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Der Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil

James Fenimore Cooper: Der Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil - Kapitel 15
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil
publisherVerlag von Joh. David Sauerländer
printrunZweite Auflage
year1841
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20181217
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Vierzehntes Kapitel.

Dein Laut ist uns wie Wind in stillen Wäldern.

Shelley.

Maso hatte während des ganzen vorhergehenden Auftrittes, trotz der Gewichtigkeit der Thatsachen, die sich gegen ihn häuften, viel von jener festen Selbstbeherrschung und Beurtheilungskraft behauptet, welche die Früchte eines mit Gefahren vertrauten irren Lebens und vielfacher Wagnisse waren. Zu diesen Ursachen der Besonnenheit darf man noch die eisengleichen Nerven rechnen, welche ihm die Natur gegeben hatte. Diese letztern wurden nicht leicht erregt, so mißlich auch die Lage sein mochte, in welcher er war. Dennoch hatte er die Farbe gewechselt und seine Züge hatten jenen gedankenvollen und unsichern Ausdruck, welcher anzeigte, daß er sich in einer Lage befand, welche alle Vorsicht und Geisteskraft in Anspruch nahm. Sein Entschluß schien aber fest zu stehen, als er die oben erwähnten Worte hören ließ und er wartete nur auf das Weggehen einiger Bedienstigten, um seinen Vorsatz ins Werk zu setzen. Als die Thüre geschlossen, und nur die Richter, Sigismund, Balthasar und die Gruppe der Frauen an dem Seiten-Altare zu sehen waren, wandte er sich mit einem ungemein ehrerbietigen Ausdruck ausschließlich an Signor Grimaldi, als wenn das Urtheil, das über sein Schicksal entscheiden sollte, lediglich von dessen Willen abhing.

»Signore,« sagte er, »es fanden viele geheime Deutungen zwischen uns statt, und ich brauche wohl nicht zu bemerken, daß Ihr mir bekannt seid.«

»Ich habe bereits einen Landsmann in dir erkannt,« versetzte der Genueser kalt; »es ist jedoch vergeblich, zu glauben, daß dieser Umstand einem Mörder zu gut kommen könne. Wenn etwas mich bewegen könnte, die Stimme der Gerechtigkeit zu vergessen, so würde die Erinnerung des großen Dienstes, den du uns auf dem Leman erzeigt, dir am ersten zu statten kommen. Wie die Dinge stehen, fürchte ich, hast du nichts von mir zu erwarten.«

Maso schwieg. Er sah dem Andern fest in das Gesicht, als wollte er ihm in der Seele lesen, obgleich er bemüht war, den Ausdruck einer hohen Ehrfurcht beizubehalten.

»Signore, das Glück lächelte Euch hold bei Eurer Geburt. Ihr kamt zur Welt als der Erbe eines mächtigen Hauses, in welchem Gold in größerer Fülle sich findet, als Jammer in eines armen Mannes Strohhütte, und Ihr habt nicht durch Erfahrung lernen können, wie hart es ist, die Sehnsucht nach jenen Freuden, welche das elende Metall verschafft, zu unterdrücken, während wir Andere in dessen Ueberfluß schwelgen sehen.«

»Diese Ausrede kann dir nicht frommen, Unglücklicher, sonst würde es um die menschlichen Satzungen geschehen sein; der Unterschied, von welchem du sprichst, ist die einfache Folge der Eigenthumsrechte; und selbst der Barbar gibt die heilige Pflicht zu, das zu achten, was einem Andern gehört.«

»Ein Wort von jemand Eures Gleichen, edler Signore, würde mir den Weg nach Piemont öffnen,« fuhr Maso unerschütterlich fort: »bin ich jenseits der Grenzen, so werde ich besorgt sein, den Felsen von Wallis nicht mehr zur Last zu fallen. Ich verlange nur, was durch mich gerettet worden ist – das Leben.«

Signor Grimaldi schüttelte den Kopf, obgleich man bemerken konnte, daß er die verlangte Einsprache ungern ablehnte. Er und der alte Melchior von Willading sahen sich an; Alle, welche diesen stummen Blick bemerkten, verstanden, daß er sagen sollte, jeder betrachte die Pflicht gegen Gott für eine höhere Verbindlichkeit als die Dankbarkeit für einen ihnen erwiesenen Dienst.

»Fordere Geld oder was du sonst willst, aber verlange nicht von mir, daß ich die Gerechtigkeit hemmen helfe. Gern hätte ich dir den zwanzigfachen Werth jenes elenden Tandes gegeben, um deßwillen du so unbesonnen gemordet hast, Maso; aber ich kann kein Theilnehmer deines Verbrechens werden, indem ich Jacques Verwandten die Sühne verweigere. Es ist zu spät; ich kann dir nun nicht helfen, selbst wenn ich wollte.«

»Du hörst die Antwort dieses edeln Herrn,« sagte der Gerichtsherr: »sie ist weise und passend und du überschätzest seinen und aller Anwesenden Einfluß, wenn du glaubst, die Gesetze könnten nach Belieben bei Seite gesetzt werden. Wärst du selbst ein Edelmann, oder der Sohn eines Fürsten, so müßte das Recht in Wallis seinen Lauf haben.«

Maso lächelte wild, und doch war der Ausdruck seines glänzenden Auges so ironisch, daß er seinen Richter in Unbehaglichkeit versetzte. Auch Signor Grimaldi bemerkte die kühne, zuversichtliche Miene mißtrauisch, denn sein Geist war innerlich durch einen Gegenstand beunruhigt, der seinen Gedanken selten lange fremd war.

»Wenn du mehr meinst, als du sagtest,« rief der Letztere, »so rede deutlich, um der gebenedeiten Jungfrau willen!«

»Signor Melchior,« fuhr Maso zu dem Freiherrn gewendet fort, »ich war Euch und Eurer Tochter auf der See nützlich.«

»Wohl warst du das, Maso, wir geben es beide gern zu, und wär' es in Bern, – aber die Gesetze sind für Alle ohne Ausnahme, für die Reichen und für die Armen, für die, welche Freunde haben und für die, welche keine haben.«

»Ich habe von dieser That auf der See gehört,« fiel Peterchen ein, »und wenn der Ruf nicht lügt – was, dem Himmel sei es geklagt, der Ruf wohl manchmal thut, nur daß er denen, die in hohen Aemtern stehen, immer ihr Recht angedeihen läßt – so hast du dich in jener Sache wie ein braver und geschickter Seemann benommen, Maso, aber der ehrenwerthe Gerichtsherr hat richtig bemerkt, daß die Gerechtigkeit allem Andern vorgeht. Die Gerechtigkeit wird blind dargestellt, um darzuthun, daß sie sich nicht an Personen kehrt, und wärst du der Schultheis, der Spruch muß erfolgen. Denke daher reif über alles Vorgefallene nach und du wirst die Unmöglichkeit deiner Unschuld einsehen. Erstlich hast du den Weg verlassen, während du vor Jacques Colis voraus warst, und hast ihn wieder betreten, als es zu deinen Plänen paßte; dann nahmst du ihm um des Goldes willen sein Leben –«

»Allein dadurch wird das als wahr angenommen, Herr Landvogt, was bis jetzt nur Muthmaßung ist,« unterbrach ihn Il Maledetto. »Ich verließ den Weg, um Nettuno den Gürtel umzubinden; wo mich kein neugieriges Auge beachten konnte; und das Gold, von dem Ihr redet, angehend – würde wohl der Besitzer eines Halsschmuckes von diesem Werthe seine Seele an einen Tand setzen, wie der des Jacques Colis ist?«

Maso sprach mit einer Wegwerfung, die seine Sache nicht förderte; denn sie hinterließ bei seinen Zuhörern den Eindruck, als wiege er die Sittlichkeit und Unsittlichkeit seiner Handlungen einfach nach ihrem Erfolge ab.

»Es ist Zeit, der Sache ein Ende zu machen,« sagte Signor Grimaldi, der gedankenvoll und wehmüthig den Andern zugehört hatte: »du hast mir etwas Besonderes zu sagen, Maso; wenn du aber nichts anderes anzusprechen hast, als unser gemeinschaftliches Vaterland, so bedaure ich, dir sagen zu müssen, daß dies dir nicht aus dieser Noth hilft.«

»Signore, die Stimme des Dogen von Genua erhebt sich nicht oft fruchtlos, wenn er sie zu Gunsten eines Andern hören lassen will.«

Bei dieser plötzlichen Verkündigung des Ranges des Reisenden fuhren die Mönche und der Gerichtsherr erstaunt auf, und ein leises Murmeln der Verwunderung wurde in der Kirche gehört. Peterchens Lächeln und die Ruhe des Freiherrn von Willading zeigten jedoch, daß sie wenigstens nichts Neues erfuhren. Der Landvogt flüsterte dem Prior bedeutungsvoll zu und von diesem Augenblicke an nahm sein Betragen gegen den Genueser noch mehr von dem Charakter förmlichen und amtlichen Respektes an. Signor Grimaldi blieb jedoch würdevoll gefaßt, wie Jemand, der daran gewöhnt ist, sich ehrerbietig behandelt zu sehen, obgleich sein Wesen den geringen Grad von Zwang verlor, welchen ihm die Beachtung des zeitlichen Charakters, den er angenommen, aufgelegt hatte.

»Die Stimme des Dogen von Genua darf nur zu Gunsten des Unschuldigen Fürsprache einlegen,« erwiederte er, den strengen Blick auf das Gesicht des Angeklagten fesselnd.

Abermals schien Il Maledetto mit einem Geheimniß zu kämpfen, das auf seiner Zunge schwebte.

»Sprich,« fuhr der Fürst von Genua fort, denn dieser hohe Beamte war es wirklich, der unbekannt und in der Hoffnung reiste, seinen alten Freund bei dem Feste zu Vevay zu finden; »sprich, Maso, wenn du etwas Bedeutendes zu deinen Gunsten vorzubringen hast, denn die Zeit drängt und der Anblick eines Mannes, dem ich so viel verdanke, und der sich in einer so traurigen Lage befindet, ohne daß ich ihm zu helfen im Stande bin, wird mir peinlich.«

»Signor Doge, Ihr könnt, obgleich taub gegen die Stimme des Mitleids, nicht taub gegen die der Natur sein.«

Das Gesicht des Dogen wurde dunkel, seine Lippen bebten fast krampfhaft.

»Weg mit dem Geheimniß, Mann des Blutes!« sagte er mit Kraft: »was willst du?«

»Ich bitte Eure Eccellenza, ruhig zu sein. Die Noth zwingt mich zu reden; denn, wie Ihr seht – ich stehe zwischen dieser Offenbarung und dem Block – ich bin Bartolo Contini!«

Der Seufzer, der den zusammengepreßten Lippen des Dogen sich entrang, die Art, wie er auf seinen Stuhl sank und die Todesfarbe, welche seine alten Züge bedeckte, bis sie bleicher waren, als selbst die des unglücklichen Opfers der Gewaltthätigkeit, rief alle Anwesende in Staunen und Schrecken zu seinem Sitze. Der Fürst gab den sich um ihn Drängenden ein Zeichen, Raum zu machen und blickte Maso mit Augen an, welche aus ihren Höhlen brechen zu wollen schienen.

»Du, Bartolomeo?« rief er heiser, als hätte der Schreck seine Zunge gelähmt.

»Ich bin Bartolo und kein Anderer! Wer durch ein buntes Leben geht, hat Gelegenheit viele Namen zu erhalten. Selbst Eure Hoheit reist zuweilen unter einer Wolke.«

Der Doge fuhr fort, den Redenden mit dem starren Blicke anzuschauen, der auf einem Wesen nicht-irdischer Art zu haften schien.

»Melchior,« sagte er langsam, seine Augen nach und nach von der einen zu der Andern der Gestalten wendend, welche vor seinen Augen schwammen – denn Sigismund war, in lebhafter Besorgniß um den alten Mann, an Maso's Seite getreten – »Melchior, wir sind nur schwache und elende Geschöpfe in der Hand dessen, der auf die Stolzesten und Glücklichsten unter uns sieht, wie wir auf den Wurm, der sich auf der Erde windet. Was ist Hoffnung, was Ehre, und unsere innigste Liebe in jenem großen Kreise von Begebenheiten, welche die Zeit gebährt? sind wir stolz, so rächt sich das Schicksal an unserem Hochmuth durch seine Verhöhnung; sind wir glücklich, so ist's die Ruhe, die dem Sturm vorangeht; sind wir groß, so führt uns dies nur zu Schritten, welche unsern Fall rechtfertigen; sind wir geehrt, so wird unser gute Name trotz aller unserer Sorgfalt geschändet.«

»Wer sein Vertrauen in den Sohn der heiligen Jungfrau setzt, darf nimmer verzweifeln!« sagte der würdige Schlüsselmeister leise, fast zu Thränen gerührt durch den Kummer dessen, den er achten gelernt hatte. »Laß das Glück der Welt entfliehen oder wechseln, wie es will, seine erhebende Liebe überlebt die Zeit!«

Signor Grimaldi – denn dies war der Familienname des Dogen von Genua – wandte seinen starren Blick auf den Augustiner, kehrte ihn aber schnell den Gestalten und Gesichtern Maso's und Sigismund's zu, welche noch vor ihm standen und seine Gedanken mehr noch als seine Augen einnahmen.

»Ja, es gibt eine Gewalt« – begann er wieder, »ein hohes und wohlthätiges Wesen, das unsere Loose hier vertheilt und das, wenn wir mit den Unbilden dieses Lebens beladen, zu dem andern übergehen, uns Gerechtigkeit widerfahren läßt. Sage mir, Melchior, der du meine Jugend gekannt, in meinem Herzen gelesen hast, wenn es offen dalag wie der Tag, wodurch habe ich diese Strafe verdient? Hier steht Balthasar – der Sprößling einer Scharfrichter-Familie – ein Mann, den die öffentliche Meinung verdammt – den das Vorurtheil mit Haß umgibt – auf den die Menschen mit Fingern deuten und den die Hunde bellend verfolgen – Balthasar ist der Vater jenes edeln Jünglings, dessen Gestalt so vollendet, dessen Geist so adlig, dessen Leben so rein ist; während ich, der letzte eines Stammes, dessen Alter sich in der Dunkelheit der Zeit verliert, der Reichste meines Landes, der Auserkohrene unter Meinesgleichen, verflucht bin, einen Geächteten, einen gemeinen Räuber, einen Mörder zur einzigen Stütze meines Geschlechtes – diesen Maledetto, diesen Verfluchten zum Sohne zu haben.«

Ein allgemeines Erstaunen ergriff die Zuhörer, da selbst der Freiherr von Willading die wirkliche Ursache des Kummers seines Freundes nicht geahnt hatte. Maso allein blieb unerschüttert; während der alte Vater die ganze Gewalt seines Schmerzes verrieth, zeigte der Sohn nichts von jenem Mitgefühle, von dem selbst ein Leben wie das seinige, wie man erwarten durfte, nicht jede Spur in dem Herzen eines Kindes vertilgt haben konnte. Er blieb kalt, gesammelt, umsichtig und Herr jeder seiner Handlungen.

»Ich kann es nicht glauben,« rief der Doge, dessen Seele sich bei dieser gefühllosen Ruhe mehr noch als bei der Schmach, eines solchen Sohnes Vater zu sein, empörte; – »du bist der nicht, der zu sein du vorgibst; du lügst, damit mein natürliches Gefühl zwischen dich und den Richtstuhl trete! Beweise die Wahrheit, oder ich überlasse dich deinem Schicksale.«

»Signor, ich hätte Euch gerne diese unglückliche Scene erspart, aber Ihr wolltet nicht. Dieser Siegelring, Euer Geschenk, und mir gegeben in einer Fährlichkeit, wie diese, mein Schirm zu werden, wird Euch beweisen, daß ich Euer Sohn bin. Es ist mir überdieß leicht, durch hundert Zeugen, die in Genua leben, die Wahrheit meiner Worte darzuthun.«

Signor Grimaldi streckte eine Hand aus, die wie eine Espe zitterte, um den Reif, ein Kleinod von geringem Werthe, aber ein Siegelring, den er wirklich als Erkennungszeichen zwischen ihm und seinem Kinde, wenn das letztere ein plötzlicher Unfall treffen sollte, gesendet hatte, zu empfangen. Er seufzte, als er auf die wohlbekannte Embleme blickte, denn es war kein Zweifel, daß es sein Ring sei.

»Maso – Bartolo – Gaetano, denn dies, unglücklicher Bursche, ist dein rechter Name – du kannst nicht wissen, wie bitter der Schmerz ist, den ein unwürdiges Kind seinem Vater bringt, sonst würde dein Leben ein anderes gewesen sein. O, Gaetano! Gaetano! Welche Hoffnungen kann ein Vater auf dich bauen? Welch eine Liebe kann er für dich fühlen! Ich sah dich zum letzten Mal einen lächelnden unschuldigen Cherub in den Armen deiner Amme und ich finde dich mit verderbter Seele, den reinen Quell deines Gemüthes getrübt, deine Gestalt mit dem Stempel des Lasters bezeichnet und deine Hände mit Blut gefärbt; frühzeitig alt an Körper und mit einem Geist, der bereits mit dem höllischen Makel der Verdammten behaftet ist.«

»Signore, Ihr findet mich, wie ein wildes stürmisches Leben es wollte. Die Welt und ich sind viele Jahre handgemein gewesen und indem ich mit den Gesetzen spiele, räche ich mich an dem Mißbrauch derselben« erwiederte Il Maledetto eifrig, denn sein Geist raffte sich empor. »Du setzest mir hart zu, Doge – oder Vater – oder was du willst – und ich würde mich meiner Abstammung unwürdig zeigen, vergälte ich nicht gleiches mit gleichem. Vergleiche dein Leben mit dem meinigen und laß es, wenn du willst, beim Schmettern der Trompeten verkündigen, wer am meisten Grund hat, stolz zu sein und zu frohlocken. Du wurdest in den Hoffnungen und Ehren unseres Geschlechtes erzogen; deine Jugend verstrich dir im lustigen Waffengewerbe, wie du es wolltest; als du des Wechsels müde warst, und deine Freuden enger begränzen wolltest, sahst du dich nach einem Mädchen um, das die Mutter deines Erben werden sollte; du wandtest dein sehnendes Auge auf eine Jugendliche, Schöne und Edle, deren Liebe, deren Wort aber feierlich, unwideruflich eines Andern waren.«

Der Doge schauderte und verhüllte seine Augen; aber er unterbrach Maso heftig.

»Ihr Verwandter war ihrer Liebe unwürdig,« rief er; »er war ein Geächteter, wenig besser als du, unglücklicher Bursche!«

»Es thut nichts, Signore; Gott hat Euch nicht zu ihrem Richter gesetzt. Indem Ihr ihre Familie durch Euern größern Reichthum in Versuchung führtet, habt Ihr zwei Herzen vernichtet und die Hoffnungen Eurer Mitmenschen zerstört. In ihr wurde ein Engel geopfert, mild und rein, wie dieses schöne Wesen, das jetzt so athemlos meinen Worten lauscht; in ihm ein stolzer ungezähmter Geist, welcher der Schonung um so mehr bedurfte, da er sich eben so wohl zum Guten wie zum Schlimmen wenden konnte. Ehe Euer Sohn geboren ward, verzweifelte Euer unglücklicher Nebenbuhler, der so arm an Hoffnung als an Schätzen war, und die Mutter Eures Kindes fiel als ein Opfer ihres rastlosen Kummers über ihre Treulosigkeit und seine Verirrungen.«

»Deine Mutter war getäuscht, Gaetano; sie kannte nie den wahren Charakter ihres Vetters, sonst hätte sich eine Seele, wie die ihrige, mit Abscheu von dem Elenden gewendet.«

»Signore, es thut nichts,« fuhr Il Maledetto mit rauher Beharrlichkeit und einer Kälte fort, welche die Bezeichnung, die seinem Geiste eben beigelegt worden war, und ihn mit einem höllischen Makel behaftet, darstellte, wohl zu verdienen schien: »sie liebte ihn mit eines Weibes Herzen; und mit eines Weibes Unbefangenheit und Zuversicht schrieb sie seinen Fall der Verzweiflung um ihren Verlust zu.«

»O, Melchior! Melchior! Dies ist schrecklich wahr!« seufzte der Doge.

»Es ist so wahr, Signore, daß es auf meiner Mutter Grab geschrieben werden sollte. Wir sind Kinder eines feurigen Klima's; die Leidenschaften glühen in unserm Italien, wie die heiße Sonne, die dort flammt. Wenn die Verzweiflung den getäuschten Liebhaber zu Handlungen trieb, welche ihn zum Geächteten machten, so war der Schritt zur Rache kurz. Euer Kind wurde geraubt, Euern Augen verborgen und unter Umständen in die Welt geschleudert, welche nicht zweifeln ließen, daß es in Bitterkeit leben, und in der Verachtung, wenn nicht unter den Verwünschungen seiner Mitmenschen sterben würde. Alles dies, Signor Grimaldi, ist die Frucht Eurer Irrthümer. Hättet Ihr die Liebe eines unschuldigen Mädchens geachtet, so möchten die traurigen Folgen weder Euch noch mich getroffen haben.«

»Ist dieses Mannes Geschichte wahr?« fragte der Freiherr, der mehr als einmal gewillt gewesen war, der rauhen Zunge des Redenden Einhalt zu thun.

»Ich stelle sie nicht in Abrede – ich kann es nicht; ich sah mein Thun nie vorher in diesem verbrecherischem Lichte und doch scheint alles schrecklich wahr.«

Il Maledetto lachte. Die um ihn waren, glaubten, diese unzeitliche Lustigkeit gleiche dem Hohne eines Teufels.

»So fahren die Menschen fort zu sündigen, während sie das Verdienst der Unschuld in Anspruch nehmen!« fügte er hinzu. »Laßt die Großen der Erde nur die Hälfte der Sorgfalt, welche sie jetzt zeigen, Vergehen gegen sie zu strafen, aufbieten, sie zu verhüten, und was jetzt Gerechtigkeit heißt, wird nicht länger der Vorwand sein, der Wenige in den Stand setzt, auf Kosten der Uebrigen zu leben. Was mich betrifft, so bin ich ein Beweis, was edles Geblüt und erhabene Abstammung an sich vermögen. Da ich als Kind geraubt wurde, konnte die Natur frei auf meinen Charakter wirken, welcher, ich gestehe es, mehr zu wilden Abenteuern und mannhaften Wagnissen, als zu den Freuden der Marmorsäle hinneigt. Mein edler Vater, wäre dieser Geist für einen Senator oder Dogen zugestutzt worden, möchte es Genua schlecht ergehen.«

»Unglücklicher,« rief der entrüstete Prior, »ist dies die Sprache eines Kindes gegen seinen Vater? Vergißt du, daß Jacques Colis Blut an deinen Händen klebt?«

»Frommer Augustiner, die Aufrichtigkeit, mit welcher ich meine allgemeine Gebrechlichkeit eingestanden habe, sollte mir Zutrauen erwecken, wenn ich von besondern Anklagen spreche. Bei den Hoffnungen und der Frömmigkeit des hochwürdigen Kanonikus von Aosta, deinem Schutzheiligen und Stifter, ich bin schuldlos an diesem Verbrechen. Fragt Nettuno so viel Ihr wollt, oder wendet die Sache so vielfach als das Herkommen es erlaubt und laßt den Schein sich noch so sehr geltend machen – ich schwöre Euch, ich bin unschuldig. Wenn Ihr glaubt, die Furcht vor Strafe bewege mich, eine Unwahrheit zu sagen, so thut Ihr, bei diesem heiligen Zeichen (er bekreuzigte sich andächtig) meinem Muthe und meiner Gottesfurcht unrecht. Der einzige Sohn des regierenden Dogen von Genua hat von des Scharfrichters Beil nichts zu fürchten!«

Abermals lachte Maso. Es war die fast in Muthwillen übergehende Zuversicht eines Menschen, der die Welt kannte und zu kühn war, um auch nur den Schein zu achten, sofern es seiner Laune nicht zusagte. Ein Mann, der sein Leben geführt hatte, konnte nicht erst so spät erfahren, daß die Blindheit der Gerechtigkeit öfter Verblendung gegen die Fehler der Vornehmen, als jene Unparteilichkeit andeute, auf welche dieses Sinnbild hinweist. Der Gerichtsherr, der Prior, der Landvogt, der Schlüsselmeister und der Freiherr von Willading blickten einander wie betäubt an. Des Dogen geistiger Kampf bildete mit der herzlosen und grausamen Gefühllosigkeit des Sohnes einen so furchtbaren Contrast, daß der Anblick ihr Blut starren machte. Dieses Gefühl theilte sich um so eher allen mit, je allgemeiner die Ueberzeugung war, daß man den herzlosen Verbrecher entschlüpfen lassen müsse. Es war in der That kein Beispiel da, daß man den Sohn eines Fürsten zum Richtstuhl geführt hätte, sofern es nicht wegen eines Verbrechens geschehen wäre, das mit der Erhaltung der Interessen des Vaters zusammenhing. Vieles wurde in Grundsätzen und Denksprüchen von der Reinheit und Nothwendigkeit strenger Unparteilichkeit in der Verwaltung der Gerechtigkeit vorgebracht, aber keiner der Anwesenden hatte sein Alter und seine Erfahrung erreicht, ohne einige Einsicht in das wirkliche Lebensgetriebe erhalten zu haben, welche sie lehrte, die Straflosigkeit Maso's vorherzusehen. Einem künstlichen und morschen Gebäude würde zu viel Gewalt angethan worden sein, wenn man erfahren hätte, daß der Sohn eines Fürsten nicht besser sei als der Geringste, und die zaudernden Gefühle des Vaters dienten gewiß zuletzt dem Verbrecher zum Schilde.

Die Verlegenheit und Ungewißheit, in welcher man sich befand, wurde glücklicherweise, aber ganz unerwartet, durch Balthasar's Dazwischentreten aufgehoben. Der Scharfrichter war bis zu diesem Augenblicke ein schweigender aufmerksamer Zuhörer gewesen; jetzt drängte er sich aber in den Kreis, schaute in seiner ruhigen Weise von einem auf den andern und sprach mit der Zuversicht, welche die Gewißheit, Bedeutendes mitzutheilen zu haben, wohl dem Schwächsten Angesichts derjenigen gibt, welchen sie gewöhnlich mit Achtung begegnen.

»Die abgebrochene Geschichte Maso's,« sagte er, »zieht einen Schleier von meinen Augen, der sie fast dreißig Jahre umhüllte. Ist es wahr, erhabener Doge, daß ein Sohn Eures edeln Stammes durch die rachsüchtige Feindschaft Eures Nebenbuhlers geraubt und Eurer Liebe vorenthalten wurde?«

»Wahr! ach, zu wahr! hätte es doch der gebenedeiten Jungfrau, die seine Mutter so liebte, gefallen, ihn in den Himmel aufzunehmen, ehe der Fluch ihn und mich traf.«

»Verzeiht, edler Fürst, wenn ich Euch in einem so schmerzlichen Augenblick mit Fragen lästig falle. Es geschieht jedoch in Euerm Interesse. Gestattet nur die Frage, in welchem Jahre Euch dieser Unfall traf?«

Signor Grimaldi gab seinem Freunde ein Zeichen, es zu übernehmen, auf diese ungewöhnlichen Fragen zu antworten, während er sein ehrwürdiges Antlitz in seinen Mantel hüllte, um seinen Schmerz vor den Neugierigen zu verbergen. Melchior von Willading betrachtete den Scharfrichter erstaunt und wollte einen Augenblick Fragen, die ihm zudringlich schienen, zurückweisen; aber der Ernst der Züge und das sanfte, bescheidene Wesen Balthasar's besiegten seinen Widerwillen.

»Das Kind wurde im Herbst des Jahres 1693 geraubt,« antwortete er, da seine frühern Unterhaltungen mit seinem Freunde ihn mit allen wichtigen Thatsachen der Geschichte bekannt gemacht hatten.

»Und sein Alter?«

»Es war beinahe ein Jahr alt.«

»Könnt Ihr mir sagen, was aus dem ruchlosen Edelmann wurde, der diesen schändlichen Raub beging?«

»Das Schicksal des Signor Pantaleone Serrani ist nie genau bekannt geworden, obgleich das Gerücht ging, er sei in Euerm Streite in unserer Schweiz gefallen. Daß er todt ist, unterliegt keinem Zweifel.«

»Und seine Person, edler Freiherr – nur eine Schilderung seiner Person fehlt noch, um das volle Mittagslicht auf das zu werfen, was so lange in Nacht verhüllt war.«

»Ich kannte den unglücklichen Signor Pantaleone in früher Jugend sehr genau. Er mag in der erwähnten Zeit zwanzig Jahre alt gewesen sein, die Gestalt einnehmend und von mittler Höhe, die Züge hatten den italienischen Umriß, das dunkle Auge, die braune Haut, das glänzende Haar des Himmelsstriches. Mehr kann ich nicht sagen, ausgenommen, daß er in einer unserer Fehden in der Lombardei einen Finger verloren hatte.«

»Dies reicht hin,« erwiederte der aufmerksame Balthasar. »Laßt Euern Kummer fahren, fürstlicher Doge, und bereitet Euer Herz zu einer neuen Freude. Statt der Vater dieses wilden Freibeuters zu sein, gibt Gottes Gnade Euch endlich Euern wirklichen Sohn in Sigismund zurück, einem Kinde, das eines jeden Vaters Herz erfreuen muß, und wär' er ein Kaiser!«

Die Anwesenden hörten diese Erklärung mit dem größten Erstaunen. Ein Schreckensruf entfuhr Margarethens Lippen, die sich der Gruppe in der Mitte der Kirche zitternd und angstvoll näherte, als wenn das Grab ihr das Liebste raubte.

»Was höre ich?« rief die Mutter, deren Gefühl zuerst rege ward. »Kann es wahr sein, Balthasar? Soll ich in der That keinen Sohn haben? Ich weiß, du kannst nicht mit den Gefühlen einer Mutter spielen, oder diesen schwer getroffenen Edeln so mißleiten. Sag' es noch einmal, damit ich die Wahrheit erfahre – Sigismund –«

»Ist nicht unser Kind,« antwortete der Scharfrichter mit einem Ausdruck der Wahrheit in seinem Wesen, der die Ueberzeugung mit sich brachte: »Unser Sohn starb in den glücklichen Jahren der Kindheit und um dein Gefühl zu schonen, nahm ich ohne dein Vorwissen diesen Knaben an seiner Statt an.«

Margarethe näherte sich dem jungen Manne. Sie blickte ihm nachdenklich in das glühende, erregte Antlitz, in welchem der Schmerz, sich so unerwartet einer Familie, die er stets für die seinige gehalten, entrissen zu sehen, furchtbar mit einer wilden und unerklärlichen Freude kämpfte, plötzlich einer Last überhoben zu sein, unter welcher er so lange geseufzt hatte. Diesen letztern Ausdruck mit eifersüchtiger Liebe deutend, ließ sie ihr Antlitz auf ihre Brust sinken und begab sich schweigend zu den Frauen zurück, um zu weinen.

Indessen bemächtigte sich der verschiedenen Anwesenden ein rasches und stürmisches Erstaunen, das sich nach ihren mannigfaltigen Charakteren und nach dem Maß des Interesses, welches jedes an der Wahrheit oder Unwahrheit des eben Mitgetheilten nahm, verschieden gestaltete. Der Doge hielt mit einer Beharrlichkeit, welche seinem frühern Schmerze gemäß war, an der Hoffnung fest, so unwahrscheinlich sie war, während Sigismund wie außer sich dastand. Sein Auge ging von dem einfachen und wohlmeinenden, aber erniedrigten Manne, den er für seinen Vater gehalten hatte, zu dem ehrwürdigen und Achtung gebietenden Edeln, welcher sich ihm jetzt so unerwartet in diesem geheiligten Charakter darstellte. Margarethens Seufzer erreichten sein Ohr und riefen ihn zuerst zur Besinnung zurück. Mit ihnen verschmolz der neue Gram Christinens, der zu Muth war, als hätte der grausame Tod ihr nun einen Bruder geraubt. Endlich die sich sträubende Erregung derjenigen, deren Theilnahme an ihm ein zärtlicheres und höheres Recht hatte!

»Das ist so wunderbar!« sagte der bebende Doge, der bange war, die nächste Sylbe, die er hören würde, möchte die glückliche Täuschung zerstören, »so seltsam unwahrscheinlich, daß meine Vernunft nicht glauben will, während mein Herz sich sehnt zu glauben. Es ist nicht genug, Balthasar, daß du uns diese unerwartete Kunde mittheilst; wir müssen Beweise haben. Gib nur die Hälfte des Beweises, der nöthig ist, eine Thatsache gesetzlich zu begründen, und ich will dich zum Reichsten deines Standes in der Christenheit machen. Und du, Sigismund, komm näher an mein Herz, edler Jüngling,« setzte er mit ausgebreiteten Armen hinzu, – »damit ich dich segne, so lange ich hoffen darf – daß ich einen Schlag der Pulse eines Vaters – einen Augenblick der Wonne eines Vaters fühle!«

Sigismund kniete vor dem ehrwürdigen Fürsten nieder und während dessen Haupt auf seine Schulter sank, mischten sich ihre Thränen. Aber selbst in diesem köstlichen Augenblicke überkam sie ein Gefühl der Unsicherheit, als könnte die große Freude über ein so reines Glück nicht währen. Maso blickte mit kaltem Mißbehagen auf diese Scene. Sein abgewendetes Gesicht ließ ein stärkeres Gefühl gewahren, als das vereitelter Hoffnung, obgleich die Gewalt natürlichen Mitgefühls so stark war, daß sie Beweise ihrer Kraft aus den Augen aller übrigen Anwesenden lockte.

»Segen dir, Segen dir, mein Kind, mein vielgeliebter Sohn!« murmelte der Doge, sich der unwahrscheinlichen Erzählung Balthasar's einen köstlichen Augenblick hingebend und die Wangen Sigismund's küssend, wie man ein lächelndes Kind liebkost – »möge der Herr des Himmels und der Erde, sein einziger Sohn und die heilige unbefleckte Jungfrau dich vereinigt segnen, jetzt und in Zukunft, wer du auch sein magst. Ich danke dir einen kostbaren Augenblick des Glückes, wie ich ihn nie vorher empfand. Ein Kind zu finden, reicht hin, denselben zu erzeugen, aber zu glauben, daß du dieser Sohn bist, grenzt an die Freuden des Paradieses!«

Sigismund küßte inbrünstig die Hand, welche liebevoll auf seinem Haupte lag, während der Greis diese Worte sprach; dann stand er im Gefühle der Nothwendigkeit, eine Bürgschaft für so süße Regungen zu erhalten, auf und bat den, welcher solange für seinen Vater gegolten hatte, dringend und angelegentlich, sich deutlicher zu erklären und seine neugebornen Hoffnungen durch irgend einen bessern Beweis als seine bloße Betheuerung zu rechtfertigen; denn so feierlich die letztere gegeben worden, und so groß wie er wußte, die Wahrheitsliebe war, welche dem verachteten Scharfrichter nicht nur inne wohnte, sondern die er auch allen einzuprägen bemüht war, an deren Schicksal er Theil nahm, so schien doch seine Mittheilung allzu unwahrscheinlich, um den Zweifeln dessen zu widerstehen, der wußte, daß sein Glück die Frucht oder die Strafe seiner Wahrhaftigkeit sei.


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