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Der scharlachrote Buchstabe

Nathaniel Hawthorne: Der scharlachrote Buchstabe - Kapitel 21
Quellenangabe
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typefiction
authorNathaniel Hawthorne
titleDer scharlachrote Buchstabe
publisherDTV
year1981
firstpub1850
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
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XXI

Feiertag in Neu-England

In der Morgenfrühe des Tages, an welchem der neue Gouverneur sein Amt aus den Händen des Volkes empfangen sollte, kamen Esther und Perlchen auf den Marktplatz. Er war bereits von den Handwerkern und andern gemeinen Bewohnern der Stadt angefüllt, die sich in bedeutender Zahl versammelt hatten, und unter ihnen eine Menge rauher Gestalten, deren Kleidung von Hirschfellen sie als zu den Waldansiedlungen gehörig kennzeichnete, wovon die kleine Hauptstadt der Kolonie umgeben war.

An diesem öffentlichen Feiertage, wie seit sieben Jahren bei jedem anderen Anlasse, war Esther in ein Gewand von grobem grauen Stoff gekleidet. Sowohl durch die Farbe wie durch irgendeine Eigentümlichkeit seines Schnittes hatte es die Wirkung, sie persönlich fast verschwinden zu lassen, während sie der Scharlachbuchstabe wieder aus dieser dämmernden Undeutlichkeit hervorhob und aus dem moralischen Gesichtspunkte seiner eigenen Strahlkraft zeigte. Ihr den Städtern so lange schon vertraut bekanntes Gesicht trug die Marmorruhe, die sie darauf zu erblicken gewohnt waren. Einer Maske glich es oder vielmehr der starren Stille der Züge einer Toten, und es verdankte diese Ähnlichkeit dem Umstand, daß Esther, was jeden Anspruch auf Mitgefühl betraf, wirklich tot und aus der Welt geschieden war, mit welcher sie sich noch zu vermengen schien.

Vielleicht besaß es an jenem einen Tage einen bisher nie gesehenen Ausdruck, der allerdings auch jetzt nicht lebhaft genug war, um sich entdecken zu lassen, wenn nicht ein übernatürlich begabter Beobachter zuerst im Herzen gelesen und sodann in Gesicht und Miene einen entsprechenden Ausdruck gesucht hätte. Ein solcher geistiger Seher hätte denken können, daß sie, nachdem sie sieben Unglücksjahre hindurch den Blick der Menge als Notwendigkeit, als Buße und etwas, dessen Erleiden ihr eine strenge Religion gebot, ertragen, jetzt zum letzten Male ihm freiwillig und offen entgegentrat, um, was so lange eine Folter gewesen war, in eine Art von Triumph zu verwandeln. »Seht euch nur zum letzten Male den Scharlachbuchstaben und seine Trägerin an«, konnte das Opfer des Volkes, und, wie es glaubte, seine lebenslängliche Leibeigene zu ihm sagen. Nur noch ein kleines, und sie wird euerm Bereich entschwunden sein, nur noch wenige Stunden, und der tiefe, geheimnisvolle Ozean wird das Symbol, welches ihr auf ihrem Busen habt glühen lassen, verlöschen und für immer verbergen. Die Annahme würde übrigens kein für die menschliche Natur zu unwahrscheinlicher Widerspruch sein, daß Esther in dem Augenblicke, wo sie zur Freiheit von der Pein gelangen sollte, die so lange mit ihrem Leben verkörpert gewesen, ein Gefühl von Bedauern verspürte. Konnte sie nicht von einem unwiderstehlichen Wunsche ergriffen sein, einen letzten langen, atemlosen Zug aus dem Wermut- und Aloebecher zu tun, von welchem fast alle ihre Frauenjahre bitter waren? Der Wein des Lebens, der hinfort ihren Lippen anzubieten wäre, mußte in seinem reich verzierten goldenen Becher wahrhaft köstlich und erheiternd sein, wenn er nicht nach der bittern Hefe, womit sie beständig getränkt worden war, eine unvermeidliche Schalheit und Mattigkeit zurücklassen sollte.

Perle war mit luftigem Frohsinn gekleidet. Unmöglich hätte man erraten können, daß diese glänzende sonnige Erscheinung ihre Existenz jener düstergrauen Gestalt verdankte, oder daß eine so prachtliebende und dabei doch zarte Phantasie, wie sie erforderlich gewesen sein mußte, um die Kleidung des Kindes zu ersinnen, die gleiche war, welche eine vielleicht noch schwierigere Aufgabe gelöst hatte, indem sie dem einfachen Gewande Esthers eine so bestimmte Eigentümlichkeit verlieh. Die Kleidung war Perlchen so angemessen, daß sie ein Ausfluß oder eine unvermeidliche Entwicklung und äußerliche Manifestation ihres Charakters zu sein schien, die sich von ihr ebensowenig trennen ließ wie der bunte Schimmer vom Flügel eines Schmetterlings oder die Farbenpracht vom Blatte einer schönen Blume. Wie bei jener, so war auch bei dem Kinde das Äußere mit ihrer Natur eins. An diesem ereignisvollen Tage besaß ihre Stimmung überdies eine gewisse eigentümliche Unruhe und Aufregung, die mit nichts anderem so viel Ähnlichkeit besaß wie mit dem Schimmer eines Diamanten, der seine Funken oder Blitze sprüht, je nachdem die Brust, auf welcher er angebracht ist, stärker oder schwächer klopft. Kinder haben stets eine gewisse Sympathie mit der innern Bewegung ihnen Nahestehender, besonders, wenn in häuslichen Umständen eine Umwälzung, welcher Art auch immer, bevorsteht, und Perle, die das Juwel auf dem unruhigen Busen ihrer Mutter war, verriet eben durch ihre aufgeregte Stimmung die Empfindungen, welche keiner in der marmornen Ruhe auf Esthers Gesicht zu entdecken vermochte.

Diese Aufregung trieb sie, mehr mit einer vogelartigen Bewegung dahinzutanzen als ruhig neben ihrer Mutter zu gehen. Sie brach beständig in wilde, unartikulierte und zuweilen durchdringende Rufe aus. Als sie auf den Marktplatz gelangten und hier die Geschäftigkeit bemerkten, wurde sie noch ruheloser. Für gewöhnlich sah er eher dem einsamen Rasenplatze vor einem Dorfversammlungshause als dem Mittelpunkte der Geschichte einer Stadt ähnlich, und Perle rief:

»Was ist das, Mutter? Warum haben die Leute alle heute ihre Arbeit verlassen? Ist es für die ganze Welt ein Spieltag? Sieh, dort ist der Schmied! Er hat sein rußiges Gesicht gewaschen und seine Sonntagskleider angezogen und sieht aus, als möchte er gern lustig sein, wäre nur jemand so gut, ihn zu lehren, wie er es anfangen solle! Und dort ist Herr Brackett, der alte Kerkermeister, und nickt und lächelt mich an. Warum tut er das, Mutter?«

»Er hat dich gekannt, als du noch ein ganz kleines Geschöpf warst, mein Kind«, antwortete Esther.

»Deshalb sollte er mich aber doch nicht annicken und -lächeln, der schwarze, böse, finster blickende alte Mann!« sagte Perle. »Dir mag er zunicken, wenn er will, denn du bist in Grau gekleidet und trägst den Scharlachbuchstaben! Aber sieh, Mutter, die vielen fremden Gesichter, auch Indianer sind darunter und Seeleute. Was wollen sie alle hier auf dem Marktplatz tun?«

»Sie wollen den Aufzug vorüberkommen sehen«, sagte Esther; »der Gouverneur und der ganze Magistrat sollen vorüberkommen und die Geistlichen und alle vornehmen und guten Leute, und vor ihnen her werden die Musiker und die Soldaten marschieren.«

»Wird der Pfarrer auch dabei sein?« fragte Perle, »und wird er mir auch seine beiden Hände hinhalten wie neulich, wo du mich am Bache zu ihm führtest?«

»Er wird da sein, Kind«, antwortete ihre Mutter; »aber er wird dich heute nicht begrüßen, und du darfst es auch nicht tun.«

»Welch ein sonderbarer trauriger Mann er ist«, sagte das Kind halb in sich selbst gekehrt. »Bei dunkler Nacht ruft er uns zu sich und hält dich und mich bei der Hand. Weißt du noch, damals, wie wir dort auf dem Gerüste standen und im tiefen Walde, wo es nur die alten Bäume hören und ein Streifen vom Himmel sehen kann, setzt er sich auf einen Haufen Moos und spricht mit dir! Und dann küßt er mich auf die Stirn, daß es der kleine Bach kaum abzuwaschen vermag! Aber hier, am hellen Tage und vor allen Leuten, kennt er uns nicht, und wir dürfen ihn nicht kennen! Er ist ein sonderbarer, trübseliger Mann, mit seiner Hand beständig auf dem Herzen.«

»Sei ruhig, Perle, dergleichen Dinge verstehst du nicht«, sagte ihre Mutter. »Denk jetzt nicht an den Pfarrer, sondern schau dich um und sieh, wie heiter heute alle Gesichter sind. Die Kinder sind aus ihren Schulen gekommen und die erwachsenen Leute aus ihren Werkstätten und von den Feldern, nur um sich zu freuen, denn heute fängt ein neuer Mann an, über sie zu regieren, und so freuen sie sich und jubeln wie jedesmal seit unvordenklichen Zeiten, als ob die arme alte Welt endlich ein gutes goldenes Jahr erleben sollte.«

Es war, wie es Esther gesagt hatte, die Gesichter des Volkes wurden von ungewohnter Heiterkeit hell. In diese festliche Zeit des Jahres drängten die Puritaner während des größten Teiles zweier Jahrhunderte alle Heiterkeit und öffentliche Freude zusammen, welche sie der menschlichen Schwäche gestatteten, und vertrieben dadurch die gewöhnlich über ihnen schwebende Wolke insoweit, daß sie einen einzigen Festtag über fast nicht ernsthafter aussahen als die meisten andern Gemeinwesen zu einer Zeit allgemeiner Betrübnis.

Wir übertreiben jedoch vielleicht die graue oder schwarze Färbung, welche unbezweifelt die Sitten und Gebräuche jener Zeit charakterisierte. Die jetzt auf dem Marktplatz von Boston versammelten Personen waren nicht zu puritanischem Murrsinn in die Welt gekommen. Sie waren Engländer von Geburt, deren Väter in dem sonnigen Glanze der Elisabethanischen Epoche gelebt hatten, einer Zeit, wo das Leben in England, wenn man es im ganzen betrachtet, so stattlich, prächtig und freudig gewesen zu sein scheint, wie die Welt nur je eins gesehen hat. Wenn sie ihrem angeerbten Geschmacke gefolgt wären, so würden die neuenglischen Ansiedler alle Ereignisse von öffentlicher Wichtigkeit durch Freudenfeuer, Schmäuse, Mummereien und Aufzüge gefeiert haben. Auch wäre es nicht untunlich gewesen, bei dem Begängnisse magistratischer Zeremonien heitere Ergötzlichkeit mit Feierlichkeit zu verbinden und dem prächtigen Staatsgewande, welches sozusagen ein Volk bei solchen Festen anlegt, eine groteske, schimmernde Stickerei zu geben. Man sah den Schatten eines Versuches dieser Art in der Weise, wie der Tag, an welchem das politische Jahr der Kolonie begann, gefeiert wurde. Ein bleiches Spiegelbild eines ihnen erinnerlichen Glanzes, die farblose und vielfach abgeschwächte Wiederholung dessen, was sie in dem stolzen alten London, wir wollen noch gar nicht sagen bei einer Krönung, sondern bei eines Lord-Mayors Aufzuge wahrgenommen hatten, ließ sich in den Gebräuchen verfolgen, welche die alten Puritaner von Neuengland bei der jährlichen Einführung ihrer Amtspersonen einrichteten. Die Väter und Begründer des Staates – der Staatsmann, der Priester und der Soldat – hielten es damals für eine Pflicht, den äußern Prunk und die Majestät anzulegen, welche dem alten Stile gemäß als das geeignetste Gewand öffentlicher oder sozialer Auszeichnung betrachtet wurde. Sie kamen alle hervor, um in Prozessionen an den Augen des Volkes vorüberzugehen und so dem einfachen Gerüste einer so neuerrichteten Regierung die nötige Würde zu verleihen.

Damals wurde dem Volke auch nachgesehen, wenn es nicht gar dazu aufgemuntert wurde, daß es in dem strengen und anhaltenden Fleiße in seinen verschiedenartigen Fächern einer rohen, unbehilflichen Industrie nachließ, welche zu jeder andern Zeit mit seiner Religion aus einem Stücke gemacht zu sein schien. Hier gab es allerdings nichts von den Einrichtungen, welche die Lustbarkeiten des Volkes so leicht in dem England der Zeit Elisabeths oder Jakobs gefunden hätten keine rohen theatralischen Vorstellungen, keine Sänger mit Harfe und legendärer Ballade, keine Tierbändiger mit zu ihrer Musik tanzenden Affen, keine Gaukler mit ihren der Hexerei nahekommenden Künsten, keine Lustigmacher, welche die Menge mit vielleicht jahrhundertealten, aber durch ihre Beziehung auf die allgemeinsten Quellen des Gelächters immer noch wirksamen Spaßen aufheiterten. Alle derartigen Ausübenden der verschiedenen Zweige der Belustigung würden nicht nur durch das strenge Gesetz, sondern auch durch das allgemeine Gefühl, welches dem Gesetz seine Lebenskraft verleiht, zurückgewiesen worden sein. Nichtsdestoweniger lächelte das große ehrliche Gesicht des Volkes, wenn auch etwas ernsthaft, doch nicht minder herzlich. Auch fehlte es nicht an Übungen, wie sie die Kolonisten vor langen Jahren bei den Provinzial-Jahrmärkten und auf den Dorf wiesen von England gesehen und daran teilgenommen hatten, und deren Aufrechterhaltung auf diesem neuen Boden wegen des Mutes und der Mannhaftigkeit, die für sie wesentlich waren, für gut erachtet wurde. Hier und da sah man auf dem Marktplatze, wie auf die verschiedenen Arten von Cornwall und Devonshire um die Wette gerungen wurde. In einer Ecke fand ein freundschaftlicher Kampf mit langen zweikantigen Stöcken statt, und was das größte Interesse von allem erregte, auf der Plattform des in unserer Geschichte so vielfach erwähnten Prangers begannen zwei Meister der Verteidigungskunst eine Schaustellung mit Schild und Schwert. Zum großen Ärger der Menge wurde diese aber durch die Einmischung des Stadtbüttels unterbrochen, welcher nicht zugeben wollte, daß die Majestät des Gesetzes durch einen solchen Mißbrauch des ihr geweihten Platzes verletzt werde.

Wir behaupten vielleicht nicht zu viel, wenn wir sagen, daß für das Volk, welches damals in den ersten Stadien des ernsten freudlosen Benehmens stand und von Vätern abstammte, die zu ihrer Zeit lustig zu sein verstanden hatten, im Punkte der Feier eines Festtages der Vergleich selbst mit seinen heutigen Nachkommen günstig ausgefallen wäre. Ihre unmittelbare Nachkommenschaft, die nächste Generation nach den ersten Einwanderern, hüllte sich in den schwärzesten Schatten des Puritanismus und verfinsterte damit das Antlitz der Nation auf solche Weise, daß alle späteren Jahre nicht vermocht haben, es aufzuhellen. Wir müssen noch die vergessene Kunst der Heiterkeit erlernen.

Das Lebensbild auf dem Marktplatz wurde, wenn auch seine allgemeine Färbung das tiefe Grau, Braun oder Schwarz der englischen Auswanderer war, doch durch einige Farbenabwechslung belebt. Eine Gruppe von Indianern in ihrem wilden Putz von merkwürdig gestickten Hirschhautröcken, Wampumgürteln, rotem und gelbem Ocker und Federn, ihrer Bewaffnung mit Bogen und Pfeilen und Speeren mit Steinspitzen stand, mit Gesichtern voll unveränderlicher Gravität, wie sie selbst die Puritaner nicht erreichen konnten, abgesondert da. Aber selbst diese wilden, bemalten Söhne zeigten nicht den wildesten Teil des Schauspiels. Diese Auszeichnung konnte mit größerm Rechte von einigen Seeleuten, einem Teil der Mannschaft des aus Westindien angekommenen Schiffes, beansprucht werden, die ans Land gekommen waren, um das Treiben des Wahltages mit anzusehen. Es waren rauh blickende Gesellen mit sonnverbrannten Gesichtern und ungeheuern Bärten. Ihre weiten, kurzen Beinkleider wurden um den Leib von Gürteln zusammengehalten, die oftmals eine Spange von roh bearbeitetem Gold besaßen und in denen stets ein langes Messer, mitunter auch ein Säbel stak. Unter ihren breitkrempigen Palmblatthüten glimmten Augen, die, selbst wenn sie gut gelaunt und lustig waren, eine tierische Wildheit an sich hatten. Sie übertraten ohne Furcht oder Bedenken die Verhaltungsregeln, welche für alle andern bindend waren, rauchten vor der Nase des Büttels Tabak, obgleich jede Rauchwolke, die ein Bürger ausgestoßen, diesen einen baren Schilling gekostet hätte, und tranken reichliche Quantitäten von Wein oder Aquavit aus Korbflaschen, welche sie der maulaufsperrenden Menge um sie her freigebig darboten. Es charakterisierte die unvollkommene Moralität jenes Zeitalters, welches wir so streng nennen, auffallend, daß den Seefahrern nicht bloß für ihre lustigen Streiche am Lande, sondern auch für weit verzweifeltere Taten auf ihrem eigenen Elemente eine große Nachsicht zuteil wurde. Der Matrose jener Zeit würde, wenn er in der unsern gelebt hätte, schwerlich einer Anklage als Seeräuber entgangen sein. So konnte etwa wenig Zweifel daran bestehen, daß die hier versammelte Schiffsmannschaft, wiewohl durchaus nicht aus abschreckenden Beispielen der seefahrenden Kumpanei zusammengesetzt, sich – wie wir sagen würden – Übergriffe gegen den spanischen Handel zuschulden kommen gelassen hatte, die heutzutage vor einem modernen Gerichtshof ihre Hälse in Gefahr gebracht hätten.

Aber die See wogte und schäumte zu jener Zeit so ziemlich nach ihrem Willen und Belieben oder war nur dem stürmischen Winde unterworfen, während das menschliche Gesetz kaum je einen Versuch machte, dort Regeln einzuführen. Der Bukanier des Ozeans konnte seinen Beruf aufgeben und sofort, wenn es ihm beliebte, am Lande ein Mann von Rechtschaffenheit und Frömmigkeit werden. Ja selbst mitten in seinem unbekümmerten Leben galt er nicht für eine Person, mit der es unreputierlich gewesen wäre, Handel zu treiben, oder wie es die Gelegenheit bot zu verkehren. So lächelten die puritanischen Ältesten in ihren schwarzen Mänteln, gestärkten Manschetten und spitzigen Hüten nicht ohne Wohlwollen zu dem Lärm und rauhen Benehmen jener lustigen Seefahrer, und es erregte weder Überraschung noch Unwillen, als selbst ein so geachteter Bürger wie der alte Roger Chillingworth, der Arzt, in ein eifriges und vertrautes Gespräch mit dem Kapitän des zweideutigen Schiffes auf den Marktplatz trat.

Der Kapitän war, was die Kleidung betraf, bei weitem die auffallendste Gestalt, welche man unter der Menge erblickte. Er trug an seinem Rock einen Überfluß von Bändern und an seinem Hute, der überdies mit einer goldenen Kette umschlungen war und auf dem eine wallende Feder steckte, eine breite goldene Tresse. An der Seite hatte er einen Degen, und auf der Stirn erblickte man eine Narbe von einem Schwerthieb, die er, nach der Anordnung der Haare zu schließen, eher zu zeigen als zu verbergen bemüht war. Ein Landbewohner hätte schwerlich diese Kleidung tragen und dieses Gesicht besitzen und dabei eine solche renommistische Miene zeigen können, ohne vor einer Magistratsperson ein strenges Verhör bestehen und vielleicht eine Geld- oder Kerkerstrafe oder wohl gar eine Ausstellung am Pranger erleiden zu müssen. Bei dem Schiffskapitän wurde jedoch alles dies als zu seinem Charakter gehörig betrachtet, so wie zum Fisch seine glitzernden Schuppen gehören.

Nachdem sich der Befehlshaber des Bristoler Schiffes von dem Arzte getrennt hatte, schlenderte er auf dem Marktplatze umher, bis er zufällig an die Stelle kam, wo Esther Prynne stand, diese zu erkennen schien und ohne weiteres anredete. Wie gewöhnlich hatte sich da, wo Esther stand, ein kleiner leerer Raum, eine Art von Zauberkreis um sie gebildet, in welchen sich, obwohl die Menschen einander in geringer Entfernung hin und her stießen, niemand wagte oder zu drängen versuchte. Es war ein eindrucksvolles Sinnbild von der moralischen Einsamkeit, in welche der Scharlachbuchstabe seine Trägerin, teils durch ihre eigene Zurückhaltung, teils durch das instinktmäßige, wenn auch nicht mehr unfreundliche Zurückziehen ihrer Mitmenschen versetzt hatte. Jetzt war ihr dies zum ersten Male von Nutzen, indem es Esther ermöglichte, ohne Gefahr des Behorchtwerdens mit dem Seemann zu sprechen, und in den Augen der Menge war Esther Prynnes Ruf so verändert, daß selbst die durch strengste Moralität ausgezeichnete Matrone der Stadt durch ein solches Gespräch nicht in geringerer Gefahr vor übler Nachrede gewesen sein würde als sie.

»Nun, Frau«, sagte der Seemann, »ich muß meinem Aufwärter also den Auftrag geben, noch einen Verschlag mehr bereit zu halten, als Ihr ausgemacht hattet. Bei dieser Reise brauchen wir uns vor Skorbut und Schiffsfieber nicht zu fürchten. Der Schiffswundarzt und dieser andere Doktor werden mit ihren Mixturen und Pillen unsere einzige Gefahr sein, um so mehr, als ich eine Menge von Apothekerzeug an Bord habe, das ich einem spanischen Schiffe abgehandelt.«

»Was meint Ihr?« fragte Esther erschrockener, als sie wahrnehmen ließ. »Habt Ihr noch einen Passagier?«

»Wißt Ihr nicht«, rief der Schiffskapitän, »daß der Arzt hier – Chillingworth nennt er sich – die Absicht hat, mit Euch meine Kajütenkost zu versuchen? Ihr müßt es ja gewußt haben, denn er sagt mir, daß er zu Eurer Gesellschaft gehöre und ein vertrauter Freund des Herrn sei, von dem Ihr gesprochen habt –, desjenigen, der in Gefahr vor der sauertöpfischen alten Puritanern hier schwebt.«

»Sie kennen einander allerdings gut«, antwortete Esther mit ruhiger Miene, wiewohl in höchster Bestürzung, »sie haben lange zusammen gewohnt.«

Es wurde zwischen dem Seemann und Esther Prynne kein weiteres Wort gewechselt, aber in jenem Augenblicke sah sie den alten Roger Chillingworth selbst in der entferntesten Ecke des Marktplatzes stehen und ihr über den breiten wimmelnden Platz und das Gespräch und Gelächter und die verschiedenartigen Gedanken, Stimmungen und Interessen der Menge hinweg ein Lächeln von geheimer, furchtbarer Bedeutung zuwerfen.

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