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Der Schatz der Inkas

Karl May: Der Schatz der Inkas - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/may/sendado2/sendado2.xml
typefiction
authorKarl May
titleLopez Jordan
publisherDeutscher Hausschatz in Wort und Bild
booktitleEl Sendador
firstpub 1890/1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.karl-may-gesellschaft.de
created20090708
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9. Fortsetzung

»Was haben denn die dort zu tun?« fragte er, auf unsere Posten zeigend.

»Jeden niederzuschießen, welcher es wagt, sich uns ohne meine ausdrückliche Erlaubnis zu nähern.«

»Pah! Ziehen Sie diese Posten getrost ein! Sie sind doch zu nichts nütze, und Sie werden wohl binnen einer Viertelstunde hier nichts mehr zu befehlen haben.«

»Davon bin ich selbst überzeugt.«

»Also spielen Sie doch nicht Soldaten! Das ist ein Spiel, wovon Sie nichts verstehen.«

»Keine solche Bemerkung! Ich bin vielleicht ein besserer Soldat als Sie, obgleich ich den Krieg und die Aufwiegelung nicht zu meinem Handwerke mache! Beurteilen Sie mich nicht falsch! Es wäre für manchen Major besser, wenn er Holzhacker geworden wäre!«

»Diabolo! Lassen Sie endlich das Gift sehen, von welchem Gomarra nichts bemerkt zu haben behauptete? Nun, mir kann es lieb sein, daß die Unterredung ein wenig belebter und erregter wird, als es den ersten Anschein hatte.«

»Gut! Beginnen wir!«

»Schön! Vorher aber die notwendigste Frage: Ich habe unter allen Umständen freies Geleit?«

»So! Welche Ausnahme machen Sie?«

»Wenn Sie sich Ihrer Waffen bedienen oder wenn während Ihrer Anwesenheit überhaupt etwas Feindseliges gegen uns geschieht, so holt die Katze Ihr Leben!«

»Ich beabsichtigte nichts derartiges.«

»So sind Sie bei uns sicherer als ich bei den Offizieren Ihrer Farbe.«

»Dort haben Sie allerdings Ihr Leben verwirkt.«

»Meinetwegen. Sie wissen, wie hier am Orte die Verhältnisse stehen. Glauben Sie wirklich, daß es für uns keine Rettung gibt?«

»Ja, davon bin ich vollständig überzeugt, Sennor.«

»Aber wir können uns wehren.«

»Pah! Mit Tagesanbruch können wir sehen. Dann schlagen wir Bresche in die Kaktushecken und stürmen den Kram!«

»Dasselbe können wir umgekehrt tun, nämlich wir schlagen ebenso Bresche und fliehen.«

»Sie haben keine Pferde!«

»Desto leichter können wir uns im Gesträuch verbergen.«

»So weit lassen wir Sie ja gar nicht kommen!«

»So sagen Sie mir doch einmal gefälligst, warum Sie erst am Tage sich durch den Kaktus wagen wollen.«

»Da hört man es, daß sie kein Offizier sind und von der Taktik nichts verstehen! Während wir hüben, von außen, am Kaktus arbeiten, geben Sie uns von drüben, von innen, Ihre Kugeln.«

»Ah, welch ein Glück, daß wir nicht auf den Gedanken gekommen sind, durch den Kaktus zu brechen!«

»Wir hätten Sie schön empfangen wollen! Was nicht unter unsern Kugeln gefallen wäre, das hätten unsere Bolas niedergerissen.«

»Schrecklich! Denken Sie nur, Frater!«

Diese ironischen Worte richtete ich an den Bruder, welcher sehr ernst nickte, so daß der Major fortfuhr:

»Sie haben doch gar keinen Begriff, wie schwer es ist, durch den Kaktus zu kommen! Dazu muß man Äxte, Beile und Stangen haben. Und das Geräusch, das Prasseln, welches eine solche Kaktuswand verursacht! Ich hätte sofort meine tausend Mann dort beisammen gehabt.«

»Tausend?« frage ich. »Ich denke vierhundert!«

»Da irren Sie sich. Ich habe tausend. Sie sehen, daß Sie unmöglich entrinnen können.«

»Wenn wir von einer solchen Übermacht eingeschlossen sind, so können wir allerdings nicht an Rettung denken!«

»Es wäre Wahnsinn. Ergeben Sie sich also auf Gnade und Ungnade. Wenn Sie sich ohne Widerstand ergeben, werde ich mein möglichstes tun, Ihnen ein mildes Urteil zu erwirken.«

»Meinen Gefährten auch?«

»Ja.«

»Und der Führer mit seiner Mutter?«

»Beide sind frei. Mit ihnen haben wir nichts zu schaffen.«

»Dürfen wir frei mit Ihnen reiten? Ungefesselt?«

»Nein. Das kann ich nicht zugeben.«

»Wir würden wohl auf die übrigen Bedingungen eingehen, nur aber auf diese nicht.«

»Ich kann nicht von derselben abgehen. Ich will Ihnen noch eine Bedenkzeit von zehn Minuten geben. Ist diese verstrichen, so sind wir fertig, und ich habe als Unterhändler nichts mehr mit Ihnen zu schaffen.«

»Nun gut! Kommen Sie in das Haus.«

»Was soll ich dort?«

»Sie sollen erfahren, daß wir einen Parlamentär höflich zu behandeln verstehen.«

»Das will ich mir gefallen lassen. Ich trank am ganzen Tage nichts als Wasser. Vielleicht gibt es noch einen besseren Tropfen im Rancho.«

Der Steuermann band die Frau los. Sie mußte mit mir und dem Major in die Stube. Dort erklärte sie, daß Wein vorhanden sei, den sie holen wolle. Auch Fleisch und Brot sollte der Major bekommen. Sie ging fort, und ich wartete, bis sie die Sachen auf den Tisch stellte. Dann fragte ich:

»Also zehn Minuten geben Sie uns Zeit?«

»Ja, von jetzt an.«

»Wir werden uns im Schuppen beraten.«

»Warum nicht außen am Feuer?«

»Sie möchten aus unserm Verhalten erraten, wer dafür und dagegen ist, und die letzteren dann strenger nehmen.«

»Sie sind äußerst vorsichtig! Aber – – Sie planen doch nicht etwa Verrat gegen mich?«

»Fällt uns nicht ein!«

»Ich kann gehen, wenn ich will?«

»Sobald es Ihnen beliebt.«

»Schön! So beraten Sie! Aber ich gebe Ihnen nochmals zu bedenken, daß es für Sie kein Entrinnen gibt.«

»Und wenn wir doch einen solchen Weg fänden?«

»So versuchen Sie ihn schleunigst!« lachte er.

»Raten Sie uns das wirklich?«

»Allen Ernstes, denn ich weiß, daß Sie eben auf keine Art und Weise loskommen können.«

Ohne daß ich den Gefährten gesagt hatte, wußten sie, daß der Augenblick jetzt gekommen sei. Sie hatten sich alle, während ich in der Stube war, nach dem Eingange des Korrals geschlichen und dort auch bereits das Pferd losgebunden. Dort erwarteten sie mich mit meinem Gewehre, welches ich nicht mit in die Wohnung hatte nehmen können.

»Fort?« fragte der Oberst.

»Ja,« antwortete ich. »Schnell, aber leise. Doch vorher schieben wir von innen die Planken wieder vor, damit der Major nicht sofort merkt, wo wir hinaus sind.«

Das wurde getan, dann machten wir uns auf den Weg. Das Pferd führte ich, da es in meiner Hand am ruhigsten war. An der Hecke angekommen, zog ich die künstlich natürliche Türe mit meinem Flintenlauf auf und huschte hinaus. Niemand war zu hören und zu sehen. Die andern kamen nach. Dann schritten wir möglichst leise und gradaus ins Feld hinein. Dabei legte ich meinem Pferde die Hand auf die Nase, damit es nicht schnauben oder gar wiehern solle. Erst ungefähr sechshundert Schritte von der Kaktushecke entfernt hielt ich an.

»Was hier?« fragte der Oberst. »Warum nicht weiter fort.«

»Zu Fuße? Damit sie unsre Spuren finden, wenn es Tag ist, und uns einholen? Nein, wir müssen Pferde haben.«

»Ah! Woher aber nehmen?«

»Von den zweihundert Soldaten.«

»Stehlen?«

»Ja. Unter diesen Verhältnissen halte ich das für keine Sünde, zumal ich vollständig überzeugt bin, daß keiner dieser Männer sein Pferd ehrlich bezahlt hat.«

»Aber, Sennor, wenn man Sie bemerkt, werden Sie ergriffen oder man entdeckt uns!«

»Keins von beiden.«

»Wie wollen Sie es denn anfangen, um zehn Pferde zu erhalten?«

»Das kommt darauf an, wie ich die Verhältnisse finde.«

»Hm! Sie benehmen sich ja wie ein professionierter Pferdedieb!«

»Das muß man auch, wenn man Pferde stehlen will. Nur Sennor Mauricio Monteso mag mich begleiten. Wir nehmen die Gewehre nicht mit, denn ich glaube, daß wir nur die Messer brauchen werden. Die andern warten, bis wir wiederkommen.«

»Pferde stehlen!« lachte der Yerbatero leise vor sich hin. »Das wird höchst interessant. Ich gehe gar zu gern mit.«

Wir schlichen mit einander dem Kaktuszaune wieder zu, aber weiter nach rechts, da, wo ich Soldaten vermutete. Bald hörten wir das Schnauben von Pferden.

»Legen Sie sich jetzt auf den Boden,« flüsterte ich dem Yerbatero zu. »Und kriechen Sie hinter mir her, aber leise, ganz leise!«

»Werden wir denn Pferde bekommen?« fragte er gespannt.

»Gewiß. Die besten, die es gibt. Und ich will noch mehr, weit mehr.«

»Stehlen?«

»Ja. Einen Menschen sogar!«

»Sind Sie bei Sinnen?«

»Sehr gut. Aber sprechen Sie leiser! Sonst entgeht mir der Fang, den ich machen will.«

»Sie werden uns dadurch den Pferdediebstahl verderben und sich und mich ganz unnötiger Weise in Gefahr bringen.«

»Wenn ich das bemerke, so lasse ich ab davon.«

»Auf wen haben Sie es denn abgesehen, Sennor?«

»Auf keinen andern als auf den Herrn Oberlieutenant Antonio Gomarra.«

»Warum auf diesen?«

»Um ihn für seinen Übermut zu strafen und weil er diese Gegend sehr genau kennt. Er ist der Führer dieser Leute. Zwinge ich ihn, mit uns zu reiten, so vermögen sie uns nicht zu folgen, während seine Ortskenntnis uns zu Gute kommt.«

»Das ist klug!«

»Nicht wahr? Aber wir müssen uns beeilen. Es sind nun, seit ich den Major verlassen habe, über zehn Minuten vergangen. Er wird noch ganz ahnungslos beim Fleische sitzen. Aber sobald er bemerkt, daß wir verschwunden sind, wird er ein lautes Hallo erheben. Kommen Sie also weiter!«

Wir brauchten gar keine bedeutende Strecke zurückzulegen. Bereits nach ganz kurzer Zeit sahen wir die Gestalten von weidenden Pferden vor uns. Das uns nächste war höchstens zwölf Schritte von uns entfernt.

»Warten Sie!« flüsterte ich dem Yerbatero zu. »Verlassen Sie diesen Ort nicht eher, als bis ich zu Ihnen zurückkehre!«

Wo weidende Pferde sind, muß sich auch der Hirt, der Aufseher, der Posten befinden. Dieser war unschädlich zu machen. Ich schob mich also weiter und weiter fort, bis ich mich inmitten der Pferde befand. Und da sah ich hinter zweien neben einander stehenden Tieren nicht einen, sondern zwei Wächter stehen. Das war dumm! Sollte oder vielmehr konnte ich zwei Menschen auf mich nehmen? Jawohl, aber während ich den einen niederschlug und den andern packte, konnte dieser um Hilfe rufen. Dennoch kroch ich näher. Sie sprachen mit einander. Ich hörte ihre Stimmen, ihre Worte ganz deutlich. Und fast hätte ich vor Freude die Hände zusammengeschlagen, als ich in der Stimme des einen diejenige des Oberlieutenants erkannte.

Ich hatte mich darauf gefaßt gemacht, lange und unter Gefahr nach ihm suchen zu müssen, und nun war ich ihm gerade vor die Fährte gekommen! Beide zugleich konnte ich nicht fassen. Ich mußte darauf rechnen, daß Gomarra nur für einen Augenblick hierher gekommen sei, um nach seinen Pferden zu sehen und dann wieder zurückzukehren. Darum kroch ich noch eine Strecke weiter und blieb dort still im Camposgrase liegen. Wohl fünf Minuten hatte ich gewartet, da erklangen von dem Rancho her laute Rufe:

»Herein, herein, alle! Die Kerle sind weg! Sie haben sich versteckt. Herein, herein!«

Das war der Major. Hinter mir, gegen die Kaktushecken zu, hörte ich nun Stimmengewirr und eilende, drängende Schritte. Vor mir hatte sich der Indianer, der Oberlieutenant, auch sofort in Bewegung gesetzt. Er eilte auf den Rancho zu und mußte an mir vorüberkommen. Jetzt war er da!

Er sah mich nicht. Indem er vorbei wollte, ergriff ich seinen Fuß. Er stürzte zu Boden, und sofort lag ich auf ihm, indem ich ihm die Gurgel zusammendrückte. Er war mein. Nun nahm ich ihn auf die linke Schulter und ging schnurstraks zu dem Wächter der Pferde. Vor diesem einen Mann hatte ich gar keine Sorge, zumal ich darauf rechnete, daß er vor Schreck halbtot sein werde. Als er mich mit meiner Last erblickte, fragte er:

»Was ist denn das für ein Lärm in dem Rancho?«

»Der Major ruft die Leute,« antwortete ich.

»Warum?«

»Davon nachher! Wo stehen noch andre Pferde?«

»Weit um die nächste Ecke.«

»Wie viele Wächter?«

»Nur einer, gerade wie hier.«

Der Mann antwortete mir wunderhübsch. Nun aber kam ihm doch der Verdacht, denn er fügte hinzu:

»Was ist denn das? Was haben Sie? Das ist ja ein Mensch? Was sind Sie?«

»Der Deutsche, den ihr fangen wollt, und dieser hier ist der Oberlieutenant Gomarra, den ich anstatt dessen nun mir gefangen habe. Melde das dem Major, wenn du ausgeschlafen hast! Einige Pferde nehmen wir uns mit. Gute Nacht!«

Er empfing meinen Hieb, ohne sich zur Flucht von der Stelle gewendet zu haben, und fiel zu Boden.

»Sennor Monteso!« rief ich ziemlich laut, denn ich brauchte nicht mehr vorsichtig zu sein.

»Was?« fragte er.

»Holen Sie schnell die andern herbei! Pferde sind die schwere Menge da, und zwar die besten unter allen.«

Er rannte fort und brachte in kürzester Zeit die Gefährten herbei. Das Erstaunen derselben läßt sich kaum beschreiben.

»Um des Himmels willen, welche Unvorsichtigkeit!« meinte der Oberst.

»So nahe am Rancho, wo die Feinde stehen!«

»Die stehen nicht da, sondern sie befinden sich im Innern des Rancho, um nach uns zu suchen.«

»Und wer liegt denn da?«

»Der Wächter und der Oberlieutenant, den wir mitnehmen. Aber fragen Sie nicht, sondern beeilen Sie sich, daß wir fortkommen! Jeder mag sich ein Pferd nehmen. Gesattelt sind sie ja alle.«

»Ein Pferd? Da es einmal so steht, so mag jeder so viel Tiere beim Zügel nehmen, als er fortzubringen vermag. Dann aber weiter.«

Nach diesem Befehle des Obersten wurde gehandelt. Die Pferde waren alle an Lassos gepflockt. Man brauchte die Pflöcke nur aus der Erde zu ziehen, so hatte man Pferd, Lasso, Sattel und das ganze Zeug. Gewiß ein billiges Geschäft! Jeder nahm, was er erwischte; dann wurde aufgestiegen. Ich hob den ohnmächtigen Oberlieutenant zu mir in den Sattel, und dann ging es fort. Nach mehreren Minuten, als wir uns nicht mehr in der gefährlichen Nähe des Rancho befanden, wurde zunächst ein ganz kurzer Halt gemacht, um den Gefangenen zu binden, damit er beim Erwachen keine Beschwerden machen könne.

»Und wo aber nun hin?« fragte der Oberst.

»Zunächst nach Nordost,« antwortete der Yerbatero. »Da es dunkel ist, müssen wir langsam reiten, um zunächst aus dem Gesumpf des Parana glücklich herauszukommen. In kurzer Zeit geht der Mond auf. Dann wird es sich leichter reiten lassen.«

Er hatte recht. Nach einer halben Stunde erschien der Mond am Himmel, welch letzterer jetzt so rein und wolkenlos war, daß man ein Wetter wie das heutige gar nicht für möglich gehalten hätte. Es war eben ein sehr nasser Pampero gewesen, der seinen Grimm schnell erschöpft hatte.

Nun ging es im Galopp über den Camp, immer in nordöstlicher Richtung. Zuweilen kam ein schmaler Wasserlauf, den wir leicht übersetzten. Sumpfige Stellen unterschieden wir auch nicht schwer, da die dort befindliche Vegetation sich selbst im Mondenschein von dem Camposgrase absehen läßt. So ritten wir eine Stunde, zwei Stunden und darüber. Mein Gefangener bewegte sich nicht. Es wurde mir angst um ihn. Sollte ich ihn erwürgt haben? Das war nicht meine Absicht gewesen und mußte mir für immer auf der Seele liegen. Ich hob ihn hoch und sah ihm nach den Augen. Sie waren geschlossen. Da hatte ich nicht länger Ruhe. Ich ließ anhalten und absteigen. Gomarra wurde in das Gras gelegt und von seinem Fußriemen befreit. Siehe da, er sprang augenblicklich auf, öffnete die Augen und ließ eine fürchterliche Strafrede los. Wir lachten allesamt. Ich ließ ihn mit seinem Zornesergusse zu Ende kommen und sagte dann:

»So schnell habe ich noch keinen ins Leben zurückkehren sehen! Ich denke, Sie sind tot, Sennor! Warum bewegten Sie sich denn nicht?«

»Konnte ich?«

»Aber Sie hätten sprechen können.«

»Um Ihnen zu sagen, was für ein schrecklicher Kerl Sie sind? Dazu ist's auch jetzt noch Zeit! Wäre ich nur nicht gefesselt!«

»Ja, da würden Sie wieder sagen, daß man Ihnen über mich sehr viel weiß gemacht hat, daß ich ein dummer Kerl bin und keine Ehre habe. Eben weil ich klüger war als Sie, schwieg ich, und eben weil ich Ehre hatte, ließ ich Ihre Beleidigungen einstweilen hingehen, weil ich wußte, daß Sie sich nun jetzt vor mir schämen müßten. Aber es geschieht Ihnen nichts, Sie gefallen mir.«

»Aber was beabsichtigen Sie denn eigentlich mit mir?«

»Sie sollen unser Führer sein.«

»Danke! Zum Führer ist niemand zu zwingen.«

»Sehr leicht sogar.«

»Möchte wissen! Wenn ich Sie nun irreführe?«

»So schießen wir Sie nieder. Übrigens ist es nicht so leicht, uns irre zu führen. Wir sind keine Maulwürfe, welche sich nur in der Erde fortfinden. Ich bin überzeugt, daß es Ihnen bald bei uns gefallen wird.«

»Und ich sage Ihnen, daß ich so bald wie möglich von Ihnen fortzukommen versuchen werde!«

»Machen Sie diesen Versuch! Zunächst aber wird er nicht gelingen. Wir werden Sie auf das Pferd binden.«

Das geschah. Die Beine wurden ihm an den Pferdegurt gebunden, und die Zügel bekam er in die gefesselten Hände. So ging es weiter und weiter, bis wir alle nach den Anstrengungen des vorhergehenden Tages der Ruhe bedurften. In einer Vertiefung des Campos gab es ein Gebüsch. Dort stiegen wir ab. Die Pferde wurden angepflockt. Dann legten sich die Reiter nieder. Einer mußte Wache halten und ganz besonders acht auf Gomarra geben. Es gab hier weder etwas zu essen, noch etwas zu trinken. Darnach aber fragte auch keiner. Nur Ruhe wollten alle.

So, wie wir uns neben einander legten, in derselben Reihenfolge traf uns die Wache. Ich war der erste. Und da ich Gomarra neben mir hatte haben wollen, so lag er jetzt, indem ich auf und nieder ging, am Ende der Schlafenden.

Der Mond stand hoch über uns und warf einen magischen Schimmer über den Campo. Frösche schrieen in nahen Pfützen, welche von dem Pampero gefüllt worden waren; sonst lag tiefe Stille über die Ebene ausgebreitet.

Um die Kameraden nicht durch meine Schritte zu stören, setzte ich mich nach einer Weile auf meinen Platz, zog die Kniee empor, stemmte den Ellbogen darauf und legte den Kopf in die hohle Hand. Was man in solchen Stunden denkt? Wer weiß es; wer kann es später sagen! Vielleicht hat man an sehr viel, vielleicht aber auch an gar nichts gedacht. Oft ist es ein eigenartiges Halbdunkel, in welchem sich die Seele befindet. So hatte ich längere Zeit gesessen, als ich plötzlich leise hörte:

»Sennor?«

Es war Gomarra.

»Was wollen Sie?« fragte ich ihn.

»Werden Sie mir etwas sagen, ganz aufrichtig sagen?«

»Gewiß, wenn ich es weiß.«

»Sie sagten zu mir, ich gefiele Ihnen. Ist das keine Ironie, kein Hohn gewesen?«

»Nein, Sennor, ich habe es aufrichtig gemeint, als ich sagte, daß Sie mit gefallen.«

»Nun, nennen Sie mich nicht kindisch. Aber es kommt selbst dem härtesten Menschen einmal eine weiche Stunde, und in einer solchen möchte ich Sie fragen, aus welchem Grunde ich Ihnen gefalle. Bitte, Sennor, haben Sie die Güte, es mir zu sagen!«

Wie so ganz verschieden von seinem ersten Auftreten war sein jetziges! Seine Stimme klang beinahe weich; es mochte wirklich so sein, wie er sagte: er hatte eine weiche Stunde. Ich selbst wußte eigentlich nicht, warum dieser Mann auf mich einen mehr als oberflächlichen Eindruck gemacht hatte. Und dieser Eindruck war nicht ein böser, sondern ein guter gewesen. Antonio Gomarra hatte wohl Erlebnisse hinter sich, welche ihn in sich selbst zurückgetrieben hatten. Nun zeigte er eine rauhe Schale, welche aber wohl einen guten Kern in sich schloß. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen; aber es war mir, als müsse ich einen wehmütigen Zug in demselben erblicken, einen Zug, der mir sympathisch sein werde. Darum antwortete ich in freundlichem Tone:

»Sie sollen es erfahren. Habe ich recht, wenn ich annehme, daß Sie früher nicht der finstere, verbitterte Mann waren, der Sie jetzt sind?«

»Ja, da haben Sie wohl recht, Sennor. Ich war ein munterer, lebenslustiger Mann.«

»Irgendein trauriges Ereignis hat die Veränderung hervorgebracht?«

»Allerdings.«

»Darf ich erfahren, welches Ereignis das gewesen ist?«

»Ich pflege nicht davon zu sprechen.«

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