Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernest William Hornung >

Der Schatten des Stricks. Erster Band

Ernest William Hornung: Der Schatten des Stricks. Erster Band - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleDer Schatten des Stricks. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1906
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20150209
modified20190724
projectida99d3eff
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel. Ein geheimnisvoller Gast

Dies war wirklich einmal ein Sommer, wie man so zu sagen pflegt – ein Ausspruch, der ausnahmsweise sogar auf das rauhe nördliche Hügelland von Delverton angewendet werden konnte. Einen Tag um den andern erglänzte die niedrige Gebirgskette in klarem, leuchtendblauem Schimmer, und aus den schmutzigen Vororten von Northborough wanderte manch sehnsüchtiger Blick zu ihr hinüber, während von den Hügeln aus gesehen die einzige dunkle Stelle in dem fleckenlosen Landschaftsbild eben jene schwarze Rauchwolke war, die stets über der Stadt schwebte. An solchen Tagen war die Existenz des luftigen Normanthorpe House im Norden Englands anstatt im südlichen Italien eher gerechtfertigt. Der noch im Mai so frostige Marmorsaal war Anfang Juli der einzige erträgliche Aufenthaltsort im ganzen Bezirk, und alle diejenigen, welche eine Aufforderung zu häufigeren Besuchen erhalten hatten, konnten nichts Besseres tun, als sich eine solche zunutze zu machen.

Das Ehepaar Steel hatte sich bis jetzt noch nicht herbeigelassen, auch im eigenen Hause jene pomphafte und etwas protzige Art von Geselligkeit einzuführen, wie sie in der Umgegend Sitte war. Statt dessen aber hielten sie offenes Haus für alle, die zu ihnen zu kommen Lust hatten, und die ihnen selbst angenehm genug waren, um sie dazu aufzufordern. Hierin (ebenso wie in manch andern Dingen) entdeckte dieses seltsame Paar eine auffallende Übereinstimmung des Geschmacks, wie sie bei den glücklichsten normalen Ehegatten nur selten vorkommt, die aber unter den vorliegenden Umständen fast wie eine Ironie des Schicksals erschien. So sehr sich die beiden über ihre Gefühle zu einander im unklaren befanden, so offen sprachen sie sich über dritte Personen aus und fanden dabei, daß ihre Ansichten meist übereinstimmten. Daher kam es auch, daß es weit weniger Mißhelligkeiten zwischen ihnen als zwischen manchem Liebespaar gab, obwohl die ganze Zeit über nicht einmal eine Anspielung auf Liebe gemacht wurde. Ihr Zusammenleben glich einer mit Fäden überbrückten Kluft.

Unter all ihren Bekannten ahnten jedoch nur zwei Personen etwas davon: Morna Woodgate war nicht nur mit einer feinen Beobachtungsgabe ausgestattet, sondern sie fand auch manche Gelegenheit, diese anzuwenden, während Charles Langholm die Erfahrung und die Einbildungskraft hatte, manches zu erraten. Trotzdem gab es für Morna im Grunde nur wenig zu beobachten, und Langholm traf mit seinen Mutmaßungen so sehr neben das Ziel, wie es nur ein so erfinderischer Kopf wie der seinige fertig bringen konnte. Alle übrigen jedoch, zum Beispiel der ehrliche Hugh Woodgate, die Venablesschen Töchter und die verschiedenen jüngeren Herren der Umgegend, denen die etwas altmodische Höflichkeit, mit der Steel seine junge Gattin stets behandelte, sowie deren liebenswürdige Anmut und Rücksicht im Verkehr mit ihm auffiel – sie alle erblickten darin ein Vorbild, dem nachzueifern sie sich bestreben wollten.

»Wenn ich es nur noch einmal so weit bringen könnte, meine Frau ebenso zu behandeln wie Steel die seinige,« sagte der gute Pfarrer eines Tages mit einem Seufzer, als er sich einer Unaufmerksamkeit bei Tisch schuldig gemacht hatte und von seiner Frau im Scherz darüber ausgescholten worden war. »Es wäre mein Ideal, aber in meinem Alter lernt man so etwas ja doch nicht mehr.«

»Ich danke meinem Schöpfer, daß du es nicht kannst,« entgegnete seine Frau. »Denn wenn du nun plötzlich auch anfangen wolltest, vor mir herumzutanzen und mir höflich die Türen zu öffnen, Hugh, dann müßte ich dich wahrhaftig unter schärfere Kontrolle nehmen als bisher.«

Rahel selbst aber waren diese Huldigungen nicht unangenehm, einmal weil sie ihr nicht nur öffentlich, vor den Leuten, sondern auch im täglichen Verkehr unter sich genau ebenso dargebracht wurden, und anderseits weil sie sie zu einem Studium anspornten, dem sie sich erst seit ihrer Rückkehr nach England und ihrer Niederlassung in Normanthorpe hingegeben hatte. Es war das Studium ihres Mannes, der seinerseits sie noch immer mit seiner gewohnten Ruhe studierte. Nun endlich tat auch sie ihm die Ehre an.

Es gelang ihr allmählich, sich von seinem Charakter ein gewisses Bild zu machen, und daß es ein eiserner, unbeugsamer Charakter war, konnte auch ein oberflächlicher Beobachter bemerken; finstere Unergründlichkeit war das vorherrschende Merkmal seines Wesens. Vorsichtig wurde jedes Wort abgewogen, jeder Blick im Zaum gehalten. Und doch traten trotz aller Selbstbeherrschung im Laufe der dahineilenden Monate hin und wieder auch weichere Züge hervor. Dazu rechnete Rahel allerdings nicht seine geflissentlichen Aufmerksamkeiten für sie, obwohl sie diese ja sehr zu schätzen wußte. Sie schienen ihr vielmehr nur ein Teil jener Behandlungsweise zu sein, die Steel sich von Anfang an vorgenommen hatte und aus der Rahel immer wieder eine schlaue Berechnung herauszufühlen glaubte. Es ist schon einmal erwähnt worden, daß Rahel mit einer hübschen Singstimme begabt war, auf die unerfahrene Beurteiler große Hoffnungen gesetzt hatten. Ihr zweiter Gatte aber erfuhr erst in Normanthorpe von ihrem Talent, und zwar durch Zufall, als sie sich eines Nachmittags allein im Hause wähnte. So trieb also auch sie ein heimliches Versteckspiel! Sich deshalb zu beklagen, hatte Steel kein Recht, und so machte er auch keine Bemerkung darüber. Aber er blieb vor dem Fenster stehen und wartete, bis der Gesang zu Ende war. Rahel jedoch, die ihn im Spiegel sehen konnte, entging es nicht, daß er viele Nachmittage zur selben Zeit ans Fenster kam und auf den Gesang wartete.

Warum hatte er sie geheiratet? Liebte er sie, oder liebte er sie nicht? Was mochte ihn zu diesem ungewöhnlichen Schritt getrieben haben? Rahel konnte ebensowenig eine Lösung dieses Rätsels finden, als sie in die noch tiefere Dunkelheit einzudringen vermochte, in die seine Vergangenheit eingehüllt war. Manchmal stellte sie an sich selbst die Frage, warum sie diese Heirat eingegangen sei. Doch war diese freilich leichter zu beantworten. Sie hatte sich eben in der hilflosesten Bedrängnis, in einer wahrhaft verzweifelten Lage befunden. Selbst wenn ihre zweite Heirat nicht besser ausgefallen wäre als die erste, so könnte sie jetzt nicht schlimmer daran sein, als am Abend nach ihrer Freisprechung. Aber sie hatte sich im Gegenteil seither sehr wohl befunden. Auch der Reiz des Abenteuerlichen, der Zauber des Geheimnisvollen hatte damals seine Wirkung auf sie ausgeübt – jenes Geheimnisses, das noch immer unaufgeklärt für sie blieb. Und dann dieser sie gänzlich beherrschende Wille einer Natur, die so unendlich viel energischer war als die ihrige und als alle, die sie jemals gekannt hatte!

Bereute sie diese zweite Heirat, diesen zweiten Sprung ins Dunkle? Wenn sie ehrlich war, konnte sie diese Frage nicht unbedingt mit Ja beantworten, obwohl auch diese Heirat ihre schlimme Seite hatte und ihr Augenblicke dumpfen Grausens bereitete. Dies war indes nur der Fall, wenn die sie umlagernden Geheimnisse – durch irgend eine äußere aufregende Veranlassung hervorgerufen – besonders auf ihren Nerven lasteten. In solchen Augenblicken hätte sie am liebsten alles von sich geworfen, was sie ihm verdankte, nur um den Schleier zu lüften, der über ihres Gatten Vergangenheit hing. Trotzdem war es nicht nur Neugierde, wie sie für eine Frau in Rahels Lage selbstverständlich, sondern vielmehr das Verlangen nach der Gewißheit, daß dieser Schleier nicht irgend etwas verberge, das ihr den Gedanken, unter dem gleichen Dache mit diesem Manne zu wohnen, unerträglich machen würde.

Über eines war sie sich jedoch bereits klar: wo auch immer ihr Gatte sein Leben bisher verbracht hatte – es sei nun in guter oder schlechter Weise – jedenfalls war es nicht in England gewesen. In Hunderten von Kleinigkeiten war er nicht englisch – in allem Wesentlichen aber durchaus. Trotz seiner unleugbar cynischen Lebensanschauungen kam doch immer wieder der weite Blick und die Toleranz des vielgereisten Mannes zum Durchbruch. Anderseits aber konnte er auch kein Kosmopolit genannt werden, denn dazu hatte er sich auf ihren gemeinsamen Reisen als ein zu schlechter Kenner fremder Sprachen erwiesen. Erst jetzt in ihrem häuslichen Leben öffnete sich Rahel hin und wieder durch Zufall ein Blick in eine Vergangenheit, die sie mit dumpfer Besorgnis erfüllte, um so mehr, als es ihr schien, daß Steel gerade in diesem Punkt am wenigsten Grund zu Heimlichkeiten habe.

Eines Tages sah sie ihn ein besonders widerspenstiges Pferd reiten, und zwar nicht aus Freude am Reiten überhaupt, sondern nur, weil niemand vom Stallpersonal mit dem Tiere fertig werden konnte. Unter Steels Hand war es in zehn Minuten gebändigt. Einer der Reitknechte hatte jedoch in Rahels Hörweite eine Bemerkung über die Kürze der Bügelriemen fallen lassen, bei der eine Erinnerung an die australische Art zu reiten in ihr aufblitzte. Zugleich fiel ihr auch wieder jener kurz nach der Ankunft in Normanthorpe vorgekommene Zwischenfall mit den Gummibaumblättern ein. Morna hatte er den Namen des Baumes genannt, seiner Frau gegenüber aber behauptete er, ihn nicht zu kennen. Wenn er, ebenso wie sie, in Australien geboren war, warum, um des Himmels willen, verbarg er dann gerade diese Tatsache vor ihr? Und nicht nur verschwiegen hatte er sie, sondern geradezu abgeleugnet.

Noch grübelte sie über diese Sache nach, als sich ein neuer Zwischenfall ereignete, der ihren Verdacht in dieser Hinsicht nicht nur bestätigte, sondern auch das Grauen, das ihres Gatten Gegenwart ihr manchmal einflößte, vertiefte und verstärkte.

Steel war ein Frühaufsteher. Er rühmte sich damit, daß, wenn er einmal aufgewacht sei, er nie ein zweites Mal einschlafe, und daß er dieser Gewohnheit schon viele Vorteile zu verdanken gehabt habe. Rahel dagegen, die sich keines guten Schlafes erfreute, hielt ganz andre Ruhestunden ein als er und kam gewöhnlich erst im Laufe des Vormittags aus ihren Zimmern. An einem wundervollen Morgen verspürte sie jedoch plötzlich die Lust, sich anzukleiden und dem Tag, den sie langsam hatte heraufdämmern sehen, wenigstens das Beste abzugewinnen. Auf den Rasenplätzen schimmerte der Tau, und die Vögel sangen mit einem Eifer, wie sie es an einem Sommertage nur in aller Frühe zu tun pflegen. Rahel dachte, daß es ihr ausnahmsweise gewiß Spaß machen würde, auch einmal im Freien zu sein, ehe die Sonne ihre heißesten Strahlen herniedersandte.

Vom Fenster aus hatte alles ausgesehen, wie immer, allein schon auf dem Vorplatz und der Treppe erschien ihr plötzlich die ganze Umgebung verändert. Noch war keiner der Dienstboten sichtbar. Die Jalousieen waren noch heruntergelassen, und unten in der großen Vorhalle tickte eine Uhr wie ein Schmiedehammer. Rahel huschte nun wie ein Mäuschen die Treppe hinunter und stürzte fast in die Arme ihres Gatten, der ihr mit einem beladenen Servierbrett aus dem Eßzimmer entgegenkam. Ein andrer hätte es vor Schreck fallen lassen, bei Steel jedoch ließ sich nur ein leises Klirren des Geschirrs vernehmen. Die Farbe aber wechselte er doch, und Rahel hatte noch nie ein solch finsterer Blick getroffen, wie er ihr jetzt aus seinen flammenden Augen entgegenblitzte.

»Was hat dies zu bedeuten?« fragte er im Tone fernen Donnergrollens und mit einem Wetterleuchten in den Augen.

»Diese Frage käme wohl eher mir zu,« sagte Rahel lachend, während sie ihm mit einer Gelassenheit gegenüberstand, die sie selbst in Erstaunen versetzte. »Ich wußte nicht, daß du schon so früh am Tage beginnst.«

Auf dem Servierbrett stand nämlich unter anderm auch eine Weinflasche.

»Ebensowenig wußte ich es von dir,« entgegnete er. »Warum bist du schon auf?«

Rahel erzählte ihm die schlichte Wahrheit in schlichter Weise. Sein Ton verletzte sie nicht. Alles lieber als jene übertriebene Sanftmut, die durch den Kontrast so unausstehlich wirkt, ja sie empfand sogar eine gewisse Befriedigung, ausnahmsweise diese sanfte Stimme und noch sanftere Sprechweise einmal aus dem Gleichgewicht gebracht zu haben. Es war einer der seltenen Momente, die ihr den Mann in seinem wahren Wesen zeigten, aber wie gewöhnlich war es eben auch jetzt nur ein Moment.

»Ich muß sehr um Verzeihung bitten,« sagte Steel mit einer Ruhe, der man diesmal ganz besonders das Erkünstelte anmerkte. »Meine einzige Entschuldigung ist, daß du mich erschreckt und damit aus der Fassung gebracht hast. Überdies war ich schon vorher ärgerlich und verstimmt. Es liegt nämlich drunten in der Bootshütte ein armer Kerl in einer recht schlimmen Verfassung.«

»Doch hoffentlich nicht einer der Gärtner?« fragte Rahel. Allein ihre mitleidige Regung dauerte nicht lange, denn sie sah seine dunkeln Augen auf sich gerichtet und las darin, daß er im Begriff war, eine Lüge zu ersinnen. Sie kannte ihn jetzt gut genug, um ihn wenigstens so weit zu durchschauen.

»Nein,« erwiderte Steel, der sich unverkennbar entschlossen hatte, bei der Wahrheit zu bleiben, »nein, es ist keiner von unsern Leuten, auch sonst niemand aus der Gegend, sondern irgend ein armer Landstreicher, den der eine oder der andre von unsern Nachbarn ohne Zweifel sofort hätte in Gewahrsam bringen lassen. Ich fand ihn schlafend auf dem Rasen liegen. Er hatte natürlich kein Recht, hier einzudringen: da er aber so übel dran ist, will ich ihm etwas zur Stärkung bringen, ehe ich ihn wieder hinausschmeiße.«

»Ich hätte gedacht,« bemerkte Rahel besorgt, »daß Tee oder Kaffee besser für ihn gewesen wäre als geistige Getränke.«

Steel lächelte nachsichtig über sein Brett herüber.

»Die meisten Damen wären jedenfalls derselben Ansicht,« erwiderte er, »aber nur sehr wenige Männer.«

»Warum brachtest du ihn dann aber nicht lieber hierher ins Haus,« fuhr sie fort, indem sie ihrem Gatten freimütig ins Gesicht schaute, »anstatt all diese Sachen mühsam bis zum See hinunterzuschleppen?«

Steels Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen, vielleicht weil es nach und nach gänzlich aus seinen funkelnden Augen verschwunden war.

»Das würdest du mich wohl kaum fragen,« sagte er, »wenn du den armen Kerl selbst gesehen hättest. Ich wünsche aber nicht, daß du ihn siehst, denn er bietet einen traurigen Anblick und gehört zu der Sorte, für die man absolut nichts, wenigstens nichts Eingreifendes tun kann. Und wenn deine Wißbegierde nun ganz befriedigt und du genügend orientiert bist, möchte ich mich mit deiner gütigen Erlaubnis gern auf meine Weise des Burschen entledigen.«

Es kam höchst selten vor, daß Steel seiner Spottsucht auf Kosten seiner Gattin die Zügel schießen ließ, obwohl nur wenige von den Leuten, die häufiger mit ihm verkehrten, nicht schon seine Zunge zu fühlen bekommen hatten, die ebenso scharf sein konnte, als sie gewöhnlich sanft und milde war. Auch seine letzten Worte mußten sie befremden, da sie, ebenso wie die vorhergehenden, eine Ausnahme von der Regel bildeten. Obwohl Rahel sich nun entfernte, ohne etwas zu erwidern – und was hätte sie auch noch weiter sagen sollen? – so mußte sie doch unausgesetzt über das Erlebte nachgrübeln. Befriedigt war sie jedenfalls nicht, und doch gab es ja so viel Geheimnisvolles, so viel instinktive Zurückhaltung auf beiden Seiten, daß unmöglich jeder derartige kleine Zwischenfall von besonderer Bedeutung für sie sein konnte, sondern wie die meisten eigentlich der Macht der Gewohnheit zugeschrieben werden mußte.

Rahel war die Bedingung gegenseitiger Heimlichtuerei, unter der sie diesen Mann geheiratet hatte, ein Greuel; sie ging ihrer ganzen Natur förmlich zuwider, und ihre Sehnsucht, alle Geheimnisse zwischen ihnen beiden abzuschütteln, um sich endlich offen und frei ins Auge sehen zu können, wuchs von Tag zu Tag.

Allein da trat nun wieder ihr Stolz dazwischen und schloß ihr die Lippen. Der Gedanke, ihrem Manne gleichsam den Beweis zu geben, daß sie sich mehr nach seinem Vertrauen sehne als er nach dem ihrigen und sie sich zu ihm hingezogen fühle trotz ihrer Zweifel an ihm – dieser Gedanke mußte notgedrungen Demütigung und Selbstverachtung im Gefolge haben – eine Besorgnis, die im Grunde ja auch ganz berechtigt war.

Dabei sagte sich Rahel, daß die Abmachungen, die Steel vor ihrer Verheiratung mit ihr getroffen hatte, ganz und gar unbillig seien, denn das Schlimmste, was man über sie erfahren konnte, hatte ihr Mann schon vor der Hochzeit gewußt, und sonst gab es bei ihr überhaupt nichts zu verbergen. Die Heimlichkeiten lagen also einzig und allein auf seiner Seite. Übrigens drängten die Verhältnisse jetzt mehr und mehr zu einer Krisis, und während Rahel die Angelegenheit mit dem Stromer abgetan wähnte, hatte diese jetzt erst ihren Anfang genommen.

Es schien, daß auch die Dienerschaft etwas davon wußte und daß nicht Steel selbst den schlafenden Eindringling entdeckt hatte, sondern ein Gärtnerbursche, der, als er seinen Herrn ebenfalls schon auf und im Freien sah, vorsichtigerweise bei diesem angefragt hatte, was mit dem Burschen geschehen solle.

»Und der Herr sagte: ›Überlaß ihn nur mir‹,« erzählte Rahels Jungfer, die in dieser Sache ihre Berichterstatterin war, während sie ihrer Herrin vor dem zweiten Frühstück, das, wenn keine Gäste in Normanthorpe erwartet wurden, den Lunch ersetzte, das wundervolle braune Haar kämmte.

»Tat er das dann auch wirklich?« fragte Rahel weiter, indem sie voll Spannung in ihre eigenen Augen im Spiegel blickte. »Überließ er ihn der Sorge des Herrn?«

»Ja, das tat er natürlich,« antwortete das Mädchen, ein einfaches Landkind aus Yorkshire, dem Rahel bei der Wahl zwischen ihr und einer eleganten städtischen Jungfer den Vorzug gegeben hatte. »Wehe dem, der etwas nicht täte, das der Herr befiehlt!«

»Sah John dann aber doch, was weiter geschah?«

»Nein, denn der Herr befahl ihm, nachzusehen, ob der Kerl wohl durchs Gitter beim Portierhäuschen oder sonstwo habe hereinschlüpfen können. Als John dann zurückkam, war der Stromer fort, samt Decke und allem, und der Herr mit ihm.«

»Decke und alles?« wiederholte Rahel. »Wollen Sie damit sagen, daß er die Frechheit hatte, eine Decke mitzubringen?«

»Jawohl, sogar geschlafen hat er darin,« rief das Mädchen ganz aufgeregt. »John sagt, er habe ihn an einer geschützten Stelle des Rasenplatzes neben einem Gebüsch liegen sehen. Vom Kopf bis zu den Füßen sei er in seine blaue Decke eingewickelt gewesen und habe fest geschlafen.«

Rahel sah im Spiegel, wie sich ihr Gesicht veränderte, allein sie stellte nur noch eine Frage, und zwar lächelnden Mundes: »Sagte John wirklich, es sei eine blaue Decke gewesen, Harris? Oder haben Sie sich das in Ihrer Phantasie nur so eingebildet?«

»Nein, nein, so behauptete er; ein verschossenes Blau.«

»Und dann sagen Sie mal, wann hat Ihnen John eigentlich dies alles erzählt?« fügte Rahel noch hinzu, indem sie sich plötzlich ihrer Verantwortlichkeit als Hausherrin gegenüber diesem jugendlichen Landkinde erinnerte.

»Ach du meine Güte,« antwortete die unschuldige Harris fast gekränkt, »ich sah ihn nicht öfter als alle andern auch; er kam nur ans Fenster der Gesindestube, während wir bei unserm Frühstück saßen, und erzählte uns allen die Geschichte. Er war ganz davon erfüllt.«

Eigentlich war es Rahel nicht unlieb, daß die Sache schon bekannt und zum Gegenstand des Gesprächs im ganzen Hause geworden war. Sie machte beim Frühstück jedoch keine Bemerkung darüber. Ihre Aufmerksamkeit aber war durch die Ereignisse am Morgen doch geweckt worden, und so fiel ihr auch sofort das schmale blaue Buch auf, das, zu lang für ihres Gatten Brusttasche, nun zum Vorschein kam, als er sich über seine Kaffeetasse beugte. Rahel kannte es sehr gut, denn es war sein Scheckbuch, das sie seit ihren Reisen nicht mehr bei ihm gesehen hatte.

Am Nachmittag desselben Tages kam ein nicht seltener Besuch auf seinem Rad angefahren, das an Stelle der Lampe ein Strauß der herrlichsten Rosen schmückte. Es war der Schriftsteller Charles Langholm, der London, dem literarischen Mittelpunkt Englands, untreu geworden und vor einigen Jahren nach dem zweihundert Meilen entfernten Delverton übergesiedelt war. Auf einer Vergnügungstour durch diesen Bezirk hatte er nämlich zufällig ein Fleckchen Erde entdeckt, das er nie müde wurde, »das ideale Rosenasyl seiner Träume« zu nennen, obwohl ihn ohne Zweifel auch noch andre, den Bewohnern von Yorkshire unbekannte Gründe zu diesem Wohnungswechsel bestimmt hatten. Noch vor Ablauf des Quartals waren seine Zimmer in London geräumt und seine Habseligkeiten unter bedeutendem Kostenaufwand nach dem neuen Wohnort befördert worden. Wie mit einem Schlage hatte er sich in einen fanatischen Landmann verwandelt, der keine zwei Tage mehr in der Stadt zubringen konnte, ohne mit seinen neugefaßten Ansichten die Mitglieder seines Klubs vor den Kopf zu stoßen, von denen übrigens keiner genau wußte, wo Langholm eigentlich wohnte. Trotzdem wurde aber doch selbst im Klub zugegeben, daß sowohl Langholms Werke als auch sein Äußeres entschieden gewonnen hatten, was er selbst nur der veredelnden Einwirkung seiner Rosen zuschrieb, unter denen er, halb von ihnen begraben, so viele Monate des Jahres zubrachte. Eine solche Überfülle von Rosen gab es dort, daß er einen Waschkorb voll davon abschneiden konnte, ohne daß jemand auch nur eine einzige vermißt hätte. Er machte aber auch niemals einen Besuch, bei reich oder arm, ohne eine kleine Gabe von seinem Überflusse mitzubringen.

»Bei Ihnen heißt es allerdings Eulen nach Athen tragen,« pflegte er bei solchen Gelegenheiten lachend zu Woodgates oder Steels zu sagen, »aber dennoch können sich Ihre schönsten Exemplare mit den meinigen entfernt nicht messen.«

Gleich so vielen Künstlernaturen war auch der Literat Langholm ein Stimmungsmensch. Entschloß sich der sonst wenig gesellige Schriftsteller aber freiwillig zu einem Besuche, so durfte man das stets als eine Bürgschaft für seine gute Laune ansehen, und an diesem Nachmittag war sie ganz besonders rosig. Er hatte vom frühen Morgen an geschrieben, ebenso wie seit einer Reihe von Tagen, und war nun ganz erfüllt von jener wunderbaren Heiterkeit, die einen ergiebigen schriftstellerischen Erguß zu begleiten pflegt, besonders wenn dieser so rasch und anhaltend gewesen ist, daß ein Gefühl für die mitunterlaufenden Mängel nicht aufkommen kann. Langholm glich einem Schiff, dessen Segel plötzlich von einem günstigen Winde geschwellt werden, den man doppelt zu schätzen weiß, wenn man unter Windstille und schlechtem Wetter zu leiden gehabt hat, und zugleich weiß, daß einem ein ähnliches Mißgeschick wieder bevorstehen kann. Für den Augenblick war er jedenfalls ein glücklicher Mann, wenn er sich auch durchaus keiner besonderen Illusion über den Wert des jüngsten Produktes seiner fruchtbaren Feder hingab.

»Es ist zwar alles nur dummes Zeug,« sagte er zu Rahel auf eine Frage dieser neuen teilnehmenden Freundin. »Immerhin aber scheint einem dieses dumme Zeug nicht so übel, während man mitten darin steckt, und was kann man schließlich noch mehr wünschen? So um den zehnten August herum sollte ich mit meiner Arbeit fertig werden, und, beim Himmel, so weit wird's nun auch kommen! Noch vor wenigen Wochen hätte ich es für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten, aber dieser Sommer hat meine Tinte aufgetaut.«

»Sollte es nicht eher Mrs. Steel gewesen sein?« fragte eine der Venablesschen Töchter, die ebenfalls auf ihren Rädern gekommen waren. »Man erzählte mir, Sie beide hätten neulich bei uns die fürchterlichsten literarischen Gespräche geführt.«

»Das haben wir allerdings,« sagte Langholm voll Begeisterung, »und Mrs. Steel brachte mich auf eine der besten Ideen, die ich je in meinem Leben gehabt habe. Mit ein Grund, warum ich mich mit solcher Wut durch meinen jetzigen Kram hindurchhetze, ist der, diese Idee bald vornehmen zu können.«

Er hatte jene Bemerkung an Sibylle gerichtet, Rahel aber stürzte sich in diesem Augenblick in ein Gespräch mit deren Schwester Vera, was eine gewisse Anstrengung kostete, da die ältere Miß Venables zu denjenigen jungen Damen gehörte, die glauben, eine schleppende Redeweise sei das Zeichen von Vornehmheit und Verstand. Rahel führte ihren Entschluß jedoch mit einer solchen Energie durch, daß die Unterhaltung sofort allgemein wurde.

»Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie man es eigentlich anstellt, ein Buch zu schreiben,« warf die ältere der jungen Damen ein, und ihr Ton verriet, daß sie es auch nicht zu wissen wünsche.

»Ich auch nicht,« stimmte Sibylle bei, »besonders nicht in einer Gegend, wie diese hier, wo gar nichts passiert. Wenn ich die Absicht hätte, Romane zu schreiben, so ginge ich nach Spanien oder Sibirien oder in die Rocky Mountains, wo, nach allem, was man hört, doch auch noch etwas passiert.«

»Mein liebes Fräulein,« entgegnete der Romanschreiber mit einem schelmischen Blinzeln, »auch ich hatte anfangs die gleiche Ansicht, und ich erinnere mich genau, was damals ein erfahrener Mann mir erwiderte, als ich ihm erzählte, daß ich nach Cornwall zu gehen beabsichtige, um mich nach einem romantischen Hintergrund umzusehen. ›Junger Mann,‹ sagte er, ›haben Sie noch nie einen Roman geschrieben, der sich in Ihrer Mutter Hühnerhof abspielt?‹ Das hatte ich nun noch nicht getan, aber anstatt nach Cornwall zu gehen, machte ich mich sofort dahinter, und ich muß gestehen, daß ich nie in meinem Leben einen vernünftigeren Rat erhalten habe. Mit dem Material zu seinen Romanen muß man ebenso wie mit den Werken der Barmherzigkeit zu Hause anfangen. Sie dürfen nämlich ja nicht glauben, daß sich bei uns nichts Interessantes ereigne. Dies ist zwar,« fuhr Langholm fort, »die allgemeine Ansicht der Eingeborenen über ihre Heimat, aber ich versichere Ihnen, daß dies durchaus nicht der Fall ist. Erst vorhin auf meinem Wege hierher sah ich einen Auftritt und eine solch originelle Erscheinung, daß beides sehr wohl einer Erzählung von Bret Harte hätte entnommen sein können.«

Sibylle Venables verlangte lebhaft eine nähere Beschreibung, während Rahel ihre Tasse niedersetzte und sich mit neugierigen, erwartungsvollen Augen vorbeugte. Man saß in der großen, säulengeschmückten Vorhalle, deren viele Türen größtenteils offen standen. Statuetten und Farnkräuter sowie die rings an den Wänden hinlaufende vergoldete Galerie – alles spiegelte sich in dem glänzend polierten Marmorfußboden, wodurch dem üppigen Raume fast der Charakter einer Theaterdekoration aufgeprägt wurde.

»Die Figur,« fuhr Langholm fort, »gab dem Bilde die Farbe, und einen seltsameren Kerl hab' ich wahrhaftig mein Lebtag nicht auf englischem Boden gesehen. Er trug, glaube ich, eine Art russisches Hemd, dazu einen Hut wie ein Cowboy auf der Bühne, und jedem Vorübergehenden vertraute er an, daß er seinen Scheck versaufen wolle.«

»Was?« riefen Rahel und Sibylle wie aus einem Munde, wenn auch in merkwürdig verschiedenem Tone.

»Seinen Scheck wolle er versaufen,« wiederholte Langholm. »Das tun nämlich die Kerls im fernen Westen oder bei den Buschmännern oder was weiß ich wo – aber ich glaube, es ist bei den Buschmännern –, wenn sie ihren rückständig gewesenen Lohn in einer Summe nachbezahlt erhalten.«

»Und wo haben Sie dies denn alles gesehen?« fragte Rahel mit vollkommen ruhiger Stimme, wenn auch aus ihren rehbraunen Augen ein Interesse leuchtete, das diese Geschichte kaum verdiente.

»Beim Wirtshaus ›zum Packesel‹ an der Yorker Landstraße. Ich kam auf diesem weiteren Weg, weil er besser ist und ich mir mehr Bewegung machen wollte.«

»Haben Sie denn den Scheck gesehen?«

»Nein, ich erkundigte mich nur rasch nach dem Grund des Auflaufs, den Kerl selbst aber sehe ich noch jetzt deutlich vor mir. Einen solchen Landstreicher haben Ihre Augen jedenfalls noch niemals erblickt. Er schien halb betrunken, und Bart und Haare waren gänzlich verwildert. Ich hielt mich nicht länger auf, weil er jedermann mit seinem Bündel ins Gesicht schlug, was den herumstehenden Müßiggängern indes gar nicht so sehr unangenehm zu sein schien.«

»An so was Spaß zu finden!« rief Sibylle.

» De gustibus non est disputandum,« bemerkte ihre gelehrte Schwester.

»Und mit einem Bündel prügelte er also die Leute durch?« fügte Rahel hinzu.

»Nun ja, es sah wenigstens so aus,« antwortete Langholm. »Als ich jedoch noch einmal genauer hinschaute, schien es mir eher die Form eines Polsters oder Kissens zu haben, ach, und nun weiß ich auch, was es war. Eben dämmert es mir. Es sah aus wie ein in eine wollene Decke gehülltes Polster, in Wirklichkeit aber war es ein Sack, wie ihn die Goldgräber in Australien benützen, in dem sie ihre ganzen irdischen Habseligkeiten mit sich schleppen und der ihnen im Verein mit einer wollenen Decke auch als Bett dient. Der Kerl selbst aber war nichts andres als ein australischer Goldgräber, ja, ja, nun bin ich nicht mehr im Zweifel.«

»So ist es!« entfuhr es Rahel, und hastig fügte sie hinzu: »Was für eine Farbe hatte denn die Decke?«

»Verschossenes Blau.«

Wieder nickte Rahel, ohne sich dessen bewußt zu sein, verständnisvoll.

»Sind Sie eigentlich einmal in Australien gewesen, Mrs. Steel?« fragte Langholm so nebenher. »Ich selbst war zwar niemals dort, aber man kennt ja diese Dinge zur Genüge aus Büchern, und mich wundert nur, daß ich nicht gleich aufs Richtige verfiel. Immerhin aber war ich auf alles eher gefaßt, als einen solchen Menschen am helllichten Tage auf einer englischen Landstraße anzutreffen.«

Ob Langholm sich wohl bewußt war, daß er eine Frage gestellt hatte, die er eigentlich nicht hätte stellen sollen? Hatte er wirklich einen direkten, wenn auch nicht im voraus beabsichtigten Versuch machen wollen, die geheimnisvolle Vergangenheit der Hausfrau zu ergründen, und waren seine nachfolgenden Bemerkungen nur dazu bestimmt, diese Frage wieder aufzuheben? Wenn dies wirklich der Fall war, so konnte man dieses Zartgefühl der älteren Miß Venables jedenfalls nicht nachrühmen, denn sie wurde bei der Veränderung, die sie bei Langholms Frage in Rahels Gesicht bemerkt hatte, plötzlich ganz lebhaft.

»Sind Sie schon in Australien gewesen, Mrs. Steel?« wiederholte sie, Rahel voll ins Gesicht schauend, und fügte dann verschmitzt hinzu: »Ich glaube es nämlich.«

Eine sekundenlange Pause folgte. Dann ließ sich ein lebhafter Schritt auf dem Marmorfußboden vernehmen, und Mr. Steel stand auf der Schwelle seines Arbeitszimmers.

»Australien, meine liebe Miß Venables,« sagte er, »ist das einzige Land, das weder meine Frau noch ich jemals in unserm Leben besucht haben, und das kennen zu lernen wir auch nicht im geringsten neugierig sind.«

Dabei nahm er lächelnd seinen Platz unter den Gästen ein.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.