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Der scharlachrote Buchstabe

Nathaniel Hawthorne: Der scharlachrote Buchstabe - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorNathaniel Hawthorne
titleDer scharlachrote Buchstabe
publisherDTV
year1981
firstpub1850
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XX

Der Geistliche im Labyrinth

Als sich der Geistliche von Esther Prynne und Perlchen entfernte, warf er noch einen Blick hinter sich, indem er halb und halb erwartete, daß er nur noch einige schwach umgrenzte, langsam in der Dämmerung des Waldes verschwindende Züge und Umrisse der Mutter und des Kindes entdecken würde. Er konnte sich ein so großes Ereignis in seinem Leben nicht sogleich als wirklich denken. Aber Esther stand mit ihrem grauen Kleide noch immer neben dem Baumstamme, der vor langen Jahren durch einen Sturm niedergestürzt war und den die Zeit seither mit Moos bedeckt hatte, damit diese beiden mit der schwersten Last der Erde Beladenen zusammen darauf sitzen und eine Stunde lang Ruhe und Trost finden konnten. Und Perle tanzte jetzt, da die aufdringliche dritte Person fort war, leicht vom Rande des Baches hinweg und nahm wieder ihren alten Platz an der Seite ihrer Mutter ein. Der Geistliche hatte also nicht geschlafen und geträumt.

Um seinen Geist von der Unbestimmtheit und Zweifelhaftigkeit des Eindruckes zu befreien, welcher ihn mit einer seltsamen Unruhe erfüllte, rief er sich die Pläne zurück, die er mit Esther für ihre Abreise entworfen hatte und stellte sie schärfer umgrenzt vor sein Inneres. Sie waren übereingekommen, daß die alte Welt mit ihrer gedrängten Bevölkerung und ihren Städten ihnen bessern Schutz und Verborgenheit gewähren würde als die Wildnisse von Neu-England oder ganz Amerika mit ihren Alternativen eines indianischen Wigwams oder die wenigen dünn an der Meeresküste gesäten europäischen Siedlungen. Ohne der Gesundheit des Geistlichen zu gedenken, die zu schwach war, um die Mühseligkeiten und Entbehrungen des Waldlebens zu ertragen, konnten ihm seine angeborenen Gaben, seine Geistesbildung und seine ganze Entwicklung nur inmitten der Zivilisation und Kultur eine Heimat verschaffen. Je höher der Bildungszustand war, desto besser eignete sich der Mann dafür. Um diese Wahl zu befördern, traf es sich gerade, daß ein Schiff im Hafen lag, einer von den zu jener Zeit häufigen zweideutigen Kreuzern, die, ohne unbedingt Geächtete des Meeres zu sein, doch mit einer bemerkenswerten Unverantwortlichkeit und Unbestimmtheit des Charakters über dessen Fläche dahin schweiften. Dieses Schiff war vor kurzem aus Westindien angekommen und sollte in drei Tagen nach Bristol absegeln. Esther Prynne, deren Beruf als selbstgeweihte, barmherzige Schwester sie mit dem Kapitän und der Mannschaft bekannt gemacht hatte, konnte es auf sich nehmen, die Überfahrt zweier Individuen und eines Kindes auf so geheime Weise, wie es die Umstände mehr als wünschenswert machten, auszudingen.

Der Prediger hatte Esther mit nicht geringem Interesse nach der genauen Zeit gefragt, in welcher das Absegeln des Schiffes zu erwarten sei, wahrscheinlich würde die Abfahrt am vierten Tage nach der Besprechung stattfinden. ›Das ist ein Glück!‹ hatte er dann zu sich gesagt. Wir zaudern zu enthüllen, weshalb es Ehrwürden Dimmesdale für ein so großes Glück hielt. Da wir jedoch dem Leser nichts vorenthalten dürfen, so wollen wir melden, daß er am dritten Tage, von dem gegenwärtigen gerechnet, die Wahlpredigt halten sollte und er, da ein solcher Anlaß eine ehrenvolle Epoche im Leben eines neuenglischen Geistlichen bildete, keine passendere Weise und Zeit zur Beendigung seiner amtlichen Laufbahn hätte wählen können. ›Man soll wenigstens von mir sagen‹, dachte dieser exemplarische Mann, ›daß ich keine öffentliche Pflicht ungeübt gelassen oder schlecht geübt habe.‹ Es war zu bedauern, daß eine so tiefe und scharfsinnige Einsicht wie die dieses armen Geistlichen sich so traurig täuschte. Wir haben schlimmere Dinge von ihm zu erzählen gehabt und werden vielleicht deren noch zu erzählen haben, aber unserer Ansicht nach nichts so bemitleidenswert Schwaches; keinen zugleich so leise angedeuteten und unumstößlichen Beweis von einer geheimen Krankheit, die sich längst schon in das Mark seines Charakters zu fressen begonnen hatte. Kein Mensch kann längere Zeit gegen sich ein anderes Gesicht tragen als gegen die Menge, ohne endlich irre zu werden, welches das wahre sei.

Dimmesdale erhielt durch die Aufregung seiner Gefühle, als er von seiner Zusammenkunft mit Esther zurückkehrte, ungewohnte körperliche Energie und eilte mit schnellen Schritten der Stadt zu. Der Pfad durch den Wald schien wilder, durch seine natürlichen Hindernisse rauher und weniger von Menschenfüßen betreten zu sein, als er sich von seinem Hingehen her erinnern konnte, aber er sprang über die sumpfigen Stellen, drängte sich durch das dornige Gebüsch, erkletterte die Anhöhen, plantschte in die Vertiefungen hinab, kurz er überwand alle Schwierigkeiten des Pfades mit einer unermüdlichen Rüstigkeit, die ihn in Erstaunen setzte. Er konnte nicht vergessen, wie schwach und mit welchen häufigen Pausen, um Atem zu schöpfen, er erst noch vor zwei Tagen auf demselben Pfade dahingekeucht war. Als er sich der Stadt näherte, bemerkte er, daß auch die Reihe von bekannten Gegenständen, welche sich ihm zeigten, eine Veränderung erfahren hatten. Er schien sie nicht gestern, nicht vor einem, sondern vor vielen Tagen, ja selbst Jahren verlassen zu haben. Allerdings war noch jedes frühere Kennzeichen der Straße, dessen er sich erinnern konnte, und alle Eigentümlichkeiten der Häuser mit der gehörigen Zahl von spitzen Giebeln und an jedem Punkte, wo sein Gedächtnis einen Wetterhahn gelassen hatte, ein solcher vorhanden. Nichtsdestoweniger stellte sich dieses Gefühl der Veränderung zudringlich bei ihm ein. Das gleiche war auch von den Bekannten, welche er traf, und allen so gut erinnerlichen Gestaltungen des menschlichen Lebens in der kleinen Stadt zu sagen. Sie sahen weder älter noch jünger aus als sonst, die Barte der Greise waren nicht weißer geworden, ebensowenig konnte der Säugling, welcher gestern gekrochen war, heute auf den Füßen gehen; es war vollkommen unmöglich zu beschreiben, in welcher Beziehung sie von den Individuen abwichen, denen er vor so kurzem erst einen Scheideblick zugeworfen hatte, und doch schien der Pfarrer durch sein tiefstes Gefühl von ihrer Veränderung in Kenntnis gesetzt zu werden. Als er an der Mauer seiner eigenen Kirche vorbeikam, machte diese merkwürdigerweise einen ganz gleichen Eindruck. Das Gebäude hatte ein so fremdartiges und doch so bekanntes Aussehen angenommen, daß Dimmesdales Geist zwischen zwei Gedanken schwankte – entweder, daß er es bisher nur im Traume gesehen habe oder daß er jetzt bloß davon träume.

Diese Erscheinung und die verschiedenartigen Gestaltungen, welche sie annahm, verkündete keine äußere Veränderung, wohl aber eine so plötzliche und wichtige Veränderung bei dem Beschauer jener vertrauten Dinge, daß der Zwischenraum eines einzigen Tages auf sein Bewußtsein gewirkt hatte wie eine ganze Reihe von Jahren. Der Wille des Predigers und der Esthers und das zwischen ihnen erwachsende Schicksal hatten diese Umwandlung bewirkt. Es war noch dieselbe Stadt wie sonst, aber derselbe Geistliche war nicht aus dem Walde zurückgekehrt. Er hätte zu den Freunden, die ihn begrüßten, sagen können: »Ich bin nicht der Mann, für den ihr mich haltet. Ich habe ihn dort im Walde, in ein geheimes Tälchen zurückgezogen, an einem bemoosten Baumstamme bei einem traurig murmelnden Bache zurückgelassen. Geht, sucht euren Prediger und seht zu, ob seine abgezehrte Gestalt, seine eingefallenen Wangen, seine weiße, bewölkte, schmerzgefurchte Stirn nicht dort liegen wie ein abgeworfenes Gewand.« Ohne Zweifel würden seine Freunde gegen ihn darauf bestanden haben: »Du selbst bist der Mann!«, aber der Irrtum wäre der ihre gewesen, nicht der seine.

Ehe Dimmesdale nach Hause gelangte, gab ihm sein Inneres noch andere Beweise einer in der Sphäre des Gedankens und Gefühls vorgegangenen Umwälzung. Wirklich konnte nichts Geringeres als ein völliger Wechsel der Dynastie und des Moralkodex in seinem inneren Reiche die Impulse erklären, welche der arme erschreckte Geistliche empfand. Bei jedem Schritte fühlte er sich versucht, die eine oder andere seltsame, phantastische Gottlosigkeit auszuüben, und hatte dabei das Bewußtsein, daß es zugleich unwillkürlich und absichtlich ihm selbst zum Trotz und doch aus einem tieferen Selbst als demjenigen, welches sich dem Antriebe widersetzte, erwachsen wäre. Er begegnete einem von seinen eigenen Kirchenältesten. Der gute alte Mann redete ihn mit der väterlichen Zuneigung und dem patriarchalischen Vorrecht an, wozu ihn sein ehrwürdiges Alter, sein rechtschaffener frommer Charakter und seine Stellung in der Kirche berechtigte im Verein mit der tiefen, fast anbetenden Achtung, welche das Amt und die Persönlichkeit des Geistlichen forderte. Es konnte kein schöneres Beispiel davon geben, wie sich die Majestät des Alters und der Weisheit mit dem Gehorsam und der Achtung verträgt, die ein niedrigerer sozialer Rang und ein geringerer Grad von Begabung gegen einen höheren beweisen sollte. Bei dem kurzen Gespräch zwischen dem ehrwürdigen Arthur Dimmesdale und diesem trefflichen graubärtigen Kirchenältesten vermochte sich der erstere nur durch die sorgfältigste Selbstbeherrschung zurückzuhalten, einige gotteslästerliche Ideen über das Abendmahl, die ihm in den Sinn kamen, auszusprechen. Er zitterte und wurde aschenbleich, als er fürchtete, daß seine Zunge diese abscheulichen Dinge aussprechen und sich auf seine eigene Zustimmung dazu berufen könne, ohne daß er sie völlig gegeben habe. Und selbst mit diesem Schrecken in seinem Herzen konnte er sich kaum des Lachens enthalten, wenn er sich vorstellte, wie der fromme, alte patriarchalische Kirchenälteste von der Gottlosigkeit seines Predigers versteinert werden würde.

Dann ereignete sich wieder ein Vorfall der gleichen Art. Als Arthur Dimmesdale die Straße entlang eilte, begegnete er dem ältesten weiblichen Mitgliede seiner Kirche, einer als äußerst fromm bekannten alten Frau, die arm, verwitwet, alleinstehend und deren Herz so voller Erinnerungen an ihren verstorbenen Gatten und ihre Kinder und ihre toten Freunde aus alter Zeit war wie ein Kirchhof voller Leichensteine. Und doch wurde alles dies, was sonst ein so schweres Leid gewesen sein würde, der frommen alten Seele durch die religiösen Tröstungen und Wahrheiten der Heiligen Schrift, womit sie sich seit länger als dreißig Jahren beständig genährt hatte, fast zu einer erhabenen Freude, und seit sie zu der Gemeinde des Predigers Dimmesdale gehörte, war es der größte irdische Trost der guten Alten – ein Trost, der zugleich ein himmlischer sein mußte, sonst wäre es gar keiner gewesen –, ihrem Pfarrer entweder zufällig oder absichtlich zu begegnen und mit einem Worte warmer, himmlischer evangelischer Wahrheit von seinen geliebten Lippen in ihr abgestumpftes, aber verzückt aufmerksames Ohr erquickt zu werden. Bei diesem Anlasse konnte sich aber Dimmesdale nach dem Willen des großen Seelenfeindes bis zu dem Augenblicke, wo er seine Lippen an das Ohr des alten Weibes legte, keinen Bibelspruch und auch sonst nichts als eine kurze, kräftige und, wie es ihm in jenem Augenblicke schien, unwiderlegliche Beweisführung gegen die Unsterblichkeit der menschlichen Seele ins Gedächtnis rufen. Wenn er diese ihrem Geiste eingeflößt, so wäre die betagte Schwester aller Wahrscheinlichkeit nach plötzlich tot niedergesunken, als ob sie ein heftiges Gift genossen hätte. Was er ihr wirklich zuflüsterte, konnte sich der Geistliche später nie wieder entsinnen. Vielleicht hatten seine Worte eine glückliche Undeutlichkeit, die dem Begriffsvermögen der guten Witwe keine bestimmte Idee zukommen ließ oder die Vorsehung auf ihre eigene Weise auslegte. Jedenfalls sah der Geistliche, als er zurückschaute, einen Ausdruck frommer Dankbarkeit und Ekstase, der dem Abglanze des himmlischen Jerusalem auf ihrem so runzeligen und aschenbleichen Gesichte glich.

Und wiederum ein drittes Beispiel! Nachdem er von dem alten Kirchenmitgliede geschieden war, begegnete er der jüngsten Schwester von allen. Es war eine Jungfrau, die Arthur Dimmesdale erst am Sonntage nach seiner Vigilie gewonnen hatte, die vergänglichen Freuden der Welt gegen die himmlische Hoffnung zu vertauschen, die um so heller werden sollte, je dunkler das Leben um sie herum würde, und die endlich selbst die tiefste Finsternis mit einer Glorie vergolden würde. Sie war schön und rein wie eine im Paradiese erblühte Lilie. Der Prediger wußte recht gut, daß er selbst in der fleckenlosen Reinheit ihres Herzens aufgenommen war, daß um sein Bild die schneeigen Gardinen hingen und der Religion die Wärme der Liebe und der Liebe eine religiöse Reinheit verliehen waren. Sicherlich hatte der Satan jenen Nachmittag das arme junge Mädchen von der Seite seiner Mutter hinweggeführt und es diesem schwergeprüften, oder – eigentlich wohl besser gesagt – verlorenen und verzweifelten Manne in den Weg geworfen. Als sie ihm näher kam, flüsterte ihm der Erzfeind zu, daß er einen Keim des Bösen, der sicher bald üppige Blüten treiben und schwarze Früchte tragen würde, in wenige Worte zusammendrängen und in diesen zarten Busen senken möge. Sein Bewußtsein der Gewalt über diese gegen ihn so vertrauensvolle reine Seele war so stark, daß der Geistliche sich für fähig hielt, das ganze Feld der Unschuld mit einem einzigen sündigen Blicke zu versengen und das ganze Gegenteil davon mit einem Worte zu entwickeln. Mit einem schwereren Kampfe, als er je einen bestanden, hielt er also sein Genfer Mäntelchen vor das Gesicht, eilte vorüber, ohne ein Zeichen des Erkennens zu geben, und überließ es der jungen Schwester, seine Unhöflichkeit, so gut sie konnte, zu ertragen. Sie durchforschte ihr Gewissen, welches mit harmlosen Kleinigkeiten angefüllt war wie ihre Tasche oder ihr Arbeitsbeutel, und das arme Ding machte sich Vorwürfe über tausend eingebildete Fehler und ging den folgenden Morgen mit geschwollenen Augenlidern an ihre Haushaltungsarbeiten.

Ehe der Prediger noch Zeit hatte, seinen Sieg über diese letzte Versuchung zu feiern, wurde er sich eines andern Impulses bewußt, der noch lächerlicher und fast ebenso gräßlich war. Er bestand darin – und wir schämen uns des Berichts –, auf der Straße stehen zu bleiben und eine Gruppe von kleinen Puritanerkindern, welche dort spielten und eben erst zu sprechen angefangen hatten, einige sehr unanständige Worte zu lehren. Er versagte sich diesen Genuß als seines Gewandes unwürdig; kurz darauf begegnete er aber einem betrunkenen Matrosen von dem aus Westindien angekommenen Schiffe, und hier sehnte sich der arme Dimmesdale, da er doch so tapfer alle andern Versuchungen zurückgeschlagen hatte, wenigstens dem beteerten Schlingel die Hand zu schütteln und sich an einigen ungehörigen Scherzen, wie sie bei liederlichen Matrosen in solchem Überflusse zu finden sind, und einer Salve von guten, runden, strotzenden, dem Himmel trotzenden Flüchen zu erquicken. Es war weniger ein besseres Prinzip als teilweise sein natürlicher guter Geschmack und noch mehr seine Gewohnheit steifer geistlicher Würde, die ihn wohlbehalten aus dieser letzten Krisis führte.

›Was ist es, das mich so verfolgt und versucht?‹ rief der Prediger endlich sich selbst zu, indem er auf der Straße stehenblieb und mit der Hand an seine Stirn fuhr. ›Bin ich toll oder gehöre ich gänzlich dem Bösen an? Habe ich im Walde einen Kontrakt mit ihm geschlossen und mit meinem Blute unterzeichnet, und fordert er mich jetzt dadurch zur Erfüllung auf, daß er mir jede Gottlosigkeit eingibt, die sich seine schändliche Phantasie erdenken kann?‹

In dem Augenblicke, wo Seine Ehrwürden auf diese Weise mit sich sprach und mit der Hand an seine Stirn schlug, soll die alte Hibbins, die im Rufe einer Hexe stand, vorübergekommen sein. Sie sah sehr großartig aus und trug einen hohen Kopfputz, ein schweres Samtkleid und eine Krause, die mit der famosen gelben Stärke gesteift war, wozu ihr Anna Turner, ihre besondere Freundin, das Rezept gegeben hatte, ehe diese gute Dame wegen der Ermordung Sir Thomas Overburys gehängt wurde. Ob die Hexe in den Gedanken des Geistlichen gelesen hatte, weiß man nicht, aber soviel ist gewiß, daß sie vor ihm stehenblieb, schlau in sein Gesicht blickte, listig lächelte und, obwohl sie sonst nicht liebte, sich mit Geistlichen zu unterhalten, ein Gespräch begann.

»Ihr habt also einen Besuch im Walde gemacht, ehrwürdiger Herr«, bemerkte die Hexe, indem sie ihn mit ihrem hohen Kopfputze annickte. »Ich bitte Euch, mich es das nächste Mal voraus wissen zu lassen, wo ich dann stolz sein werde, Euch Gesellschaft zu leisten. Ohne mich zu sehr zu rühmen, aber eine Empfehlung von mir reicht weit, um jedem fremden Herrn einen angenehmen Empfang bei jenem bewußten Potentaten zu verschaffen.«

»Ich gestehe, Madame«, antwortete der Geistliche mit einer ernsten Verbeugung, wie sie der Rang der Dame verlangte und seine eigene Höflichkeit gebieterisch forderte, »ich gestehe auf mein Gewissen und meinen Charakter, daß mir der Sinn Eurer Worte ein völliges Rätsel ist! Ich bin nicht in den Wald gegangen, um einen Potentaten zu suchen, auch beabsichtige ich zu keiner künftigen Zeit einen Besuch daselbst, um die Gunst einer solchen Personage zu erlangen. Mein einziger und genügender Zweck war es, einen frommen Freund von mir, den Missionar Eliot, zu begrüßen und mich mit ihm der vielen kostbaren Seelen zu erfreuen, die er dem Heidentum abgewonnen hat.«

Da kicherte die alte Hexe und nickte mit ihrem hohen Kopfputze dem Geistlichen zu. »Nun, nun, bei Tage müssen wir schon so sprechen! Ihr bekommt das hin wie einer, der schon lange dabei ist! Aber um Mitternacht und im Walde werden wir anders reden.«

Sie ging weiter mit der Würde ihres Alters, blickte aber oft zurück und lächelte ihm zu, als wünsche sie, eine geheime, vertraute Verbindung anzuerkennen.

›Habe ich mich denn‹, dachte der Geistliche, ›dem Bösen verkauft, den, wenn die Leute die Wahrheit sprechen, jene gelbgestärkte, sammetbekleidete alte Vettel zu ihrem Herrn und Meister erwählt hat?‹

Der Unglückliche! Er hatte einen dem ganz ähnlichen Handel geschlossen. Von einem Traum des Glückes verlockt, hatte er sich mit überlegter Wahl, wie er es noch nie zuvor getan, dem, was er als eine Todsünde kannte, ergeben. So hatte sich das ansteckende Gift dieser Sünde schnell durch seine ganze Seele verbreitet. Es hatte alle gesegneten Triebe betäubt und die ganze Genossenschaft der schlechten zum Leben erweckt. Verachtung, Bitterkeit, unprovozierte Böswilligkeit, mutwilliges Verlangen nach dem Schlechten, Verspottung alles Guten nd Frommen – alle diese Triebe hatten sich erhoben, um ihn zu versuchen, wenn sie ihn auch zugleich erschreckten. Und sein Zusammentreff en mit der alten Hibbins zeigte, wenn sie ein wirkliches Ereignis war, nur sein Gleichgefühl und seine Kameradschaft mit bösen Sterblichen und der Welt der verführten Geister.

Er war jetzt in seine Wohnung am Rande des Kirchhofs gelangt, eilte die Treppe hinauf und suchte ein Asyl in seinem Studierzimmer. Der Geistliche war froh, daß er diesen Zufluchtsort erreicht, ohne sich der Welt durch eine von den seltsamen, gottlosen Exzentrizitäten zu verraten, zu welchen er sich auf seinem Wege durch die Straßen beständig angetrieben gefühlt hatte. Er trat in das gewohnte Zimmer und schaute auf die Bücher, die Fenster, den Kamin und die gewirkten Tapeten der Wände mit demselben Gefühl von Fremdartigkeit, welches ihn auf seinem Wege aus dem Waldtälchen nach der Stadt und bis in sein Haus verfolgt hatte. Hier hatte er studiert und geschrieben, hier sich Fasten und Nachtwachen auferlegt, aus denen er nur halb lebendig herausgekommen war, hier hatte er darum gekämpft zu beten und Hunderttausende von Qualen ertragen. Da lag die Bibel in ihrem alten hebräischen Urtext, aus welchem Moses und die Propheten und durch alle die Stimme Gottes zu ihm sprach. Dort auf dem Tische mit der tintengeschwärzten Feder daneben sah er eine unbeendigte Predigt mit einem in der Mitte abgebrochenen Satze, wo seine Gedanken zwei Tage vorher aufgehört hatten, auf das Papier zu strömen. Er wußte, daß er selber, der abgezehrte, bleichwangige Geistliche, es gewesen war, der diese Dinge getan und gelitten und sich so tief in die Wahlpredigt hineingeschrieben hatte. Aber er schien davon getrennt zu stehen und dieses frühere Selbst mit geringschätziger, mitleidiger, aber halb neidischer Neugier zu betrachten. Jenes Selbst war verschwunden. Aus dem Walde war ein anderer Mensch zurückgekehrt, ein weiserer, mit einer Kenntnis verborgener Geheimnisse begabter, in welche die Einfalt des früheren nie hätte dringen können. Es war eine bittere Art von Erkenntnis.

Während er solchen Gedanken hingegeben war, klopfte es an der Tür des Studierzimmers, und der Geistliche rief: »Herein!« ohne sich der Idee, daß er vielleicht einen bösen Geist erblicken würde, gänzlich entledigen zu können. Und so war es auch. Der Eintretende war der alte Roger Chillingworth. Der Geistliche stand bleich und sprachlos da; seine eine Hand auf die hebräische Bibel gelegt, die andere über sein Herz gebreitet.

»Willkommen daheim, Ehrwürden«, sagte der Arzt. »Wie habt Ihr den frommen Eliot gefunden? Mich dünkt aber, lieber Herr, daß Ihr bleich ausseht, als ob die Reise durch die Wildnis Euch zu sehr angegriffen hätte. Wird nicht meine Hilfe erforderlich sein, um Euch die Kraft und den Mut zur Abhaltung Eurer Wahlpredigt zu verleihen?«

»Nein, das denke ich nicht«, anwortete Dimmesdale. »Meine Reise und der Anblick des frommen Missionars und die freie Luft, die ich geatmet, haben mir nach der langen Eingeschlossenheit in meinem Studierzimmer wohlgetan. Ich glaube Eurer Medizin nicht weiter zu bedürfen, mein gütiger Arzt, so gut sie auch ist, und von so freundlicher Hand sie auch eingegeben wird.«

Während dieser ganzen Zeit hatte Roger Chillingworth den Geistlichen mit dem ernsten, aufmerksamen Blicke eines Arztes auf seinen Patienten betrachtet. Trotz dieses äußern Scheines war dieser aber doch von der Kenntnis oder wenigstens dem zuversichtlichen Verdacht des Alten in bezug auf seine eigene Zusammenkunft mit Esther Prynne überzeugt. Der Arzt wußte also, daß er in den Augen des Geistlichen nicht mehr ein Freund, dem man vertraut, sondern sein bitterster Feind war. Da so viel bewußt war, möchte es nur natürlich erscheinen, daß ein Teil ausgesprochen würde. Es ist jedoch seltsam, welch lange Zeit oftmals vergeht, ehe Dinge in Worten Gestalt annehmen und mit welcher Sicherheit zwei Menschen, die einen gewissen Gegenstand vermeiden wollen, sich diesem bis an die äußerste Grenze nähern und wieder zurückziehen können, ohne ihn zu berühren. So fühlte der Geistliche keine Besorgnis, daß Roger Chillingworth mit ausdrücklichen Worten die Lage berühren werde, in welcher sie gegenseitig zueinander standen. Jedoch kroch der Arzt in seiner dunklen Weise furchtbar nahe an das Geheimnis heran.

»Wäre es nicht besser«, sagte er, »wenn Ihr Euch heute abend meiner geringen Geschicklichkeit bedientet? Wahrlich, lieber Herr, wir müssen uns Mühe geben, Euch zum Halten der Wahlpredigt stark und kräftig zu machen. Das Volk erwartet von Euch große Dinge, denn es besorgt, daß ein anderes Jahr kommen, aber sein Pastor gegangen sein möchte.«

»Fürwahr, in eine andere Welt«, antwortete der Geistliche mit frommer Ergebenheit. »Der Himmel gebe, daß es eine bessere ist, denn ich denke wahrlich kaum, daß ich noch einmal durch die vier flüchtigen Jahreszeiten bei meiner Herde ausharren werde. Was aber Eure Medizin betrifft, mein guter Herr, so bedarf ich ihrer in meinem jetzigen Körperzustande nicht.«

»Es freut mich, das zu hören!« antwortete der Arzt. »Vielleicht beginnen meine so lange vergebens angewendeten Heilmittel jetzt die gehörige Wirkung zu üben. Ich würde ein glücklicher Mann sein, und die Dankbarkeit von Neuengland verdienen, wenn ich diese Kur bewerkstelligen könnte.«

»Ich danke Euch von Herzen, mein höchst wachsamer Freund«, sagte Dimmesdale mit feierlichem Lächeln. »Ich danke Euch und kann Eure Guttaten nur mit meinem Gebete vergelten.«

»Das Gebet eines guten Menschen ist ein goldener Lohn«, entgegnete der alte Roger Chillingworth, als er sich verabschiedete. »Es ist die goldene Münze des neuen Jerusalem und trägt das eigene Gepräge des Königs!«

Sobald der Prediger allein war, ließ er einen Diener des Hauses rufen und verlangte Speisen, die er, als sie ihm vorgesetzt wurden, mit heißhungrigem Appetit verzehrte. Hierauf warf er die bereits geschriebenen Blätter zur Wahlpredigt in das Feuer und begann sofort eine andere, die er mit einem solchen drängenden Zufluß von Gedanken und Empfindungen schrieb, daß er sich für inspiriert hielt und sich nur wunderte, wie der Himmel darauf kam, die feierlichen Töne seiner Orakel durch ein so sündenbeflecktes Organ wie ihn aussprechen zu lassen. Er überließ jedoch diesem Rätsel, sich selbst zu lösen oder für immer ungelöst zu bleiben, und fuhr mit großer Hast und Verzückung in seiner Aufgabe fort.

So flog die Nacht vorüber, als sei sie ein beflügeltes Roß, auf dem er dahinsprenge. Der Morgen kam rötend durch die Fenstervorhänge, und endlich warf die aufgehende Sonne einen goldenen Strahl in das Studierzimmer und gerade auf die geblendeten Augen des Geistlichen. Da saß er mit der Feder immer noch zwischen den Fingern und hinter ihm lag eine mächtige unermeßliche Strecke geschriebenen Raumes.

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