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Der scharlachrote Buchstabe

Nathaniel Hawthorne: Der scharlachrote Buchstabe - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorNathaniel Hawthorne
titleDer scharlachrote Buchstabe
publisherDTV
year1981
firstpub1850
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
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XVIII

Flut von Sonnenschein

Arthur Dimmesdale schaute in Esthers Gesicht mit einem Blick, in welchem wohl Hoffnung und Freude glänzten, dabei aber doch eine Art von Furcht und Schrecken über ihre Kühnheit schimmerten, die das ausgesprochen hatte, was er angedeutet, aber nicht zu sagen gewagt hatte.

Aber Esther Prynne, die einen Geist voll Tatkraft und angeborenen Mutes besaß und eine so lange Zeit der Gesellschaft nicht bloß entfremdet, sondern selbst von ihr geächtet gewesen war, hatte sich an eine Denkfreiheit gewöhnt, wie sie der Geistliche nicht zu fassen vermochte. Sie war ohne Regeln und Führer in einer moralischen Wildnis umhergeirrt, die ebenso unermeßlich verworren und schattig war wie der ungezähmte Urwald, in dessen Dunkel sie jetzt ein Gespräch hielten, welches ihr Schicksal entscheiden sollte. Ihr Verstand und Herz hatten ihre Heimat sozusagen an öden Orten, wo sie ebenso frei wie der wilde Indianer in seinen Wäldern umherschweifte. Seit Jahren hatte sie die menschlichen Institutionen und alles, was Priester und Gesetzgeber festgestellt, aus diesem entfremdeten Gesichtspunkte betrachtet und mit kaum größerer Ehrerbietung beurteilt als ein Indianer für das geistliche Beffchen, das richterliche Gewand, den Pranger, den Galgen, den häuslichen Herd oder die Kirche fühlen würde. Fatum und Fortuna hatten sie freigesetzt. Der Scharlachbuchstabe war ihr Paß für Regionen, welche andere Frauen nicht zu betreten wagten. Schande, Verzweiflung, Einsamkeit waren ihre Lehrer gewesen – und zwar strenge und grimmige. Diese hatten sie stark gemacht, aber auch öfter in die Irre geführt.

Der Geistliche dagegen hatte nie eine Erfahrung durchgemacht, die ihn über den Bereich der allgemein angenommenen Gesetze hinaus hätte führen können, wenn er auch ein einziges Mal eines von den geheiligtsten derselben so furchtbar übertreten hatte. Dies war aber eine Sünde der Leidenschaft und nicht eine des Grundsatzes oder auch nur der Absicht gewesen. Seit jener Unglückszeit hatte er mit krankhaftem Eifer und Berücksichtigung jedes einzelnen nicht bloß seine Handlungen – denn diese zu ordnen war leicht –, sondern jeden Hauch einer Bewegung und jeden Gedanken beobachtet. An der Spitze des sozialen Systems stehend, wie die Geistlichen jener Zeit im allgemeinen, wurde er durch dessen Regulationen, Grundsätze und selbst Vorurteile nur um so enger gefesselt. Als Priester hemmte ihn das Gerüst seines Standes unvermeidlich; als Mensch, der einmal gesündigt, aber sein Gewissen durch das Nagen einer ungeheilten Wunde in voller Tätigkeit und Empfindlichkeit erhalten hatte, wäre zu erwarten gewesen, daß er sicherer innerhalb der Grenze der Tugend sei, als wenn er nie gesündigt hätte.

So schien es, daß, was Esther Prynne betraf, die ganzen sieben Jahre der Ächtung und Schmach fast nichts gewesen waren als eine Vorbereitung auf gerade diese Stunde.

Aber Arthur Dimmesdale: – Was konnte ein solcher Mann, wenn er nochmals fallen sollte, zur Entschuldigung seines Vergehens vorbringen? Nichts, wenn nicht das, daß er durch langes, tiefes Leiden niedergebrochen, daß sein Geist gerade durch die Reue, welche ihn quälte, verdunkelt und verwirrt war, daß das Gewissen es schwer finden mochte, zwischen dem Fliehen als geständiger Verbrecher und dem Dableiben als Heuchler zur Entscheidung zu kommen, daß es nicht mehr als menschlich war, die Gefahr des Todes und der Schande und die unerforschlichen Machinationen eines Feindes zu vermeiden, daß endlich dem armen, schwachen, kranken, unglücklichen Pilger auf seinem traurigen und öden Pfade ein Lichtblick menschlicher Liebe und Teilnahme ein neues und wahres Leben statt des schweren Fluches, unter welchem er jetzt litt, schimmerte. Es ist strenge, traurige Wahrheit, und doch sei sie gesagt, daß der Bruch, den die Schuld einmal in der menschlichen Seele aufgerissen hat, in unserm sterblichen Leben nie wieder geheilt wird. Man mag ihn beobachten und bewachen, damit der Feind nicht wieder in die Zitadelle dringe und bei seinen späteren Angriffen lieber einen andern Zugang als den, wo es ihm früher gelungen war, suche. Aber die zertrümmerte Mauer ist immer noch vorhanden und in ihrer Nähe der schleichende Schritt des Feindes, welcher seinen noch nicht vergessenen Triumph von neuem erringen möchte.

Der Kampf, wenn ein solcher stattfand, braucht nicht beschrieben zu werden. Genug, daß der Geistliche beschloß, zu fliehen, und nicht allein.

›Wenn ich mich in diesen ganzen sieben Jahren‹, dachte er, ›auch nur eines einzigen Augenblicks des Friedens oder der Hoffnung erinnern könnte, so würde ich um dieser Probe der Gnade des Heiles willen noch länger ausharren. Warum sollte ich aber jetzt, wo ich unwiderruflich verdammt bin, nicht nach der Tröstung greifen, die dem verurteilten Verbrecher vor seiner Hinrichtung gewährt ist? Oder wenn dies der Pfad zu einem bessern Leben ist, wie mich Esther überreden möchte, so gebe ich sicherlich keine bessern Aussichten auf, indem ich ihn betrete! Ebensowenig kann ich länger ohne ihre Gesellschaft leben, so kräftig vermag sie aufrecht zu erhalten, so zärtlich weiß sie zu trösten! Du, zu dem ich meine Augen nicht zu erheben wage, wirst Du mir noch verzeihen?‹

»Du wirst gehen«, sagte Esther ruhig, als er ihrem Blicke begegnete.

Sobald der Entschluß einmal gefaßt war, warf eine Glut seltsamer Lust ihren flackernden Schimmer über die Unruhe seines Herzens. Es war die erheiternde Wirkung, welche das Atmen der wilden freien Atmosphäre einer unbebauten, unchristianisierten, gesetzlosen Gegend auf einen eben erst dem Kerker seines eignen Herzens entronnenen Gefangenen macht. Sein Geist erhob sich sozusagen mit einem Sprunge und erlangte einen näheren Blick auf den Himmel als während des ganzen Elends, das ihn im Staube kriechend an die Erde gefesselt hatte. Bei seinem tiefreligiösen Temperamente nahm diese Stimmung unvermeidlich eine andächtige Färbung an.

»Fühle ich wieder Freude?« rief er, über sich selbst verwundert, aus. »Ich hatte gedacht, daß ihr Keim in mir erstorben sei. O Esther, du bist mein besserer Engel! Es ist mir, als habe ich mich krank, sündebefleckt und schmerzverdüstert auf dieses Waldlaub niedergeworfen und sei neugeschaffen und mit neuen Kräften wieder aufgestanden, um ihn, der mir Gnade bewiesen, zu verherrlichen! Dies ist bereits das bessere Leben. Warum haben wir es nicht früher gefunden?«

»Wir wollen nicht zurückschauen«, antwortete Esther Prynne, »die Vergangenheit ist dahinten. Warum sollten wir noch bei ihr verweilen? Sieh! Mit diesem Symbole lege ich alles von mir ab und mache es wie nie geschehen.«

Mit diesen Worten löste sie die Spange ab, womit der Scharlachbuchstabe befestigt war, nahm ihn von ihrem Busen und warf ihn von sich unter das verwelkte Laub.

Das mystische Zeichen fiel auf das diesseitige Ufer des Baches. Wäre es nur eine Handbreit weiter geflogen, so würde es in das Wasser gefallen sein und dem kleinen Bache außer der unverständlichen Geschichte, von welcher er immer noch murmelte, ein weiteres Weh zu tragen gegeben haben. Aber da lag der gestickte Buchstabe, schimmernd wie ein verlorenes Juwel, und ein unglückseliger Wanderer konnte ihn vielleicht aufheben und von dem Augenblicke an durch seltsame Gespenster der Sünde, Herzensbeklemmung und unerklärliches Unglück verfolgt werden.

Sobald das Brandmal fort war, holte Esther einen langen, tiefen Seufzer herauf, mit welchem die Last der Scham und Pein von ihrer Brust entfloh. O die köstliche Erleichterung! Sie hatte die Last nicht eher gekannt, als bis sie die Befreiung fühlte. Mit einem zweiten Antriebe nahm sie die förmliche Haube ab, welche ihr Haar umschloß, und dunkel und reich, mit zugleich einem Schatten und einem Lichte in seiner Üppigkeit rollte es herab auf ihre Schultern und erteilte ihren Zügen den Zauber der Milde. Um ihren Mund spielte und aus ihren Augen strahlte ein zärtliches, frohes Lächeln, welches aus dem innersten Herzen der Weiblichkeit hervorzuquellen schien. Auf ihren solange so bleich gewesenen Wangen brannte eine purpurne Röte. Ihr Geschlecht, ihre Jugend und der ganze Reichtum ihrer Schönheit kamen aus dem, was die Menschen die unwiderrufliche Vergangenheit nennen, zurück und drängten sich mit ihrer jungfräulichen Hoffnung und einer bis jetzt unbekannt gewesenen Glücklichkeit in den Zauberkreis dieser Stunde. Und als ob das Dunkel der Erde und des Himmels nur der Ausfluß dieser beiden sterblichen Herzen gewesen wäre, verschwand es ebenfalls mit ihrem Schmerze. Der Sonnenschein brach plötzlich wie ein Lächeln des Himmels durch die Wolken, ergoß eine wahre Lichtflut in den düsteren Wald, erhellte jedes grüne Blatt, verwandelte das gelbe, abgefallene Laub in Gold und schimmerte auf den grauen Stämmen der feierlich ernsten Bäume. Die Gegenstände, welche bisher das Dunkel gemacht hatten, verkörperten jetzt das Licht; auch die Bahn des kleinen Baches war durch dessen munteres Glitzern tief in das geheimnisvolle Herz des Waldes, dessen Geheimnis eines der Freude geworden, zu verfolgen.

In solcher Sympathie stand die Natur, die wilde heidnische, nie von menschlichen Gesetzen unterjochte, nie von höherer Wahrheit erleuchtete Natur des Waldes mit der Seligkeit dieser beiden Geister. Die Liebe, gleichviel ob sie neugeboren oder aus einem Totenschlafe erwacht ist, muß stets einen Sonnenschein erzeugen, der das Herz so strahlend erfüllt, daß er auf die äußere Welt überströmt. Selbst wenn der Wald in seinem Düster verharrt hätte, würde er in Esthers und Arthur Dimmesdales Augen heiter gewesen sein.

Esther blickte ihn noch mit dem Schauer einer andern Freude an.

»Du mußt Perle kennenlernen«, sagte sie, »unser Perlchen! Du hast sie gesehen – ich weiß es! – aber du wirst sie jetzt mit andern Augen betrachten. Sie ist ein seltsames Kind! Ich begreife sie kaum, aber du wirst sie innig lieben, gleich mir, und mir raten, wie ich sie behandeln soll«.

»Denkst du, daß das Kind erfreut sein wird, mich zu kennen?« fragte der Geistliche etwas verwirrt. »Ich bin seit langem vor Kindern zurückgeschreckt, weil sie oft ein gewisses Mißtrauen, eine Abneigung, sich mir anzuschließen, bewiesen. Ich habe sogar die kleine Perle gefürchtet.«

»Ach, das war traurig«, antwortete die Mutter. »Aber sie wird dich lieben und du sie ebenfalls. Sie ist nicht weit, ich will sie rufen. Perle! Perle!«

»Ich sehe das Kind«, sagte der Geistliche. »Dort steht es in ziemlicher Entfernung in einem Streifen von Sonnenschein auf der andern Seite des Baches. Du denkst also, daß mich das Kind lieben wird?«

Esther lächelte und rief abermals Perle, die, wie es der Geistliche beschrieben hatte, in einiger Entfernung wie eine glänzende Erscheinung in einem Streifen von Sonnenschein sichtbar war, der durch ein Laubgewölbe auf sie niederfiel. Der Strahl zitterte hin und her und machte ihre Gestalt undeutlich und unbestimmt, bald wie die eines wirklichen Kindes, bald gleich der eines Kindergeistes, je nachdem der Glanz kam oder verschwand. Sie hörte die Stimme ihrer Mutter und näherte sich langsam durch den Wald.

Für Perle war die Stunde, während welcher ihre Mutter mit dem Geistlichen beisammen gesessen hatte, nicht langweilig gewesen. Der große schwarze Wald, so finster er auch denen erschien, welche die Schuld und Qual der Welt in seinen Schoß mitbrachten, wurde zum Spielkameraden des einsamen Kindes, so gut er es verstand. Trotz seiner Dunkelheit legte er doch sein heiterstes Kleid an, um sie willkommen zu heißen; er bot ihr Mitschellabeeren, die im vergangenen Herbst gewachsen, aber erst im Frühling gereift waren und jetzt rot wie Blutstropfen auf dem welken Laube schimmerten. Perle pflückte sie und erfreute sich an ihrem wilden Waldgeschmacke. Die kleinen Bewohner der Wildnis nahmen sich kaum die Mühe, ihr aus dem Wege zu gehen. Zwar lief ihr ein Rebhuhn mit einer Brut von zehn Jungen drohend entgegen, bereute aber bald seinen Zorn und gluckte seinen Jungen zu, daß sie nichts fürchten möchten. Eine auf einem niedrigen Zweige allein sitzende Taube ließ Perlchen bis dicht unter sich kommen und stieß einen Ton der Begrüßung sowohl wie der Besorgnis aus. Ein Eichhörnchen schwatzte von seinem hohen Wohnsitze im Baume zornig oder lustig herab, denn das Eichhörnchen ist eine so cholerische und launische kleine Person, daß es schwer ist, einen Unterschied zwischen seinen verschiedenen Stimmungen zu machen, es schwatzte zu dem Kinde herab und warf ihm eine Nuß auf den Kopf. Es war eine Nuß vom vergangenen Jahre und von seinem scharfen Zahne bereits angenagt. Ein durch ihren leichten Schritt auf den Blättern aus dem Schlafe geweckter Fuchs schaute Perlchen forschend an, als sei er ungewiß, ob es besser wäre, davonzuschleichen oder sein Schläfchen auf derselben Stelle fortzusetzen. Ein Wolf, so erzählt man sich – aber hier gleitet die Geschichte unzweifelhaft ins Unwahrscheinliche ab –, kam herbei und schnupperte an Perlchens Kleid und bot seinen rauhen Kopf ihrer Hand zum Tätscheln dar. Was aber wahr zu sein scheint, ist, daß der mütterliche Wald und die wilden Wesen, denen er Nahrung bot, alle eine verwandte Wildheit in dem Menschenkind wiedererkannten.

Und Perle war hier sanfter als in den grasumsäumten Straßen der Ansiedlung oder der Hütte ihrer Mutter. Die Blumen schienen es zu wissen und flüsterten ihr, als sie vorüberging, zu: Schmücke dich mit mir, du schönes Kind, schmücke dich mit mir! Und um ihnen den Gefallen zu tun, pflückte Perle die Veilchen und die Anemonen und Mohnblumen und einige Zweige vom frischesten Grün, die ihr die alten Bäume vor die Augen hielten. Mit diesen zierte sie ihr Haar und ihren jungen Leib und wurde ein Nymphenkind oder eine junge Dryade oder was sonst in der engsten Sympathie mit dem altertümlichen Walde stand. Auf diese Weise hatte sich Perle geschmückt, als sie die Stimme ihrer Mutter hörte und langsam zurückkam.

Langsam – denn sie sah den Geistlichen.

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