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Der Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil

James Fenimore Cooper: Der Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil - Kapitel 2
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil
publisherVerlag von Joh. David Sauerländer
printrunZweite Auflage
year1841
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20181217
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Erstes Kapitel.

Schnell, gute Audrey, kommt, ich hole
Euch Eure Geisen, Audrey; und wie, Audrey,
Bin ich der Mann noch? Kann mein einfaches
Gesicht Euch noch gefallen?

Wie ihr's wollt.

Während die Spiele, wie wir erzählten, auf dem großen Platze vor sich gingen, zehrten Maso, Pippo, Konrad und die Uebrigen, welche in die mit der Geschichte des Hundes verbundene kleine Störung verwickelt waren, in den Mauern des Wachthauses an ihrem Aerger. Vevay hat mehrere Plätze und die verschiedenen Züge wiederholten ihre Darstellungen nun auf den kleineren Räumen. An einem der letztern steht das Rathhaus und das Gefängniß. Die genannten Ruhestörer waren gradezu, in Folge des Befehls des Dieners, der mit der Erhaltung des Friedens beauftragt, in das Gefängnis gebracht worden. Durch einen Akt der Gnade jedoch, welcher dem Tage nicht minder, als der Art des Vergehens ganz angemessen war, erhielten die Gefangenen die Erlaubniß, sich in einen Theil des Gebäudes zu begeben, welcher den Platz übersah, und waren folglich nicht von aller Theilnahme an den Freuden des Festes ausgeschlossen. Diese Gunst war ihnen unter der Bedingung zugestanden worden, daß die Parteien ihr Hadern aufgäben und sich auch sonst so betrügen, daß sie einem Feste, bei welchem der Stolz eines jeden Vevayers so sehr betheiligt war, keine üble Nachrede zuzögen. Alle Gefangenen, die Schuldigen wie die Unschuldigen, gingen diese Bedingung gern ein, denn sie befanden sich in einem zeitlichen Gewahrsam, das keinen gründlichen Rechtsbeweis des Falles zuließ, und es gibt keinen wirksamern Ausgleicher, als gemeinschaftliches Mißgeschick.

Maso's Zorn, obgleich rasch und ungestüm – die Wirkung eines südlichen Temperaments – war schnell in eine Ruhe übergegangen, welche wahrscheinlich seiner Erziehung und seinen Grundsätzen beizurechnen war, worin er über seinen ausschweifenden Gegner weit erhaben war. Verachtung trat daher bald an die Stelle des Zorns, und obgleich der Seemann zu sehr an rauhe Berührungen mit Leuten von der Klasse des Pilgers gewöhnt war, um sich wegen des Vorgefallenen zu schämen, bemühte er sich doch, den Vorfall zu vergessen, der eine jener moralischen Störungen war, mit welchen er sich kaum minder vertraut gemacht hatte, als er daran gewöhnt war, physischen Kämpfen der Elemente, wie den auf dem Leman, in welchem er sich so wesentliche Verdienste erworben, zu begegnen.

»Gib mir deine Hand, Konrad!« sagte er mit dem offenen Vergessen, das wohl die Aussöhnung von Leuten charakterisirt, welche inmitten der stürmischen, aber zuweilen veredelnden Scenen von Wagnissen und Ungebundenheit ihr Leben hinbringen. »Du hast deine Launen und Gewohnheiten, und ich habe die meinigen. Wenn du diesen Buß- und Gebete-Handel nach deinem Sinne findest, so folge mit Gott dem Gewerke und überlaß es mir und meinem Hunde, auf andere Weise zu leben.«

»Du hättest wohl bedenken sollen, welche Gründe wir Pilger haben, die Hunde des Bergs zu schätzen,« antwortete Konrad, »und wie leicht es mein Blut aufregen mußte, ein anderes Thier das verzehren zu sehen, was für den alten Uberto bestimmt war. Du bist die Seiten des St. Bernhard nie emporgeklettert, mit den Sünden eines ganzen Kirchsprengels, von deinen eigenen nicht zu sprechen, belastet, und kannst daher den Werth dieser Thiere nicht kennen, welche so oft zwischen uns und einem Schneegrab stehen.«

Il Maledetto lachte wild und murmelte etwas zwischen seinen Zähnen; denn in vollkommener Uebereinstimmung mit der freien Ungebundenheit seines Lebens, war in seinem Wesen eine sorglose Ehrlichkeit, welche ihn die Heuchelei, als der kühnen Eigenschaften des Mannes unwürdig, verachten ließ.

»Halte es, wie du willst, frommer Konrad,« sagte er spöttisch, – »wenn nur Friede zwischen uns herrscht. Ich bin, wie du weißt, ein Italiener, und obgleich wir Südländer uns gelegentlich an denen zu rächen suchen, die uns beleidigen, so geschieht es doch selten, daß wir jemand Gewalt anthun, nachdem wir ihm die Hand des Friedens gereicht haben – ich hoffe, ihr Deutschen seid nicht weniger ehrlich?«

»Möge die heilige Jungfrau gegen jedes Ave, das ich geschworen habe zu beten, taub sein, und die guten Väter von Loretto die Absolution verweigern, wenn ich ferner daran denke. Es war nur ein Kehlengriff, und ich bin an diesem Theile des Leibes nicht so zärtlich, daß ich fürchte, er sei der Vorläufer eines noch engern Gurgeldruckes. Hast du je von einem Kirchendiener gehört, der auf diese Art gestorben wäre?«

»Die Leute kommen oft besser durch, als sie verdienen,« erwiederte Maso trocken. »Nun, das Glück, oder die Heiligen, oder Calvin, oder welche sonstige Macht euerm Geschmacke ansteht, guten Freunde, haben endlich unsere Häupter unter ein Dach gebracht, – eine Ehre, die den meisten von uns selten widerfährt, wenn ich nach dem Aeußern und nach einiger Kenntniß der mannigfaltigen Lebensweise, die wir führen, urtheilen darf. Du wirst eine treffliche Gelegenheit haben, Policinello von seinen mühseligen Sprüngen ausruhen zu lassen, Pippo, so lange sein Herr zum ersten Mal seit vielen Tagen, ich wollte darauf schwören, durch ein Fenster frische Luft einathmet.«

Es ward dem Neapolitaner nicht schwer, über diesen Ausfall zu lachen; denn er hatte einen Charakter, der alles heiter hinnahm, obgleich er nichts unter der Leitung eines Grundsatzes oder der Achtung für die Rechte Anderer that.

»Wäre dies Neapel mit seinem milden Himmel und seinem heißen Vulkan,« sagte er, über die Anspielung lächelnd, »so würde niemand weniger nach einem Dache fragen, als ich.«

»Du bist unter dem Bogen irgend eines herzoglichen Thorwegs geboren,« erwiederte Maso mit einer Art sorglosen Spottes, der seine Freunde so oft traf, wie seine Feinde; »und du wirst wahrscheinlich in einem Armenspital sterben und wirst gewiß vom Leichenkarren in eine der gewöhnlichen Höhlen deines Campo Santo Kirchhof. unter eine saubere Christengesellschaft geschoben werden, wo Arme und Beine blindlings wie Stallstroh hingeworfen werden, und wo der Weiseste unter euch beim Klange der letzten Trompete in Verlegenheit sein wird, seine Glieder von denen seines Nachbarn zu unterscheiden.«

»Bin ich ein Hund, daß ich so enden soll?« fragte Pippo wild, »oder daß ich meine Gebeine nicht von denen irgend eines ketzerischen Schurken erkennen sollte, der vielleicht mein Nachbar sein wird?«

»Wir haben einen Streit wegen Hunden gehabt, laßt uns keinen zweiten anfangen,« erwiederte Il Maledetto spöttisch: »Prinzen und Edle,« rief er mit angenommener Würde – »wir sind hier, so lange es deren Belieben ist, die in Vevay herrschen, in sicherm Gewahrsam, und das Klügste wird sein, die Zeit so friedlich untereinander und so heiter hinzubringen, als unsere Lage es nur immer erlaubt. Der fromme Konrad soll alle Ehren eines Cardinals empfangen, Pippo soll das Handpferd bei seiner Leichenbestattung nicht fehlen, und was diese würdigen Waadtländer angeht, die ohne Zweifel gewichtige Leute in ihrer Art sind, so sollen sie Landvögte werden, von Bern abgesendet, um zwischen den vier Mauern unseres Palastes zu herrschen. Das Leben ist blos eine ernstere Art Mummerei, ihr Herrn, und das zweite seiner köstlichsten Geheimnisse ist, andere uns für das halten zu lassen, was wir zu scheinen wünschen – denn das erste ist ohne Frage die Kunst, uns selbst zu täuschen. Jetzt hat sich jeder nur einzubilden, er sei die Person, die ich oben genannt habe, und der schwerste Theil des Werkes ist vollbracht.«

»Du hast vergessen, deinen eigenen Charakter anzugeben,« rief Pippo, der zu sehr an Possenreißerei gewöhnt war, um nicht Freude an Maso's Einfall zu haben, und der mit Neapolitanischem Leichtsinn seinen Zorn in dem Augenblick vergaß, wo er ihm Luft gemacht hatte.

»Ich werde das weise Publikum darstellen, und da ich ganz in der Stimmung bin, mich zum Besten haben zu lassen, so ist der Scherz vollkommen. Alle Händel bei Seite, ihr Herrn, und ihr werdet sehen, mit welchen offenen Augen und aufgesperrter Gurgel ich bereit bin, alle eure Philosophie zu bewundern und zu verschlingen.«

Diesem Scherz folgte ein herzliches Gelächter, welches selten verfehlt, ein augenblickliches freundliches Verhältniß herzustellen. Die Waadtländer, welche die durstigen Neigungen von Gebirgsbewohnern hatten, bestellten Wein und ihre Wächter, die ihre Einkerkerung mehr als eine zeitliche Sicherheitsmaßregel, denn als etwas Bedeutsames ansahen, willfahrten dem Wunsche. Nach kurzer Zeit machte diese kleine Gruppe von Weltkindern aus der Noth eine Tugend, und riefen physische Reizmittel zu Hülfe, um ihre Einsamkeit zu erheitern. Während sie mit dem Getränke, das gut und wohlfeil, und folglich doppelt angenehm war, ihre Kehlen wuschen, begann der wahre Charakter der verschiedenen Personen sich in grelleren Farbenzügen auszuprägen.

Die drei Waadtländer, welche der untersten Klasse angehörten, wurden wirr und geistesträg, aber lauter und ungestümer in ihren Reden, indem jeder die wachsende Schwäche des Verstandes durch heftigere physische Beweise der Thorheit ausgleichen zu wollen schien.

Konrad, der Pilger, warf die Maske gänzlich bei Seite, sofern freilich ein so dünner Schleier, wie er ihn gewöhnlich trug, wenn er nicht unter den Augen seiner Brodherrn war, einen solchen Namen verdiente, und zeigte sich als der Ruchlose, der er wahrhaft war – eine starke Mischung von feigem Aberglauben (denn wenige befassen sich mit dem Aberglauben, ohne sich mehr oder weniger in dessen Netze zu verstricken), von gemeiner Verschlagenheit und der verworfensten und plumpsten Sinnlichkeit und Lasterhaftigkeit! Die Erfindungskraft und der Witz Pippo's, zu allen Seiten behende und treffend, gewannen immer mehr an Stärke, aber der Strom animalischer Geister, welche der Becher löste, riß jede Schranke der Zurückhaltung nieder und er öffnete seinen Mund kaum, ohne die Gedanken eines Mannes zu verrathen, der in Betrügereien und allen andern bösen Anschlägen gegen die Rechte seiner Mitmenschen lange geübt war. Auf Maso brachte der Wein eine Wirkung hervor, die beinahe charakteristisch genannt werden dürfte, und deren nähere Schilderung mit der Moral unserer Erzählung einigermaßen zusammenhängt.

Freiwillig und mit sichtbarer Sorglosigkeit hatte Il Maledetto dem kreisenden Becher zugesprochen. Er war lange mit den Sitten dieser wilden und rohen Genossenschaft bekannt, und ein eigenes Gefühl, welches Leute dieser Klasse Ehre zu nennen belieben, und welches vielleicht den Namen so gut als die Hälfte der Grundsätze verdient, welche man unter der gleichen Benennung aufführt, hinderte ihn, sich der gemeinschaftlichen Gefahr, welche der Wein ihren Sinneskräften drohte, zu entziehen und machte, daß er seinen vollen Theil an dem berauschenden Getränke genoß, wie der Becher von einem dampfenden Munde zum andern ging. Auch liebte er den Wein und fand seinen Duft lieblich und freute sich des wohlthuenden Einflusses mit der ganzen Hingebung eines Mannes, der den Zufall zu benutzen wußte, welcher eine solche edle Flüssigkeit ihm zu Gebot stellte. Ueberdies hatte er auch seine Absichten, wenn er seine Genossen zu entlarven wünschte, und er glaubte, der Augenblick sei einem solchen Vorhaben günstig. Zu allen diesen Beweggründen kam noch, daß Maso seine besondere Ursache hatte, darüber unbehaglich zu sein, daß er sich in den Händen der Behörden sah, und es lag ihm nicht viel daran, einen Zustand der Dinge herbeizuführen, welcher veranlassen konnte, daß man in allen nur eine Schaar gemeiner Bacchus-Diener erblickte.

Aber Maso gab sich der allgemeinen Stimmung in einer, ihm eigenen Weise hin. Sein Auge wurde noch glänzender als gewöhnlich, sein Gesicht färbte sich und seine Stimme wurde tief, während er bei vollem Bewußtsein blieb. Seine Vernunft wankte nicht, wie die der Leute um ihn her, sondern strahlte in der Aufregung hell empor, als sähe sie die Gefahr, welche ihr drohte, und die größere Nothwendigkeit, auf der Hut zu sein. Obgleich in einem südlichen Klima geboren, war er frostig und kalt, wenn ihn nichts erregte, und solche Temperamente erhalten durch Reizmittel, unter welchen Männer von schwächerer Körperbeschaffenheit unterliegen, eher ihre Spannkraft, als sie ihre Lebensgeister verlieren. Er hatte sein Leben inmitten großer Wagnisse und in Scenen der Gefahr hingebracht, wie sie einem solchen Charakter zusagen, und es forderte wahrscheinlich entweder eine starke Triebfeder der Gefahr, wie die des Sturmes auf dem Leman, oder einen Anreiz anderer Art, um die verborgenen Eigenschaften seines Geistes aufzurufen, welche ihn so sehr geeignet machten zu gebieten, während andere am geneigtesten waren zu gehorchen. Er war daher ohne Furcht für sich, indem er seine Genossen ermunterte, und zeigte sich freigebig mit seiner Börse, welche jedoch nicht hinreichend gespickt schien, um großen Anforderungen zu entsprechen, indem er Becher auf Becher bestellte, um die Stelle derer einzunehmen, welche so schnell bis zur Neige geleert waren. Auf diese Weise verstrichen einige Stunden sehr rasch, da die, welche mit der Bewachung der muntern Gesellschaft in dem Rathhause beauftragt waren, mit den Festlichkeiten außerhalb des Gefängnisses bei weitem beschäftigter waren, als mit denen innerhalb desselben.

»Du führst ein ganz lustiges Leben, braver Pippo,« rief Konrad mit schwimmenden Augen, indem er auf eine Bemerkung des Possenreißers antwortete. »Du bist nur ein Lachgesicht im besten Fall, und wirst zähnblöckend und andere zähnblöcken machend durch die Welt gehen. Dein Policinello ist ein prächtiger Bursche, und ich komme nie mit einem deines Gewerbes zusammen, ohne müde Beine und wunde Füße bei seinen Thorheiten zu vergessen.«

»Corpo di Bacco! – Ich wollte, dem wäre so. Aber du hast es bei weitem besser, selbst was Vergnügungen betrifft, ehrenwerther Pilger, obgleich es dem, der dich sieht, anders scheinen möchte. Der Unterschied unter uns, frommer Konrad, ist genau dieser – du lachst dir ins Fäustchen, ohne munter zu scheinen, während ich gähne, daß mir die Kinnbacken reißen möchten, und doch vor Kurzweil zu bersten scheine. So ein oft vorgebrachter Spaß ist ein schlechter Genosse, und wird am Ende so düster wie ein Todtenlied. Wein kann nur einmal getrunken werden, und Lachen wird nicht immer derselben Tollheit folgen. Cospetto! Ich gäbe den Verdienst eines ganzen Jahres für ein Paar neue Späße, wie sie frisch aus dem Witze eines Menschen kommen, der nie einen Possenreißer gesehen hat, und welche nicht fadenscheinig geworden sind, indem sie sich an dem Gehirn aller Spaßmacher Europa's abgerieben haben.«

»Es lebte in der alten Zeit ein weiser Mann, von dem einer von euch wahrscheinlich gehört haben wird,« bemerkte Maso, »und welcher sagte, es gebe nichts Neues unter der Sonne.«

»Wer das sagte, hat diesen Wein nie gekostet, der so neu ist, als lief er eben aus der Kelter,« versetzte der Pilger. »Schurke, glaubst du, wir seien in solchen Sachen so unerfahren, daß du es magst, Leuten unserer Art eine Kanne solcher Hefen zu bringen? Gehe und siehe zu, daß du uns bei der nächsten mehr Gerechtigkeit widerfahren läßt.«

»Der Wein ist derselbe, der Euch anfangs so sehr gemundet hat, aber es ist der Trunkenheit eigen, daß sie den Gaumen ändert, und darin, wie in allen andern Punkten, hatte Salomon recht,« bemerkte Il Maledetto kalt. – »Nein, Freund, du wirst deinen Wein kaum wieder Leuten bringen, die nicht wissen, wie sie ihn gehörig ehren sollen.«

Maso schob den Burschen, der sie bedient hatte, aus dem Gemach und befahl ihm, indem er ihm eine kleine Münze in die Hand schlüpfen ließ, nicht mehr zu kommen. Der Wein hatte so viel Unheil angestiftet, als es zu seinen Zwecken paßte; und er wollte nun fernerer Ausschweifung Einhalt thun.

»Da kommen die vermummten – Götter und Göttinnen, Schäferinnen und ihre Bursche und alle die andern Scherze, um uns in Laune zu erhalten. Man muß diesen Vevayern Gerechtigkeit widerfahren lassen, sie halten uns gut; denn ihr seht, sie schicken uns ihre Schauspieler, um unsere Einsamkeit zu erheitern.«

»Wein! Wein! neu oder alt – bring' uns Wein!« brüllten Konrad, Pippo und ihre Trinkgenossen, welche viel zu trunken waren, um die List Maso's, ihre Wünsche zu vereiteln, zu entdecken, obgleich sie eben trunken genug waren, um zu glauben, was er von der Aufmerksamkeit der Behörden gegen sie gesagt habe, sei nicht nur wahr, sondern verdient.

»Ei, Pippo! schämst du dich, in deiner eigenen Kunst übertroffen zu werden, daß du in dem Augenblick nach Wein brüllst, wo die Schauspieler den Platz betreten, um ihre Geschicklichkeit zu zeigen?« rief der Seemann. »Wahrlich, wir werden eine geringe Meinung von deinem Verdienst haben, wenn du dich fürchtest, einige Waadtländer in deine Kunst pfuschen zu sehen – und du, ein Neapolitanischer Possenreißer!«

Pippo schwor Zecher-Eide, er nehme es mit den Geschicktesten in der Schweiz auf, denn er habe nicht nur auf allen Straßen und Plätzen Italiens gespielt, sondern sich auch in den Häusern vor Fürsten und Cardinälen sehen lassen, und ihm sei auf keiner der beiden Seiten der Alpen jemand überlegen. Maso nutzte diesen Vortheil geschickt, und indem er Pippo's Eitelkeit neue Nahrung gab, glückte es ihm, ihn des Weines vergessen zu lassen und mit den Uebrigen an das Fenster zu ziehen.

Die Züge hatten bei ihrem Umgang in der Stadt jetzt den Platz vor dem Rathhaus erreicht, wo die verschiedenen Opfer und Tänze wiederholt wurden, wie sie im Allgemeinen dem Leser bereits erzählt worden sind. Man sah die Diener der Abtei, die Winzer, die Schäfer und Schäferinnen, Flora, Ceres, Pallas und Bacchus, und alle die Uebrigen mit ihrem mannigfachen Gefolge und im Prunk daher getragen, wie es ihrem hohen Charakter zustand. Silen rollte von seinem Esel zu der größten Freude von tausend jubelnden Troßbuben und zum unendlichen Aerger der Gefangenen an den Fenstern, indem letztere einem Vorübergehenden bemerkten, dies sei keine Kunstdarstellung, sondern der Halbgott sei schmählich unter dem Einflusse zu vielen Weines, den er sich selbst zu Ehren getrunken habe.

Wir übergehen die Einzelnheiten dieser Scenen, welche sich alle, die einem öffentlichen Feste beigewohnt haben, nun leicht denken werden; auch ist es nicht nöthig, die verschiedenen witzigen Einfälle mitzutheilen, welche die Begeisterung der heißen Weine Vevay's und die allgemeine Erregung der Gruppe entlockte, welche die Fenster des Gefängnisses besetzt hatte. Wer je Zeuge niedrigen Humors war, welchen Getränke eher schwächen als beleben, wird dessen Charakter kennen, und wer dergleichen noch nicht gehört hat, wird durch dieses Uebergehen kaum etwas verlieren.

Endlich sah man den Schluß der verschiedenen, der heidnischen Mythologie entlehnten Allegorien und der Hochzeitszug erschien auf dem Platze. Die sanfte und holde Christine war an diesem Tage nirgends gesehen worden, ohne durch ihre Jugend, Schönheit und unverkennbare Unschuld die allgemeine Theilnahme zu erregen. Das Murmeln des Beifalls begleitete ihre Schritte, und das Mädchen, das sich an seine Lage mehr gewöhnte, begann, wahrscheinlich zum ersten Mal, seit sie mit dem Geheimniß ihrer Abkunft bekannt geworden, etwas zu fühlen, das jener Sicherheit glich, welche eine unentbehrliche Begleiterin des Glückes ist. Lange daran gewöhnt, in sich nur eine von der öffentlichen Meinung Geächtete zu sehen, und in der, den Absichten ihrer Eltern angemessenen Zurückgezogenheit erzogen, konnten die Lobeserhebungen, welche ihr Ohr erreichten, ihr nur angenehm sein, und sie strömten ihr warm und erhebend zum Herzen, obgleich das Gefühl der Besorgniß und der Unbehaglichkeit so lange darin gewohnt hatte. Den ganzen Tag hindurch bis zu diesem Augenblicke hatte sie es kaum gewagt, ihre Blicke auf ihren künftigen Gatten zu wenden, auf ihn, der nach ihrer einfachen und hochherzigen Ansicht dem Vorurtheil getrotzt hatte, um ihrem Werthe Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; als aber der bisher unterdrückte Beifall auf dem Platze vor dem Rathhaus in lauten Ausrufungen sich kund that, umfloß eine glänzende Röthe ihre Wangen, und sie sah mit bescheidenem Stolz auf ihren Gefährten, als wollte sie sagen, seine großmüthige Wahl bliebe nicht ganz unbelohnt. Der Jubel der Menge entsprach dem Gefühle, und nie näherten sich Verlobte unter scheinbar glücklicheren Aussichten dem Altar.

Der Einfluß der Unschuld und Schönheit ist allgemein. Selbst die sittenlosen und halbberauschten Gefangenen erhoben ihre Stimmen zum Preis der holden Christine. Der Eine pries ihre Bescheidenheit, der Andere erhob ihre persönliche Erscheinung, und Alle vereinigten sich mit der Menge im Jubelruf zu ihrer Ehre. Das Blut des Bräutigams begann sich zu beleben, und als der Zug auf dem offenen Platze vor dem Gebäude, unmittelbar unter den Fenstern, welche Maso und seine Genossen einnahmen, Halt gemacht hatte, blickte er in dem Frohlocken eines gemeinen Geistes umher, der sein Vergnügen in dem Beifall anderer findet, und nach diesem wohl sein Urtheil bildet.

»Hier ist eine große und schöne festa« sagte der glucksende Pippo, »und eine sehr willige Braut. San Gennaro segne dich, bella sposina, und den würdigen Mann, welcher der Stengel einer so schönen Rose ist. Schickt uns Wein, großmüthiger Bräutigam und glückliche Braut, damit wir auf deine und der deinigen Gesundheit trinken können.«

Christine wurde bleich und blickte heimlich umher, denn die unter der Last des Mißfallens der Welt leben, wenden Anspielungen auf die wunden Punkte ihrer Geschichte die empfindlichste Aufmerksamkeit zu. Das Gefühl theilte sich dem Bräutigam mit, welcher mißtrauische Blicke auf die Menge warf, um sich zu vergewissern, ob das Geheimniß der Herkunft seiner Braut nicht entdeckt worden sei.

»Eure schönere festa ehrte nie einen italienischen Corso,« fuhr der Neapolitaner fort, dessen Kopf seinen Phantasien folgte, ohne sich um die Besorgnisse und Wünsche Anderer zu bekümmern. – »Ein prächtiger Putz und eine holde Braut! Schickt uns Wein, felicissimi sposi, damit wir auf Euern ewigen Ruhm und Euer Glück trinken! Glücklich der Vater, der dich Tochter nennt, bella sposa, und hochgeehrt die Mutter, welche ein so vortreffliches Kind gebar! Scelletari, die ihr euch hier drängt, warum tragt ihr die würdigen Eltern nicht auf euern Armen, damit Alle die Wurzeln eines so reichen Zweiges sehen und ehren. Schickt uns Wein, buona gente, schickt uns Becher fröhlichen Weines!«

Das Schreien und die bildliche Sprache Pippo's zog die Aufmerksamkeit der Menge an, welche überdies durch das Sprachgemisch, in welchem er seine Anforderungen hören ließ, ergötzt wurde. Die unbedeutendsten Kleinigkeiten werden häufig, indem sie den Gefühlen des Volks eine neue Richtung geben, die Ursachen ernster Ereignisse. Die Menge, welche dem Hochzeitszuge folgte, hatte angefangen, der Wiederholung derselben Feierlichkeiten überdrüssig zu werden, und überließ sich nun gern dem Zwischenspiele der Glückwünschungen und Forderungen des halbberauschten Italieners.

»Komm selbst heraus und spiele den Vater der glücklichen Braut, würdiger und ehrenfester Fremdling,« rief einer aus dem Haufen spottweise. – »Ein so treffliches Beispiel wird sich auf deine Kindeskinder vererben und deinen Nachkommen Segen bringen.«

Ein jubelndes Gelächter belohnte diese Abfertigung. Sie feuerte den witzfertigen Neapolitaner an, eine rasche und passende Antwort hören zu lassen.

»Mein Segen über die erröthende Rose!« antwortete er ohne Zaudern. »Es gibt schlechtere Väter als Pippo; denn wer da lebt, um Andere lachen zu machen, macht sich um die Menschen sehr verdient; seht dagegen zum Beispiel so einen medico, welcher von den Koliken und Rheumatismen und andern schlechten Krankheiten lebt, deren Feind er zu sein behauptet, obgleich – San Gennaro sei es geklagt! – niemand so einfältig ist, nicht einzusehen, daß der schurkische Doktor und die schurkische Krankheit einander so gut in die Hand spielen, wie Policinello und der Affe.«

»Weißt du einen schlechteren zu nennen, als du bist?« rief jener aus dem Haufen.

»Ein Dutzend, und du sollst mit einbegriffen sein. Mein Segen über die schöne Braut; dreimal glücklich ist sie, die ein Recht hat, auf den Segen eines Mannes Anspruch zu machen, der ein so ehrliches Leben geführt hat, wie Pippo. Sprech' ich nicht die Wahrheit, figligiola

Christine bemerkte, daß die Hand ihres Verlobten sich der ihrigen kalt entwandte, und sie fühlte das Erstarren ihres Blutes, welches gewöhnlich großer und demüthigender Scham folgt. Dennoch kämpfte sie die Schwäche nieder, indem sie auf die Gerechtigkeit Anderer ein Vertrauen setzte, das gewöhnlich den Schuldlosesten am tiefsten inne wohnt. Sie folgte dem Zuge auf seinem Umgang mit einem Schritte, dessen Beben man für nichts anderes, als für die ihrer Lage so natürliche Verlegenheit nahm.

In diesem Augenblicke, wo der bunte Zug an dem Rathhause vorbei kam, und das Musikchor die Luft erfüllte, während eine allgemeine Bewegung die Menge weiter drängte, wurde in dem Gebäude ein Lärmruf gehört. Ihm folgte unmittelbar jenes Hinströmen von Körpern zu der Stelle, das in einem großen Gedränge eine plötzliche und allgemeine Theilnahme an einem neuen und außerordentlichen Begebniß andeutet.

Die Menge wurde zurückgetrieben und zerstreute sich, der Zug war verschwunden und es zeigte sich eine ungewöhnliche Thätigkeit und Heimlichkeit unter den Bedienstigten des Städtchens, ehe die Wenigen, welche auf dem Platze blieben, sich die Ursache dieser Störung allmählig zuflüsterten. Das Gerücht verbreitete sich, einer der Gefangenen, ein athletischer italienischer Seemann, habe die Aufmerksamkeit der andern Wächter des Ortes, welche bei dem Feste beschäftigt gewesen, benutzt, um die einzige Schildwache niederzuwerfen und seine Flucht zu bewerkstelligen, wobei ihm alle die Trunkenbolde, die noch laufen konnten, gefolgt wären.

Das Entweichen einiger gesetzloser Troßbuben aus ihrem Gewahrsam war kein Ereigniß, das die Aufmerksamkeit der Neugierigen lange von den Unterhaltungen des Tages abziehen konnte, vorzüglich als man hörte, daß ihre Haft ohnehin mit der untergehenden Sonne geendigt haben würde. Als aber der Vorfall Herrn Peter Hofmeister berichtet wurde, stieß der zürnende Landvogt fünfzig schwere Flüche über die Unverschämtheit der Schurken, über die Sorglosigkeit der Wachehabenden und zu Ehren der guten Sache der Gerechtigkeit im Allgemeinen aus. Nach diesem wurde augenblicklich befohlen, die Entlaufenen sollten eingefangen werden. Als dieser wesentliche Theil der Sache abgethan war, ordnete er ferner an, sie sollten sofort vor ihn geführt werden, selbst wenn er in die ernstesten der Feierlichkeiten des Tages vertieft wäre. Wenn Peter im Zorne sprach, war es nicht möglich, daß man seine Stimme überhörte und der Befehl war kaum aus seinem Munde, als sich auch schon ein Dutzend waadtländische Diebsfänger in vollem Ernst und mit der bestmöglichen Absicht, ihren Zweck zu erreichen, an das Werk begaben. Mittlerweile gingen die Spiele ihren Gang und mit dem fortrückenden Tag und der herannahenden Stunde, die für das Festmahl festgesetzt war, sammelte sich das gute Volk abermals auf dem großen Platze, um die Endscenen mit anzusehen und bei der Einsegnung des Hochzeitpaares gegenwärtig zu sein, welcher Segen, als die letzte und wichtigste Ceremonie dieses begebnisreichen Tages, über Jacques Colis und Christine von dem wirklichen Diener des Altars ausgesprochen werden sollte.


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