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Der Schatten des Stricks. Erster Band

Ernest William Hornung: Der Schatten des Stricks. Erster Band - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleDer Schatten des Stricks. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1906
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20150209
modified20190724
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Fünftes Kapitel. »Der Mann aus dem Volke«

Rahels Unruhe und Verwirrung während dieser seltsamen Unterredung war um so größer gewesen, als sie diese Erregung hatte verbergen müssen. Man kann wohl den Atem anhalten, ohne einen Muskel zu verziehen, läßt aber die Spannung nach, so arbeitet er wieder mit doppelter Macht. So ging es mit Rahel und ihrer mühsam erkämpften Ruhe. Noch hatte sie den Bahnsteig nicht verlassen, da wurde sie von einer wahren Seelenangst ergriffen, und zitternd vom Scheitel bis zur Sohle eilte sie die vielen Stufen hinauf. Oben angelangt, wo ihr die kühle Nachtluft entgegenwehte, war der erste Ton, der an ihr Ohr schlug, der Ruf: »Gerichtsverhandlung und Urteilsspruch!« Oder: »Sensationeller Urteilsspruch in Old Bailey!« Und an allen Ecken des Platzes wurden ebenso, wie es am andern Ende der Stadt der Fall gewesen war, die rosa Blätter angepriesen.

Rahels Gedanken aber waren jetzt ausschließlich mit diesem geheimnisvollen Mr. Steel und dessen unerklärlichem Benehmen beschäftigt. Und doch, wer weiß, ob dieses Benehmen wirklich so unerklärlich gewesen wäre, wenn man alle näheren Umstände und Steels Beweggründe gekannt hätte? Rahel war nicht frei von einer gewissen Eitelkeit, obwohl sie an diesem Abend sicherlich weniger davon verspürte als die meisten Frauen mit nur einem Zehntel von Rahels äußeren Vorzügen. Trotzdem schien es ihr nur eine Erklärung für dieses Betragen eines älteren Herrn zu geben.

»Alter schützt vor Torheit nicht,« sagte sie zu sich selbst. Dabei war es eigentümlich, daß ihr dieser Mr. Steel bis dahin weder als ein älterer, noch vollends gar als ein alter Mann vorgekommen war. Augen und Stimme waren entschieden jugendlich. Deutlich sah sie ihn vor sich, noch klangen seine Worte in ihren Ohren, er hatte also auch auf sie einen tiefen Eindruck gemacht. Eingestanden aber hätte sie sich das natürlich niemals. Sie fing im Gegenteil bereits an, sich darüber auszuschelten, daß sie einem Entgegenkommen, das vielleicht nur von einem exzentrischen Wohltätigkeitsdrang eingegeben war, so bereitwillig eine andere Deutung beigelegt hatte. Ganz hingenommen von solchen Gedanken, eilte sie durch die Straßen des Stadtteils Chelsea, als strebe sie einem bestimmten Ziele zu, während ihr ganzes Sinnen doch nach rückwärts gerichtet war.

Von Natur impulsiv, fehlte Rahel auch der Mut, der die Impulse zu begleiten pflegt, nicht, andrerseits aber folgte der rasch entschlossenen Tat auch bei ihr immer nur zu leicht die Reue. Wie die meisten Menschen, deren Selbständigkeit vorwiegend nur äußerlich und mehr erworben als angeboren ist, so mußte auch Rahel fast jede heftige Aufwallung mit dem deprimierendsten Reuegefühl büßen. Genau so war es auch jetzt.

Rahel schämte sich sowohl ihrer Unhöflichkeit als auch ihrer eitlen Einbildung. Für letztere fand sie zwar sofort eine Entschuldigung. Sie erinnerte sich, von Frauen gehört zu haben, die dieselbe schwere Prüfung durchgemacht hatten wie sie, und von denen der einen auf der Anklagebank ein Blumenstrauß überreicht worden war, während man eine andre mit Heiratsanträgen überschüttet hatte. Auch Rahel waren Briefe zugegangen, die freilich nichts Besseres verdienten, als sofort ins Feuer zu wandern. Von Mr. Steel war allerdings keiner darunter gewesen. Aber hatte er nicht allen Verhandlungen angewohnt? Sie erinnerte sich jetzt auch seiner; seine ununterbrochene Anwesenheit hatte sich so ganz sachte ihrem Geiste aufgedrängt, ohne daß sie ihm mit Bewußtsein auch nur einen einzigen Blick zugeworfen hätte. Und nach dem Urteilsspruch hatte er ihr seine Karte geschickt und sich ihr dann im Eisenbahnzuge aufgedrängt. Was sollte sie von all dem halten? Was von dem Ton, mit dem er ihr seine Hilfe angeboten hatte, von dem Blick der dunkeln Augen und von den zartfühlenden Umschweifen, womit er dieses Anerbieten gemacht hatte?

Noch vor wenigen Jahren hätte Rahel, trotz all ihres Dranges nach Selbständigkeit, doch nicht voreilig einen Menschen zurückgewiesen, dessen Entgegenkommen, wenn auch an sich ungerechtfertigt, doch unverkennbar aufrichtige Teilnahme und Hochachtung verriet. Sie war nicht immer mißtrauisch und abweisend gewesen. Ein Seufzer hob ihre Brust bei dem Gedanken, welch traurige Veränderung auch schon vor den Schreckenstagen der letzten Woche mit ihr vorgegangen sein mußte.

Aber eine noch schärfere Mahnung an ihr eheliches Leben stand Rahel Minchin jetzt bevor. Sie hatte die Richtung nach Chelsea eingeschlagen, weil dies der einzige Stadtteil war, wo Bekannte von ihr wohnten, die sie wenigstens halbwegs Freunde nennen konnte. Es war ein junges Ehepaar, mit dem Minchins eine Zeitlang in freundschaftlichen Beziehungen gestanden hatten. Das war in den Tagen des Überflusses und der Verschwendung gewesen. Doch hatte sich die in einem eleganten Hotel in Schottland geschlossene Bekanntschaft später zu keinem intimeren Verhältnis herausgebildet, wie es der Wunsch der beiden Frauen gewesen wäre. Immerhin aber hatte Mrs. Carrington für Minchins die möblierte Wohnung ausgesucht, während ihr Mann, der selbst dem Richterstande angehörte, bei Rahels Festnahme reges Interesse für sie an den Tag gelegt hatte. Persönlich befaßte er sich zwar niemals mit Kriminalfällen, doch hatte er ihr einen Freund, eben jenen zungenfertigen Advokaten, dem Rahel freilich so wenig verdankte, als Verteidiger empfohlen. Trotzdem war Rahel Mr. Carrington doch zu Dank verpflichtet, mehr sogar, als sie sich selbst eingestehen mochte, obwohl er ihr persönlich nie sympathisch gewesen war. Sie wollte ihm jetzt für seine verschiedenen Bemühungen danken und ihn zugleich um seinen Rat bitten, wobei sie vor allem auf ein Wiedersehen mit Mrs. Carrington hoffte. Wenn Rahel nicht alles täuschte, so war Mrs. Carrington eine gutherzige Frau, die, falls es an ihr allein gelegen hätte, sicherlich gern häufiger mit ihr zusammengekommen wäre. Rahel gedachte des einzigen Besuches, den sie gleich nach der Verhaftung auf der Polizeistation erhalten hatte. Es war Mrs. Carrington gewesen, die ihr beim Abschied zuflüsterte: »Sagen Sie meinem Manne nichts von meinem Besuch, wenn Sie nach Ihrer Freilassung zu uns kommen.«

Dabei hatte sie die Gefangene mit einer Wärme in die Arme geschlossen, daß die arme Rahel sich manchmal der Hoffnung hingab, doch vielleicht eine Freundin in England zu haben. Das war jedoch vor ihrer Überführung nach Old Bailey gewesen, und seither hatte sie kein Wort mehr von ihr gehört. Rahel schob die Schuld an diesem Schweigen nicht Mrs. Carrington zu; auch hatten deren letzte Worte ja eine Aufforderung enthalten, die nicht zurückgenommen worden war. Wie die Verhältnisse nun aber auch liegen mochten, ein Wiedersehen mit Mrs. Carrington wollte sie sich nicht rauben lassen. Und selbst wenn Mr. Carrington jetzt anders gegen sie wäre, nun er sie unschuldig wußte – denn seine früheren Ansichten waren ja leicht zu durchschauen gewesen – so wollte sie ihm das, was er für sie getan hatte, nur um so höher anrechnen.

Diesen Plan hatte Rahel gefaßt, ehe sie Old Bailey verließ. Aber ihre Erlebnisse auf der Straße und die Unterredung im Eisenbahnzuge nahmen ihre Gedanken jetzt so vollständig in Anspruch, daß sie keine Zeit fand, sich für eine andere ihr bevorstehende Unterredung vorzubereiten. In dieser Zerstreutheit nun bog sie, anstatt geradeaus nach der Tite Street zu gehen, der Macht der Gewohnheit folgend, zu früh ab, ging dann noch um eine zweite Ecke und bemerkte plötzlich zu ihrem Schrecken, daß sie sich in der Straße befand, wo ihr Gatte den Tod gefunden hatte.

In dieser kleinen Nebenstraße war es so still wie immer. Rahel blieb stehen und sah, daß sie für den Augenblick das einzige menschliche Wesen dort war. Leise schlich sie nun auf ihr Haus zu, das mit heruntergelassenen Jalousieen in tiefer Dunkelheit dalag. Sonst aber war alles so, wie es nur zu deutlich in ihrer Erinnerung lebte. Schwer ging ihr Atem. Was für einen seltsamen Streich hatten die Füße ihr da gespielt, sie gegen ihren Willen hierherzuführen! Und doch war ihr schon früher einmal der Gedanke gekommen, sich, falls alle Stränge rissen, hierher zu flüchten. Sie hatte ja noch zwei Monate lang das Recht, das möblierte Haus zu bewohnen, das vom August an für sechs Monate gemietet worden war, und jetzt befand man sich erst Ende November. Im schlimmsten Fall, wenn niemand sie aufnehmen wollte ...

Ihr grauste bei dem Gedanken, den sie kaum auszudenken wagte, und doch zog es sie auch wieder in die alten Räume. Dorthin zurückzukehren, und wäre es auch nur für ganz kurze Zeit, offen ihr Antlitz den Menschen zu zeigen, die sie kannten, sich nicht davonzuschleichen und zu verstecken wie eine Schuldige, das würde gewiß nicht nur ihr die Selbstachtung wiedergeben, sondern auch andre zur Achtung zwingen. Aber würde sie das auch durchzuführen vermögen, selbst wenn sie wollte? Würde sie sich wirklich so weit überwinden können, noch einmal den Fuß über diese Schwelle zu setzen?

Mit bebender Hand faßte Rahel in ihre Tasche. Der Hausschlüssel, den sie zur Zeit ihrer Verhaftung besessen hatte, befand sich noch darin. Er war ihr nicht abverlangt worden, und sie hatte ihn für alle Fälle aufbewahrt. Würde sie den Mut finden, ihn nun auch zu benützen? Die Straße, eine der ruhigsten von ganz Chelsea, war noch immer menschenleer. Eine bessere Gelegenheit konnte sich ihr nicht bieten.

Sie schlich die Stufen hinauf. Wenn jemand sie sähe! Doch nein, kein Mensch war weit und breit, nur aus der Ferne ließen sich Fußtritte vernehmen. Rasch steckte sie den Schlüssel ins Schloß und öffnete ohne weiteres Zögern. Sie trat ein, leise fiel die Türe hinter ihr zu, und nun hörte sie ihre eigenen Tritte auf dem kahlen Fußboden des Hausflurs widerhallen.

Als Rahel dann sich längs der Eßzimmerwand nach dem Schalter der elektrischen Beleuchtung tastete, vermißten ihre Finger die Bilder an den Wänden. Dies bereitete sie auf die Entdeckung vor, die sie nach dem Aufleuchten des Lichtes machte. Das Haus war ausgeräumt; nichts befand sich mehr in den Zimmern, kein Vorhang an den Fenstern, kein Läufer auf der Treppe.

Die ganze Einrichtung hatte man fortgeschafft, während deren Benützung doch von Rechts wegen ihr zukam! So fest überzeugt war man also von ihrer Schuld gewesen? Rahels Blut ging plötzlich vom Gefrier- zum Siedepunkt über. Das war ja unerhört, geradezu gesetzwidrig. Ihr gehörte das Haus noch zwei Monate lang. Und was war aus ihrem persönlichen Eigentum geworden, das sie hier zurückgelassen hatte? Wenn man auch das mit fortgenommen hatte, so war ein solches Vorgehen nicht weit vom allergemeinsten Diebstahl entfernt, und Rahel nahm sich vor, das Gericht anzurufen, dessen Klauen sie selbst erst entschlüpft war. Sie, die erwartet hatte, das Haus werde ihr Grauen einflößen, fühlte statt dessen nur Zorn und Empörung.

Es war, wie sie vermutet hatte. Nicht einen einzigen Koffer hatte man zurückgelassen, auch mußte der Auszug in eben dieser Woche stattgefunden haben. Daher ließ es sich auch erklären, daß das elektrische Licht noch nicht abgestellt war. Als Rahel eine zusammengeknüllte Zeitung, die offenbar zum Einwickeln von Butter und Käse benützt worden war, aufhob, entdeckte sie dort den Bericht der ersten Gerichtsverhandlung. Den Urteilsspruch hätten die Leute doch wenigstens abwarten können! Aber nun sollten sie ihre Ungeduld schon büßen! Nun kamen sie an die Reihe. So ärgerlich war Rahel, daß selbst der Anblick ihres eigenen Zimmers keine schmerzlichen Erinnerungen in ihr zu wecken vermochte, und erst als sie wieder ins untere Stockwerk kam, stand jene letzte fürchterliche Nacht mit all ihren Aufregungen und Schrecken vor ihr.

Die Doppeltüre des verstorbenen Professors! Rahel vergaß ihren gerechten Groll gegen dessen Witwe. Genau so wie sie es in jener verhängnisvollen mitternächtlichen Stunde gemacht hatte, öffnete sie auch jetzt zuerst die eine, dann die andere Tür. Diesmal aber herrschte tiefe Dunkelheit in dem Raume; sie selbst mußte das elektrische Licht aufdrehen, wenn sie etwas sehen wollte. Und sehen wollte und mußte sie das Zimmer noch einmal, wenn sie nicht zu sagen gewußt hätte, warum. Das erste, was sie entdeckte, war das noch immer zerbrochene Fenster. Rahel betrachtete es sich jetzt näher als an jenem Morgen, wo sie den Polizisten gegenüber ihre belastende Ansicht ausgesprochen hatte, und je länger sie es anschaute, desto weniger Grund fand sie, diese Ansicht zu ändern.

Die Glasscherben konnten sehr gut absichtlich auf das äußere Fensterbrett gelegt worden sein, um der Sache jenen Anschein zu geben, den die Polizei so leichtgläubig für bare Münze genommen hatte, auch Uhr und Kette konnte man zum selben Zweck im Kamin versteckt haben, denn nur zu leicht hätte ihr Besitz den Dieb an den Galgen bringen können. Jedenfalls wäre dies nicht der erste Dieb gewesen, der sich nach begangener Tat mit leeren Händen aus dem Staube gemacht hätte.

Rahel war über diese Ansicht nie im Zweifel gewesen, hatte sich jedoch nicht allzuviel damit beschäftigt, und jetzt besonders wurden diese Vorstellungen sofort wieder durch andre verdrängt. Ihr Gatte war tot – darin gipfelten alle ihre Gedanken, und sie, seine Witwe, hatte man von der Anklage ihn ermordet zu haben, freigesprochen. In diesem Augenblick aber dachte sie nur an ihn; ihre Augen hafteten an der Stelle, wo sie ihn – ohne etwas davon zu ahnen – hatte tot dasitzen sehen. Vielleicht, daß ihr jetzt alles Gute, das in ihm gelegen hatte, ins Gedächtnis kam, vielleicht auch das Unrecht, das sie selbst sich ihm gegenüber hatte zuschulden kommen lassen. Schmerzlich zuckten ihre Lippen, und langsam füllten sich ihre Augen mit Tränen. Aber wozu jemand bedauern, der die ewige Ruhe gefunden hat? Ihr besonders wurde das schwer, ihr, die noch in dieser Nacht den bitteren Kampf des Lebens aufnehmen mußte, ohne einen einzigen Freund zur Seite zu haben. Die Carringtons? Ja, versuchen wollte sie es mit ihnen. Nun lag ja auch eine bestimmte Angelegenheit vor, über die sie Carrington um Rat fragen konnte. Das erleichterte ihr den Gang, und leise und ungesehen, wie sie gekommen war, schlich sie wieder davon.

Die Fenster des Erdgeschosses in jenem Hause der Tite Street waren noch glänzend erleuchtet, auch drang lebhaftes Stimmengewirr nach außen. Rahel wußte, daß hier das Speisezimmer lag, da Minchins einmal dort zu Abend gegessen hatten, auch schien es ihr, als klinge aus all den vielen Stimmen nicht eine einzige weibliche heraus. Wenn Carringtons also Gäste hatten, so mußten die Damen bereits in den Salon hinaufgegangen sein, und Mrs. Carrington konnte dann leicht fünf Minuten für Rahel erübrigen. Dies war eine Gelegenheit, die nicht verpaßt werden durfte – jedenfalls hatte Rahel nicht den Mut, sie vorübergehen zu lassen, und doch kostete es sie eine fast ebenso große Überwindung, auf die Klingel zu drücken. Und als sie es tat, aber auch erst dann, wurde ihr plötzlich klar, was sie eigentlich vor diese Tür geführt hatte. Nicht am Rate des klugen Mannes war ihr heute gelegen, sondern an der Teilnahme einer Frau, nach der sie sich an diesem Abend mehr sehnte als nach irgend sonst etwas auf der Welt.

Sie wurde sofort in die hinter dem Speisezimmer gelegene Arbeitsstube des Hausherrn geführt. Im selben Augenblick verstummten die Stimmen daneben, und sie ahnte nichts Gutes. Sie hatte nach Mrs. Carrington gefragt, doch ihre Ahnung ging schon im nächsten Augenblick in Erfüllung. Denn hastig, mit erhitztem Gesicht kam Mr. Carrington ins Zimmer herein, aber ohne den heiteren, lebensfrohen Ausdruck, der Rahel immer noch am sympathischsten an diesem Manne gewesen war. Auch klang aus seiner Stimme, nachdem er vorsichtig die Türe hinter sich zugemacht hatte, eine ungewöhnliche Zurückhaltung.

»Ich gratuliere,« sagte er, sich verbeugend, ohne sonst noch etwas hinzuzufügen, und Rahel wußte sofort, was sie von diesem Benehmen zu halten habe, denn früher war dieser Mann alles, nur nicht zurückhaltend gegen sie gewesen. Sein vertrauliches Wesen zu der Zeit, als er und ihr Gatte noch intime Freunde waren, hatte sie im Gegenteil häufig verletzt.

»Ich verdanke meine Freiheit nicht zum wenigsten auch Ihnen,« stammelte Rahel. »Wie soll ich Ihnen danken?«

Carrington versicherte, daß dies nicht nötig sei.

»Ich will nur hoffen,« fuhr Rahel, einem ihrer Impulse folgend, fort, »daß Sie den Urteilsspruch gerecht finden.«

»Ich habe den Fall nicht genau verfolgt,« entgegnete Carrington ausweichend und mit genau derselben verächtlichen Überlegenheit, mit der er von jedem andern in Old Bailey sich abspielenden Mordprozeß gesprochen hätte. Allein selbst ein Mann wie dieser mußte die Brutalität eines solchen Ausspruches fühlen, und sofort bemühte er sich auch, ihn zu mildern. »Was übrigens auch gar nicht nötig war,« fügte er mit einem Anflug seines früheren Benehmens, das sie nie hatte leiden können, hinzu. »Ich kannte Sie ja doch zur Genüge.«

Die Unaufrichtigkeit dieser Worte war so unverkennbar, daß Rahel ihm nur widerstrebend sagte, daß sie ihn um Rat bitten wolle. »Worüber?« fragte er in so scharfem Tone, daß Rahel nichts andres einfiel, als der noch frische Groll über das ausgeräumte Haus.

»Hat Ihr Anwalt Ihnen denn nichts davon gesagt?« rief Carrington. »Das ist mir allerdings unbegreiflich. Die Miete war nämlich nur zur Hälfte vorausbezahlt – was ja ganz in der Ordnung ist, denn das wird gewöhnlich so gemacht. Die Vermieterin, die übrigens ihrerseits das Haus in Aftermiete an Sie abgegeben hatte, löste ihren Mietskontrakt mit dem Besitzer, und das berechtigte sie dazu, ihre Möbel herauszunehmen. Es tut mir leid, Mrs. Minchin, aber in diesem Punkt haben Sie kein Recht zu einer gerichtlichen Klage.«

»Wo sind dann aber meine eigenen Sachen geblieben?« fragte Rahel.

»Das wird Ihr Verteidiger Ihnen sagen können – falls Sie ihm Gelegenheit dazu geben. Wahrscheinlich wollte er Sie mit solchen Nebensächlichkeiten nicht quälen, bevor Ihre Angelegenheit nicht endgültig zu Ihren Gunsten entschieden wäre. Übrigens, belästigt Sie meine Zigarre nicht? Wir rauchten im Nebenzimmer.«

»Ich habe Sie Ihren Gästen entzogen,« sagte Rahel in jämmerlichem Ton, »auch weiß ich wohl, daß ich nicht zu so später Stunde hätte kommen sollen.«

Carrington widersprach ihr nicht.

»Allein es schien mir so vielerlei zu besprechen,« fuhr sie verzweifelt fort. »Erstens einmal die Geldangelegenheit und – und –«

»Wenn Sie auf mein Bureau kommen wollen,« sagte Carrington, »so werde ich mit größtem Vergnügen und nach bestem Ermessen alle Einzelheiten mit Ihnen beraten. Falls Sie es einrichten könnten, am Montag vormittag zu kommen, hätte ich mindestens zwanzig Minuten zu Ihrer Verfügung.«

Rasch schrieb er die Adresse nieder, und, sie Rahel einhändigend, drückte er auf die elektrische Klingel. Voll Verzweiflung bemerkte sie es. Kam es ihm denn gar nicht in den Sinn, daß sie vor Hunger und Erschöpfung halbtot war, daß sie nicht wußte, wo sie die Nacht zubringen sollte, und nicht einmal so viel Geld in der Tasche hatte, um ein anständiges Essen in einem anständigen Hotel, geschweige denn ein Nachtlager zu bezahlen? Allein selbst jetzt verhinderte ihr Stolz sie daran, die Wahrheit zu gestehen. Ihren glühendsten Wunsch aber vermochte selbst der Stolz nicht zum Schweigen zu bringen.

»Ach!« rief sie in bittendem Tone. »Könnte ich nicht Ihre Frau sprechen?«

»Verzeihen Sie, aber lieber nicht heute abend,« erwiderte Carrington, sich verbeugend und mit verbindlichem Lächeln. »Wir können nicht beide unsere Gäste im Stiche lassen.«

»Ach, nur einen Augenblick!« flehte Rahel. »Ich werde sie gewiß nicht länger aufhalten.«

»Heute abend nicht,« wiederholte er, noch immer lächelnd, aber mit einer Entschiedenheit, daß Rahel nicht weiter in ihn drang. Dafür aber tat sie jetzt auch, als sehe sie die Hand nicht, die er ihr entgegenhielt. Und ihn auf seinem Bureau aufzusuchen – – nein, und wenn sie Hungers sterben müßte!

»Ich hätte sie gewiß nicht lange aufgehalten,« murmelte Rahel schluchzend, nachdem sie wieder auf der Straße angelangt war, »sie aber würde mich sicherlich nicht gleich wieder fortgelassen haben. Ich kenne sie! Ja, ich kenne sie! Sie hätte Mitleid mit mir gehabt, auch gegen seinen Willen. Nun aber ist mir der Weg zu beiden für immer verschlossen!«

Wohin sollte sie jetzt ihre Schritte lenken? Das wußte der Himmel! Kein anständiges Hotel würde sie ohne Gepäck oder Vorausbezahlung aufnehmen. Was also tun?

Während sie diese Frage erwog, trugen sie ihre Füße ein zweites Mal nach der alten Richtung, und im Gehen kam ihr ein rettender Gedanke. Sie war jetzt ganz in der Nähe der verhängnisvollen kleinen Straße. Prüfend schaute sie sich um, dann wandte sie sich nach links, und kurz darauf klopfte sie schüchtern an die Tür eines Hauses, an dessen Fenster ein Plakat »Zimmer zu vermieten« hing.

»Sie sind es!« rief die auf das Klingeln herbeigekommene Frau, indem sie die Tür nur so weit öffnete, daß gerade Platz für ihr Gesicht war.

»Sie haben wohl noch ein Zimmer zu vermieten?« fragte Rahel ruhig.

»Ja, aber nicht für Sie,« lautete die rasche Antwort, wobei Rahel sich über die auffallende Blässe und über das seltsam aufgeregte Wesen der Sprecherin wunderte.

»Aber warum denn nicht?« fragte sie. »Ich bin freigesprochen worden, was ich nicht zum wenigsten Ihren Aussagen verdanke. Und doch wollen gerade Sie mich nicht bei sich aufnehmen? Soll das heißen, daß Sie noch immer glauben, ich hätte den Mord begangen?«

Rahel war vollkommen auf eine bejahende Antwort gefaßt; erwartete sie doch jetzt von aller Welt eine solche Ansicht. Aber auch diesmal wurde sie überrascht. Die blasse Frau warf einen scheuen Blick zur Seite, schlug dann aber die Augen zu Rahel auf, und der Ausdruck, der darin lag, tat dieser bis ins innerste Herz wohl.

»Nein, das glaube ich nicht, das habe ich nie geglaubt,« sagte Rahels einzige Entlastungszeugin. »Aber andre glauben es, und ich wohne dem Ort der Tat zu nahe. Mein Haus könnte durch Sie leer werden und leer bleiben.«

»Ja, ja, Sie haben recht,« flüsterte Rahel, die Hand der alten Frau ergreifend. »Ihr Glaube an meine Unschuld aber ist mir tausendmal mehr wert als der von irgend sonst jemand. Ich danke Ihnen, und Gott segne Sie dafür!«

Sie war im Begriff, fortzugehen, als sie sich plötzlich wieder umwandte und ihr Blick an der Frau vorbei über das Innere des Hauses hinirrte, wobei eine unausgesprochene Frage in ihren Augen lag.

»Er ist nicht hier,« sagte die Hauswirtin rasch.

»Aber er hat die Krankheit doch überstanden?«

»So hoffen wir wenigstens. An jenem Morgen freilich, da war er am Rande des Grabes, und auch nachher noch tage- und wochenlang. Nun ist er wieder im Ausland – wo, weiß ich nicht einmal genau.«

Nun verabschiedete sich Rahel, und diesmal wurde die Tür nicht nur unmittelbar hinter ihr ins Schloß geworfen, sondern Rahel hörte auch den Riegel vorschieben. Doch wunderte sie sich nicht weiter darüber. Einige Augenblicke noch beschäftigten sich ihre Gedanken mit dem jungen Ausländer, der ohne seine Schuld eine Krisis zwischen ihr und ihrem Mann herbeigeführt hatte. Im Grunde war sie froh, daß er sich nicht in England befand, obwohl sie dann doch wenigstens einen einzigen Freund gehabt hätte!

Ihre eigene Lage war jetzt wirklich verzweiflungsvoll. Die Nacht brach herein, Hunger und Durst quälten sie, Geist und Körper befanden sich in einem Zustand trostloser Erschöpfung, und nicht die geringste Aussicht bot sich ihr, ein Unterkommen für die Nacht zu finden.

Das wenigstens hätte sie in der erbärmlichen Gefängniszelle gehabt und dazu Nahrung, Wärme und Ruhe und die wohltuende Gewißheit einer baldigen Erlösung von all ihrem Elend. Wie eine bittere Ironie erschien ihr jetzt diese Freisprechung.

Nur einen einzigen Zufluchtsort gab es jetzt noch für sie. Vielleicht kam sie dort um vor Entsetzen und Kälte. Aber sie konnte sich ja schließlich etwas zu essen kaufen und es mit hineinnehmen. Jedenfalls fand sie Ruhe und Einsamkeit in dem leeren Hause – in dem Hause des Jammers und des Verbrechens, das trotz allem das einzige Obdach in London war, wohin sie sich flüchten konnte. So schlich sie denn langsam nach King's Road, von wo sie beschleunigten Schrittes mit ein paar belegten Brötchen zurückkehrte. Erst seitdem ihre Aufregung in eine gewisse trostlose Apathie übergegangen war, machte sich auch der nagende Hunger fühlbar. Sie war einer Ohnmacht nahe, aber trotzdem eilte sie vorwärts.

An der schmalen Straße angelangt, blieb sie jedoch entsetzt stehen. Eine dichte Menschenmenge drängte sich vor dem leeren Hause des Unglücks und des Mordes, und im nächsten Augenblick erkannte Rahel die Ursache.

Sie selbst trug die Schuld daran, denn sie hatte das Licht im oberen Zimmer brennen lassen, im Schlafzimmer des zweiten Stockwerkes.

Einem unwiderstehlichen Drange folgend, schloß Rahel sich der Menge an und horchte auf das, was gesagt wurde. Aller Augen waren auf das beleuchtete Fenster des Schlafzimmers gerichtet, während – wie sie bald entdeckte – jedermann auf ihr Erscheinen zu warten schien, wodurch sie sich auf ihrem Platz hinter der Menge doppelt sicher fühlte.

»Dort droben ist sie, darfst mir's glauben,« sagte einer.

»Nicht sie selbst. Es wird ihr Geist sein!«

»Oder vielleicht der von ihrem Mann.«

»Aber irgend jemand sagte doch vorhin, er habe sie hier in der Nähe herumlaufen sehen. Er sei hinter ihr her gegangen und habe die Haustüre gehen hören. Dann habe er ein paar Kameraden geholt, und als sie zurückgekommen seien, habe das Licht dort oben gebrannt.«

»Dann wollen wir sie doch herausjagen.«

»Ja, denn sie hat kein Recht mehr, dort drin zu sein.«

»Nein, das Kerkerloch ist der rechte Platz für sie!«

»Schnell, gib einen Stein her, ehe der Schutzmann kommt.«

Und Rahel sah den ersten Stein fliegen, hörte das erste Fenster in Trümmer gehen. Binnen weniger Minuten war nicht eine Scheibe der ganzen Vorderseite des Hauses mehr heil. Plötzlich fühlte sie, daß eine Hand sie leicht an der Schulter berührte.

»Haben Sie noch immer solches Vertrauen zu dem Mann aus dem Volke?« sagte eine Stimme.

Und obwohl Rahel diese Stimme an diesem selben Abend zum ersten Male gehört hatte, so schien es ihr doch, als kenne sie sie schon ihr Leben lang.

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