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Der Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil

James Fenimore Cooper: Der Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil - Kapitel 10
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Scharfrichter von Bern oder das Winzerfest. Zweiter Theil
publisherVerlag von Joh. David Sauerländer
printrunZweite Auflage
year1841
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20181217
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Neuntes Kapitel.

Seit' an Seite liegen
Sie drinnen, trauervoll geschaart.

Rogers.

Der Schlummer der Müden ist süß. Als Adelheid später in einem Palast wohnte, auf Flaumen schlief und sich die reichen Stoffe eines freundlicheren Klima's über ihr wölbten, hörte man sie oft sagen, sie habe nie einer lieblicheren Ruhe genossen, als die sie in der Zuflucht des St. Bernhard gefunden. So leicht, natürlich und erquickend, so ungestört durch jene Träume von Abgründen und Schneestürzen, welche später ihren Schlaf überschlichen, war ihr Schlummer gewesen, daß sie am folgenden Morgen zuerst die Augen öffnete und wie ein Kind erwachte, das sich einer ruhigen und gesunden Ruhe erfreut hatte. Ihre Bewegungen weckten Christine. Sie warfen die Mäntel und Obergewänder, welche sie bedeckten, bei Seite, und schauten mit der Verwirrung umher, in welche die Neuheit ihrer Lage sie versetzen mußte. Alle ihre Reisegefährten schliefen noch. Ohne Geräusch standen sie auf, schritten an den fast regungslosen Schläfern, den ruhigen Maulthieren, welche sich am Eingange des Gebäudes hingestreckt hatten, vorüber und verließen die Hütte.

Draußen umgab sie der Winter; allein, wie dies in den Alpen, zu welcher Jahreszeit es auch sein mag, gewöhnlich ist, der Charakter der Größe und Erhabenheit herrschte auch hier vor. Der junge Tag war um die Kuppen über ihnen wach, während die Schatten der Nacht noch auf den Thälern lagen, eine Landschaft bildend, wie jenes meisterhafte und poetische Gemälde der untern Welt, welches Guido in dem berühmten Fresco »Aurora« hinterlassen hat. Die Schluchten und Thäler waren mit Schnee bedeckt, aber die Seiten der schroffen Berge lagen nackt in ihrer ewigen graubraunen Farbe da. Die kleine Erhöhung, auf welcher die Zuflucht stand, war auch beinahe nackt, da der Wind die kleinen Schneetheilchen in die Schlucht des Weges getrieben hatte. Die Morgenluft ist in dieser großen Höhe selbst mitten im Sommer scharf und die schauernden Mädchen zogen ihre Mäntel um sich, obgleich sie die reine, elastische, begeisternde Luft mit Vergnügen einathmeten. Der Sturm war ganz vorüber, und der reine, saphirfarbne Himmel stand in lieblichem Kontrast mit den Schatten unten und hob ihre Gedanken natürlich zu jenem Gewölbe empor, das in einem Frieden und einer Glorie prangte, welche dem gewöhnlichen Bilde so sehr entsprachen, das wir uns von dem Aufenthalte der Seligen machen. Adelheid drückte Christinens Hand und sie knieten miteinander nieder und beugten das Haupt an einem Felsen. Ein so inbrünstiges, reines und herzliches Gebet, wie es arme Sterbliche nur darbringen können, stieg aus diesen frommen und unschuldigen Herzen zu Gott empor.

Als diese allgemeine und in ihrer eigenthümlichen Lage besonders gebotene Pflicht erfüllt war, fühlten sich die holden Mädchen muthiger. Einer schweren und gebieterischen Verpflichtung überhoben, wagten sie es mit mehr Zuversicht, um sich zu blicken. Ein zweites Gebäude, von derselben Form und auch aus Stein aufgeführt, wie jenes, in welchem ihre Gefährten noch schliefen, stand auf demselben Felsaufwurf und ihr erstes Nachforschen nahm natürlich diese Richtung. Der Eingang zu dieser Hütte war eine Oeffnung, die eher einem Fenster als einer Thüre glich. Sie schritten vorsichtig zur Stelle und sahen schüchtern, wie der Hase umlugt, ehe er sich aus seinem Lager wagt, in das düstere, höhlenartige Gemach. Vier menschliche Gestalten, die Rücken gegen die Wände gekehrt, ruhten tief in dem Gewölbe. Auch sie schliefen fest, denn die neugierigen aber erschreckten Mädchen blickten lange auf sie und gingen dann weg, ohne sie zu wecken.

»Wir waren in dieser schrecklichen Nacht nicht allein auf dem Gebirge,« flüsterte Adelheid, die zitternde Christine sanft von der Oeffnung wegdrängend: »du siehst, daß andere Reisende in unserer Nähe geruht haben, nachdem sie, wahrscheinlich Mühseligkeiten und Gefahren gleich den unsrigen überstanden.«

Christine schmiegte sich enger an die Seite ihrer erfahrneren Freundin, wie das Täubchen sich an die Mutter schmiegt, wenn es sich zum ersten Male aus dem Neste wagt, und sie kehrten in die Zuflucht, welche sie verlassen hatten, zurück, denn die Kälte war noch groß genug, um deren Schuh behaglich zu machen. An der Thüre trafen sie Pierre, denn der rührige alte Mann war erwacht, sowie das erste Licht sein Auge berührte.

»Wir sind nicht allein hier,« sagte Adelheid, auf das andere steinbedeckte Dach deutend – »auch in jenem Gebäude schlafen Reisende.«

»Sie werden lange schlafen, Fräulein,« antwortete der Führer, den Kopf feierlich schüttelnd. – »Zwei von ihnen schlummern bereits ein ganzes Jahr und der dritte, den Ihr saht, ruht dort seit dem Schneesturz in den letzten Tagen des April.«

Adelheid trat erschreckt einen Schritt zurück, denn die Worte waren zu klar, um mißverstanden zu werden. Nachdem sie einen Blick auf ihre holde Freundin geworfen hatte, fragte sie, ob die, welche sie gesehen, wirklich die Leichen von Reisenden wären, welche auf dem Gebirg umgekommen.

»So ist's, Fräulein,« erwiederte Pierre. »Diese Hütte ist für die Lebendigen, jene für die Todten. So nahe sind beide einander, wenn der Mensch im Winter auf diesen wilden Felsen reis't! Ich habe Leute, welche eine kurze und unruhige Nacht hier zubrachten, vor dem Ende des nächsten Tages in jenem Haus einen Schlaf beginnen sehen, der nicht nur tief genug ist, sondern ewig dauern wird. Einer der drei, die Ihr dort eben saht, war ein Führer wie ich; ein Schneesturz begrub ihn an der Stelle, wo der Pfad die Ebene des Vélan unter uns verläßt. Der zweite ist ein Pilger, der in der klarsten Nacht, die je den St. Bernhard umglänzte, starb, blos weil er einen Becher zu viel getrunken hatte, um sich Muth zu machen. Der Dritte ist ein armer Winzer, der aus Piemont in unsere Schweizerthäler kam, um Arbeit zu suchen, und welchen der Tod in einem unzeitigen Schlaf überraschte, dem er so unklug war, sich beim Anbruch der Nacht zu überlassen. Ich selbst fand seine Leiche, nachdem wir den Tag vorher in Freundschaft zu Aosta miteinander getrunken hatten, an diesem nackten Felsen, und mit meinen Händen legte ich ihn an die Seite der andern.«

»Und ein solches Begräbniß erhalten Christen in dieser unwirthlichen Gegend?«

»Was sagt Ihr, Fräulein! es ist das Loos der Armen und Unbekannten. Die, welche Verwandte und Freunde haben, werden gesucht und gefunden; denen die da sterben, ohne daß man ihre Abkunft kennt, ergeht es, wie Ihr gesehen habt. Der Spaden ist auf diesen Felsen nicht zu brauchen; und dann ist es besser, die Leiche wird da ausgestellt, wo man sie sehen und zurückfordern kann, als wenn sie verscharrt würde. Die guten Väter droben und alle Angesehenen werden in die Thäler, wo Erde ist, gebracht und anständig begraben, während Arme und Fremde in dieses Gewölbe kommen, das eine bessere Wohnung ist, als viele von ihnen während ihrer Lebzeit kannten. Ach, es schlummern drei Christen dort, die alle vor kurzer Zeit noch heiter und thätig, wie irgend einer, auf der Erde wandelten.«

»Es sind vier dort.«

Pierre sah erstaunt auf, er sann ein wenig nach und fuhr in seiner Beschäftigung fort.

»Dann ist ein anderer zu Grunde gegangen. Die Zeit wird kommen, wo auch mein Blut erstarrt. Dies ist ein Loos, dessen jeder Führer eingedenk sein muß, denn es harrt seiner zu einer Stunde und in einer Jahreszeit, die er nicht kennt.«

Adelheid brach das Gespräch ab. Sie erinnerte sich gehört zu haben, daß die scharfe Bergluft die Verwesung verhindert, welche gewöhnlich mit dem Bilde des Todes vergesellschaftet ist, und der Gebrauch verlor etwas von seinem Schrecklichen in diesem Gedanken.

Mittlerweile erwachten die übrigen Glieder der Gesellschaft und sammelten sich vor der Zuflucht. Die Maulthiere wurden herausgeführt und gesattelt, das Gepäcke aufgeladen, und Pierre forderte die Reisenden auf, aufzusteigen, als Uberto und Nettuno mit einander in der besten Eintracht den Pfad herabsprangen. Die Bewegungen der Hunde waren der Art, daß die Aufmerksamkeit Pierre's und der Maulthiertreiber rege ward, die aussagten, man werde bald einige Knechte des Klosters sehen. Der Erfolg zeigte, wie vertraut der Führer mit seinem Amte war, denn er hatte seine Vermuthung kaum ausgesprochen, so sah man Leute aus der Kluft am Gipfel des Berges durch den Schnee den Pfad herabkommen, der zur Zuflucht führte. Vater Xavier war an ihrer Spitze.

Die Erklärungen waren kurz und natürlich. Nachdem Uberto die Reisenden in die Zuflucht geführt und den größten Theil der Nacht in ihrer Gesellschaft hingebracht hatte, war er gegen Morgen, stets von seinem Freunde Nettuno begleitet, in das Kloster zurückgekehrt. Hier gab er den Mönchen durch Zeichen, welche sie, mit den Gewohnheiten des Hundes bekannt, sofort zu deuten wußten, zu verstehen, daß Reisende auf dem Berge wären. Der gute Schlüsselmeister wußte, daß die Gesellschaft des Freiherrn von Willading im Begriff war, über den Col zu reisen, denn er war nach Haus geeilt, um zu ihrem Empfange bereit zu sein; und da er die Wahrscheinlichkeit versah, daß der Sturm der vergangenen Nacht sie überrascht habe, stellte er sich sogleich in die Spitze der Knechte, welche zu ihrem Beistande aufbrachen. Auch die kleine Flasche mit der Stärkung war nicht mehr an Uberto's Halsband, und so blieb kein Zweifel, daß deren Inhalt gebraucht worden, und da nichts wahrscheinlicher war, als daß die Reisenden eine Unterkunft gesucht haben würden, lenkten sie ihre Schritte ganz natürlich der Zuflucht zu.

Der würdige Geistliche gab diese Erläuterung mit thränenfeuchten Augen und unterbrach sich mehrmals, um ein Dankgebet zum Himmel zu schicken. Er ging von einem Reisenden zu den andern, selbst die Maulthiertreiber nicht vernachlässigend, und befühlte ihre Glieder, besonders aber ihre Ohren, um zu sehen, ob sie dem Einflusse der Kälte ganz entgangen wären, und fühlte sich nicht eher glücklich, als bis er sich durch den Augenschein überzeugt hatte, daß die schreckliche Gefahr, in welcher sie geschwebt, keine schlimmen Folgen zu haben scheine.

»Wir sind daran gewöhnt, viele Vorfälle dieser Art zu erleben,« sagte er lächelnd, als er die Untersuchung zu seiner Zufriedenheit beendigt hatte – »und die Uebung hat unser Auge in solchen Dingen geschärft. Die heilige Jungfrau sei gepriesen und ihr heiliger Sohn, daß ihr alle diese Nacht so gut überstanden habt. In der Klosterkirche wird ein gutes Frühstück bereitet, und wenn eine fromme Pflicht vollbracht ist, steigen wir alle hinauf, uns dessen zu erfreuen. Das kleine Gebäude dort ist die letzte irdische Wohnung derer, welche auf dieser Seite des Berges zu Grunde gehen und deren Ueberbleibsel Niemand in Anspruch nimmt. Keiner unserer Geistlichen geht an dieser Stelle vorüber, ohne für ihre Seelen zu beten. Kniet darum mit mir nieder, die ihr dem Himmel so vielen Dank schuldig seid, und vereinigt eure Gebete mit dem meinigen.«

Vater Xavier kniete auf die Felsen, und alle katholischen Glieder der Gesellschaft vereinigten sich mit ihm im Gebete für die Verstorbenen. Der Freiherr von Willading, seine Tochter und ihre Dienerschaft standen derweilen und zwar die Männer unbedeckten Hauptes, denn obschon ihr Glaubensbekenntniß eine solche Vermittlung als nutzlos verwarf, fühlten sie doch das feierliche und den hohen Charakter dieses Augenblickes. Der Geistliche erhob sich mit einem Antlitz, heiter und glänzend wie die Morgensonne, welche gerade in diesem Augenblicke über den Gipfeln der Alpen erschien, ihre belebende und milde Wärme auf die andächtige Gruppe, die braunen Hütten und die Bergseite werfend.

»Ihr seid eine Ketzerin,« sagte er freundlich zu Adelheid, welcher er die Theilnahme weihte, die ihre Jugend und Schönheit und die große Gefahr, in welcher sie vor wenigen Tagen gemeinschaftlich geschwebt, sehr natürlich erzeugte. »Ihr seid eine reulose Ketzerin, allein wir wollen Euch nicht verstoßen; Eurer Hartnäckigkeit und Sünden ungeachtet seht Ihr, daß die Heiligen sich auch über verstockte Sünder erbarmen, sonst wäret Ihr und alle, die bei Euch sind, gewiß verloren gewesen.«

Die Art, wie er diese Worte sagte, zwangen Adelheid ein Lächeln ab, welches seine Anklagen als freundliche und scherzhafte Vorwürfe aufnahm. Als Pfand des Friedens zwischen ihnen bot sie dem Mönche die Hand mit der Bitte, er möchte ihr in den Sattel helfen.

»Habt Ihr auf die Thiere acht gegeben?« sagte Signor Grimaldi, auf die Hunde deutend, die ernst vor der Oeffnung des Todtenhauses saßen, den Rachen geöffnet und die Augen fest auf das Fenster oder den Eingang geheftet. »Eure St. Bernhards-Hunde, Vater, scheinen abgerichtet, den Menschen auf alle Weise, lebendig oder todt, zu dienen.«

»Ihre ruhige Stellung und ihre ernste Aufmerksamkeit scheint in der That eine solche Bemerkung zu rechtfertigen! Habt ihr je schon Uberto sich so benehmen gesehen?« fragte der Augustiner die Klosterknechte, denn das Thun dieser Thiere war ein Gegenstand des Nachdenkens und der Theilnahme aller auf dem St. Bernhard.

»Man hat mir gesagt, eine andere, frische Leiche sei in dem Hause aufgestellt worden, seit ich zum letzten Male den Berg nieder kam,« bemerkte Pierre, der ruhig ein Maulthier so zu stellen bemüht war, daß Adelheid bequem aufsteigen konnte: »die Hunde wittern den Todten. Dies hat ihn auch in der letzten Nacht an die Zuflucht geführt; der Himmel sei für die Gnade gepriesen.«

Dies wurde mit der Gleichgültigkeit gesagt, welche Folge der Gewohnheit ist, denn die Sitte, die Leichen unbeerdigt zu lassen, hatte keinen Einfluß auf die Gefühle des Führers; aber es fiel denen, die vom Kloster herabgekommen waren, darum nicht weniger auf.

»Du warst selbst der letzte, der herab stieg,« sagte einer der Knechte; »auch sind keine heraufgekommen, als die, welche nun im Kloster in Sicherheit sind und nach dem Sturm der letzten Nacht der Ruhe pflegen.«

»Wie kannst du diesen eiteln Unsinn vorbringen, Henry, wenn eine neue Leiche in dem Hause ist? Dieses Fräulein hat sie eben erst gezählt und es sind deren vier; drei waren es, als ich sie dem Piemontesischen Edeln zeigte, welchen ich an dem Tage, den du meinst, von Aosta herüberführte.«

»Seht darnach,« sagte der Geistliche, sich rasch von Adelheid wegwendend, welcher er im Begriffe war, in den Sattel zu helfen.

Die Männer traten in das düstere Gewölbe, aus welchem sie bald zurück kamen und eine Leiche trugen, welche sie in die offene Luft mit dem Rücken an die Wand des Gebäudes niedersetzten. Ein Mantel hing ihr über Kopf und Gesicht, als wäre er so gelegt, um die Kälte abzuhalten.

»Dieser ist in der letzten Nacht zu Grund gegangen, indem er das Todtenhaus für die Zuflucht nahm,« rief der Geistliche. »Maria und ihr heiliger Sohn mögen seiner Seele beistehen!«

»Ist denn der Unglückliche wirklich todt?« fragte der Genueser mit weltlicherer Sorgfalt und mit größerer Uebung in der Erforschung von Thatsachen. »Die Erfrornen schlafen lange, ehe die Lebensströme zu laufen aufhören.«

Der Augustiner befahl seinen Begleitern, den Mantel zu entfernen, obgleich er wenig Hoffnung hegte, daß die Annahme des Andern gegründet sei. Als das Tuch weg war, zeigten sich dem Auge die eingefallenen und bleichen Züge eines Mannes, in welchem das Leben unzweifelhaft erloschen war. Unähnlich den meisten, die gewöhnlich durch eine allmählige Erstarrung und eine langsam sich steigernde Bewußtlosigkeit in den langen Schlaf des Todes versinken, war in dem Gesicht des Fremden ein Ausdruck des Schmerzes, welcher anzukündigen schien, daß sein Todeskampf herb gewesen und er auf eine schmerzenvolle Weise aus dem Leben geschieden sei. Ein Schrei Christinens unterbrach das schaurige Hinstarren der Reisenden und gab ihren Blicken eine andere Richtung. Sie hing an Adelheid's Hals und ihre Arme zuckten, so fest klammerte sie sich an die Freundin an.

»Er ist's! er ist's!« murmelte das erschreckte und halb wahnwitzige Mädchen, ihr bleiches Gesicht an dem Busen Adelheid's bergend. – »O Gott! – er ist's!«

»Von wem sprichst du, Liebe?« fragte die verwunderte, obgleich nicht minder erschreckte Adelheid, die glaubte, die geschwächten Nerven des armen Mädchens seien durch den Schauer des Anblicks ergriffen worden – »er ist ein Reisender, wie wir, und fand unglücklicherweise in demselben Sturme den Tod, dem wir durch die Güte der Vorsehung entgangen sind. Du solltest nicht so zittern, denn so schrecklich es auch ist, – er ist in einem Zustande, zu welchem wir alle kommen müssen.«

»So bald! so bald! so plötzlich! – Ach, er ist's!«

Adelheid, welche die Heftigkeit der Gefühle Christinens beunruhigte, wußte sie durchaus nicht zu deuten, als die schlaffe Hand und die sterbende Stimme ihr zeigten, daß ihre Freundin ohnmächtig geworden. Sigismund war einer der ersten, der zum Beistande seiner Schwester herbeieilte, die durch Anwendung der gewöhnlichen Mittel bald wieder zu sich gebracht wurde. Um sie vollkommen wieder herzustellen, wurde sie zu einem etwas entlegenen Felsen getragen, wohin, wie man annehmen konnte, keiner der Männer, mit Ausnahme ihres Bruders kam. Der Letztere blieb nur einen Augenblick, denn eine Bewegung in der Gruppe an dem Todtenhaus veranlaßte ihn, dahin zu gehen. Er kehrte langsam, gedankenvoll und düster zurück.

»Die Gefühle unserer armen Christine waren erschüttert und sie ist zu sehr angegriffen, um die Mühseligkeiten einer Reise auszuhalten,« bemerkte Adelheid, nachdem sie mitgetheilt hatte, daß die arme Leidende wieder zu sich gekommen; »hast du sie je so gesehen?«

»Kein Engel könnte ruhiger und glücklicher sein, als meine Schwester vor dieser letzten Beschimpfung war; du scheinst die traurige Wahrheit noch nicht zu wissen?«

Adelheid sah ihn erstaunt an.

»Der Todte ist der Mann, welcher beabsichtigte, der Herr des Glückes meiner Schwester zu werden und die Wunden an seinem Körper lassen wenig Zweifel übrig, daß er ermordet worden.«

Christinens Erregung bedurfte keiner weitern Erklärung.

»Ermordet!« wiederholte Adelheid leise.

»Die schreckliche Wahrheit läßt keinen Zweifel mehr zu. Dein Vater und unsere Freunde sind jetzt beschäftigt, alle Thatsachen sicher zu stellen, die später zur Entdeckung der Thäter führen können.«

»Sigismund!«

»Was willst du, Adelheid?«

»Du fühltest Widerwillen gegen diesen Unglücklichen?«

»Ich läugne es nicht! Konnte ein Bruder anders fühlen?«

»Aber jetzt – jetzt, da Gott ihn so furchtbar heimgesucht hat?«

»Von ganzem Herzen vergebe ich ihm! Wären wir in Italien zusammengetroffen, wohin er, wie ich wußte, gehen wollte – aber das ist thöricht.«

»Schlimmer als dies, Sigismund!«

»Aus meiner tiefsten Seele verzeihe ich ihm. Ich hielt ihn nimmer ihrer würdig, deren einfaches Gefühl durch die ersten Zeichen seiner angeblichen Theilnahme gewonnen worden; aber ich konnte ihm kein so grausames und plötzliches Ende wünschen. Möge Gott ihm Gnade schenken, wie ich ihm verzeihe!«

Mit frommer Freude empfing Adelheid den stummen Druck seiner Hand. Sie trennten sich jetzt und er begab sich zu der Gruppe, welche sich um die Leiche gesammelt hatte, und sie ging wieder zu Christine. Signor Grimaldi nahm jedoch Sigismund sofort in Anspruch und drängte ihn, unmittelbar mit den Frauen nach dem Kloster abzugehen, indem er versprach, die übrigen Reisenden sollten folgen, sobald die jetzige traurige Pflicht beendigt wäre. Da Sigismund nicht wünschte, an dem, was jetzt vorging, Theil zu nehmen, und Grund vorhanden war, zu glauben, seiner Schwester werde durch die Entfernung von dieser Stelle großer Schmerz erspart, fügte er sich freudig dem Vorschlag. Augenblicklich geschahen Schritte, ihn ins Werk zu setzen.

Dem Wunsche ihres Bruders gehorsam, bestieg Christine ruhig und ohne Weigern ihr Maulthier; aber ihr todtengleiches Gesicht und ihr starres Auge verriethen die Heftigkeit des Schlags, der sie getroffen. Während des ganzen Rittes zu dem Kloster sprach sie nicht, und da alle ihren Schmerz theilten und verstanden, hätte der kleine Zug nicht düsterer und stummer sein können, wenn sie die Leiche des Erschlagenen mit sich geführt hätten. Nach einer Stunde erreichten sie den lange gesuchten, und so sehnlich erwarteten Ort der Ruhe.

Während diese Anordnung für den schwächeren Theil der Gesellschaft getroffen wurde, fand eine verschiedene Scene in der Nähe der Gebäude statt, welche bereits so passend die Häuser der Todten und Lebendigen genannt wurden. Da innerhalb mehrerer Meilen von der Wohnung der Augustiner diesseits und jenseits des Berges keine menschliche Wohnung war und die Wege im Sommer sehr besucht waren, übten die Mönche eine Art Gerichtsbarkeit in solchen Fällen aus, die eine schnelle Handhabung der Gerechtigkeit oder eine unerläßliche Achtung vor jenen Formen forderten, welche später vor den regelmäßigen Behörden wichtig werden konnten. Es war daher nicht sobald bekannt, daß Grund zu der Vermuthung vorhanden sei, eine Gewaltthat sei hier begangen worden, als der gute Augustiner die nöthigen Schritte that, alle die Umstände glaubwürdig zu machen, welche genau hergestellt werden konnten.

Die Gewißheit, daß die Leiche des Jacques Colis, eines kleinen aber vermögenden Gutsbesitzers in der Waadt sei, unterlag keinem Zweifel. Diese Thatsache konnten nicht nur mehrere Reisende bekräftigen, sondern er war auch einem der Maulthiertreiber bekannt, von dem er ein Maulthier geliehen hatte, das zu Aosta stehen bleiben sollte, und man wird sich auch erinnern, daß er zu Martigny von Pierre gesehen worden war, während er seine Anstalten traf, über das Gebirg zu gehen. Von dem Maulthiere waren nur solche Spuren, die eben so gut den Thieren zugeschrieben werden konnten, welche noch des Aufbruchs gewärtig harrten. Die Art, wie der Unglückliche geendet, unterlag keinen Zweifel. Sein Körper hatte mehrere Wunden und ein Messer, von der Form, wie Reisende der untern Klassen sie zu tragen pflegten, war in seinem Rücken stecken geblieben, so daß es unmöglich war, sein Ende einem Selbstmord beizumessen. Auch die Kleider zeigten Spuren eines Kampfes, denn sie waren zerrissen und beschmutzt, doch war nichts weggekommen. Man fand Gold in den Taschen, nicht in Fülle, aber doch hinreichend, den ersten Gedanken, als habe hier eine Beraubung statt gefunden, zu schwächen.

»Das ist seltsam,« bemerkte der gute Augustiner, als er den letzten Umstand gewahrte: »die Schlacken, welche so viele Seelen zur Verdammniß führen, sind unbeachtet geblieben, während Christen-Blut vergossen wurde! Dies scheint eher eine That der Rache als der Habsucht. Laßt uns nun untersuchen, ob Spuren zu finden sind, wo diese Trauerscene vor sich gegangen ist.«

Das Suchen war ohne Erfolg. Da die ganze Umgegend aus eisenfarbnen Felsen und deren Geschütt besteht, würde es in der That nicht leicht gewesen sein, den Zug eines Heeres nach seinen Fußtapfen anzugeben. Blutflecken waren jedoch nirgends zu entdecken, ausgenommen da, wo die Leiche gefunden worden war. Das Haus selbst bot kein Zeichen der Blutscene, von welcher es Zeuge gewesen war. Zwar lagen die Gebeine derjenigen, die lange vorher gestorben waren, zerbrochen und zerstreut auf den Steinen; da aber die Neugierigen gewöhnt waren, anzuhalten und manchmal einzutreten und die irdischen Ueberreste zu untersuchen, so war der jetzige Zustand derselben weder neu noch auffallend.

Das Innere des Todtenhauses war dunkel und in dieser Hinsicht mindestens seiner hehren Bestimmung angepaßt. Während dieses letztern Theils der Untersuchung standen der Mönch und die zwei Edeln, welche dem Vorfall ein lebhaftes Interesse zu widmen anfingen, vor dem Fenster, und blickten hinein auf die düstere, aber lehrreiche Scene. Eine Leiche stand so, daß einige Strahlen des Morgenlichtes gerade auf sie fiel, so daß man sie viel deutlicher sehen konnte, als die andern, obgleich auch diese eine dunkle und verschrumpfte Mumie war, welche kaum eine Spur dessen, was sie gewesen, zeigte. Wie die andern, deren Körpertheile noch zusammenhingen, war sie in der Stellung eines Sitzenden, den Kopf vorwärts gesenkt, an die Mauer gelehnt worden. Das Licht fiel eben auf das geschwärzte, runzlichte Gesicht. Es war ein gräßliches Todesgrinsen, die Züge durch die Einwirkung der Luft verzerrt und der ganze Anblick ein abstoßender, aber heilsamer Mahner an das gemeinschaftliche Loos.

»Dies ist die Leiche des armen Winzers,« bemerkte der Mönch, mehr an dieses Schauspiel gewöhnt, als seine Gefährten, welche vor dem Anblick zurückbebten; – »er schlief unklug auf jenem nackten Felsen und sein Schlaf wurde der Schlaf des Todes. Für seine Seele wurden viele Messen gelesen; auf seine irdischen Ueberreste aber machte Niemand Anspruch. Aber – was ist das, Pierre? du kamst neulich hier vorüber – wie viele Leichen waren bei deinem letzten Besuche hier?«

»Drei, hochwürdiger Herr; und doch sprachen die Fräulein von vier. Ich sah mich nach der vierten um, als ich in dem Gebäude war, doch sah ich keine neue, als die des armen Jacques Colis.«

»Komm hierher und sage mir, ob nicht zwei in der fernen Ecke zu sein scheinen – dort, wo die Leiche deines alten Kameraden, des Führers, aus Achtung vor seinem Berufe, ihren Platz hatte? gewiß ist ihre Stellung wenigstens verändert.«

Pierre zog seine Mütze ehrerbietig ab, trat näher, und beugte sich in die Oeffnung vor, so daß er das äußere Licht vor seinen Augen ausschloß.

»Vater!« sagte er, erstaunt zurücktretend, »dort ist wahrlich noch eine dritte, obgleich ich sie übersah, als wir in dem Innern waren.«

»Dies muß untersucht werden! das Verbrechen mag größer sein, als wir geglaubt haben.«

Die Knechte des Klosters und Pierre, dessen lange Dienste ihn mit den Klosterbewohnern vertraut gemacht hatten, traten jetzt in das Gebäude, während die draußen den Ausgang ungeduldig erwarteten. Ein Schrei im Innern bereitete die letztern auf einen neuen Schreckensgegenstand vor, als Pierre und seine Gefährten rasch wieder erschienen und einen Lebenden in die offene Luft herausschleppten. Als er an das Licht kam, sahen die, welche ihn kannten, die sanfte Miene, die demüthige Haltung und den unbehaglichen, mißtrauischen Blick Balthasar's.

Das erste Gefühl der Zuschauer war das unverhaltenen Erstaunens; aber düsterer Verdacht folgte. Der Freiherr, die zwei Genueser, der Geistliche – Alle waren Zeugen des Vorfalls auf dem großen Platze zu Vevay gewesen. Die Person des Scharfrichters war ihnen auf der Seefahrt und bei dem eben erwähnten Vorfall so bekannt geworden, daß hinsichtlich seiner Identität nicht der geringste Zweifel entstehen konnte, und wenn man die Begebnisse des Morgens daran knüpfte, konnte man über die Ursache des Mordes nicht mehr sehr ungewiß sein.

Wir wollen uns nicht mit den Einzelnheiten der Untersuchung aufhalten. Sie war kurz, bedachtsam, und hatte den Charakter einer blos der Form wegen eingeleiteten Sicherstellung der Thatsachen, da in Bezug auf diese kein Zweifel obwalten konnte. Als sie geschlossen war, bestiegen die zwei Edeln ihre Maulthiere. Vater Xavier schritt voran, und die ganze Gesellschaft zog, Balthasar als Gefangenen mit sich führend, der Höhe des Passes entgegen, die Leiche des Jacques Colis da, wo so viele menschliche Körper von ihm sich in Luft auflösten, ihrer letzten Ruhe überlassend, bis die, welche im Leben Theilnahme für ihn gefühlt hatten, es geeignet fänden, seine Ueberreste zurückzufordern.

Der Aufsteig zwischen der Zuflucht und dem Gipfel des St. Bernhard ist bei weitem beschwerlicher als an einem andern Theile des Weges. Das Ende des Klosters, über dem nördlichen Scheitel des Passes hängend und einer Masse des eisenfarbenen und düstern Felsen gleichend, welcher der ganzen Gegend ein so wildes und unwirthliches Ansehen gibt, wurde bald sichtbar. Die letzte Anhöhe war so steil, daß sie eine Art von Treppe bildete, welche die ächzenden Maulthiere mit Noth erstiegen. Als diese Mühe überstanden war, befand man sich auf dem höchsten Punkte des Passes. Die nächste Minute führte sie an das Thor des Klosters.


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