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Der Sang der Sakije

Willy Seidel: Der Sang der Sakije - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorWilli Seidel
titleDer Sang der Sakije
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidc4361105
created20061214
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Hassan-Muharram

Es gibt einen jungen Ägypter; er trägt sich modisch mit etwas anspruchsvoller Eleganz; er hat einmal, wie man sagt, seinen früheren Namen – einen schwer auszusprechenden und lächerlichen Fellachennamen – gegen einen hübscheren eingetauscht und nennt sich gegenwärtig Hassan-Muharram. Gelegentlich trifft man ihn bei Shepheards, wo seine dunklen, schmachtenden Augen stets ein leicht befangenes Interesse europäischer Damen erregen. Eine Marseillerin, die ihre Betätigungssphäre Jahr für Jahr auf Kairo auszudehnen pflegt, hat sich ihm an den Hals geworfen. Es ist eine schwatzhafte Brünette ohne Haltung, die sich leicht betrinkt und ihre teuren Toiletten nach wenigen Tagen zuschanden trägt. Er führt sie zuweilen in die Sphinxbar, den jetzigen Tummelplatz der Spekulanten nach Börsenschluß.

Diese Bar hat an Bedeutung gewonnen; sie ist eine Schacherhöhle größten Stils; sie gärt von Geld; die Gesprächebrandung schlägt auf die Straße, und nie erträumte Zahlen, heiser herausgeschrien, platzen aus ihrem von Weiberdunst und Tabakrauch erfüllten rotschimmernden Innern hervor. Hier ist die Nachbörse, hier werden die Makler bestürmt, hier wechseln die Papiere ihre Besitzer. Effendis, die große Gewinne gemacht, schütten den käuflichen Damen aus Cocktailbechern die Pfundstücke in das Dekollete; Sekt wird nur noch korbweise verlangt, und eine einzige grölende jubelnde Hymne dröhnt auf, die Hymne auf dies Land, das seinen ahnungslosen Kindern das Geld auf einmal scheffelweise schenkt; auf dies reiche Land, dies herrliche, fette Land, dessen Verwaltung nach europäischem Muster man nun selbst an sich reißen muß, um zum mindesten die Hälfte des Baumwollertrages in die eigene Tasche zu leiten! Ha, man zappelt vor neu entdecktem Patriotismus und schwelgt darin! – – –

Hinter dem Holzgitter knobeln junge Offiziere der Okkupationsarmee um ein geschminktes Mädchen. Sie ist blond; ihr Kehlgelächter schwingt zu oberst auf der Gesprächsbrandung des ganzen Lokals. Das Gefüge ihrer Haltung ist völlig gelockert; sie degradiert sich, und ihr kindlich-vergnüglicher Geschlechtseifer umfängt mit allumfassender Verschwendungslaune den ganzen Tisch, um dessen kupferne Platte sich sechs oder sieben blonde, gebräunte Köpfe drängen.

Ein junger Ägypter starrt hinüber auf das bepuderte drollig-pausbackene Profil, auf das kindliche Kinn, auf die amethystfarbenen Augen, die in Lachtränen schimmern –: der Kopf dreht sich, halb verdeckt von einem großen grünblauen Straußfederhut, in einer Lücke des geschnitzten Gitters, das die Tische separiert, wie in einem Rahmen hin und her. Die Kapelle spielt Das fast rötliche Blond der Haare versetzt ihn in dumpfe Ekstase. Mâschalla! Es muß zu kaufen sein, dies rötliche Blond, diese weiße Haut... Plötzlich dreht sie das Gesicht und sieht ihn an. Sie ist keine Kokotte mehr. Sie bricht mitten im Lachen ab. Sie avanciert in drei Sekunden zu dem, was sie ist: zu einer Engländerin, die es lästig empfindet, von einem Orientalen angestarrt zu werden. Für einen Augenblick drehen sich auch die anderen Köpfe, und graue Blicke wandern hinüber...

Ein Krampf spannt seinen Körper. Ein heulender Wutschrei klingt in seinem Innern auf. Was berechtigt diese Hure, ihn so anzusehen?

Nichts im Lokal hat sich geändert, kein Mensch hat dieses ganz belanglose Minenspiel wahrgenommen, diese gleichgültig-kalte Kriegserklärung zwischen zwei Tischen; die Makler, Kaufleute und Gecken schreien weiter und lachen mit ihren albernen Papageienstimmen. Aber aus dem flüchtigen Blick der Kokotte starren Ianes, starren Percys Augen; und man empfängt, wie es die Regel will, den Tritt von der Rasse, der man wider Willen nachkriecht...

Er bricht früh auf. Und zwischen seinen weißen, von leidender Wut entblößten Zähnen zischt es unablässig hervor: »Ja, Bint-chara! Ich werde dich kaufen! Du wirst klein werden, du Hündin!« – – Dabei ist es nicht einmal mehr ausschließlich dieses Mädchen, was ihm die Fassung raubt, sondern in dem keuchenden Selbstgespräch ist alles einbegriffen, woran er sich je den Kopf blutig gerannt ... Geld! Das ist die Losung, und er wirft sich darauf, er knebelt es, er pflastert seinen Weg damit ... »Ah, ihr sollt sehen, ihr sollt sehen ... Verdammt sei eure Religion und dreimal verdammt euer ganzes Geschlecht!«

Er steht fassungslos im strudelnden Nachtverkehr unter dem grellen Licht der Bogenlampen und redet mit bebenden Lippen und zappelnden Händen ... Endlich beruhigt er sich, biegt in die Nasa ein und verschwindet in der Klot-Bey ... – –

Er unternimmt, um Strohmänner für eine neue Scheingesellschaft zu ergattern, diskrete Rundgänge in der Garden-City. Das ist ihm ganz und gar nicht genehm. Er muß sich in einen Scheinpanzer stecken, muß kurz und sachlich reden, Handgesten tunlichst unterlassen und kalte, stählerne Blicke, zu Eis kondensierte Ablehnung in Kauf nehmen. Er hüllt sich in einen simpel geschnittenen Gehrock und drückt seiner beweglichen Miene mit aller inneren Gewalt, allem Willen zur Bereicherung jenen Stempel auf, jenen maskenhaft unantastbaren Ernst gut fundierter Aussichten, verquickt mit dem Schimmer edler Kulanz, die auch andere profitieren läßt, nur aus dem Grunde, weil sie notorische Ehrenmänner sind ...

Gelingt es ihm, die Frau des Hauses früher anzutreffen, so wird ihm der Sieg gelegentlich erleichtert ...

Zuweilen aber, nach einer erfolglosen Unterredung, die auf der einen Seite an der Stummelpfeife vorbei und denkbar knapp, auf der anderen mit schier jammernder Redseligkeit geführt worden ist, steht er wieder hinter der verschlossenen Tür; seine Augen werden groß, daß man das Bläuliche sieht, seine Hand zerfetzt in nervösem Wutkrampf den Prospekt, und sein Herz gedenkt jenes früheren stahläugigen Knaben, der Fußtritte aus der Jugendzeit, der moralischen und der tatsächlichen, deren schmerzende Spuren er am ganzen Körper wieder erwachen fühlt. Und der vom Respekt nur verdichtete bleierne Haß rührt sich in beweglichen Aufwallungen ....

Nächtelang liegt er wach und grübelt dem Tonfall nach, der ihm hinter buschig blonden, knapp geschnittenen Schnurrbärten hervor entgegengeklungen ist; grübelt dem Achselzucken nach, der Bewegung irgendeiner weißen Hand, die vielleicht kurz zuvor einem Berberiner mit der Reitpeitsche einen blutenden Striemen über das Gesicht gezogen. Ja, nur aus den Linien, der Belebtheit, der Intelligenz so zugreifender, trainierter Finger ließ sich etwas herauslesen – denn das Gesicht blieb kalt; lächelte nicht und erboste sich nicht, weilte auf kurzem Klappkragen wie ein künstliches Steinmodell mit allen Merkmalen der Unnahbarkeit ....

Von seinem Bett aus starrt er in das Dunkel, und es gelingt ihm nicht, sich mit dem Zauberwort »maalesh« über die Demütigung hinwegzusetzen, die er gewittert, und die er sogar bei manchen Gelegenheiten in formloser Weise an sich erfahren: – – Eine hell kreischende Stimme lebt in seinem Ohr auf, eine Stimme, die ehemals sein Gebet zerschrien, und die er hasst.

Und mit innerstem Erschrecken empfindet er gleichwohl die fortwirkende Macht jener Stimme, denn seitdem scheint es ihm eine Erniedrigung zu sein, dem Ritus zu frönen, und er spürt sich als hilflosen Zwitter, hin und her schwankend zwischen dem Liebäugeln mit der europäischen Seele, die nur unbedingte Herrschaft über ihre Umgebung kennt, und den Instinkten seiner Rasse, die sich immer noch durch die Löcher, die der Firnis frei läßt, aufzubäumen trachtet ....

So ist er in zwei Teile zerrissen, und das tut ihm weh und versetzt ihn gleichwohl in eine dunkel abenteuernde Neugier. Es gibt zwei Daûds. Der eine ist habgierig und tierhaft; seine Kopfzier ist ein Tarbusch; er steckt im Kreis der Wasa und jenes ersten Weibes. Er unterhält sich sonor und kordial mit einem Schuhputzer, einem Losverkäufer wie mit seinesgleichen in vulgärem Dialekt und versteht so herzlich und dröhnend zu lachen, wie nur je ein Araber niederer Kaste gelacht hat .... Der andere aber ist penibel empfindlich und nimmt, englischen Akzent in der Geste, stundenlang auf Shepheards Terrasse Kaffee oder Spirituosen zu sich; vielleicht läßt er sich herbei, einen Zudringling, einen Knaben aus der Plebs, wie sie die kühlere Tageszeit vor die Lokale schwemmt, mit einem Fußtritt abzulohnen ....

Den Punkt der Spaltung fühlt er wie eine Wunde!

Er kennt diesen Punkt; er starrt ihn, aus seiner Herzensbeschränktheit heraus, bisweilen hoffnungslos an, wenn er kurz zuvor eine der schmerzlichen Erfahrungen gemacht; ist er jedoch bei seinesgleichen, so kann man ihn nicht einmal den Einäugigen nennen unter diesen Blinden! Kleine Handlungsgehilfen und Orientbummler ohne Beruf – sie sind in jedem Belang echter, sind echtere Briten oder Franzosen als diese jungen Tarbuschträger, als diese billigen Baumwoll-, Seide- oder Tabakprinzen mit ihrem steten Debakel vor dem Versuch, die europäische Tradition gegen die eigene einzuhandeln ....

Alles läßt sich einhandeln, warum nicht auch dies? Warum werde ich, warum werden diese liebenswürdigen jungen Leute hier nicht als Gleichgestellte angesehen, woher (und Fluch darüber!) kommt der stetige jämmerliche Zwang des Schielenmüssens auf das, was diese Eindringlinge tun? Zum Henker mit diesem Zwang! – – Und doch, jedes weiße Kind, wie es dort mit seinem eigensinnigen Herrscherstimmchen eine Gasse in den Verkehr sprengt, ist drollig und höchst verehrungswürdig zugleich – es bleibt nichts übrig, als etwas albern lächelnd in seinem Kielwasser zu gehen und ihm nachzufolgen wie vor Jahren der Jane Aldridge über die Brücke Kasr-el-Nil .... Ja, und jetzt? – – Man fühlt sich geschmeichelt, wenn man von jener Seite einen anerkennenden Schlag auf die Schulter erhält, und beißt stillschweigend die Zähne zusammen, wenn man statt dessen zufällig einen Tritt bekommt.

Einen Ausweg gibt es, eine Lösung, wohl wert, mit allen Fibern daran zu glauben: Geld, und nochmals Geld.

Es dem Khediven gleichzutun, das ist das einzige: sich in großem Stil zu bereichern! Dann bekommt man einen Teil des Heftes, das jene halten, mit in die Hand, und sie können es nicht hindern. Man kann alles kaufen, warum soll man sich nicht auch die Gleichstellung als Mensch erkaufen können, wenn man nun einmal um jeden Preis darauf versessen ist?? – – –

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