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Der Schatten des Stricks. Erster Band

Ernest William Hornung: Der Schatten des Stricks. Erster Band - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleDer Schatten des Stricks. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1906
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20150209
modified20190724
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Achtes Kapitel. Taube und Schlange

Rahel war sprachlos, und doch lag der natürlichen, durch einen solch vorschnellen und unvorbereiteten Heiratsantrag hervorgerufenen Verlegenheit, ein gewisses Gefühl der Erleichterung zu Grunde. Nun war die logische Erklärung für das ganze Verhalten dieses Mannes ja gefunden. Vom ersten Augenblick an hatte sie diesen Beweggrund vermutet, der schließlich ja auch der einzig mögliche war.

»Ich wünsche Sie zu meiner Frau zu machen,« wiederholte Mr. Steel in ehrerbietigem Tone, dabei aber doch mit der Miene eines Mannes, der daran gewöhnt ist, das zu erreichen, was er wünscht.

Und wieder fiel Rahel, während ihr Blick auf der kraftvollen, hochaufgerichteten Gestalt und auf dem frischen, zwar nicht mehr jungen, aber männlich-energischen Gesicht ruhte, das Sprichwort ein, »Alter schützt vor Torheit nicht«, das ihr schon am Abend vorher durch den Sinn gefahren war, freilich nur, um es jetzt endgültig als unzutreffend zu verwerfen. Dieser Mann hier war weder ein Tor, noch war er alt. Er mochte überspannt sein, jedenfalls aber war er vollständig bei gesundem Verstand, und so lange ein solches Feuer in diesen dunklen Augen glühte, konnte auch niemand ihn einen alten Mann nennen.

Sie war versucht, ihm zu sagen, daß sein Vorhaben unsinnig sei, allein noch ehe die Worte auf ihre Lippen traten, fühlte sie, daß dies die allerunpassendste Antwort gewesen wäre, denn er sah alles, nur nicht so aus, wie jemand, der unüberlegt in den Tag hineinspricht, sondern zielbewußt, selbstvertrauend und zuversichtlich, wenn auch nicht hinsichtlich ihrer Antwort. Schließlich entgegnete sie ihm, daß an so etwas nicht zu denken sei, da er ja so gut wie gar nichts von ihr wisse, und er sie folglich auch nicht lieben könne, ganz abgesehen von ihren eigenen Gefühlen.

»Verstehen Sie unter lieben verliebt sein und alles, was drum und dran hängt?« sagte er.

»Selbstverständlich,« antwortete Rahel mit großer Ruhe und unverhohlener Ironie, wenn auch nicht ohne neu erwachte heimliche Besorgnis.

»Habe ich etwa gesagt, daß ich in Sie verliebt sei?« fragte Steel mit einem Lächeln, das ebenso nachsichtig war als sein Ton. »Es könnte ja vielleicht der Fall sein, aber wie hätte ich die Frechheit haben können, es Ihnen zu gestehen?«

»Die Beleidigung ist noch größer, wenn Sie es nicht sind,« erwiderte Rahel mit aufflammender Heftigkeit, aber niedergeschlagenen Augen.

»Sie meinen, wenn man einer Frau, die zu lieben man – vorläufig – noch nicht zu behaupten wagt, seine Hand anbietet?«

Rahel geruhte jedoch nicht, zu antworten.

»Die man nur bewundert – glühend bewundert?«

Nun fühlte sie sich doch zu einer Antwort verpflichtet, denn in seinem Ton wenigstens lag nichts Beleidigendes. Ein zartes Rot auf den Wangen, schlug sie die treuherzigen Augen zu ihm auf.

»Ja, ich finde, daß es lediglich keine Entschuldigung für einen Heiratsantrag gibt, der nicht auf Liebe, auf Liebe allein gegründet ist.«

»Oder auf Vorspiegelung von Liebe,« verbesserte Steel in fast strengem Tone. »Das ist ein hartes Wort,« fuhr er dann fort, indem er sich wieder setzte und seinen Stuhl Rahel noch näher rückte. »Überdies, da ich Sie ja nun doch schon beleidigt habe, lassen Sie mich noch weiter sagen, daß Ihr Ausspruch obendrein eine recht abgedroschene Redensart ist. Jedenfalls aber müssen Sie zugeben, daß sich Ihre Ansicht auf die gewöhnliche Auffassung der Ehe bezieht, und bevor wir überhaupt weiterreden, möchte ich Sie vor allem über die Art der Heirat, die ich mit Ihnen zu schließen beabsichtige, aufklären.«

Eine bestimmte Absicht also hatte er schon! Nicht von einem Wunsch oder einer Sehnsucht sprach er, sondern von einem ganz festen Vorsatz! Rahel fühlte sich nicht wenig verletzt, doch gab sie dieser Empfindung vorläufig keinen Ausdruck.

»Die Heirat, die ich Ihnen vorschlage,« fuhr Mr. Steel fort, »soll mir nur das Recht geben, auch vor der Welt Ihr Freund zu sein. Und das will und werde ich sein, und zwar gegen Ihren Willen, wenn es nicht anders geht. Ihre Anklage erregte mein Interesse, und deshalb wohnte ich den Verhandlungen an. Bald aber wurde dieses Interesse für Ihren Fall noch bei weitem durch das für Ihre Person übertroffen. Das Wort Interesse ist übrigens zu schwach, um das auszudrücken, was ich empfand, aber ich will Ihr Mißfallen nicht durch ein stärkeres erregen. Sie wissen, daß ich mich zu Ihnen hingezogen fühlte, auch habe ich Ihnen bei der ersten passenden Gelegenheit offen eingestanden, zu was für heimlichen Schleichwegen ich durch Ihren unnahbaren Stolz gezwungen wurde. Die ganze Geschichte von der schiffbrüchigen Tochter war allerdings eine recht grobe Erfindung; aber erstens blieb mir nur wenig Zeit zur Überlegung, und zweitens war es meine angelegentlichste Sorge, daß Sie weder hier noch sonstwo in meiner Gesellschaft erkannt würden. Dies war unbedingt notwendig, wenn ich überhaupt eine Aussprache mit Ihnen ermöglichen wollte. Gestern abend berührte ich absichtlich diesen Punkt nicht, da es immer leichter ist, nichts als wenig zu sagen; zudem waren Sie so erregt und verwirrt, daß Sie vielleicht direkt wieder davongelaufen wären, ohne wenigstens die Wohltat einer behaglichen Nachtruhe genossen zu haben, die Ihnen doch so sehr nötig war. Heute vormittag nun bin ich entschlossen, die Sache zur Entscheidung zu bringen. Vor allem aber möchte ich Ihnen noch sagen, daß wenn die Umstände es mir erlaubten, meine väterliche Rolle weiterzuspielen, dies mir vollständig genügen würde. Unglücklicherweise aber kennt man mich in meiner Heimat als alten Junggesellen, so daß ich nicht plötzlich mit einer verwitweten Tochter hervortreten kann, ohne für uns beide große Unannehmlichkeiten heraufzubeschwören. Eines aber kann ich tun,« fügte Steel, sich noch weiter vorbeugend, fort und mit Augen, die Rahel wieder vollständig im Banne hielten, »ich kann und will mit einer Dame zurückkehren, die dem Namen nach meine Gattin, in Wirklichkeit aber meine Tochter ist. Ich hoffe zuversichtlich, daß wir die besten Freunde sein werden; im übrigen aber gebe ich Ihnen mein Wort, und nicht nur das, sondern auch die schriftliche Versicherung, daß wir uns niemals mehr zu sein brauchen.«

Rasch und hastig hatte Steel gesprochen. Die Pause aber, die jetzt folgte, nahm mehr Zeit in Anspruch, als es seine lange Rede getan hatte; auch die Augen hatten sie nicht von einander abgewandt.

»Sie glauben doch wenigstens an die Aufrichtigkeit meines Anerbietens?« fragte er endlich, und ihm noch immer in die Augen sehend, murmelte sie ein leises: »Ja.«

»Sie werden auch stets eingedenk bleiben, wie sehr mein Anerbieten von den gewöhnlichen Anträgen dieser Art abweicht, und daß ich niemals behauptet habe, in Sie verliebt zu sein.«

»Ja.«

Steel stand auf, als wolle er sich zum Gehen anschicken; auch den Blick hatte er abgewendet und dadurch den Zauberbann gebrochen. Trotzdem blieb er zögernd stehen.

»Dieses Ja klang nun allerdings nicht sehr schmeichelhaft für mich,« rief er, »aber der Mensch kann sich irren, und in meiner Besorgnis, ja nicht zu viel Gefühl zu zeigen, bin ich vielleicht ins entgegengesetzte Extrem verfallen. Nun, Sie kennen das gewöhnliche Extrem in solchen Fällen und die Gefahren, die damit verbunden sind, Gefahren, die wir nicht zu fürchten brauchen. Ich gehe jetzt, damit Sie sich meinen Vorschlag einige Minuten überlegen können. Wünschen Sie dann weiter darauf einzugehen, so werde ich mich nur zu glücklich preisen; andernfalls soll die Angelegenheit für immer erledigt sein.«

Einige Minuten! Rahel fühlte von neuem bitteren Groll in sich aufsteigen, freilich ohne zu wissen, daß die Ursache dieses Grolls in ihr lag und daher rührte, daß sie diesem Manne nicht noch mehr zu grollen vermochte. Sie hatte genug vernommen, und es wäre eine Schwäche von ihr, noch ein einziges Wort weiter anzuhören; und doch und doch ...

»Gehen Sie nicht,« sagte Rahel in fast verdrießlichem Ton, »das hat ja doch keinen Wert. Etwas so Ungewöhnliches ... doch nein,« unterbrach sie sich, »ich bin Ihnen schon zu viel Dank schuldig, als daß ich mir einen Tadel herausnehmen dürfte. Trotzdem glaube ich doch das Recht zu haben, ein wenig weiter auf die Sache einzugehen, ohne mir dadurch etwas zu vergeben.«

»Selbstverständlich.«

Diesmal blieb er jedoch stehen, auch hielt er den hypnotisierenden Blick ausnahmsweise nicht auf sie gerichtet, so daß Rahel jetzt im Vorteil zu sein schien.

»Sie sprachen von Ihrer Heimat,« begann sie. »Leben Sie im Ausland?«

Nur ein leiser Anflug von ängstlicher Neugierde klang aus der Frage, dessen sich Rahel indes selbst nicht bewußt war, den aber Steel wohl bemerkte und der ihm einen Seufzer entlockte.

»Es war bildlich gesprochen,« sagte er. »Ich meinte damit mein engeres Vaterland.«

»Und wo ist das?«

»Im Norden,« antwortete er unbestimmt. »Sie haben meine Karte wohl nicht näher angesehen. Hier ist eine andre, vielleicht haben Sie die Güte, sie jetzt eines aufmerksameren Blickes zu würdigen. Die Initialen J. B. bedeuten John Buchanan, ein zwar durchaus nicht interessanter, aber meine Nationalität doch deutlich verratender Name. Ich wundere mich übrigens, daß Sie mir den Schottländer nicht schon längst angesehen haben, obwohl meine Sprache mich allerdings nicht verraten konnte. Normanthorpe House, mein jetziger, auf der Karte angegebener Wohnort, ist ein alter, im Nordosten Englands gelegener historischer Herrschaftssitz, der früher das Eigentum der Familie gleichen Namens war. Aber diese hat so viele größere und modernere Besitzungen, zudem war das ganze Anwesen während der letzten fünfzig Jahre derart vernachlässigt worden, daß sich der Herzog vor zwei Jahren entschloß, es zu verkaufen. Er hatte in seinem ganzen Leben kaum eine Nacht dort geschlafen, und so erwarb ich das Ganze in Bausch und Bogen um ein Nasenwasser. Das in der Nähe liegende, immerhin aber doch sechs gute Meilen entfernte Städtchen Northborough ist der Hauptsitz der Eisenindustrie des Distrikts Delverton. Doch könnte man leicht ein Jahr in dieser Gegend leben, ohne etwas von diesem Industriezweig zu erfahren, eine Behauptung, die die guten Bürger von Northborough freilich sehr übel vermerken würden.«

Rahel hatte die Visitenkarte auf ihren Schoß fallen lassen; offen ruhte ihr Blick jetzt auf Mr. John Buchanan Steel.

»Sie sind also sehr reich,« sagte sie ernst.

»Durchaus nicht,« widersprach er. »Der Herzog, ja, der ist es allerdings, wenn Sie so wollen, ich aber mußte mühsam den Kaufschilling zusammenkratzen, womit er wahrscheinlich eine Auffrischung seines Rennstalls bezahlen oder sich eine Jacht anzuschaffen beabsichtigte.«

Rahel ließ sich jedoch nicht täuschen.

»Ich hätte es mir ja längst sagen können, daß Sie sehr reich sind,« murmelte sie mehr zu sich selbst, und aus ihrem Ton klang etwas, das zu sagen schien: »Nun ist alles aus zwischen uns,« zugleich aber auch ein eigentümliches, unwillkürliches und ihr selbst unbewußtes, aber doch unverkennbares Bedauern.

»Angenommen, Ihre Voraussetzungen wären richtig, was ich aber durchaus nicht zugebe,« fuhr er mit seinem freundlichen Lächeln fort, »so ist es so schwer als je für einen reichen Mann, in den Himmel zu kommen.«

Rahel blieb einige Augenblicke in ernstes Nachdenken versunken.

Er war wunderbar aufrichtig gegen sie, nur über seinen Hauptbeweggrund blieb sie im unklaren. Daß er in allem übrigen die Wahrheit sprach, ihr sogar mehr anvertraute, als nötig war, fühlte sie. Und diese edelmütige Offenheit forderte unwillkürlich die ihrige heraus.

»Es mag sehr kleinlich von mir sein,« sagte sie endlich, »aber wenn Sie verhältnismäßig arm gewesen wären, so – so hätte mich Ihr Anerbieten weniger – beschämt.«

Und auch jetzt erzeugte Offenheit wie gewöhnlich Offenheit.

»Bei Gott,« rief er, »Sie könnten wahrhaftig die Sehnsucht nach einer bescheidenen Vorstadtwohnung und einigen hundert Pfund jährlichen Einkommens in mir wecken! Doch nun sollen Sie lieber sofort auch noch das Schlimmste erfahren. Ich hatte vor, es Ihnen gleich bei meinem Kommen anzuvertrauen, änderte jedoch dann wieder meinen Entschluß. Aber wer A sagt, muß auch B sagen.«

Dabei griff er nach dem Journal, das er mit den Zeitungen gebracht hatte, schlug einen für eine englische Zeitschrift ausgezeichnet illustrierten Artikel auf und händigte Rahel das Heft ein.

»Sehen Sie,« rief er, »hier ist eine ausführliche Beschreibung des unglückseligen Anwesens, ehe es in meine Hände überging! Doch hätte es keinen Wert, wenn ich behaupten wollte, daß es sich noch vollständig im früheren Zustande befinde. Im Gegenteil, ich kehrte das Oberste zu unterst, ließ neue Abzugskanäle anlegen und elektrisches Licht einrichten.«

Der Ton, in dem er dies alles eingestand; klang übertrieben kläglich, und wenn Rahel darauf geachtet hätte, wäre sie sicherlich versucht gewesen, wieder irgend eine kluge Pose dahinter zu wittern: aber sie war bereits ganz in den Artikel oder vielmehr in dessen hübsche Illustrationen vertieft.

»Das Schloß vom Tennisplatz aus gesehen.« – »Im Küchengarten.« – »Die Eingangstür zum Salon.« – »Eine Ecke des chinesischen Zimmers.« – »Ein Teil des Haupttreppenhauses.« So lauteten die unter den Bildern stehenden erläuternden Worte. Und eines dieser Bilder war immer noch schöner als das andre.

»Das hier,« bemerkte Steel, »ist eben der Artikel, durch den ich zuerst auf diesen Ort aufmerksam wurde, als ich mich nach einem Wohnsitz umsah. Und nun,« fügte er hinzu, »habe ich mir wohl selbst die Gurgel abgeschnitten. So wie der Teufel es einst gemacht, habe ich Sie auf die Zinnen eines Tempels geführt ...«

Nicht eine Bemerkung Rahels, sondern sein eigenes Feingefühl, an dem Rahel wenigstens nichts auszusetzen hatte, hatte ihn bestimmt, seinen Satz unvollendet zu lassen. Und doch war Rahel sonst kritisch genug, nur fehlte es ihr noch an Erfahrung. Im übrigen gefiel ihr seine Auffassung des Reichtums, wenn sie sich dabei auch nicht klar machte, daß dadurch ihre eigene Auffassung mehr und mehr hinfällig wurde.

Plötzlich schaute sie auf.

»Ich weiß nun, wieviel ich zu gewinnen hätte. Aber was würde für Sie herausspringen?«

Die Frage war kaum ausgesprochen, als Rahel auch schon die artige Antwort, die eigentlich darauf folgen mußte, voraussah. Mr. Steel verzichtete jedoch darauf, sie auszusprechen.

»Ich bin ein ältlicher Mann,« sagte er, »und – wozu es jetzt noch leugnen? – auch ein wohlsituierter Mann. Ich brauche eine Frau, oder vielmehr meine Nachbarn scheinen darauf erpicht zu sein, mir eine auszusuchen, und wenn es schließlich nicht anders geht, dann tue ich das, weiß Gott, doch lieber selbst. Der Stand der Ehe ist freilich so ziemlich der letzte, nach dem es mich verlangt, und Ihnen, denke ich, wird es ebenso gehen. Schon deshalb würden gerade Sie eine ideale Frau für mich abgeben. Unser persönliches Leben erführe keine Veränderung, ich aber würde vor den Belästigungen der Delvertoner Mütter gesichert sein, und an der Spitze meines Hauswesens stände eine Dame, auf die stolz zu sein ich alles Recht hätte. Aber auch in meinem persönlichen Leben würde ich – wie ich hoffe – durch Ihre Gesellschaft, und wie ich vielleicht hinzufügen darf, Ihre Teilnahme und Ihren Rat nur gewinnen. Mrs. Minchin,« rief Steel mit plötzlich ausbrechender Wärme, »die Heiratsbedingungen sollen aufs strengste geregelt werden, und mein Anwalt wird dafür sorgen, daß mir auch in Zukunft nicht die leiseste Möglichkeit für irgend eine Schwäche oder Torheit bleibt. Es ist ja doch schon manchmal vorgekommen, daß alte Kerls wie ich sich lächerlich gemacht haben. Sie aber sollen von Anfang an dagegen geschützt sein. Niemals soll zwischen uns beiden von Liebe die Rede sein, meine Bewunderung aber, die darf ich Ihnen zollen, und ich scheue mich nicht, Ihnen zu sagen, daß ich Sie mehr bewundere als ich je in meinem Leben eine Frau bewundert habe. Ich hoffe aber, daß wir trotzdem gute Freunde werden.«

Immer dieser Indikativ, niemals die Bedingungsform! Wieder fühlte Rahel einen gewissen Stachel, obgleich sich diesmal durchaus keine Bitterkeit in ihre Gedanken mischte. Sie glaubte diesem Manne und seinen Versprechungen. Überdies begann sich ihr ganzes Sinnen und Denken mehr und mehr auf den einzigen Punkt zu konzentrieren, in dem sie ihm keinen Glauben schenkte: auf seine Gefühle für sie. In dieser Hinsicht war er unaufrichtig, aber schließlich war dies ja eine verzeihliche Unaufrichtigkeit.

An seiner Bewunderung für sie zweifelte sie nicht, denn zu offen und ehrlich trug er sie zur Schau, aber in seinem ganzen Wesen lag mehr als Bewunderung. Er mochte sagen, was er wollte, das Weib in ihr ließ sich nicht täuschen, trotz der traurigen Lebenserfahrungen, die dicht hinter ihr lagen; ja, trotz Argwohn und Mißtrauen, die ihre Seele noch immer umdüsterten – das Weib in ihr erbebte!

Wohl lag diesem Erbeben hauptsächlich Aufregung zu Grunde, aber Aufregung allein war es nicht, sondern der Zauber, den seine Persönlichkeit auf sie ausübte, sobald er ihn nur ausüben wollte, was er in diesem Augenblick auch offenbar tat.

Um diesen Augen zu entfliehen, um nur noch einmal mit sich zu Rate gehen zu können, stand Rahel endlich auf und schaute zum Fenster hinaus auf die Straße.

Es war der gewöhnliche Londoner Novembertag: keine Sonne, aber auch kein dichter Nebel; nur trüber Dunst lag über der Stadt. Kutscher in ihren Radmänteln bemerkte sie, Pferde, die auf den schmutzigen Straßen ausglitten, aus der Kirche zurückkehrende gut gekleidete Damen und ärmliche in Schals gehüllte Frauen, die ebenso durch die Straßen hasteten, wie sie selbst es noch am Abend vorher getan hatte, und diese Nacht wieder tun würde. Wohin dann? Wohin in der großen weiten Welt?

Rahel wendete sich schaudernd vom Fenster ab und griff nach der zu oberst auf dem Tisch liegenden Zeitung. Steel war inzwischen so weit ins Zimmer zurückgetreten, daß sie ihn vom Erker aus nicht einmal zu sehen vermochte. Um so besser. Sie wollte sich schon selbst davon überzeugen, was man noch über sie zu berichten hatte.

Leitartikel fallen ja leicht ins Auge, und in einem Sonntagsblatt sind sie selten lang. Bald hatte Rahel kochenden Blutes den ersten gelesen; mit dem zweiten konnte sie wegen der ihren Augen entstürzenden Tränen nicht zu Ende kommen, und der dritte entzündete Zornesflammen in ihr, die diese Tränen rasch wieder trockneten. Nicht das, was alles darin ausgesprochen war, verletzte sie, sondern das, was zwischen den Zeilen zu lesen stand und was man sich offenbar in Worte zu kleiden scheute. Diese Umschreibungen, diese Anspielungen, die milden Äußerungen des Erstaunens, die kühlen Beglückwünschungen, der geheuchelte ritterliche Ton, dem jede Überzeugung fehlte – dies alles kränkte und verwundete den Gegenstand dieser Ergüsse aufs empfindlichste. Als Rahel dann endlich das vor Erregung glühende Gesicht erhob, stand Mr. Steel mit dem Ausdruck tiefsten Mitgefühls wieder vor ihr.

»Sie müssen nicht glauben,« sagte er, »daß mein Vorschlag Ihnen nur den einen Ausweg läßt, sich mühsam durch eine argwöhnische, grausame Welt zu schlagen. Durchaus nicht. Auch wenn ich nicht Ihr rechtmäßiger Gatte werden sollte, so würde ich Ihnen doch immer ein hilfsbereiter Freund bleiben. Über den ersten Punkt mußte ich Sie um Ihre Meinung fragen, was aber den zweiten anlangt, so sollen selbst Sie mich nicht hindern, das zu tun, was ich für gut halte. Dabei würde ich aber auch in diesem Fall durchaus nicht versuchen, Sie Ihrer Selbständigkeit, die Sie so hoch schätzen, zu berauben, sondern Ihnen im Gegenteil den Weg dazu zeigen. Ich bin nun doch recht froh, daß Sie die Zeitungen gelesen haben, obwohl die morgigen vielleicht noch derbere Anspielungen bringen werden. Also hören Sie. Sie werden zwar wahrscheinlich wieder entsetzt sein, aber je mehr desto besser für mich – und auch für Sie. Ihr Fall ist, noch ehe er zur gerichtlichen Untersuchung gelangte, auf die boshafteste Weise ausgelegt und besprochen worden, und ich bin überzeugt, daß diese ungerechten Anschuldigungen jetzt von neuem losbrechen werden. Diese braucht man sich aber nicht stillschweigend gefallen zu lassen, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn man die Verfasser dieser Schmähartikel nicht mit Erfolg auf Schadenersatz verklagen könnte.«

Rahel schauderte bei diesem Gedanken. Sie hatte für ihr Lebtag genug vom Gericht. Mochten die Leute sie für schuldig halten, wenn sie wollten, es war ihr noch lieber, als daß der alte Rechtsfall neue erzeugen und sich so weiter und weiter hinschleppen würde! Vor allem aber, was für ein unerträglicher Gedanke, daß sie aus dieser entsetzlichen Vergangenheit auch noch Geld herausschlagen sollte!

Dieser Ansicht stimmte auch Steel schließlich bei.

»Dann müssen Sie mir erlauben, Sie nach Australien zurückzuschicken!«

Nein, nein, auch diese Aussicht war ihr fürchterlich. Nie mehr könne sie sich dort oder sonst an einem Orte, wo man sie kenne, zeigen. Ein ganz neues Leben müsse sie beginnen, darüber sei kein Zweifel.

»Auch mir erschien dies von Anfang an als das einzig Richtige, obwohl ich die Ungerechtigkeit der ganzen Sache von Anfang an beklagt habe,« sagte Steel ruhig. »Deshalb habe ich Ihnen auch jene Pläne und Vorschläge unterbreitet.«

Hilflos sah Rahel ihn an. Die Sonntagsblätter hatten sie zur Verzweiflung gebracht, was ja auch vielleicht damit bezweckt worden war.

»Sind Sie sicher,« rief sie, »daß man mich dort oben im Norden nicht kennen würde?«

»Ganz sicher,« antwortete er getrost. »Dafür will ich schon sorgen, und dann werden wir uns ja auch zuerst auf Reisen begeben – sagen wir bis zum Sommer.«

»Ach, wenn ich mein Leben wirklich von vorn anfangen könnte!« sagte Rahel zu sich selbst, aber doch laut und in einer Weise, die deutlich verriet, daß ihr Widerstand gebrochen war.

»Dazu möchte ich Ihnen ja gerade verhelfen,« erwiderte Steel in freundlichem, beruhigendem Tone, indem er seine Hand sanft, aber herzlich auf ihre bebende Schulter legte. Wie wohltuend, wie beruhigend empfand sie den Druck dieser kraftvollen, energischen Hand! Es war das erste Mal, daß seine Hand sie berührte.

»Ich möchte so gerne,« fuhr er fort, »daß Ihr ganzes vergangenes Leben vollständig begraben würde, auch zwischen uns beiden, ja, wenn dies möglich wäre, auch in Ihrem eigenen Herzen! Was mich anbelangt, so würde ich niemals eine einzige Frage über dieses Leben an Sie richten – – unter einer belanglosen und ganz unverfänglichen Bedingung. Was meinen Sie, wollen wir nicht gleich jetzt eine Art Vertrag miteinander abschließen?«

»Zu allem, allem wäre ich bereit, wenn ich damit meine Vergangenheit für immer begraben könnte,« gestand Rahel. »Ja, alles würde ich tun, alles.«

»Dann müssen Sie mir auch die meinige begraben helfen,« sagte er. »Ich war niemals verheiratet, aber eine Vergangenheit habe auch ich.«

»Ich würde mein Möglichstes tun,« antwortete Rahel, »wenn ich Sie heiratete.«

»Sie werden Ihr Möglichstes tun,« verbesserte Steel, »und damit wäre unser Vertrag ja nun auch abgeschlossen und besiegelt. Ich stelle keine Frage an Sie, Sie keine an mich. Von Liebe soll niemals zwischen uns die Rede sein, dafür wollen wir uns von Stund an bemühen, uns gegenseitig unsre Vergangenheit vergessen zu machen.«

Rahel vermochte nicht zu sprechen. Seine Augen ruhten wieder auf ihr, diese dunklen, unerforschlichen Augen, die Gedanken lähmten, von ihrem Willen gar nicht zu reden. Erst nachdem er sich abgewandt hatte und der Tür zuging, vermochte sie ihm zu antworten.

»Wohin gehen Sie?« rief sie.

»Nach meinem Anwalt will ich schicken,« antwortete Steel, »der auf einen Ruf gefaßt und vorbereitet ist. Alles muß schriftlich gemacht werden: Heiratskontrakt und Wittum. Auch sind vielleicht noch andre Fragen zu erörtern, die Sie gerne selbst an ihn richten möchten.«

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