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Der Schatten des Stricks. Erster Band

Ernest William Hornung: Der Schatten des Stricks. Erster Band - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleDer Schatten des Stricks. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1906
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20150209
modified20190724
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Zehntes Kapitel. Eine leise Mißstimmung

Wenige Tage später wanderte Morna Woodgate mit kräftigen Schritten den Waldpfad entlang, der vom Marleyer Pfarrhaus nach Normanthorpe House führte. Von den schimmernden Lichtstrahlen und tanzenden Schatten der Bäume umspielt, hob sich ihre Gestalt gar vorteilhaft von dem jungen Grün ab. Sie war ziemlich hoch gewachsen, hielt sich sehr gerade und hatte den frischen, leicht von der Sonne gebräunten Teint und dunkelbraune Augen, was, besonders wenn sich diese wie bei ihr mit lichtblonden Haaren verbinden, wohl den reizendsten und originellsten Frauentypus Englands darstellt. Zudem hatte Morna nicht nur das Talent, sich hübsch und geschmackvoll zu kleiden, sondern auch so viel Vernunft, dabei doch einfach zu bleiben. Das rehfarbene und tadellos sitzende, aus Rock und Jacke bestehende Kostüm war soeben erst vom Schneider eingetroffen und kleidete sie vortrefflich, so daß Morna sich vornahm, es sogar hin und wieder auch in der Kirche zu tragen. Dazu besaß sie einen braunen Strohhut mit schönen, heller abgetönten Federn, den sie an diesem Tage jedoch als zu großartig beiseite gelegt hatte, da sie jetzt nicht einen förmlichen, sondern nur einen freundnachbarlichen Besuch vorhatte. Auch war Hugh noch im letzten Augenblick an ein Krankenbett gerufen worden, wo er möglicherweise zu lange aufgehalten wurde, um sie abholen zu können. Aber Steels waren schon vor zwei Tagen angekommen, und Morna durfte keine Stunde länger zögern.

Natürlich brannte sie vor Neugierde, eine Dame kennen zu lernen, die nun ihre nächste Nachbarin und somit ihr gegebener Umgang sein sollte. In diese Neugierde aber mischte sich auch eine gewisse Besorgnis, denn wenn Morna auch durchaus keine ungebildete Frau in Mrs. Steel vermutete, so war sie doch auf eine Überraschung vorbereitet. Sowohl sie selbst als ihr Gatte hatten im vorigen Jahre viel mit Mr. Steel verkehrt. Morna kannte ihn vielleicht von seiner besten Seite, da sie jung und reizend war, und er hinter ihr keine heimliche Bewerberin um seine Hand vermuten konnte, wie in der guten Sibylle Venables. Trotzdem fühlte sich selbst Morna zu gleicher Zeit abgestoßen und angezogen von der merkwürdigen Persönlichkeit dieses reichen, plötzlich wie aus den Wolken gefallenen Mannes, der niemals ein Wort über sein früheres Leben fallen ließ, niemals eine Anekdote oder ein Abenteuer zu erzählen hatte, und an den Fragen zu stellen, selbst eine Frau wie Mrs. Venables nicht den Mut fand. Was für eine Art Frau ein solcher Mann sich wohl ausgesucht und was für eine Art Frau wohl einen solchen Mann geheiratet haben mochte? Fast so oft Morna den rechten Fuß vor den linken setzte, legte sie sich diese Fragen vor. Sie war jedoch nicht nur auf eine Aufklärung gespannt, sondern sie empfand auch ein heimliches instinktives Mitleiden für die Frau, die sich zu einem solchen Schritt entschlossen hatte.

Nicht eine einzige befreundete Seele wird das arme Ding haben! dachte Morna, die sich einer vielleicht allzu großen Zahl von Freundinnen rühmen konnte, mit einem Bedauern, als sei dies das Schlimmste, was einem Menschen passieren könnte. Denn auch die Pfarrerin hatte ihre kleinen Schwächen, obwohl sie selbst gerade diese nicht als solche anerkannt hätte.

Der Waldpfad bog jetzt in eine lange Allee ein, an deren Ende Normanthorpe House sichtbar wurde, ein in den Norden von England verpflanzter italienischer Palast, der sich mit seiner in der Sonne funkelnden goldenen Kuppel in strahlendem Weiß vom blauen Himmel abhob. Wohl mochte er ein hervorragendes Beispiel der einst vorübergehend in England aufgekommenen gregorianischen Architektur sein, für den Distrikt Delverton paßte er aber ebensowenig, als ein Zeltdach für den Nordpol. Eine kühle Grotte an einem wirklich heißen Tage, war das Haus bei kalter Witterung eine wahre Eisgrube, jedenfalls erschien es Mrs. Woodgate so, als sie, direkt aus ihrem behaglichen Pfarrhaus kommend, erhitzt durch den raschen Gang, plötzlich in die gänzlich veränderte Atmosphäre kam, dann über den Marmorfußboden hinschritt, auf dem die Sohlen ihrer eleganten braunen Schuhe laut widerhallten, und endlich in den hohen, luftigen Salon mit seinen Pilastern und reich gegliederten Architraven trat.

Wie hatte ein Mann mit gesunden Sinnen, selbst zu einer Zeit, wo der vom Meere herblasende Ostwind noch keinen aus den Fabrikschloten von Northborough kommenden Ruß mit sich führte, im rauhen, nebligen Delverton ein solches Schloß erbauen können! Und wie war es möglich, daß jemand mit gesunden Sinnen dieses Gebäude kaufen konnte? Und doch, in seiner kühlen, weißen Glätte, in seiner ungewöhnlichen Eigenart, seinem fremdländischen Aussehen – wie ähnlich dem Käufer! Obwohl es jetzt im Mai auch in diesem Raume verhältnismäßig warm war, so erhob sich doch Morna, sobald der Diener sie verlassen hatte, wieder von ihrem Sitze und ging auf das große, reichgeschmückte Marmorkamin zu, in dem ein Holzfeuer brannte. Hierauf setzte sie sich wieder und überlegte, was sie nun eigentlich sagen sollte, denn Mornas Konversationsgabe stand sowohl über als unter dem Durchschnitt der andrer Frauen. Endlich kam sie zu dem Entschluß, mit einer Entschuldigung wegen ihres frühen Eindringens zu beginnen. Wie lange Mrs. Steel aber auch auf sich warten ließ! Plötzlich hörte Morna ein Rauschen im Gewächshaus, und nun stand eine schlanke Gestalt in großem Hute einen Augenblick auf der Schwelle.

Mornas erster Eindruck von der neuen Herrin von Normanthorpe, der sich auch später niemals aus ihrem Gedächtnis verwischte, war folgender: Eine feine Silhouette mit einem riesigen Hut, von hinten her über sie hereinflutendes Licht, die säulengeschmückte Tür als Rahmen, ein bunter Hintergrund von Gewächshausblumen und in der Gestalt selbst ein fast ängstliches Zögern, das bei Morna sofort eine sympathische Saite anklingen ließ. Denn auch sie war schüchtern, und dieser leichte gesellschaftliche Mangel, den sie gegenseitig aneinander gewahr wurden, erweckte in den beiden vom ersten Händedruck an ein Gefühl der Verwandtschaft.

Nichtsdestoweniger begann Morna ihre Entschuldigungsrede, die jedoch von Rahel rasch abgeschnitten wurde. »Meine liebe Mrs. Woodgate, ich finde es ja im Gegenteil so unendlich freundlich, daß Sie überhaupt gekommen sind!« rief sie, während aus ihrer weichen Stimme die aufrichtigste Dankbarkeit herausklang. Morna war überrascht; das machte ja den Eindruck, als ob sie die Frau des reichen Mannes wäre, und Mrs. Steel die des Pfarrers.

Sie saßen nun, über die Jahreszeit plaudernd, ein Weilchen beisammen, und mehrere Minuten vergingen, ehe Morna die Züge ihrer neuen Nachbarin wirklich sehen konnte, da sie durch den großen Hut und die Wahl ihres Sitzes tief beschattet waren. Abgesehen von jenem ersten freimütigen Ausspruch war während dieser Zeit die Hausherrin die befangenere von beiden. Plötzlich schien sie jedoch den Zwang abschütteln zu wollen, denn, einer ihrer impulsiven Regungen folgend, erhob sie sich rasch, als ob das große, hohe Zimmer mit seinen italienischen Fliesen und prachtvollen vergoldeten Möbeln ihr dasselbe Frostgefühl einflöße wie zuvor Morna.

»Kommen Sie, wir wollen einen Gang durch den Garten machen,« sagte Rahel lebhaft. »Ich selbst bin ganz entzückt davon und glaube, daß es dort auch entschieden wärmer ist als im Hause.«

Und entzückend war dieser Garten allerdings, oder besser die Gärten, denn von den Normanthorpeschen Gärten wurde von allen denjenigen, die ihren Ruf kannten, niemals in der Einzahl gesprochen. Sie waren von einem früheren Herzog, dessen Steckenpferd die Botanik war, neu angelegt und vergrößert, auch von dessen Nachfolgern eifrig gepflegt worden, und dies um so mehr, als sie alle das kalte, unbehagliche Haus nicht leiden mochten. Es hieß, daß eine ähnliche Vorliebe für Botanik auch Mr. Steel von Anfang an für diese Besitzung eingenommen habe. Da er jedoch niemals, wenn etwas über ihn gesagt wurde, dieses bestätigte oder widerlegte, so lag auch keine Bestätigung dieser Behauptung vor.

Der herzogliche Botaniker hatte eine Sammlung der seltensten Pflanzen und Bäume, sowie eine gute Tradition für ihre kunstgerechte und rationelle Pflege hinterlassen, die nicht verloren gegangen war. Das sonst so vernachlässigte Normanthorpe hatte stets große Mengen herrlicher Früchte und köstlicher Blumen auf die Tische der von der Familie bevorzugteren Schlösser geliefert, was um so wunderbarer war, als es einem Sieg der Kunst über die Ungunst des Bodens und des Klimas zu verdanken war. Die im Norden von ganz England berühmten Normanthorper Rosen fingen bei dem noch immer unfreundlichen Wind jetzt zwar kaum an, Knospen zu treiben, während die vergänglichen Blüten der Knollengewächse schon vorüber waren, allein die seltsamen ausländischen Bäume trugen doch schon größtenteils ihren grünen Schmuck, und die Springbrunnen und Teiche waren von fremdartigem Geflügel bevölkert, das nach denselben Prinzipien der Akklimatisation dort gezüchtet wurde.

»Sie werden sich hier wohl ganz gut auskennen,« sagte Rahel, während die beiden Frauen auf einem schmalen Schlangenweg dahinwandelten, der in der Nähe des Teichs über einen mit Rhododendren bepflanzten kleinen Hügel hinführte. »Für mich dagegen gleicht jede Wanderung noch immer einer Entdeckungsreise, und es wird mir fast leid tun, wenn ich einmal stets schon im voraus genau wissen werde, was ich zu sehen bekomme. Diesen Weg hier bin ich zum Beispiel noch nie gegangen, und ich habe keine Ahnung, was es dort drüben zu sehen gibt. Sagen Sie es mir also ja nicht, falls Sie es wissen sollten. Was für ein eigentümlicher Geruch, der mir übrigens bekannt vorkommt! Sehen Sie nur, was sind denn das für Bäume?«

Jenseits des Rhododendronhügels hatte der Pfad zu einer Senkung hinuntergeführt, die, namentlich gegen den Nordwind geschützt, selbst im Mai einen wahren Fangplatz für die Nachmittagssonne bildete. In der Senkung stand eine Gruppe etwas kränklich aussehender Bäume mit herabhängenden Blättern von trüber, matter Farbe und einer weißen, vom Stamm abbröckelnden Rinde. Ein scharfer, mehr an die Apotheke als an den Wald erinnernder Geruch schwebte gleichsam über diesem abgelegenen Ort.

Mit aufgeblähten Nasenflügeln und weitgeöffneten Augen stand Rahel einen Augenblick da und sagte nichts mehr, doch war sie sich bewußt, daß Morna etwas auf ihre Frage geantwortet hatte.

»Was meinten Sie?« fragte Rahel, sich höflich zu ihrem Gaste wendend.

»Ich habe mir sagen lassen, es seien blaue Gummibäume aus Australien?«

Rahel machte nicht gleich eine Bemerkung. Wohl wußte sie, daß sie sich verstellen mußte, trotzdem wollte sie sich zu keiner absichtlichen Unwahrheit herablassen, und so sagte sie schließlich nicht: »Ach, wirklich?« sondern nur: »Sie sind gewiß selbst Botanikerin, Mrs. Woodgate?«, eine Frage, die gewissermaßen berechtigt war, da die beiden auf ihrem Spaziergang vom Gartenbau im allgemeinen sowie vom historischen Ursprung speziell dieser Anlagen gesprochen hatten.

»Ich?« rief Morna lachend. »Leider nein! Aber ich erinnere mich, diesen Namen von Mr. Steel gehört zu haben, als wir im Herbst zufällig einmal hierherkamen.«

Wieder öffnete Rahel verwundert die Augen und auch den Mund. Aber anstatt zu sprechen, ging sie auf den nächsten Gummibaum zu und pflückte ein Zweigchen mit den glänzenden Blättern ab. »Ich habe diesen Geruch sehr gern,« sagte sie dann im Weitergehen. Bei Morna aber hatte der kleine Zwischenfall keinen weiteren Eindruck hinterlassen.

Ihr fiel nur kurz nachher auf, daß Mrs. Steel doch eigentlich etwas Farbe habe – es war in dem Augenblick, als Rahel zufällig wieder an ihren Gummiblättern roch – und daß sie eigentlich hübscher sei, als es ihr bis jetzt geschienen hatte. Im Grunde aber kam es nur daher, weil Morna nun zum ersten Male einen längeren Blick auf Rahel werfen konnte, die im Hause mit dem Rücken gegen das Licht gesessen hatte und nachher auf dem schmalen Wege tatsächlich meist führend vor ihr hergegangen war, während ihr großer Hut ohnedies fortwährend einen Schatten auf ihr Gesicht warf. Die Art, einen großen Hut tief in die Stirn gedrückt zu tragen, war Rahel während der vergangenen sechs Monate zur traurigen Gewohnheit geworden. Nun aber hatte sie dies ausnahmsweise vergessen, und unbeschattet schaute ihr Gesicht zur Sonne empor, die, zu Mornas Entzücken, nun erst dessen wahre, reizvolle Farben offenbarte. Die Pfarrerin gehörte zu den gutherzigen jungen Frauen, die ohne weiteres bereit sind, eine Angehörige ihres eigenen Geschlechtes zu bewundern, auch zählten zu ihren vielen Freundinnen eine Menge verheirateter Frauen, für die Mornas Begeisterung nach ihrer Verheiratung nicht im geringsten nachgelassen hatte, und mit der sie vor niemand, außer vor den Betreffenden selbst, hinterm Berge hielt. Auch jetzt bewies sie ihre alte Begeisterungsfähigkeit, als sie das schmale aber tadellose Oval von Rahels Gesicht, die sanften nußbraunen Augen und den ein wenig trotzigen, energischen Mund einen Augenblick lang von der Mittagssonne beleuchtet sah.

Überdies fing sie bereits an, sich für Rahel um ihrer selbst und nicht nur, weil sie die Frau des geheimnisvollen Mr. Steel war, zu interessieren. Auch ihre Person umschwebte zwar entschieden ein geheimnisvoller Hauch, der allerdings von ihrem Manne herrühren mochte, aber trotz ihres zurückhaltenden Wesens konnte Rahel doch eine liebenswürdige, sympathische Eigenart nicht ganz verbergen, besonders nicht vor einer Frau, zu der sie sich vom ersten Augenblick an hingezogen fühlte.

Diese Zurückhaltung war übrigens nicht einseitig, denn auch Morna Woodgate hatte ihre Geheimnisse, von denen ihr eines freilich schon während des Spazierganges entlockt wurde.

»Darf ich eine persönliche Frage an Sie richten?« sagte Rahel, die soeben auch ihrerseits das hübsche brünette Gesicht Mornas im stillen bewundert hatte, während die beiden über den Rasen nach dem Hause zurückschlenderten.

»Sie erschrecken mich ja förmlich,« rief Morna lachend. »Aber sprechen Sie nur; ich bin auch auf das Schlimmste gefaßt.«

»Es handelt sich um das Band auf Ihrem Hute,« fuhr Rahel fort. »Was für hübsche Farben! Sind es die Universitätsfarben Ihres Mannes?«

»Nein,« antwortete Morna errötend, indem sie in erneutes Lachen ausbrach, »es sind meine eigenen Universitätsfarben.«

Verwundert blieb Rahel auf dem Rasen stehen.

»Haben Sie wirklich auf der Universität studiert?« rief sie, und aus ihrem Ton klang eine solch unverhohlene, fast neidische Bewunderung, daß Morna, die, was ihre Studien anlangt, lächerlich empfindlich war, entfernt nicht daran dachte, eine der kurzen Antworten zu geben, die sie häufig auf die erstaunten Fragen halbgebildeter Leute bereit hatte. Sie gestand im Gegenteil die ihr so oft zum Verbrechen angerechnete Tatsache unter wiederholtem Lachen ein.

»Ich bitte Sie um alles, sagen Sie jetzt nur nicht, Sie hätten das nicht hinter mir vermutet, oder gar, man sehe es mir von weitem an,« fügte sie hinzu.

»Ich beneide Sie viel zu sehr, als daß ich etwas Derartiges sagen könnte,« antwortete Rahel mit schmeichelhaftem Staunen. »Soll das heißen, daß Sie auch ein Examen bestanden haben?«

»So halb und halb,« gab Morna zu. Schließlich aber kam aus den verschiedenen Einzelheiten, die Rahel in ihrem teilnehmenden Eifer der kleinen Pfarrerin entlockte, doch heraus, daß diese sich hohe Auszeichnungen erworben hatte. Weit schwerer zu begreifen war aber, wie eine so junge Frau mit so bedeutenden Kenntnissen sich damit zufriedengeben konnte, ihr Licht unter den Scheffel eines Landpfarrhauses zu stellen, und Rahel konnte nicht umhin, ihrer Verwunderung über diesen Punkt Ausdruck zu geben.

»Haben Sie dies alles gar nicht verwertet, ehe Sie sich verheirateten?«

»Nein,« antwortete Morna. »Mitten im Examen habe ich mich verlobt, und eine Woche, nachdem die Resultate bekannt gemacht waren, hielten wir schon Hochzeit.«

»Wie schade, eine solche Laufbahn aufgegeben zu haben!«

»Ich würde heute wieder dasselbe tun,« rief Morna unter noch tieferem Erröten, und Rahel blieb wieder nichts andres übrig, als die junge Frau ein zweites Mal zu beneiden.

»Da werden wir wohl nicht viele gemeinsame Interessen haben,« bemerkte Mrs. Steel mit einem Seufzer, während die beiden sich dem Hause näherten. »Meine wissenschaftliche Bildung kann sich entfernt nicht mit der Ihrigen messen.«

Morna war empört über diese Folgerung, die sie geradezu als eine Beleidigung auffaßte, denn nichts war ihr verhaßter, als für einen Blaustrumpf gehalten zu werden, eine Empfindung, die sie in kindlich-naiver Weise und mit unbewußter Wärme äußerte. So engherzig sei sie denn doch nicht, sie habe die Studien reichlich satt gehabt und überhaupt alles wieder vergessen, was sie einmal gewußt habe, und schließlich könne es doch selbst der größte Tölpel, wenn er richtig eingedrillt werde, zu einem Examen bringen. Sie sei im Gegenteil überzeugt, daß sie beide sehr viele gemeinsame Interessen hätten. Zum Beispiel sehne sie sich glühend nach jemand, mit dem sie Rad fahren könnte; ihr Mann habe selten Zeit und sehe es nicht gern, wenn sie sich allein auf den Landstraßen herumtreibe.

»Aber ich kann leider nicht radfahren,« sagte Mrs. Steel, fast betrübt den Kopf schüttelnd.

»Ach richtig! Leute, die reiten und fahren, geben sich meistens nicht damit ab,« und diesmal nun war es Morna, die ihre Gefährtin beneidete.

»O nein, ich würde es sehr gern tun, aber ich habe es nie versucht.«

»Dann will ich es Sie lehren!« rief Morna lebhaft. »Was für einen Spaß wird das geben!«

»Ich weiß, daß es mir Spaß machen würde, aber ...«

Der Satz blieb plötzlich unvollendet, wie es im späteren Verkehr zwischen Rahel Steel und Morna Woodgate noch häufig vorkam. Von Anfang an war Rahel geneigt, Morna gegenüber weniger auf ihrer Hut zu sein, als bei irgend sonst jemand, den sie während der letzten sechs Monate kennen gelernt hatte. Daher kam es, daß sie ihre Reden häufig abbrechen oder sich verbessern mußte, und zwar geschah dies in einer Weise, die Morna bei jeder andern verletzt hätte. Aber die Sympathie, die die beiden Frauen zueinander hinzog, war eben so groß, daß sie sich vom ersten Tage an wie alte Freundinnen gegenüberstanden.

»Sie müssen es entschieden lernen,« drang Morna in sie, nachdem sie einige Augenblicke vergebens auf den Schluß des begonnenen Satzes gewartet hatte. »Es gibt ja Leute genug, die dieses Vergnügen verachten oder wenigstens so tun, aber ich bin überzeugt, daß Sie nicht zu diesen gehören. Es mag ja wohl elegantere Arten von Bewegung in frischer Luft geben, aber warten Sie nur, bis Sie einmal die Pedale unter dem Fuß haben und jene Straße dort hinuntersausen! Dabei fühlt man sich so frei und unabhängig, braucht weder auf Pferde zu achten, noch einen Kutscher zu beraten, und niemand zu befragen außer seine Beine und seinen eigenen Willen. Allein schon die Unabhängigkeit – –«

»Mag das einzig Richtige für Sie sein, Mrs. Woodgate, wäre es aber nicht für meine Frau.«

Mr. Steel hatte sich auf dem weichen Rasen leise herangeschlichen. Nun nahm er vor Morna den Strohhut ab, während er ihr mit dem höflichsten Lächeln die Hand zur Begrüßung reichte. Morna aber war es nicht entgangen, wie seine Frau beim Klang seiner Stimme erschrocken zusammengefahren war, und ihr Gruß fiel deshalb etwas kühl aus.

»Ich meinte natürlich das Radfahren,« fügte er rasch hinzu, »und nicht die Unabhängigkeit.«

Allein selbst in seinem Lächeln lag etwas Finsteres, wenn auch nicht gerade Unfreundliches, das Morna ärgerte und zugleich verwirrte, so daß sie ihren Besuch ziemlich unvermittelt abbrach, und zwar nicht zum wenigsten darum, weil sie gewahrte, daß Mr. Steel nicht die Absicht hatte, die beiden Frauen nach dem Tee wieder sich selbst zu überlassen. Noch weit verwirrter aber wäre Morna gewesen und ihr Ärger nicht minder groß, wenn sie die ersten Worte gehört hätte, die das neuvermählte Paar gleich, nachdem sie gegangen war, austauschte.

»Was hast du denn hier?« fragte Steel, als die beiden die Allee zurückgingen, bis zu deren Ende sie Morna begleitet hatten. Rahel hielt nämlich noch immer den Gummibaumzweig in der Hand. Dies mußte ihm schon früher ausgefallen sein, allein jetzt erst machte er eine Bemerkung darüber. Sie nannte sofort den Namen des Baumes und sagte, warum sie den Zweig abgepflückt hatte.

»Dieser Baum versetzte mich nach Viktoria zurück, wo ich, wie du weißt, geboren bin.«

Steel sah seine Frau scharf an mit einem Blick aus den unergründlichen Augen, der streng, dabei aber doch voll versteckter Teilnahme war. Aus dem Ton und Inhalt seiner Antwort aber klang freilich nur die letztere heraus.

»Ich weiß es wohl,« sagte er, »und kann es dir, glaube ich, auch nachfühlen, aber auch du darfst nicht vergessen, daß ich dir angeboten hatte, dich dorthin zurückzubringen. Dies ist also ein Zweig des blauen Gummibaumes? Sagtest du nicht so?«

Rahel warf ihm einen raschen, erstaunten Blick zu, der ihm diesmal jedoch entging, da er in die Betrachtung der Blätter ganz versunken war. »Hast du denn noch nie einen solchen Baum gesehen?« fragte sie.

»Einen blauen Gummibaum?« erwiderte Steel, ohne aufzusehen, indem er noch immer prüfend die Blätter hin und her drehte und ihren Duft einsog. »Niemals in meinem Leben – soviel ich weiß!«

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