Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Der Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil

James Fenimore Cooper: Der Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil - Kapitel 13
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil
publisherVerlag von Joh. David Sauerländer
printrunZweite Auflage
year1841
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20181217
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel.

– Ward je eine Erzählung
Mit so bescheid'nem Adel vorgebracht?

Home.

Schicklichkeits- und andere Rücksichten, welche mit den religiösen, um nicht zu sagen, mit den abergläubischen Ansichten der meisten Gefangenen natürlich zusammenhingen, hatten die Mönche veranlaßt, die Klosterkirche zum Gerichtssaal zu wählen. Dieser geweihte Theil des Gebäudes war hinreichend geräumig, um alle die zu fassen, welche sich in ihren Mauern zu sammeln pflegten. Er war, wie die meisten katholischen Kirchen, ausgeziert und hatte einen Hauptaltar und zwei kleinere, welche geschätzten Heiligen geweiht waren. Eine große Lampe erleuchtete die Kirche, aber der Hochaltar lag in zweifelhaftem Lichte und ließ der Phantasie Spielraum, diesen Theil der Kapelle zu bevölkern und auszuschmücken. Innerhalb des Chorgitters stand eine Tafel, an welcher Etwas durch ein großes Leichentuch verhüllt war. Unter der Lampe sah man einen zweiten Tisch, welcher den Zwecken des Schlüsselmeisters diente, der bei dieser Gelegenheit das Amt des Schreibers übernommen hatte. In seiner Nähe nahmen die Richter ihre Plätze. Eine Gruppe Frauen drängte sich im Schatten eines der Seitenaltäre aneinander. Unterdrückte Seufzer und krampfhafte Bewegungen waren zuweilen in dieser kleinen Gruppe zartfühlender und warmherziger Wesen zu gewahren und verriethen die Heftigkeit der Erregung, welche sie gern verbergen wollten. Die Mönche und Novizen reihten sich auf der einen Seite; den Hintergrund des Ganzen bildeten die Führer und Maulthiertreiber, während Sigismunds schöne Gestalt, ernst und regungslos wie eine Statue, auf den Stufen des Altars stand, welcher den Frauen gegenüber lag. Er beachtete jeden kleinsten Theil der Verhandlung mit der Festigkeit, welche die Frucht herber Uebung in der Beherrschung seiner selbst war, und mit dem festen Entschluß, auf das Haupt seines Vaters keine neue Schmach häufen zu lassen.

Als die kleine, durch den Eintritt der Gesellschaft aus dem Speisesaal entstandene Verwirrung beseitigt war, gab der Prior einem der Gerichtsdiener ein Zeichen. Der Mann verschwand und kehrte bald mit einem der Gefangenen zurück, da das Verhör sich über Alle erstrecken sollte, welche durch die Vorsicht der Mönche festgenommen worden waren. Balthasar (denn dieser war es) näherte sich in seiner gewöhnlichen sanften Weise dem Tische. Seine Glieder waren ungefesselt, sein Aeußeres ruhig, obgleich die schnellen, unruhigen Bewegungen seines Auges und der Ausdruck seiner blassen Gesichtszüge, so oft ein unterdrückter Seufzer aus der Gruppe der Frauen sein Ohr erreichte, den innern Kampf verriethen, den er zu bestehen hatte, um gefaßt zu scheinen. Als er seinen Richtern gegenüber stand, neigte sich Vater Michael vor dem Gerichtsherrn, denn obgleich die Andern aus Höflichkeit zur Theilnahme an dem Verhöre zugelassen worden waren, gehörte das eigentliche Recht, in einer Sache dieser Art innerhalb der Grenzen von Wallis einzuschreiten, diesem Beamten allein.

»Du heißt Balthasar?« begann der Richter sofort, einen Blick auf ein Blatt vor ihm werfend.

Eine einfache Verneigung des Kopfes war die Antwort.

»Und du bist der Scharfrichter des Kantons Bern?«

Eine ähnliche stumme Antwort erfolgte.

»Das Amt ist erblich in deiner Familie, und war es seit Jahrhunderten?«

Balthasar richtete sich empor und athmete schwer, wie Jemand, dessen Herz bedrängt ist, der aber seine Gefühle niederkämpfen wollte, ehe er antwortete.

»Mein Herr,« sagte er mit Kraft, »zufolge des Rathschlusses Gottes war es so.«

»Guter Balthasar, du legst zuviel Nachdruck auf deine Worte,« fiel der Landvogt ein. »Alles, was zur Regierung gehört, ist ehrenwerth und darf nicht als ein Unglück angesehen werden. Erbliche Ansprüche, die durch Zeit und Gebrauch ehrwürdig werden, haben einen doppelten Werth in der Welt, denn das Verdienst des Vorfahren stützt so das des Nachkommen. Wir haben unsere bürgerschaftlichen Rechte und du deine Scharfrichter-Rechte. Es gab eine Zeit, wo deine Väter mit ihrem Vorrechte zufrieden waren.«

Balthasar verbeugte sich unterwürfig, und schien jede andere Antwort für unnütz zu halten. Sigismund's Finger zuckten an dem Griffe seines Schwertes und ein Seufzer, welcher, wie der junge Mann wohl wußte, sich der Brust seiner Mutter entrang, wurde in der Gruppe der Frauen gehört.

»Die Bemerkung des würdigen und ehrenwerthen Landvogts ist richtig,« begann der Walliser wieder; »was zum Staate gehört, ist zum Besten des Staates und Alles, was die Behaglichkeit und Sicherheit der Menschen fördert, ist ehrenvoll. Schäme dich daher deines Amtes nicht, Balthasar, welches man, da es nothwendig, nicht geradezu verdammen darf, sondern antworte wahr und offen auf die Fragen, die ich dir stellen werde. Du hast eine Tochter?«

»Darin wenigstens bin ich gesegnet!«

Der Nachdruck, mit welchem er sprach, brachte eine plötzliche Bewegung unter den Richtern hervor. Sie sahen sich erstaunt an, denn sie erwarteten offenbar einen solchen Ausdruck des Gefühls bei dem Manne nicht, der gleichsam in steter Fehde mit seinen Mitgeschöpfen lebte.

»Du sprichst recht,« erwiederte der Gerichtsherr, der seinen Ernst wieder annahm; »denn sie soll schön und holdselig sein. Du warst im Begriffe, deine Tochter zu verehelichen?«

Balthasar bejahte dies mit einer neuen Verbeugung.

»Hast du je einen Vevayer, Namens Jacques Colis gekannt?«

»Ja, mein Herr, er sollte mein Sohn werden!«

Der Gerichtsherr war abermals überrascht, denn die Festigkeit der Antwort zeugte von Unschuld, und er erforschte die Gesichtszüge des Gefangenen scharf. Er fand offenbare Unbefangenheit, wo er Hinterlist erwartet hatte, und wie Alle, die mit dem Laster genaue Bekanntschaft gemacht haben, wurde er mißtrauischer. Die Einfachheit eines Mannes, der wirklich nichts zu verhehlen hatte, jenem Scheine der Festigkeit, welche Unschuld heucheln will, so unähnlich, setzte seinen Scharfblick in Verlegenheit, obgleich er mit den meisten Kunstgriffen der Verbrecher bekannt war.

»Dieser Jacques Colis sollte deine Tochter heirathen?« fragte der Gerichtsherr, der um so vorsichtiger wurde, je mehr Beweise der Verschlagenheit er in dem Angeklagten zu entdecken glaubte.

»Es war so zwischen uns beschlossen.«

»Liebte er dein Kind?«

Die Muskeln von Balthasar's Mund bewegten sich krampfhaft und das Zucken der Lippen ließ fürchten, er möchte seine Fassung verlieren.

»Mein Herr, ich glaubte es.«

»Dennoch weigerte er sich, sein Wort zu halten?«

»So ist's.«

Der tiefe Nachdruck, mit welchem er diese Antwort gab, beunruhigte selbst Margarethe, und zum ersten Male in ihrem Leben zitterte sie, die gehäufte Last der Schmach könnte wirklich die Grundsätze ihres Gatten bewältigt haben.

»Du fühltest Groll über sein Benehmen und die öffentliche Schmach, die er dir und den deinigen anthat?«

»Mein Herr, ich bin ein Mensch. Als Jacques Colis meine Tochter verschmähte, zerstörte er eine zarte Pflanze in dem Mädchen und füllte eines Vaters Herz mit Bitterkeit.«

»Du hast eine Erziehung erhalten, die über deinem Stand ist, Balthasar!«

»Wir sind eine Scharfrichter-Familie, aber wir sind nicht die rohe Horde, für welche man uns hält. Bern hat mich zu dem gemacht, was ich bin, nicht mein Wunsch oder meine Armuth.«

»Das Amt ist ehrenvoll, wie alle, die vom Staate ausgehen,« wiederholte der Andere, mit der Leichtigkeit, mit welcher man fertige Phrasen hersagt: »das Amt ist ehrenvoll für Jemand deiner Herkunft. Gott weist Jedem seine Stelle auf Erden an und setzt seine Pflichten fest. Als Jacques Colis deiner Tochter Hand ausschlug, verließ er seine Heimath, um deiner Rache zu entgehen?«

»Lebte Jacques Colis, so würde er eine so schlechte Lüge nicht ausstoßen!«

»Ich kannte seinen biedern und edlen Charakter!« rief Margarethe mit Nachdruck: »Gott vergebe mir, daß ich je daran zweifelte!«

Die Richter warfen forschende Blicke auf die halb in Dunkel gehüllte Frauengruppe, aber das Verhör ging doch seinen Gang fort.

»Du weißt also, daß Jacques Colis todt ist?«

»Wie kann ich daran zweifeln, mein Herr, da ich seine blutige Leiche sah?«

»Balthasar, du scheinst gesonnen, das Verhör zu fördern – aus welchem Grunde jedoch, ist Ihm, der in die Tiefen der Herzen schaut, besser bekannt, als mir. Ich gehe daher sofort zu den wesentlichen Thatsachen über. Du bist ein geborner Berner, in Bern ansässig; der Scharfrichter dieses Cantons – an sich ein ehrenvolles Amt, obgleich die Unwissenheit und die Vorurtheile der Menschen dies nicht ganz so annehmen. – Du hast deine Tochter mit einem wohlhabenden Waadtländer verehelichen wollen. Der Bräutigam wies dein Kind zurück, und zwar im Angesicht von Tausenden, welche nach Vevay gekommen waren, dem Winzerfeste beizuwohnen; er verreiste, um dir, oder seinem Gefühle, oder dem Leumund, oder was du willst, aus dem Wege zu gehen; er wurde auf diesem Berge ermordet; seine Leiche wurde mit einem Messer in der frischen Wunde gefunden, und du, der auf seinem Heimwege sein sollte, brachtest die Nacht in der Nähe des Ermordeten zu. Deine Vernunft wird dich die Verbindung sehen lassen, in welcher diese verschiedenen Begebnisse uns erscheinen, und du wirst nun aufgefordert, das zu erklären, was uns verdächtig scheint, dir aber ganz klar sein mag. Rede offen, aber rede wahr, so du Gott fürchtest!«

Balthasar zauderte und schien seine Gedanken zu sammeln. Er hatte seinen Kopf nachdenkend gesenkt und dann blickte er dem Fragenden fest in das Auge und antwortete. Seine Miene war ruhig, und der Ton, in welchem er sprach, war, wenn nicht der eines wirklich Unschuldigen, doch der eines Menschen, der die Maske eines solchen wohl anzunehmen wußte.

»Mein Herr,« sagte er, »ich habe den Verdacht vorhergesehen, der in diesen unseligen Verhältnissen auf mich fallen würde; allein daran gewöhnt, der Vorsehung zu vertrauen, werde ich die Wahrheit ohne Furcht sagen. Ich wußte nichts von der Absicht des Jacques Colis, abzureisen. Er zog heimlich seines Wegs, und wenn Ihr mir die Gerechtigkeit wiederfahren lassen wollt, ein wenig nachzudenken, so werdet Ihr einsehen, daß ich wohl der Letzte gewesen wäre, den er mit seinem Reiseplan bekannt gemacht hätte. Ich bestieg den St. Bernhard, von einer Kette gezogen, welche schwer zu brechen ist, wie Euch Euer Herz sagen wird, wenn Ihr Vater seid. Meine Tochter wollte nach Italien, und reiste mit gütigen und biedern Menschen, welche sich nicht schämten, mit eines Scharfrichters Tochter Mitleid zu haben und die Wunde zu heilen wünschten, welche ihr so herb beigebracht worden.«

»Dies ist wahr,« rief der Freiherr von Willading; »Balthasar spricht hier die reine Wahrheit.«

»Das ist bekannt und zugestanden; das Verbrechen ist nicht immer das Ergebniß kalten Vorbedachts, sondern auch des Schreckens, plötzlicher Erregung, zorniger Gemüthsstimmung, grimmer Versuchung und einer günstigen Gelegenheit. Du wußtest also nichts von Jacques Colis' Abreise, als du Vevay verließest – hast du nichts von ihm unterwegs gehört?«

Balthasar erblaßte. Es entstand ein sichtbarer Kampf in seiner Brust, als fürchtete er, ein Zugeständniß zu machen, das ihm zum Nachtheil gereichen konnte; einen Blick jedoch auf die Führer werfend, nahm er wieder seine gewöhnliche Fassung an und erwiederte fest:

»Ich hörte von ihm. Pierre Dumont erfuhr die Schmach meines Kindes und erzählte mir, ohne zu wissen, daß ich der gekränkte Vater sei, wie der Unglückliche sich dem Gespötte seiner Cameraden entzogen habe. Ich wußte daher, daß wir auf demselben Wege waren.«

»Und doch verharrtest du –?«

»In was, mein Herr? Sollte ich meine Tochter verlassen, weil Einer, der sich bereits falsch gegen sie bewiesen hatte, in meinem Wege stand?«

»Du hast recht geantwortet, Balthasar,« fiel Margarethe ein: »du hast geantwortet, wie es dir ziemte. Unsrer sind wenige und wir sind uns Alles. Du durftest unser Kind nicht vergessen, weil es Andern beliebte, sie zu verachten.«

Signor Grimaldi beugte sich zu dem Walliser und flüsterte ihm zu:

»Dies scheint natürlich,« bemerkte er: »rechtfertigt es nicht die Erscheinung des Vaters auf dem Wege, den der Ermordete eingeschlagen hatte?«

»Wir fragen nicht nach der Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit solch eines Beweggrundes, Signore; das Rachegefühl kann in einem Hader sich zur Grausamkeit gesteigert haben; wer an Blut gewöhnt ist, läßt seinen Leidenschaften und Gewohnheiten leicht Spielraum.«

Diese Ansicht hatte viel Wahrscheinliches, und der edle Genueser zog sich mißgestimmt wieder zurück. Der Gerichtsherr berieth sich mit denen, die ihn umgaben, und ließ dann Balthasar's Gattin vortreten, um sie dem Gatten gegenüber zu stellen. Margarethe gehorchte. Ihr Gang war langsam und ihr ganzes Wesen zeigte, daß sie der harten Nothwendigkeit sich fügte.

»Du bist des Scharfrichters Frau?«

»Und eines Scharfrichter's Tochter!«

»Margarethe ist eine gutgesinnte und gefühlvolle Frau,« fiel Peterchen ein; »sie begreift, daß ein Amt im Staate in den Augen der Vernunft nie Schande bringen kann, und sucht keinen Theil ihrer Geschichte oder ihrer Herkunft zu verheimlichen.«

Der Strahl, der aus dem Auge von Balthasar's Gattin flammte, war versengend; aber der eitle Landvogt war von seiner Weisheit viel zu sehr eingenommen, um an deren Wirkung zu denken.

»Und eines Scharfrichters Tochter,« fuhr der Fragende fort; »warum bist du hier?«

»Weil ich Frau und Mutter bin! Als Mutter erstieg ich den Berg, als Frau kam ich in das Kloster herauf bei dem Verhöre gegenwärtig zu sein. Man will behaupten, es klebe Blut an Balthasar's Händen und ich bin hier, die Lüge zu widerlegen.«

»Und dennoch hast du rasch deine Verbindung mit einer Scharfrichter-Familie bekannt! – Die daran gewöhnt sind, ihre Mitmenschen sterben zu sehen, möchten weniger Eifer haben, einer einfachen gerichtlichen Untersuchung entgegen zu gehen.«

»Mein Herr, ich verstehe deine Worte. Die Vorsehung hat uns eine schwere Last aufgebürdet, aber bis jetzt hatten die, welchen wir dienen mußten, die Höflichkeit, uns freundliche Worte hören zu lassen! Du hast von Blut gesprochen; das von Balthasar, von den Seinigen und den Meinigen vergossene lastet auf dem Gewissen derer, welche befahlen, daß es fließe. Die da wider ihren Willen Werkzeuge deiner Gerechtigkeit waren, sind vor Gott unschuldig.«

»Dies ist eine seltsame Sprache für Leute deines Standes! Sprichst und denkst auch du, Balthasar, in dieser Sache wie dein Weib?«

»Die Natur hat dem Manne ein rauheres Gefühl gegeben, mein Herr. Ich ward zu meinem Amte geboren, ward gelehrt, es für recht, wenn nicht für ehrenvoll zu halten, und habe schwer gekämpft, meine Pflichten ohne Murren zu vollstrecken. Nicht so die arme Margarethe. Sie ist Mutter und lebt in ihren Kindern; sie hat die, welche ihrem Herzen so nahe ist, öffentlich beschimpfen gesehen und fühlte wie eine Mutter.«

»Und du, der du Vater bist, was fühltest du bei der Kränkung?«

Balthasar war von Natur sanft und, wie er eben sagte, man hatte ihn zur Ausübung seines Amtes erzogen; aber er war für zärtliche Gefühle empfänglich. Die Frage berührte eine empfindliche Stelle und es kämpfte heftig in ihm; da er aber daran gewöhnt war, vor dem öffentlichen Auge sich zu beherrschen, und es ihm nicht an männlichem Stolze fehlte, gelang es ihm durch eine mächtige Anstrengung, den Schmerz niederzukämpfen, der auf seiner Brust lastete.

»Schmerz um meines schuldlosen Kindes willen; Schmerz um dessen willen, der seine Treue gebrochen; Schmerz um derer willen, welche diese bittere Kränkung verschuldet haben.«

»Der Mann ist daran gewöhnt den Verbrechern Vergebung predigen zu hören, und wendet jetzt seinen Unterricht geschickt an,« flüsterte der bedächtige Richter seinen Nachbarn zu. »Wir müssen ihn durch andere Mittel prüfen. Vielleicht sind seine Nerven nicht so fest, als seine Antworten rasch sind.«

Den Gerichtsdienern winkend, erwartete der Walliser jetzt ruhig die Wirkung eines neuen Versuches ab. Das Leichentuch wurde weggenommen und man sah die Leiche des Jacques Colis. Er saß wie im Leben, an dem Tische vor dem Hochaltar.

»Die Unschuldigen fürchten die nicht, deren Seele den Körper verlassen hat,« fuhr der Gerichtsherr fort, »aber Gott regt das Gewissen der Schuldigen mächtig auf, wenn sie das Werk ihrer grausamen Hände vor sich sehen müssen. Tretet hin und betrachtet den Todten, Balthasar, du und dein Weib, damit wir beurtheilen können, wie ihr auf den Ermordeten und Unglücklichen schaut!«

Ein unnützerer Versuch hätte wohl nicht bei einem Manne gemacht werden können, der das Amt eines Scharfrichters verwaltete; denn lange Vertrautheit mit Scenen dieser Art hatte das Gefühl des Schreckens abgestumpft, den ein Neuling wohl fühlen mußte. War es nun diesem Umstande oder seiner Unschuld zuzuschreiben – Balthasar schritt unerschüttert zur Leiche und stand lange da, die bleichen Züge mit großer Ruhe betrachtend. Er machte, seinem Charakter zufolge, den Gefühlen, die ihn überströmten, nicht durch Worte Luft, obgleich es schien, als ob ein Strahl von Kummer über sein Antlitz flöge. Nicht so Margarethe. Sie nahm die Hand des Todten und heiße Thränen flossen über ihre Wangen nieder, als sie auf seine veränderten und eingefallenen Züge blickte.

»Armer Jacques Colis!« sagte sie, allen Anwesenden vernehmbar: »du hattest deine Fehler, wie alle vom Weibe Gebornen! Aber dies hast du nicht verdient! Gewiß hat die Mutter, die dich gebar und in deinem Kindeslächeln lebte – die dich auf ihrem Knie schaukelte und dich an ihrem Busen pflegte, dein schreckliches und rasches Ende nicht geahnt! Wohl ihr, daß sie die Frucht aller ihrer Liebe, ihrer Sorgen, ihrer Schmerzen nicht kannte; sonst würde sie bitter über ihm geweint haben, der damals ihre Freude war, und mit Gram würde sie auf dein heiterstes Lächeln geblickt haben! Wir leben in einer gräßlichen Welt, Balthasar; in einer Welt, in welcher die Schlechten triumphiren! Deine Hand, welche das geringste Geschöpf, das Gottes Wille geschaffen, nicht mit Willen kränken würde, soll gemordet, und dein Herz – dein treffliches Herz – soll sich allmählig in der Ausübung deines verfluchten Dienstes verhärtet haben! Der Richterstuhl ist dem Verderbten und Ränkevollen anheim gefallen; das Erbarmen wurde den Hartherzigen zum Gelächter und die Hand dessen, der mit seines Gleichen gern in Frieden lebte, muß das Schwert des Todes führen! Das kömmt daher, daß die Selbstsucht und List der Menschen Gottes Absichten durchkreuzt! Wir wollen weiser sein, als Er, der das Weltall schuf, und zeigen die Schwächen der Thoren! Geht! geht, ihr Stolzen und Großen der Erde – wenn wir getödtet haben, geschah es auf euer Geheiß; aber nichts der Art lastet auf unsern Gewissen! Die That war das Werk der Raubsüchtigen und Grausamen – sie ist keine That der Rache!«

»Wie erfahren wir, daß du die Wahrheit sprichst?« fragte der Gerichtsherr, der sich dem Altar genähert hatte, um genau zu beachten, welchen Eindruck der Anblick auf Balthasar und sein Weib mache.

»Deine Frage setzt mich nicht in Erstaunen, mein Herr, denn nichts kommt den Geehrten und Glücklichen schneller in den Sinn, als der Gedanke, einen Frevel zu ahnden. Nicht so der Verachtete. Die Rache würde uns nicht helfen können. Würde sie uns in der Achtung der Menschen heben? Könnten wir unsere unglückliche Lage vergessen? Würde man uns nach der That im geringsten höher schätzen als vor derselben?«

»Dies mag wahr sein, aber der Zornige überlegt nicht. Dich trifft kein Verdacht, Margarethe, den ausgenommen, daß du die Wahrheit nach der vollbrachten That von deinem Manne gehört haben könntest; aber dein Verstand wird dir sagen, daß nichts wahrscheinlicher ist, als daß ein heißer Streit wegen des Geschehenen Balthasar, der an den Anblick des Blutes gewöhnt ist, verleitet haben kann, diese That zu begehen.«

»Das ist deine gepriesene Gerechtigkeit! deine Gesetze sollen deiner Bedrückung zur Stütze werden! Wüßtest du, wie mühsam Balthasar's Vater ihn das Schwert führen lehrte, wie viele lange und bange Besuche zwischen unsern beiderseitigen Vätern gewechselt wurden, um den Jüngling zu seinem schrecklichen Berufe vorzubereiten, du würdest ihn nicht für so abgehärtet halten. Gott hat ihn zu seinem Amte nicht befähigt, wie er viele von höhern und mannigfachen Ansprüchen nicht zu den Stellen befähigt hat, welche ihnen kraft ihrer Geburt anheim fielen. Wäre ich es gewesen, Gerichtsherr, so hätte dein Verdacht ein vernünftiges Ansehen. Ich bin mit starken und ungestümen Gefühlen ausgestattet, und die Vernunft mußte oft der Leidenschaft weichen, obgleich die Zurechtweisungen, welche ich mein ganzes Leben hindurch täglich erhielt, allen Stolz, der je in mir wohnte, gezähmt haben.«

»Deine Tochter ist hier anwesend.«

Margarethe zeigte auf die Gruppe der Frauen.

»Die Prüfung ist hart,« sagte der Richter, welcher Regungen des Gewissens zu fühlen anfing, die bei Leuten seiner Art selten sind: »aber euer künftiger Frieden heischt sie eben so sehr, als die Gerechtigkeit selbst, damit die Wahrheit bekannt werde. Ich bin genöthigt, deine Tochter zur Leiche vorschreiten zu heißen.«

Margarethe hörte diesen unerwarteten Befehl mit kaltem Ernste. Zu tief verwundet, um zu klagen, aber für das Benehmen ihres Kindes bange, ging sie zu den Frauen, schloß Christine an ihr Herz und führte sie schweigend vor. Sie stellte sie dem Gerichtsherrn mit einer so ruhigen Würde vor, daß dieser einige Verlegenheit fühlte.

»Dies ist Balthasar's Kind!« sagte sie. Dann faltete sie ihre Arme über einander und trat einen Schritt zurück, eine aufmerksame Beobachterin dessen, was vorging.

Der Richter betrachtete das holde blasse Antlitz des zitternden Mädchens mit einer Theilnahme, welche er selten für ein Wesen gefühlt hatte, das vor ihm in der Ausübung seiner unbeugsamen Pflichten erschienen war. Er sprach freundlich, selbst aufmunternd zu ihr, indem er sich absichtlich zwischen sie und den Todten stellte, und für einen Augenblick ihren Augen den schrecklichen Anblick verhüllte, damit sie Zeit hätte, Muth zu fassen. Margarethe segnete ihn in ihrem Herzen für diese kleine Gnade und war ruhiger.

»Du warst mit Jacques Colis verlobt?« fragte der Richter mit einer Sanftheit des Tones, die im grellsten Widerspruche mit seinen frühern strengen Fragen stand.

Christine konnte nur mit einem Kopfnicken antworten.

»Deine Hochzeit sollte am Schlusse des Winzerfestes statt finden – es ist unsere herbe Pflicht, da zu verwunden, wo wir zu heilen wünschten – aber dein Verlobter weigerte sich, sein Wort einzulösen?«

»Das Herz ist schwach und bebt zuweilen vor seinen besten Vorsätzen zurück,« sagte Christine leise. »Er war nur ein Mensch und konnte dem Hohne aller um ihn her nicht widerstehen.«

Der Gerichtsherr war von ihrem holden und lieblichen Wesen so entzückt, daß er sich vorlehnte, um zu lauschen, damit seinem Ohre keine Sylbe dessen entging, was sie flüsterte.

»Du sprichst also Jacques Colis von jeder falschen Absicht frei?«

»Er war nicht so stark, als er selbst glaubte, mein Herr; er hatte die Kraft nicht, unsere Schmach zu theilen, die roh und zu grell enthüllt ward.«

»Du selbst hattest ungezwungen in den Bund gewilligt und wolltest sein Weib werden?«

Der flehende Blick und der schwere Athem Christinens machten keinen Eindruck auf das abgestumpfte Gefühl eines peinlichen Richters.

»War der Jüngling dir theuer?« wiederholte er, ohne zu fühlen, daß er das weibliche Zartgefühl schwer verwunde.

Christine bebte. Sie war nicht gewöhnt, Gefühle, welche sie für die heiligsten ihres kurzen und unschuldigen Daseins hielt, so rauh berührt zu sehen; da sie aber glaubte, die Rettung ihres Vaters hänge von ihrer Offenheit und Wahrhaftigkeit ab, setzte eine Anstrengung, die fast übermenschlich war, sie in den Stand zu antworten. Die helle Glut, welche ihr Gesicht übergoß, verkündigte die Gewalt jenes Gefühls, das bei ihrem Geschlechte instinctmäßig wird, und kleidete ihre Züge in den Glanz jungfräulicher Scham.

»Ich war nicht daran gewöhnt, Worte des Lobes zu hören, mein Herr, – und sie tönen so wohlthuend in das Ohr des Verachteten! Ich fühlte, wie ein Mädchen den Vorzug eines Jünglings aufnimmt, der ihr nicht unangenehm ist. Ich glaubte, er liebe mich – und – was wollt Ihr mehr, mein Herr?«

»Niemand konnte dich hassen, unschuldiges, gekränktes Kind!« sagte Signor Grimaldi leise.

»Ihr vergeßt, daß ich Balthasar's Tochter bin, mein Herr! Man sieht niemand aus unserm Geschlechte günstig an.«

»Du wenigstens mußt eine Ausnahme sein.«

»Davon abgesehen,« fuhr der Gerichtsherr fort, »möchte ich wissen, ob deine Eltern Groll über das Mißverhalten deines Verlobten empfanden; ob etwas in deinem Beisein gesagt wurde, das ein Licht auf diese unglückliche Geschichte werfen könnte?«

Der Walliser Beamte wendete seinen Kopf seitwärts, denn er begegnete dem überraschten und mißbilligenden Blicke des Genuesers, dessen Auge eines hochherzigen Mannes Ansicht aussprach, als er ein Kind so über einen Gegenstand fragen hörte, der über ihres Vaters Leben entscheiden konnte. Aber der Blick und das Ungeeignete der Frage entgingen Christinens Beachtung. Mit kindlicher Zuversicht baute sie auf die Unschuld ihres Vaters, und weit entfernt, sich gekränkt zu fühlen, freute sie sich mit der Einfachheit und dem Vertrauen der Unschuld, etwas sagen zu können, das ihn in den Augen der Richter rechtfertigte.

»Mein Herr,« antwortete sie eifrig, und das Blut, welches die weibliche Schwäche auf ihre Wange getrieben hatte, umdunkelte und erwärmte selbst ihre Schläfe mit einem heiligeren Gefühl: »Mein Herr, wir weinten miteinander, als wir allein waren; wir beteten für unsere Feinde, wie für uns selbst, aber nichts wurde gegen den armen Jacques geäußert – nicht ein Laut!«

»Geweint und gebetet!« wiederholte der Richter, vom Kind auf den Vater blickend, gleichsam als hätte er nicht recht gehört.

»Ich sagte beides, mein Herr; wenn das erste eine Schwäche war, so war das letzte eine Pflicht!«

»Eine seltsame Sprache in dem Munde einer Scharfrichters Tochter!«

Christine schien einen Augenblick nicht zu verstehen, was er meine; aber dann ließ sie ihre Hand über ihr schönes Antlitz gleiten und fuhr fort:

»Ich glaube, ich verstehe, was Ihr sagen wollt, mein Herr,« sagte sie, »die Welt hält uns für gefühllos und hoffnungslos. Wir sind in den Augen Anderer, was wir scheinen, weil es das Gesetz so will, aber in dem Herzen sind wir wie alle um uns her, mein Herr – mit dem Unterschiede, daß wir, da wir unsere Erniedrigung bei den Menschen kennen, uns inniger und liebevoller an Gott anschließen. Ihr könnt uns verdammen, euch zu Diensten zu sein und euer Mißfallen zu tragen, aber ihr könnt uns nicht unser Vertrauen auf die Gerechtigkeit des Himmels rauben. Darin wenigstens sind wir den stolzesten Edeln des Cantons gleich.«

»Lassen wir es dabei bewenden,« sagte der Prior mit glänzenden Augen, zwischen das Mädchen und den Richter tretend: »du weißt, Herr Bourrit, daß wir noch andere Gefangene haben.«

Der Gerichtsherr, der bemerkte, daß Christinens unschuldige und biedere Rede selbst über sein durch Gewohnheit verhärtetes Gefühl siegte, war nicht abgeneigt, dem Verhöre eine andere Richtung zu geben. Man hieß daher Balthasar's Familie zurücktreten und befahl den Dienern, Pippo und Konrad vorzuführen.


 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.