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Der Sang der Sakije

Willy Seidel: Der Sang der Sakije - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorWilli Seidel
titleDer Sang der Sakije
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidc4361105
created20061214
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Die Mutter

Was weiß man von den kindlich-zähen Fingern, den tappenden Händen, den vertrauensvollen Griffen, den weich an Burnusfalten gedrückten Köpfen arabischer Kinder? In Dunst und Lärm schlummern sie, hin und her geschüttelt, auf den Schultern ihrer zermürbten Mütter, die einen Korb voll Kohl oder Kürbissen auf den flachen Hirnschalen tragen, um die die Sorge ihren dumpfen Ring geschmiedet, und in denen die kümmerlichen Gedanken stundenlang um ein Kupferstück kreisen ....

Und das schmutzige, nackte Kind umklammert den Hals, umklammert ihn wie ein Affenjunges mit aller atavistischen Gier des Heimatgefühls, nahe dem Zuspruch des Pulses in der mütterlichen Halsschlagader, um die es seine Arme preßt; die Beinchen schließen sich, an den Knöcheln mit dem Spielzeug einer silbernen Spange beschwert, wild und zäh um die Schulter, bohren sich in die Falte der Abaja ein mit einwärts gekrümmten Sohlen und unbewußt fingernden Zehen .... Es ist schmutzig, es ist fliegenüberwimmelt, es ist ein großköpfiger, erboster Wechselbalg, ein denkbar überflüssiges Geschöpf, und doch sagt es: »Mutter!« – Und sie nährt es, prügelt es und schleppt die Last mit sich herum; sie stopft ihm Zuckerrohr in den Mund, das sie mit Vorsorge bespeichelt hat; sie duldet seinen Unrat, seine kleinen, glatten Muskeln, seine tobenden Ansprüche; sie nennt es Geschenk des Erbarmens und zieht es groß ....

Und wenn es strampeln kann, bekommt es ein Käppchen und ein Leinenhemd, über das es ständig stolpert; dann nimmt es den Zipfel in den Mund und lernt laufen. Es sammelt im Staub; sein Dasein spielt sich unter den Mauern oder im Licht der Bogenlampen ab; es kriecht unter den Tischen durch und bettelt mit weinerlicher Katzenstimme. Oder wenn es besserer Kaste ist, erhält es einen Miniaturtarbusch und viel zu große Stiefel, Erbstiefel, in die es hineinwächst, und lenkt den tappenden Schritt seines blinden Großvaters unermüdlich durch das Gedränge der Mouski ....

Oder es sitzt in einem Harem in der seidenen Mulde zwischen zwei gespreizten prallen Knien und verlangt nach einer blauen Brustwarze, die es irgendwo hinter einem Wirrwarr von Ketten wittert; sie wird hervorgeholt, und es versinkt in eitel Duft und Letzung. Vielleicht spielt man dann mit ihm, befingert es, findet es fett; leise Kehlstimmen lachen über seinen Trotz, und mehrere braune Frauen nähern sich und wollen es säugen, selbst wenn es längst zu schlafen begehrt ....

Es sind vielleicht verwirrend viele Brüste da, an denen es sich gelabt hat. Es sind vielleicht viele weiche Hände da, die es tätscheln und an ihm zerren. Es sind vielleicht viele Stimmen da, die sich weich oder kreischend streiten, wem es als Spielzeug dienen soll. Aber es gibt nur eine Stimme, die es kennt, nur eine Brust, die ihm ganz behagt, und zu ihr findet es unfehlbar zurück; es kriecht und kämpft sich durch, an all den farbigen Schuhen, den Pfeifenschläuchen, den Puderbüchsen, den Pralinéschachteln vorbei, bis es leise gurrend zu seiner Quelle zurückgefunden hat, bis es wieder bei seiner Mutter ist.


Ein junger Mann in ausgesucht leuchtender Kleidung schritt die Mouski herab.

Beim Gehen achtete er sorgfältig auf seine Schuhe.

Sein Gesicht war leichtbraun und nicht unschön. Besonders auffällig erschienen darin die Wimpern der weichgeschlitzten Augen und die kohlschwarzen hochsitzenden Brauen. Sonst bot die Erscheinung einen für ihr offenbar noch jugendliches Alter recht ausgesprochenen Fettansatz und einen Zug von – wenn man so sagen will – dauernder Unausgeschlafenheit. Zuweilen griff er mit der kleinen, üppig beringten Hand in die Außentasche des Jacketts und wischte sich mit einem seidenen Tuch die von drei wulstigen Falten zerschnittene Stirne ab.

Bei Sednaoui, einem großen Konfektionsgeschäft, angelangt, wählte er ein Dutzend auffallende Strümpfe. Bei der Wahl der Farben bewies er nicht gerade den besten Geschmack. Offenbar liebte er sehr Buntes und Lautes; es schien ihn zu erheitern, und er schien zu finden, dass ihm das stehe.

Man solle ihm das Päckchen zusenden, sagte er schließlich. Und er nannte eine ganz neu angelegte Straße in der Gegend des Gezirê-Palace-Hotels.

Er kaufte sodann noch allerlei: ein silbernes Necessaire, einen japanischen Rückenkratzer aus Elfenbein, mehrere Flakons von teurem Parfüm: Hier ward er einer verschleierten Harîm gewahr, die ihn, als er ihr den Vortritt ließ, blitzschnell musterte. »Sie ist alt geworden,« dachte er, »aber das tut nichts.« Er ließ, das Kinn auf die Brust gedrückt, ein Wort fallen; und es schlüpfte unter ihren Schleier und gelangte zu ihrem Ohr.

Sie verriet sich mit keiner Bewegung.

Jedoch abends in der Scharia Managh fuhr eine geschlossene Droschke auf einen Schotterhaufen auf; und ehe der Kutscher sie wieder flottmachte, ward sie um einen Insassen reicher. – – – – – – – –

Am übernächsten Morgen erhielt derselbe junge Mann ein Billett von unbekannter Hand, des Inhalts, daß er in einem bestimmten Hause in der Garten City zur üblichen Besuchszeit erwartet werde. Das Adreßbuch gab ihm lediglich die Auskunft, daß das betreffende Haus in den Händen der Relikten eines kürzlich verstorbenen Scheich Achmed Abd-el-Gawad sei. Dieser früher ungemein einflußreiche Name war ihm geläufig. Er machte ausführliche Toilette und begab sich auf den Weg.

Mit Absicht nahm er keine Droschke. Allerhand Vermutungen durchkreuzten seinen Kopf. Er rief sich zurück, was er von Abd-el-Gawad wußte. Ja, dieser Bauer aus dem Delta hatte eine erstaunliche Karriere gemacht ....

Kaum zwanzigjährig, hatte er in Kairo eine Zeitung gegründet, und diese Zeitung war ein politisches Meisterstück gewesen. Sie balancierte recht witzig: sie war türken- und khedivenfreundlich, mithin allen Parteien genehm und das ersehnte panislamische Organ .... So kam sie auch in die Gunst des Sultans, dem im Grunde jeder Angriff auf England, als freiheitliche Regung, damals tief verdächtig war, weil er als nächsten Schritt einen Verrat auch an der Türkei witterte.

Dazu hatte sich der schlaue Mensch tief in die Gunst des früheren und nun des jetzigen Khediven gesetzt. Er wurde vom Hof zu allerhand Liebesdiensten verwendet. Unserem guten Abbas-Hilmi verschaffte er reizende Nebeneinnahmen, da man ihn ermächtigt hatte, mit Stellungen zu handeln und die Preise für dekorative Orden anzusetzen .... Kannte man ihn gut, so war es nur eine Geldfrage gewesen, wenn man sich die Brust mit dem Medschidije erster Klasse oder dem Osmanije der dritten zieren wollte ....

Der junge Mann, an diesem Punkt der Überlegung angelangt, dachte daran, daß ihm ein solcher Orden ebenfalls sehr zum Schmuck gereichen werde. Gedankenvoll betrat er einen offenen Schuhputzerladen und ließ sich bedienen. Während er den geschickten Händen zusah, die eine weiche und eine harte Bürste abwechselnd schwangen, rekapitulierte er das übrige, was ihm von Abd-el-Gawad zu Ohren gekommen war ....

Ha, dieser Mann war ein Gauner gewesen! Er betrieb die Kuppelei im großen und kannte den Geschmack im Abdin-Palast .... Überall hatte er seine Agenten .... Der Khedive erlöste ihn ziemlich plötzlich von der Redakteurstellung des sehr gelesenen Organs und machte ihn Hals über Kopf zum Schêsch-es-Sadât .... Welch eine Karriere!!

Der junge Mann grübelte weiter, und auf einmal traf ihn eine neue, eine abliegende Vermutung wie ein elektrischer Schlag, so heftig und überrumpelnd, daß er nach Beendigung der Verschönerung noch eine Weile sitzenblieb. Hierauf, sanft zum Aufbruch gemahnt, gab er versehentlich einen halben Frank zuviel .... Es war nach langer Zeit das erstemal, daß er sich in Kleingeld versah.

Draußen, langsam weiterschreitend, spann er den neuen Gedanken aus, und eine nie vorher gekannte, seltsam mit einer süßen Vedrängung verknüpfte Erregung wandelte ihn an. Er ging an den Barracks vorüber und bog hinter dem Semiramishotel in eine stille Gartenstraße ein. Ein prunkvolles, schmiedeeisernes Portal ward ihm aufgetan. Er durchschritt einen reizvoll gepflegten Garten und betrat ein völlig europäisch anmutendes Palais. Eine Marmortreppe hinauf von einem prächtigen, wortkargen Kawassen geleitet, befand er sich alsbald in einem Salon und wurde gebeten, einige Minuten zu warten.

Ein Smyrnateppich von seltener Größe und Feinheit der Knüpfarbeit bedeckte das Parkett. Der Raum wurde durch hölzerne Rolläden vor den hohen Fenstern, deren Brettchen schräg standen, halb verdunkelt. Eine hellblaue, mit zinnfarbenen Preßlilien geschmückte Tapete schadete der Wand. Zerbrechliche Prunkstühlchen, goldlackiert, von verzweifelt sich windendem Rokoko umringten einen schweren Mahagonitisch. Eine stumme Antipathie herrschte zwischen den Möbeln. In der Ecke stand ein Kachelofen aus Steingut, dessen Berechtigung dunkel war. Auf einer Etagere von durchbrochener Holzarbeit zwischen arabischen Nippsachen und wertvollen eingelegten Ziergegenständen blähte ein Porzellan-Amor mit versilberten Brustwarzen sein rosa Fleisch. Hinter der Etagere hingen lebensgroße Photographien: ein schwammiger, mattblickender, üppig uniformierter Herr im Tarbusch mit dem Aspekt eines arabischen Zeremonienmeisters – und neben ihm eine schwarz bekleidete, offenbar sehr schöne Dame von hellerem Teint. Beide Bilder waren farbig übertuscht.

Vor einem Wandschirm, über dessen schwarze Flächen ein goldener Drache von chinesischer Arbeit kroch, stand ein riesiger Rauchtisch von delikatester Ziselierung. Der Duft eines sehr teuren Parfüms füllte die Luft und stimmte schläfrig und traumselig.

Der junge Mann ließ sich auf einem Taburett nieder. Nachdem er etwa eine Viertelstunde gewartet hatte, öffnete sich lautlos eine weiß lackierte Flügeltür. Sie blieb offen stehen; ein Geschöpf trat in ihren Rahmen und sandte den Blick herüber, ohne sich zu rühren und ohne zunächst die von Brillantringen überladene Hand von der Klinke herabzunehmen.

Endlich kam das Geschöpf näher und beschied mit derselben Hand in einer gleichgültigen runden Bewegung den jungen Mann, der sich erhoben hatte, auf einen der zerbrechlichen Stühle. Man setzte sich, und da ein kurzes Schweigen folgte, hatte er vollkommen Muße, sich vorzubereiten, und kam dabei zu dem Ergebnis, daß er etwas Ähnliches bis jetzt noch selten erblickt habe.

Diese Dame trug ein nach der Gepflogenheit vornehmer Harîm recht geräumig geschnittenes Kleid aus schwarzem Atlasstoff, das auf einen üppigeren Körper berechnet schien und nach allen Seiten hin in schwere Falten ausfloß. Unter dem verhüllenden Kopftuch, dessen Quasten die Schultern schier belasteten, und dessen zu einem Dreieck gefaßtes Ende den Rücken herabwallte, lebte, gleichsam versteckt in einer Umrandung von dünner Seide, ein kleines Gesicht. In seiner feinen Wachsfarbe rührten sich ungeheuer große schwarze Augen, unnatürlich erweitert, erschreckt, abwehrend, ruhe- und ratlos. Die Lider, unfaßbar zart wie die äußersten Blätter gelblicher Rosen, erschienen fein und krankhaft durchblutet und trugen blauschwarze Wimpernsäume, deren nachgefärbte Treffpunkte die vollkommene Mandelform des arabischen Auges erzeugten.

Die Frau hielt ihr Gesicht geduckt, so, als erwarte sie eine Demütigung. Der Nacken war gekrümmt, und die Flügel der zierlich modellierten Nase bebten unablässig wie die eines Nagetieres. Um so erstaunlicher war die Stimme. Sie war zu weich, um in eine kreischende Färbung überzuschlagen, aber auch wieder zu scharf, um gütig zu wirken. Es war eine Stimme, hinter der eine breite Erfahrung von Leid stand, sie war von der Seelenlosigkeit eines durchgehaltenen Sopran-E, das man ohne jede Absicht, es warm erschwellen zu lassen, nur zur Probe auf seine Reinheit anstreicht. –

Sie eröffnete nun, in reinstem Französisch, die Unterhaltung.

»Sie sind Hassan-Muharram? Oder vielmehr, Sie nennen sich so?«

Der junge Mann bestätigte.

»Ich bin entzückt«, sagte sie mit leerem Ausdruck und sah ihn an.

Auf einmal ging eine kleine Arbeit, ein kleines Ringen nach Konzentration durch ihre Gestalt; sie zog sich gleichsam etwas zurück und schmiegte sich tiefer in den Stuhl. Bei dieser Bewegung entblößte der Hals sich ein wenig: ein Kettenschmuck von fabelhaftem Wert ward vorübergehend sichtbar.

»Sie werden etwas erstaunt gewesen sein, Hassan-Muharram, daß ich Sie anonym hierherbeschied .... Sie befanden sich vorgestern bei einer Dame, die mir befreundet ist! Sie erzählten ihr allerlei!«

Schweigen.

»Sie waren lange dort .... Sie kannten einander! Sie hatten das Bedürfnis sich auszusprechen und teilten ihr auch ein wenig von Ihrer Abkunft mit .... Aus alledem schloß ich, daß Sie ohne Zweifel – mein Sohn sind.«

Sie sprach dies mit der gleichen leblos hohen Stimme. In ihre Augen trat dabei lediglich der Ausdruck einer schattenhaften Neugier; sie lächelte weder, noch deutete sie durch die geringste Bewegung an, daß ihre Eröffnung von irgendwie tieferem Belang sei. Als sie die Wirkung wahrnahm, die ihre Worte auf ihn machten, verstärkte sich diese Miene kalter Neugier, als habe sie irgendein gleichgültiges Erperiment gewagt und sei längst in der Lage, die Folgen zu tragen.

Er war zurückgesunken und hatte die Hand auf die Augen gelegt. Die Erfüllung war da ... und in ihm reckte sich ein Knabe auf, braun und hochfahrend, der in irgendein trübes Dunkel hinein, in ein erbärmliches Dunkel, mit einem alten, tierischen Fellachen Abrechnung hielt, der mit schriller Stimme einen Dithyrambus auf ein unbekanntes Leben sang, zu dem ihn durch viele Verwandlungen hindurch sein Blut unwiderstehlich treiben mußte .... Und nun, nun stand er am Tor dieses Lebens; denn das Herz lebte, von dessen Blut er dereinst gezehrt!

Diese Frau da ... seine Mutter! Er sah sie noch nicht an, denn das Bewußtsein, daß sie vor ihm saß, umschattete ihn wie ein plötzlicher Schwindel. Eine Minute blieb er regungslos sitzen, wie gelähmt von der unerwarteten Eröffnung. Ja, nun war es so, wie er bereits vorhin geahnt, auf dem Weg hierher ... und sein Blut lief schneller um; als sei etwas in seine Adern geschleudert, wie ein plötzlicher, seliger Antrieb, eine natürliche Befeuerung, die ein inneres Hemmnis, das er bis jetzt mit sich herumgetragen, herrlich zersprengte und ihn erwärmte ... in seinem vorher noch leeren und glatten Gesicht zuckte es auf, das Gefühl überwältigte ihn. Und außer sich vor Freude erhob er sich, und seine Hand tastete hinüber, der ihren entgegen, die regungslos wie ein totes Ding auf dem Schoße lag. Doch als er sein Gesicht dem ihren näherte, um es auf beide Wangen zu küssen, hielt er inne und sank zögernd und fassungslos zurück ....

Sie sah ihn noch immer starr an mit ihren mandelförmigen großen Augen. Aber in diesen Augen war ein Funken erwacht, ein kleiner böser Schimmer, und das Gesicht verzog sich jetzt wild und hysterisch, so daß aus der zersprengten Puderschicht mit einem Schlag tausend tief eingeätzte Fältchen hervortraten, Fältchen, die jeden weichen Zug zerstörten ... und was blieb übrig? Eine kleine, von Leid und zuckendem Argwohn verheerte Fratze!

Sie sprach jetzt weiter, und ihre Stimme war kalt und höflich: »Verzeihen Sie, Hassan-Muharram, ich wollte mit der Mitteilung, daß Sie mein Sohn sind, keine Szene herbeiführen, wenn sie auch rührend und vielleicht von Ihrer Seite aus verständlich wäre. Ich will mich lediglich mit Ihnen bekannt machen. Ich hörte dies oder jenes über Sie ... waren Sie nicht noch vor kurzem der Kompagnon Succetti-Paschas?« Sie zog hier die Augenbrauen sehr hoch, und etwas wie ein frivoles Lächeln entstellte flüchtig ihren Mund...

Hassan nickte. Seine Lippen waren blutleer.

»Ah, das ist richtig. Sie sollen mit großem Geschick spekuliert haben, wenn auch die Unternehmungen sich nicht alle als ganz sauber erwiesen ... Sie haben sich als brillanter Geschäftsmann bewährt ... Man redet einiges über Sie, über Ihre Gewohnheiten, über Ihren Verkehr ... Sie erregten bereits mein Interesse, bevor ich den Zusammenhang zwischen uns entdeckte. Man bedarf Ihrer, und das macht Sie immun. Sie sind sehr klug ...«

Ihr Gesicht hatte wiederum jeden Ausdruck eingebüßt. Und zwischen beiden saß wie ein Tier mit hundert geschlossenen Augen ein Rätsel, ein dürres, widerliches Rätsel.

Er gab zunächst noch keine Antwort, wohl auch, weil sie keine erwartete; dann aber fuhren seine beiden Hände in die Höhe; er hob sie gespreizt an beide Schläfen, als ob ihn der Kopf schmerze, und unduldsam, schier bellend, brach seine Frage hervor:

»Mein Gott – worüber reden Sie? – Sind Sie nicht meine Mutter? – Warum vergönnen Sie mir nicht, Ihre Hand zu küssen?«

Sie wich wiederum etwas zurück. Sie zupfte den Schleier halb übers Gesicht und sprach dann farblos:

»Ich liebe Sie nicht.«

»Warum? O Erbarmer! So reden Sie!«

»So hören Sie mich ruhig an.« – Sie drückte auf eine Perlmutterklingel. Ein grauer, dicker Mann wälzte sich lautlos herein.

»Achmed! Kaffee! Zigaretten!«

»Aiowa!« sagte der dicke Mann und rollte ebenso lautlos wieder hinaus, grotesk behend. Hassan hatte bemerkt, daß ihm jeder Anflug von Bart fehlte.

»Ich bin von bester Abkunft«, fuhr sie fort. »Ich bin die Seijide Ali-Jussef, eine Tochter des früheren Schêsch-es-Sadât. Daher haben Sie von mir das beste Blut geerbt; Sie sind zur Hälfte hochadlig, mein Herr; Sie sind ein Nachkomme des Propheten ... Aber setzen Sie den grünen Turban nicht auf, er würde nicht auf Ihr Haupt passen. Oder wenn Sie es tun, so ergeben Sie sich durchaus einem reizenden Müßiggang und verzichten auf Börsengeschäfte. Aber ich glaube, Sie werden daran noch keinen Geschmack finden!« Ihre Nasenflügel vibrierten leicht.

»Zur anderen Hälfte sind Sie jedoch der Sohn eines – – – Kutschers, eines Berberiners ... Erschrecken Sie nicht. Es ist so. – – – Ich war fünfzehnjährig und sehr schön. Man gab mir eine französische Begleiterin, und ich liebte es, in geschlossener Equipage auszufahren, um dann später außerhalb der Stadt die Vorhänge zu öffnen und herauszuspähen. Man hielt mich außerordentlich streng ... Ich lebte in einem Gefängnis, in jedem Luxus zwar, aber in völliger Unkenntnis der Welt. Die Französin (vor Angst bebend, denn auch unsere Unterhaltungen wurden hinter den Wänden überwacht) weihte mich in manches ein, doch naturgemäß nur unvollkommen. Ich war sehr sinnlich. Und diese Aufklärungen hatten nur den Erfolg, daß diese Triebe maßlos gereizt wurden und eine frühzeitige Neugier nach dem Unverstandenen mich mit entnervender Wollust schüttelte ...«

Sie verdrehte die schönen Augen, und ein Krampf lief ihr über den Leib.

»Jene Equipage benützten wir täglich. In ihrer seidenen Gruft, in dem Verlies zwischen den Polstern herrschte Stille – freuen Sie sich, Hassan-Muharram, daß Sie sie nie gekannt haben ... diese Stille ...! – und draußen tobte das Leben. Wir führten mit Vorliebe erregende Gespräche und sahen durch die Spalten auf die Straße heraus. Bei Gott, Hassan-Muharram, jeder Lastträger, jeder Gemüsehändler war damals eine Sensation für uns.« Ihre Stimme wurde leiser.

»Da geschah es, daß wir einen größeren Ausflug machten. Unser Kutscher verirrte sich in die Gegend, wo heute Meadi liegt. Wir hielten auf offenem Feld. Ich wagte es herauszutreten, da er uns keine Antwort gab. Er hatte sich völlig an Raki betrunken und schlief auf dem Bock.

Zunächst waren wir ratlos. Es war eine Situation, wie wir sie vorher nie erträumt: wir waren frei!!« Der Eunuche erschien und brachte zwei Schalen Mokka und eine Schachtel Zigaretten.

»Wie es weiterging? – Eine leere Droschke kam uns entgegen. Es war spät geworden. Wir baten den Kutscher, uns zurückzufahren, und er schleppte den Betrunkenen auf seinen Bock und setzte sich auf den unseren, da wir die Equipage nicht zu verlassen wagten. Es war das erstemal, daß ich mit einem Manne sprach, der nicht mein Vater und kein Verschnittener war ... Jener Berberiner mochte vielleicht glauben, er erweise uns einen Dienst: jedenfalls veranlaßte er trotz des heftigsten Widerstandes damals Ihre Existenz.«

Sie schwieg. In ihrem Gesicht begann es haltlos zu zucken.

»Unter Abbas dem Ersten«, fuhr sie fort, »geschah es, daß man selbst einen Engländer, der in seinem Harem hospitierte, lebendig eingrub. Ihrem Erzeuger, Hassan-Muharram, ging es noch schlimmer; denn er wurde in Stücke geschnitten, und gewisse Details von ihm bekamen die Schweine. Ich kann nicht sagen, daß ich ihm nachtrauerte. Er war ein struppiger Halunke und hatte nicht die geringsten Manieren. Außerdem war er schuld an vielem anderen, was ich Ihnen noch erzählen muß.«

Sie schöpfte Atem. Ihr Gesicht verzog sich mehr und mehr zu einer gramvollen Maske.

»Natürlich wurde die ganze Angelegenheit vertuscht. Kurze Zeit darauf entführte mich Achmed-Abd-el-Gawad. Sie werden vielleicht von dem Prozeß gehört haben, den dieser Skandal hervorrief. Er konnte sich loskaufen (er hatte schon damals großen Einfluß), und so behielt er keinen Unrat im Kalender. Nun ist er tot – Allah vertilge sein Gedächtnis, möge die Ruhe ihm versagt bleiben!

Er war nicht viel besser als der Berberiner. Er war intelligent! Der Khedive machte ihn zum Schêsch-es-Sadât, zum Nachfolger meines Vaters.« Zischend fuhr sie fort: »Er machte dieses Schwein zum Adelsmarschall ... Ah, ich spuckte ihn an, wenn er mit seinem Blute prahlte und seine Fellachenherkunft ihm dabei noch aus allen Poren stank! – Denn ich, ich wußte, woher er stammte! Ich habe das am eigenen Leib erfahren! Ich habe es ihm ins Gesicht gesagt, daß sein ganzer Stammbaum von käuflichen Ulama fabriziert war!«

Sie schöpfte erbleichend Luft und kämpfte mit einem kurzen Asthma.

»Er schob dem Khediven unter der Hand gute Landverkäufe zu, kurz, er war die Seele jeder auffallend geglückten Spekulation, mithin eines auch von Ihren Vorbildern, Hassan-Muharram! – Doch was erzähle ich Ihnen Dinge, in denen Sie notorisch längst versiert sind!« setzte sie mit zynischer Höflichkeit hinzu. »Es handelt sich ja auch nicht darum, daß Sie das erfahren, sondern ich will Ihnen nur erklären, warum ich Sie als mein leibliches Kind nicht so empfangen habe, wie Sie es wünschten! Als er mich damals entführt hatte, gab ich mir keine Mühe, ihn darüber zu täuschen, daß ich keine undurchbohrte Perle mehr sei. Ich wußte, daß er um der Vorteile dieser Heirat willen nicht wagen werde, mich zu brandmarken und zurückzuschicken, und zudem hatte er ja bereits mit meiner Entführung das Äußerste riskiert. Er hatte sich als einen ansehnlichen Menschen von leidlichen Manieren gezeigt, dem ich nicht ganz wider Willen gefolgt war. Aber als er die bewußte Entdeckung machte, wurde er vulgär.« Sie streifte den Ärmel zurück und zeigte auf dem mattglänzenden, mageren Arm eine riesige Narbe, die sich vom Handgelenk bis zum Ellenbogen hinzog. Ihre Stimme gewann an Heftigkeit; ihr Französisch nahm rauhe, krächzende Nasentöne an, wie sie nur die Hafensprache kennt ...

»Er warf mich hin und her wie ein Stück Holz. Er brüllte wie ein Viehtreiber. Er gebrauchte unaussprechliche Beschimpfungen ... Und als ich Sie gebar – ich wundere mich, daß ich Sie überhaupt lebend zur Welt brachte! – verschwand er mit Ihnen. Ich nahm damals an, daß er Sie wie eine Katze ersäuft habe. Ihretwegen habe ich Undenkbares erduldet. Gewiß, Hassan-Muharram – Sie sind nicht schuld daran. Aber Sie gestatten mir wohl, Ihnen zu sagen, daß ich Sie nicht gern geboren habe. Ja, damals haßte ich Sie und war einverstanden damit, daß ich Sie nicht zu säugen brauchte ... Er ersparte mir nichts. Er nahm keine zweite Frau; aber ich war auf das Mit-* *leid seiner Mätressen angewiesen!!« Sie erhob sich jetzt und schwenkte die Hände über dem Kopf; sie kreischte aus voller Lunge und wankte im Zimmer umher ...

In diesem Augenblick erschien der graue dicke Mann wieder; von der Eile schwer keuchend, rollte er herein und injizierte ihr, wiewohl sie um sich schlug, eine Dosis Morphium in den Oberarm. Hassan erkannte flüchtig, daß die blaßgelbe Haut dort von blauen Punkten besät war. Der Verschnittene wartete noch eine Weile, apathisch blinzelnd, bis sie sich beruhigt hatte. Sie setzte sich mit geschlossenen Augen. Der Dicke verschwand.

Endlich erhob sie mühevoll die Lider und sagte: »Verzeihung. Derartige Szenen führe ich zuweilen auf.« Heftig atmend besann sie sich und sprach dann mit reiner und ruhiger Stimme weiter: »Die Zirkassierin, mit der Sie sich vorgestern vergnügten, teilte mir nun mit, was Sie ihr erzählten ... Es ist nicht der geringste Zweifel, daß der alte Fellache Ihnen damals die Wahrheit berichtet hat, besonders was die Worte des Effendis betrifft, der Sie brachte. – Was ich von Achmed-Abd-el-Gawad gelernt habe, ist Spekulation. Weiß Gott, ich hatte Gelegenheit, mir Kenntnisse anzueignen, insbesondere, wenn er sich betrank und geschwätzig wurde. Seit er tot ist, mache ich auch kleine Geschäfte – es zerstreut mich. Es ist das einzige, was ich noch vom Leben habe.«

Sie steckte sich eine Zigarette an. »Ich engagiere Sie als meinen Agenten. Ich hätte das ja tun können, ohne Sie in alles einzuweihen. Aber ich nahm an, Sie würden mich weniger betrügen, wenn Sie wissen, daß ich Ihre Mutter bin. – Nun leben Sie wohl.« Sie reichte ihm die Hand. Ehe sie es verhindern konnte, hatte er einen heftigen Kuß darauf gedrückt, so heftig, daß er sich an den Edelsteinen die kippen ritzte.

Sie entzog ihm die Hand sehr schnell. Er verbeugte sich stumm.

An der Tür drehte er sich noch einmal um und warf ihr einen dunkel grübelnden Blick zu. Sie erwiderte ihn nicht, sondern blieb zusammengesunken, klein und zerbrechlich sitzen, so, als habe sie nicht einmal mehr die Kraft, den Kopf zu erheben.

Er wartete noch kurz, und dies Warten erschien ihm endlos.

Endlich hörte er eine tonlose Stimme: »Wenn ich Ihnen dienen kann, bitte! – – – Ich habe Einfluß ... Nun lassen Sie mich allein.«

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