Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Der Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil

James Fenimore Cooper: Der Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil - Kapitel 12
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil
publisherVerlag von Joh. David Sauerländer
printrunZweite Auflage
year1841
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20181217
Schließen

Navigation:

Elftes Kapitel.

Alsbald zeigt sich ein Mann, gar nett und zierlich,
Voll Stolz, Geschäftigkeit mehr als gebührlich,
Der kalt bei Leidensscenen sich erweist,
Den Eile kommen, Eile gehen heißt;
Gebiet'risch drängt die Menge er zurück,
Und Leben trägt und Tod er in dem Blick.

Crabbe.

Für die, welche auf dem großen St. Bernhard sterben, ist eine andere Todtenkapelle ganz nahe bei dem Kloster selbst. Am Ende des in dem vorigen Kapitel bemerkten Tages, gegen Anbruch der Nacht, schritt Sigismund auf den Felsen, auf welchem dieses kleine Gebäude steht, in den Gedanken vertieft dahin, welche seine Geschichte und die neuern Begebnisse in ihm hervorriefen. Der Schnee, welcher während des letzten Sturmes gefallen, war ganz verschwunden und nur jene luftigen Zinnen, welche die höhern Kuppen der Alpen bilden, glänzten in seinem Schimmer. Die Dämmerung herrschte bereits in den untern Thälern, aber die ganze obere Region erglühte von dem zauberischen Glanze der letzten Strahlen der Sonne. Die Luft war kühl, denn in dieser Stunde und Jahreszeit brachte der Abend bei jedem Stande des Wetters, stets eine sehr fühlbare Kälte in das Felsenthal des St. Bernhardklosters, wo inmitten des Sommers während der Nacht die Fröste herrschten. Doch war der Wind, obgleich stark, balsamisch und mild, da er über die warmen Ebenen der Lombardei wehte, und mit der Feuchtigkeit des Adriatischen und des Mittelländischen Meeres geschwängert, die Gebirge erreichte. Als der junge Mann sich umwandte und dieser Luftstrom sein Gesicht berührte, überkam seinen Geist ein Hoffnungs- und Heimaths-Gefühl. Er hatte den größern Theil seines Lebens in dem sonnigen Lande verbracht, woher er wehte, und es gab Augenblicke, in welchen die freundlichen Erinnerungen, die sein Wohlgeruch in ihm weckte, ihn in Vergessen wiegten. Als er sich aber wieder nach Norden wenden mußte und sein Auge auf die neblichten, schneeumhüllten Gebirge richtete, welche seine Heimath bezeichneten, schienen die rauhen und zerrissenen Felsenwände, die starren Gletscher, die tiefen, kluftartigen Thäler und Schluchten das Bild seines stürmischen, freudlosen und unfruchtbaren Lebens zu sein, und ihn eine Laufbahn vorher sehen zu lassen, welche, obgleich nicht ohne Züge von Größe, doch alles Belebenden und Tröstenden baar sein sollte.

Alles in dem Kloster war still. Die tiefe Einsamkeit des Berges inmitten der wildesten natürlichen Pracht hatte etwas Ehrfurchtgebietendes. Wenige Reisende waren seit dem Sturme eingetroffen und hatten zum Glücke für die, welche unter den eigenthümlichen Verhältnissen, in welchen sie sich befanden, so sehr wünschten, allein zu sein, ohne Zögern ihre verschiedenen Wege verfolgt. So waren jetzt nur die auf dem Col, welche ein Interesse an der wichtigen Untersuchung hatten, die sofort stattfinden sollte. Eine Gerichtsperson aus Sion in der Amtskleidung von Wallis erschien an einem Fenster, ein Zeichen, daß die regelmäßigen Behörden des Landes Kenntniß von dem Morde genommen hatten; da sie aber wieder zurücktrat, blieb der junge Mann allem äußern Anscheine nach, in dem alleinigen Besitz des Passes. Auch die Hunde waren eingesperrt worden und die frommen Mönche waren mit der Vesperandacht beschäftigt.

Sigismund wandte sein Auge zu dem Gemache empor, in welchem Adelheid und seine Schwester wohnten; wie aber der feierliche Augenblick, welcher über so vieles entscheiden sollte, näher rückte, zogen auch sie sich zurück und brachen jeden Verkehr, selbst den der Augen, mit allem ab, was ihre frommen und reinen Gemüther von den rastlosen und ganz Gott zugewandten Betrachtungen ablenken konnte. Bis jetzt hatte ihn zuweilen ein antwortender und freundlicher Blick von einem oder dem andern der zwei edeln und liebevollen Mädchen beglückt, welchen er so innig und doch mit so verschiedenen Gefühlen zugethan war. Es schien, als ob auch sie zuletzt ihn seiner einsamen und hoffnungslosen Lage überlassen hätten. Der junge Mann fühlte jedoch, daß dieser vorübergehende Gedanke schwach und unmännlich war; er setzte daher seinen Gang fort, und statt wie vorher umzukehren, ging er langsam weiter und blieb erst stehen, als er die Thüre der kleinen Todtenkapelle erreicht hatte.

Dem Gebäude tiefer unten am Wege unähnlich, ist das Leichenhaus des Klosters in zwei Abtheilungen getheilt, die Aeußere und, wenn man so sagen darf, die Innere, obwohl beide dem Wetter ausgesetzt sind. Die erstere enthielt Haufen einzelner menschlichen Glieder, vom Winde gebleicht, der durch die Fenster eindringt, während die letztere zur Aufbewahrung derer bestimmt ist, deren Aeußeres wenigstens noch kenntlichere Spuren ihrer Persönlichkeit darbietet. Jene zeigte, wie gewöhnlich, eine Menge losgetrennter und untereinander geworfener Bruchstücke, wo die Ueberbleibsel von Jung und Alt, der beiden Geschlechter, der Kühnen und Schwachen, ohne Unterschied gemischt waren – ein sprechender Vorwurf gegen den Stolz der Menschen; während sich an die Wände der letztern gegen zwanzig geschwärzte und verschrumpfte Menschengestalten lehnten, um zu zeigen, wie erschreckend und abstoßend die menschliche Gestalt wird, wenn sie des edeln Funkens beraubt ist, welcher sie ihrem göttlichen Schöpfer ähnlich macht. An einer Tafel lehnte in der Mitte einer Gruppe schwarzer und verzerrter Unglücksgefährten alles, was von Jacques Colis übrig war; denn wegen der herannahenden Untersuchung hatte man es für nöthig erachtet, ihn aus dem untern Leichenhaus heraufzubringen. Die Leiche hatte zufällig eine solche Stellung, daß das scheidende Licht auf das Antlitz fiel; die Kleider, welche der Ermordete im Leben getragen hatte, waren seine einzige Hülle. Sigismund blickte lange auf seine bleichen Züge. Sie waren noch von dem Krampfe verzerrt, welchen die Trennung der Seele vom Körper erzeugt hatte. Jedes Gefühl des Widerwillens löste sich in Mitleid mit dem Loose auf, das einen Mann so plötzlich getroffen hatte, in welchem Leidenschaften, Habsucht und das verwickelte Getriebe dieses Zustandes des Daseins so mächtig thätig waren. Dann kam die bittere Besorgniß, sein Vater möchte in einem Augenblicke raschen Zornes, gereizt durch die vielfachen Kränkungen, welche ihn und die Seinigen so hart getroffen, wirklich das Werkzeug gewesen sein, wodurch dieser fürchterliche und plötzliche Wechsel herbeigeführt worden. Von dem Gedanken tief gebeugt, wandte der junge Mann sich um und schritt dem Scheitel des Abhangs entgegen. Stimmen, die an sein Ohr schlugen, riefen ihn in die Wirklichkeit zurück.

Ein Zug Maulthiere kletterte die letzte Höhe heran, wo der Weg das gebrochene, steile Aussehen einer Treppe annimmt. Es war noch hell genug, um die Gestalten und die allgemeine Erscheinung der Reisenden zu erkennen. Sigismund sah alsbald, daß es der Landvogt von Vevay und seine Leute waren, auf deren Ankunft man allein noch gewartet hatte, um zu der förmlichen Untersuchung zu schreiten.

»Schönen guten Abend, Herr Sigismund, und freundlichen Gruß,« rief Peterchen, sobald sein müdes Thier, das unter seiner schweren Bürde oft anhielt, ihn so weit gebracht hatte, daß man ihn hören konnte. »Ich hoffte nicht, dich so bald wieder zu sehen, und noch weniger, meine Augen auf dieses fromme Kloster zu werfen, denn obgleich du wohl zurückkehren konntest, so hätte doch nur ein Wunder« – hier winkte der Landvogt, denn er war einer jener Protestanten, deren Glaubensbekenntniß sich in jenen Seitenhieben auf die Ansichten und Gebräuche Roms am meisten kund that – »nur ein Wunder, sage ich, und zwar das Wunder eines solchen Heiligen, dessen Gebeine seit den letzten zehn tausend Jahren vertrocknet sind, bis jede Spur unseres schwachen Fleisches gänzlich verschwunden ist, könnte das alte St. Bernhardhaus an die Ufer des Lemans niederschaffen. Ich habe viele gekannt, welche die Waadt verließen, um über die Alpen zu gehen, und zurückkamen, den Winter in Vevay zu verbringen; aber ich habe noch nie gehört, daß Steine, die nach Maurer-Art auf einander gelegt wurden, ohne menschliche Hülfe sich fortbewegt hätten. Man sagt, die Steine seien absonderlich hartherzig, aber die Heiligen und Wunder-Krämer haben Mittel gefunden, sie zu rühren.«

Peterchen kicherte über seinen Scherz, wie wohl Männer in Würden sich dessen freuen, was ausschließlich aus ihrem Witze hervorgeht und er winkte seinem Gefolge umher, als lüde er dasselbe ein, auf den Nasenstüber zu achten, den er den Papisten auf ihrem eigenen Grund und Boden gegeben. Als die Höhe des Col erreicht war, hielt er sein Maulthier an und setzte seine Anrede fort, denn der Mangel an Luft hatte seinen Witz gleichsam in der Knospe erstickt.

»Ein schlechter Handel, Herr Sigismund, ein durchaus schlechter Handel! Er zog mich in einer kitzlichen Jahreszeit von Haus weg und hielt unerwartet Herrn von Willading auf seiner Reise über das Gebirg auf, und dies zwar in einem Augenblicke, wo jeder eilen muß über die Alpen zu kommen. Wie bekömmt der schönen Adelheid die scharfe Luft des Col?«

»Gottlob, Herr Landvogt, das körperliche Befinden dieses trefflichen jungen Fräuleins war nie besser.«

»Gottlob, fürwahr! Sie ist eine zarte Blume, welche die Fröste des St. Bernhards rasch hinraffen könnten! Und der edle Genueser, der so einfach bescheiden reist, zur Schande der Eiteln und Müßigen – ich hoffe, er vermißt die Sonne nicht in unsern Felsen?«

»Er ist ein Italiener und muß über uns und unser Klima nach seinem Charakter urtheilen; in Betreff seiner Gesundheit scheint er zufrieden.«

»Gut, das ist tröstlich! Herr Sigismund, wäre die Wahrheit bekannt,« erwiederte Peterchen, sich auf seinem Maulthiere vorbeugend, so weit eine gewisse Fülle des Körpers es erlaubte, und dann sich wieder plötzlich unterbrechend – »aber ein Staatsgeheimniß ist ein Staatsgeheimniß, und sollte dem am wenigsten entschlüpfen, der in dem höchsten Sinne des Wortes ein Kind des Staates ist. Meine Liebe und Freundschaft für Melchior von Willading ist groß und edler Art; aber ich würde diesen Paß nicht besucht haben, wenn es nicht unserm Gast, dem Genueser, zu Ehren geschehen wäre. Der edle Fremdling sollte nicht mit einer übeln Ansicht von unserer Gastfreundschaft die Berge niedersteigen. Ist der edle Gerichtsherr von Sion schon auf dem Col?«

»Er ist seit diesem Abend hier, mein Herr, und unterhält sich jetzt mit denen, die Ihr eben genannt habt, über Gegenstände, welche mit der Ursache unser Aller Anwesenheit zusammenhängen.«

»Er ist ein trefflicher Beamte und stammt, wie wir, Herr Sigismund, aus dem reinen deutschen Stamm, der ein Grundstein für Verdienste ist, obgleich diese Worte in einem andern Munde passender wären. Kam er glücklich herauf?«

»Ich hörte nicht, daß er über den Weg klagte.«

»Gut. Wenn der Staatsdiener reist, um Recht zu üben, darf er billig schönes Wetter verlangen. Sie sind denn alle wohl – der edle Genueser, der wackere Melchior und der würdige Gerichtsherr. Und Jacques Colis?«

»Ihr kennt sein unglückliches Loos, Herr Landvogt,« versetzte Sigismund kurz, denn das Phlegma des Mannes bei einer sein Gefühl so nahe berührenden Angelegenheit kränkte ihn ein wenig.

»Wenn ich es nicht kennte, Herr Steinbach, glaubt Ihr, daß ich hier wäre, statt mein warmes Bett auf dem großen Platz zu Vevay bereit halten zu lassen? Der arme Jacques Colis! Nun, er hat den Festlichkeiten der Abtei einen bösen Streich gespielt, indem er sich weigerte, des Scharfrichters Tochter zu heirathen: aber ich glaube nicht, daß er das Schicksal verdient hat, das ihn getroffen.«

»Gott verhüte, daß irgend jemand, den seine Treulosigkeit gekränkt hat, glauben sollte, seine Schwachheit verdiene eine so schwere Strafe!«

»Du sprichst, wie ein gefühlvoller Jüngling, ein sehr gefühlvoller Jüngling, – ja, und wie ein Christ, Herr Sigismund,« antwortete Peterchen, »und ich trete deinen Worten bei. Eines Mädchens Hand ausschlagen und ermordet werden, sind sehr verschiedene Vergehen und sollten nicht vermischt werden. Haben diese Augustiner wohl Kirschwasser in ihrem Keller? Es ist ein saurer Weg in ihre Behausung herauf, und starke Anstrengungen fordern starkes Getränk. Nun, wenn sie nicht damit versehen sind, müssen wir mit ihren andern Getränken vorlieb nehmen. Herr Sigismund, sei so gut und gib mir deinen Arm.«

Der Landvogt stieg jetzt mit steifen Gliedern ab, nahm des Andern Arm und ging langsam dem Gebäude entgegen.

»Es ist sündhaft, Groll zu hegen, und doppelt sündhaft, gegen die Todten Groll zu hegen. Daher bitte ich zu bemerken, daß ich das neuliche Benehmen des Todten bei unserm öffentlichen Feste gänzlich vergessen habe, wie es einem unpartheiischen und geraden Richter ziemt. Armer Jacques Colis! Ach, der Tod ist immer fürchterlich, aber es ist zehnfach fürchterlich, so schnell, gleichsam im Fluge, zu sterben, und zwar noch auf einem Wege, wo man mit so viel körperlichem Schmerz einen Fuß vor den andern setzen muß. Dies ist der neunte Besuch, den ich den Augustinern mache, und ich kann den frommen Mönchen über ihre Wege keine Höflichkeit sagen, so gut ich ihnen bin. – Ist der würdige Schlüsselmeister wieder im Kloster?«

»Ja, und er war sehr thätig, die gewöhnlichen Nachforschungen anzustellen.«

»Thätigkeit ist ein starker Zug in seinem Charakter, und, Herr Steinbach, wer sein Leben auf dem Gebirge hinbringt, muß wohl so sein. – Der edle Genueser, mein alter Freund Melchior, seine reizende Tochter und der unpartheiische Gerichtsherr, alle sind, sagst du, frisch und wohl?«

»Herr Landvogt, sie dürfen Gott danken, daß der letzte Sturm und die innern Beunruhigungen ihnen nicht geschadet haben.«

»Nun – ich wollte, diese Augustiner hätten Kirschenwasser.«

Peterchen trat in das Kloster, wo nur seine Gegenwart noch fehlte, um das Verhör zu beginnen. Die Maulthiere wurden eingestellt, die Führer in dem Gebäude, wie gewöhnlich, aufgenommen und dann die Vorbereitungen zu den lange verzögerten Untersuchungen begonnen.

Es ist bereits gesagt worden, daß die Stiftung dieses Klosters sich aus sehr alter Zeit herschrieb. Es wurde im Jahr 962 von Bernhard du Menthon, Kanonikus zu Aosta in Piemont, in der doppelten Absicht gegründet, körperlichen Beistand und geistigen Trost zu gewähren. Der Gedanke, eine geistliche Gemeine inmitten wilder Felsen und auf dem höchsten Punkte, den des Menschen Fuß betritt, zu gründen, war der christlichen Selbstverläugnung und wohlwollenden Menschenliebe würdig. Der Versuch scheint in einem Grade gelungen zu sein, welcher seiner edeln Absicht angemessen ist; denn Jahrhunderte sind dahin gegangen, die Bildung hat tausend Wechsel erfahren, Reiche entstanden und verschwanden, Throne wurden gestürzt und eine Hälfte der Welt entwildert – während dieses fromm gestiftete Gebäude in seiner einfachen Nützlichkeit noch da steht, wo es zuerst errichtet wurde, eine Zuflucht der Reisenden, ein Schutz der Armen.

Die Klostergebäude sind nothwendig sehr ausgedehnt; da aber alle andern Baumaterialien auf dem Rücken der Maulthiere hierher geschafft werden mußten, wurde es größtentheils aus den weißgrauen Steinen erbaut, welche man in den nahen Felsen brach. Die Zellen der Mönche, die langen Gänge, die Speisesäle, den verschiedenen Klassen von Reisenden und der großen Zahl der Gäste angemessen, sodann die der Mönche und Knechte, die Wohnzimmer von mannigfacher Größe und Einrichtung, und eine ziemlich alte Kirche von angemessener Größe bildeten damals wie jetzt die innern Räume. Hier herrschte kein Luxus, einige Bequemlichkeit zu Gunsten derer, bei welchen Mildthätigkeit zur Gewohnheit ward, und viel von jener einfachen Gastfreiheit, welche den persönlichen Bedürfnissen und den Anforderungen des Lebens bereitet wird. Ueberdies zeichnen sich das Gebäude, der Tisch und die Gemeine durch eine strenge, mönchische Selbstverläugnung aus, welche ihren Charakter dürftiger und herber Einfachheit von der unwandelbaren Nacktheit alles dessen angenommen zu haben scheint, dem das Auge in dieser Region der Kälte und der Unfruchtbarkeit begegnet.

Wir wollen uns nicht aufhalten, viel von den kleinen Artigkeiten und formreichen Versicherungen gegenseitiger Achtung und Freundschaft zu erzählen, welche zwischen dem Landvogt von Vevay und dem Prior des St. Bernhardklosters bei ihrer jetzigen Zusammenkunft gewechselt wurden. Peterchen war in dem Kloster gekannt, und, obgleich ein Protestant und zwar einer, der sich nicht enthielt, seine Scherze oder seine Witzeleien gegen Rom und dessen Herde nach Gutdünken geltend zu machen, ziemlich geachtet. Bei allen ihren Sammlungen für das Kloster hatte der wohlmeinende Berner sich als einen mildthätigen Mann gezeigt, der das Wohl der Menschheit gern förderte, oder gleich die Sache seines Erzfeindes, des Pabstes, unterstützte. Der Schlüsselmeister wurde immer, nicht nur in seiner Ballei, sondern auch in seinem » cháteau« herzlich empfangen, und trotz der zahllosen kleinen Scharmützel über Ansichten und Gebräuche begegneten sie sich stets freundlich, und schieden gewöhnlich in Frieden. Dieses Gefühl der Freundschaft und des Wohlwollens erstreckte sich über den Prior und die ganze Gemeine; denn zu einer gewissen Innigkeit des Charakters des Landvogts kam ein gegenseitiges Interesse, das gute Benehmen aufrecht zu erhalten. Zur Zeit unserer Erzählung waren die reichen Besitzungen, welche den Mönchen des St. Bernhard früher vermacht worden waren, von den verschiedenen Regierungen, besonders von Sardinien, eingezogen worden, und sie sahen sich, wie jetzt, genöthigt, die Milde und Freigebigkeit der Reichern anzusprechen, um die steten Anforderungen der Reisenden befriedigen zu können; und man glaubte, die Freigebigkeit Peterchens durch seine Scherze wohlfeil zu erkaufen, während er auf der andern Seite persönlich so oft in das Kloster kam, oder seine Freunde dahin empfahl, daß er sich hütete, den kleinen Hader zu einem Streite gedeihen zu lassen.

»Willkommen nochmals, Herr Landvogt, und zum zehnten Male willkommen!« fuhr der Prior fort, als er Peters Hand nahm und ihn zu seinem Besuchzimmer führte: »du bist stets ein willkommener Gast auf dem Gebirge, denn wir wissen, daß wir mindestens einen Freund beherbergen.«

»Und einen Ketzer,« fügte Peterchen hinzu, aus allen Kräften lachend, obgleich er diesen Spaß bereits zehnmal wiederholt hatte. »Wir sind oft zusammen gekommen, und ich hoffe, wir kommen auch am Ende zusammen, wenn all unser Haschen nach weltlichen Interessen vorüber ist, und zwar da, wo ehrliche Leute zusammen kommen, trotz Pabst, Luther, Büchern, Predigten, Ave's oder Teufeln! Dieser Gedanke erheitert mich, so oft ich dir die Hand biete,« sagte er, die des Mönchs mit herzlichem Wohlwollen schüttelnd: »denn ich möchte nicht glauben, Vater Michael, daß wir, wenn es an die letzte lange Reise geht, immer auf verschiedenen Wegen reisen werden. Wenn du es für passend hältst, kannst du ein wenig im Fegfeuer verweilen, das ein Aufenthalt deiner Erfindung ist und dir daher anstehen muß; ich aber hoffe meinen Weg gerade in den Himmel fortzusetzen, ein armer und unglücklicher Sünder, wie ich bin.«

Peterchen redete in dem zuversichtlichen Tone dessen, der seine Ansichten gegen Geringere auszusprechen pflegt, welche es entweder nicht wagten, oder nicht für klug hielten, sein Orakel zu bestreiten; er schloß mit einem neuen lauten Lachen, von welchem das gewölbte Gemach des Priors wiederhallte. Vater Michael nahm Alles gutmüthig hin und antwortete auf alles in seiner gewohnten milden und wohlwollenden Weise, denn er war ein Geistlicher von Gelehrsamkeit, tiefem Nachdenken und geprüften Ansichten. Die Gemeine, der er vorstand, war so ferne weltlich in ihrem Zwecke, als die Mönche in stetem Verkehr mit den Menschen blieben, und er würde jetzt nicht zum ersten Mal mit einem dieser selbstzufriedenen, gewichtigen, wohlmeinenden Wesen, unter welcher Klasse Peterchen so sichtlich hervorstach, zusammen gekommen sein, wäre dies auch der erste Besuch des Landvogts auf dem Col gewesen. So aber kannte der Prior nicht nur die Gattung, sondern auch das vor ihm stehende Individuum und war ganz geneigt, die laute Scherzhaftigkeit seines Gastes walten zulassen. Als Peterchen seine überflüssigen Kleider abgelegt, sich seiner einleitenden Scherze erledigt, die Begrüßungen der verschiedenen Mönche beendigt und drei oder vier Novizen, welche gewöhnlich auf dem Berge sind, mit einigen passenden Worten des Wiedererkennens empfangen hatte, erklärte er sich bereit, eine Erfrischung zu sich zu nehmen. Man war darauf vorbereitet und der Prior führte ihn in einen kleinern Speisesaal, wo ein hinreichendes Abendmahl bereit war, da der Landvogt allgemein als ein tüchtiger Esser bekannt war.

»Du wirst nicht so gut daran sein, wie in deinem warmen und heitern Vevay, das mit dem größten Theil von Italien an Lieblichkeit und Ergiebigkeit wetteifert; aber du wirst wenigstens deine eignen heißen Weine trinken,« bemerkte der Prior, als sie den Gang entlang gingen, »und wackre Freunde harren deiner, um dein Mahl und deine Gesellschaft zu theilen.«

»Hast du auch einen Tropfen Kirschwasser in deinem Keller, Vater Michael?«

»Wir haben nicht nur diesen, sondern auch den Freiherrn von Willading und einen edeln Genueser, der ihn begleitet; sie sind bereit, sich zu Tisch zu setzen, sobald du erscheinst.«

»Einen edeln Genueser?«

»Einen italienischen Edelmann, ganz gewiß; ich glaube, man nannte ihn einen Genueser.«

Peterchen stand still, legte einen Finger an die Nase und machte ein geheimnisvolles Gesicht; aber er schwieg, denn aus dem offen einfachen Gesicht des Mönchs sah er, daß der Andere nicht ahnte, was er meine.

»Ich wette mein Amt als Landvogt gegen das deines würdigen Schlüsselmeisters, daß er genau das ist, was er scheint – das heißt, ein Genueser.«

»Die Gefahr würde nicht groß sein, denn er hat sich bereits selbst als solchen angegeben. Wir stellen hier keine Fragen, und wer oder was er auch sein mag, er ist willkommen, wenn er eintritt, und kann in Frieden weiter ziehen.«

»Ja, das ist gut genug für einen Augustiner auf dem Gipfel der Alpen – hat er Gefolge?«

»Einen Diener und einen Fremden; der letztere ist jedoch nach Italien abgereist, als der edle Genueser sich entschlossen, hier zu bleiben, bis das Verhör vorüber wäre. Man sprach von wichtigen Geschäften, welche forderten, daß eine Nachricht wegen des längern Ausbleibens an andere geschickt werde.«

Peterchen sah den Prior wieder fest an und lächelte, gleichsam aus Mitleiden über dessen Unwissenheit.

»Sieh, guter Prior, so sehr ich dich und dein Kloster und Melchiors von Willading und seine Tochter liebe, hätte ich mir doch diese Reise erspart, wenn der Genueser nicht wäre. Frage jedoch nicht; die passende Zeit zum Sprechen wird kommen und Gott verhüte, daß ich ihr vorgreife! Du wirst dann sehen, wie ein Landvogt des großen Cantons sich seiner Pflichten zu entledigen weiß. Jetzt verlassen wir uns auf deine Klugheit. Der Fremde ist in Eile nach Italien gegangen, damit sein Ausbleiben kein Aufsehen errege! Gut, jeder hält es auf der Reise, wie es ihm beliebt; ich reise gern sicher und geehrt, obgleich andere einen andern Geschmack haben. Nicht viel davon gesprochen, guter Michael – nicht einmal einen unklugen Wink des Auges: und nun in Gottes Namen dein Glas Kirschwasser!«

Sie waren am Thore des Speisesaals und die Unterhaltung endigte hier. Als sie eintraten, fand Peterchen seinen Freund, den Freiherrn, Signor Grimaldi, den Gerichtsherrn von Sion, einen ernsten, gewichtigen Diener der Gerechtigkeit deutscher Abkunft, wie er und der Prior, der aber durch einen langen Aufenthalt an den Grenzen Italiens einige Eigenthümlichkeiten des südlichen Charakters angenommen hatte. Sigismund und die übrigen Reisenden waren von diesem Mahle ausgeschlossen, welchem die Absicht der klugen Mönche einen halb amtlichen Charakter geben wollte.

Das Zusammentreffen zwischen Peterchen und denen, die er so kurz erst zu Vevay verlassen hatte, zeichnete sich nicht durch ein ungewöhnliches Auftreten von Artigkeiten aus: aber das zwischen dem Landvogt und dem Gerichtsherrn, welcher die Regierung eines befreundeten Nachbarstaates repräsentirte, war nicht ohne eine Fülle politischer und diplomatischer Höflichkeiten. Mannigfache Nachfragen wegen persönlichen und öffentlichen Angelegenheiten wurden ausgetauscht, und einer schien den andern überbieten zu wollen, sein Interesse an den kleinsten Einzelnheiten hinsichtlich solcher Punkte darzulegen, für welche ein Fremder Interesse zu bezeigen für geeignet hielt. Obgleich die Entfernung zwischen den zwei Städten fünfzehn Meilen betrug, wurde jeder Fuß des Bodens von dem einen oder dem andern bereist, entweder um seine Schönheiten zu preisen, oder hinsichtlich dessen, was seine Interessen betraf, Fragen zu stellen.

»Wir sind beide deutschen Stammes, mein Freund,« schloß der Landvogt, als sich die Gesellschaft, nachdem alle Höflichkeiten und Complimente erschöpft waren, an die Tafel setzte, »obgleich uns das Schicksal in verschiedene Gegenden setzte. Ich schwöre dir, dein deutsch klingt mir wie Musik in den Ohren. Du hast deine Sprache wunderbar rein erhalten, obgleich du gezwungen bist, so viel mit den Bastarden der Römer, Celten und Burgunder zu verkehren, deren du so viele in diesem Bezirke deines Landes hast. Es ist wundersam zu bemerken,« – denn Peterchen vereinigte mit den andern rohen Elementen seines Charakters auch etwas von einem Alterthümler – »daß, so oft ein vielbetretener Pfad ein Land durchschneidet, dessen Bewohner etwas vom Blute und von den Meinungen derer in sich aufnehmen, die es bereisen, wie der Same der Wicke durch den Wind zerstreut wird und aufgeht. Der St. Bernhard hier war seit der Zeit der Römer ein besuchter Paß, und du wirst eben so viel Stämme unter denen, welche die Wegseite bewohnen, antreffen, als es Dörfer gibt zwischen Vevay und dem Kloster. So ist's nicht bei euch im obern Wallis; dort hat sich die reine Race erhalten, wie sie von der andern Seite des Rheins kam, und geehrt und geschirmt mag sie noch ein Jahrtausend fortdauern.«

Es gibt wenige Völker, welche vor sich selbst so herabgewürdigt sind, daß sie auf ihren Ursprung und eigenthümlichen Charakter nicht stolz wären. Die Gewohnheit, uns selbst, unsere Triebfedern, und selbst unser Thun von der günstigen Seite zu sehen, erzeugt Selbstschätzung; und diese Schwäche, auf Völkerschaften übertragen, wird gewöhnlich der Grund eines etwas trügerischen Maßstabs des Verdienstes bei den Bewohnern ganzer Länder. Der Gerichtsherr, Melchior von Willading und der Prior, welche alle demselben Volke entstammten, nahmen die Bemerkung wohlgefällig hin, denn jeder fühlte sich geehrt, von solchen Vorfahren abzustammen, während es dem feinern und gesittetern Italiener gelang, ein Lächeln zu unterdrücken, das bei einer solchen Gelegenheit wohl um den Mund eines Mannes spielen mußte, dessen Stammbaum durch eine lange Reihe angesehener und politisch bedeutender Ahnen bis zu Römischen Consuln und Patriziern, und durch diese wieder sehr wahrscheinlich zu den verschlagenen und geistvollen Griechen hinaufstieg, ein Stamm, der sich durch seine Gesittung auszeichnete, als diese Patriarchen des Nordens noch in den Tiefen des Barbarismus begraben lagen.

Als diese kleine Scene der National-Eitelkeit schloß, nahm das Gespräch eine allgemeinere Wendung. Es fiel jedoch während des Mahles nichts vor, aus dem man hätte schließen können, einer der Anwesenden denke an den Gegenstand, der sie hier zusammengeführt hatte. Als aber die Dämmerung der Nacht gewichen und das Abendmahl vorüber war, lud der Prior seine Gäste ein, ihre Aufmerksamkeit dem vorzunehmenden Verhöre zuzuwenden, und bat, von ihrem freundlichen Hader, ihren Scherzen und ihren Spitzfindigkeiten, in welche Peterchen, Melchior und der Gerichtsherr mit innigem Behagen eingegangen waren, zu einer Frage überzugehen, welche über Leben und Tod eines ihrer Mitgeschöpfe entscheiden sollte.

Während des Mahls waren die Untergeordneten des Klosters mit den vorher anbefohlenen Vorkehrungen beschäftigt, und als Vater Michael aufstand, und seinen Gästen meldete, daß ihre Gegenwart anderswo nothwendig sei, folgten sie ihm an einen Ort, welcher zu ihrer Aufnahme vollkommen hergerichtet war.


 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.