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Der scharlachrote Buchstabe

Nathaniel Hawthorne: Der scharlachrote Buchstabe - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorNathaniel Hawthorne
titleDer scharlachrote Buchstabe
publisherDTV
year1981
firstpub1850
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IX

Der Heilkünstler

Unter dem Namen Roger Chillingworth war, wie sich der Leser erinnern wird, ein anderer Name verborgen, der nach dem Willen seines früheren Trägers nie mehr ausgesprochen werden sollte. Es ist erzählt worden, wie unter der Menge um Esther Prynnes Ausstellung am Pranger ein ältlicher, reisemüder Mann gestanden, der bei seiner Rückkehr aus der gefahrvollen Wildnis das Weib, in welchem er die Wärme und die Frohheit der Heimat verkörpert zu finden gehofft, vor allem Volk als Bild der Sünde aufgestellt sah. Ihr Ruf als Frau wurde von allen mit Füßen getreten, die Schmach war um sie auf öffentlichem Markte zum Geschwätz geworden; für ihre Familie, wenn die Nachricht je bis zu ihr dringen sollte, und die Genossen ihres einst fleckenlosen Lebens war nichts mehr geblieben als die ansteckende Pest ihrer Unehre, welche in strenger Übereinstimmung und im genauen Verhältnisse mit der Innigkeit und Heiligkeit ihrer früheren Bande verteilt werden mußte. Warum sollte also, da ihm die Wahl freistand, der Mann, dessen Verbindung mit der Gefallenen die innigste und heiligste gewesen war, auftreten, um seinen Anspruch auf eine so wenig wünschenswerte Erbschaft geltend zu machen? Er beschloß, sich nicht neben ihr auf das Gerüst der Schande stellen zu lassen: allen, bis auf Esther Prynne, unbekannt, und im Besitz des Schlosses und Schlüssels zu ihrem Schweigen, zog er es vor, seinen Namen aus der Liste der Menschheit zu verwischen, und, so weit es seine früheren Verbindungen und Interessen betraf, so völlig aus dem Leben zu verschwinden, als ob er wirklich auf dem Meeresgrunde liege, wo ihm das Gerücht schon längst seinen Platz angewiesen hatte. Sobald er erst diesen Zweck erreicht, erhoben sich um ihn auch neue Interessen und ein neuer Lebenszweck; allerdings ein düsterer, wo nicht sündiger, der aber Gewalt genug besaß, um die volle Kraft aller seiner Fähigkeiten in Anspruch zu nehmen.

Diesem Entschlüsse gemäß schlug er in der Puritanerstadt seinen Wohnsitz als Roger Chillingworth und ohne weitere Empfehlung auf als die Gelehrsamkeit und Talente, von denen er ein mehr als gewöhnliches Maß in Besitz hatte. Da er durch seine in einer früheren Lebensperiode gemachten Studien mit dem damaligen Stande der medizinischen Wissenschaft sehr vertraut war, gab er sich für einen Arzt aus und fand als solcher herzliche Aufnahme. Geschickte Männer ärztlichen und wundärztlichen Standes waren in der Kolonie selten. Sie besaßen, wie es schien, nicht häufig den religiösen Eifer, welcher andere Auswanderer über das atlantische Meer führte. Vielleicht waren durch ihre Forschungen in bezug auf den menschlichen Körper die höheren, geistigen Fähigkeiten solcher Männer zu materiell geworden, und sie hatten über dem Labyrinthe jenes wunderbaren Mechanismus, welches Kunst genug in Anspruch zu nehmen schien, um das ganze Leben in sich zu begreifen, den Blick für eine vergeistigte Existenz verloren. Jedenfalls war die Gesundheit der guten Stadt Boston, sofern die Heilkunde etwas damit zu tun hatte, bisher unter der Obhut eines bejahrten Kirchenältesten und Apothekers gewesen, dessen Frömmigkeit und gutes Benehmen gewichtigere Zeugnisse seiner Kunst zu seinen Gunsten waren, als er in Gestalt eines Diploms beizubringen vermocht haben würde. Der einzige Wundarzt war ein Mann, der die gelegentliche Ausübung jener edlen Kunst mit dem täglichen Schwingen des Rasiermessers verband. Für eine solche medizinische Körperschaft war Roger Chillingworth eine glänzende Akquisition. Er betätigte bald seine vertraute Bekanntschaft mit der schwerfälligen, imposanten Maschinerie der alten Heilkunde, in welcher jedes Heilmittel eine Menge von weithergeholten und verschiedenartigen Ingredienzen enthielt, die so mühsam zusammengemischt waren, als ob das Elixier des Lebens daraus hätte werden sollen. Überdies hatte er in seiner Gefangenschaft bei den Indianern eine umfassende Kenntnis der Eigenschaften der einheimischen Kräuter und Wurzeln erworben und verhehlte seinen Kranken nicht, daß er diesen einfachen, dem ungelehrten Wilden von der Natur geschenkten Heilmitteln ebenso großes Vertrauen gewähre, wie der europäischen Pharmakopöe, auf deren Ausarbeitung so viele gelehrte Doktoren Jahrhunderte verwendet hatten.

Dieser gelehrte Fremde war, wenigstens so weit es die äußeren Formen eines religiösen Lebens betraf, von exemplarischer Frömmigkeit und hatte bald nach seiner Ankunft den ehrwürdigen Herrn Dimmesdale zu seinem geistlichen Führer erwählt. Der junge Prediger, dessen gelehrter Ruhm noch in Oxford nicht untergegangen war, wurde von seinen wärmeren Bewunderern als beinahe wie ein vom Himmel gesandter Apostel betrachtet, der, sollte er die normale Lebenszeit wirken und arbeiten dürfen, dazu bestimmt sei, ebenso große Dinge für die jetzt schwache neuenglische Kirche zu tun, wie die ersten Kirchenväter für die Kindheit des christlichen Glaubens getan hatten. Um diese Zeit hatte jedoch die Gesundheit des Herrn Dimmesdale offenbar abzunehmen begonnen. Die seine Gewohnheiten am besten kannten erklärten die Bleichheit der Wangen des jungen Geistlichen durch seine zu eifrige Hingabe an das Studium, seine peinliche Erfüllung der Seelsorgerpflichten und mehr als alles durch die Fasten und Nachtwachen, die er sich häufig auferlegte, um den groben irdischen Ton abzuhalten, seine geistliche Lampe zu verdunkeln und niederzudrücken. Manche behaupteten, daß, wenn Pastor Dimmesdale wirklich sterben sollte, Grund genug vorhanden sei, daß die Welt nicht verdiene, länger von seinen Füßen betreten zu werden. Er selbst gestand andererseits mit charakteristischer Demut öffentlich den Glauben ein, daß, wenn es die Vorsehung für angemessen halten sollte, ihn zu entfernen, seine eigene Unwürdigkeit, auch die geringfügigste Sendung hier auf Erden auszuüben, daran schuld sei. Bei allen diesen Meinungsverschiedenheiten über den Grund seines körperlichen Verfalls konnte doch über die Tatsache selbst kein Zweifel walten. Seine Gestalt wurde abgezehrt, seine Stimme enthielt, wiewohl sie immer noch voll und wohlklingend war, eine gewisse traurige Prophezeiung des Todes. Man bemerkte oft, daß er bei einem leisen Erschrecken oder irgendeinem andern plötzlichen Vorfalle die Hand auf das Herz legte und zuerst errötete und dann erbleichte, was ohne Zweifel vom Schmerz verursacht wurde.

Dies war der Zustand des jungen Geistlichen, und so drohend war die Aussicht, daß sein aufstrahlendes Licht vor der Zeit verlöschen würde, als Roger Chillingworth in der Stadt ankam. Schon sein erstes Auftreten war sozusagen ein vom Himmel Herabfallen oder aus der Erde Aufsteigen, besaß etwas Geheimnisvolles, was leicht bis zum Wunderbaren gesteigert wurde. Er war als ein geschickter Mann bekannt. Man bemerkte, daß er Kräuter und die Blüten wilder Blumen sammelte und Wurzeln ausgrub und Zweige von Waldbäumen pflückte, als ob er mit den verborgenen Kräften desjenigen, was für gemeine Augen wertlos war, bekannt sei. Man hörte, daß er von Sir Kenelm Digby und andern berühmten Männern, deren wissenschaftliche Kenntnisse als fast übernatürlich betrachtet wurden, so sprach, daß sie seine Korrespondenten oder Genossen gewesen sein mußten. Warum war er hierhergekommen, da er einen solchen Rang in der gelehrten Welt besaß? Was konnte er, dessen Wirkungskreis in großen Städten war, in der Wildnis suchen? Zur Antwort auf diese Fragen gewann ein Gerücht an Glauben und wurde, wie abgeschmackt es auch war, von einigen sehr vernünftigen Leuten unterhalten: daß der Himmel geradezu ein Wunder getan habe, indem er einen ausgezeichneten Doktor der Arzneikunde von einer deutschen Universität körperlich durch die Luft getragen und ihn vor der Studierzimmertür des Herrn Dimmesdale niedergelassen habe. Menschen von weiserem Glauben, welche wußten, daß der Himmel ohne die Bühneneffekte der sogenannten wunderbaren Einmischung seine Zwecke erfüllt, waren aber doch geneigt, in Roger Chillingworths so gelegener Ankunft die Hand der Vorsehung zu erblicken.

Diese Idee wurde durch das starke Interesse unterstützt, welches der Arzt stets an dem jungen Geistlichen kundgab. Er heftete sich als Mitglied seiner Gemeinde an ihn und suchte seiner natürlichen Zurückhaltung eine freundliche Zuneigung und Vertrauen abzugewinnen. Er drückte große Besorgnis über den Gesundheitszustand seines Pastors aus, verlangte aber eifrig danach, die Kur zu versuchen und schien, wenn sie zeitig begonnen würde, an einem günstigen Erfolge nicht zu zweifeln. Die Kirchenältesten, die Diakone, die Matronen und die jungen und schönen Jungfrauen der Gemeinde des Pfarrers Dimmesdale drangen alle gleich stark in ihn, die offen angebotene Geschicklichkeit des Arztes zu benutzen. Dimmesdale wies ihre Bitten sanft zurück.

»Ich bedarf keiner Medizin«, sagte er.

Wie konnte aber der junge Geistliche so sprechen, da doch mit jedem Sonntag seine Wange bleicher und magerer und seine Stimme bebender geworden war – da es mehr zu einer beständigen Gewohnheit als zu einer zufälligen Gebärde wurde, seine Hand auf sein Herz zu drücken? War er seiner Arbeiten müde? Wünschte er den Tod? Diese Fragen wurden dem Pastor Dimmesdale von den älteren Geistlichen in Boston und den Vorstehern seiner Kirche vorgelegt, die ihn »sich vornahmen« wegen der Sünde, die Hilfe, die ihm die Vorsehung so offenbar gewähren wollte, zurückweisen. Er hörte ihnen schweigend zu und versprach endlich, mit dem Arzte zu reden.

»Wäre es Gottes Wille«, sagte Ehrwürden Dimmesdale, als er seinem Versprechen gemäß den alten Roger Chillingworth um seinen ärztlichen Rat ersuchte, »so würde ich zufrieden sein, wenn meine Arbeiten und Kümmernisse und Sünden und Schmerzen in kurzem mit mir zu Ende gingen, und daß, was daran Irdisches ist, in meinem Grabe beerdigt würde und das Geistige mit mir in das Jenseits hinüberginge. Jedenfalls wäre mir dieses lieber, als wenn Ihr Eure Geschicklichkeit zu meinem Besten auf die Probe stelltet.«

»Oh«, antwortete Roger Chillingworth mit der Ruhe, welche, mochte sie nun gespielt oder natürlich sein, sein Benehmen stets auszeichnete, »so kann wohl ein junger Geistlicher sprechen. Junge Männer, die noch nicht tiefe Wurzeln geschlagen haben, lassen so leicht vom Leben ab, und fromme Männer, die mit Gott auf Erden wandeln, möchten gern hinweg, um mit ihm in den goldenen Straßen des neuen Jerusalem einherzuschreiten.«

»Nicht doch«, entgegnete der junge Geistliche, indem er die Hand auf sein Herz legte und eine peinliche Röte über seine Stirne zog, »wenn ich würdiger wäre, dort zu wandeln, so möchte ich zufriedener sein, hier zu wirken.«

»Gute Menschen halten sich stets für zu gering«, sagte der Arzt.

Auf diese Weise wurde der geheimnisvolle alte Roger Chillingworth der ärztliche Ratgeber des Herrn Dimmesdale. Da nicht nur die Krankheit das Interesse des Arztes erregte, sondern er auch starke Beweggründe hatte, den Charakter und die geistigen Eigenschaften des Patienten zu erforschen, so verbrachten allmählich diese beiden an Alter so verschiedenen Männer einen großen Teil ihrer Zeit miteinander. Zur Beförderung der Gesundheit des Geistlichen und um den Arzt in den Stand zu setzen, heilsame Pflanzen zu suchen, machten sie lange Spaziergänge an der Meeresküste oder im Walde, wo sie verschiedenartige Reden unter dem Plätschern und Murmeln der Wellen und der feierlichen Hymne des Windes in den Baumwipfeln wechselten. Oft war der eine bei dem andern in seinem einsamen Studierzimmer zu Gaste. Für den Geistlichen lag ein gewisser Zauber in der Gesellschaft des Gelehrten, bei welchem er eine intellektuelle Ausbildung von großer Tiefe und Umfang und eine umfassende Freiheit der Ideen fand, welche er vergebens unter den Mitgliedern seines eigenen Standes gesucht haben würde. Er war eigentlich erschreckt, wo nicht entsetzt, diese Eigenschaft an dem Arzte zu finden. Dimmesdale war ein echter Priester, ein wahrer Mann der Religion, bei dem das Gefühl der Ehrfurcht vor Gott stark entwickelt war, und den seine Geistesrichtung zwang, diese mächtig in das Bett eines Glaubensbekenntnisses zu ergießen, wo sie sich im Laufe der Zeit immer tiefer einwühlte. Er würde in keinem Zustande der Gesellschaft das gewesen sein, was man einen Man von liberalen Ansichten nennt, für seinen Frieden mußte es stets ein wesentliches Erfordernis sein, sich von dem Druck eines Glaubens, welcher ihn mit seinem Eisengerüste zugleich einschloß und aufrechterhielt, umgeben zu fühlen. Nichtsdestoweniger empfand er, wenn auch mit einem zitternden Genuß, zuweilen Erleichterung darin, die Welt durch das Mittel einer anderen Art des Geistes als jener, mit welcher er gewöhnlich umging, zu erblicken. Es war, als ob ein Fenster geöffnet würde, welches einer freieren Atmosphäre Zutritt in das enge, schwüle Studierzimmer verstattete, wo sein Leben bei Lampenlicht oder gedämpftem Sonnenschein und dem den Büchern entströmenden, sinnlich wahrnehmbaren oder moralischen Modergeruch verrann. Die Luft war aber zu frisch und kühl, um sie lange mit Behaglichkeit einzuatmen, und der Geistliche – und mit ihm der Arzt – zog sich daher wieder innerhalb der Grenzen dessen zurück, was seine Kirche als orthodox bezeichnete.

So erforschte Roger Chillingworth sorgfältig seinen Patienten, sowohl wie er ihn im gewöhnlichen Leben sah, wo er einen gewohnten Pfad im Bereiche ihm vertrauter Gedanken erhielt, als auch wie er erschien, wenn er in andere moralische Umgebung geriet, deren Neuheit etwas noch nicht Dagewesenes an die Oberfläche seines Charakters heraufbringen konnte. Er hielt es dem Anscheine nach für eine wesentliche Notwendigkeit, den Mann zu kennen, ehe er den Versuch machte, ihm wohlzutun. Überall, wo sein Herz und ein Verstand vorhanden, färben sich die Krankheiten des Leibes mit deren Eigentümlichkeiten. Bei Arthur Dimmesdale waren die Denkkraft und Phantasie so tätig und das Gefühl so reizbar, daß wahrscheinlich die körperliche Gebrechlichkeit darin ihren Ursprung hatte. Roger Chillingworth, der Mann des Wissens, der gute, freundliche Arzt, bemühte sich daher, einen tiefen Blick in das Innere seines Patienten zu werfen, in seine Grundsätze einzudringen, seine Erinnerungen zu erspähen und alle diese Dinge mit vorsichtiger Berührung zu sondieren, wie ein Schatzgräber in einem dunklen Schachte. Nur wenige Geheimnisse können einem Forscher entgehen, der die Gelegenheit und Erlaubnis hat, eine solche Untersuchung vorzunehmen, und dem es nicht an Talent mangelt, sie durchzuführen. Wer mit einem Geheimnisse beladen ist, sollte den vertrauten Umgang mit einem Arzte ganz besonders meiden. Wenn der Arzt angeborenen Scharfsinn und dabei ein gewisses Namenloses, das wir Intuition nennen wollen, besitzt, wenn er keine zudringliche Egozentrik, keine unangenehmen hervorragenden Eigentümlichkeiten besitzt, wenn er die angeborene Fähigkeit hat, seinen Geist mit dem seines Patienten so gleichzustimmen, daß dieser, ohne es zu wissen, dasjenige ausspricht, was er nur gedacht zu haben glaubt, wenn solche Enthüllungen ohne Aufsehen entgegengenommen und weniger durch ausgesprochene Teilnahme als durch Schweigen, einen unartikulierten tiefen Atemzug und hier und da ein Wort, um anzudeuten, daß alles begriffen sei, anerkannt worden, wenn zu diesen Fähigkeiten eines Vertrauten noch die Vorteile kommen, welche sein anerkannt ärztlicher Charakter gewährt, dann wird in irgendeinem unvermeidlichen Augenblicke die Seele des Leidenden in ihre Bestandteile zerlegt werden und sich in einem dunklen, aber durchsichtigen Strome ergießen, der alle ihre Geheimnisse an das Licht des Tages bringt.

Roger Chillingworth besaß alle oder die meisten von den aufgezählten Eigenschaften. Dessenungeachtet verging die Zeit, eine Art von Vertraulichkeit erzeugte sich, wie wir bemerkt haben, zwischen diesen beiden gebildeten Geistern, die ein Feld so umfassend wie die ganze Sphäre der menschlichen Gedanken und Studien zur Begegnung hatten, sie besprachen jeden Gegenstand der Ethik und Religion, der öffentlichen Angelegenheiten und des Privatcharakters, sie redeten beiderseits viel von Dingen, die sie persönlich zu betreffen schienen, und doch stahl sich aus dem Bewußtsein des Geistlichen nie ein Geheimnis wie das, von welchem sein Gefährte glaubte, daß es dort vorhanden sein müsse. Der Arzt hatte sogar den Verdacht, daß ihm nicht einmal die Natur der Körperkrankheit des Arthur Dimmesdale offen mitgeteilt worden sei; es bestand eine seltsame Zurückhaltung.

Nach einiger Zeit führten auf eine Andeutung Roger Chillingsworths die Freunde Dimmesdales ein Arrangement herbei, dem zufolge die beiden in dem gleichen Hause eingemietet wurden, damit jede Ebbe und Flut in den Lebensgezeiten des Geistlichen dem Auge seines besorgten, anhänglichen Arztes sichtbar werden möge. In der Stadt herrschte große Freude, als dieser allgemein gewünschte Zweck erreicht wurde. Man hielt es für die beste Maßregel, die für die Wohlfahrt des jungen Geistlichen möglich sei, falls er nicht wie jene, welche dazu berechtigt zu sein glauben und es auch von ihm verlangten, eine von den blühenden Jungfrauen der Stadt, die ihn als ihren Seelsorger so innig liebten, zu seiner hingebenden Gattin wählen wollte. Es war jedoch für jetzt keine Aussicht vorhanden, daß Arthur Dimmesdale sich bewegen lassen würde, diesen Schritt zu tun, da er alle derartigen Vorschläge verwarf, als ob das Priesterzölibat zu seinen Artikeln der Kirchenzucht gehöre. Da Dimmesdale also durch eigene Wahl so offenbar dazu bestimmt war, seine Speisen an dem Tische anderer zu genießen und die lebenslängliche Kälte zu ertragen, welche das Los jenes sein muß, welcher sich nur am Kamin eines anderen zu wärmen sucht, schien es wirklich, als ob dieser scharfsinnige, erfahrene, wohlwollende alte Arzt mit seiner zugleich väterlichen und ehrerbietigen Liebe zu dem jungen Pfarrherrn vor allem gerade am besten geeignet sein würde, sich beständig im Bereiche seiner Stimme aufzuhalten.

Die neue Wohnung der beiden Freunde befand sich bei einer frommen Witwe von anständigem sozialen Rang, in einem Hause, das fast genau auf der Stelle stand, wo später der ehrwürdige Bau von King's Chapel errichtet worden ist. Auf dessen einer Seite lag der Begräbnisplatz, ursprünglich Isaak Johnsons Anwesen, und es war daher trefflich geeignet, bei dem Geistlichen sowohl wie bei dem Arzte ernste, ihren Beschäftigungen angemessene Reflexionen zu erregen. Die mütterliche Fürsorge der guten Witwe wies Dimmesdale ein Vorderzimmer auf der Sonnenseite mit dichten Fenstergardinen an, um es des Mittags, falls er es wünschen sollte, zu beschatten. An den Wänden hingen gewirkte Tapeten, angeblich aus der Werkstatt der Gobelins, welche die Geschichte von David und Bathseba und dem Propheten Nathan in noch unverblichenen Farben darstellten, die aber das schöne Weib fast ebenso schaurig erscheinen ließen wie den unheilverkündenden Seher. Hier stellte der bleiche Geistliche seine Bibliothek auf, reich an in Pergament gebundenen Folianten von Kirchenvätern und Büchern voll rabbinischer und Mönchsgelehrsamkeit. Auf der andern Seite des Hauses richtete der alte Roger Chillingworth sein Studierzimmer und Laboratorium ein, welches nicht von der Art war, wie es ein moderner Gelehrter auch nur für leidlich vollständig halten würde, sondern nur einen Destillierapparat enthielt und die Mittel, Kräuter und die Chemikalien zu mischen, die der geübte Alchimist gut anzuwenden verstand. In dieser bequemen Lage ließen sich die beiden Gelehrten, jeder in seinem besonderen Reiche, nieder, gingen aber vertraut zwischen dem einen und dem andern Gemache hin und her und ließen gegenseitig ihren Beschäftigungen eine der Neugier nicht ganz ermangelnde Besichtigung zuteil werden.

Die nachdenklichsten Freunde Dimmesdales waren, wie schon angedeutet, ganz vernünftigerweise der Ansicht, daß die Hand der Vorsehung alles dies zu dem in so vielen öffentlichen und häuslichen und geheimen Gebeten erflehten Zwecke getan habe, dem jungen Geistlichen seine Gesundheit zurückzugeben. Wir müssen aber jetzt sagen, daß ein anderer Teil der Gemeinde in der letzten Zeit seine besonderen Gedanken von dem Verhältnisse zwischen Dimmesdale und dem geheimnisvollen alten Arzte zu fassen begonnen hatte. Wenn eine ungelehrte Menge mit eigenen Augen zu sehen versucht, kommt es ungemein leicht vor, daß sie sich täuscht; wenn sie jedoch ihr Urteil, wie sie es gewöhnlich tut, nach den Eingebungen ihres großen warmen Herzens bildet, so sind die Schlüsse, zu welchen sie auf diese Weise gelangt, oft so tief und richtig, daß sie den Charakter von auf übernatürliche Weise offenbarten Wahrheiten besitzen. Das Volk konnte sein Vorurteil gegen Roger Chillingworth durch keine einer ernstlichen Widerlegung verdienende Tatsachen oder Gründe rechtfertigen. Allerdings gab es im Orte einen betagten Handwerker, der zur Zeit der Ermordung Sir Thomas Overburys vor einigen dreißig Jahren Bürger von London gewesen war und behauptete, daß er den Arzt unter einem andern Namen, welchen der Erzähler der Geschichte jetzt vergessen hatte, in Gesellschaft des in Overburys Geschichte verwickelten Doktor Forman, des berüchtigten alten Zauberers, gesehen habe. Zwei bis drei Individuen deuteten an, daß der Gelehrte während seiner Gefangenschaft bei den Indianern seine medizinischen Kenntnisse durch Teilnahme an den Beschwörungen der Priester der Wilden erweitert habe, die, wie allgemein bekannt, mächtige Zauberer seien und durch ihre Geschicklichkeit in der Schwarzen Kunst oftmals dem Anscheine nach wunderbare Kuren verrichteten. Eine große Zahl – und viele darunter waren Personen von so nüchternem Verstand und so praktischer Beobachtungsgabe, daß in anderen Dingen ihre Ansichten wertvoll gewesen sein würden, – behauptete, daß Roger Chillingworths Äußeres während seines Aufenthaltes in der Stadt, und besonders in der Zeit seines Zusammenwohnens mit Dimmesdale, eine merkwürdige Veränderung erlitten habe. Anfangs sei sein Ausdruck ruhig, nachdenklich und gelehrtenartig gewesen, jetzt aber zeige sein Gesicht etwas Häßliches und Böses, was sie früher nicht bemerkt hätten und was dem Auge desto deutlicher werde, je öfter sie ihn anblickten. Dem Volksglauben nach stammte das Feuer in seinem Laboratorium aus den unteren Regionen und wurde mit höllischem Material genährt, und sein Gesicht ward daher, wie sich leicht denken ließ, von dem Rauche rußig.

Um alles zusammenzufassen, wollen wir kurz sagen, daß sich allgemein die Ansicht verbreitete, der ehrwürdige Arthur Dimmesdale werde gleich vielen anderen Personen von besonderer Heiligkeit zu allen Perioden der christlichen Welt entweder vom Satan selbst oder einem Sendling des Satans in Gestalt des alten Roger Chillingworth heimgesucht. Dieser teuflische Agent besitze auf einige Zeit die Macht, sich in das Vertrauen des Geistlichen einzuwühlen und gegen seine Seele Ränke zu schmieden. Kein vernünftiger Mensch konnte aber, wie man dabei zugleich gestand, bezweifeln, auf wessen Seite endlich der Sieg bleiben werde. Das Volk erwartete mit unerschütterlicher Hoffnung, der Geistliche werde, von der Glorie, die er sicher erwerben müsse, verklärt, aus dem Kampfe hervorgehen. Unterdessen war es allerdings ein trauriger Gedanke, welche tödliche Pein er vielleicht überstehen müßte, ehe er seinen Triumph erringen könne.

Der Düsterheit und dem Schrecken im Auge des armen Geistlichen nach zu urteilen, war aber leider der Kampf ein schwerer und der Sieg keineswegs gewiß.

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