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Der Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil

James Fenimore Cooper: Der Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil - Kapitel 3
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil
publisherVerlag von Joh. David Sauerländer
printrunZweite Auflage
year1841
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20181217
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Zweites Kapitel.

Ei freilich! Jetzt laßt eure Weisheit los.

Rosalind.

Die Mittagsstunde war vorüber, als die Bühne sich zum zweiten Male mit den Vornehmen füllte. Die Menge war wieder um den freien Raum des Platzes geschaart und der Landvogt und seine Freunde nahmen abermals die Ehrenplätze in der Mitte der langen Estrade ein. Zug nach Zug begann jetzt wieder zu erscheinen, denn alle hatten den Umgang durch die Stadt gemacht und jeder hatte seine Gesänge und Tänze so oft wiederholt, daß die Schauspieler der Sache überdrüssig wurden. Doch besiegte, als die verschiedenen Abtheilungen wieder Angesichts des Landvogts und des Kerns nicht allein ihres, sondern auch so vieler andern Länder kamen, der Stolz, die Müdigkeit, und die Gesänge und Tänze wurden mit dem nothwendigen Anschein von gutem Willen und Eifer durchgeführt. Peter Hofmeister und verschiedene andere Angesehene des Cantons waren bei ihren Beifallsbezeigungen, wozu diese Wiederholung der Spiele sie veranlaßte, vorzüglich laut, denn durch einen Prozeß, welchen man leicht begreifen wird, waren die, welche während der Abwesenheit der Züge in den Schenken und Buden geschmaust und dem Becher zugesprochen hatten, mehr als geeignet, die Mängel der Schauspieler durch die Wärme und den Ueberschwang ihrer erregten Phantasie zu ersetzen. Besonders war der Landvogt, wie es seinem hohen Amte und seinem ausgeprägten Charakter ziemte, ungewöhnlich gesprächig und entschieden, sowohl in Hinsicht des Tadels als auch des Lobes, das er den verschiedenen Darstellungen angedeihen ließ, seine eigene Befähigung, über den Gegenstand abzusprechen, so wenig in Anschlag bringend, als wäre er ein gewöhnlicher Lohnrecensent der neuesten Zeit, der mehr die Breite als die Beschaffenheit seiner Bemerkungen und das festgesetzte Honorar für die Zeile in das Auge faßt. Wahrlich die Vergleichung würde in noch mehren Rücksichten als denen der Kenntnisse, Stich halten, denn seine Sprache war ungewöhnlich zänkisch und anmaßend, sein Ton gebieterisch und seine Triebfeder eher die Begierde, seine eigene Befähigung geltend zu machen, als der Wunsch, die Vorzüge Anderer hervorzuheben. Seine Erörterungen richteten sich noch häufiger als früher an Signor Grimaldi, für welchen in seinem Herzen plötzlich ein noch lebhafteres Wohlwollen erwachsen war, als er bisher in so hohem Grade an den Tag gelegt hatte, und das bereits eine so große Aufmerksamkeit auf diesen freundlichen aber bescheidenen Fremdling gezogen hatte. Dennoch verfehlte er niemals, alle die, welche sich innerhalb des Bereichs eines vernünftigen Gebrauchs seiner Stimme befanden, zu zwingen, auf seine Orakel zu hören.

»Die, welche jetzt vorübergekommen sind, Bruder Melchior,« sagte der Landvogt, den Freiherrn von Willading in dem brüderlichen Style der Bürgerschaft anredend, während sein Auge sich auf den Genueser richtete, dessen Bewunderung für seine Bekanntschaft mit heidnischer Weisheit er eigentlich rege zu machen beabsichtigte – »sind nur Schäfer und Schäferinnen unserer Berge und keine der Götter und Halbgötter, welche erstere man bei diesem Feste daran erkennt, daß sie auf anderer Menschen Schultern getragen werden, die letzteren aber daran, daß sie auf Eseln reiten oder andere ihren Bedürfnissen angemessene Bequemlichkeiten haben. Ah, hier kommen die höhern Klassen der Vermummten in Person – dieses artige Geschöpf hier ist eigentlich Mariette Marron, aus diesem Lande, eine so dralle Dirne, wie es nur eine in der Waadt gibt und so frech, aber es liegt nichts daran. Sie ist jetzt die Priesterin der Flora und ich schwöre Euch, es gibt kein Horn in allen unsern Thälern, das den Felsen ein lauteres Echo entlockt, als eben diese Priesterin blos mit ihrer Kehle hervorbringen wird! Jene dort auf dem Throne ist Flora selbst, ein zierliches junges Mädchen, die Tochter eines gutstehenden Vevayers, der ihr all den Putz selbst angeschafft hat, ohne der Gesellschaft einen Heller in Rechnung zu bringen. Ich schwöre euch, jede Blume, die sie an sich hat, ist in ihren eigenen Gärten gepflückt worden!«

»Du behandelst die Poesie dieser Feierlichkeiten mit so wenig Achtung, gutes Peterchen, daß die Göttin und ihr Gefolge unter deiner Zunge in wenig mehr als Winzerinnen und Milchmädchen zusammenschrumpfen.«

»Um des Himmels willen, Freund Melchior,« unterbrach ihn der erfreute Genueser, – »beraube uns ja des Glückes der malerischen Bemerkungen des würdigen Landvogts nicht. So ein Heide mag in seiner Art so übel nicht sein, aber gewiß wird er nicht schlechter durch einige Erläuterungen und Bemerkungen, welche einem Doctor von Padua Ehre machen würden. Ich bitte Euch, fahrt fort, gelehrter Peter, damit uns Fremden nichts von den Feinheiten dieser Darstellungen entgeht.«

»Du siehst,« fuhr der behagliche Landvogt mit einem triumphirenden Blicke fort, »daß eine kleine Erläuterung einer guten Sache nicht schaden kann, wenn sie auch den Gesetzen selbst gälte. Ha, dort ist Ceres und ihr Geleite – und ein schöner Zug, für wahr! Dies sind die Schnitter und Schnitterinnen, welche den Ueberfluß unseres Waadtlandes darstellen, Signor Grimaldi, welches, um die Wahrheit zu sagen, ein reiches Land und der Allegorie würdig ist. Diese Bursche, mit den an ihre untern Theile geschnallten Stühlen und mit den Eimern, sind Küher und alle die andern sind mehr oder weniger bei der Sennerei betheiligt. Ceres war eine Person von großer Wichtigkeit bei den Alten, ohne alle Frage, wie man auch an der Art sieht, in welcher sie von den Erzeugnissen des Bodens umgeben ist. Es gibt kein haltbares Ansehen, Herr von Willading, das sich nicht gehörig auf ausgedehnten Güterbesitz stützt. Ihr seht, die Göttin sitzt auf einem Throne, dessen Verzierungen sämmtlich der Erde entnommen sind; eine Weitzengarbe krönt den Himmel; volle Aehren der edlen Frucht sind ihre Juwelen und ihr Scepter ist die Sichel. Das sind nur Allegorien, Signor Grimaldi, aber es sind Anspielungen, welche bei dem Klagen gesunde Gedanken zu erzeugen im Stande sind. Es gibt keine Wissenschaft, die nicht etwas aus unsern Spielen lernen kann, Politik, Religion und Gesetzeskunde – für den Verständigen und Scharfsinnigen alles dasselbe!«

»Ein scharfsinniger Gelehrte könnte selbst einen Beweis für die Bürgerschaft in einer Allegorie finden, die minder klar ist,« erwiederte der entzückte Genueser. »Aber Ihr habt das Instrument übersehen, Signor Landvogt, das Ceres in der andern Hand hält und das von den Früchten der Erde bis zum Ueberströmen angefüllt ist; – ich meine jenes, das mit dem Horne eines Stiers so viel Aehnlichkeit hat.«

»Dies ist ohne Zweifel eine der Geräthschaften der Alten; vielleicht ein Melkeimer zum Gebrauche der Götter und Göttinnen, denn diese alten Göttinnen waren keine schlechten Hausweiber und suchten ein Verdienst in der Oekonomie, und Ceres hier schämt sich, wie man sieht, einer nützlichen Beschäftigung durchaus nicht. Bei meiner Treue, diese Sache ist nicht ohne eine sehr lebenswerthe Rücksicht auf die Moral veranstaltet worden. Aber unser Sennervolk ist im Begriffe, eines seiner Lieder hören zu lassen.«

Peterchen hielt nun mit seiner klassischen Weisheit inne, während das Gefolge sich ordnete und zu singen begann. Die ansteckende und wilde Melodie des Kuhreihens erscholl auf dem Platze und nahm bald die ungetheilte und entzückte Aufmerksamkeit aller Hörer in Anspruch, zu denen man, die Wahrheit zu sagen, alle zählen konnte, die innerhalb der Grenzen der Stadt waren, denn da die Menge in den Gesang der regelmäßigeren Künstler einstimmte, ergriff eine Art musikalischer Begeisterung alle Anwesenden, die der Waadt und deren Thälern angehörten. Der herrische aber wohlmeinende Landvogt war zwar gewöhnlich eifersüchtig auf seine Berner Abstammung und hielt aus Grundsatz auf die Nothwendigkeit, das Uebergewicht des großen Cantons durch alle gewöhnlichen Beachtungen der Würde und Zurückhaltung zu erhalten; allein jetzt gab er der allgemeinen Erregung nach und sang mit den Uebrigen, wobei ihm ein Paar Lungen zu statten kamen, welche die Natur bewundernswürdig ausgestattet hatte, um den Chor des Alpenliedes abzugeben. Dieser Herablassung des Berner Abgeordneten wurde später oft mit Bewunderung erwähnt, indem die Einfachen und Gläubigen Peterchens Begeisterung einer edeln Theilnahme an ihrem Glücke und Wohlergehen zuschrieben, die Aufmerksamen und Tieferblickenden aber den musikalischen Exceß einem früheren Exceß anderer Art beimaßen, in welchem die Weine der benachbarten Côtes nicht geringe Ansprüche auf ihren Theil an dem Verdienste hatten. Die, welche dem Landvogt am nächsten waren, ergötzten sich heimlich ungemein über seine linkischen Versuche, leutselig zu sein, und eine schöne und witzige Waadtländerin verglich sie mit den Possen eines der berühmten Thiere, welche noch immer in der Stadt, die einen so großen Theil der Schweiz beherrschte, gehalten werden, und von welchen in der That nach der gewöhnlichen Ansicht die Stadt und der Canton ihren Namen abgeleitet haben; denn während das Ansehen von Bern so gebieterisch und so schwer auf seinen unterworfenen Ländern lastete, hatten die Bewohner der letztern, wie gewöhnlich in solchen Fällen, ihre große Freude daran, eine ohnmächtige Rache zu üben, indem sie die ergötzlichsten Spöttereien, welche sie gegen ihre Gebieter erfinden konnten, in Umlauf setzten. Ungeachtet dieser und ähnlicher Ausstellungen gegen seine Leistung, spielte der Landvogt seine Rolle bei dieser Gelegenheit zu seiner völligen Zufriedenheit und nahm seinen Sitz wieder mit dem Bewußtsein ein, mindestens den Beifall des Volkes verdient zu haben, weil er mit so viel Eifer und der Hoffnung in dessen Belustigungen eingegangen war, diese Gnadenhandlung möchte das Mittel werden, fünfzig oder hundert andere Handlungen, welche gewiß nicht den gleichen melodischen und freundlichen Charakter hatten, in Vergessenheit zu bringen.

Als dies vollbracht war, hielt sich der Landvogt ziemlich ruhig, bis Bacchus und sein Gefolge wieder auf den Platz kamen. Bei der Erscheinung des lachenden Schelms, der auf dem Fasse ritt, begann er seine Abhandlungen von neuem und mit einer Zuversicht, welche alle fühlen, die da im Begriffe sind, einen Gegenstand zu behandeln, mit welchem sie sich vertraut zu machen Gelegenheit hatten.

»Dies ist der Gott des guten Saftes,« sagte Peterchen, stets zu Jedem sprechend, der hören wollte, obgleich er aus einem Instinct der Achtung vorzüglich Signor Grimaldi mit seinen Bemerkungen begünstigen wollte, – »wie man sogleich an seinem Sitze sieht, und sein Gefolge tanzt, um zu zeigen, daß der Wein das Herz erfreut; – dort ist die Kelter in Bewegung, den Saft ausdrückend, und jener ungeheure Büschel soll die Traube vorstellen, welche die Boten Josua's aus Canaan zurückbrachten, als sie dahin gesendet worden, das Land zu erspähen; eine Geschichte, die ihr Italiener, wie ich nicht zweifle, an den Fingern herzuzählen wißt.«

Gaetano Grimaldi sah ein wenig verlegen auf, denn obgleich er in der Kenntniß der heidnischen Mythologie sehr bewandert war, so war er als Papist und als Laie mit der Bibel eben nicht allzu vertraut. Anfangs glaubte er, der Landvogt habe in seiner Erklärung der Mythologie nur einen kleinen Mißgriff gemacht; als er aber sein Gedächtniß ein wenig in Anspruch nahm, gewahrte er einige matte Strahlen der Wahrheit, wodurch er seinen Ruhm als Gelehrter rettete, und was er wesentlich dem Umstande dankte, daß er einige berühmte Gemälde gesehen hatte, welche diesen Gegenstand darstellten, eine Art Unterricht in der Bibel, die unter denen ziemlich gemein ist, welche die katholischen Länder in dem andern Welttheile bewohnen.

»Die Geschichte von der riesenhaften Traube ist Euch gewiß nicht entgangen, Signore!« rief Peterchen, über das sichtbare Zaudern des Italieners erstaunt. »Sie ist eine der schönsten Erzählungen in dem heiligen Buche. Ha! – so wahr ich lebe – da kömmt der Esel ohne seinen Reiter! – Was ist aus dem Lümmel, Antoine Giraud, geworden? – Der Schurke ist abgestiegen, um in irgend einer Bude einen frischen Zug zu thun, nachdem er seinen Schlauch bis auf die Neige geleert hatte! Das ist Nachlässigkeit! ein nüchterner Mann, oder wenigstens einer von stärkerem Kopfe hätte zu der Rolle genommen werden müssen; denn, Ihr müßt wissen, dies ist ein Charakter, der es wenigstens mit einer Galone aufnehmen muß, indem die Proben allein hinreichen, einen gewöhnlichen Trinker aus dem Gleichgewicht zu bringen.«

Die Zunge des Landvogts blieb unausgesetzt im Gange, während das Gefolge des Bacchus seine Lieder sang und den übrigen Förmlichkeiten Genüge that, und als der Zug verschwand, nahm sie einen lautern Ton an, wie »der rollende Strom, der da murmelnd fließt und fließt für immer,« wieder zu den Ohren klingt, nachdem irgend ein zufälliges Getöse aufgehört hat.

»Jetzt dürfen wir die schöne Braut und ihre Brautjungfern erwarten,« fuhr Peterchen fort, seinen Freunden winkend, wie ein alter Galan wohl gewöhnt ist, mit seiner Bewunderung gegen das schöne Geschlecht Prunk zu treiben: »die feierliche Einsegnung wird hier vor den Behörden stattfinden, und diesen frohen Tag passend schließen. Ha! mein guter alter Freund Melchior, keiner von uns beiden ist der Mann, der er war, sonst würden diese hüpfenden Dirnchen ihre Sprünge nicht ohne Beihülfe unserer Arme abthun. Jetzt nehmt Euch zusammen, Freunde! denn dies ist keine Komödie, sondern eine wirkliche Heirath, und es ist passend, daß wir eine ernstere Miene annehmen. – Nun, was bedeutet diese Bewegung unter den Dienern?«

Peterchen hatte sich unterbrochen, denn gerade in diesem Augenblicke kamen die Diebsfänger zumal auf den Platz, in ihrer Mitte ein Häuflein Menschen geleitend, welche die Miene von Gefangenen zu sehr zur Schau trugen, als daß man sie für honette Leute hätte nehmen können. Der Landvogt war vornämlich ein vollziehender Beamte; er gehörte zu den Leuten, die da glauben, das Erlassen eines Gesetzes sei ein Gegenstand von weit geringerem Belang als dessen gehörige Vollstreckung. In der That trieb er seinen Lieblingsgrundsatz so weit, daß er zuweilen keinen Anstand nahm, in den verschiedenen Verfügungen des großen Rathes Dunkelheiten des Ausdrucks anzunehmen, die nur in seinem eigenen Gehirn existirten, welche aber, um ihm Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, ihm ziemlich gelegen kamen, um diejenigen Auslegungen hineintragen zu können, welche ihm im Einklang mit seinen Pflichten schienen. Die Vornahme eines Rechtshandels begünstigte den Fortgang der Feierlichkeiten eben nicht, da Peterchen an der Bestrafung von Schurken, namentlich solcher, die durch ihr unverbesserliches Elend und ihre Armuth einen ewigen Vorwurf gegen die Wirkung des Berner Systems abzugeben schienen, ein ähnliches Wohlgefallen hatte, wie alte Kutscher, dem Sprüchworte nach, an dem Knallen der Peitsche behalten sollen. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit waren jedoch alle seine richterlichen Gefühle nicht völlig rege, da die Verbrecher, obgleich weit entfernt, dem vom Glücke begünstigteren Theile ihrer Mitgeschöpfe anzugehören, nicht ganz erbärmlich genug aussahen, um alle jene Mächte amtlicher Vorwürfe und Strenge zu wecken, welche in des Landvogts sittlichem Temperamente schlummernd lagen, jederzeit bereit, das Recht des Stärkern gegen die Neuerungen des Schwächern und Unglücklichen zu vertheidigen. Der Leser wird sogleich geahnt haben, daß die Gefangenen Maso und seine Gefährten waren, die im Entweichen aus dem Gewahrsam glücklicher gewesen waren, als in den Mitteln, sich einer zweiten Verhaftung zu entziehen.

»Wer sind diese Leute, die es gewagt haben, an diesem Tage allgemeinen Glückes und Ergötzens an der herrschenden Gewalt zu freveln?« fragte der Landvogt streng, als die Schooßkinder des Gesetzes und ihre Gefangenen nun vor ihm standen. »Wißt ihr nicht, Schurken, daß heute Vevay ein hohes, beinahe religiöses Fest – denn als ein solches würde es wenigstens von den Alten angesehen werden – feiert, und daß ein Verbrechen ein doppeltes Verbrechen wird, wenn es entweder in Gegenwart hoher Personen, bei einer feierlichen und ehrwürdigen Gelegenheit wie diese, oder gegen die Behörden begangen wird; – wobei letzteres stets das schwerste und größte von allen ist?«

»Wir sind keine sonderliche Gelehrte, hochedler Landvogt, wie Ihr wohl leicht an unsrer äußern Erscheinung seht, und dürfen ein glimpfliches Urtheil erwarten,« antwortete Maso. »Unser ganzes Vergehen war ein heißer aber kurzer Streit wegen eines Hundes, worin Hände die Rolle der Vernunft gespielt haben, und der außer uns selbst wohl niemand großen Harm verursacht hätte, wäre es das Belieben der städtischen Behörden gewesen, uns den Hader auf unsere Art ausmachen zu lassen. Wie Ihr richtig gesagt habt, ist dieses ein heiteres Fest und wir halten es für hart, daß wir allein in Vevay wegen eines so unbedeutenden Handels von der Freude der Uebrigen ausgeschlossen und abgeschnitten seyn sollen.«

»Es ist wahrlich Vernunft in dem Gesellen,« sagte Peterchen leise. »Was liegt Bern an einem Hunde mehr oder weniger, und eine öffentliche Lustbarkeit darf, wenn sie ihrem Zwecke entsprechen soll, die Niedrigsten aus dem Volke nicht ausschließen. Laßt die Leute in Gottes Namen gehen und seht zu, daß alle Hunde von dem Platze weggejagt werden, damit sich diese Albernheit nicht wiederholt.«

»Mit Erlaubniß, dies sind die Männer, welche, nachdem sie ihren Hüter niedergeworfen, den Behörden entsprungen sind,« bemerkte der Diener demüthig.

»Was ist das? Sagtest du nicht, Bursche, es sei alles nur wegen des Hundes?«

»Ich sprach von der Ursache unserer Verhaftung. Es ist wahr, daß wir, überdrüssig, Gefängnißluft zu athmen, und ein wenig von Wein erhitzt, das Gewahrsam ohne Erlaubniß verlassen haben; allein wir hoffen, dieser kleine lustige Einfall wird in Betracht der außerordentlichen Gelegenheit übersehen werden.«

»Schurke, deine Vertheidigung erhöht das Vergehen. Ein Verbrechen, das bei einer öffentlichen Gelegenheit begangen, wird ein außerordentliches Verbrechen und fordert eine außerordentliche Strafe, die ich Euch sofort angedeihen lassen werde. Ihr habt gegen die Behörde gefrevelt, und dies ist eine unverzeihliche Sünde in jeder bürgerlichen Gesellschaft. Kommt näher, Freunde, denn ich habe es gern, daß meine Gründe von denen gehört und verstanden werden, die meine Entscheidungen treffen können, und es ist dies ein günstiger Augenblick, den Vevayern eine kurze Lection zu geben – laßt die Braut und den Bräutigam warten – kommt näher, alle, damit ihr desto besser hört, was ich euch zu sagen habe.«

Die Menge drängte sich um den Fuß der Estrade, und Peterchen nahm mit einer belehrenden Miene seine Rede wieder auf.

»Der Zweck aller Herrschaft ist, Mittel zu ihrer Erhaltung zu suchen,« fuhr der Landvogt fort; – »denn wenn sie nicht bestehen kann, muß sie zu Boden fallen; und ihr seid hinreichend unterrichtet, um zu wissen, daß, wenn etwas werthlos wird, es auch seine Achtung verliert. So ist die Regierung da, um sich selbst zu schützen; denn ohne diese Gewalt könnte sie nicht Regierung bleiben, und es lebt wohl kein Mensch, der nicht bereit wäre zuzugeben, daß selbst eine schlechte Regierung besser ist als gar keine. Unsere Regierung ist aber vorzugsweise eine gute, da sie bei jeder Gelegenheit die größte Sorgfalt anwendet, sich in Achtung zu erhalten, und wer sich selbst achtet, darf gewiß sein, in den Augen Anderer geachtet zu werden. Ohne diese Sicherheit würden wir dem zügellosen Rosse ähnlich, oder wir würden die Opfer der Verwirrung und der Gesetzlosigkeit, ja, und verdammenswerther religiöser Spaltungen. Ihr seht sonach, meine Freunde, daß ihr nur zwischen der Regierung von Bern und gar keiner Regierung zu wählen habt; denn wenn nur zwei Dinge da sind, und das eine wird weggenommen, so sinkt die Zahl um die Hälfte; und da der große Canton seinen Antheil an der Staatseinrichtung behalten wird, so bleibt die Waadt, wenn die Hälfte wegfällt, nackt wie meine Hand hier. Fragt euch selbst, ob ihr eine Regierung habt außer dieser? Ihr wißt, dies ist nicht der Fall. Wärt ihr daher von Bern getrennt, so hättet ihr augenscheinlich gar keine. Ihr dort, Diener! Ihr habt ein Schwert an Eurer Seite, das ein gutes Bild unserer Herrschaft ist; zieht es und haltet es empor, damit Alle es sehen. Ihr bemerkt, meine Freunde, daß der Mann ein Schwert hat; aber er hat nur Ein Schwert. Legt es zu Euern Füßen, Diener; Ihr bemerkt, Freunde, daß, wenn er nur Ein Schwert hat, und dieses Schwert bei Seite legt, ihm ferner gar kein Schwert bleibt! Diese Waffe stellt unsere Regierung vor, die, legt man sie bei Seite, keine Regierung ist und unsere Hand wehrlos läßt.«

Dieser glücklichen Vergleichung folgte ein Murmeln des Beifalls, denn Peterchens Vortrag hatte alle Eigenschaften einer dem Volke zusagenden Theorie, nämlich eine kühne Behauptung, eine kurze Erklärung und eine praktische Erläuterung. Von der letztern sprach man besonders lange hernach noch in der Waadt als einer Darlegung, die nicht weit hinter dem wohlbekannten Urtheile Salomons zurückgeblieben wäre, der zu demselben scharfschneidigen Schwert seine Zuflucht genommen hatte, um einen fast eben so verwickelten Punkt zu lösen, wie der vom Landvogt aufgestellte. Als sich der Beifall ein wenig gelegt hatte, setzte der warm gewordene Peter seine Rede fort, welche die zufällige und verallgemeinernde Logik der meisten Vorträge hatte, welche im Interesse der Dinge, wie sie sind, gehalten werden, ohne eine besondere Rücksicht auf die Dinge, wie sie sein sollen, zu nehmen.

»Was kömmt dabei heraus, daß man die Menge lesen und schreiben lehrt?« fragte er. »Hätte Franz Kaufmann nicht schreiben können, hätte er wohl seines Herrn Hand nachahmen können, und würde er seinen Kopf verloren haben, weil er eines andern Mannes Namen für seinen eigenen nahm? Ein wenig Nachdenken zeigt euch, daß dies nicht der Fall gewesen wäre. Was die andere Kunst betrifft, so sagt nur – könnte das Volk schlechte Bücher lesen, wenn es das Alphabet nie gelernt hätte? Wenn jemand hier ist, der das Gegentheil sagen kann, so ersuche ich ihn, kühn heraus zu sprechen, denn wir haben keine Inquisition in der Waadt, sondern fordern Beweise. Wie ihr alle wißt, ist dies eine väterliche Regierung und eine milde Regierung; aber es ist keine Regierung, die am Lesen und Schreiben Gefallen hat, – am Lesen, das zu dem Gebrauch schlechter Bücher führt, und am Schreiben, das falsche Unterschriften veranlaßt. Meine Mitbürger, – denn wir sind alle gleich, gewisse Verschiedenheiten ausgenommen, welche man jetzt nicht zu nennen braucht – die Regierung ist zu euerm besten da, und daher hält sie auf sich selbst und muß auf sich selbst halten, und es als ihre erste Pflicht betrachten, sich und ihre Beamten in jedem Falle zu schützen, obgleich sie vielleicht zufällig eine scheinbare Ungerechtigkeit begeht. – Bursche, kannst du lesen?«

»Leidlich, hochedler Landvogt,« erwiederte Maso. »Es gibt Leute, denen das Durchlesen eines Buches weniger Mühe macht als mir.«

»Ich versichere euch, er meint ein gutes Buch; denn wenn es sich von einem schlechten handelt, schwöre ich, der Schelm bricht sich Weg durch dasselbe wie ein wilder Eber. Das kömmt von der Erziehung der Unwissenden. Es gibt keine sicherere Art, eine Gemeine zu verderben und ihr die schlechtesten Kunstgriffe einzuprägen, als wenn man die Unwissenden erzieht. Der Erleuchtete kann das Wissen ertragen, denn starke Speisen schaden dem Magen nicht, der daran gewöhnt ist, aber sie sind Nieswurz für den Schlechtgenährten. Die Erziehung ist eine Waffe, denn das Wissen ist eine Gewalt, und der unwissende Mensch ist nur ein Kind, und wenn man ihm Wissen gibt, so heißt das, eine geladene Büchse in die Hand eines Kindes geben. Was soll der Unwissende mit dem Wissen anfangen? Er wird es eben so wahrscheinlich, wie alles andere, verkehrt brauchen. Die Gelehrsamkeit ist eine kitzliche Sache; Festus hat uns gesagt, sie habe selbst den weisen und erfahrnen Paul wahnwitzig gemacht – was wird sie also erst bei euern grassen Ignoranten für Unheil anrichten. Wie heißt du, Gefangener?«

»Tommaso Santi; zuweilen von meinen Freunden San Tommaso, von meinen Feinden Il Maledetto und von meinen Bekannten Maso genannt.«

»Du hast eine furchtbare Menge von Alias, das sichere Zeichen eines Spitzbuben. Du hast eingestanden, daß du lesen kannst –«

»Nein, Signor Landvogt, ich kann nicht zugeben, gesagt zu haben –«

»Bei Calvins Glauben, du hast es vor dieser ehrenwerthen Gesellschaft bekannt! Willst du der Gerechtigkeit ins Gesicht deine eigenen Worte abläugnen? Du kannst lesen – ich sehe es dir im Gesicht an, und ich wollte überdies schwören, daß du auch etwas von dem Gänsekiel hast munkeln hören, wenn du die Wahrheit ehrlich sagen wolltest. Signor Grimaldi, ich weiß nicht, wie es bei Euch jenseits der Alpen ist, aber unsere größte Noth schreibt sich von solchen gut unterrichteten Schurken her, welche die Gelehrsamkeit auf betrügerische Weise auflesen und dann einen verbrecherischen Gebrauch davon machen, ohne an die Bedürfnisse und Rechte des Publikums zu denken.«

»Wir haben unsere Beschwerden, wie es wohl überall der Fall ist, wo man den Menschen mit seiner Selbstsucht und seinen Leidenschaften findet, Signor Landvogt; aber handeln wir nicht unfein gegen jene schöne Braut, indem wir Männern dieser Art den Vortritt lassen? Wäre es nicht besser, die bescheidene Christine, glücklich in Hymens Banden, zu entlassen, ehe wir uns tiefer in die Frage über diese Gefangenen einlassen?«

Zur Verwunderung aller, die des Landvogts Hartnäckigkeit kannten, welche sich gewöhnlich im Gespräche steigerte, statt nachgiebiger zu werden, stimmte Peterchen in diesen Vorschlag mit einer Gefälligkeit und einem sichtbaren Wohlwollen, welche er selten gegen irgend eine Meinung an den Tag legte, für deren rechtmäßigen Vater er sich nicht betrachtete; obgleich er, wie viele Andere, welche diesen ehrenvollen Namen tragen, zuweilen den Kindern anderer Leute die Vorrechte der Vaterschaft einräumen mußte. Er hatte jedoch während ihres kurzen Verkehrs stets ungewöhnliche Ehrerbietung gegen den Italiener bewiesen, und diese war bei keiner Gelegenheit unzweideutiger, als in der Bereitwilligkeit, mit welcher er den gegebenen Wink aufnahm. Die Gefangenen und die Diebsfänger erhielten Befehl, bei Seite zu treten, aber doch so nahe zu bleiben, daß er sie in dem Auge behielt, während einige Diener der Abtei angewiesen wurden, dem Zuge, der diese Anordnungen mit stiller Verwunderung sah, wissen zu lassen, daß er nun herannahen könne.


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