet.«

»Ist er Ihr Feind?«

»Nein. Aber ich belauschte ihn, und wenn er bemerkt hätte, daß ich sein Gespräch gehört hatte, so wäre ich in einer Minute eine Leiche gewesen.«

»So hörten Sie schlimme Geheimnisse?«

»Ja, sehr schlimme. Ich komme, sie Ihnen mitzuteilen.«

»Und haben Sie denn gewußt, daß wir kommen?«

»Ja; aber wissen konnte ich nicht, daß Sie dabei seien, daß Sie der Deutsche seien, von welchem gesprochen wurde.«

»Von mir! So ist es wohl Gomez, der Indianer, gewesen?«

»Ein Indianer war er, und Gomez wurde er von dem Sendador genannt.«

»So handelt es sich um einen Verrat an den Weißen, welche der Sendador führt?«

»Ja.«

»Das müssen Sie uns schleunigst mitteilen. Schnell, schnell!«

»Langsam, Sennor! Wir können in aller Gemächlichkeit eilen. Wenn ich Ihnen alles schnell erzähle und wir bleiben dabei hier halten, so nutzt das denen, welchen ich Hilfe bringen will, weniger, als wenn wir schnell weiter reiten und ich erzähle euch die Sache dabei langsam. Kommen Sie also; ich kehre mit Ihnen um!«

Wir gaben unseren Pferden die Sporen und jagten weiter, so schnell die Tiere konnten. Natürlich waren wir sehr begierig, zu erfahren, was er uns zu sagen hatte. Darum drängten sich alle in seine Nähe, und er wurde gebeten, so laut zu sprechen, daß jeder es hören könne.

»Also ich war in Goya und wollte über den Salado nach Hause,« sagte er.

»Ganz allein?« fragte ihn der Bruder. »Das ist ja sehr gefährlich!«

»Gefährlich? Pah! So ein alter Abenteurer wie ich bin, kennt keine Gefahr. Freilich würde so ein frommer Herr, wie Sie nach Ihrer Kleidung sind, einen so einsamen Ritt durch den Chaco nicht wagen!«

»O, ich habe ihn auch gewagt!«

»Alle Wetter! Dann sind Sie wohl gar – wohl gar – der Bruder Jaguar?«

»Man nennt mich allerdings so.«

»Ja, das ist freilich etwas ganz anderes! Ihnen sind alle möglichen Kühnheiten zuzutrauen. Freut mich unendlich, Sie kennen zu lernen, Sennor. Sie und dieser Deutsche da, den ich von Mexiko aus kenne, Sie sind die richtigen Leute, welche ich heute gebrauchen kann. Darf ich vielleicht auch erfahren, wer die andern Sennores sind?«

Ich stellte sie ihm vor. Nach den allgemeinen Redensarten, welche bei solchen Gelegenheiten gewechselt werden, bat man ihn, fortzufahren, und er kam der Aufforderung nach:

»Der beste Weg von Goya nach meinem Ziele führt über die alten Ansiedelungen, und ich wählte ihn. Heute kam ich da an. Da ich aber wußte, daß es dort wegen der Aripones nicht recht geheuer ist, hielt ich mich möglichst verborgen. Ich versteckte mein Pferd in einem alten Hof, welcher nur schwer zugänglich ist, und legte mich an einer Stelle nieder. wo mich nicht so leicht jemand finden konnte. Es waren die zwei Wände eingestürzt; sie hatten sich gegen einander geneigt und zwischen sich einen engen Raum gelassen, welcher vorn ganz mit Schlingpflanzen verhangen war. Ich hatte früher diese Stelle einmal durch Zufall gefunden. Also da wollte ich ausruhen, da ich die ganze Nacht geritten war. Nach Mittag wollte ich wieder fort, um bis zum Abend den Urwald zu erreichen. Ich hatte nun wohl auch bis zum Mittag geschlafen, als ich von Stimmen geweckt wurde Zwei Männer sprachen spanisch mit einander. Ich schob die Lianen ein wenig aus einander und ich sah sie auf zwei Steinen vor meinem Verstecke sitzen. Der eine war ein Weißer, alt, hager und knochig, der andere ein junger Indianer. In der Nähe saß ein indianisches Weib.«

»Die Mutter von Gomez.«

»Mag sein. Ich konnte jedes Wort hören. Sie führten folgendes Gespräch:

»Ich bin alle letzten Nächte um das Lager gegangen,« sagte der Weiße, »um vielleicht einen eures Stammes zu entdecken, doch vergeblich. Du bist der erste, welchen ich sehe.«

»Und ich bin Ihren Spuren schon seit gestern gefolgt, getraute mich aber heute, als ich Sie erreichte, nicht in Ihre Nähe,« meinte der Indianer.

»Was wolltest du tun?«

»Sie in einem Bogen umreiten und dann meinen Stamm aufsuchen.«

»Ah! Du willst die Deinen auf uns hetzen?«

»Nicht auf Sie, Sennor.«

»Also nur auf die andern. Ich danke dir. Wo sind deine Angehörigen?«

»Sie sind stets in der Nähe. Heute abend werde ich sie gefunden haben.«

»Kannst du sie hierher bringen?«

»Ja, wenn Sie es ehrlich meinen.«

»Unsinn! Deine Häuptlinge kennen mich. Ich bin bereit, dasselbe Geschäft wie immer mit ihnen zu machen. Kennst du meine Bedingungen?«

»Nein, Sennor.«

»So warst du noch nie dabei, wenn ich – –«

»Noch nie.«

»Aber du hast doch wenigstens gehört, daß ich euer Freund bin und euch zuweilen einen Fang in die Hände treibe?«

»Das weiß ich, Sennor.«

»Kannst du schweigen?«

»Schweigen ist die beste Tugend.«

»Gut! So will ich dir sagen, daß ich euch solche Leute stets unter der Bedingung überliefere, daß alles Geld, welches sie besitzen, alles Gold und Geschmeide mir gehört; alles andere ist euer. Ist dir das recht?«

»Ja.«

»Werden die Deinen auch heute beistimmen?«

»Ja, wenn sie es schon früher getan haben.«

»So sage ihnen, daß ich zwanzig Männer, fünf Frauen und zwölf Kinder habe, die sie bekommen sollen. Was diese Leute an Gold, Ringen und Uhren bei sich tragen, das gehört mir; alles andere sowie das Lösegeld für die Kinder ist dann euer.«

»Ich werde es dem Häuptling sagen.«

»Ihr tötet die männlichen Gefangenen und Kinder stets?«

»Ja.«

»Das dulde ich dieses Mal nicht. Auch die Knaben sollen leben; ihr werdet desto mehr Lösegeld bekommen.«

»Wir bekommen nicht mehr, denn wenn wir Knaben leben lassen, so behalten wir sie; sie müssen Indianer werden.«

»Damit bin ich einverstanden. Ich will mit euch ein Geschäft machen. Ich will Geld haben, und ihr sollt Waffen, Pulver, Kleider, Pferde, Rinder, Wagen und Lösegeld erhalten; aber morden wollen wir nicht.«

»Das müssen wir doch! Die zwanzig Männer sollen sterben!«

»Nein, sage ich dir!«

»Aber dann können wir ihnen doch nicht ihr Eigentum und ihre Kinder nehmen!«

»Warum nicht?«

»Weil sie es verteidigen werden.«

»Schwachkopf! Sie sollen sterben, ohne daß wir sie töten. Kennst du diese Gegend genau?«

»Ja.«

»Auch die Krokodileninsel?«

»Ja. Unsere Väter sandten ihre Kriegsgefangenen nach derselben, damit sie dort entweder verhungern mußten oder von den Krokodilen verschlungen wurden.«

»Nun, dorthin führe ich noch vor Abend die zwanzig Männer.«

»Sie werden nicht folgen.«

»Sie werden gern mitgehen. Ich werde schon einen Grund finden, ihnen Appetit nach der Insel zu machen.«

»Aber wie kommen sie hinüber?«

»Es stehen ja Bäume verschiedener Stärke am Wasser. Da ist leicht ein Floß angefertigt.«

»Wollen Sie die Leute auf demselben hinüber schaffen?«

»Ja.«

»So müssen doch Sie wieder zurück, und da werden die Männer mitwollen.«

»Nein. Ich werde einen Grund finden, allein herüber zu rudern. Dann sitzen sie drüben auf dem nackten Sande, rings von Wasser umgeben, welches von Krokodilen wimmelt. Sie können es nicht wagen, zurückzuschwimmen und müssen also verschmachten.«

»Sie werden die Krokodile erlegen!«

»Womit? Ihre Waffen werde ich ihnen schon ablocken. Und mit irgend einer religiösen und frommen Finte bringe ich sie schon nach der Insel.«

»Dann werden sie gehorchen; ich glaube es. Ich hole indessen die Aripones herbei, und dann teilen wir.«

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.