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Der Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil

James Fenimore Cooper: Der Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil
publisherVerlag von Joh. David Sauerländer
printrunZweite Auflage
year1841
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20181217
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Viertes Kapitel.

Das weinend Blut im Frauenherzen
War nimmer dir bekannt,
Noch träuft' auf deine Wunden Balsam
Von güt'ger Frauenhand.

Burns.

Ein großer Theil der Neugierigen folgte den verlegenen Vermummten, als sie den Platz verließen, während andere die Speisetische an den verschiedenen zu diesem wichtigen Geschäfte des Tages gewählten Plätzen aufsuchten. Die meisten derer, welche die Estrade inne gehabt hatten, verließen dieselbe nun, und nach wenigen Minuten war die lebende Tapete von Köpfen um die kleine Arena vor dem Landvogt zu einigen Hunderten herabgeschmolzen, deren besseres Gefühl stärker war, als ihre Eigenliebe. Vielleicht ist diese Vertheilung der Menge ungefähr in demselben Verhältnisse, das man in solchen Fällen, in welcher die Selbstsucht nach der einen, das Gefühl oder die Theilnahme mit dem Gekränkten aber nach der andern Richtung zieht, gewöhnlich bei allen Menschenmassen findet, welche sich als Zuschauer bei einer allgemeinen Darlegung von Interessen einfinden, bei welchen sie nicht persönlich betheiligt sind.

Der Landvogt nebst seinen ihn zunächst umgebenden Freunden, die Gefangenen, die Familie des Scharfrichters und eine hinreichende Anzahl von Wächtern waren unter den Zurückbleibenden. Die Schwierigkeiten, welche sich im Gefolge der aufgeworfenen Frage zeigten, und die Gewißheit, daß in Betreff der Gastronomie vor seinem Erscheinen nichts Wesentliches vorgenommen werden könne, hatten des geschäftigen Peterchens Eifer, zum Tische zu kommen, etwas gemäßigt. Wir würden seinem Herzen unrecht thun, wenn wir nicht auch hinzusetzten, daß er beunruhigende Gewissensscrupel hatte, welche ihm sagten, die Welt sei mit der Familie Balthasar's hart umgegangen. Auch über die Gesellschaft des Maso war noch zu entscheiden, und er mußte seinen Ruf als ein grader so wie als ein fester Richter behaupten. Als die Menge sich verlaufen hatte, kam er mit seinen Freunden von der Estrade herab und mischte sich unter die wenigen, welche den noch bewachten Raum vor der Bühne einnahmen.

Balthasar hatte seinen Platz an dem Tische des Notars nicht verlassen, denn er bangte, in Gesellschaft seiner Frau und Tochter den Beleidigungen entgegen zu treten, denen er sich nun, da man ihn kannte, ausgesetzt glaubte, wenn er sich unter die Menge mischte, und er wartete einen günstigen Augenblick ab, um sich unbeachtet zu entfernen. Margarethe hielt Christinen noch fest umschlungen, als fürchte sie eine fernere Kränkung ihrer theuern Tochter. Der treulose Bräutigam hatte die erste Gelegenheit wahrgenommen, sich zu entfernen, und wurde während der übrigen Festestage nicht mehr zu Vevay gesehen.

Peterchen warf einen flüchtigen Blick auf diese Gruppe, als er die Estrade verließ, wandte sich dann zu den Diebsfängern und gab ihnen ein Zeichen mit ihren Gefangenen vorzutreten.

»Deine böse Zunge hat eine der anziehendsten Scenen des heutigen Festes gestört, Schurke,« bemerkte der Landvogt, Pippo mit einem gewissen richterlichen Tadel in seiner Stimme anredend. »Ich werde wohl thun, dich nach Bern zu schicken, und zur Strafe für dein Rabengekrächze einen Monat denen zuzugesellen, welche die Straßen der Stadt kehren. Was hast du, um aller deiner römischen Heiligen und Götzen willen, gegen das Glück dieser ehrlichen Leute, daß du auf diese unziemliche Weise kommen und es vernichten mußt?«

»Nichts, Eccellenza, als die Liebe zur Wahrheit und ein gerechter Schauder vor dem Blutmann veranlaßte meine Mittheilung!«

»Daß du und alle, die dir gleichen, einen Schauder vor den Dienern des Gesetzes haben, kann ich begreifen; und es ist mehr als wahrscheinlich, daß dein Mißfallen sich auch auf mich ausdehnt, denn ich bin im Begriffe, ein gerechtes Urtheil über dich und deine Genossen auszusprechen, weil ihr den Frieden dieses Tages gestört und vornämlich des großen Verbrechens einer Gewaltthätigkeit gegen unsere Diener euch schuldig gemacht habt.«

»Wollt Ihr mir einen Augenblick Gehör geben?« fragte der Genueser leise.

»Eine Stunde, edler Gaetano, wenn Ihr wollt.«

Die Beiden unterhielten sich nun einige Minuten bei Seite. Während des kurzen Gesprächs blickte Signor Grimaldi einige Mal auf den ruhigen und offenbar reuvollen Maso und deutete auf den Leman, so daß die Beobachter ahnen konnten, wovon es sich handle. Das Gesicht des Herrn Hofmeisters verlor seine richterliche Strenge und nahm, während er lauschte, den Ausdruck mäßiger Theilnahme an und bald folgte eine entschieden verzeihende Muskelerschlaffung. Als der Genueser schwieg, gab dieser seine willige Zustimmung zu dem Gehörten durch eine Verbeugung zu erkennen und kehrte zu den Gefangenen zurück.

»Wie ich eben gesagt habe,« begann er wieder – »es ist jetzt meine Pflicht, über diese Männer und ihr Benehmen ein Endurtheil zu fällen. Erstlich sind sie Fremde, und als solche nicht nur mit unsern Gesetzen unbekannt, sondern haben auch ein Recht auf unsere Gastfreundschaft; sodann sind sie für ihr eigentliches Vergehen hinreichend gestraft worden, indem sie von den Freuden des Tages ausgeschlossen wurden; und was das Verbrechen betrifft, das sie gegen uns, in der Person unserer Diener, begangen haben, so ist dasselbe willig vergeben, denn Vergebung ist eine edle Eigenschaft und der väterlichen Form unserer Regierung angemessen. Geht daher in Gottes Namen, alle, so viel eurer sind, und vergeßt hinfort nicht, besonnener zu sein. Signore, und von Willading – wollen wir uns zum Mahle begeben?«

Die beiden alten Freunde waren, in geheimem und ernstem Gespräche begriffen, schon vorangegangen und der Landvogt mußte sich einen andern Begleiter suchen. Er sah in diesem Augenblicke Niemanden als Sigismund, welcher, seit er die Bühne verlassen hatte, seiner großen physischen Energie und seiner gewöhnlichen moralischen Thatkraft ungeachtet, in einer Stellung vollkommener Unentschiedenheit und Hülflosigkeit dastand. Mit der Nichtachtung der Förmlichkeit, welche ein Gefühl der Herablassung andeutet, nahm der Landvogt den Arm des jungen Kriegers und zog ihn von der Stelle weg, das Wiederstreben des andern nicht beachtend, und es übersehend, daß zu Folge des allgemeinen Aufbruchs, denn wenige wollten ihre Theilnahme anders als in Gesellschaft der Vornehmen und Adeligen an den Tag legen – Adelheid allein mit der Familie Balthasar's zurückblieb.

»Das Amt eines Scharfrichters, Herr Sigismund,« begann der achtlose Landvogt, zu voll von seinen Gedanken, und sein Recht, dieselben in Gegenwart dieses Jüngeren und Untergeordneteren auszusprechen, viel zu sehr fühlend, als daß er die Verwirrung des jungen Mannes beachtet hätte – »ist im besten Falle nur eine widrige Sache; obgleich wir Leute von Rang und Ansehen klug und in unserm eigenen Interesse den Schein vor dem Volke annehmen müssen, als betrachteten wir es anders. Du hast bei der Zucht deiner Soldaten oft Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß den Dingen eine falsche Färbung gegeben werden muß, damit die, welche für den Staat sehr nothwendig sind, nicht glauben, der Staat sei eben so nothwendig für sie. Was denkst du, Hauptmann Sigismund, als ein Mann, der noch seine Hoffnungen und Aussichten in Betreff des sanfteren Geschlechtes hat, von diesem Benehmen des Jacques Colis? – Ist es zu billigen oder muß es verdammt werden?«

»Ich halte ihn für einen herzlosen, feilen Bösewicht.«

Die unterdrückte Kraft, mit welcher diese unerwarteten Worte ausgestoßen wurden, machte, daß der Landvogt still stand und in seines Gefährten Antlitz aufblickte, als wollte er um den Grund derselben fragen. Hier war aber alles schon wieder ruhig, denn der junge Mann war zu lange daran gewöhnt, sich zu beherrschen, wenn die wunde Stelle seiner Herkunft berührt wurde, wie so häufig geschah, um eine augenblickliche Schwäche lange vorwalten zu lassen.

»Nun, dies ist die Ansicht deiner Jahre,« hob Peterchen wieder an. »Du bist in einem Alter, wo man ein hübsches Gesicht und ein sanftes Auge höher anschlägt als selbst Gold. Allein nach dem dreißigsten Jahre setzen wir unsere interessirten Brillen auf und sehen keinen Gegenstand für sehr bewundernswürdig an, wenn er nicht zugleich sehr ergiebig ist. Da haben wir Melchior von Willadings Tochter, ein Weib, die eine Stadt in Brand stecken kann, denn sie hat Verstand, Ländereien, Schönheit, und dabei ist sie von gutem Geblüt; – was dünkt dir zum Beispiel von ihrem Werthe?«

»Sie verdient all das Glück, das jegliche menschliche Vortrefflichkeit verleihen müßte!«

»Hm – du bist den dreißigen näher, als ich geglaubt hätte, Herr Sigismund! Aber diesen Balthasar betreffend, so darfst du nicht aus einigen Gnadenworten, die ich fallen ließ, sofort schließen, daß mein Widerwillen gegen den Wicht geringer sei, als der deinige oder jedes andern ehrlichen Mannes; allein es würde für einen Landvogt unziemlich und unklug sein, den letzten Diener der Beschlüsse des Gesetzes vor den Augen des Volkes zu verlassen. Es gibt Regungen und Gefühle, welche uns allen angeboren sind, und zu diesen müssen Hochachtung und Verehrung gegen den Mann von guter und edler Geburt, und Haß und Verachtung gegen den, der von den Menschen verdammt ist, gerechnet werden. Dies sind Gefühle, welche der menschlichen Natur selbst angehören, und Gott verhüte, daß ich, ein Mann, der bereits über die poetischen Jahre hinaus ist, wirklich eine Empfindung hegen sollte, welche nicht streng menschlich wäre.«

»Gehören sie nicht vielmehr Mißbräuchen – unsern Vorurtheilen an?«

»Der Unterschied ist, in praktischer Hinsicht, nicht wesentlich, junger Mann. Was durch Zucht und Gewohnheit dem Gemüthe gehörig eingeprägt ist, wird stärker als der Instinct oder selbst einer der Sinne. Wenn sich dir etwas Häßliches oder Uebelriechendes nähert, so darfst du nur deine Augen wegwenden, oder deine Nase zuhalten, und du bist der Unannehmlichkeit los; aber ich habe nie ein Mittel entdeckt, ein Vorurtheil zu schwächen das einmal in dem Geiste feste Wurzel geschlagen hatte. Du kannst hinsehen, wohin du willst, und die widrigen Düfte der Einbildungskraft durch alle nur möglichen Mittel ausschließen; aber wenn ein Mensch wirklich von der öffentlichen Meinung verdammt ist, kann er eben so gut die Gerechtigkeit vom Himmel herabrufen, als er Hoffnung hat, bei den Menschen Erbarmen zu finden. Das hat mich meine Erfahrung als öffentlicher Beamte gelehrt.«

»Ich darf hoffen, daß dies nicht die gesetzlichen Lehren unsers alten Cantons sind,« erwiederte der Jüngling, sein Gefühl besiegend, obgleich es ihn eine mächtige Anstrengung kostete.

»Davon sind wir so fern, wie Basel von Cairo. Wir kennen so schimpfliche Lehren nicht. Ich fordere die Welt auf, einen Staat anzugeben, in welchem eine schönere Gattung Grundsätze gelten, als die unsrigen, und wir sind auch bemüht, unser Thun mit unsern Ansichten, so oft dies mit Sicherheit geschehen kann, in Uebereinstimmung zu bringen. Nein, in dieser Hinsicht ist Bern ein Muster von einem Staat, und sagt eben so selten das Eine und thut das Andere, als irgend eine Regierung in der Welt. Was ich dir hier sage, junger Mann, sage ich dir in der Vertraulichkeit eines Festes, in welchem einige Possen vorgekommen sind, um das Vertrauen zu erschließen und die Zunge zu lösen. Wir lehren laut und offen die größte Wahrhaftigkeit und Gleichheit vor dem Gesetze, die Rechte der Bürgerschaft ausgenommen, und nehmen die heilige, himmlische, unumwundene Gerechtigkeit zu unserer Führerin in allem, wo es sich von Theorie handelt. Himmel! Wenn du etwas nach Grundsätzen behandelt sehen willst, so komm vor den Rath oder das Gericht des Cantons, und du wirst eine Weisheit hören und einen Scharfblick in der Rechtsverdreherei gewahren, welche selbst Salomon geehrt haben würden.«

»Und dessen ungeachtet ist das Vorurtheil ein allgemeiner Gebieter.«

»Wie soll das anders sein? Ist ein Mensch nicht ein Mensch? Wird er sich nicht auf etwas stützen, wie etwas auf ihn drückte? Wächst der Baum nicht, wie die Zweige gebogen werden? Nein, während ich die Gerechtigkeit anbete, Herr Sigismund, wie es einem Landvogt ziemt, gestehe ich, geistig betrachtet, Vorurtheil und Partheilichkeit zu. Jenes Mädchen, die hübsche Christine, hat etwas von ihrer Huld in meinen Augen, wie gewiß auch in den deinigen verloren, als es bekannt wurde, daß sie Balthasar's Kind sei. Das Mädchen ist hübsch, bescheiden und einnehmend in ihrer Art; aber es ist – ich kann dir nicht sagen was – aber es ist ein gewisses widriges Etwas – ein Fleck – ein Anflug – eine Farbe – ein – ein – ein – das ihre Herkunft den Augenblick zeigte, als ich hörte, wer ihr Vater sei – war es nicht so bei dir?«

»Als ihre Herkunft dargethan war, aber nicht vorher.«

»Ei, freilich, ich meine es nicht anders. Aber man sieht einen Gegenstand darum nicht schlechter, weil man ihn vollständig sieht, obgleich man ihn falsch sehen kann, wenn eine falsche Hülle seine Häßlichkeit verbirgt. Umständliche Erörterung ist der Philosophie unentbehrlich. Die Unwissenheit ist eine Maske, welche die kleinen Einzelnheiten verhüllt, die zur Erkenntniß nothwendig sind. Ein Mohr kann in einer Maske für einen Christen gelten, aber streift ihm die Hülle ab, so sieht man die wahre Farbe der Haut. Hast du zum Beispiel nicht in allem, was sich auf weibliche Anmuth und Vollkommenheit bezieht, den offenbaren Unterschied zwischen der Tochter Melchior von Willading's und der Tochter dieses Balthasar's bemerkt?«

»Ich sah die Verschiedenheit zwischen einem Mädchen von höchst edler und glücklicher Abstammung und einem höchst jammervoll geächteten Mädchen!«

»Nein, das Fräulein von Willading ist schöner.«

»Die Natur war gewiß sehr gütig gegen die Erbin von Willading, Herr Landvogt, die kaum um ihrer weiblichen Anmuth und Herzensgüte willen minder anziehend, als sie in den Zufälligkeiten der Geburt und des Standes glücklich ist.«

»Ich wußte, daß du im Geheimen die Meinung der übrigen Welt theilest!« rief Peterchen triumphirend, denn er glaubte, die Wärme seines Begleiters sei eine sich sträubende, halb verhehlte Beistimmung zu seinen Gedanken. Hier endigte das Gespräch, denn da die ernste Unterhaltung zwischen Melchior und dem Signor Grimaldi geschlossen war, eilte der Landvogt, seine wichtigeren Gäste einzuholen, und Sigismund ward von einer Erörterung erlöst, welche jedes Gefühl seines Herzens empörte, während er sogar die ekle Erscheinung des Mannes haßte, der das Werkzeug seiner Qual war.

Die Trennung des Fräuleins von Willading von ihrem Vater war vorhergesehen und daher vorläufig das Nöthige angeordnet worden, da man wußte, daß die Männer zu dieser Stunde dem Festmahle beiwohnen würden. Sie war daher bei Christine und deren Mutter geblieben, ohne eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit selbst derer auf ihr Thun zu ziehen, welche Gegenstände ihrer Theilnahme waren, eines Gefühls, das bei ihren Jahren und ihrem Geschlechte so natürlich war. Ein Diener, in der Livree ihres Vaters, blieb in ihrer Nähe, ein Beschützer, der in den überfüllten Straßen der Stadt nicht nur für ihre Sicherheit sorgen, sondern auch die, deren Besinnungskraft den Ausschweifungen, welche diese Gelegenheit veranlaßte, zu weichen anfing, zu der Achtung zwingen konnte, welche ihrem Stande gebührte. Unter diesen Umständen nahte das Geehrtere und, in den Augen der Ununterrichteten, Glücklichere dieser Mädchen dem Andern, als die Neugier so weit befriedigt war, daß Balthasar's Familie fast allein in dem Mittelpunkte des Platzes blieb.

»Findet sich hier kein freundliches Dach, das dich aufnimmt?« fragte die Erbin von Willading die Mutter der blassen und kaum ihrer selbst bewußten Christine: »du würdest besser thun, für dein harmloses und tief gekränktes Kind irgend ein Obdach zu suchen. Wenn einer der mir Angehörigen dir zu Diensten sein kann, so bitte ich dich, so frei zu schalten, als wären sie deine eigenen Diener.«

Margarethe hatte nie vorher mit einem weiblichen Wesen höhern Ranges gesprochen. Die Wohlhabenheit der Familie ihres Vaters sowohl als ihres Mannes, hatten Alles geboten, was zur Ausbildung, wie ihr Stand sie forderte, nöthig war, und vielleicht war es, in Hinsicht der äußerlichen Bildung, für sie von Gewinn gewesen, daß sie von dem Umgang mit Frauen ihres Standes, wegen der Vorurtheile derselben größtentheils ausgeschlossen war. Wie man oft bei denen findet, welche die Gesinnung einer bessern Menschenklasse haben, ohne die herkömmlichen Formen derselben zu kennen, hatte ihr Aeußeres etwas Uebertriebenes, wie wir es nennen möchten, während es zu gleicher Zeit von Gemeinheit und Rohheit vollkommen frei war. Adelheid's freundliche Worte wirkten sänftigend auf ihr Herz, und sie blickte lange und ernst, ohne zu antworten, auf die schöne Sprecherin.

»Wer und was bist du, die glauben kann, eines Scharfrichters Tochter könne eine Beleidigung angethan werden, die unverdient ist, und die Dienste deiner Leute anbietest, als ob selbst die Knechte es nicht verweigerten, ihres Herrn Geheiß zu erfüllen, wenn es sich von einer Wohlthat gegen uns handelt?«

»Ich bin Adelheid von Willading, die Tochter des Freiherrn dieses Namens, und mein Herz gebietet mir, den grausamen Streich, welcher das Gefühl der armen Christine getroffen hat, nach Kräften zu lindern. Laß meine Leute Mittel suchen, dein Kind an irgend einen andern Ort zu bringen.«

Margarethe schloß ihre Tochter noch fester an ihr Herz, während sie mit der einen Hand über ihre Stirne fuhr, als wollte sie einen halb schlummernden Gedanken aufwecken.

»Ich habe von dir gehört, Fräulein! – Man sagt, du seist gütig gegen die Bedrückten und freundlich gegen die Unglücklichen – deines Vaters Schloß sei eine geehrte und gastfreie Wohnung, welche die selten gerne verlassen, die sie betreten. Aber hast du die Folgen deiner Großmuth gegen ein Geschlecht wohl erwogen, das von den Menschen geächtet ist und geächtet war, von Geschlecht zu Geschlecht – von dem an, der sich zuerst mit grausamem Herzen und gierigem Golddurst zu dem blutigen Amte hergab, bis zu dem, dessen Muth der widrigen Pflicht kaum gewachsen ist? Hast du dies bedacht, oder hast du dich unvorsichtig einer raschen, jugendlichen Aufwallung überlassen?«

»Ich habe das Alles bedacht,« sagte Adelheid eifrig, – »wie groß auch die Ungerechtigkeit Anderer sein mag, von mir hast du keine zu fürchten.«

Margarethe überließ die regungslose Gestalt ihrer Tochter der Stütze des Vaters und näherte sich mit einem Blicke ernster und zufriedener Theilnahme der erröthenden aber noch gefaßten Adelheid. Sie nahm die Hand der letzteren und sagte mit einem forschenden und prüfenden Blicke langsam, als berathe sie eher mit sich, als daß sie mit Jemand spräche:

»Das fängt an begreiflich zu werden!« murmelte sie: »es ist noch Dankbarkeit und achtbares Gefühl in der Welt. Ich kann begreifen, warum wir diesem schönen Wesen nicht zuwider sind; sie hat einen Sinn für Gerechtigkeit, der stärker ist als ihre Vorurtheile. Wir haben ihr Dienste erwiesen, und sie schämt sich der Quelle nicht, aus welcher sie kamen!«

Adelheid's Herz schlug rasch und stürmisch; und einen Augenblick glaubte sie ihren Gefühlen nicht mehr gebieten zu können. Aber die wohlthuende Ueberzeugung, daß Sigismund selbst in seinen geheiligtesten und vertrautesten Mittheilungen gegen seine Mutter der Ehre und des Zartgefühls nicht vergessen habe, kam ihr zu Hülfe und machte sie einen Augenblick glücklich; denn nichts ist dem reinen Gemüthe so schmerzlich, als von denen, die man liebt, glauben zu müssen, sie hätten unwürdig gehandelt; und nichts so angenehm, als die Gewißheit, daß sie die Achtung verdienen, welche wir uns veranlaßt sahen, ihnen edel und vertrauensvoll zu schenken.

»Du läßt mir nur Gerechtigkeit widerfahren,« erwiederte Adelheid, welche diese schmeichelhafte und, wie es schien, unwillkührliche Aeußerung mit Freuden hörte. »Wir sind gewiß – gewiß, wir sind wahrhaft dankbar; aber hätten wir auch keinen Grund zu den geheiligten Verpflichtungen der Dankbarkeit, so würden wir, glaube ich, doch gerecht sein. Willst du mir jetzt nicht erlauben, daß meine Leute euch Hülfe leisten?«

»Es ist nicht nothwendig, Fräulein. Sende deine Diener hinweg, denn ihre Gegenwart wird nur unerfreuliche Beachtung unserer Schritte veranlassen. Die Stadt ist jetzt mit dem Festmahle beschäftigt, und da wir die Nothwendigkeit einer Zuflucht für die Verfolgten und Verstoßenen nicht blind übersehen haben, wollen wir die Gelegenheit wahrnehmen, uns unbemerkt zu entfernen. Was dich angeht –«

»Ich möchte in einem so ernsten Augenblicke dieser Unschuldigen nahe sein,« fügte Adelheid würdevoll und mit jener sichtbaren Theilnahme, welche fast immer einen Wiederhall findet, hinzu.

»Der Himmel segne dich – der Himmel segne dich, liebliches Mädchen! Und der Himmel wird dich segnen, denn selten bleibt in diesem Leben das Unrecht ungestraft und selten das Gute ohne seinen Lohn. Sende deine Diener weg, oder wenn du ihre Gegenwart für nöthig hältst, so laß sie unbemerkt in der Nähe, während du auf unsern Weg achtest; und wenn die Augen Aller auf ihre Vergnügungen gerichtet sind, magst du folgen. Der Himmel segne dich – ja, der Himmel wird es!«

Margarethe führte ihre Tochter jetzt in eine der am wenigsten besuchten Gassen. Balthasar begleitete sie schweigend und einer der Diener Adelheid's folgte ihren Schritten von Ferne. Als sie in dem Hause waren, kehrte der Diener zurück, um seiner Gebieterin, welche sich mit den hundert Kleinigkeiten zu beschäftigen schien, die erfunden waren, um die Menge zu ergötzen, die Wohnung zu zeigen. Als die Erbin von Willading ihre Leute, mit dem Befehle jedoch, bei der Hand zu sein, entlassen hatte, fand sie bald Mittel, in das kleine Haus zu treten, in welches die geächtete Familie sich geflüchtet hatte und wurde, da man sie erwartet hatte, sogleich in das Gemach geführt, in welchem Christine und ihre Mutter Schutz gefunden hatten.

Die Theilnahme der jungen und gefühlvollen Adelheid war für ein Mädchen von Christinens Charakter von hohem Werthe. – Sie weinten mit einander, denn die Schwäche ihres Geschlechtes trug den Sieg über den Stolz der erstern davon, als sie des Zwanges der Beobachtung der Welt sich überhoben sah, und sie ließ dem Strome des Gefühls, der trotz ihres Bestrebens, ihn zu bewältigen, seine Schranken durchbrach, freien Lauf. Margarethe war die einzige Zuschauerin dieser stummen aber verständlichen Mittheilung zwischen den zwei jungen und reinen Gemüthern, und sie war tief ergriffen von diesem unerwarteten Mitleiden einer so Geehrten und, wie man allgemein glaubte, so Glücklichen.

»Du fühlst, wie unrecht man uns thut,« sagte sie, als der erste Andrang der Gefühle sich ein wenig gelegt hatte. »Du kannst also glauben, das Kind eines Scharfrichters sei wie das Kind jedes Andern und dürfe nicht von den Menschen verfolgt werden, wie das Junge des Wolfes?«

»Mutter, sie ist die Tochter des Freiherrn von Willading,« sagte Christine; »würde sie hierher gekommen sein, wenn sie uns nicht bemitleidete?«

»Ja, sie kann Mitleid mit uns fühlen – und doch finde ich es hart, bemitleidet zu werden! Sigismund hat uns von ihrer Güte erzählt und sie mag wirklich Gefühl für das Unglück haben!«

Diese Anspielung auf ihren Sohn lockte eine flammende Röthe auf ihre Wangen, während eine Kälte, der des Todes gleichend, in ihrem Herzen war. Jene rief die rasche und unwiderstehliche Erregung des weiblichen Zartgefühles hervor; die letztere kam von der Erschütterung, welcher sie nicht entgehen konnte, als dieses lebendige, sprechende Bild von Sigismund's naher Verwandtschaft mit der Familie eines Scharfrichters sich ihr darstellte. Sie würde minder berührt worden sein, hätte Margarethe von ihrem Sohne weniger vertraulich oder mit einer größern Entfernung gesprochen, welche sie, ohne über deren Angemessenheit weiter nachzudenken, zwischen dem jungen Manne und seiner Familie angenommen hatte.

»Mutter!« rief Christine tadelnd und überrascht, als wäre eine große Unbescheidenheit gedankenlos begangen worden.

»Es thut nichts, Kind – es thut nichts. Ich las heute in Sigismund's funkelndem Auge, daß unser Geheimniß nicht mehr länger bewahrt werden wird. Der herrliche Junge muß mehr Kraft zeigen als seine Vorfahren; er muß für immer ein Land verlassen, in welchem er, schon ehe er geboren worden, verdammt war.«

»Ich will nicht in Abrede stellen, daß Eure Verbindung mit Monsieur Sigismund mir bekannt ist!« sagte Adelheid, alle ihre Entschlossenheit zusammennehmend, um ein Geständniß abzulegen, welches die Familie Balthasar's plötzlich zu ihrer Vertrauten machte. »Du bist mit der schweren Schuld der Dankbarkeit bekannt, welche wir deinem Sohne schulden, und es erklärt den Grund der Theilnahme, welche ich nun für Euer Unglück fühle.«

Margarethens scharfes Auge forschte in den purpurübergossenen Zügen Adelheid's eher besorgt, als triumphirend – ein Gefühl, welches das Mädchen am meisten fürchtete, und als sie ihren Blick weggewendet hatte, wurde Christinens Mutter nachdenkend und in sich vertieft. Dieser bedeutsame Verkehr erzeugte ein tiefes und unbehagliches Schweigen, welches jedes gern gebrochen hätte, wenn durch die Raschheit und Stärke ihrer Gedanken nicht Aller Zungen unwiderstehlich gebunden gewesen wären.

»Wir wissen, daß dir Sigismund nützlich gewesen ist,« bemerkte Margarethe, welche ihren edeln Gast stets eher mit jener Vertraulichkeit anredete, die ihrem Alter anstand, als mit der Achtung, welche Adelheid von denen zu genießen gewöhnt war, die von niedrigerem Range waren als sie. »Der brave Junge hat davon gesprochen, obgleich er bescheiden davon gesprochen hat.«

»Er hat jedes Recht, sich und seinen Mittheilungen gegen die Glieder seiner Familie Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ohne seine Hülfe wäre mein Vater kinderlos gewesen; und das Kind ohne seinen muthigen Beistand vaterlos. Zweimal stand er zwischen uns und dem Tode.«

»Ich habe davon gehört,« erwiederte Margarethe, ihr durchdringendes Auge wieder auf die vielsagenden Züge Adelheid's heftend, die immer glänzten und glühten, wenn des Muthes und der Selbstverläugnung dessen gedacht wurde, den sie heimlich liebte. »Was du von der Innigkeit unseres armen Sohnes zu den Seinigen sagst, so stehen traurige Verhältnisse zwischen uns und unsern Wünschen. Wenn Sigismund dir gesagt hat, von wem er abstammt, so hat er dir auch wahrscheinlich gesagt, wie er in der Welt für das, was er nicht ist, gilt.«

»Ich glaube, er hat mir nichts verhehlt, das er wußte und für geeignet hielt, mir mitzutheilen,« antwortete Adelheid, ihre Augen vor dem aufmerksamen, harrenden Blick Margarethens senkend. »Er hat offen gesprochen, und – –«

»Du wolltest sagen –«

»Ehrenvoll und wie es einem Krieger ziemt,« fuhr Adelheid fest fort.

»Er hat wohl gethan! dies nimmt mindestens Eine Last von meinem Herzen. Nein, Gott hat uns dieses Geschick auferlegt, und es würde mich geschmerzt haben, wenn es mein Sohn an Grundsätzen in einer Sache hätte mangeln lassen, in welcher sie, vor allen andern, nothwendig sind. Du blickst erstaunt, Fräulein?

Diese Gesinnungen in deiner Lage setzen mich eben so sehr in Erstaunen, als sie mich erfreuen. Wenn irgend etwas einige Nachlässigkeit in der Art, die gewöhnlichen Bande des Lebens zu betrachten, entschuldigen könnte, so wäre es gewiß der Umstand, sich ohne alles Verschulden als die Zielscheibe des Hasses und der Ungerechtigkeit hingestellt zu sehen, und doch treffe ich hier, wo man mit Grund einen Groll gegen das Schicksal erwarten konnte, Gesinnungen, welche einen Thron ehren würden.«

»Du denkst wie Leute, die daran gewöhnt sind, ihre Mitmenschen mehr vermittelst der Phantasie, als der Wirklichkeit zu betrachten. Dies ist das Gemälde der Jugend, der Unerfahrenheit und der Unschuld, aber es ist nicht das Bild des Lebens. Nicht das Wohlergehen, sondern das Mißgeschick züchtigt, indem es zeigt, daß wir wahrer Glückseligkeit nicht fähig sind, und indem es die Lehre gibt, sich auf eine Macht zu stützen, welche größer ist als jede andere auf Erden. Wir fallen vor der Versuchung des Glückes, während wir im Unglück uns erheben. Wenn du, unschuldiges Wesen, glaubst, edle und gerechte Gesinnungen gehörten nur dem Glücklichen an, so vertrautest du einem falschen Führer. Es gibt Uebel, welche das Fleisch nicht ertragen kann, es ist wahr; allein, fern von diesen überwältigenden Entbehrnissen, sind wir am stärksten im Recht, wenn wir am wenigsten von Eitelkeit und Ehrgeiz versucht sind. Mehr hungernde Bettler enthalten sich, die Brodkruste zu stehlen, um welche sie bitten, als üppige Schlemmer sich den Leckerbissen versagen, an welchem sie sterben. Die unter der Ruthe leben, sehen und fürchten die Hand, welche sie hält; die in dem Glanz der Welt schweigen, glauben zuletzt, sie verdienten die kurzwährenden Auszeichnungen, deren sie sich erfreuen. Wenn du in die Tiefen des Elends hinabsteigst, hast du nichts zu fürchten als den Zorn Gottes. Wenn du über andere erhoben bist, mußt du für deine Sicherheit bangen.«

»So pflegt die Welt die Dinge nicht zu betrachten.«

»Weil die Welt von denen beherrscht ist, deren Vortheil es fordert, ihren Untergebenen die Wahrheit zu verkehren, und nicht von denen, deren Pflicht Hand in Hand mit ihrem Recht geht. Aber wir wollen davon schweigen, Fräulein; diese hier leidet eben jetzt zu sehr, als daß man die Wahrheit zu offen vor ihr aussprechen dürfte.«

»Bist du wohl und eher im Stand, deine Freundin zu hören, liebe Christine?« fragte Adelheid, indem sie mit der Zärtlichkeit einer liebevollen Schwester die Hand des verschmähten und verlassenen Mädchens nahm.

Bis jetzt hatte die Arme nur die wenigen mitgetheilten Worte, welche eine milde Mißbilligung der Unvorsichtigkeit ihrer Mutter enthielten, gesprochen. Dies wenige war mit trocknen Lippen und gebrochener Stimme hervorgebracht worden, während eine Todtenblässe ihre Gesichtszüge bedeckte und ihr ganzes Antlitz die schmerzliche Qual ihres Innern verrieth. Allein diese Beweise der Theilnahme von einem Mädchen ihres Alters und Geschlechts, von deren Vorzügen sie gewohnt war, so glühende Schilderungen von dem feurigen Sigismund zu hören, und von deren Aufrichtigkeit sie ein feiner und rascher Instinct überzeugt, der junge und unschuldige Wesen so schnell vereinigt, brachten einen raschen, ungemeinen Wechsel in ihrer Seele hervor. Der Schmerz, der in ihrem Innern verschlossen kämpfte, strömte nun frei aus ihren Augen, und sie warf sich schluchzend und weinend in einem Andrange sanften, aber überwältigenden Gefühls an die Brust ihrer neugefundenen Freundin. Die erfahrne Margarethe lächelte über diesen offenen Ausdruck des Wohlwollens von Seiten Adelheids, obgleich selbst diese freudige Miene streng und geregelt bei der Vielgeprüften war. Nach wenigen Minuten verließ sie das Zimmer, indem sie glaubte, ein solches Zusammensein mit einem so reinen und unerfahrenen Gemüthe, ein für ihre Tochter so ungewöhnliches Zusammensein, würde eher eine glückliche Wirkung hervorbringen, wenn sie sich selbst überlassen wären, als wenn ihre Gegenwart ihnen Zwang auflegte.

Die beiden Mädchen weinten lange nach Margarethens Weggehen miteinander. Dieser Verkehr, welchen der Kummer gleichsam verklärte und einerseits durch eine vertrauensvolle Offenheit, und auf der andern durch großmüthiges Mitleiden inniger machte, war Ursache, daß beide in dieser kurzen Zeit gleichsam Monate in einer nahen und innigen Vertraulichkeit miteinander verlebten. Vertrauen ist nicht immer das Ergebniß der Zeit. Es gibt Seelen, die sich mit einer Art Verwandtschaft, welche der Anziehungskraft gleichartiger Stoffe gleicht, mit einer Raschheit und Innigkeit begegnen, welche nur reinerem Stoffe angehört, aus welchem sie bestehen. Wenn aber diese Anziehung des geistigen Theils des Daseins durch die Gefühle gehoben wird, die durch ein so zartes Interesse, wie das, welches die Herzen der beiden Mädchen für einen gemeinschaftlichen Gegenstand hegten, erwärmt wurden, ist ihre Kraft nicht nur stärker, sondern macht sie auch rascher bemerkbar. So viel wußte bereits jede von der andern Charakter, ihrem Leben, ihren Hoffnungen (natürlich Adelheid's heiligstes Geheimniß ausgenommen, das Sigismund als ein zu heiliges Pfand betrachtete, um es selbst mit einer Schwester zu theilen), daß das Zusammentreffen unter keinen Umständen das von Fremden hätte sein können, und ihre gegenseitige Bekanntschaft half noch mehr, die Schranken jener Formen niederzubrechen, welche für ihr Verlangen nach einem freiern Austausch der Gefühle und Gedanken so lästig waren. Adelheid besaß zu viel geistigen Takt, um zu der alltäglichen Sprache des Trostes ihre Zuflucht zu nehmen. Als sie redete, – wie es denn bei ihrem höhern Range und ihrer minder bedrängten Lage natürlich war, daß sie das Gespräch begann, – geschah es in allgemeinen aber freundlichen Andeutungen.

»Du gehst morgen mit uns nach Italien,« sagte sie, ihre Augen trocknend: »mein Vater verläßt in Gesellschaft des Signor Grimaldi mit Tagesanbruch Blonay, und du willst uns begleiten?«

»Wohin du willst – wohin es sei, mit dir – wohin es sei, meine Schande zu verbergen.«

Das Blut stieg in Adelheid's Antlitz und selbst ihre Miene schien den Augen des kunstlosen und unerfahrnen Mädchens würdevoll, als sie antwortete:

»Schande ist ein Ausdruck, welcher der Gemeinheit und Feilheit, der Schlechtigkeit und Treulosigkeit beigelegt werden muß,« sagte sie mit weiblicher und kräftiger Entrüstung – »aber nicht dir, Liebe!«

»O, verdamme ihn nicht,« flüsterte Christine, ihr Gesicht mit ihrer Hand bedeckend. »Er hat sich nicht gewachsen gefunden, die Bürde unserer Erniedrigung zu tragen, und man muß eher bedauernd als mit Haß von ihm reden.«

Adelheid schwieg; aber sie betrachtete das arme, zitternde Mädchen, deren Haupt in wehmüthiger Bekümmerniß auf ihre Brust gesenkt war.

»Hast du ihn näher gekannt?« fragte sie leise, eher dem Gange ihrer Gedanken folgend, als über die Art der gestellten Frage nachdenkend: »ich hatte gehofft, diese Weigerung werde keinen andern Schmerz erzeugen, als die unvermeidliche Kränkung, welche, fürchte ich, der Schwäche unseres Geschlechtes und unsern Gewohnheiten angehört.«

»Du weißt nicht, wie hoch der Verachtete es anschlägt, vorgezogen zu werden – wie werth der Gedanke, sich geliebt zu wissen, denen wird, welche außerhalb des engen Kreises ihrer Verwandten gewöhnt waren, nur Widerwillen und Verachtung zu finden! Du bist immer gekannt, geliebt, glücklich gewesen! Du kannst nicht wissen, wie wohl es dem Verachteten thut, auch nur scheinbar vorgezogen zu werden.«

»Nein, sage nicht so, ich bitte dich,« versetzte Adelheid rasch und mit bangem Herzklopfen: »es ist wenig in diesem Leben, an dem nicht etwas auszusetzen wäre. Wir sind nicht immer, was wir scheinen; und wenn wir es wären und wenn wir noch unglücklicher wären, als irgend etwas, das Laster ausgenommen, uns machen kann, so gibt es einen andern Zustand des Daseins, in welchem Gerechtigkeit – die reine, unverfälschte Gerechtigkeit – geübt werden wird.«

»Ich will mit dir nach Italien gehen,« antwortete Christine, ruhig und entschlossen aussehend, während eine Glut frommer Hoffnung auf ihren Wangen erblühte: »wenn alles vorüber ist, wollen wir miteinander in eine glücklichere Welt gehen!«

Adelheid schloß das zarte und tief erschütterte Mädchen an ihre Brust. Wieder weinten sie miteinander, aber es waren mildere, süßere Thränen, als die frühern.


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