Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Nathaniel Hawthorne >

Der scharlachrote Buchstabe

Nathaniel Hawthorne: Der scharlachrote Buchstabe - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/hawthorne/scharlac/scharlac.xml
typefiction
authorNathaniel Hawthorne
titleDer scharlachrote Buchstabe
publisherDTV
year1981
firstpub1850
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110617
projectida04dc747
Schließen

Navigation:

XVI

Ein Spaziergang im Walde

Esther Prynne beharrte bei ihrem Entschlüsse, Dimmesdale auf jede Gefahr gegenwärtiger Pein oder späterer Folgen hin mit dem wahren Charakter des Mannes, welcher sich in sein Vertrauen geschlichen hatte, bekanntzumachen. Mehrere Tage lang suchte sie vergeblich eine Gelegenheit, ihn auf einem der nachdenklichen Spaziergänge anzureden, die er, wie sie wußte, den Strand der Halbinsel entlang oder auf den waldigen Hügeln der Umgegend zu machen pflegte. Es würde weder üble Nachreden noch Gefahr für den guten Namen des Geistlichen verursacht haben, wenn sie ihn in seinem Studierzimmer besucht hätte, wo schon so manche Büßerin Sünden von vielleicht ebenso dunkler Färbung, wie die durch den Scharlachbuchstaben bezeichnete, bekannt hatte; aber weil sie die geheime oder unverhohlene Einmischung des alten Roger Chillingworth fürchtete, teils auch, weil ihr sündenbewußtes Herz da Verdacht erblickte, wo keiner gefühlt werden konnte, und dann auch, weil sowohl der Geistliche wie sie der ganzen weiten Welt zum Atmen bedürfen würden, während sie miteinander sprachen, aus all diesen Gründen dachte Esther nie daran, ihm in einem beschränkteren Räume als unter dem freien Himmel entgegenzutreten.

Endlich erfuhr sie beim Besuch eines Krankenzimmers, wohin der ehrwürdige Herr Dimmesdale berufen worden war, um ein Gebet zu verrichten, daß er am Tage vorher zu dem Missionar Eliot gegangen sei, um ihm unter seinen indianischen Bekehrten einen Besuch zu machen. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde er zu einer gewissen Stunde des morgenden Nachmittags zurückkehren. Esther nahm daher den folgenden Tag beizeiten Perlchen, die notwendigerweise die Gefährtin aller Ausgänge ihrer Mutter war, wie unbequem auch ihre Gegenwart sein mochte, bei der Hand und brach auf.

Der Weg war, nachdem die beiden Wanderinnen von der Halbinsel auf das Festland gekommen waren, nicht mehr als ein Fußpfad. Er zog sich in den geheimnisvollen Urwald, der ihn so eng einschloß und zu beiden Seiten so schwarz und dicht dastand und nur so unvollkommene Ausblicke auf den Himmel erlaubte, daß er für Esthers Geist kein unrichtiges Bild der moralischen Wildnis abgab, in welcher sie so lange umhergeirrt war; der Tag war rauh und düster. Am Himmel hing eine graue Wolkendecke, die jedoch leise vom Winde bewegt wurde, so daß man von Zeit zu Zeit einen flackernden Sonnenstrahl einsam auf dem Pfade sehen konnte. Diese flüchtige Heiterkeit befand sich stets am fernsten Ende einer langen Durchsicht im Walde. Das scherzende Sonnenlicht nur zaghaft scherzend unter der herrschenden Gedankenschwere des Tages und der Szene – entfernte sich, sobald sie ihm nahe kamen, und hinterließ die Stellen, wo es getanzt hatte, um so trüber, als sie gehofft hatten, diese heiter erleuchtet zu finden.

»Mutter«, sagte Perle, »der Sonnenschein hat dich nicht lieb, er läuft davon und versteckt sich, weil er sich vor etwas auf deiner Brust fürchtet. Sieh nur, da spielt er eine große Strecke entfernt. Bleib du hier stehen und laß mich ihm nachlaufen und ihn fangen. Ich bin ein Kind, er wird nicht vor mir fliehen, denn ich trage noch nichts auf meiner Brust.«

»Und wirst es hoffentlich auch nie, mein Kind«, sagte Esther.

»Und warum nicht, Mutter?« fragte Perle, indem sie gerade im Beginn ihres Laufes stehenblieb; »wird er nicht von selbst kommen, wenn ich ein erwachsenes Frauenzimmer bin?«

»Lauf, Kind«, antwortete die Mutter, »und fange den Sonnenstrahl, er wird bald verschwunden sein.«

Perle lief davon und fing, wie Esther lächelnd merkte, wirklich den Sonnenschein und stand lachend und durch seinen Glanz erhellt und von der Munterkeit, welche die schnelle Bewegung erregt hatte, schimmernd mitten darin. Das Licht verweilte auf dem einsamen Kinde, als freue es sich eines solchen Spielkameraden, bis seine Mutter fast nahe genug gekommen war, um ebenfalls in den Zauberkreis zu treten.

»Jetzt wird er gehen!« sagte Perle kopfschüttelnd.

»Sieh«, antwortete Esther lächelnd, »jetzt kann ich meine Hand ausstrecken und etwas davon erfassen.«

Als sie es versuchte, verschwand der Sonnenschein, oder, nach dem strahlenden Ausdrucke zu urteilen, welcher auf Perlens Zügen tanzte, hätte ihre Mutter glauben können, das Kind habe ihn eingesogen und würde ihn wieder mit einem Schimmer auf ihrem Pfade von sich geben, wenn sie in einen düsteren Schatten gelangten. Keine andere Eigenschaft flößte ihr so sehr das Gefühl einer neuen und ursprünglichen Kraft in Perlens Natur ein, wie diese sie nie verlassende Lebhaftigkeit. Sie besaß nicht die Krankheit des Trübsinns, welche fast alle Kinder unserer Zeit mit den Skrofeln von den Leiden ihrer Vorfahren geerbt haben. Vielleicht war dies ebenfalls eine Krankheit und nur der Widerschein der wilden Energie, mit welcher Esther vor Perlens Geburt gegen ihren Schmerz angekämpft hatte. Sicher war es ein zweideutiger Zauber, der dem Charakter des Kindes einen harten, metallischen Glanz gab. Es mangelte ihm, was manchen Menschen lebenslänglich mangelt, ein Schmerz, der es tief berührte und menschlich und des Mitgefühls fähig machte. Die kleine Perle hatte aber noch Zeit genug vor sich.

»Komm, mein Kind«, sagte Esther und schaute von der Stelle, wo Perle im Sonnenschein stehengeblieben war, um sich. »Wir wollen uns ein wenig im Walde niedersetzen und ausruhen.«

»Ich bin nicht müde, Mutter«, antwortete das kleine Mädchen, »aber du kannst dich niedersetzen, wenn du mir unterdessen eine Geschichte erzählen willst.«

»Eine Geschichte, Kind!« sagte Esther. »Wovon?«

»Oh, eine Geschichte von dem schwarzen Manne«, antwortete Perle, indem sie das Gewand ihrer Mutter erfaßte und halb ernst, halb neckisch in ihr Gesicht aufblickte. »Wie er in diesem Walde spukt und ein Buch trägt – ein dickes, schweres Buch mit eisernen Haspen, und wie dieser häßliche schwarze Mann jedem, der ihm hier unter den Bäumen begegnet, sein Buch und eine eiserne Feder anbietet, und der Mensch seinen Namen mit seinem eigenen Blute einschreiben soll. Und dann setzt er ihm sein Zeichen auf die Brust! Bist du je dem schwarzen Mann begegnet, Mutter?«

»Und wer hat dir diese Geschichte erzählt, Perle?« fragte ihre Mutter, die darin einen gewöhnlichen Aberglauben ihrer Zeit erkannte.

»Es war die alte Frau am Kaminwinkel in dem Hause, wo du vergangene Nacht wachtest«, sagte das Kind. »Sie dachte aber, daß ich schliefe, als sie davon sprach. Sie sagte, daß tausend und aber tausend Menschen ihn hier getroffen und in sein Buch geschrieben und sein Zeichen an sich hätten. Und die widrige Dame, die alte Hibbins, sei eine davon. Und Mutter, die alte Frau sagte, daß dieser Scharlachbuchstabe das Zeichen sei, welches der schwarze Mann auf dich gesetzt hätte, und daß es wie eine rote Flamme glühe, wenn du um Mitternacht hier im finstern Walde mit ihm zusammenkämst. Ist das wahr, Mutter? Und gehst du ihm des Nachts entgegen?«

»Hast du je beim Erwachen deine Mutter nicht gefunden?« fragte Esther.

»Nein, nein«, sagte das Kind. »Wenn du mich in unserm Häuschen allein zu lassen fürchtetest, so könntest du mich mitnehmen. Ich würde recht gern gehen! Aber Mutter, sag, ob es einen solchen schwarzen Mann gibt, und ob du ihm je begegnet? Ist dies sein Zeichen?«

»Wirst du mich in Frieden lassen, wenn ich es dir einmal sage?« fragte ihre Mutter.

»Ja, wenn du mir alles sagst«, antwortete Perle.

»Ich habe einmal in meinem Leben den schwarzen Mann getroffen«, sagte ihre Mutter; »dieser Scharlachbuchstabe ist sein Zeichen.«

Sie waren tief genug in den Wald gelangt, um vor der Beobachtung der etwa Vorübergehenden auf dem Fußpfade sicher zu sein. Hier setzten sie sich auf eine Moosbank, die im vergangenen Jahrhundert einmal eine riesige Fichte mit ihren Wurzeln und ihrem Stamme in den düstern Schatten und ihrem Wipfel hoch oben in der freien Luft gewesen war. Es war eine kleine Vertiefung, in der sie sich niedergesetzt hatten, durch deren Mitte ein Bach über ein Bett von gefallenen Blättern floß, während sich zu beiden Seiten sanfte, laubbedeckte Abhänge hoben. Die darüberhängenden Bäume hatten von Zeit zu Zeit große Äste fallen lassen, welche die Strömung hemmten und sie zwangen, an einigen Punkten Wirbel und schwarze Löcher zu bilden, während an den schnelleren muntereren Stellen ein Grund von Kieseln und braunem, glitzerndem Sand zu sehen war. Wenn sie mit den Augen dem Laufe des Baches folgten, konnten sie das von seinem Wasser zurückgeworfene Licht noch eine kleine Strecke weit im Walde sehen, verloren aber bald dessen Spuren in der Wildnis von Baumstämmen und Gebüsch und hier und da einem mächtigen, mit grauen Flechten bedeckten Felsen. All diese hohen Bäume und Blöcke von Granit schienen verschworen, aus dem Lauf des kleinen Baches ein Geheimnis zu machen, vielleicht weil sie fürchteten, er möchte mit seiner ununterbrochenen Geschwätzigkeit Geschichten erzählen mitten aus dem Herzen des alten Waldes, aus dem er strömte, oder dessen Offenbarungen auf der blanken Oberfläche eines Tümpels spiegeln. Das Bächlein unterhielt während seines Vorwärtsgleitens beständig ein freundliches, ruhiges beschwichtigendes Geplauder, das aber wehmütig war wie die Stimme eines kleinen Kindes, das seine Kindheit ohne Gespielen verlebt und nicht weiß, wie sie unter trübseligen Bekannten und Ereignissen von düsterer Färbung munter sein soll.

»Du törichter und langweiliger kleiner Bach«, rief Perle, nachdem sie eine Zeitlang gehorcht hatte. »Warum bist du so betrübt? Fasse Mut und seufze und murmele nicht die ganze Zeit über.«

Der Bach hatte aber im Verlauf seines kurzen Lebens unter den Waldbäumen so ernste Erfahrungen gemacht, daß er sich nicht enthalten konnte, davon zu sprechen und nichts anderes sagen zu wollen schien. Perle glich dem Bache, insofern der Strom ihres Lebens aus ebenso dunkler Quelle durch eine ebenso düster beschattete Umgebung geflossen war. Aber dem Bächlein unähnlich tanzte und glitzerte und plauderte sie munter in ihrem Laufe.

»Was sagt der traurige kleine Bach, Mutter?« fragte Perle.

»Wenn du selbst einen Kummer hättest, so könnte dir der Bach davon erzählen«, sagte ihre Mutter; »gerade wie er mir von dem meinen erzählt. Jetzt aber, Perle, hör ich einen Schritt auf dem Pfad und das Geräusch, welches ein Mensch macht, der die Äste beiseite biegt. Geh und spiele, und laß mich mit dem, der dort kommt, sprechen.«

»Ist es der schwarze Mann?« fragte sie.

»Willst du wohl gehen und spielen, Kind?« wiederholte ihre Mutter; »lauf aber nicht tief in den Wald und hab acht, auf meinen ersten Ruf zu kommen.«

»Ja, Mutter!« antwortete Perle. »Willst du mich aber nicht einen Augenblick verweilen und ihn mit seinem dicken Buche unter dem Arme anblicken lassen, wenn es der schwarze Mann ist?«

»Geh, törichtes Kind«, sagte die Mutter, »es ist kein schwarzer Mann. Du kannst ihn jetzt durch die Bäume sehen. Es ist der Prediger.«

»Ja, er ist es wirklich!« rief das Kind. »Und Mutter, er hat seine Hand auf dem Herzen. Ist es, weil der schwarze Mann sein Zeichen auf die Stelle gesetzt hat, als der Prediger seinen Namen in das Buch schrieb? Warum trägt er es aber nicht außen auf seiner Brust, wie du, Mutter?«

»Geh jetzt, Kind, ein andermal sollst du mich plagen wie du willst!« rief Esther Prynne. »Aber geh nicht weit weg. Bleib, wo du das Plaudern des Baches hören kannst.«

Das Kind entfernte sich singend, folgte dem Laufe des Baches und versuchte, mit dessen wehmütiger Stimme heitere Töne zu vermischen, aber der kleine Bach ließ sich nicht trösten und fuhr fort, sein unverständliches Geheimnis von einem höchst traurigen Ereignis, welches sich im Bezirk des dunklen Waldes zugetragen hatte, zu erzählen oder erhob eine prophetische Wehklage über etwas, was noch darin geschehen sollte. Perle, die in ihrem eignen kleinen Leben Schatten genug hatte, brach also alle Bekanntschaft mit diesem klagenden Bache ab und begann, Veilchen und Anemonen und einige scharlachrote Mohnblumen zu pflücken, die sie in den Spalten eines hohen Felsens fand.

Sobald sich ihr Elfenkind entfernt hatte, tat Esther ein paar Schritte nach dem durch den Wald führenden Pfade hin, ohne jedoch aus dem tiefen Schatten der Bäume hervorzutreten. Sie sah den Geistlichen völlig allein, auf einen Stab gestützt, den er sich am Wege geschnitten hatte, herankommen. Er sah verstört und schwach aus und verriet in seiner Miene eine abgespannte Mutlosigkeit, die auf seinen Spaziergängen in der Ansiedlung und in jeder Situation, in der er sich der Beobachtung ausgesetzt sah, nie so auffallend gewesen war. Hier zeigte sie sich schmerzlich in der tiefen Abgeschiedenheit des Waldes, welche an sich schon eine schwere Prüfung für die Heiterkeit gewesen wäre. Sein Gang zeigte eine Mattigkeit, als ob er keinen Grund sähe, noch einen weiteren Schritt zu tun und auch keinen Wunsch dazu fühlte, sondern froh gewesen wäre, wenn er über irgend etwas hätte froh sein können, sich am Fuße des nächsten Baumes niederzuwerfen und dort ewig ohne Bewegung liegen zu bleiben. Das Laub mochte dann auf ihn herabfallen und die Erde sich allmählich zusammenhäufen und einen kleinen Hügel über seinem Körper bilden, gleichviel, ob noch Leben darin war oder nicht. Der Tod war ein zu bestimmter Gegenstand, als daß er ihn hätte wünschen oder vermeiden mögen.

Für Esthers Augen jedoch ließ der ehrwürdige Herr Dimmesdale kein Symptom eines bestimmten und heftigen Leidens erblicken, außer daß er, wie Perlchen bemerkt hatte, die Hand auf sein Herz hielt.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.