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Der Schatten des Stricks. Erster Band

Ernest William Hornung: Der Schatten des Stricks. Erster Band - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorErnest William Hornung
titleDer Schatten des Stricks. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1906
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20150209
modified20190724
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Neuntes Kapitel. Veränderter Schauplatz

Hugh Woodgate, der Pfarrer von Marley-in-Delverton, dessen Pfarrei seit Generationen unter dem Patronat der Herzoge von Normanthorpe gestanden hatte, seit kurzem aber in das von John Buchanan Steel übergegangen war, beschäftigte sich an einem Freitag Nachmittag, gerade sechs Monate nach den oben erwähnten Ereignissen, damit, seine Sonntagspredigt niederzuschreiben. Es war also im Mai, und an den beiden Enden des langen, niedrigen Zimmers, wo Mr. Woodgate bei der Arbeit saß, flatterten die hellen Sommervorhänge an den geöffneten Fenstern vor einem glänzend grünen Hintergrund von frischem, leicht bewegtem Laubwerk. Trotzdem brannte ein Feuer in einem der beiden Kamine des altmodischen Zimmers, denn ein trügerischer Ostwind strich über die sonnenbeschienene Erde draußen hin und pfiff mit den Vögeln um die Wette lustig zum Fenster herein.

Mr. Woodgate war ein großer, breitschultriger Mann mit freundlichen Augen, einem Stückchen Backenbart unter jedem Ohr und dem saubersten aller geistlichen Kragen um den Hals. Es war ein gutmütiges Gesicht, das sich über die schlichten Sätze beugte, die sich auf dem blau linierten Papier allmählich mehrten, und die in einer zwar eigenartigen, wenn auch nicht ganz ungewöhnlichen Handschrift niedergeschrieben wurden, die das Kennzeichen einer besonderen Art von Bildungsgang und Gemütsanlage ist. Von Mai bis September versäumte Mr. Woodgate es niemals, seine Predigt schon am Freitag zu vollenden, damit er ja gewiß am Samstag frei war, um mit den jungen Männern seiner Gemeinde Cricket spielen zu können. Er war zwar nur ein mäßig begabter Prediger und ein ganz schlechter Cricketspieler, aber in beiden Zweigen entwickelte er einen solchen Eifer und eine ihm selbst unbewußte Pflichttreue, daß dadurch nicht wenige seiner Mängel ausgeglichen wurden.

So emsig war der Pfarrer bei seiner Arbeit, so ganz hingenommen von der Wiedergabe dessen, was schon millionenmal Ausdruck gefunden hat, daß er das Heranrollen eines Wagens von der Seite her, wo der Wind am lautesten pfiff, überhörte. Gar nichts vernahm er, bis sich die Tür öffnete und eine in den Zwanzigern stehende hübsche schlanke junge Frau mit blühenden, gesunden Farben hereingeeilt kam.

»Es tut mir leid, wenn ich dich störe, lieber Schatz, aber wer glaubst du wohl, daß eben gekommen ist?«

Hugh Woodgate drehte sich in seinem Stuhl um, und aus seinen großen, ehrlichen Augen strahlte unverhohlene Bewunderung für seine Gattin, die so viel jünger war als er, und die, weiß der Himmel warum, an ihm ein Wohlgefallen gefunden hatte! Er konnte sie niemals ansehen, ohne gleichsam als Einleitung diesen bewundernden Blick auf sie zu richten, und erst jetzt, nachdem die beiden einige Jahre verheiratet waren, folgte dieser Bewunderung nicht mehr jedesmal jener Gedanke des Staunens. Allein selbst in Bezug auf seine unveränderte Verehrung fehlte ihm die Gabe der Beredsamkeit, und wer weiß, ob nicht gerade in diesem Mangel mit ein Grund zu jener Beständigkeit lag. Jedenfalls lief Woodgate dadurch nicht wie andre Liebhaber Gefahr, seine Gefühle in Beteuerungen zu verflüchtigen.

»Wer ist es denn?« fragte er.

»Mrs. Venables!«

Woodgate brummte etwas vor sich hin. War er wirklich verpflichtet, zu erscheinen? Sein Gesicht zog sich in die Länge, und die Augen seiner Gattin funkelten.

»Lieber Schatz, es wäre mir natürlich nicht eingefallen, dich auch nur einen Augenblick zu stören, wenn Mrs. Venables nicht selbst so dringend nach dir verlangt hätte. Und auch ich flehe dich jetzt an, zu kommen, denn sie ist ganz erfüllt von geheimnisvollen Neuigkeiten, mit denen sie nicht herausrücken will, ehe du sie nicht auch mit anhören kannst. O, sei nur fünf Minuten lang ein Engel!«

In seiner bedachtsamen Weise die Feder auswischend, sagte Woodgate: »Wahrscheinlich hat sich eine ihrer Töchter verlobt; hoffentlich ist es dann wenigstens Sibylle.«

»Nein, Sibylle ist auch mitgekommen und sieht nicht ein bißchen verlobt aus, im Gegenteil, eher gelangweilt, als habe sie die Geschichte schon mehr als oft genug gehört. Die beiden haben sicherlich schon mehrere Besuche gemacht. So, jetzt siehst du ganz lieb aus. Nun komm aber auch rasch hinüber.«

Mrs. Venables, eine korpulente, aber noch immer recht hübsche Dame mit lebhaften braunen Augen und einem klugen Gesicht machte sofort nach der ersten Begrüßung ihren Angriff auf den Pfarrer, während deren Tochter sehnsüchtig zu den in ihrer Nähe liegenden Büchern hinüberschielte.

»Denken Sie nur, er ist verheiratet!« rief Mrs. Venables, indem sie – wie die modernen Romanschreiber – ihre Erzählung gleich in der Mitte anfing.

»Wirklich?« erwiderte der prosaische Pfarrer mit größter Gelassenheit. »Und wer ist denn dieser Er?«

»Ihr Nachbar und Patronatsherr, Mr. Steel!«

»Verheiratet?« wiederholte Mrs. Woodgate mit Nachdruck. »Mr. Steel?«

»Das ist allerdings eine große Neuigkeit,« rief ihr Gatte in einem Ton, als habe er eine Mitteilung von nur sehr untergeordneter Wichtigkeit erwartet. Hierauf erkundigten sich beide nach weiteren Einzelheiten, Mrs. Venables aber schüttelte ihren kostbaren Hut mit großer Genugtuung.

»Sie kennen Mr. Steel doch so gut – so viel besser als wir – und fragen auch noch nach Einzelheiten über sein Tun und Treiben. Auch seine Heirat ist, wie alles, was seine Person angeht, natürlich in tiefstes Geheimnis gehüllt. Nicht einmal in der ›Times‹ hatte er sie angezeigt, das wenigstens kann ich mit Sicherheit behaupten. Sieht ihm dieser Streich, der einem andern Mann niemals in den Sinn käme, nicht wieder so recht ähnlich? Auf sechs Monate zu verschwinden, um dann plötzlich mit einer Frau zurückzukehren?«

»Aber ist er denn wirklich schon zurückgekehrt?« rief die junge Pfarrerin, indem sie für einen Augenblick sogar eine gewisse Zerstreutheit überwand, die durch das Erscheinen des Teebretts verursacht wurde, auf dem sie zu ihrem Kummer allzudick geratene Butterbrötchen sowie das Fehlen von Toast entdeckte, der sicher bereit gewesen wäre, wenn Mrs. Venables' Besuch auch nur einen Augenblick vorher angemeldet gewesen wäre. Es war ein Beweis für Morna Woodgates Jugend, daß sie überhaupt daran denken konnte, mit der reichsten Frau in der Nachbarschaft auch nur bei einem Fünfuhrtee konkurrieren zu wollen, zugleich aber auch für ihre Wohlerzogenheit, daß keine Spur eines solchen Gedankens auf ihrem feingeschnittenen offenen Gesicht zu lesen war.

»Ich habe nichts davon gehört,« sagte der Pfarrer in einem Tone, der einen unverhohlenen Zweifel verriet.

»Vorläufig ist es, soviel ich weiß, auch noch nicht so weit,« entgegnete Mrs. Venables, »allein aus allem, was man bis jetzt gehört hat, geht hervor, daß er demnächst kommen wird. Letzten Herbst haben sie sich in Italien trauen lassen – so schrieb er – und nun seien sie nach der Heimat unterwegs.«

»Wenn er selbst das geschrieben hat,« bemerkte der Pfarrer mit mildem Spott, »so wird es wohl wahr sein. Er muß es doch jedenfalls wissen.«

»Und wo stammt sie her?« fragte die junge Gattin voll glühenden Interesses, nachdem die Tassen herumgereicht und die Butterbrötchen trotz ihres Umfanges nicht verschmäht worden waren.

»Ja, meine liebe Mrs. Woodgate,« antwortete Mrs. Venables in herzlichem Tone, »Sie haben ganz recht, danach zu fragen! Wo stammt sie her? Das war auch meine erste Frage, die ich an meinen Gewährsmann richtete, der, nebenbei gesagt, Ihr Freund, Mr. Langholm ist. Aber auch er wußte nicht mehr als der Mann im Mond.«

»Und woher erfuhr denn gerade Mr. Langholm diese Nachricht?« fragte Morna Woodgate weiter. »Es kommt nicht oft vor, daß man durch ihn etwas von dem erfährt, was sich in der realen Welt zuträgt.«

»Gleich und gleich gesellt sich gern,« bemerkte ihr Gast. »Mr. Steel selbst hat Ihrem andern exzentrischen Freunde geschrieben, ihm dabei aber nicht mehr oder weniger anvertraut, als ich Ihnen jetzt eben gesagt habe. Vergangenen Herbst habe er in Italien geheiratet. Nicht einmal die Stadt nannte er, nicht einmal den Monat – gar nicht zu reden von dem Mädchennamen der Dame – wenn sie wirklich –« Mit einer beredten Pause beschloß Mrs. Venables ihren Satz.

»Eine Dame wird sie doch sicherlich sein,« sagte Mr. Woodgate, in seine Teetasse hineinschauend.

»Sie sind immer so nachsichtig in Ihrem Urteil, mein lieber Mr. Woodgate.«

»Das hoffe ich,« antwortete er einfach, »und in diesem Falle sehe ich keinen Grund, anders zu sein.«

»Wieso, da doch auch Sie nichts, gar nichts Näheres über Mr. Steels Persönlichkeit wissen?« Mrs. Venables' lebhafte braune Augen wurden immer kleiner und schärfer, während sie den guten Pfarrer mit ihren Blicken förmlich auf seinen Stuhl festnagelte.

»Verzeihen Sie,« entgegnete dieser schlichte Mann, »ich weiß sogar recht viel von Mr. Steel. Er hat unendlich viel Gutes für die Gemeinde getan. Unsre schönen Schulzimmer sprechen für sich selbst, und es gibt wohl nicht viele Menschen, die während der kurzen Zeit, die Mr. Steel in Normanthorpe verbracht hat, auch nur halb so viel für die Gemeinde getan hätten als er.«

»Das mag sein,« antwortete die Dame mit dem breiten Lächeln bewußter Herablassung, »denn er hat jedenfalls nicht versäumt, sein Licht vor den Leuten leuchten zu lassen. Damit aber ist noch lange nicht gesagt, wer oder was er war, ehe er hierherkam, oder auf welche Weise er zu seinem Geld gekommen ist.«

Hugh Woodgate aber brach jetzt in das halb knabenhafte, halb verschämte Lächeln aus, womit er seine offenherzigen Äußerungen einzuleiten liebte.

»Meiner Ansicht nach geht uns das eigentlich auch gar nichts an,« sagte er.

Mornas Gesicht wurde noch ein bißchen rosiger, als es von Natur schon war. Ihr Mann sprach im allgemeinen so wenig, aber mit dem, was er sagte, traf er manchmal in recht peinlicher Weise den Nagel auf den Kopf. Mrs. Venables hatte sich jedoch nun von ihm ab- und der jungen Frau zugewandt, und zwar mit einem Lächeln, das dieser nicht recht behagte, denn es drückte nicht nur einen Vorwurf über des Pfarrers Unhöflichkeit aus, sondern auch eine Mahnung an sie, nun selbst bessere Manieren und mehr Verständnis zu zeigen. Es war ein Augenblick, der wohl ein wenig Takt erforderte, Mrs. Woodgate aber zeigte sich dieser Situation vollkommen gewachsen.

»Aber Hugh, wie unverbindlich du wieder bist!« rief sie mit einem kaum zu ahnenden Lächeln. »Du vergißt, daß es dein Amt ist, gegen jedermann freundlich zu sein. Niemand ist dazu mehr verpflichtet als du.«

»Pflicht oder nicht Pflicht,« erwiderte Hugh, »Mr. Steel muß ich allein schon wegen des vielen Guten, das er für die Gemeinde getan hat, freundlich begegnen.«

Dabei ersetzten sein treuherziges Gesicht und gutmütiges Lächeln reichlich jegliche formelle Entschuldigung.

»Ich muß gestehen,« fügte seine Gattin zu ihrem Gast gewandt hinzu, »daß auch ich die gleiche Verpflichtung fühle.«

Eine Pause folgte.

»So haben Sie also die Absicht, ihr einen Besuch zu machen?« fragte Mrs. Venables, direkt auf einen immerhin noch etwas verfrühten Punkt lossteuernd.

»Gewiß – ich muß es tun; die Verhältnisse liegen bei uns so ganz anders,« antwortete die junge Pfarrerin mit ihrem hübschen tiefen Erröten.

»Selbstverständlich,« fügte ihr Mann nachdrücklich hinzu.

Mrs. Venables würdigte ihn indes keines Blickes, um so schärfer schaute sie dafür Morna an.

»Nun,« sagte sie, »Sie mögen wohl recht haben. In Ihrer Stellung – ja, ja, in Ihrer – Stellung ist das etwas ganz andres.«

Die plötzliche, nicht mißzudeutende Wendung ihres Satzes söhnte Mrs. Venables wieder mit sich selbst aus, und eitel Lächeln und Honigseim erhob sie sich.

»Nein, nein, ich danke! Auch nicht eine halbe Tasse, obwohl Ihr Tee vorzüglich war. Ich hoffe, Sie besuchen mich bald und erzählen mir dann, was für einen Eindruck die Frau auf Sie gemacht hat. In seinem Alter!« flüsterte sie im Fortgehen. »Mit fünfundsechzig Jahren!«

Ein Fremder hätte sich gewiß eingebildet, diese Dame sei für ihre Person fest entschlossen, der Neuangekommenen keinen Besuch zu machen, und selbst Mrs. Woodgate war über die Absichten ihrer Nachbarin nicht im klaren, während deren Wagen aus dem Bereich der Pfarrei fortrollte und sie sich mit ihrem Gatten wieder allein befand.

»Sie wird es darauf ankommen lassen, wie sich die andern Familien der Grafschaft verhalten, um sich dann dem Urteil der Invernesses und Uniackes anzuschließen. Übrigens bin ich überzeugt, daß sie schon in der ganzen Umgegend herumgefahren ist, um die Leute gegen das Ehepaar Steel aufzuhetzen. Als ob einem Mann wie Mr. Steel und wahrscheinlich auch der Frau, die er sich ausgesucht hat, etwas daran läge, ob die Leute bei ihnen Besuch machen oder nicht. Eine geheimnisvolle Geschichte aber bleibt es immerhin, findest du nicht auch? Allein, wie du vorhin sagtest, was geht uns die Sache an? Nur, weißt du, mein lieber Schatz, hättest du ihr deine Ansicht ein bißchen weniger schroff sagen können. Ich werde der jungen Frau natürlich, sobald es sich schickt, einen Besuch machen, vielleicht, daß ich ihr dann in irgend etwas behilflich sein kann. O, diese greuliche Mrs. Venables! Wenn sie keinen Besuch macht, werden gewiß manche ihrem Beispiel folgen. Bedenke nur, daß er früher niemals eine Gesellschaft gegeben hat! Hast du auch gehört, was sie über sein Alter sagte? Nun ist er auf einmal fünfundsechzig!«

Der Pfarrer lachte. Es war so seine Art, sein junges Frauchen ruhig plappern zu lassen, wenn er mit ihr allein war, und ihr die Freude, immer recht zu behalten, nicht zu trüben. Obwohl er jedoch fünfzehn Jahre älter war als sie und niemals für einen lebhaften Mann gegolten hatte, so sah er das Leben doch meist im selben Lichte, wie sie, obwohl ihm dieses Licht immer erst etwas später aufging.

»Fünfundsechzig!« wiederholte er plötzlich unter erneutem Kichern. »Und letztes Jahr, als man glaubte, er wolle sich um Sibylle bewerben – die Ärmste, wie gut sie sich ins Unvermeidliche findet! – das letzte Jahr, da sagte ihre Mutter zu mir, sie wisse es aus ganz zuverlässiger Quelle, daß er nicht älter als fünfundvierzig sei. Der arme Steel! Mit diesen beiden hat er es wohl gründlich verscherzt! Und nun,« fügte Hugh in seiner trockenen Weise hinzu, als habe er die ganze Zeit nur über theologische Dinge diskutiert, »nun muß ich mich schleunigst wieder an meine Predigt machen, wenn ich sie heute abend noch fertigbringen will.«

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