Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernest William Hornung >

Der Schatten des Stricks. Erster Band

Ernest William Hornung: Der Schatten des Stricks. Erster Band - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleDer Schatten des Stricks. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1906
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20150209
modified20190724
projectida99d3eff
Schließen

Navigation:

Erstes Kapitel. Das Ende vom Lied

»Es ist vorbei,« sagte die junge Frau mit unnatürlicher Ruhe zu sich selbst. »Nicht einen Tag, nicht eine Nacht mehr bleibe ich hier, wenn ich bis zum Morgen fertig werden kann.«

Sie war allein in ihrem Zimmer, und niemand sah die tödliche Blässe des ovalen Gesichts, das verächtliche Beben der feinen Nasenflügel und den tränenlosen Glanz der funkelnden Augen. Während sie noch dastand, polterten schwere Schritte zwei Treppenabsätze hinunter, worauf im Erdgeschoß eine Doppeltür zugeschlagen wurde.

Es war ein hohes, schmales Haus mit fünf je zwei Zimmer enthaltenden Stockwerken – Erdgeschoß und Mansarde mit eingerechnet – ein Haus, wie man sie in London so häufig findet. In diesem hier aber hatte sich vor kurzem ein ebenfalls nicht allzu ungewöhnliches Drama abgespielt, auf das sich jetzt der Vorhang herniedersenkte. Die Mitwirkenden in diesem Trauerspiel bestanden indes nur aus zwei Personen, obwohl die böse Welt von einer dritten munkelte.

Rahel Minchin war, ehe sie den unglücklichen Schritt unternahm, der ihr diesen Familiennamen eintrug, eine ebenso reizende als blutarme junge Australierin gewesen; das heißt, sie hatte in Heidelberg bei Melbourne das Licht der Welt erblickt, stammte aber von englischen Eltern ab, die, mehr vornehm gesinnt als praktisch veranlagt, bei ihrem frühen Tode der Tochter als einzige Ausrüstung für den Kampf des Lebens ein hübsches Gesicht, einen vortrefflichen Charakter und den Stolz einer reichen Erbin hinterließen. Außerdem hatte Rahel eine recht hübsche Singstimme, die indes nicht groß genug war, um ihr eine gesicherte Zukunft zu versprechen. So war sie denn schon mit zwanzig Jahren als Erzieherin in den Wildnissen Australiens tätig, wo Frauen ebenso rar sind als Wasser, wo sich aber auch kein Mann fand, der Rahels Herz hätte höher schlagen machen. Wenige Jahre später verdiente sie sich die Überfahrt nach England als Gesellschafterin einer Dame, und an Bord dieses Schiffes sollte ihr Schicksal sie ereilen.

Mr. Minchin, der ebenfalls bei den Antipoden geboren und fast vierzig Jahre alt geworden war, bis er es endlich zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatte, war trotzdem ein weltgewandter, vielgereister Mann und kein wilder Buschklepper. Als tüchtiger Minenbauingenieur hatte er viel vom Leben sowohl in Südafrika als auch in Westaustralien gesehen, und nun wollte er in Europa als wohlhabender und durch keinen Beruf gebundener Mann so recht sein Dasein genießen. Sich eine Frau zu nehmen, lag durchaus nicht in seiner Absicht, und auch Rahel wünschte sich alles eher als einen Gatten. Aber die lange Seereise, ihre unbefriedigende Stellung und die fortgesetzten Aufmerksamkeiten eines hübschen, unterhaltenden, selbstbewußten Weltmannes bildeten für sie in ihrer Unerfahrenheit eine ebenso verhängnisvolle Versuchung als für Alexander Minchin ihre Schönheit und ihre mit so viel Stolz und Würde getragene Armut. In aller Stille ließen sie sich noch am Tage ihrer Landung in England trauen, wo sie beide weder eine einzige befreundete Seele, noch persönlich mit ihnen bekannte Verwandte hatten. Anfangs empfanden sie diesen Mangel jedoch nicht, da sie sich zunächst einmal Europa ansehen und ihr Leben genießen wollten. Die junge Frau besonders gab sich um so eifriger diesen Genüssen hin, als sie mehr und mehr einsah, daß die Vorteile ihrer Heirat doch vorwiegend materieller Art waren. Alexander Minchin erwies sich nämlich im Laufe des abwechslungsreichen Lebens in den großen Städten durchaus nicht mehr als der aufmerksame, stets gutgelaunte Kavalier, an dessen rücksichtsvolles Wesen sie sich an Bord gewöhnt hatte. Einzelner Vorfälle zu näherer Erläuterung bedarf es nicht; nur so viel sei erwähnt, daß sich Mr. Minchin mehr und mehr dem Spiel und Trunk ergab, bis schließlich alle seine guten Eigenschaften von diesen Lastern verschlungen wurden. Rahels rasch aufbrausende, stolze Natur machte die Sache nicht besser. Da sie sich indes wohl bewußt war, daß auch sie bei den immer häufiger werdenden heftigen Auftritten manchen Fehler machte, so neigte sie um so leichter zum Vergeben, wodurch manch bitterer Streit beschwichtigt und eine Katastrophe hinausgeschoben wurde.

Inzwischen langte das reisemüde und durch die Laster des Gatten in seinen Vermögensverhältnissen zurückgekommene Ehepaar wieder in London an, wo Minchin infolge eines zufälligen Dusels in Minenaktien zu einer höheren Art des Spiels, als das bisher betriebene, überging. Er hatte Blut geleckt. Mit Sachkenntnis und ein wenig barem Gelde konnte bei diesen Spekulationen unter Umständen ein Vermögen verdient werden, und Alexander Minchin ging daran, diese Aufgabe zu lösen. Er ließ sich in London nieder, mietete in einer billigen Gegend ein möbliertes Haus, und dort war es, wo die ehelichen Zwistigkeiten ihren Gipfelpunkt erreicht hatten.

»Nicht einen Tag,« sagte Rahel, »nicht eine Nacht mehr bleibe ich hier, wenn ich bis zum Morgen fertig werden kann.«

Da Mrs. Minchin eine ziemlich energische Frau war, so ließ sie es auch jetzt nicht bei leeren Worten bewenden. Die Pause zwischen dem Zuschlagen von Türen im Erdgeschoß und einem Geräusch auf dem Boden dauerte nur wenige Minuten lang. Und dieses Geräusch wurde von Rahel hervorgerufen, die einen leeren Koffer die oberste schmale Treppe hinunterschleppte, was eines der Dienstmädchen bewog, die Kammertür ein wenig zu öffnen.

»Es tut mir leid, wenn ich Sie geweckt habe,« sagte ihre Herrin. »Die Treppe ist hier so eng. Nein, danke, lassen Sie nur, ich werde ganz gut allein fertig.« – Kurze Zeit darauf lagen die Mädchen wieder in tiefem Schlaf.

Es war keine kleine Aufgabe, die Rahel sich vorgesteckt hatte. Mit dem nächsten Schiff wollte sie nach Australien zurückkehren, und so mußte sie sich noch diese Nacht reisefertig machen. Mit der sich allmählich legenden Aufregung befestigte sich ihr Entschluß nur noch mehr. Je früher sie ihren Gatten verließ, desto geringer würde sein Widerstand; zögerte sie, so machte seine augenblickliche Abgestumpftheit wahrscheinlich bald wieder der Tyrannei des normalen Gatten Platz. Gehen aber wollte sie so oder so. Nicht einmal den nächsten Tag wollte sie mehr hier verleben, wenn sie sich auch sagen mußte, daß die Vorbereitungen sie wohl bis zur Morgendämmerung festhalten würden.

Es war im September. Nicht mit leeren Händen wollte sie entfliehen – überhaupt nicht entfliehen. Nach reiflicher Überlegung wollte sie ihn verlassen und einen Koffer mitnehmen, der das für die Reise Notwendige enthalten sollte. Die Auswahl war indes nicht so ganz leicht. In Stunden guter Laune hatte Minchin recht freigebig sein können, und nicht ohne ein gewisses Schmerzgefühl gedachte Rahel beim Hervorholen von manch kostbarem Gegenstand an den Einkauf und an die Freude, die ihr, dem einst so armen Mädchen, der ungewohnte Besitz gemacht hatte.

Trotzdem aber blieb ihr Entschluß unerschüttert. Wohl verletzte es ihren Stolz, seine persönlichen Geschenke mitzunehmen, obgleich dies alles war, was sie je von ihm erhalten hatte; denn niemals war er zu bewegen gewesen, ihr ein Taschengeld auszusetzen. Um jeden Pfennig hatte sie ihn bitten müssen, und dann sollte sie auch noch dankbar dafür sein. Es wäre also nicht ihre Schuld, wenn sie sich jetzt die Überfahrt mit ihrer Hände Arbeit verdienen müßte. Allein diese Geldverlegenheit beunruhigte sie doch. Stillschweigend seine Geschenke mitzunehmen, verletzte ihr Ehrgefühl, von ihrem Stolze gar nicht zu reden, und in ihrer Bedrängnis kam sie in einem Augenblick plötzlicher Entmutigung nun doch zu dem Entschluß, ihrem Mann ihre Bedrängnis anzuvertrauen und sich an seine, allerdings launische, aber manchmal doch unleugbare Großmut zu wenden.

Wohl hatte er ihr erst vorhin versichert, sie könne seinetwegen ins Pfefferland gehen, und wahrscheinlich würde er auch jetzt noch von ihr verlangen, daß sie ihren Unterhalt selbst verdienen solle, trotzdem aber drängte es sie, ihm die Entscheidung anheimzustellen, und zwar sofort.

Sie sah auf ihre Uhr – diese wenigstens stammte von ihrer Mutter – und sie zeigte ihr, daß die erste Stunde ihres letzten Tages unter seinem Dache bereits angebrochen war. Alexander Minchin war ein Nachtvogel, was seine junge Frau nur zu wohl wußte, und diesen Abend hatte er ihr im Zorn zugerufen, daß er in einem der oberen Wohnzimmer zu schlafen beabsichtige. Aber er war bis jetzt noch nicht heraufgekommen. Das betreffende Zimmer war ein nach rückwärts gelegener kleiner Raum, und Rahel warf auf ihrem Wege nach dem Erdgeschoß einen Blick hinein. Es war leer, auch hatten die Mädchen weder das improvisierte Bett in Ordnung gebracht, noch die Vorhänge zugezogen. Rahel besann sich einen Augenblick, ging dann aber doch eine Treppe höher, um reine Betttücher zu holen. Es lag etwas unendlich Rührendes in dieser unwillkürlichen Fürsorge, die ihren Grund durchaus nicht in einem Rest von Liebe, sondern nur in einem gewissen Pflichtgefühl hatte, und die deutlich verriet, was für eine vortreffliche Gattin sie hätte werden können.

Minchin hörte sie nicht, als sie endlich ins Erdgeschoß hinunterschlich, obwohl in dieser mitternächtlichen Stunde die Treppenstufen besonders laut unter ihren Füßen zu knarren schienen – oder wenn er sie auch hörte, so gab er jedenfalls kein Zeichen von sich. Diese Wahrnehmung entmutigte Rahel; ihr wäre der schlimmste Zornesausbruch lieber gewesen. Freilich drangen Laute von außen nur schwer in die hinter dem Eßzimmer gelegene Studierstube, da der frühere langjährige Mieter des Hauses, ein berühmter Professor, sich durch Anbringung von Doppeltüren seine Ruhe gesichert hatte. Die äußere, mit dunkelrotem Filz ausgepolsterte Tür machte ebenfalls ein beängstigendes Geräusch, als Rahel sie mit hastigem Ruck öffnete. Lauschend wartete sie. Aber auch jetzt ließ sich kein Ton von innen vernehmen: selbst als seine Frau schließlich ins Zimmer trat, ließ Minchin sich nicht stören. Diese brauchte indes nur einen Blick auf ihn zu werfen, um sich über den Grund dieser Stille im klaren zu sein. Im Lehnstuhl des Professors saß dessen unwürdiger Nachfolger mit auf die Brust gesunkenem Kinn. Auf seinem Schoße lag eine Zeitung, und neben ihm standen eine leere Karaffe und ein Glas, worin sich noch ein kleiner Rest befand; er schien also noch vor dem Austrinken eingeschlafen zu sein. Über das elektrische Licht, bei dessen Schein er gelesen hatte, war der grüne Schirm heruntergezogen, ein Zeichen, daß er die Nacht offenbar hier zubringen wollte.

Beim Anblick seiner unbequemen Lage wollte Rahel etwas wie Mitleid anwandeln, doch ließ die leere Flasche keine Gewissensbisse bei ihr aufkommen. Sie selbst hatte die Flasche am Abend gefüllt, da ihr Mann beim Weggehen in geheimnisvoller Weise von einem längeren Ausbleiben gesprochen hatte. Nun begriff sie diese Heimlichtuerei, und ihr Gesicht verfinsterte sich, als sie an die unerhörte Beschimpfung dachte, die er ihr bei seiner Erklärung entgegengeschleudert hatte. Nein, nicht eine Minute länger als notwendig wollte sie hier bleiben. Er schlief jedenfalls bis in den Morgen hinein. Nicht das erste Mal würde dies der Fall sein, und heute je länger desto besser.

Von einem unüberwindlichen Widerwillen getrieben, war sie auf den kleinen Vorplatz zurückgewichen, und dort stand sie nun blaß, bebend und von einem Ekel und Abscheu erfüllt, der sich beim letzten Blick auf das beschattete Gesicht und die unbewegliche Gestalt im Lehnstuhl noch verschärfte. Rahel vermochte sich keine Rechenschaft über den Grund dieses plötzlichen, übermäßigen Ekels zu geben, der ihr eine Art Übelkeit verursachte und sie gleichsam an die Schwelle festbannte. Endlich aber fand sie doch die Kraft, einige Schritte zurückzuweichen, das elektrische Licht auszudrehen und die beiden Türen ebenso leise, als sie sie geöffnet hatte, wieder zu schließen. Auf dem Vorplatz brannte ein zweites Licht, und auch dieses löschte Rahel gewohnheitsmäßig aus, ehe sie den Fuß auf die erste Treppenstufe setzte. Einen Augenblick später stand sie, von Entsetzen gepackt, im Dunkeln.

Noch immer kam kein Laut aus dem Studierzimmer, nur ein leises metallisches Klirren ließ sich von dem an der Haustür angebrachten Briefkasten vernehmen. Es mochte der Wind gewesen sein, denn eine Schraube der außerhalb der Tür angebrachten, den Einschnitt schützenden Metallklappe war losgegangen. Und obwohl dieses Geräusch sich nicht wiederholte, so schrieb Rahel es doch dem Winde zu, als sie in einer Aufregung, die sie mit Beschämung und Furcht zugleich erfüllte, die Treppe wieder hinaufrannte. Drohte der Mut ihr zu schwinden, der Mut, den sie doch so notwendig brauchte? Nein, nein, er durfte sie jetzt nicht verlassen, und als ob sie ihn dadurch zu kräftigen hoffte, öffnete sie das Gangfenster und starrte einige Minuten in die kühle, sternhelle Nacht hinaus. Ein weiter Überblick bot sich ihr freilich nicht, denn die Rückseite von Häusern verdeckte zum größten Teil den Sternenhimmel. Die Rückseite dieser Nachbarhäuser bildete im Verein mit der Rückseite des von ihr bewohnten Gebäudes ein geschlossenes Viereck. Dürftige Gärtchen von verschiedener Größe schimmerten aus einem Netzwerk von schmutzigen Mauern hervor, zwischen denen hie und da ein großer, herbstlich zerzauster Baum hervorragte. Rahel aber sah weder nach diesen Gärtchen, noch nach den Sternen, die sie matt beleuchteten. Ihr Auge hing an dem aus einem gegenüberliegenden Fenster scheinenden Licht, das die ganze Nacht hindurch brannte. Es war das einzige irdische Licht, das Rahel sehen konnte, das einzige irdische oder himmlische Licht überhaupt, dem sie Beachtung schenkte. Mit einem Gefühl der Dankbarkeit bemerkte sie es, und als sie den Blick davon abwendete, murmelten ihre Lippen ein Gebet.

Zur rechten Zeit war der Koffer gepackt, den Rahel auch sofort die Treppe hinunterschleppte, eine Anstrengung, von der sie jeder Muskel schmerzte. Viel Lärm aber mußte sie dabei doch nicht gemacht haben, denn noch immer blieb es still im Studierzimmer. Kaum daß sie sich Zeit zum Atemholen nahm, machte sie mit einem Drücker die Haustüre leise hinter sich zu und stand nun endlich in der frischen, klaren Luft.

Einen Wagen konnte sie zu dieser Stunde nicht finden, und außer den Straßenkehrern war kein menschliches Wesen zu sehen. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als Rahel auf ihrer Wanderung durch die benachbarten Straßen endlich einen Einspänner entdeckte. Nun aber tat sie etwas höchst Seltsames. Anstatt sich direkt vor ihre Wohnung fahren und ihren Koffer aufladen zu lassen, gab sie dem Kutscher plötzlich eine andere Richtung an und befahl ihm dann, vor einem Hause zu halten, an dessen einem Fenster ein Schild mit einem Zimmerangebot hing. Auf Rahels Klingeln erschien nach auffallend kurzer Zeit eine Frau, deren Gesicht zuerst Schrecken, bei Mrs. Minchins Anblick aber unverkennbar Verdruß ausdrückte.

»So sind Sie also doch nicht gekommen!« rief die Frau in bitterem Tone.

»Ich bin abgehalten worden,« erwiderte Rahel ruhig. »Wie geht es ihm?« kam es dann flüsternd von ihren Lippen.

»Er lebt noch,« sagte die Frau an der Tür.

»Ist das alles, was Sie mir zu sagen haben?« fragte Rahel mit stockendem Atem.

»Ehe der Arzt nicht hier gewesen ist, kann ich keine weitere Auskunft geben.«

»So hat er doch wenigstens die Nacht überlebt,« fuhr Rahel mit dankbarem Aufseufzen fort. »Ich schaute immer wieder nach dem Licht in seinem Zimmer, selbst zu kommen aber war mir nicht möglich. Haben Sie die ganze Nacht an seinem Bett gesessen?«

»Ja, die ganze Nacht ohne Unterbrechung,« antwortete die andre mit einem Ausdruck unverhohlener Strenge in den starren, rotgeränderten Augen; »kein Auge habe ich zugetan.«

»Wie leid tut es mir, daß ich Sie nicht ablösen konnte!« rief Rahel, die zu betrübt war, um sich über den unfreundlichen Ton der Alten zu ärgern; »aber es war eben unmöglich, vollständig unmöglich. Wir ... ich bin im Begriff, England zu verlassen. Armer Mr. Severino! Wenn ich doch irgend etwas für ihn tun könnte! Jedenfalls aber müssen Sie jetzt eine Berufspflegerin zur Hilfe nehmen. Und sobald es ihm besser geht ... denn mir ahnt, daß er sich wieder erholen wird ... können Sie ihm sagen ...«

Eingeschüchtert durch den scharf prüfenden Blick der geröteten Augen, zögerte Rahel.

»Sagen Sie ihm, daß ich bestimmt hoffe, er werde sich bald wieder vollständig erholen,« fuhr sie endlich fort, »merken Sie wohl, vollständig. Und sagen Sie Mr. Severino auch, daß ich für immer fortgehe. Da ich jedoch meinen Plan, Sie in seiner Pflege zu unterstützen, nicht ausführen konnte, so ist es mir lieber, Sie erwähnen davon nichts, und auch nicht, daß ich hier war, um zu sehen, wie es ihm geht.«

Dies war ihr ganzer Abschiedsgruß für den fast noch knabenhaften jungen Mann, mit dem die klatschsüchtige Welt den Namen Rahel Minchin heimlich in Verbindung gebracht hatte. Ihre eben erwähnte Äußerung sollte übrigens, wie die Folge zeigen wird, auch noch in andrer Hinsicht von erheblicher Bedeutung für sie werden. Gleich darauf befand sich Rahel zum letzten Male vor ihrer eigenen Haustür, in deren Schloß sie leise und geschickt den Drücker steckte, während in einem benachbarten Garten die Vögel voll ausgelassener Lustigkeit zwitscherten und die messingene Türklinke, sowie die Klappe des Briefeinwurfs in der Morgensonne funkelten. Da wurde die Tür plötzlich von einem Schutzmann weit aufgerissen, hinter dem auf dem engen Vorplatz ein zweiter auftauchte, während an der Treppe die beiden Dienstmädchen standen. Ohne die geringste vorherige Erklärung wurde Rahel Minchin von den Polizisten zu ihrem Gatten hineingeführt, der noch in derselben Stellung, wie sie ihn verlassen hatte, in des Professors Lehnstuhl saß, nur daß seine Füße jetzt steif ausgestreckt auf einem zweiten Stuhl lagen und man bei dem von Norden her ins Zimmer flutenden Tageslicht deutlich erkennen konnte, daß die Hand des Todes ihn berührt hatte.

Unbeweglich starrte die junge Witwe auf ihren toten Gatten, während vier Augenpaare mit noch prüfenderen Blicken auf ihr selbst hafteten. Allein wenig genug stand auf dem blassen Gesicht mit dem gespannten Ausdruck und den zusammengepreßten Lippen, denen nicht ein einziger Schreckensruf entfahren war, zu lesen. Sie hatte nur die Schwelle überschritten und war dann plötzlich mitten auf dem abgetretenen Teppich stehen geblieben, wo sich ihre Gestalt jetzt scharf von dem mit Bücherregalen bedeckten Hintergrund abhob. Weder ein Schwanken der geschmeidigen Gestalt, noch ein Haschen nach einem Stützpunkt war zu sehen, auch wurde keine Frage ausgesprochen. Die Art, wie wir einen unvorhergesehenen, folgenschweren Schlag aufnehmen, setzt uns oft noch mehr in Erstaunen, als der Schlag selbst. Dabei bringt eine solch unvermutete Trennung durch den Tod es uns häufig erst zum Bewußtsein, was wir uns im Zusammenleben mit dem Entschlafenen alles haben zuschulden kommen lassen. So ging es auch Rahel Minchin in den ersten Augenblicken ihrer tragischen Befreiung. Gott selbst hatte also geschieden, was von ihm zusammengefügt worden war! Hier lag er, der Mann, den sie aus Liebe geheiratet hatte! War es möglich, daß sie jetzt ohne Schmerz den Blick auf seinen sterblichen Überresten ruhen lassen konnte? Plötzlich aber nahmen Rahels Gedanken eine andre Richtung, wobei sie, wie die von der Tür aus auf sie gerichteten acht Augen gar wohl bemerkten, entsetzt zusammenschauderte. Er mußte schon tot gewesen sein, als sie vom oberen Stockwerk heruntergekommen war und ihn im Dämmerlicht der beschatteten Lampe hatte sitzen sehen. Die Kopfhaltung war unverändert, das Kinn auf die Brust geneigt, der Mund so natürlich geschlossen, wie im Schlafe. Kein Wunder, daß seine Frau sich hatte täuschen lassen. Und doch lag etwas Ungewöhnliches, etwas Edles auf seinen Zügen, das dem lebenden Manne niemals eigen gewesen war. Rahel wunderte sich plötzlich, daß der ihrem Manne so gänzlich fremde Zug von Würde und Vornehmheit, den nur der Tod einem Antlitz in solcher Weise zu verleihen vermag, ihr nicht sogleich aufgefallen war. Sie schlug die Augen zu dem Stückchen Himmel auf, das durch den oberen Teil des Fensters hereinschaute, und schon wollten ihr Tränen in die Augen steigen, als statt ihrer ein Ausdruck des Entsetzens und plötzlicher Erleuchtung daraus hervorbrach. Ein gezacktes Loch befand sich in diesem Fenster und auf dem Schreibpult daneben lag ein umgeworfenes Tintenfaß, dessen Inhalt sich mit dem Blute des toten Mannes vermischt hatte. Nun erst bemerkte sie, daß dieser in Blut wie gebadet war, und daß die jetzt neben ihm auf dem Boden liegende Zeitung, die ihn vorhin noch halb verdeckt hatte, steif von Blut war.

»Ermordet!« murmelte Rahel, indem sie endlich, schwer atmend, ihr langes Schweigen brach. »Das Werk von Dieben.«

Die Polizisten wechselten einen raschen Blick.

»So sieht es allerdings aus,« sagte derjenige, der die Tür geöffnet hatte, »das gebe ich zu.«

Eine auffallende Härte klang aus seinem Ton, die Rahel indes ebensowenig beachtete als die neugierig vorgestreckten Köpfe der unter der Haustür sich ansammelnden Menschen.

»Aber ist daran überhaupt zu zweifeln?« rief sie, von dem zerbrochenen Fenster auf die verschüttete Tinte zeigend. »Oder glauben Sie, er habe sich selbst erschossen?«

Ihr Entsetzen steigerte sich bei diesem Gedanken, der für sie noch fürchterlicher war als alles andre. Der Polizist schüttelte jedoch den Kopf.

»Dann hätten wir die Pistole finden müssen,« sagte er. »Aber erschossen ist er, und zwar mitten durchs Herz.«

»Wer könnte es denn aber gewesen sein, wenn es nicht Diebe waren?«

»Das ist es eben, was wir alle gern wissen möchten,« sagte der Schutzmann, und noch immer fand Rahel nicht Zeit, sich über seinen eigentümlichen Ton zu wundern. Die weißen Hände krampfhaft verschlungen, beugte sie sich jetzt über den Leichnam, während ihr totenblasses Gesicht den Ausdruck qualvoller Aufregung trug.

»Sehen Sie nur, sehen Sie!« rief sie, sich zu den Anwesenden wendend. »Gestern abend trug er seine goldene Uhr, das kann ich beschwören, und nun ist sie verschwunden.«

»Wissen Sie auch ganz gewiß, daß er sie trug?« fragte nähertretend derselbe Schutzmann.

»Ja, ganz gewiß.«

»Nun, wenn dem wirklich so ist,« fuhr er fort, »und sie nirgends gefunden werden kann, so wird dies ein Punkt, sein, der sehr zu Ihren Gunsten spricht.«

Hastig, mit vor Erstaunen weit aufgerissenen Augen, richtete Rahel sich auf.

»Zu meinen Gunsten?« rief sie. »Wollen Sie vielleicht die Güte haben, sich deutlicher auszudrücken?«

Die Polizisten standen jetzt zu ihren beiden Seiten.

»Nun,« begann derjenige, der auch bisher das Wort geführt hatte, »erstens einmal will mir die Art, wie dieses Fenster zerbrochen worden ist, nicht recht gefallen. Wenn Sie es genauer anschauen, so werden Sie sehen, was ich meine. Die Scherben liegen alle draußen auf dem Fensterbrett. Aber das ist nicht alles – da Sie übrigens gerade einen Wagen vor der Tür haben, so können wir wohl nichts Gescheiteres tun, als daß Sie uns sofort zur Polizeistation begleiten, ehe der Auflauf draußen noch größer wird.«

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.