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Der Schatten des Stricks. Erster Band

Ernest William Hornung: Der Schatten des Stricks. Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleDer Schatten des Stricks. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1906
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20150209
modified20190724
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Drittes Kapitel. Der Urteilsspruch

Die Aussage der Angeklagten schloß mit einem sachlichen, wenn auch etwas zögernd gesprochenen Bericht darüber, wie sie den Rest jener verhängnisvollen Nacht verbracht hatte. Diese Vorgänge sind jedoch bereits ausführlicher beschrieben worden, als sie durch das höfliche, aber grausame Kreuzverhör des Generalstaatsanwalts zu Tage gefördert werden konnten. Die Art, wie Rahel ihre Aussagen machte, war plötzlich anders geworden; ihre Kraft und Energie schienen sie mit einem Male verlassen zu haben, so daß ihr jetzt jedes Wort sozusagen in den Mund gelegt werden mußte. Seltsamerweise traf diese Veränderung in Mrs. Minchins Wesen fast unmittelbar mit den nur einmal und dann auf so finstere Weise zur Schau getragenen Empfindungen des weißhaarigen Mannes zusammen, der jedes Wort der Verhandlung verfolgt hatte. Im ganzen aber trug ihre Erzählung indes auch jetzt noch den Stempel der Wahrheit, ein Eindruck, der durch die Kreuzfragen des Generalstaatsanwalts nicht erschüttert wurde.

Außer den Sachverständigen in Uhrketten und Photographieen erschien nur eine einzige Entlastungszeugin. Es war dies die Hauswirtin, bei der Rahel am frühen Morgen auf ihrem Wege nach Hause vorgesprochen hatte. Sie verweilte nur kurze Zeit auf der Zeugenbank, aber während dieser wenigen Minuten lieferte sie der Verteidigung einige ihrer schlagendsten Beweisgründe. Daß eine Frau, die ihren Mann ermordet hatte, kühlen Blutes ihren Koffer packte und dann einen Wagen holte, der sie und ihre Reiseeffekten vom Orte des Dramas fortbringen sollte, war schließlich noch zu begreifen. Wie aber konnte man es für möglich halten, daß eine Frau von so viel Geistesgegenwart, die sich doch der Gefahr jeder verlorenen Minute bewußt sein mußte, mit dem endlich gefundenen Wagen auch noch einen Umweg machen würde, um sich nach dem Befinden ihres Kranken – selbst wenn dieser ihr sterbender Liebhaber gewesen wäre – zu erkundigen, und dann erst nach Hause zurückzukehren, um ihr Gepäck zu holen und sich zu vergewissern, ob ihr Verbrechen noch unentdeckt sei? Angenommen, er wäre wirklich ihr Liebhaber gewesen, und sie hätte sich unbedingt noch nach seinem Ergehen erkundigen wollen – würde sie dann diese Erkundigungen nicht bis zuallerletzt aufgespart haben? Aber auch abgesehen davon, ob sie diese Erkundigungen nun zuerst oder zuletzt eingezogen hatte, würde wohl eine Frau, die über die Notwendigkeit einer eiligen Flucht nicht im Zweifel sein konnte, die Torheit begehen, und einer andern Frau anvertrauen, daß sie gezwungen sei, England so rasch als möglich und für immer zu verlassen?

»Undenkbar!« rief der Anwalt der Angeklagten, indem er sich nach den ersten sachlichen Auseinandersetzungen ausführlich über diesen Punkt verbreitete. Immer wieder ertönte das Wort »undenkbar« in seinem langen, heftigen Plaidoyer, worin er sich vor allem angelegen sein ließ, das Plaidoyer seines Gegners, des Generalstaatsanwalts, von Anfang bis zu Ende ins Lächerliche zu ziehen, anstatt die von diesem vertretenen Ansichten sachlich zu bekämpfen. Für die Handlungen der Angeklagten während der Nacht des Mordes und noch mehr für diejenigen am Morgen darauf gab es – vorausgesetzt, daß sie den Mord begangen hatte – freilich keine bessere Bezeichnung als dieses »undenkbar«. Der einzige Übelstand dabei war nur der, wie der Generalstaatsanwalt in seiner Erwiderung seinem Freunde und Gegner in höflichster Weise zu verstehen gab, daß in jedem mit dem Galgen endigenden Mordprozeß das Wort »undenkbar« eine Rolle gespielt habe.

»Anderseits,« fuhr der Generalstaatsanwalt fort, indem er seinen Kneifer mit gemächlicher Ruhe hin und her bewegte und seine Worte mit einer Sorgfalt wählte, die deren Wirkung nach der ungezügelten, polternden Beredsamkeit der Verteidigungsrede noch erhöhte, »anderseits, meine Herren, wenn die Verbrecher keine ungeschickten Handlungen begingen – man mag sie nun für undenkbar halten oder nicht, wenn sie nicht Fehler machten, so würden sie auch niemals auf der Anklagebank sitzen.«

Es war schon spät am Sonnabendnachmittag, als der Präsident endlich mit seinem Resumé begann, doch sollten diejenigen eine angenehme Überraschung erleben, die der Ansicht waren, Seine Exzellenz werde sich sicherlich in einer noch längeren Rede ergehen, als die beiden Rechtsgelehrten, deren Aussprüche er gegeneinander abwägen mußte. Seine Rede war jedoch weitaus die kürzeste von allen dreien. Weniger erschöpfend als die herkömmlichen Rekapitulationen eines verwickelten Falles bot sie doch eine überaus klare und gänzlich unparteiische Darstellung der Sachlage. Nur die hervorragendsten Punkte wurden den Geschworenen, und zwar in wenigen Worten zusammengedrängt und ohne seine eigene Ansicht irgendwie erraten zu lassen, noch einmal vorgelegt.

»Wenn,« sagte der Präsident, »die Schlußfolgerungen der Anklage richtig waren, wenn diese unglückselige Frau, von ihrem Gatten zur Verzweiflung gebracht und, den Aufbewahrungsort der Pistolen kennend, ihn mit einer davon erschossen und dann der Sache den Anschein zu geben versucht hat, als seien Diebe die Urheber des Verbrechens gewesen, so liegt doch unzweifelhaft hier ein Mord vor und nicht etwa Totschlag.«

Die Feierlichkeit dieses Ausspruchs machte sich bis in die äußersten Ecken des überfüllten Saals geltend. So würde sie also entweder wegen Mords verurteilt oder ganz freigesprochen werden.

Unwillkürlich wandte sich jedes Auge der schlanken, schwarzen Gestalt auf der Anklagebank zu, und unter all diesen Blicken neigte sich die Gestalt ein ganz klein wenig. Diese Bewegung war indes so schwach und so spontan, daß man sie für unbewußt halten konnte, aber gerade deshalb mußte sie doppelt wirken. Trotzdem wurde sie von vielen im Gerichtssaal, besonders von den Schauspielern, die hinter dem Mann mit dem weißen Haar saßen, für einen feinen Zug höchster Verstellungskunst und Selbstbeherrschung angesehen.

»Wenn sie freigesprochen wird,« flüsterte einer von diesen eingebildeten Narren einem andern zu, »so kann sie ihr Glück auf der Bühne machen!«

Inzwischen war der Präsident auf die eigenen Aussagen der Angeklagten übergegangen, und zwar in recht menschenfreundlicher Weise. Auch legte er dabei weniger Zurückhaltung an den Tag als im ersten Teil seiner Rede. Man dürfe nicht vergessen, daß die Aussagen einer Frau, die zwischen Leben und Tod schwebt, deshalb nicht weniger glaubhaft seien, während es anderseits Pflicht der Geschworenen sei, wohl zu bedenken, daß die Behauptungen der Angeklagten außer in nebensächlichen Einzelheiten keine Bestätigung gefunden hätten. An den Geschworenen sei es jetzt, den Hergang der Geschichte an sich, so wie sie ihn selbst gehört hätten, auch in Bezug auf die Zeugenaussagen zu beurteilen. Hegten sie nur den geringsten berechtigten Zweifel, so müsse der Angeklagten der volle Vorteil dieses Zweifels gewährt und sie freigesprochen werden. Wenn aber anderseits die Geschworenen nach Erwägung aller einschlägigen Momente zu der Überzeugung gelangt seien, daß niemand anders als die Angeklagte den Mord begangen haben könne – trotzdem allerdings keiner das Verbrechen habe begehen sehen – so müßten sie, ihrem Eide getreu, sie schuldig sprechen.

Während der Rede des Präsidenten war der kurze Novembertag allmählich in den Abend übergegangen, und in dem finsteren, altersgeschwärzten Saal hatte sich eine große Veränderung vollzogen. Matte Glaskugeln verwandelten sich in blendende Sonnen, und zum ersten Male während der ganzen Woche durchströmten Licht und Wärme den düsteren Ort. Die Wirkung von Licht und Wärme lag aber auch auf allen Gesichtern, als die Zuhörer sich wie auf einen Schlag emporrichteten, während der Präsident die Gerichtsbank verließ, die Geschworenen sich im Gänsemarsch in ihr Beratungszimmer zurückzogen und die Angeklagte, zum letzten Male in Ungewißheit über ihr Schicksal, hinausgeführt wurde. Im nächsten Augenblick schon brauste ein Summen und Schwirren durch den Saal, wie man es eher im Zwischenakt einer Theatervorstellung erwartet hätte, als in einem Gerichtssaal im Augenblick der ernsten Entscheidung. In ein Schulzimmer, aus dem der Lehrer fortgerufen worden ist, hätte man sich versetzt glauben können – kaum eine einzige Zunge stand still. Am Gerichtstisch schüttelten die Schreiber, über ihre rosa Löschblätter und ihre Kielfedern gebeugt, eifrig mit den Perücken; Herren von der Presse spitzten ihre Bleistifte oder ergingen sich in Vermutungen: die wenigen Bevorzugten, die zwischen den Sitzen der Reporter und der Gerichtsbank Platz gefunden hatten, diskutierten die Sachlage mit grausamer Gleichgültigkeit und unerhörtem Cynismus, hinter dem sie indes lediglich ihre innere Erregung zu verbergen suchten.

Der Fremde im weißen Haar schenkte dem Geschwätz um sich her jetzt ausnahmsweise einige Beachtung, jedoch ohne sich umzuwenden. Plötzlich ließ sich der Ruf vernehmen: »St! Still! Sie kommen!« Da verstummte das gedankenlose Geschnatter. Allein, es war ein falscher Alarm gewesen: keine Spur von den Geschworenen ließ sich entdecken, und von neuem schwoll das Stimmengewirr an, wie wenn der Wind allmählich in Sturm übergeht.

»Wir werden uns wohl ein Gläschen gönnen müssen, wenn alles vorüber ist,« flüsterte einer der beiden Advokaten, die vorhin über den Fall diskutiert hatten, dem andern zu.

»Das will ich meinen, alter Junge,« antwortete sein Freund.

Das Gesicht des weißhaarigen Mannes verfinsterte sich noch mehr. Dies war also die Art, wie die Leute sich unterhielten, während sie auf das Todesurteil eines ihrer Mitmenschen warteten! Freilich, morgen in den Zeitungen, da würde dieses animierte Geplapper im Saale ohne Zweifel mit den schönen Ausdrücken: leises Schwirren, erwartungsvolles, angsterfülltes Flüstern etc. bezeichnet werden. Trotzdem ließ sich nicht leugnen, daß eine tiefe, wenn auch vielleicht unterdrückte, aber aus jeder Stimme herausklingende Erregung in der Luft lag. Auch dem weißhaarigen Manne entging das nicht, und verächtlich verzog er den Mund. So konnten sie also scherzen, diese Menschen, und dabei doch ihre innere Angst nicht loswerden! Ihm selbst war freilich keine Schwäche anzumerken. Geduldig lauschend saß er da mit dem unverändert prüfenden Blick, den er die ganze Woche hindurch abwechselnd auf der Angeklagten und den Geschworenen hatte ruhen lassen. Und als dann zuerst diese und hierauf auch die Angeklagte wieder erschienen, wanderte sein schlaues Auge in gleicher Weise von einem zum andern.

Alles in allem waren die Geschworenen nicht länger als vierzig Minuten fortgewesen, und ihre eilige Rückkehr schien ein ebenso schlechtes Omen zu sein, als ihre ernsten, aufgeregten Gesichter. Ein Flüstern, ein leises, verheißungsvolles Gemurmel ging einen Augenblick lang durch den Saal, dann aber folgte eine Stille, die ganz derjenigen entsprach, wie man sie am nächsten Tage in jeder Zeitung beschrieben lesen würde. Die Angeklagte blieb aufrecht stehen zwischen den beiden Gefängniswärterinnen, die sie begleitet hatten. Nun endlich konnten auch die Journalisten und Blitzzeichner ihre langgehegte Absicht ausführen, denn Mrs. Minchin hatte nicht nur den Stuhl, auf dem sie die ganze Woche gesessen, verschmäht, sondern auch den schweren Schleier, den sie nur ein einziges Mal während ihrer Verteidigungsrede ein wenig gelüftet hatte, ganz zurückgeschlagen. Nun hing er wie ein schwarzer Nonnenschleier über ihren Witwenhut, und in dieser Umrahmung erschien ihr erschreckend blasses Gesicht noch weißer als das einer Toten.

Sie aber hatte ihren Schleier nur zurückgeschlagen, um dem ihr drohenden Feinde, dem Tode, offen ins Antlitz zu schauen, und wie gebannt hafteten die staunenden Blicke der ganzen Versammlung auf diesem Bilde.

So also sah das Gesicht aus, das all diese Tage her verborgen gewesen war? Ein ganz andres hatten sie hinter der stolz abweisenden Hülle des dichten Schleiers vermutet. War dies das Gesicht einer Mörderin?

Schön konnte man es zwar in diesem Augenblick nicht nennen, wenngleich die Bedingungen der Schönheit unverkennbar unter dem trüben Hauch von Entsetzen und Leiden versteckt waren, so wie eine schöne Landschaft auch in der ungünstigsten Beleuchtung immer noch schön ist. Das Gesicht war schmal, aber von vollendetstem Oval, ein klein wenig in die Länge gezogen durch ein kräftiges Kinn und eine hohe, freie Stirn, augenblicklich auch noch durch Kummer und unnatürliche Abmagerung. Der hübsche Mund mit den blutleeren Lippen hatte einen sanften und zugleich energischen Ausdruck, die Augen waren von warmem, glänzendem Braun, strahlend, beredt, tapfer und – hoffnungslos.

Sie hatte aber auch in der Tat keine Hoffnung. Ein Blick auf das totenblasse, vom grausamen Gaslicht grell beleuchtete Gesicht genügte, um dies zu erkennen. Doch trat diese Hoffnungslosigkeit noch deutlicher hervor, als Rahel mit traurigen, aber unerschrockenen Augen beobachtete, wie die Geschworenen zum letzten Male den Aufruf ihrer Namen beantworteten.

Nun war auch dies geschehen. Erregt wendete sich der Obmann auf seinem Platze hin und her. In der qualvollen Spannung der letzten furchtbaren Pause schien es der dichtgedrängten Menge, als steigere sich die Temperatur im Saale zu der eines türkischen Bades.

»Meine Herren Geschworenen, haben Sie sich über Ihren Urteilsspruch geeinigt?«

»Ja, das haben wir!«

»Erachten Sie die Angeklagte für schuldig oder nicht schuldig?«

»Für nicht schuldig.«

Ein unterdrückter Aufschrei aus Hunderten von Kehlen zugleich ging durch den Saal. Zugleich sah man, wie der Schriftführer die Hand ans Ohr legte und sich vorbeugte, denn die Stimme des Obmanns hatte vor lauter Erregung keinen Klang. Jedermann im Saal beugte sich nun ebenfalls vor, diesmal aber hatten die Empfindungen des aufgeregten Obmanns eine andre Wirkung.

»Nicht schuldig!« brüllte er nun aus vollem Halse.

Totenstille folgte, während die Wanduhr fünf Uhr schlug.

»Ist dies das Urteil von Ihnen allen?«

»Ja, von jedem von uns!«

Die Augen auf das Pult niederschlagend, lehnte sich der Präsident in seinen Stuhl zurück, ohne durch eine Miene oder Bewegung seine persönliche Ansicht zu verraten, die er mit so bewundernswürdiger Unparteilichkeit während des ganzen Verhörs unterdrückt hatte. Immerhin aber vergingen doch einige Augenblicke, ehe er die Augen zugleich mit seiner Stimme erhob.

»Die Angeklagte ist in Freiheit zu setzen!« war alles, was er sagte. In diesen Worten sollte aber ein mürrischer ärgerlicher, dankbarer, empörter, gerührter und auch wieder harter und gleichgültiger Ton gelegen haben. So würde es morgen in den Zeitungen zu lesen sein, dann konnte sich jeder auserwählen, was ihm am besten gefiel.

So wurde denn Rahel Minchin vor den weit aufgerissenen Augen von hundert bis zweihundert ihrer Mitmenschen aus dem Gerichtssaal hinausgeführt, und zwar in einem Zustand, als sei sie zum Tode verurteilt und nicht freigesprochen worden. Sie schien den Urteilsspruch, der auf so vielen Gesichtern und nicht zum mindesten auf ihrem eigenen den Ausdruck des Erstaunens hervorgerufen hatte, noch gar nicht zu fassen. Ihre blassen Züge hatten sich rosig gefärbt, aber nicht vor Freude. Die während der vergangenen Woche krampfhaft zurückgehaltene Erregung machte sich dann in einem heftigen Tränenstrom Luft, so daß man die junge Frau aus dem Gerichtssaal schleppen mußte. Mutig hatte sie ihn zum letzten Male betreten, aber es war ein falscher Mut gewesen, so daß sie im entscheidenden Augenblick das Urteil ihrer Befreiung schwerer ertrug als ein Todesurteil.

Binnen weniger Minuten hatte sich der Saal geleert, der mit seinen mattlackierten Sitzen, den prunkhaften Tapeten und der noch herrschenden behaglichen Wärme und Beleuchtung an ein altmodisches kleines Schauspielhaus erinnerte, wo eben der Vorhang gefallen und das Publikum hinausgeströmt ist. In den Gängen und draußen auf der Straße aber hatte das Lärmen und Schreien noch kein Ende, und auch der Saal selbst war in Wirklichkeit nicht ganz leer. Ein Herr mit weißem Haar hatte seinen Platz noch nicht verlassen, als ein Aufseher hereinkam, um die Lichter zu löschen. Dieser machte einen Diener auf den Herrn aufmerksam, und einige Augenblicke beobachteten ihn die beiden. Dann ging der Aufseher zu dem Herrn hinüber und berührte ihn an der Schulter.

Langsam, ohne zu erschrecken, wandte sich dieser um. »Ah, Sie gerade möchte ich gern sprechen,« sagte er. »War der Mann, der die Angeklagte hinausgeführt hat, der Oberaufseher der Arrestantenabteilung?«

»Ja, der mit dem Vollbart,« nickte der Aufwärter.

»Gut, dann geben Sie ihm dies hier, und zwar so rasch als möglich. Ich werde hier warten, bis er Zeit für mich hat.«

Damit drückte er dem Aufseher eine Visitenkarte und zugleich einige Goldstücke in die Hand.

»Er wünscht den Oberaufseher zu sprechen,« erklärte der Aufseher dem an der Tür stehenden Polizisten.

»Er ist die ganze Woche über hier gewesen,« murmelte dieser vor sich hin. »Wer er nur sein mag?«

»Steel ist sein Name,« flüsterte der andre, einen Blick auf die Karte werfend, als der Herr vor ihnen die Stufen Hinaufstieg, wobei das Gaslicht auf seinen silbernen Haaren glänzte und seine energischen Züge scharf beleuchtete.

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