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Der Sang der Sakije

Willy Seidel: Der Sang der Sakije - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorWilli Seidel
titleDer Sang der Sakije
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidc4361105
created20061214
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Der Mann mit den Tieren

Daûd saß auf dem geschorenen Rasen im Volkspark zu Gezirê, und vor ihm saß das höhere Wesen und schwieg. Er war damit beschäftigt, Klarheit über das zu gewinnen, was er selbst, und Klarheit darüber, wo er war.

Mittlerweile saß er mit Jane, von dem lärmenden Kairo abgeschieden, in einem grünen, vielfältigen Asyl. Schüler der El-Ahzar-Moschee in grauen oder olivfarbenen Baumwollmänteln wandelten diskutierend vorüber. Gruppen von fetten Levantinerkindern lärmten. Ein Sonnenbruder mit einem schäbigen Tarbusch reparierte seinen Stiefel. Eine Klasse von französischen Knaben haschte und balgte sich unter Aufsicht zweier rotbärtiger Jesuiten, die schwarz im Schatten eines Feigenbaumes hockten und leise, vielleicht nicht ganz gottgefällige Gespräche führten.

Der Garten war wie ein Teppich. Die Farben überboten einander. Durch das gleichgültig graue Nadellaub der Kasuarinen und Tamarisken blutete das satte Karmin der Hibiskuskelche; im gelben Blütenflimmern der Nilakazien schimmerte das Lila der Bauhinien; Fächer-, Flaschen- und Kokospalmen schufen einen zarten Zusammenklang mit ihren lichtgrünen und dunklen, edelgefiederten Wedeln, deren Rhythmus an sonndurchfunkelte Wasserkünste gemahnte. Sykomoren und Fikusformen schlossen sich zu breiten Hintergründen; und süßer Duft von Jakaranda und Limonenblüte füllte den ganzen Garten. Jener große, hellbraune Falter mit schwarzweiß gescheckten Flügelspitzen, der zuweilen durch eine staubige Großstadtgasse wie ein kleines tropisches Wunder schaukelt, saß hier und da an den sprudelnden Löchern der Spritzschläuche, die sich wie riesige Schlangen durch das Gras ringelten.

Plötzlich brach das höhere Wesen mit seinem leisen Singsang ab und sah seinen Beschützer herausfordernd mit den hellgrauen strengen Augen an. Offenbar wünschte es nach Hause gebracht zu werden.

Hinter der Hibiskushecke, die den Garten umschloß, war ein unablässiges Geräusch gewesen, das nur gebrochen und leise in den Pflanzenfrieden gedrungen war. Als Daûd nun Hand in Hand mit Jane aus dem Tor trat, überkam ihn wieder wie bei seiner Ankunft in dieser Stadt ein kleiner Schauer, der mit unbestimmt süßen und lähmenden Erwartungen gefüllt war.

Es war die Stunde, wo ganz Kairo auf dem Weg nach Gizê unterwegs ist. Die Kolonnen der Droschken waren einander dicht auf den Fersen, um an einem bestimmten Punkt weiter draußen umzukehren und durch das orangefarbene Abendrot auf demselben Wege zurückzufahren. Ein Gefährt schluckte den Staub des anderen; in jedem saß eine Familie aus dem Kaufmannsstand, griechischer, italienischer oder französischer Herkunft, und schöpfte Luft.

Die Hitze flaute ab ... nun regten sich diese Damen in ihren Häusern, wo sie bis zu dieser Stunde wie schönschillernde Schnecken vegetiert hatten. Sie preßten die fetten Körper in Korsette und enge seidene Röcke. Sie bekleideten die Köpfe mit Straußfederhüten von allen Farben, und über den rundlichen Handgelenken, die beim Spiel mit den schwarzseidenen Fächern sichtbar wurden, klirrten Ketten und Bracelets. Die Handgelenke trugen einen kleinen Einschnitt am Ansatz, eine kleine, rührende Falte im prallen Speck, wie bei jungen Wiegenkindern ...

Die Gesichter dieser echauffierten Jüdinnen blühten rosig in Schminke. Eine anämische Müdigkeit zog einen kleinen Halbkreis herausgepreßter, schlaffer Fleischpolster um das auf steilem Busen ruhende Kinn, und die schwerbewimperten, zuweilen sehr schönen Augen waren stets auf lebhafter Wanderschaft. Alle südlichen Sprachen schwirrten in raschen Bruchstücken auf. Eine Kaskade von silbernen und gutturalen Schwatztönen sprang aus den Wagen, in denen die Frauen mit ihren jungen, gleich blutlosen und sinnlichen Kindern saßen, Knie an Knie: kleine Kolonien eingezirkelt-animalischer Menschheit, die einen Dunst von Parfüm und zusammengeschachertem Reichtum von sich strahlten ... Die Väter kauten an ihren schwarzen Schnurrbärten; sie lagen breit in den Wagen, die prallen Bäuche von leuchtendem Flanell umspannt, weiße Schuhe an den Füßen und Schulter an Schulter mit den Weibern; und zuweilen warfen sie den gegenübersitzenden Kindern Bemerkungen in heiserem Tonfall zu, auf ihre Art witzig, und stießen Zigarettenrauch aus den markant geblähten Nasen. So folgte sich Gefährt auf Gefährt, in einer Atmosphäre von Staub und flüchtigen Wohlgerüchen. Jetzt kam eine Equipage; ein Kawasse saß neben dem Kutscher, dessen enthaltsame blaue Livree mit der des Kawassen einen seltsamen Zwiekampf von mondäner Knappheit und ausschweifender Farbenfreudigkeit ausfocht ... und in dem Fond lagen einheimische Hofbeamte mit hellbraunen Gesichtern. Auf ihren schauspielerisch zerschnittenen Zügen ruhte der fahle Wachsglanz üppig geübter Laster. Sie schwatzten miteinander, sie spreizten beringte Finger; sie trugen weitgeschnittene Kleider aus englischem Stoff und stemmten die Füße in grellfarbenen Strümpfen wagrecht an den Rücksitz ... Zuweilen schlugen sie einander auf die Schenkel und wieherten, daß die Tarbuschquasten von einer Seite auf die andere flogen.

Nun folgte ein Dogcart – selbst gelenkt von einer verblühten Miß mit überhitztem Gesicht unter dem knappen weißen Hut, die ihren sehnigen Körper in Waschleinwand wie einen Bogen spannte. In ihren harten Knochenfingern hielt sie Zügel und Peitsche wie eine Beute, und ihre blassen Augen berechneten jede Distanz. Hinter ihr auf dem Rückplatz hockte ein indischer Groom im Khakianzug mit hellblauem Turban. Das Dogcart ward überholt von Automobilen aller Marken, die mit aufheulenden Sirenen, mit Fanfarengeschmetter oder schauerlich röchelnden Hupen eine Gasse in das Gewimmel sprengten. In ihrem Brodem trappelten von der Mouski oder vom Straßenhandel zurückreitende Bauern, ganz hinten auf dem Kreuz ihrer strapazierten Esel hockend. Das wüste Gebrüll eines vorwärts lavierenden Wagenvermieters brach sich Bahn. Er führte auf einem einrädrigen schmutzigen Karren einen Klumpen aneinandergedrängter Weiber mit sich, die mit ihren Zehen spielten oder Zuckerrohr zerzupften ... Dann kam wieder eine Folge von Mietskutschen, unter dem eintönigen Uah-Ruf der Berberiner auf den Böcken, unter denen Bündel von grünem Pferdefutter hervorlugten. Zwischendurch schob sich wieder ein eleganteres Privatgefährt irgendeines Beamten aus dem englischen oder ägyptischen Dienst. Zuweilen flitzte auch ein Gig oder ein Tilbury mit Strohsitzen vorbei, besetzt mit Damen der Gesandtschaften und ihren weichherzigen praktischen Kindern und gelenkt von entschlossen dreinsehenden, gebräunten Herren, die zum Sporting Club fuhren, um am Abend bei Golf oder Tennis von der Kopfbürde ihres oft heiklen Amtes aufzuatmen. Dort, wo Daûd und Jane jetzt standen, hielten mehrere Gefährte vor dem flachen Gebäude des Skating-Rinks, wo am Abend als grotesker Effekt auf einer Filmtafel, die zwischen zwei Palmen in der blauen Luft hing, sich zauberhaft flimmernde Geschehnisse oder Inglîzschicksale unverständlichen Charakters abwickelten, wo in einem höllischen Lichtkegel, dessen Ursprung niemand erfuhr, Mord und Totschlag lautlos entstanden und verblaßten ...

Jedem, der schwerere, weichere Luft gewöhnt ist, atmet dieser ganze Tumult von Verkehr auf der schwer federnden Eisenkonstruktion der wuchtigen Brücke wie ein Stück unwirklichen Lebens entgegen. Und doch bebt und dröhnt dieser Komplex von Beton- und Stahlvernietungen, auf ovalen Steinfundamenten ruhend, um die das zag strömende Wasser des Stromes quillt – und doch fliegt der Staub greifbar und stechend in die Augen, wird das Ohr gepeinigt, die Schulter erschüttert von den Stößen in der rücksichtslosen, sorglos kreischenden Menge, die zu Fuß geht. Aber dieses Theater von Luxus und malerischer Bettelhaftigkeit, dieser Mischmasch von Rassen, diese erdrückende Zurschaustellung flacher Begierden und zurückhaltender Selbstzucht, dies unerhörte Nebeneinander von Orient und Okzident hat etwas Entrücktes ... und alles, was sich in dem leuchtenden Staub abspielt, unter einem nackten, grellgelben Himmel, gemahnt an einen Traum, in dessen Wirbel alles Gefühl für das Echte zur Farce wird. Ja, jedes aufrechte Atemholen wird zu einem leichten Ringen nach Luft, etwa wie in der sacht von Sinnlichkeit durchsetzten Stunde eines lähmenden Fiebers, das an die Grenzen jenes Unvermögens führt, wo Hirn und Sinne sich gegeneinander auflehnen und befehden.

Daûd stand stumm am Platz, und zum zweiten Male seit seiner Ankunft hier ward sein kleiner Kopf hilflos, und seine Gedanken wurden erdrückt angesichts dieser tausend wechselnden Erscheinungen, die sich jagten. Hauptsächlich war es die eigene Rasse, die er wahrnahm, die ein so erhöhtes, prunkvolles Leben zu führen schien ... ein Stolz überkam ihn auf all die fetten Krämer, Gelehrten und Beamten, die von seiner Farbe waren, und ein bohrender Ehrgeiz, auch dereinst so gemächlich und gespreizt im Fond einer Kalesche sitzen zu dürfen. Er hatte eine begeisterte Zustimmung auch für die siegesfreudige Zudringlichkeit der niederen Kasten, zu denen ihn etwas wie ein wohlwollendes Zusammengehörigkeitsgefühl hinzog; und er nannte diese Zudringlichkeit insgeheim Selbstherrlichkeit. Ach, er kannte das gut: das war der Wunsch, aus dem Mist, darin man wider Willen gelandet war, wie ein Phönix sich erheben zu wollen! Und wie ein Phönix, der einen emsigen Schnabel hatte, einen kräftig einheimsenden Schnabel, hart zu hacken bereit, wenn eine weiße Hand sich etwas von seinem Raubfutter aneignen wollte, sich bereichern wollte mit der unerträglich kühlen Geste der Inglîz, deren Hände nie zappelten und sich nie im Gebete falteten! – –

Hier unterbrach Jane seine Gedankengänge, indem sie ihn energisch zum Weitergehen ermahnte. Er nahm sie an der Hand, und mit verschleiertem Blick in die Kaleschen spähend, schob er sich traumbefangen durch das Gewühl.

Haremsdamen beugten sich unter dem halbgeschlossenen Lederdach ihrer plumpen Familienkutschen vor, weiße Seidenschleier um Mund und Kinn; und ihre mandelförmigen Augen entsandten Blitze zärtlich-eifriger Neugier zu Jane herüber, die unentwegt weiterging. Ihre hellgrauen geraden Augen, deren strenger Ausdruck durch die Aussicht auf das nahende Abendessen leicht gemildert war, blickten weder nach rechts noch nach links, und so war es im Grunde sie, die die Führung übernahm. Daûd ging nun, versonnen und etwas albern lächelnd, in ihrem Kielwasser und gab acht, daß man ihrem flinken Schritt Platz machte. So segelte sie wie eine kleine Fregatte aus Battist und Spitzen voll Energie durch den ausgelassenen Menschenstrom und setzte die kleinen Füße mit den festen Waden wie ein Maschinchen auf.

Als sie an der Kaserne vorüberkamen, drang unendliches Dudelsackleiern aus den Fenstern, in denen müßige Gordon-Highlanders lehnten: Stummelpfeifen im Mund, zwischen Blumentöpfen und ausgehängten Uniformstücken. Von den Fußballplätzen wehte Staub über die Straße und verlor sich in dem dunkelolivfarbenen Laub der über die Abgrenzungsmauern lugenden Fikuskronen.

Das Haus, in dem Aldridges sich einquartiert, lag in der Scharia-Maghrabi. Zweistöckig und mit einer behaglichen Loggia versehen, trat es in das staubige Grün des lang vernachlässigten Gartens zurück, zur Hälfte verdeckt durch einen Gummibaum von seltener Größe. Vor der Front lag ein Bassin, in dessen vertrocknetem Rund um den Sockel der feiernden Fontäne herum verirrtes Leitungswasser einen spärlichen Schlammkranz erzeugte, der ein Asyl für einige große Frösche war. Diese Frösche hatten schauerliche Kraft in ihrer Stimme. Im Zwielicht begannen sie ihr klebriges Schnarchen, so heftig und unermüdlich, daß es weit über die Straße scholl. Um die stammlosen Palmenarten, deren Wedel dicht auf der Erde saßen, und um die Feigenbäume und Zierkakteen schwelte tagsüber gleißender Sonnenglast, und all das Pflanzenwesen war vom Straßenstaub vieler Monate bepudert.

Es war ein Garten der Verlassenheit, er hatte etwas Mumienhaftes und stand gleichsam mit blinden Blättern im Tag ...

Durch das Haus jedoch wehte die Kühle frischer Wäsche und anheimelnd einfacher Eleganz. Während Jane verschwand, ließ sich Daûd wie gewöhnlich in eine Unterhaltung mit dem Personal ein: einer irischen Köchin, deren unschönes Gesicht dem Klima eine scharlachrote Farbe verdankte, der Zofe, einem hübschen, blassen Ding, das mit Eingeborenen nur aus der Entfernung verhandelte, dem sanften, dummen Dongolaner, der aufzuräumen hatte, und schließlich dem uralten, weißbärtigen Bauwab, der, wenngleich er stets in einem Dämmerzustand lebte, seinen Pflichten noch wie ein gespensterhaftes Uhrwerk nachkam. Er paßte gut in den Garten, dieser Bauwab. Er hatte sein Häuschen und seine Bank beim Eingangstor, und sein halberloschener Blick hellte sich in keiner Gemütsbewegung mehr auf, ebensowenig, wenn er irgendeinen Besuch passieren ließ. Zuweilen betrank er sich an schlechtem Whisky, doch nur an Tagen, wo man dieser Verfehlung nicht auf die Spur kommen konnte. Dann geschah es auch, daß er mit hohler Stimme zu singen anhob, es den Fröschen gleichtat und sie an Ausdauer schier überbot ...

Jetzt kam Mr. John mit seinem Sohn von einem Gang nach der Zitadelle zurück. Sie waren erhitzt und hungrig, und in der Küche begann man mit Geschirr zu klappern. Daûd machte sich proper, putzte sich und goß sich Wasser über den Kopf. Er hatte ein Kammerchen neben der Badestube inne: das war eine Bevorzugung, die er zu schätzen wußte, denn dem Neger gönnte man nur eine Matratze unter der Treppe.

– – – Ein leiser Gongschlag dröhnte durch das Haus, der sich zu einer ausgelassen schotternden Tonorgie steigerte. Daûd stand am Geländer, oberhalb des offenen Flurs, und verkündete: »Dinner is on the table!« – Er berauschte sich an dem Lärm, bis der Honorable Aldridge etwas Gereiztes hinaufrief. Dann ließ er die Tonwellen abflauen und hielt das Kupferbecken noch eine Weile lauschend ans Ohr.

Jetzt tröpfelte die Familie aus den Zimmern hervor: der Vater im Smoking, die Mutter im leichten Hauskleid von Crêpe de Chine, der Sohn und die Tochter frisch gewaschen und gekämmt: alle bereit, mit den netten kleinen Zeremonien soignierter Abendländer ihren gesunden Appetit zufriedenzustellen. Daûd schleppte die Gänge in das Dining-room. Das, was die Leute aßen, gefiel ihm nicht. Aber doch servierte er gern und klinkte die Tür jedesmal mit einer leisen Erwartung auf, denn dann sah ihm Percys Gesicht, oval und herb, vom Oberlicht einer grün verhangenen Glühbirne bestrahlt, tolerant liebenswürdig entgegen: – ein Ausdruck, der leider zweifellos mehr dem Eßeifer als der natürlichen Sympathie zu Daûd zuzuschreiben war.

Und Daûd servierte – er tat es mit Geschick. Man war zufrieden ... er ging, schwere Schüsseln auf fünf gespreizten Fingern balancierend, wie er es bei den Sudanesen in Luksor gesehen, mit derselben gewinnsüchtig-rücksichtsvollen Geschicklichkeit umher ... geflüsterte Wünsche nahm er mit der gleichen leisen Andacht entgegen – verruchtes Sakrileg wäre es gewesen, hätte er einmal herausgekichert oder lärmend geäußert, daß ihm wohl zumute, daß er der Situation gewachsen sei.

Er zauberte Weinflaschen hervor, er ließ Gänge, die gut gemundet, in zweiter Auflage gleichsam aus dem Nichts entstehen. Zwischendurch, wenn es weniger zu tun gab, stand er maßvoll und gespannt auf dem Teppich und versenkte seinen Blick tief und etwas melancholisch in Percys gleichgültig-reines Profil – bis ihn ein neuer Auftrag aufscheuchte oder der so gründlich Betrachtete ihn durch ein belangloses Scherzwort wieder zu emsiger Hantierung bewog.

Zuweilen; vor der Tür, mit geleerten Tellern beladen, verzog er sein Gesicht zu einer ermüdeten Grimasse, zu einem Anflug von gelangweiltem Trotz, der seine Pupillen vergrößerte und seine ausdruckslose Unterlippe noch tiefer als gewöhnlich herabzog.

Es gab etwas, was ihn selbst von Percys Antlitz abzulenken und zu beschäftigen vermochte: die Juwelen der Mrs. Aldridge. Außer dem schmalen Perlenkollier, das sie stets bei repräsentativen Gelegenheiten (mithin auch beim Abendessen) anlegte, trug sie sehr viel kostbare Ringe, die ins Auge stachen, und deren Glanz und Leuchtkraft alle Steine und Skarabäen, selbst solche, wie sie Daûd in dem Tingeltangel seiner Heimat gesehen, in unwürdigen Schatten setzte. Es konnte geschehen, daß er sich völlig vergaß und mitten beim Servieren geblendet verweilte, um die Perlen an dem rosigen Nacken der Frau auf sich wirken zu lassen. Wenn sie dann den Kopf wandte und er ihre spitze Nase und ihren kalten, pikierten Blick in Tausch nahm, ermunterte er sich mit schwachem Schreck und servierte wie im Traume weiter, während sein kleiner Kopf sich intensiv mit Spekulationen erfüllte.

Wenn die Familie nach dem Dinner noch auf Klubstühlen im Nebenzimmer kalte Getränke zu sich nahm, ward ihm ab und zu anbefohlen, zu singen. Dann stand er im Rechteck der Tür, in seinem malerischen dünnen Hemdchen, und sang in eine gelbschimmernde, von schwarz lackiertem Holz und Bilderrahmen durchblitzte Dämmerung hinein ... Man verbiß sich ein Lächeln, wenn er nach Art der Volkssänger, die er gesehen, unter leichten Hüftdrehungen einen Rohrstock über die Schultern hob und ihn, horizontal zwischen spitzen Fingern haltend, über den Kopf hob und vor sich herstieß, oder wenn er, in höchstem Falsett einen weichen Refrain trillernd, zur Bestärkung des Inhalts die hohlen Hände in den Nacken preßte und mit den Ellbogen bebte.

Da Daûd sich auch im übrigen recht brauchbar erwies, so ward ihm anbefohlen, den jungen Percy einige landläufige Redensarten zu lehren; doch war dieser Unterricht wenig regelmäßig, was an der Unlust des Schülers lag. So hatte Daûd Muße, sich mit allerhand Erwartungen herumzuschlagen. Er saß, wenn die Zeit kam, in Hockstellung, im Hausflur, und über seinen auf den Knien verschlungen Armen lebten ausschließlich die kohlschwarzen Augen, wanderten unablässig und etwas scheu durch das Gitter des Treppengeländers, bis ein schlanker Schatten das Licht des Zwischenfensters verdunkelte und leichte Füße in gelben Halbschuhen elastisch die Stufen herabtänzelten. Die junge Gestalt in Weiß und Blau sprang fast geräuschlos herab in einem leisen, durch die Kokosläufer gedämpften Rhythmus, und als sie drunten war, machte sie einen hellen Alarm und scheuchte alles auf, was ihr faul und besinnlich im Wege lag. Dann strich Daûd seine Kelabije glatt und ging in das Räumchen neben dem Badezimmer voran, wo sie das Prusten, Kreischen und Plätschern Janes hören konnten, die um diese Zeit gewöhnlich von den Händen der Zofe kalte Wasserstürze empfing. Die beiden Knaben setzten sich auf zwei Holzstühle, Daûd mit hochgezogenen Knien, Percy im Reitsitz und mit der Lehne unter dem Kinn. Zuweilen, was dem jungen Herrn wenig genehm war, mußte er nach dem Diktat des unerschöpflichen Borns, der sich vor ihm entfesselte, seine eckigen Buchstaben in ein blaues Heft schreiben, freilich in haarsträubender Orthographie, aber das tat vorderhand dem Zweck der Stunde noch keinen Abbruch.

Hei, das war eine Stunde! Die Stunde von Daûds Überlegenheit! Hier fielen die unleidlichen Schranken, hier redete Kopf zu Kopf, ein blonder, nüchterner und ein schwarzer, flink kombinierender. Hier arbeiteten die Finger, hier rollte das weiche Zungen-R des östlichen Gaumens; hier blitzten weiße Zähne in verstohlen-verschmitztem Lächeln, wenn dies oder jenes Wort der Lippe des Inglizi allzu große Mühe schaffte. »Ich will ein Schêsch bei der Kanalgesellschaft werden!« – »Pack dich, dein Vater war ein Kuppler!« – »Die Jaffa-Melonen sind besser als die vom Markt in Tantah!« – »Ich kaufe keine Zeitung!« – »Geh mit deinen Postkarten und bleib im Schutzes Gottes!« – »Ich wünsche einen Esel!« – »Erst rechts, dann links, dann geradeaus!« – »Weiß Gott, dieser Kaffee ist schlecht zubereitet!« – »Kein Vogel fliegt höher, als er nicht wieder herunterfällt!« – –Das waren einige Proben, und Percy, als mit einem guten Gedächtnis bewaffnet, erlernte sie ohne Mühe. In der Folge freilich kam es dahin, daß er bei einem Eselsritt einen ihm nie gereichten Kaffee bemäkelte oder, wenn man ihm Melonen anbot, den Vater des biederen Ausschreiers einen Kuppler nannte und ihm anbefahl, erst rechts, dann links und schließlich geradeaus zu gehen, was der Mann für einen prächtigen Auftrag hielt und sich unter Segenswünschen empfahl ...

Davon abgesehen, sammelte sich Percy mit der Zeit immerhin einen kleinen Sprachschatz an, den er zuweilen, vor entzücktem Publikum, auf der Straße zum besten gab.

Daûd seinerseits war von dem Erfolg begeistert. Was ihn jedesmal wie ein reiches Geschenk anmutete und ihn mit warmem Strom durchrieselte, war die offizielle Gegenwart dessen, den er um seiner Unnahbarkeit willen verehrte, dem zu gefallen ihn Gewinn dünkte und dem nachzuahmen ihm als die heikelste, aber anregendste Pflicht seiner werdenden Gesittung galt. Und doch: was war es weiter als der alte Zwiespalt, als die alte Wonne? Steckten nicht auch viele Beschämungen darin, durch Gesten, Blicke, Aufträge, die im Grunde nichts anderes waren als müßig ermunternde Fußtritte?!

So war dies alles ein in sich selbst zurücklaufender Kreis von kindlicher Sehnsucht, geizig geheim gehüteter Genugtuung und öfter als nötig einer erbärmlichen Enttäuschung, die an dem moralischen Rückgrat der dienenden Persönlichkeit rüttelte, dies Rückgrat aber nur dazu vermochte, sich um einen Grad hitziger zu steifen und sich aufzurecken, bis neue Nackenschläge den geschmeidigen Trotz wieder beugten! Denn wahres Sklaventum ist zäh; es opponiert drohend und leidet eben gerade zu dem Zweck, weil es ein bestimmtes Ausmaß an Leid nicht entbehren kann. Wird ihm Demütigung erspart, läßt man es gedeihen, dann verkennt es seine Grenzen, dann wird die beharrlich lauernde, kleine Bestie befreit, die in der Brust jedes Orientalen sitzt! – –

Jedesmal, wenn Daûd zufällig nicht beansprucht wurde und bei dem greisen Bauwab am Gartentor verweilte, kam der Mann mit dem Affen und der Ziege vorbei.

Es war dies ein heiterer Tagedieb, ein Kind des Pöbels, mit schiefstehenden Augen und abgründiger Unverschämtheit. Er trug ein verschossenes, von Flecken besätes Leinenhemd, das nachschleppte, und auf dem kleinen Schädel ein gestricktes, stirnförmig gemustertes Baumwollkäppchen. Seine nackten Ohren standen breit von dem knochigen, kahlen Gesicht ab, dessen Haut auf den Wangen je drei lanzettförmige Narben zeigte. So wallte er vorbei, mit vorgeneigter Brust, ein Tamburin unter dem Arm, und schleifte seine beiden Tiere an Lederriemen hinter sich her. Der Affe war ein Hundskopfaffe mit blaugrauem Haarkleid und rosenblütfarbenem Hintern, und die Ziege, zu deren Seite er hüpfte, war ein ramsnasiger Ausbund von einer dressierten Ziege.

Mit dieser Gesellschaft nun zog jener Mann, Sadik mit Namen, vor die Brasserien und an die Umzäunungen der Cafés und ließ die Ziege auf einem Holzpflock mit erweitertem Plattförmlein Platz nehmen. Dort oben hatte sie die Aufgabe, sich um sich selbst zu drehen, und der Affe hüpfte dazu rhythmisch zu dem hohlen Gekrächz Sadiks, der auf dem Boden hockte, sein Tamburin schlug und mit zugekniffenen Augen werbende Schmeichelworte auf die Tiere häufte. Sodann ließ Sadik den Affen noch auf der Ziege reiten – – oh, das machte Effekt. Meistens ward er mitsamt seinen Tieren wieder hinausgeworfen, aber es glückte ihm immerhin, ein paar halbe Piaster einzunehmen ... Daß nun Sadik auf Daûd wie ein Magnet wirkte, daran waren nicht die Tiere schuld, sondern etwas weit anderes: eine Beschlagenheit in Dingen, die Daûds Phantasie erhitzten. Befragt, wohin er seinen Verdienst trage, brachte der Dompteur mit heiserer, von Gier entstellter Stimme die Rede auf einen Stadtteil, den er die Wasa nannte, eine Bezeichnung, die ortsüblich schien, denn auch der greise Bauwab ermunterte sich, als er den Namen hörte, und malte mit der welken Hand unzweideutige Umrisse in die Luft. Dabei erhellten etwelche Erinnerungen seine erloschene Miene wie Sonnenblitze, die in eine Kloake fallen ... Durfte man beiden glauben, so war jedes erdenkbare Vergnügen, jeder Trunk und Taumel dort für kleinste Münze kauflich; es war herrlich dort, man hatte es gut! Da der Mann mit den Tieren nicht abließ, daran zu erinnern und seine Lockungen jedesmal durch neue Berichte anfeuernd verstärkte, so wirbelte dem jungen Daûd der Kopf, und ein brennendes Verlangen ergriff ihn, dem Manne bei der nächsten Gelegenheit in das Paradies zu folgen. Sadik war entzückte Bereitwilligkeit.

Die Gelegenheit ergab sich am nächsten Freitag. Daûd erhielt seinen Ausgang ohne viel Schwierigkeiten, übernahm jedoch die Verpflichtung, am nächsten Tage um neun Uhr wiederum zur Stelle zu sein. So stand er am Gartentor, ein Goldstück von seinem ersparten Gelde mit der Hand umklammernd, und bebte vor Erwartung. Die nächste Zukunft lag vor ihm, unter dem Dunkel der nahen Nacht versteckt, wie eine von weichen heimlichen Farben glühende Zauberhöhle, in die er zum erstenmal seinen noch knabenhaft scheuen, aber kecken Fuß setzen werde.

Mit Sadik, der endlich kam, verabredete er ein Zusammentreffen an der Ecke des Ezbekijegartens, sobald der Dompteur seine Tiere um Mitternacht in die Scheune zu Boulak zurückgebracht habe. Dann machte sich Daûd allein auf den Weg. Das Goldstück, das sich in seiner zusammengekrampften Hand erhitzt hatte, ließ er endlich in die Taschenfalte seiner bunten Schärpe gleiten. Er bummelte längs dem Gartenzaun der englischen Kirche die Scharia-Boulak herab. Das erstemal, daß er freiherrlich in dem Menschengetümmel unterging, versetzte seinen Sinn in einen angenehmen Taumel ... das war die erschlaffend süße Wirkung des dunkeln, mit tiefen girrenden Lauten lockenden Abenteuers, das wie ein schillerndes Fabeltier, wie ein phosphoreszierender Krake seine Fangarme in jede Gasse streckte, um das lusthungrige Volk an sein betäubend duftendes Herz zu ziehen, an ein Zentrum von Brunst und Weihrauch.

Zu beiden Seiten der Straße waren die Vergnügungslokale geöffnet. Rotierende Transparentreklamen erblitzten im schwarzen Himmel. Der Scheinwerfer von Orosdi-Bak aus der Mouski ließ seinen Lichtkegel über die flachen Dächer huschen. Die Trambahnwagen, überfüllt von aufatmenden, lebhaft schreienden Menschen, fuhren mit endlosem Geklingel dicht hintereinander her. In den offenen, zu kleinen Empfangssalons drapierten Tabakläden saßen, beide Hände auf das dünne Stöckchen gestützt, feiernde Kaufleute vom jenseitigen Viertel und machten ein Schwätzchen mit den Inhabern, die, mit auffallenden Krawatten geschmückt, in den Eingängen lehnten. Von Hitze erschlaffte Hochstaplergesichter strafften sich; zigarettenschmauchend beugten sich verdächtige Profile witternd auf die Straße hinaus. Ein Grüpplein einheimischer Weiber wallte hell auflachend in dem scharfen Licht. Auf den Eingangstreppen der Cinema-Theater hockten die Zeitungsjungen und balgten sich um die besten Stufen: dort in der Höhe, aus blutigen Zauberlöchern quellend, summten die Filmrollen mit einem fernen Propellergedröhn. Kalkweißes Licht stach aus den Auslagen; an jeder Ecke sprangen riesige Plakate ins Auge. Dann und wann fand der blinzelnde Blick eine Linderung an der einsamen Silhouette einer zwischen Miets-* Palästen aufragenden Palme, eines Gärtleins ober einer durchbrochenen Meschrebije, die steil im blauen, wesenlosen, vom Staub getrübten Atherlicht hing. In dem grünen Zaungeheck vor St. James rieselte das sachte Plaudern des europäischen Publikums und blitzten die weißen Leinwandjacken der diskret servierenden Kellner. Vor dem Hintergrund, aus dem Motive neuester Operetten drangen, drängten käufliche Damen ihre bunten Hüte zusammen und entwarfen mit leisen oder grellen Stimmen neue Raubzüge. Der Besitzer stand derweil vor dem Eingang und gönnte sich eine kühlere Abendbrise ... Daûd ging vorüber und sah ihn mit einem salbungsvoll kritischen Blick an. Er hatte das Gefühl, daß die speckigen Augen noch sekundenlang leicht verblüfft an seiner Rückseite hingen ... Nachdem Daûd die Straße überquert, in der als einzig dominierendes Geräusch die hohle oder helle Tonwelle der Bourseschreier wütete, ging er keckblickend weiter und bog in die Glastür der Sphinx-Bar ein.

Er war recht groß für seine fünfzehn Jahre. Und doch kostete es ihn Mühe, die Wimpern nicht in einer leichten Verlegenheit zu senken, als er in das überfüllte Lokal trat und ohne weiteres die seidene Kelabije hob, um seinen Knien auf dem hohen Barstuhl Platz zu machen. Der Tarbusch saß ihm etwas schief im Nacken. Sein rundes, helles Gesicht sah vorsichtig umher. Dieser Knabe, der spätabendlich in die Sphinx-Bar einbrach und Getränke forderte, fand eine liebevolle Beachtung von seiten feister Effendis und griechischer Ladenjünglinge, die einen Moment ihre Unterhaltung unterbrachen und ihm nachblickten. Selbst die Scotchmen in ihren bunten Röckchen und Damen jeden Alters von eindeutigem Beruf wandten die Köpfe, um das junge Wundertier, das sich mit seinem Pfund Sterling wie ein lebfrischer Spekulant gebärdete, näher ins Auge zu fassen. Der weltmännische Barkeeper (etwas befangen zunächst, als Daûd mit seiner sonoren Stimme einen Brandy-Soda verlangte) verabreichte ihm das Gewünschte alsbald recht bereitwillig und murmelte eine liebenswürdig erheiterte Redensart, deren geheimerer Sinn dem Knaben naturgemäß entging. Er stemmte seine rotbeschuhten Füße an den Bartisch, noch benommen zwar, aber nach den ersten Schlucken schon sehr viel freier. Hei, heute hatte er Ausgang, und später traf er Sadik! Und er mußte vor sich hinlächeln, bis dieses Lächeln auf seinem Antlitz stehenblieb ...

Als er seinen jungen Ehrgeiz öffentlich zur Genüge erprobt hatte, ließ er wechseln und füllte seine Schärpentasche mit klingendem Silber an. Zwischen Tischen, deren Inhaber ihm launige Bemerkungen zuwarfen, verließ er das Lokal voll elastischer Entschlüsse.

Sadik war auf dem verabredeten Platz zur Stelle.

»Ha,« schrie er, »was, das wird eine Nacht!« Daûd hatte ganz große Augen bekommen. Nach dem Durchschreiten langer, spärlich erleuchteter Kolonnaden, in denen Spielergruppen saßen, stiegen sie irgendwo eine Treppe hinan und tauchten in einem Labyrinth von engen Gassen unter. Diese Gassen, durch Laternengaslicht, ausgehängte Talglampen und elektrische Kronleuchter von den Wirtschaften her taghell erleuchtet, lagen pittoresk, von feinem Staub geschwängert, gesäumt von langen Zeilen von Bänken und Tischen unter dem Dach der schwarzen Nacht.

Sadik ging, sein Stöcklein fürstlich handhabend und mit den Ärmeln schlenkernd, als prompter Kenner voran. Und jetzt, während sie um verschiedene Ecken bogen, erkannte Daûd das ersehnte Wunder; es lag und dehnte sich dort, lachte hoch und leicht, schob die funkelnd geschmückte Hand gespreizt aus dem Dunkel. Da versank und verklang etwas in ihm unauffindbar für immerdar, und das Blut, den schwachen Willen mit willkommenem Reiz daniederbeugend, triumphierte allmächtig.

Diese Nacht trennte ihn von dem, der er noch gestern war; zog um ihn einen Bannkreis, in dessen Mittelpunkt ein Weib saß. Diese Nacht errichtete eine Scheidewand, hinter der seine schwärmende, besinnliche Jugend zugrunde ging; sie wies einem keimenden, harten Intellekt die Richtung zu dem Sumpf der Instinkte, auf deren durchfaultem Grund er vielseitig wie ein schleichendes Pflänzlein gedeihen sollte – – – eben als Intellekt einer Rasse, die sich knechten läßt, weil sie ihrem geheimen Hang zum Handlangertum (und sei es auch mit Zähneknirschen und pompöser Ableugnung!) wider Willen den Tribut zollen und unterliegen muß. – – – Man gehe und suche den Daûd, der noch vor kurzem im Gezirê-Garten saß und mit einem höheren Wesen, das kalte, graue Augen hatte, unterwürfig verhandelte! Was hier stand und sich fassungslos umsah, mit Blick und Ohr neue, einstürmende Reize trinkend, in tiefsten Fibern aufgerührt: dies halbgeschlossenen Auges lächelnde Menschlein, das die Heimat seiner Sinne entdeckte, war nicht der alte Daûd mehr, war einer aus der grölenden oder zielbewußt schweigsamen Hefe, einer der niederen, vom Tagelohn Lebenden oder von fetter Pfründe zehrenden Vergnügungssüchtigen, die, zerlumpt oder reich, heitere Bettler oder wählerische Kaufherren, durch diesen schimmernden Pfuhl wateten!

Ein Plappern und Plärren aller östlichen Sprachen rann an den Wänden entlang. Zuhälter aus allen Ecken der Levante, aus Zypern, Malta, Syrien gingen, sich in fleckigen Gewändern blähend, die Bambusstöcke pompös aufstoßend, kritisch umher, beflüsterten Kuppeleien oder nickten zischend in die Richtung der Weiber, denen sie ihre praktischen Dienste leisteten. Eingeborene Führer, gefälschte Atteste schwingend, wanden sich mit schleimigen Stimmen an befangene Fremde heran. Sbirren, Matrosen aller Nationen, Vertreter des Balkans in phantastischen Trachten, Kawassen, die sich einen Ausgang machten, indische Seide- und Bijouterie-Händler, Beduinen mit breiten, blauen Wolltroddeln an den niedrigen Tarbuschen, französisch miteinander schäkernde Türken besserer Klasse, ja, selbst Menschenauswurf ferner Ostasienhäfen vermischten, verquirlten sich mit dem Gesindel aus hiesigen Vierteln, und die ganze Menge drängte sich, in den kurzgeknickten Gassen leicht überblickbar, wie in einem bunten verruchten Traum durcheinander, der von den entlegensten Möglichkeiten funkelte.

Und Daûd staunte und zögerte. Wäre nicht Sadik, der Kenntnisreiche, vor ihm hergewandelt, so hätte er sich voll begeisterter Bereitwilligkeit einfach niedergesetzt, mitten zwischen die herausgestellten Stühle der einheimischen Dirnen, die, gutturalen Schmelz auf der Zunge, sich seiner versichern wollten. Denn sie sahen wohl, daß dieser Halbwüchsige ihre Sprache rede, und versprachen sich eine erheiternde Unterhaltung von dem kaum erblühten Leib, der sich ihnen in so adretter Verfassung zur Verfügung stellen wollte. Und vor Daûds Blick verschwammen die vielen ihm zugewendeten Gesichter zu einem einzigen: zu dem eines ihm von diesem Augenblick an einzig zusagenden Idols: dem eines breithüftigen Weibes.

Es hockte, die fetten Schenkel in stumpfer Sinnlichkeit gespreizt, auf einem Stuhl, die dick mit Kohle nachgefärbten Wimpern halb geöffnet, und die schiefstehenden, großen Augen von glanzloser, in mattem Emaille schwimmender Schwärze. Auf der gelben Haut der Backen flammte grelle Schminke. Und dies Weib, das sich aus allen zusammensetzte, die er sah, trug ein nachschleppendes, tapetenähnlich gemustertes Kleid und war von goldenen Schaumünzen überdeckt, die bei den trägen Bewegungen blechern erklirrten. An ihren prallen Armen schimmerten obszöne Tätowierungen, und ihre gelbrot gefärbten Fingernägel spielten hinter dem lackschwarzen, hart an den kleinen Kopf gekämmten Haar im Nacken, während sie den Bauch brutal in die Gasse vorwölbte, dem Schwarm der schwatzenden, kindlichen Männer zu, die prüfend und abschätzend an ihr vorüberwandelten.

Oh, das war die große Babylon, die der kleine Daûd sah, und während er sie erkannte, verfiel er ihr mit Haut und Haar. Sie gab ihm Erfüllung und tat es spielerisch; und doch vermochte sie ihn dazu, von jetzt an in ihrer Sphäre zu kreisen, sein Leben lang sich in eben dem Kreis zu drehen, den keiner derer, die Tarbusch tragen, wenn sie auch um ihrer Habgier willen fremden Göttern dienen, ungestraft überschreiten kann!

Die Dirnen saßen zusammengedrängt wie Tauben, die schimmernd ihre Brüste blähen. Sie saßen im Freien; sie hatten es sich vor den Freudenhäusern, die hier Wand an Wand lehnen, auf Strohstühlen bequem gemacht. Sie saßen rittlings und entblößten weiße und violette Strümpfe bis zum Knie. Ab und zu wedelten sie abwehrend mit ausgeschnittenen, hochgestöckelten Schuhen, die samtene Pompons trugen. Sie taten das, wenn ein Kunde ihrem Geschmack nicht entsprach. Von den Balkons über ihnen, aus rotflammenden Zimmern, aus muffigen, schlecht gelüfteten Korridoren heraus schwang eine kreischende Lautwelle: schachernder Stimmenwirrwarr, von Zoten durchsetzt. Zuweilen dröhnte eine zerschellende Flasche dazwischen ...

Sadik blieb jedoch nicht stehen, wiewohl Daûd das gewünscht hätte. Bald befanden sich die beiden in einer schmalen Seitengasse, die hügelig verlief. Auf einmal hörte Daûd ein leichtes, um alle Ecken rinnendes Kreischen, und sämtliche Weiber waren wie mit einer Zauberrute in ihre offenen Behälter zurückgescheucht: der Nachtwächter, in brauner Uniform, und mit einem braunen Filztarbusch ohne Quaste, war, seinen Nabbût unter der Achsel, auf der abendlichen Runde. Nur ein Häuflein feile Knaben, die bleifarbenen, gemalten Gesichter halb unter den Fransen ihrer seidenen Schals versteckt, blieben auf ihrer Bank an der blaugestrichenen Mauer einer Kuttab sitzen, üppig gekleidet, mit Ketten behangen, und sogen apathisch ihren Zigarettenrauch durch die Lungen ... Stechende Parfüms von sich strahlend, saßen sie gleichwohl einsam wie Ratten in ihrem Unrat, und grübelten teilnahmlos in das grelle Licht. In ihrer Mitte thronte, sie an Prunk noch überbietend, ihr Besitzer und Meister: ein riesiger Abessinier in einer Weiber-Abaja. Seine braunen Arme waren bis zum Ellbogen mit dicken Goldklunkern behängt, und an seinen Fingern, die träg auf den Knien ruhten, glitzerten ellipsenförmige Ringe mit Solitären von märchenhaftem Wert ...

Sadik nun trat in eine halbgeschlossene Schenke ein. Am Eingang saßen Weiber, die sich neugierig vorbeugten und denen Sadik im Vorbeigehen familiäre Nasenstüber versetzte. Ein Kreischen der Belustigung erhob sich, als man Daûds ansichtig wurde. Ein Geruch von schlechtem Schmorfett schlug aus der Tür hinter der primitiven Bar hervor, auf deren Aufsätzen grün und rötlich blinkende Flaschen mit finsteren Etiketten prangten. Ein schiefblickender, angeheiterter Kellner mit schmutzig-zitronengelbem Gesicht wies den Gästen ein Marmortischchen an. Sadik ließ sich von Daûd einiges Geld überweisen, worauf er lärmend bestellte. Der zitronengelbe Gauner klatschte in die Hände und brüllte die Bestellung wie einen guten Witz in die Zimmerschlucht hinein, aus der der ranzige Fettgeruch drang. Zwei schmierige Wasserpfeifen mit erhabenen Goldlackierungen auf den Glasbehältern wurden gebracht, und Sadik führte, sich auf seinem Stuhl breitmachend, den Bernsteinknopf an den Mund. Er ermunterte Daûd, ein Gleiches zu tun, und Daûd sog aus Leibeskräften. Aus dem kleinen Tabakberg auf dem Napfe schoß, wie aus einem winzigen Vulkan, ein steiles, graues Wölkchen hervor. Daûd sog, mit einem Male hatte er einen Geschmack auf der Zunge, der ihn dunkel an flüchtige Sensationen seiner Kindheit erinnerte. Eine verschwommene Reminiszenz tauchte auf: an eine offene Tür in Luksor, aus der derselbe Geruch gedrungen war, den er jetzt atmete: der sengrigsüße Geruch des Hanfs.

Er sog zum erstenmal den schiefergrauen Qualm des Pflanzengiftes in sich ein ... und da war ihm, nach vielleicht zwanzig Zügen, als trete alles, was er sah, in ein unkörperliches Stadium über. Auch der scheppernde Klang eines mit Blechkapseln, in denen Schrotkörner rollten, behangenen Tamburins ward wesenloser, und sein Rhythmus löste sich in das Tempo des Ganzen auf, in ein traumhaftes Farbentempo, wo alle Gesten ruckweise und mechanisch verblichen, wo alles vertieft zu glühen anhob, gleichsam in fortschreitender Verbuhlung blau und schemenhaft zerrann, und Konturen zeigte, die dem Irdischen entwuchsen ...

Lange Leiterstaffeln brauchte nun der Gedanke, um zu den Ohren eines der hinwegrückenden Menschen zu gelangen. Sadiks verkniffenes schmutzig-braunes Gesicht blieb ihm nahe: er schnalzte mit der Zunge, das hörte man. Er sog selbst, daß ihm der Qualm aus dem Gesicht entfuhr wie aus Mund und Nüsternlöchern einer zynisch-albernen Maske. Er blähte den Hals; er schrie lustige Bemerkungen; doch was er schrie, ging dem halbbetäubten Knaben nicht ein. Da es scherzhaft schien, lächelte er mit ... Ein unerhörtes Wohlbefinden nahm von ihm Besitz. Er sah, daß Sadik eine schnelle, kurze Aussprache mit dem Zitronengelben hatte, worauf dieser einen besorgten Blick auf Daûds Nargileh und dann nach der Gasse warf, um mit einer gleichgültigen Handbewegnng irgendwelche Bedenken zu zerstreuen, die Sadik geäußert haben mochte.

Die Wände waren ganz mit billigen Öldrucken gepflastert. Sie zeigten Bombenattentate auf abendländische, buntuniformierte Souveräne; die Ermordung König Humberts schien recht beliebt und herrschte vor. Da gab es Schlachtenbilder, Dammeinweihungen, Empfänge bei Ibrahim Pascha und Abbas Hilmi, dicht untermischt von beliebten Athleten im Trikot oder Varietésternen. Ach, wie war das bunt, tausendfältig und schön! Eine ganze Welt sprang dem staunenden Träumer in die Augen; ein buntes, reiches Bilderbuch! Die Welt Ägyptens, doch überall besät von den Spuren der allmächtigen Inglîz, von denen auch diese Bilder sicherlich stammten! Und während Daûd noch starrte und gerade die Schlacht von Omdurman genoß, wo mehrere Derwische von einer Handgranate zerpulvert wurden, ward das Tamburingeklirr lauter und dringender. Eines der Weiber hinten am Eingange hatte sich entschlossen, zu tanzen, und vor ihr her schritt ein blinder Alter mit einem grün gesprenkelten, braunen Fetzen um den Tarbusch und sang, während seine Finger hart und hölzern auf das Ziegenfell rasselten.

Sie kam dicht hinter ihm drein. Sie duldete keinen Vergleich mit jenem Weib in Luksor, das Daûd damals vor der Gartenwand aus weiter Entfernung und nur ganz verstohlen, wie auf den Fußtapfen eines Verbrechens hatte genießen dürfen. Der Alte grunzte und gab dazu mit der hohlsten Faßstimme der Welt eine endlose Paraphase von sich, des Inhalts: »Wir haben das Leben, hei, das Leben!« So sang dies zermürbte Skelett und bleckte zerfressene Zahnstümpfe zur Decke empor. »Oh, ihr Herren, ihr sitzet und dreht die Daumen übereinander, ihr sprecht: ›,He, was will uns dieser!‹, Und doch, ihr Herren, lasset mich springen und das Glück loben: Ich habe ein Täubchen hier mit runden Hüften, das kann viel und noch mehr, als ihr glaubt; o Täubchen du, o Bint-Unzul, du Tochter des Konsuls; dein Schweiß, wenn du dich wie eine Spindel drehst, ist Geruch von Minze und Gewürz für die Männer!« So sang der ekle Alte und warf die holzigen Beine wie Stelzen auseinander, während der Taumel der immer schneller und immer heiserer wiederholten Worte seinen bresthaften Körper hin und her schüttelte.

Sie stand, arabisches Vollblut, auf den Zehenspitzen, mitten im Raum, zwei Schritte von Daûd. Ein herber Dunst ging von ihr aus. Sie war weder geschminkt noch gepudert; blank war sie und braun, uralten Stammbaums; ihr Gesicht, von seidenem, nachtschwarzem Kraushaar überwuchert, mit flacher Stirn und schiefen, weichgeschlitzten Augen, glich, ins Profil gedreht, dem der Königinnen des Mittleren Reichs, deren Umrisse bei Ausübung verschollener Kulte in Sandstein erhaben weiteratmen. Zwischen ihren sehr hohen, nachgefärbten Brauen saß ein blauer Kreisfleck. Sie stemmte, die Arme mit rechtwinklig abgebogenen Händen steif zu Boden streckend, ihren von harten Muskeln gebändigten, schier gewichtslosen Körper in den Qualm der Schenke empor ... Oh, sie war so vielfach, so erzen, so tierisch, daß sie einen großen, machtlosen Seufzer um sich her aufschwellen und verröcheln ließ.

Ihre blaßbraunen Brüste bebten, mit blauen Schlangenlinien bedeckt, über der Korsage. Sie trug ein blaues, goldgesticktes Samtkleid. Sie konnte mehr als das Weib von Luksor. Daûd sah sie zunächst ganz verschwommen, wie den Umriß einer Pappfigur hinter dem Musselintuch eines Schattentheaters, wie es deren unsern gab. Ihr Atem bedeutete: Ich bin Vollendung, Form, ächzend ertragenes, zeitloses Symbol; ich bin höchst persönlich und einzig ich selbst; was habt ihr mir an? Wie ein edles Pferd jede Muskel seines Leibes rühren kann, um die Fliegen zu verscheuchen, so lief über ihr durchsichtig pralles Trikot, über den schmalen, vorgeworfenen Bauch ein rieselndes Zucken, in so blitzschnellen Abstufungen bis zu den Knien übergreifend, daß die Augen, die auf ihr hingen, völlig zu zwinkern vergaßen. Daûd starrte sie an und vergaß die Welt, bis die einförmige Musik ihr Ende, bis jener bresthafte Alte einen Teller hervorzog und das Gesicht der Tänzerin, das braune, herben Duft ausatmende Gesicht sich werbend dem seinen näherte und er von breitem, sinnlich hingezogenem Lächeln entblößte schlohweiße Zähne sah, zwischen denen die Zungenspitze verschmitzt zum Vorschein kam ...

Nun näherte sich ihm der Leib in Verührungsweite, und die durch das Haschisch aufgestachelten Sinne des Knaben fanden raschen Kontakt mit den ihren. Sein Geld war mittlerweile vollzählig zu Sadik hinübergewandert. Dieser steckte eine Kleinigkeit in die sich herüberschlängelnden Finger der Tänzerin. Sie war nicht zufrieden; er blieb jedoch störrisch, und sie schalt gellend auf ihn los. An Sadiks Gemütsruhe prallten jedoch die herbsten Vergleiche spurlos ab; er hatte seinen Profit gemacht, und das übrige beschied er in Allahs Hut. Dann ging er hinweg.

Die Tänzerin ergriff jetzt Daûds Hand und führte ihn der Tür entgegen, nach dem Innenhofe des Gebäudes zu.

Herzliches, dröhnendes Gelächter klang hinter ihnen her. Der Araber versteht nicht zu lächeln, sondern wenn er eine auch noch so bescheidene Komik empfindet, bricht das Lachen wie das Gebell eines großen Hundes aus seinem Hals. Der Witz beschäftigt ihn, er ist das willenloseste Opfer seiner augenblicklichen Vorstellung. Er hat auch nicht die geringste Oberhand über das Köstliche, was er soeben sah oder hörte, sondern sinkt, wenn er es ausgekostet, gänzlich ausgeleert auf seinen Stuhl zurück, während die wirbelnden Finger noch Minuten hindurch mechanisch ihr Entzücken bezeigen ...

In einem kahlen, getünchten Zimmer, auf einer Matratze ohne Decke, mit einem stinkenden Dochtlicht vor dem Spiegel und beim Klang fern näselnder Instrumente, deren ausschweifende, endlose Tonwelle wie wilder Pulsschlag im Ohr lebte, hielt Daûd ein erstes Mal Hochzeit mit seiner Rasse. – – – – –

Erste flache Sonne fiel blendend scharf in die Gassen, während der westliche Teil des Himmels noch im stumpfen Blaugrün jüngster Frühe lag. Es war totenstill; die Stadt dehnte sich noch ausgestorben mit blassen Schatten im erwachenden Tag; Schläfer aller Art, Karrenkutscher, Lastträger, Diener lagen in den erdenkbarsten Stellungen unter den Mauern oder auf den Treppen der Hauseingänge. Schmutzmilane trillerten und pfiffen in geringer Höhe; verspätete Fledermäuse irrten im Zickzack dem Ezbekijegarten zu, und allerorten krähten die Hähne. – –

Der greise Bauwab hatte, schlaftrunken aufgrunzend, dem heimkehrenden Daûd geöffnet. Nun stand das neugezimmerte Männlein in dem noch morgenstillen Haus. Gedämpftes Frühlicht fiel durch die gelbseidenen Stores der Treppenfenster; der Neger lag noch mit klaffendem Munde auf seiner Matratze. Daûd ging unhörbar umher, ohne zunächst zu wissen, was er mit sich anzufangen habe. Vor die offene Tür von Percys Schlafzimmer, der drinnen unter einem großen Mückennetz seinen kräftigen Schlummer abhielt, hockte er sich hin und suchte in seiner Schärpentasche: suchte und fand ein gähnendes Nichts. Auf einmal überkam ihn die Müdigkeit; er sank zur Seite und schlief auf der Stelle ein.

Dieser Schlaf war bleiern und traumlos.

Als er emporschreckte mit leicht zitternden Händen, spürte er die Nachwirkung eines energischen Fußtritts zwischen den Schultern, denn Percy, der ins Badezimmer ging, hatte ihn solcher Art aus dem Wege geräumt. Daûd runzelte sehr finster die Brauen. Dann ging er unter die Treppe, in die Nähe des Niggers, zog seinen kleinen Teppich aus dem Versteck und verrichtete stumm seine Morgenandacht. Er tat dies etwa seit einem Jahr, sehr verstohlen, seit er mit den Inglîz zusammenlebte, da er Fragen scheute. Er tat es weniger aus Glaubensdrang (war auch in seinem Alter noch nicht dazu verpflichtet), sondern nur sozusagen prophylaktisch. Es schien ihm besonders nötig, die mechanischen Hüftbewegungen im Kniesitz zu erledigen, das war, besonders hier in der Stadt, ein Gegengift gegen die tausend unbewußten Verstöße gegen das Gesetz, die er sich gleich den andern skrupellos leistete ...

Heute aber, er wußte nicht warum, war er schier noch gründlicher bei der Sache als sonst. Ihm war, als müsse er sich sicherstellen, eine Handlung begehen, die ihn von dem, was ihn hier in diesem Hause umgab, abschied, und während er lautlos in seinem Kopf die Satzreihen vorüberziehen ließ und dann niedersank, die Stirn auf den Teppich gebeugt, geschah etwas Unausdenkbares, Überrumpelndes.

Denn eine Stimme, ganz nahe von oben, schrie mitten in seine verlorene Meditation hinein, schrill und höhnisch: »Ay, little chap! Dein Kopf wird auch nicht besser davon, wenn du auf und nieder wackelst! Wo hast du dich denn die ganze Nacht herumgetrieben, du kleines Schwein?!«

Der das schrie, war Percy, war heiterste Ignoranz. Er kam soeben von der Dusche und war voll morgendlicher Frische und Tatenlust? Er lehnte, noch kaum bekleidet, dicht über Daûd am Geländer und klatschte mit dem feuchten Handtuch über des Beters gebeugten Nacken. Daûd fuhr zusammen und warf den Kopf empor. Wer war das dort oben an der Treppe??

Wer unterfing sich hier, ein Gebet grob zu mißachten, niederzuschreien, zu schänden??

Ha, ja, er kannte ihn, er kannte ihn! Das war der, dem er nachgekrochen war, dem er geschmeichelt, um dessen Freundschaft er geworben, und der ihm dafür Fußtritte versetzte, wie gerade jetzt vor einer halben Stunde. In diesem Augenblick, da Daûds Augen vor Zorn kreisrund aus bebenden Fibern eines verzerrten Gesichts starrten, war ihm dieser andere, der dort oben tanzte, Spottlieder sang und sein Gebet zerschrie, fremd, grundfremd und nichts als hassenswert.

Blitzschnell gingen ihm alle Demütigungen durch den Kopf, die er früher erlitten, das Wort »Schwarzer«, mit dem er bespien worden war, der Raub der Amulette und tausenderlei andere Sünden dieses weißen Teufels, dieses fremden, albernen Dreikäsehochs, der sich wunder etwas dünkte und doch nur aus Aufgeblasenheit und urteilsschwacher Dummheit bestand!!

Aber jetzt, jetzt, seit der letzten Nacht, war die Welt für Daûd verwandelt; jetzt war die Scheidewand da, jetzt war das kindliche Anschmiegungsbedürfnis, jenes leidende Glück, aus seinem Blut gefahren, als ob ein Gewitter es gereinigt habe!

Mit einem einzigen Sprung setzte er über das Geländer, und viel zu sehr außer sich, um eine Beschimpfung zu schreien, griff er hastig atmend mit einem Gesicht, das vor Wut litt, nach Percys Kehle. Dieser nun, viel zu verblüfft, um sich zu wehren, sah ihn noch belustigt an, bis er die Nägel Daûds spürte, die breite Schrammen in seine Haut rissen. Nun erst kam ihm zum Bewußtsein, daß man ihn tätlich überfiel, und er begann exakt und ärgerlich kleine Boxerhiebe auszuteilen. Da Daûd dadurch nicht vertrieben ward, sondern sich immer erboster an ihn hing und ihn weiterwürgte, verlor Percy das Gleichgewicht, und beide rollten ineinander verkrampft vier, fünf Stufen, bis ans Ende der Treppe, hinunter. Daûd biß, schlug und kratzte, wohin es traf; er hieb nach den blassen Augen, die er so plötzlich mit aller Inbrunst haßte, er hieb nach dem blonden Schopf, nach dem herzförmigen, spöttischen Mund; kurz nach allem, was ihn so maßlos fremd dünkte, und Percy, überwältigt und blutend, begann zu schreien.

Oh, wie klang das neu und musikalisch!

Da fühlte sich Daûd plötzlich von einer sehr starken Hand in die Höhe gehoben und hinweggewirbelt. Mister John in blaugestreiftem Pyjama, die kurze Pfeife im Mund, stand auf dem Schauplatz und sprach mit knarrender Stimme:

»Was, Teufel, soll dies hier eigentlich bedeuten?«

Daûd verweilte sich noch unbeweglich, bös blickend und schweigsam in einiger Entfernung. Das allmächtige Wesen ergriff den schluchzenden Percy und entfernte ihn in das Zimmer hinein.

Nach dem Frühstück kam Percy heraus und bat Daûd um Entschuldigung, daß er ihn in Ausübung einer religiösen Handlung, als in einer ihm unbekannten Zeremonie, zu Unrecht unterbrochen habe. »Das sage ich,« fügte er zischend bei, »weil Daddy es befiehlt, aber das nächste Mal wirst du verprügelt, hat er gesagt. Das ist kein richtiges Match, wenn man kratzt und beißt. Dreckfink!« – Man hörte, wie sehr ihn diese Schlußbemerkung erleichterte.

Daûd hatte nur als Erwiderung ein kleines, spöttisches Lächeln. »Ich bin kein meskiner Fellache«, sagte er endlich stolz und leise; »ich bin der Sohn eines Effendis.«

»Eines Effendis? – Und hast kaum die Dorfläuse aus deinem Hemd geschüttelt? Du der Sohn eines Effendis, und bist hinter Eseln hergelaufen?!«

Daûd gab keine Antwort. Zabals Eröffnung saß leuchtend um sein Herz. Er sah den Sohn seines Dienstherrn noch eine Weile grübelnd an; dann schnob er unter kurzem Achselzucken und mit einem leichten Schnalzlaut der Zunge durch die Nase (er hatte das Verkäufern abgelernt) und wandte sich ab. – – –

Während er in der Folge mechanisch seine Pflicht tat, sah er Percy nicht mehr an, und dieser verschmerzte es ohne Mühe; ja, es war ihm gewissermaßen behaglicher, den saugend-unterwürfigen Blick wie etwa bei den Mahlzeiten missen zu dürfen. Dahingegen unterwarf Daûd jetzt die kleine Jane und ihre Mutter seiner stummen Kritik und zog für sich Vergleiche mit dem Resultat, daß er die Kleine körperlich schätzen lernte, die säuerliche Mutter dagegen aber noch entschiedener als vorher ablehnte. (Die blasse Zofe, die mit Eingeborenen nur aus der Entfernung sprach, erwiderte sein Wohlwollen nicht.)

Dabei drängten sich ihm Vorstellungen auf, Gedankenverknüpfungen sinnlicher Art, zu drollig und grotesk, um eine Erwähnung zu vertragen. Er hing ihnen am Tag nicht nach, wohl aber kurz vor dem Schlafe, der von jetzt an zuweilen seltsam unstet wurde und von Träumen durchsetzt, die ihn fruchtlos reizten.

Fern, kaum faßbar, doch mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks, ging ein schemenhafter Mann durch seine Träume, und hinter ihm in Abständen, die ein schnellerer Herzschlag zu füllen sich mühte, folgten die Schatten eines Affen und – einer riesigen Ziege, die näselnd mit zauberischer Zudringlichkeit meckerte, leiser und leiser, bis auch sie im Schlaf verblaßte und verging.

Ende Juli kam ein Chamssin.

Sonnenuntergänge, schon kurz vorher, waren schwefelgelb und grau gewesen, und die Nachtkühle blieb aus. Der Chamssin wehte drei Tage lang. Zuweilen saß die Sonne in einer schwelenden Asche und trat zurück; stechendes Halblicht strahlte dumpf vom Asphalt, von den Steinfundamenten der Häuser; unfaßbar feiner Staub legte sich tückisch als farbloses Pulver auf alle Welt, und aller Lärm schien erdrosselt, als laste eine schwüle Faust auf dem Puls der Straßen.

Zu dieser Zeit geschahen drei Morde. Zwei von ihnen ereigneten sich im Eingeborenenviertel und kamen auf Rechnung der Blutrache, dem dritten fiel ein Europäer in der Nähe von Meadi zum Opfer.

Melonen-, Kürbis-, Nuß- und Brotverkäufer brüllten schwächer. Die Zeitungsjungen verloren ihren springlebendigen Enthusiasmus für etliche Zeit, und die Losverkäufer hockten stumpf in Schattenwinkeln, und statt ihre Lose den Passanten dringlich vor die Nase zu stoßen, fertigten sie sich Fächer davon, womit sie kraftlos wedelten. Vor den Cafés sah man schweißblanke Gesichter und apathisches Gebärdenspiel. Die Kanalarbeiter in der Scharia Maghrabi lagen vor der langgestreckten hölzernen Plakatwand auf zerknitterten Zeitungsblättern und schliefen, hohen, schnellen Atems, überwimmelt von Fliegen, schweißgetränkten Staub auf den tierischen Gesichtern. Eis in Sackleinwand schmolz im geschlossenen Behälter schon nach Verlauf von drei Stunden.

Das Himmelsunwesen loderte und brütete weiter, immer neue schwere Atemzüge tat der Sudân und schickte Schwaden gepreßter Stickluft über das Niltal herauf ...

In dieser atembeklemmenben Periode geschah es, daß Daûd wie üblich das Diner servierte. Man nahm es schweigsam ein. Eine eisgekühlte Bowle stand auf dem Tisch. Die Gesichter unter der gedämpften, grün verhangenen Lampe glitzerten von Schweiß. Das des Mr. John war lachsrot, die der Kinder blaß, so daß die Lippen in den Gesichtern dunkler als sonst erschienen. Die Dame des Hauses hatte ihre Nase leicht unter Puder gesetzt. Alle atmeten hörbar.

Als abgeräumt war und man zur Bowle schritt, sagte der Herr des Hauses, zu Daûd gewandt: »Morgen fahren wir nach London zurück. Du wirst mitgenommen.« Und mit einem flüchtigen, liebenswürdigen Zusammenziehen der Augenwinkel fügte er bei: »Das ist dir gar nicht so unangenehm, wie?«

Daûd warf zwei Teller auf den Teppich, was man einer freudigen Überraschung zuschrieb.

»Es versteht sich,« unterhielt sich Mr. John noch mit seinem Hintergrund (während er die Bowle in Gläser ausschenkte), »daß du mit Percy Frieden hältst und in jedem Stück parierst. Bis jetzt hast du dich leidlich gehalten ... nun geh und pack deinen Kram zusammen. Um sieben Uhr brechen wir auf.« Er sagte noch dies und das. Kurzes und Praktisches, in seiner bequemen, silbenarmen Sprache, während Daûd sich, ein »kata-ckera« stöhnend, schier lautlos aus dem Zimmer empfahl.

Er ging in den Garten. Und als er an das Gitter trat, schritt der Mann mit den Tieren vorbei.

Er ging auf der anderen Seite der Straße. Er sang ganz hoch und leise vor sich hin. Sein Gewand wallte, sein Kopf war vorgestreckt. Noch als er längst um die Ecke gebogen war und der erhobene Stummelschwanz der Ziege, die hinter ihm trabte, nickend verschwand, hörte man seine Stimme leise singen ... Über Kairo, unter dem Staubschleier, lag ein leuchtender Dunst, in dem es brodelte. Die einfallende Nacht brachte einen unfaßbar flüchtigen Windhauch, der geisterhaft und nur für Sekunden kühlte. Dort hinten links, durch drei Straßenzeilen von Daûd getrennt, lag die Wasa in einem Klangdunst näselnder Pfeifen, durchpulst vom leisen Schüttertakt vieler Tamburine und blinddurchtappt von bunter Gier. Wie eine Schlucht lag sie versteckt, doch unentrinnbar – Daûd sah sich schlau um, dann ging er ins Haus zurück und stieg langsam die Treppe hinauf. Er sah im ersten Stockwerk die gepackten Koffer übereinandergestapelt liegen; dazwischen erblickte er ein halboffenes Handtäschchen aus Glasperlenmosaik: das gehörte Mrs. Aldridge. Er sah alles zunächst gedankenlos an; dann stieg er noch höher und trat auf die Dachterrasse.

An die kurzen Säulchen des Steingeländers gelehnt, ließ er den Blick umherziehen. Im Westen hinter den Gizê-Pyramiden war letztes Blutlicht. Brünstiges Gelb, flach gedehnt, zog sich in schwüler Ruhe von Roda bis zur Boulak-Brücke herüber ... Der untere Teil erschien von unzähligen schwarzen Palmwedelchen wie zernagt. Der Strom zeigte an zwei Stellen faulig schillernd seine unvergeßliche Tönung. Über dem gelben Quadrat der Barracks schlang wie stets ein großer Schwarm von Raubvögeln seine trägen Flugkurven durcheinander.

Der Blick Daûds zog weiter: über die eingebetteten schwarzgrünen Baumgruppen der Gartencity und glitt nach Osten, wo die schwarzen Nadeln der Zitadellenmoschee in das fahle Licht stachen, wo die übereinandergetürmten, wuchtigen Mauerkränze tiefbraun dunkelten und die kahle Scheide des Mokattam den Himmel zerschnitt, in dem die ersten blassen Sterne zuckend mit der scheidenden Glut der anderen Seite rangen. Und dann, wahrend es tiefer und tiefer blaute und ein ungeheures Schwarz molkig herandrang, blickte er tiefer in die Runde, und am Schluß verlor sich sein Blick in einem wimmelnden Lichtermeer, während alle Konturen zerflossen.

In der Nacht, als das ganze Haus in tiefstem Schlafe lag, erhob sich Daûd in seinem Kämmerlein. Was er an Habseligkeiten besaß, wickelte er in seinen kleinen Gebetsteppich ein. Wie ein Geist ging er in das erste Stockwerk hinauf. Seine kleinen diebischen Hände betasteten den Kofferberg. Siehe, die Handtasche lag noch unverschlossen an ihrer Stelle.

Mit unendlicher Vorsicht rieb er ein Streichholz an und raubte sie aus. Mit Sachkenntnis stellte er fest, daß der wertvollste Inhalt eines ledernen Etuis aus einer Zehnpfundnote bestand; er entnahm sie dem Etui und steckte dieses in die Tasche zurück, die er zuschnappen ließ. Er rechnete damit, daß man sie wohl erst später, am nächsten Morgen, endgültig untersuchen werde. So würde die Entdeckung vielleicht erst auf dem Schiffe erfolgen ... Maalesh! – Und wenn auch früher! Hei, diese Inglîz werden sich ärgern! Sie können den Verlust verschmerzen, sie sitzen ohnedies in ihrem Fett!

Zehn Pfund! Das wog jenes Gold, das ihm Sadik dazumal vor einem Monat in jener herrlichen Nacht aus der Tasche gezogen, reichlich auf! Sein Erspartes hinzugerechnet, besaß Daüd nunmehr etwa neunzehn Pfund und zwölf Schilling!

Der kleine Kopf kalkulierte in der Dunkelheit: ungeahnte Verwendungs- und Etablierungsmöglichkeiten schossen ihm durch den Sinn.

Ein Ichneumon raschelte auf den Schränken; Daüd fuhr zusammen. Es blieb totenstill. Im Garten, schwer und klebrig, röchelten die Frösche.

Daüd stahl sich lautlos in das Parterre hinab. Der Ichneumon spielte zutraulich hinter ihm drein. Man hörte, daß er Kapriolen machte, daß seine Mäusejagd ihn befriedigte, daß ihn das Dasein freute. Er tappelte mit ganz leisen Pfoten und bäumte sich an den Geländerstäben auf.

Durch eine offene Tür drang fahler Schimmer. Das war Percys Schlafgemach: es war gegen den Gartenbalkon zu offen. Daüd glitt kriechend an dem weißen Bett vorbei, dessen Netz wie ein weißer Würfel geisterhaft durch das Dunkel schimmerte. Dahinter, auf schweißfeuchtem Linnen, lag der junge »Erzfeind«, wie zum Sprung gekrümmt, und atmete schwer.

Als Daüd auf dem Balkon stand, spie er kurz und zischend in das Zimmer zurück. Dann kletterte er wie eine Katze herab, und drunten band er seine Kelabije bis zu den Hüften auf und turnte über den Zaun. Ein Schauisch, der unfern stand, bemerkte ihn nicht... Und so verschluckte ihn die Stadt, die große Stadt.

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