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Der Schatten des Stricks. Erster Band

Ernest William Hornung: Der Schatten des Stricks. Erster Band - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleDer Schatten des Stricks. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1906
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20150209
modified20190724
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Siebentes Kapitel. Ein Morgenbesuch

»Das beste Mittel, seine Identität zu verbergen,« bemerkte Steel, »ist, sich eine andre, ebenso glaubwürdige als die eigene anzueignen.«

Mr. Steel saß, während er diesen orakelmäßigen Ausspruch tat, in einem zu Rahels pompösem Wohnzimmer gehörenden Erker. Auf dem Schreibtisch neben ihm lagen außer seinem Hut und seinen Handschuhen ganze Stöße von Zeitungen sowie eine Menge illustrierter Journale, die er Mrs. Minchin zugleich mit einem Blumenstrauß gebracht hatte, den Rahel noch in der Hand hielt. Sie selbst hatte sich in den weichen Lehnstuhl, der mit die Einrichtung des Erkers bildete, niedergelassen. Aber nur zu bald fühlte sie, wie unbedacht die Wahl dieses Platzes war. Steels Nähe, der auf ihr ruhende prüfende Blick der dunklen Augen bedrückte sie und machte sie befangen, und doch, wenn sie jetzt aufgestanden wäre, hätte sie ihm ihre Gefühle erst recht verraten. So spielte sie mit den Blumen, ohne die Augen aufzuschlagen, doch hoben sich ihre Brauen unwillkürlich ein wenig.

»Ich weiß, was Sie denken,« fuhr Mr. Steel fort. »Sie wünschten gar keine andre Identität anzunehmen und die eigene auch nur einen Augenblick zu verbergen, und finden, daß ich mir sehr viel Freiheit mit Ihnen herausgenommen habe. Das gebe ich auch ganz offen zu. Aber ich hoffe, Sie werden mir vergeben, wenn Sie einen Blick in die Zeitungen werfen.«

»Steht denn so viel über mich darin?« fragte Rahel mit einem angstvollen Seufzer.

»Ein Leitartikel in einer jeden. Doch lassen wir das jetzt. Mir wäre es überhaupt weit lieber, wenn Sie gar keine davon bekämen.«

»Deshalb haben Sie sie wohl mitgebracht, Mr. Steel?«

Unwiderstehlich drängte sich Rahel diese Frage mit all dem darin liegenden unverhüllten Spotte auf die Lippen. Mr. Steel aber würdigte diesen Spott keiner Beachtung, sondern antwortete ruhig: »Gekauft habe ich sie jedenfalls zum Lesen, mitgebracht habe ich sie zu einem ganz andern Zweck, wofür allerdings eine einzige genug gewesen wäre. Ich sagte also vorhin, das beste Mittel, seine eigene Identität zu verbergen, sei, wenn man sich eine ebenso glaubwürdige als die seinige aneigne. Lassen wir für einen Augenblick die Erörterung über meine Einmischung beiseite und nehmen wir an, ich sei von Ihnen dazu ermächtigt gewesen. Die ganze letzte Woche hindurch waren die Zeitungen tatsächlich voll von den Verhandlungen über Ihren Fall. Am Sonnabend aber trat ein weiteres sensationelles Ereignis ein, so daß man heute kaum sagen könnte, welches davon die Gemüter am meisten erregt; beide füllen eine ganze Anzahl Spalten. Sie haben vielleicht nichts davon erfahren, daß der am Sonnabend fällig gewesene Dampfer der Kaplinie am Freitag in der Nähe von Kap Finisterre unter Verlust vieler Menschenleben untergegangen ist.«

Obwohl Rahel noch keinen Zusammenhang herausfinden konnte, so fühlte sie doch, daß einer bestehen müsse. Sie sagte aber nichts, sondern schenkte der Erzählung so viel Aufmerksamkeit, als sie es neben dem Studium der Persönlichkeit Steels fertig brachte.

»Am Freitag gegen Abend,« fuhr Steel fort, »auf meinem Rückweg von Old Bailey hörte ich zum ersten Male von dem Schiffsunglück. Und eben an diesem Freitag Nachmittag hielten Sie, wie Sie sich erinnern werden, Ihre Verteidigungsrede. Als Sie damals Ihre Aussagen beendet hatten, ja sogar schon vorher, wußte ich, daß Sie gerettet waren.«

Rahel fielen die Bemerkungen der Schweizerin über den Verlust des Gepäcks und die vielen ertrunkenen Personen ein, allein Mr. Steels letzte Worte lenkten ihre Aufmerksamkeit sofort wieder vollständig auf ihre eigene Angelegenheit. Zitternd hatte sie sich im Lehnstuhl aufgerichtet.

»So glaubten Sie also an meine Unschuld?« flüsterte sie. »Sie glaubten schon damals daran?«

Eine Dankbarkeit lag in ihrem Ton, die Steel vorläufig durchaus nicht verdiente. Dabei sahen ihre tränenfeuchten Augen wohl die tiefe altmodische Verbeugung, die die Antwort ersetzen mußte, nicht aber den Anflug eines höhnischen Lächelns in den tiefschwarzen Augen.

»Wichtiger als meine Ansicht,« fuhr er fort, »war die Tatsache, daß die Geschworenen von Ihrer Unschuld überzeugt waren, und daß dies der Fall war, sah ich ihnen an. Ihre Worte hatten einen ungeheuren Eindruck auf sie gemacht. Der gegen Sie plädierende Staatsanwalt aber war zu menschenfreundlich, der Präsident zu gerecht, als daß er versucht hätte, diese Ansicht umzustoßen. Ihr eigener Verteidiger dagegen, der tat freilich sein Möglichstes, den günstigen Eindruck zu verwischen. Allein ich merkte trotzdem sofort, daß die Ansicht der Geschworenen unerschüttert bleiben würde. Sie hatten mit Ihren Worten den zwölf braven, schlichten Männern direkt ans Herz gegriffen. Ich sah die Wirkung und traf sofort meine Maßregeln.«

Lebhaft, mit zum Reden geöffneten Lippen, schaute Rahel auf, allein sie preßte sie sofort wieder fest aufeinander, ohne ein Wort zu sagen.

»Und was für ein Recht hatte ich, überhaupt Maßregeln für Sie zu treffen?« sagte Steel, statt ihrer die Frage stellend. »Was für eine Entschuldigung, mich in Ihre Angelegenheit zu mischen? Ich will es Ihnen sagen, denn nun ist es ja nicht mehr gestern abend, und wenigstens eine gute Nachtruhe liegt zwischen jetzt und der Vergangenheit. Meine liebe Mrs. Minchin, Recht hatte ich keines dazu, absolut gar keines, dafür aber die Entschuldigung, die jedem Manne zuteil werden muß, der sich – und sei es auch in noch so aufdringlicher Weise – einer Frau zur Seite stellt, die er allein und hilflos gegen eine feindselige Welt ankämpfen sieht. Überdies hatte ich Sie doch eine ganze Woche lang Tag für Tag bei den Verhandlungen gesehen.«

Endlich glaubte Rahel, die aus seinen letzten Worten einen unaufrichtigen Klang heraushörte, einen Punkt gefunden zu haben, an dem sie ihn fassen wollte, und so rief sie, unerschrocken die Augen zu ihrem freiwilligen Beschützer aufschlagend: »Wollen Sie damit sagen, daß Sie mich vor – vor meinem Unglück niemals gesehen hätten, Mr. Steel?«

»Niemals in meinem ganzen Leben.«

»Aber dann wußten Sie doch wenigstens etwas von mir oder über mich?«

»Nicht mehr, als in den Zeitungen zu lesen war, ich versichere es Ihnen auf mein Ehrenwort – wenn das Sie eher überzeugt.«

Ja, es überzeugte sie, denn wenn ihr auch manche seiner vorhergehenden Behauptungen unaufrichtig vorgekommen waren, so trugen die beiden letzten Versicherungen doch untrüglich den Stempel vollster Wahrheit. Er hatte sie also früher nie gesehen. Nichts weiter wußte er von ihr als das, was jeder, der die Zeitungen gelesen hatte, auch wußte!

Ein gewisser Ausdruck in den tiefliegenden dunkeln Augen sagte Rahel, daß sie sich diesmal wohl nicht getäuscht habe. Es hatte einen Augenblick offen und ehrlich, und dabei doch durchaus nicht übermäßig freundlich darin aufgeblitzt, vielmehr hatte eher mühsam verhaltener Groll in dem Blick gelegen. Seinen glatten Worten und Beteuerungen vermochte Rahel nicht recht zu trauen; gelang es ihr aber, seinen Zorn zu erregen, so würde sie wohl eher den wahren Menschen in ihm entdecken, und daß sie ihn mit ihren Fragen jetzt erzürnt hatte, war offensichtlich.

»In einer Hinsicht bin ich ja nun mehr als befriedigt,« erwiderte Rahel, »nicht aber ganz in der andern. Es wäre mir lieber und Ihr Entgegenkommen wäre auch erklärlicher gewesen, wenn Sie schon früher etwas von mir gewußt hätten. Doch einerlei. Worin bestanden denn diese sofortigen Maßregeln?«

»Ich mietete diese Zimmer und verabredete dabei, daß sie unter Umständen auch schon vor dem heutigen Abend bezogen werden könnten.«

»Von mir?«

»Ja, im Fall Ihrer Freisprechung.«

»Aber Sie sagten doch nicht, daß Sie für mich seien?«

»Nein, ich sprach mich bis dahin überhaupt nicht deutlich aus, sondern machte nur Anspielungen darauf, daß ich eine Tochter hätte – eine Witwe – die ich Ende der Woche vom Auslande zurückerwarte. Allein, wie gesagt, ich ließ alles im Ungewissen.«

»Weil Sie glaubten, ich hätte wenig Aussicht auf Freisprechung?«

»Damals hatten Sie Ihre Verteidigungsrede ja noch nicht gehalten. Aber noch am gleichen Nachmittag hörte ich sie und zweifelte nun nicht mehr an einem günstigen Ausgang. Unmittelbar darauf erfuhr ich von dem Schiffbruch. Das kam mir wie gerufen! Ich wartete die am nächsten Morgen erscheinende Liste der Geretteten ab, und zum Glück war sie recht groß. Unter ihnen suchte ich den Namen einer verheirateten und allein reisenden Frau aus, die sehr gut auch eine Witwe sein konnte. Hierauf begab ich mich zu dem Hoteldirektor, dem ich sagte, daß die Tochter, die ich erwarte, Schiffbruch gelitten habe, aber gerettet worden sei und noch diese Nacht in London ankommen werde. Es war eine allgemein bekannte Tatsache, daß die Überlebenden von einem vorüberfahrenden Norddeutschen Lloyddampfer aufgenommen worden waren und Samstag nacht in London eintreffen sollten. Inzwischen aber hatte ich aus verschiedenen triftigen Gründen, auf die ich jetzt weiter nicht einzugehen brauche, den Direktor gebeten, die Sache so geheim als möglich zu halten.«

»Und Ihre Gründe für dieses künstliche Lügengewebe?« fragte sie, den scharf prüfenden Blick auf das energische, brünette Gesicht geheftet, und wieder zuckte es um Steels Mund, als kämpfe er mit dem Entschlusse, die Wahrheit zu sagen.

»Ich dachte, Sie würden es nicht bedauern, den Namen Minchin ablegen zu können, und wäre es auch nur für einige Tage oder für eine einzige Nacht, jenen Namen, der ohne Ihr Verschulden zu so grausamer Berühmtheit gelangt ist. Dies aber konnte dadurch, daß Sie ohne Gepäck hier ankamen, und durch die Erfindung einer glaubwürdigen Geschichte leicht bewerkstelligt werden.«

»Sie verfügten ja recht selbständig über mich,« bemerkte Rahel trocken.

»Ich baute auf meine Überredungskunst, sowie auf Ihre, wie mir gesagt wurde, gänzlich vereinsamte Lage, und ich will nur gestehen,« fügte er hinzu, »daß ich hoffte, dieses Gerücht sei wahr.«

»Durften Sie zugleich auch annehmen, daß ich alles Stolzes bar sein würde?«

»Durchaus nicht. Ich wußte im Gegenteil sehr gut, daß Sie eine äußerst stolze Natur sind. Der Stolz ist, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf, sogar einer Ihrer hervorstechendsten Charakterzüge. Das mußte jedermann, der den Verhandlungen anwohnte, auffallen, und ich kann wohl sagen, etwas Bewundernswerteres habe ich noch nie in meinem Leben gesehen! Allein,« fuhr er, einen Ausruf der Begeisterung unterdrückend, fort, »ich hoffte zu Gott, daß Sie Ihren Stolz ausnahmsweise einmal in zweite Linie stellen würden.«

»Und das habe ich, weiß der Himmel, bis jetzt auch getan!« antwortete Rahel.

»Was schon immerhin von Wert war,« entgegnete Steel mit Nachdruck. »Selbst wenn nun alles aus wäre, selbst wenn Sie mich nicht bis zu Ende anhören wollten, so ist es schon von Wichtigkeit, daß Sie wenigstens eine Nacht und einen Morgen vor Kränkung, Verdruß und Belästigung bewahrt geblieben sind.«

Rahel war halb ängstlich, halb ärgerlich zu Mute, während Steel sich erhob und nun mit tiefernsten Blicken auf sie herabschaute. Dabei lag etwas in seinen Augen, das sie vom ersten Augenblick an halb und halb geahnt, aber, sich selbst ausscheltend, immer wieder aus ihren Gedanken verscheucht hatte. Und in ihrer Verwirrung machte sie den verzweifelten, wenn auch, wie wir gleich sehen werden, erfolglosen Versuch, das Gespräch auf etwas andres zu lenken.

»So werde ich also hier für Ihre Tochter gehalten?« rief sie in nervöser Erregung. »Kann ich vielleicht meinen Namen erfahren?«

»O ja, gewiß, allein ich möchte Ihnen vorher gern noch einen andern Namen vorschlagen, Mrs. Minchin.«

Rahel versuchte zu lachen, obwohl sein ernsthaftes, entschlossenes Gesicht diesen Versuch nicht wenig erschwerte.

»Wollen Sie damit sagen, daß ich mich nun nicht mehr als Ihre Tochter betrachten soll, Mr. Steel?«

»Nicht, wenn ich es verhindern kann. Es wird jedoch lediglich von Ihnen abhängen.«

»Was wollen Sie denn aber jetzt wieder aus mir machen?«

»Meine Frau!«

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