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Der Schatten des Stricks. Erster Band

Ernest William Hornung: Der Schatten des Stricks. Erster Band - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleDer Schatten des Stricks. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1906
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20150209
modified20190724
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Dreizehntes Kapitel. Das australische Zimmer

Es war einer jener unbehaglichen und unnatürlich naßkalten Sommertage, unter denen Menschen und Tiere gleich sehr leiden. Der Wind blies von Osten her und schwere, schwarze Wolken jagten über den Himmel hin, teils ohne sich zu entladen, teil in kurze, eisige Regenschauer ausbrechend, während die gelegentlichen Sonnenblicke das Übel nur verschlimmerten, indem sie einen daran erinnerten, in welcher Jahreszeit man tatsächlich war oder hätte sein sollen, selbst wenn sie einen nicht zum Naßwerden verlockten, was der sichere Lohn für einen Spaziergang gewesen wäre. Die Delvertoner Luft war ohnedies schon frisch und kräftig genug; wehte aber der Spezialwind dieses Distrikts, so ging er einem durch die Sommerkleider bis auf die Knochen.

An einem solchen Tage konnte es kaum einen unliebsameren Aufenthaltsort geben, als Normanthorpe House mit seinen Marmorböden, hohen Räumen und seiner italienisch-frostigen Unbehaglichkeit. Es war an einem Donnerstag, einem Tag, den Mr. Steel in Northborough teils an der Börse, teils im Delvertoner Klub zuzubringen pflegte. Rahel hatte somit nicht nur mit einem körperlichen Frostgefühl und einer damit verbundenen dumpfen Niedergeschlagenheit zu kämpfen, sondern sie war auch ganz auf ihre eigene Gesellschaft angewiesen und vermißte die ihres Gatten mehr, als sie sich selbst bewußt war.

In früheren Zeiten hatte sie zu den heiteren, energischen Menschen gehört, die in sich selbst stets reichliche Hilfsquellen für Unterhaltung und Beschäftigung finden, doch damit war es nun fast vorbei. Sie war zerstreut und verstimmt, hielt es nie lange bei einer Beschäftigung aus, weder beim Singen noch bei einem Buche, und mehr und mehr bemächtigte sich ihrer eine körperliche und geistige Ruhelosigkeit. Andre bemerkten freilich nichts davon, denn sie verstand es, sich zu beherrschen, allein Unterdrückung ist keine Heilung. Und an Grund, ihre Gefühle zu unterdrücken, fehlte es nicht, wenn auch die Furcht, ihre Identität mit der berüchtigten Mrs. Minchin könnte von ihren Nachbarn entdeckt werden, nicht mehr im Vordergrund bei ihr stand.

Nein, ihr eigenes Leben – von der Wurzel bis zum Wipfel – war zu einer Art Upasbaum emporgewachsen, der ihr Dasein vergiftete. Sie wurde für ihre zweite Heirat ebenso bestraft wie für ihre erste, nur mit noch mehr Recht und auf noch heimtückischere Weise. Jeder Tag brachte Dutzende von Belegen für die unnatürliche Stellung, zu der sie sich in einer Stunde gänzlicher Hilflosigkeit und Verzweiflung hatte hinreißen lassen. Sie war weder Herrin in ihrem eigenen Hause, noch hatte sie auch nur einen Augenblick das Gefühl, als sei es überhaupt ihr Haus. Alles geschah für sie, ohne daß sie auch nur einen Finger zu rühren brauchte. Eine erfahrene Haushälterin sorgte für die kleinsten Einzelheiten, und daß diese in Anordnung und Ausführung vorzüglich waren, daß diese Haushälterin eine Frau von tadellosem Takt und glänzenden Fähigkeiten war, und Rahel selbst niemals auch nur den leisesten Grund zu einer berechtigten Klage hatte, war eine Quelle stets wachsenden, wenn auch ohnmächtigen Kummers für sie. Zuerst hatte sie dies alles nicht empfunden, aber während dieser Sommermonate war eben überhaupt eine Veränderung mit ihr vorgegangen. Sie sehnte sich nach der Tätigkeit andrer Frauen. Wie nützlich war zum Beispiel jede Stunde von Morna Woodgates glücklich dahinfließenden Tagen ausgefüllt! Morna hatte aber eben auch keine außergewöhnliche Heirat geschlossen – sie hatte aus Liebe geheiratet.

Heute kam nun nicht einmal Morna, sie zu besuchen, und auch sie selbst konnte nicht zu ihr gehen, denn der Donnerstagnachmittag gehörte nicht zu den wenigen in der Woche, an denen die Pfarrerin durch keine bestimmte Pflicht oder Beschäftigung an die Gemeinde gebunden war. Rahel beneidete sie so sehr um die Art, wie sie ihren Gatten bei seiner Arbeit unterstützte. Auch sie hatte versucht, zu helfen, Gutes zu tun, obwohl in unregelmäßiger, abgerissener Weise. Aber sie merkte bald, daß es eben ein großer Unterschied ist, ob man etwas tut, weil die Pflicht es verlangt, oder aber nur, um überhaupt etwas zu tun. Und überdies war Hugh Woodgate nicht ihr Gatte. Rahel hatte das richtige Gefühl, jene halberzwungenen Versuche, sich eine persönliche Wohltat in Form guter Werke zu verschaffen, wieder aufzugeben, zugleich aber auch den Mut, ihre Gründe Morna offen anzuvertrauen. An diesem Nachmittag aber bereute sie es beinahe.

Wohl zum zwanzigsten Male schon hatte sie jenes seltsame Schatzkämmerlein, das sogenannte chinesische Zimmer, durchforscht, ein Staatsgemach, das mit den kostbarsten Beutestücken angefüllt war, die ein Seefahrer und Erbe von Normanthorpe einst aus dem Lande der Blumen mitgebracht hatte, und das pietätloserweise mit in den Kaufpreis einbedungen war. An diesem Tage jedoch schien es Rahel, als grinsten die alten Götzenbilder sie nur höhnisch an. In ihrer Verzweiflung begab sie sich endlich in ihres Mannes Arbeitszimmer. Es war das erste Mal, daß sie dessen Schwelle in seiner Abwesenheit überschritt, aber sämtliche Bücher befanden sich dort, und ein Buch mußte sie unter allen Umständen jetzt haben.

Auch diese Bibliothek war mit dem Hause erworben worden und bestand deshalb größtenteils aus älteren Werken, die Steel mit der Bezeichnung »alter Plunder« gebrandmarkt hatte, als Rahel ihn einmal fragte, ob sie sich eines mitnehmen könne. Diese Frage war nicht wiederholt worden, auch hatte Rahel nur höchst selten dieses geräumige Zimmer betreten, dessen Wände mit alten Büchern bedeckt waren, und wo sich der Herr des Hauses nicht gern stören ließ. Im übrigen aber war das, was Rahel jetzt auf den staubigen Regalen entdeckte, alles, nur kein »Plunder«.

Da gab es Tom Jones in vier Bänden, Gil Blas sowie die Werke von Swift, alle mit Lederrücken, die wie gewichstes Eichenholz glänzten. Auf den unteren Regalen standen Hogarth und Gillray in seltenen Ausgaben, und wo immer sich der Blick hinwandte, fiel er auf irgend ein des Herausnehmens wertes Buch. Dabei ließ Rahel es an diesem Nachmittag nun aber auch nahezu bewenden: sie nahm die Bücher heraus und steckte sie wieder hinein, genau so, wie sie es in ihrer zerfahrenen Weise jetzt bei allem machte, was sie tat. Sie verweilte einige Minuten bei Swift, doch vermochte auch er sie nicht genügend anzuziehen, daß sie sich damit hätte auf den Rückweg begeben mögen. Der seltsame, altmodische Druck der verschiedenen Bände interessierte sie mehr um der Kuriosität willen als wegen des Inhalts; auch hatte die derbe Satire der früheren Meister der Karikatur und Malerei durchaus keinen Reiz für sie. Bei Rahels Erziehung war der Sinn fürs Sagenhafte und Abergläubische nicht geweckt worden, was ein Nachteil wie ein Vorteil der gewöhnlichen englischen Erziehung ist. Wenn sie jedoch auch vielleicht zu sehr geneigt war, ein Meisterwerk auf Treu und Glauben anzuerkennen, so hatte sie sich trotzdem ein eigenes richtiges Urteil bewahrt.

Von Natur war Rahel empfänglich für alles Hohe und Schöne, jetzt aber schlummerte das. Ihr Geist war voll und übervoll von all den Geheimnissen und Überraschungen, die ihr das eigene Leben brachte. Bücher vermochten sie kaum mehr zu fesseln, durfte sie doch nicht hoffen, in ihnen den Schlüssel zu irgend einem der vielen Rätsel zu finden, die sie verfolgten und quälten. So griff sie ruhelos von einem staubigen Buch zum andern, nicht ahnend, daß sich dieser Schlüssel die ganze Zeit über in ihrer nächsten Nähe befand. Dadurch kam es, daß sie rein aus Zufall nun auch schließlich das richtige Buch herausholte, mit dem in der Hand sie jedoch erstaunt zurückwich.

Das Buch war die »Fairy Queen« von Spencer, und Rahel hatte danach gegriffen, weil ihr einmal zu Ohren gekommen war, daß nur wenige lebende Menschen dieses Epos von Anfang bis zu Ende gelesen hätten. Da sie sich doch für nichts zu interessieren vermochte, so konnte sie sich ja nun auch einmal gründlich langweilen. Doch kam sie nicht dazu, das Buch zu öffnen, denn aus dem dunklen Spalt, der durch das Herausnehmen entstanden war, blitzte etwas wie eine kleine Mondsichel hervor, und als Rahel danach faßte, fühlte sie, daß es ein schmaler messingener Griff war. Ohne auch nur einen Augenblick zu überlegen, drehte und zerrte sie daran, und als sich plötzlich mit einer sich öffnenden Tür ganze Bücherreihen zu ihr herbewegten, da wäre sie kein Mensch gewesen, wenn sie diese Tür wieder geschlossen hätte, ohne vorher einen Blick dahinter zu werfen.

Rahel schaute zuerst denn auch nur hinein, betrat dann aber doch langsam ein geheimes Zimmer, dessen Inneres sie beim ersten Blick jedoch gründlich enttäuschte. Es war dick bestaubt und mit halbausgepackten Kisten angefüllt – eine richtige Rumpelkammer. Die Tür fiel knarrend hinter ihr ins Schloß, und als Rahel sich mitten in diesem uninteressanten Durcheinander befand und sich unwillkürlich umdrehte, blieb sie plötzlich wie angewurzelt mit starren Augen und halboffenem Munde stehen, während jeder Zug ihres Gesichts ein wahrhaft tödliches Entsetzen ausdrückte. Nicht daß ihr zweiter Gatte ihr gefolgt oder sie überrascht hätte, nein – das Gesicht ihres ersten Mannes war es, das Rahel Steel entgegenschaute. Durch das zerbrochene Glas eines fliegenbeschmutzten Bilderrahmens starrten seine kühnen Augen in die ihrigen.

Das Bild hing nicht an der Wand, sondern stand nur angelehnt auf dem Boden neben der Tür. Es war eine lebensgroße, kolorierte Photographie, auf der die gemalten Augen Rahel mit derselben selbstbewußten Sicherheit anschauten, die für den lebendigen Menschen so charakteristisch gewesen war. Nicht einen Augenblick konnte sie im Zweifel sein über diese Augen, die in einer Weise zu ihr redeten, daß es sie schaudernd überlief. Trotzdem aber war die Photographie diejenige eines weit jüngeren Mannes, als dessen, den sie geheiratet hatte. Es war Alexander Minchin mit Kotelettbart, in der Mitte gescheitelten Haaren und einer Nadel in einer Krawatte, wie man beides seit Jahren nicht mehr trug, nichtsdestoweniger aber war es unzweifelhaft und unbestreitbar Alexander Minchin.

Und allein schon diese Tatsache genügte, Rahel in die höchste Aufregung zu versetzen, um so mehr, als ihre Entdeckung unbedingt eine ernste Aussprache mit dem lebenden Gatten zur Folge haben mußte. Je klarer ihr die volle Bedeutung dieser Entdeckung zum Bewußtsein kam, um so größer wurde ihre Besorgnis, und dies gerade in dem Augenblick, als sie eben angefangen hatte, sie etwas abzuschütteln. So waren ihr erster und ihr zweiter Mann also Freunde gewesen! Rahel beugte sich zu dem Bild hinunter und betrachtete es scharf. Richtig, dort stand ja auch die Firma des Photographen. In Australien hatten sie sich also kennen gelernt, in jenem Land, von dem John Buchanan Steel ausdrücklich und wiederholt behauptet hatte, es auf seinen vielen Reisen niemals besucht zu haben!

Ein fast höhnisches Lächeln umspielte Rahels Mund, als sie sich bei dieser nun für immer feststehenden Tatsache wieder in die Höhe richtete. Das Zimmer roch ja förmlich nach Australien! Aus diesen Kisten, die niemals ordentlich ausgepackt worden waren, schauten eine Menge Gegenstände heraus, die an jenes Leben erinnerten, das sie selbst so gut kannte. Hier guckte ein Bündel Bumerangs hervor, dort lag ein alter grauer Sombrero, an dessen Krempe ein blauseidener Fliegenschleier aufgerollt war; auch ein australischer Sattel fehlte nicht. Und jene Glaskästchen enthielten Proben von Merinowolle. So hatte Steel sich sein Vermögen also als australischer Squatter erworben! Warum aber eine Tatsache verheimlichen, die doch ganz unverfänglich war? Was Rahel da vor sich sah, waren die Überreste eines in den Wildnissen Australiens verbrachten Lebens, wie sie ein wegziehender Kolonist wohl als eine Art Reliquie in die alte Heimat zurückzubringen pflegt. Warum sie dann in eine heimliche Rumpelkammer werfen, von deren Vorhandensein die aus Australien stammende Gattin des einstigen Australiers keine Ahnung hatte?

Rahel schwindelte, und doch war sie dankbar für den Lichtblick, der sich ihr endlich darbot. Freilich glich er vorläufig nur einem durch die Nacht schimmernden Laternenflämmchen, das die Dunkelheit umher nur noch tiefer erscheinen läßt, aber es war doch etwas – – ein Anfang, ein Anhaltspunkt. Was die übrigen Geheimnisse anlangt, so wollte sie nun direkt den Mann darüber befragen, der sie so lange in dieser zwecklosen Ungewißheit gelassen hatte.

Wozu diese Geheimniskrämerei? Was hätte es schaden können, wenn er ihr von seinem Leben in Australien erzählt hätte? Es wäre doch im Gegenteil nur ein Band, sogar das denkbar festeste Band zwischen ihnen gewesen. Und dann, warum nicht offen sagen, daß er Alexander Minchin schon lange vor ihr gekannt hatte? Was konnte das ausmachen, nachdem er ja doch tot war? Warum ihr diese Tatsache so ängstlich verheimlichen? Selbst die Augen auf dem Porträt des toten Mannes schienen mit ihrem halb spöttischen, halb herausfordernden Ausdruck, den dessen einstige Frau nicht vergessen konnte, und der in diesem Augenblick eine neue unheilvolle Bedeutung für sie gewann, eine Frage auszusprechen.

Rahel schlug jetzt die Augen zu dem Fenster auf, das vergittert und durch Gebüsch fast ganz verdunkelt war. Trotzdem konnte man ganz oben ein Stückchen Himmel gewahren. Es war freilich ein recht trüber Himmel, und trübe und finster schaute auch Rahel drein, nach all dem Entsetzen, das sie erfaßt hatte. Da plötzlich schien es, als ob ein Zipfel der zerrissenen Wolkenfetzen mit einem Male Feuer fange, und ein Schimmer davon fand seinen Weg in den Staub und Schmutz der geheimen Kammer. Da ließ auch auf Rahels Zügen die krampfhafte Spannung nach, und mit einem matten Lächeln, zugleich aber auch mit einer energischen Kopfbewegung wandte sie sich um.

Ohne gestört zu werden, entfernte sie sich, wie sie gekommen war, schloß dann die geheime Tür wieder hinter sich zu und stellte die »Fairy Queen« sorgfältig an den alten Platz. Mit ihrer Absicht, sich der erlesenen Zahl derer, die dieses Epos ganz durchgelesen haben, anzuschließen, war es vorbei.

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