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Der Sang der Sakije

Willy Seidel: Der Sang der Sakije - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorWilli Seidel
titleDer Sang der Sakije
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidc4361105
created20061214
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Der Brunnen des unlauteren Ehrgeizes

Was wißt ihr,
Ob ich besser bin
Und ob ich bete;
Ich verkaufe jetzt Kohl
Und Zwiebeln ...
Seit ihr sagtet, ich gehe
Den richtigen Pfad,
Weiß ich nicht,
Ob ich den guten
Ober bösen gehen soll!

»Mir will scheinen, lieber Bruder, dieser kleine Fellache ist nicht übel beanlagt«, meinte der Frater Onésime, ein behäbiger Fünfziger. »Er hat ein erstaunliches Detailgedächtnis und spricht Französisch und Englisch wie ein Weinreisender.«

Frater Eustache zupfte seinen Geißelstrick zurecht und meinte: »Strohfeuer. Intelligenz, mein Lieber, bei diesen Leuten! Eine Zeitlang geht es ja noch so ... der Bengel hat eine große Fassungsgabe, das stimmt. Aber die Seele ist voll Unrat, lehren Sie mich das Volk kennen! Es kommt ein Zeitpunkt – und bei unserem Knaben ist er leider nicht fern –, da stockt das Wässerlein, und es wird mit dem billig gewonnenen Gut im trüben weitergefischt – na, lassen wir ihn laufen! Was nützt da weitere Vorsorge ... diese Seelen sind doch dem Besseren unzugänglich. Mission, du lieber Gott! Jeder Dorfschulmeister kann's in seiner Art besser als wir ... man küßt uns die Hand und rennt davon ... und wie wird das Wissen ausgenützt? Schönste Grundlage für zehn Jahre Faulenzertum! Immerhin war dieser Knabe ganz amüsant; und vielleicht ist dies oder jenes Saatkorn doch nicht ganz auf steinigen Acker gefallen!« xxx

Die Brüder vom Orden des heiligen Franziskus saßen bei billigem Bordeaux, der nach der Etikette erstaunlicherweise aus Siût stammte, an einem grob gezimmerten Tisch ihres Gartenhauses, strichen sich die Bärte und machten sich Gedanken. Denn Daûd, der nunmehr Vierzehnjährige, das Phänomen an Fassungsgabe, hatte heute seine kleinen geschwätzigen Examina abgelegt und sich mit dankbarem Augenaufschlag entfernt. Er war mit den Kuttenmännern zwei Jahre hindurch in reger Beziehung gestanden, und sie hatten sich an ihn gewissermaßen gewöhnt.

Die Brüder hatten noch einen kleinen Diskurs, an dem sich auch der Prior, der gerade von der Schakaljagd zurückkam, beteiligte. Man stellte fest, daß Daûd ein seltsam reiner Typus sei. »Ein zierlicher kleiner Altägypter,« meinte der Prior mit einem sinnenden Blick durch die scharfe Brille, »ein Profil ... im Grab Sethos des Ersten sehen Sie Ahnliches. Er ist weder stumpfsinnig noch ausschließlich backschichlüstern wie die anderen, sondern hat so eine – gewisse Anmut, trotzdem er, was ich gern zugebe, ein rechter Schmutzfink mit viel primitiven Instinkten ist und voll Aberglaubens steckt. Neulich brachte er seinen älteren Bruder und fabelte dabei von einem Schêsch Maghrabi – einem ›,westlichen alten Mann‹, – oder irgendeinem Pavian, von dem seine Mutter besessen sei, worauf denn dieser Bruder das Licht der Welt erblickt habe ... Der Unterschied frappierte mich: der Bruder ist ein Krüppel, ein dunkelbrauner Idiot, und Daûd – Sie erinnern sich gut! – ganz hell, von fast türkischem Teint. Mit jenem Dabbûs habe ich mich nicht lange abgeben können, denn er wäre mir fast ins Gesicht gesprungen. Aber Daûd: à la bonheur! – zuletzt kam er noch zu mir und bedankte sich in tadellosestem Französisch. Wenn er jetzt auch verdienen würde, sagte er, so bliebe sein Herz doch zur Hälfte hier; und dann machte er mir noch das Kompliment, ich sei ihm fast so lieb wie sein Fiki Ali-ibn-Mûsa – Sie kennen den alten Gauner! – Und er würde mich oft besuchen und mich umsonst auf seinem Esel reiten lassen. Ich soll keine Angst haben; er könne das schon so einrichten, ohne daß der Eselvermieter Wind bekomme!« Dies letzte sprach der Prior mit einer amüsiert anheimstellenden Miene.

Ja, Daûd hatte jetzt alles, was sein Herz früher dumpf begehrt: er war am Ziel seiner Wünsche. Ein hellgelbes Hemd: wohlgemerkt, mit Safran gefärbt! – schlotterte um seinen Leib. Unter dem Hals war ein schmaler, blaugesäumter Ausschnitt, aus dem seine schlanke Brust, stets staubbedeckt, lugte: und der untere, gleichfalls gelbe Saum wurde von seinen hornigen Fersen in den Staub getreten und büßte bald genug seine Farbe ein. Ganz feine ockerfarbene Streifen hatte das Hemd; es war ein sinnfälliges Paradestück, und Daûd, der sich nicht schlecht darauf zugute tat, bildete nunmehr einen charakteristischen Farbfleck unter den Eseljungen, die sich nach dem Lunch um den besten Standplatz am Treppenaufgang des Winter-Palace-Hotels balgten. Es kam unserem Daûd außerordentlich zustatten, daß er jetzt der Treiber des ersehnten weißen Esels war – jenes trotz seinem Alter noch stämmigen und leistungsfähigen Tieres, das Jahre hindurch mit glockenreinem Gebrüll und geschmückt mit unvergeßlichen Zierarabesken durch seine Träume getrabt war. Wenn Daûd, an diese lebende, unwiderstehliche Folie gelehnt, wie ein Genrebild vor der Terrasse weilte, so gab es unter den flanierenden Fremden kurzes Bedenken, wer unter der schreienden, aufdringlichen Knabenhorde vorzuziehen sei. Dazu trug Daûd noch bei, verstärkte den Eindruck des Idylls, indem er einen unbeschreiblichen Gutturalschmelz in die Frage legte, die leise, lockende und verheißungsvolle Frage: »Donkey, Sir? Beautiful donkey?« – mit einem harmonisch gedehnten Fragezeichen am Schluß, das an Reiz die lauten Anpreisungen seiner Konkurrenten weit übertraf.

Es hatte Kampf gekostet, daß ihm der Eselvermieter, ein rauher Berberiner mit einfachem Geschäftsgeist, gerade diesen Esel überließ. Aber Daûd trieb den humoristischen, fetten Knaben in der blauen Kelabije, den er früher so beneidet, durch festliche Proben von Sprachkenntnis, trotz dessen fassungslosem Widerstand, erfolgreich in die Flucht. Jener mußte sich von nun an mit einem kleinen schwarzen Durchschnittsstößer begnügen, was ihn mit großer Wut auf Daûd erfüllte. Ja, einmal hatte Daûd aus dem Hinterhalt heraus einen handfesten Stein an den Nacken bekommen. Doch die Zeit, die alles regelt, glättete auch diesen Zwist, ja, tönte ihn zu kühler Freundschaft ab.

Daûd verdiente seine blanken zehn bis fünfzehn Schilling am Tag, denn er erfreute sich unter den ständigen Gästen des Hotels großer Bevorzugung, da er sie fließend zu unterhalten wußte und sein reger Geist drollige Bemerkungen zeugte, deren ein anderer der braven jungen Schreier nie fähig gewesen wäre. Was die antiken Bauten betraf, so hatte er sich längst eine geläufige Dragoman-Suada zu eigen gemacht; und wo er auf ein Gebiet geriet, auf dem er nicht sicher war, so hatte er eine bedeutungsvolle und interessierende Art, mit finsterer Braue zu lügen. Bisweilen mengte er auch, mit trockenster Sachlichkeit und in unwiderlegbarem Tonfall, Bruchstücke krassesten Aberglaubens in die atemlose Diktion ... er war eine Rarität von einem Cicerone, und es machte ihm spitzbübischen Spaß, seinen Kunden, insonderheit flachbrüstigen englischen Damen und deren zappeligem und oft leicht erschrockenem Nachwuchs gewagte Dinge aufzuhalsen. Derlei Reiterinnen kamen dann, von stetigem, wenn auch durch Skepsis gemildertem Gruseln angenehm geplagt, echauffiert zum Dinner und machten viel Aufhebens von dem originellen Knaben, der ihnen den Nachmittag so scharmant verkürzt ... Erhielt Daûd den vereinbarten Preis, so verstand er, während er die langen gebogenen Wimpern resigniert senkte, so sprechend zu lächeln, daß jene Damen, in dumpfem Bedürfnis, ihm sein belastetes Dasein zu erleichtern und voll großzügiger Unkenntnis des Münzwertes ihm noch die Hälfte des bereits Geleisteten zugestanden – wofür er sie dann mit einem niedlichen und zugleich frechen »Katachera« belohnte. Durchreisende Fremde, denen er in die Augen stach, kamen gar nicht an ihn heran, da er fast den ganzen Tag über gemietet war.

Drei Viertel des Geldes mußte er, da er das fünfzehnte Jahr noch nicht überschritten, dem Vermieter und Besitzer abliefern; doch war dieser Abzug nicht allzu schmerzlich, da ihm die Trinkgelder verblieben. Zwischendurch, wenn er eine kleine Schlemmerei beabsichtigte, unterschlug er auch nicht ohne Geschick. Er gab wenig aus und häufte seinen Gewinst – der, schlecht gerechnet, sich in dieser Saison bereits auf etwa vier Pfund belief – unter einem Stein in unbelebter Gegend an. Das Bewußtsein dieser Wohlhabenheit machte sein Benehmen aus Selbstsicherheit zurückhaltend und aus Eitelkeit bescheiden – Eigenschaften, die ihm nützten, wenn er seinem Berufe folgte, in dem er mit knabenhaftem Vergnügen aufging. – – – – – –

Eines Tages, als Daûd wie gewöhnlich an der Terrasse stand und einen noch imaginären Betrug auf seine praktischen Folgen hin berechnete, kam ein junger Engländer die Stufen herabgetänzelt, ein recht junger noch, denn er war höchstens so alt wie Daûd. Als die Drehtür dort oben sich wie gewöhnlich träg erblitzend öffnete, hatte Daûd mechanisch aufgeblickt. Dann, als er des Kömmlings gewahr ward, brachte er, mit eingeübter Bewegung, jene Positur hervor, die ihm erfahrungsgemäß Erfolg versprach. Er lehnte sich müßig an die Samtschabracke, den Kopf schläfrig geneigt, die Beine gekreuzt: kurz, er stellte das Bild. Es verfehlte auch in diesem Moment seine Wirkung nicht, denn der junge Engländer, der nur zu promenieren gedachte, ward von dem schönen Esel flugs gefesselt: ja, der Esel tat es ihm an. Er trat heran und streichelte die seidenweiche Schnauze; dann, in einem Atemzuge, saß er auf und schrie: »Go on!«

Es war hübsch und sehenswert, wie er aufsaß. Er verschmähte die Steigbügel; ein einziger Druck der weißen Knie, und schon flog er elastisch hinüber, um sich mit einem herrischen Ruck auf dem Esel zu etablieren. Daûd erkannte das an und lächelte über seine ganze Person. Er keuchte anfeuernd und schrie: »He, he!« Der Esel bockte ein wenig, doch nach den ersten Ermunterungen ging sein bewährter Trab wie von der Spule gewickelt. Auch Daûd geriet in Trab und schlug weit ausholend und sachgemäß dem Tier zwischen die Hinterbeine, so daß der Staub in kleinen Explosionen in die Höhe ging. Den kargen Äußerungen des Reiters folgend, wurde die Straße nach Karnak gewählt, und der laufende Daûd machte sich über diesen neuen Kunden allerlei Gedanken, die von denen abwichen, die ihn sonst bei ähnlicher Gelegenheit zu beschäftigen pflegten.

Denn er sah hier zum erstenmal einen Fremden seines Alters; und dies forderte ungestüm zum Vergleich heraus.

Zunächst lief er im Staub hinterdrein, später aber, um den Reiter besser betrachten zu können, neben ihm her, wiewohl der Engländer durch Fersendruck und unablässiges Zungenschnalzen das Tier zum Galoppieren brachte. Aber Daûd, als guter Läufer, spürte gar nicht, wie seine Beine unter ihm arbeiteten, so sehr war sein Blick beschäftigt.

Der Fremde trug einen Leinenanzug, schwarze Halbstrümpfe nicht ganz bis zur Mitte der leicht gebräunten Wade, und weiße Segeltuchschuhe. Auf dem Kopfe hatte er eine breitkarierte graue Mütze. Sein Gesicht war herb: über dem herzförmigen Mund mit der gehobenen Oberlippe thronte eine markante Nase; blasse Sommersprossen bedeckten die fein beflaumten Wangen, und unter den eng gekniffenen aschblonden Wimpern blitzten saphirblaue Augen. Die Brauen waren so hell, daß man sie kaum sah, und unter der Mütze, halb in die schmale weiße Stirn, quoll ein üppiger Busch aschblonden Haares, das sich im Wind wie seidener Distelflaum rührte. Der Kopf saß auf einem schmalen zurückgeworfenen Nacken, der Rücken gab wie eine feine ausgeprobte Feder jedem Stoße nach, und die schlanken Beine streckten und bogen sich, die Balance wahrend, mit gutgeschulter Geschicklichkeit. Es gab nichts an diesem lichten Fremden, das Daûd entging, und wenn er jetzt auch allmählich außer Atem kam, lief er opfermütig weiter und achtete dessen nicht.

Nun hatte der andere ein Einsehen und schrie, indem er am Zügel riß: »Stop!« Daûd schrie wild: »Hush!!« worauf der Esel hielt. Der englische Junge saß ab; sie befanden sich vor der nordwestlichen Sphinx-Allee.

Am Eingang des ersten Pylons langweilte sich der nubische Tempelhüter, ein knochiger, großer Gauner, der die von der Regierung ausgegebene Eintrittskarte zu sehen begehrte. Der kleine Fremde besaß eine solche nicht und war ein wenig ratlos gegenüber den ungeschlachten Gebärden des Nubiers. Ja, er wollte schon mit wegwerfender Schulterbewegung vom Eintritt abstehen ... da aber rettete Daûd die Situation, indem er dem Nubier im bilderreichsten Vulgärarabisch zu verstehen gab, daß der Vater dieses Gentleman ein großer Pascha sei, den eine Behelligung seines Sohnes zu verheerenden Wutausbrüchen reizen werde; ein Pascha, der die Regierung in der Tasche habe, ja, die Regierung selber sei, und demgemäß einen schweren Tabak rauche. Der kleine Engländer hörte diese Verhandlung, von der er kein Wort verstand, lächelnd mit an; und mochte es nun Daûds Zungenfertigkeit oder dies Lächeln sein: der Nubier räumte wie eine besänftigte Bulldogge den Platz. Er blickte den beiden nach, wie sie frisch in den Großen Hof hineinschritten, und in der Bewegung, mit der er seine schwarzen Kinnstoppeln strich, war jene plumpe, täppische Güte, die jeder Orientale Kindern gegenüber zeigt, weil er zeitlebens selbst ein Kind bleibt.

»Ich danke dir, du bist ganz nett«, sagte der Fremde plötzlich und gab Daûd einen kleinen Schlag auf die Schulter.

»Hat nichts auf sich!« erwiderte Daûd gewandt und senkte glücklich den Kopf. Dann belebte er sich und rannte voraus. Im großen Säulensaal hielten sie inne und ließen sich zwischen zwei Fundamenten nieder.

Der mächtige zylindrische Sandstein türmte sich zu erhabener Höhe. Die hundertvierunddreißig Säulen, vom Frieden einer kolossalen Symmetrie durchsonnt, standen starr um sie her, und der kleine Blick kletterte zag an ihnen empor bis dort hinauf, wo sich die Wucht in der edlen Lotosform der Kapitäle löste und das Blau, abgeblendet durch lastenden, von der Minierarbeit der Jahrtausende brutal zersprengten Quadern, reich wie ein Baldachin schimmerte.

Der kleine Fremde ließ seinen Blick behaglich an den buntgerippten Symbolen hinaufwandern, von denen die Säulen bedeckt waren, und dann, sich trotz seinem weißen Anzug behaglich dehnend, meinte er: »Hier ist es hübsch! Bist du oft hier?«

»Nein«, sagte Daûd abwehrend. »Hier gibt es Geister.«

Der andere schlug eine kleine Lache auf und zerquetschte eine Mücke auf seiner Wade. »Unsinn«, sagte er. »Es gibt keine Geister.«

Daûd, gekränkt, erwiderte nichts. Nach einer Weile fuhr jener fort: »Wie heißt du?«

»Daûd-ibn-Zabal. – Und wie heißen Sie?« Das »Sie« deutete er durch eine vorsichtige Betonung des »you« an.

»Percy Aldridge.«

»Aldridge«, wiederholte Daûd sinnend. Der weiche Klang des Namens machte ihm Wohlbehagen. Er wiederholte den Namen noch zweimal für sich, um ihn genau zu merken, und Percy blinzelte ihn von der Seite an.

»Deine Betonung ist leidlich«, meinte er. »Wie alt bist du?«

Daûd besann sich krampfhaft, darüber hatte er noch kein Buch geführt. Auf gut Glück riet er das Richtige.

»Just so alt wie ich. – Lebt dein Vater hier und verdienst du viel?«

Daûd ward unbefangen diesem energischen Examen gerecht.

»Mein Vater arbeitet auf dem Feld. – Und was«, fügte er ehrfürchtig und neugierig bei, »ist das ehrenwerte Gewerbe des deinen?«

Percy dachte ein wenig nach, wie er den Begriff mundgerecht machen sollte, denn die offizielle Bezeichnung würde dieser kleine Fellache wohl kaum verstehen. Was weiß der Esel vom Ingwer und der Bauer vom Apfelessen? – Schließlich formulierte er es so: »Er hat früher eure Kanäle gemacht, nun ist er zum Vergnügen hier.«

»So ist es,« sagte Daûd, »also früherer Beamter im Irrigation-Department und jetzt Tourist.« Percy setzte sich auf, mit offenem Mund und sah ihn verblüfft an. »Du bist ja verteufelt schlau!« sagte er endlich und ließ eine gesteigerte Achtung erkennen. »Wer hat dir das verraten?«

»Ich kenne doch eure Titel,« sagte Daûd geschmeichelt, »ich war vier Jahre bei den Patern.«

»Dann weißt du mehr als die anderen Schwarzen!« – – – Eine Pause entstand.

Percy kaute an einem Halm und dachte an nichts. Als er Daûd ansah, bemerkte er, daß dessen Gesicht verändert war, ja das kleine hellbraune Gesicht litt. Die schwarzen Wimpern hatten sich gehoben und ließen einen glühenden Blick durch; die Mundwinkel bebten schlaff, und die kindliche glatte Stirn war in Falten zerlegt: ja, so war es, und Percy verwunderte sich.

Mit der Zeit milderte sich der Trotz der dunklen Augen, wiewohl noch ein zorniges Gewitter auf dem Gesichte stand. In Percys kühlem Antlitz regte sich kein Zug; er beobachtete jetzt ohne weitere Verwunderung die fremdartige Mimik und spuckte endlich den Halm gleichmütig auf die Seite. Die Knaben saßen sich gegenüber wie reglose Puppen: Nein, nicht zwei Knaben waren das: zwei Rassen kreuzten die Blicke, diese in unantastbar ruhigem Stolz, mit eisiger Selbstliebe, jene weich und leidenschaftlich jäh, mit schwer verletzter kindlicher Eitelkeit, doch schwach und nur eines Hasses fähig, der aus den Augen spricht. Daûd hielt nicht stand und schluckte die Beleidigung wortlos hinunter. So kam es nicht einmal zur Sprache, was ihn so verletzte, nämlich von einem, dem er sich gleichzustellen trachtete, und dessen Anblick ihm berückende Rätsel aufgab, mit der Bezeichnnug »Schwarzer« plötzlich wie mit einem Fußtritt degradiert zu werden. –

Percy inzwischen ging unbefangen weiter, durch den Mittelhof in den Tempel des Mittleren Reiches. Er stellte sich auf die Brust einer geborstenen Statue, stemmte die Hände in die Hüften und sah sich um. Ein Kolkrabe schwang sich über das sonnenübergossene Trümmerfeld, und die Schwalben schossen um die Gesichter der Könige, die mit ihren Porphyraugen, die Hände klotzig auf die Knie gebettet, durch die Jahrtausende starrten. Percy stand wie ein kleiner leuchtender Fleck in dem gigantischen Zerfall. Dann sprang er auf den Weg herab und ließ sich von Daûd bis ans Ende begleiten, bis dorthin, wo alles sich in Schutt verlor und einsame Eidechsen zwischen den dürren Grasbüscheln raschelten.

Sie setzten sich nun wieder und blickten selbander in die leere Mulde des Heiligen Sees herab.

Und jetzt, während er in die sonnenflimmernde Weite starrte, erinnerte sich Daûd plötzlich, oder es ward ihm dunkel so, als habe vor Jahren, an ähnlicher Stelle, eine Stimme zu ihm gesprochen: »Warte nur eine Weile, Daûd, dann komme ich!« – Und weiter ward ihm zumute, als lebe diese Stimme jetzt wieder auf, als habe der, dem sie gehöre, Fleisch und Bein gewonnen und trete in einer Gestalt vor ihn hin, der er sich nach hilflosem Widerstreben und dann bereitwillig unterwerfen werde und müsse.

Percy saß reglos voll hübscher Besinnlichkeit, die Arme um die Knie geschlungen, neben ihm, offenbar hatte er den Eseljungen für eine Weile ganz vergessen; und Daûd, darob beschämt und mißmutig, bemühte sich, in sein schmutziges Hemd gewickelt, die Gedanken zu erraten, die fremden Ideengänge, die Inglîzpläne, die hinter der weißen Stirn ihr Wesen treiben mochten, und die von den seinen so staunenswert abwichen. Daûds Gesicht ward in der Hitze der verstohlenen Beobachtung, in der er, wenn auch hoffnungslos, ein dumpfes Glück fand, schier dumm ...

Auf einmal fuhr Percy so schnell herum, daß Daûd fast erschrak, und fragte ihn scharf musternd: »Was hast du da eigentlich für einen scheußlichen Klumpen im Haar?«

»Das ist ein Amulett«, erklärte Daûd artig und schnell. »Es ist eine Pasta gegen den Bösen Blick. Ich trage es seit meiner Geburt.« Und er zerrte unter seinem Hemd noch anderes hervor: eine lederne Kapsel mit Erde vom Brunnen »Semsem«, ein Herzamulett aus Agath an einer Kette und einen blau glasierten Fayencegegenstand, der fünf Löcher hatte. »Das sind fünf verhütende Finger!« dozierte er und streckte die gespreizte Hand vor. »Das ist alles gut; besonders an diesem Ort –« Und er sah sich scheu um. »Und das«, schrie Percy und sprang auf, »schleppst du schon seit deiner Geburt mit dir herum?! – Nein, was seid ihr für Schweine!«

Durch Daûds Körper ging der Jähzorn wie ein heißer Stich. Percy merkte jedoch ebensowenig wie vorhin, welche Gefühle er auslöste, sondern fuhr ehrlich entrüstet fort:

»Gegen den Bösen Blick! Als ob es so was gäbe! Schneid' dir das ab, oder ich bin das letztemal mit dir geritten.« Hierauf setzte er sich wieder, aber diesmal mit dem Rücken gegen Daûd.

Nach einer Weile hörte er einen seltsamen Ton und drehte sich um. Daûd saß in einem Winkel wie ein Tier, den schwarzen, staubigen Kopf zwischen den schlotternden Ärmeln vergraben, und schluchzte mit den leidvollsten Nasaltönen, die ein tiefer Schmerz zu erzeugen vermag. Indigniert stand Percy auf und ging, die Hände in den Taschen, an ihm vorbei, worauf er zwischen den Säulenresten verschwand.

Daûd schluchzte noch eine Weile für sich. Da aber geschah etwas, was ihn in dem Genusse seines Schmerzes störte, denn er hörte, wie aus weiter Entfernung, einen lauten Schrei.

Aufgepeitscht sprang er auf und rannte nach der Richtung des Schreies. Er sah sich ratlos um und merkte, daß die Stimme aus der Tiefe kam, aus einem Schacht, den die Ausgrabungskommission in der Kapelle der Sechmet, der katzenköpfigen Göttin, gewühlt. Dies Ungeheuer aus Rosengranit saß zähnefletschend in einem finsteren Tabernakel und fraß Kinder. Neulich erst hatte es zwei kleine Jungen gefressen, Steinarbeitersöhne, samt ihren Bastkörben, in denen sie Sand heraufzutragen hatten. Es kostete den zitternden Daûd eine gewaltige Überwindung, sich in die Nähe des dunklen Loches zu wagen. Da aber der entsetzte Schrei Percys unablässig aus der Unterwelt stieg, schlich er zögernd heran. Doch er tat es erst, als er sich vergewissert hatte, daß sein Arsenal an Schutzmitteln vollzählig vorhanden sei.

Percy steckte dort unten, halb verschüttet durch eiligen, tückischen Sand. Über ihm saß die unbarmherzige Mörderin. Ihr Raubtierkopf wuchs, die Ausdünstung des neuen Opfers in ehern-bestialischer Lüsternheit emporsaugend, aus der Finsternis, und der Blick aus ihren pupillenlosen Steinaugen war starr auf Daûd gerichtet. Daûd schloß die Augen und legte sich im Gefühl seiner Immunität mit schüchterner Keckheit auf den Bauch, während er mit der Hand umherirrte, die Percy endlich erfassen konnte. Kaum hatte Percy sich emporgewunden, als ein leises Knirschen dadrinnen entstand, als ob schwere Zähne sich unmutig aneinander wetzten: ein Quader, der Sandstütze beraubt, kam ins Gleiten und stürzte mit einem schauerlichleisen, schurrenden Geräusch ab.

Er stürzte auf eben die Stelle, die Percy kaum verlassen hatte.

Nun stand er blaß, aber gefaßt, vor seinem Retter. Endlich sagte er: »Danke.« »Allah kerîm!« erwiderte Daûd, »du bist gerettet.« Er rührte fromm an Stirn, Herz und Augen.

Percy reinigte sich, blickte sich um und sagte: »Es war nicht angenehm. Ich werde meinem Vater erzählen, daß du dich gut benommen hast. Jetzt wollen wir weg.« – –

Der Esel stand vor dem Pylon und rupfte Gras. Percy schwang sich hinauf, und Daûd, in schärfstem Trab, rannte wiederum hinter ihm drein. Und während er rannte, wand sich, ihm selbst befremdlich, eine tückische Frage an ihn heran: eine Frage, die sich insgeheim an ihn hängte wie eine Sandviper an den Hals eines Hasen: »Warum habe ich – warum habe ich nicht ...« Das Ende dieser Frage, das peinigende Ende, trat ihm nicht ins Bewußtsein, und die Viper, ohne ihr tödliches Gift in der kaum vernarbten Wunde zu hinterlassen, fiel machtlos von ihm ab wie ein allzu matt geschleuderter Pfeil am Ende seiner Flugbahn.

In der Folgezeit ergab es sich, daß Daûd den Vater seines neuen Freundes kennenlernte. Der Honorable J. W. Aldridge tauchte eines Tages in der Glasdrehtür des Hotels auf, kam elastisch herab und honorierte den Liebesdienst an seinem Sohn durch eine gewichtige Dosis Masperozigaretten in einer handlichen Blechbüchse zu hundert Stück, somit durch eine Welt von unbezahlbarem Genuß. Denn solche Zigaretten wurden, wie Daûd von seinen neidischen Genossen erfuhr, in Kairo das Stück zu zwei Millièmes bezahlt. Die Gabe war demnach fürstlich und der Gelegenheit durchaus entsprechend. Daûd vertilgte das preiswerte Geschenk mit Muße und unter schönen, beziehungsvollen Träumereien – hervorzuheben ist, daß er bei dieser Beschäftigung nicht allein blieb, sondern seinem Vater kindlich generös einen Pflichtteil überließ.

»Es sind Zigaretten, die der Khedive raucht«, erklärte er dem alternden Fellachen voll Emphase. »Du mußt es durch die Brust trinken, mein Vater; dann wirst du stark, und Umm-Dabbûs wird sich deiner erfreuen.« Zabal grinste und genoß. Der Rauch, blau und lieblich, beschwichtigte sein selten zufriedenes Herz und tauchte sein Wesen in eitel Toleranz. Umm-Dabbûs stahl sich ihr Quantum und tat es ihm gleich. – Beide sangen Segenswünsche auf den erstaunlichen Sohn.

Der Vater Percys war ein rotgesichtiger, gedämpft cholerischer, gottlob aber leicht zu erheiternder Herr, der seine von einer anständigen Pension und einigem Vermögen durchwürzten Mußetage in reservierter Betrachtung der faulen Weltlage dahinbrachte. Daûd empfand einen maßlosen Respekt vor seiner Gestalt und gleichzeitig eine glänzende Sympathie, eben weil er Percys Vater war.

Die übrigen Familienmitglieder Percys bestanden aus einem niedlichen Schwesterchen und einer säuerlichen Mutter – für Daûd die Quintessenz aller Reizlosigkeit, für Percy (zu des kleinen Arabers Verwunderung) das strikteste Gegenteil. Daûd empfand es als seltsam und schier unbegreiflich, daß der Vater, der rotgesichtige und lustige Herr, stets ein solches Weib um sich vertrug, ja, sie zu verhätscheln schien, wiewohl sie eine scharfe Art an sich hatte. Daûds stumme Fragen waren folgende: »Warum steckt er sie in so schöne Kleider? Sie kann weder tanzen noch Ful richtig zubereiten; ja, sie weiß vielleicht nicht einmal, daß es vier Methoden gibt, diese Speise schmackhaft zu machen.«

»Warum nimmt er sie beim Gehen unter den Arm? Dadurch wird sie nicht fetter.«

»Warum sagt er nicht dreimal: Du bist geschieden, und nimmt sich eine andere, die fett und vergnügt ist?« Ihm insgeheim die Scheidung vorzuschlagen, fühlte sich Daûd ermächtigt, weil er zufällig wußte, daß die Inglîz nur ein Weib bei sich haben, wiewohl das bei ihrem Reichtum herzhaft töricht war. Ja, Daûd hätte dem zigarettenspendenden Mr. John einen wohlassortierten Harem gegönnt, wäre ihm sogar bei der Auswahl herzlich gern behilflich gewesen. Denn nunmehr war er häufiger in dem bewußten Tingeltangel, pflegte sein Vergnügungsbedürfnis und leistete sich zuweilen sogar einen schlammigen Kaffee in einem gestielten Messingkännchen.

»Warum tragen diese Fremden gepanzerte Hemden, die in die Haut schneiden, und weiße Röhren um den Hals, wenn sie vor dem Abendessen noch kurze Zeit barhaupt am Nil spazierengehen?«

»Warum machen sie so ein großes Wesen davon, wenn die Sonne untergeht?«

»Warum ist das nicht so, wie es natürlich wäre?« Percys Schwesterchen, Jane, war ein siebenjähriges blondes Mädchen, sehr quick und doch sanft, mit hoher, befehlender Stimme und beweglich wie ein Küken, wenn es, mit atavistischem Heißhunger begabt, soeben seine Eierschale zertrümmert hat und nun wild konsumierend einherrennt. In der Tat: sie aß beständig, wo sie ging und stand. Sie hatte immer einen kleinen Piaster in der Grübchenfaust und trug weiße Halbstrümpfe und ein gestärktes, mit Spitzen garniertes Kleidchen, dazu eine rotgrüne Schärpe, die auf dem Kreuz wie ein riesiger Schmetterling mit den Flügeln schlug, wenn sie lief, und sie lief viel. Sie stellte sich vor Abu-Zuggâbas, des Zuckermannes, Auslage hin, zückte ihren kleinen Piaster und bekam dafür, zärtlich in zwei hohlen, braunen Händen gesammelt, eine unerhört große Menge Süßigkeiten ausgefolgt. Daûd machte sich bei ihr beliebt, indem er ihr rosa Stangen zum Lutschen verschaffte, auch Nougat und Vanillemandeln, die sie leidenschaftlich gern aß. Außerdem ließ er sie rittlings reiten, wiewohl die säuerliche Frau dies aus dunklen Gründen zu hindern trachtete. »Alle Weiber reiten rittlings«, dachte Daûd. »Die Weiber der Inglîz tragen lächerlich enge Röcke, darum können sie die Beine nicht auseinander bekommen.« Jane konnte das noch unbeschadet ihres Kleidchens. (Manchmal machte sich Daûd noch ganz andere Gedanken über die Nachteile der engen Röcke bei den Weibern der Inglîz.) So war seine Anschauung ein wunderliches Gemisch von Moquerie und Bewunderung. Alles in allem konnte er nicht verhindern, daß all seine Gefühle unter dem geheimen Diktat eines dumpfen Neides standen.

Zuweilen, wenn er draußen wartete und die Leute noch beim Tee waren, gelang es ihm, einen flüchtigen Blick in das Vestibül zu tun und eine Impression zu erhaschen, die ihn tief bewegte. Dort drinnen gingen weiß gekleidete Sudanesen mit Fessen und roten Schärpen lautlos zwischen den Rohrtischen hin und her, an denen ein elegantes Publikum sich unterhielt. Die Sudanesen gingen gern da drinnen umher; sie waren in ihrem Element, die vertrackten Kerle. Sie balancierten silberne Tablette auf den Fingern und hatten ein verständnisinnig verschmitztes Grinsen um den Mund, denn sie staken samt und sonders (das war klar) mit jenen genußsüchtigen Fremden unter einer Decke. Sie fühlten sich wohl in dieser Umgebung und in der unmittelbaren Nähe der Quelle, aus der die Pfundstücke leise klirrend fielen.

Dazu vernahm Daûd eine ihm unverständliche, aber einschmeichelnde Musik, die daran krankte, daß sie keine Achteltöne kannte wie die hierzulande, es aber durch ausgesprochene Taktsicherheit ersetzte. Diese Musik hatte durchaus nichts Fatalistisches, sondern sie verrann wie ein melodisches Bächlein in das Abendblau. Dabei wiederholte sie im epikuräischen Rhythmus immer wieder dasselbe: »Mach schnell, sieh dich nicht um, pack an, lebe gut, lebe friedlich, freue dich an Weibern und Spirituosen, wirf Geld auf dies lächerliche Land, und bilde dir dabei herzhaft ein, daß du im Paradiese bist!« –

Eine zirpende Lautwelle von Wohlklang, ein silbernes Gelächter junger Kehlen, ein Schimmer weißer Kleider, phantastischer Hüte, blitzender Geschmeide ... das kam aus der grausamen Drehtür heraus, die sich so langsam drehte, daß sie alles, was von innen kam, in wesenlose Bruchstücke zerhackte; diese Bruchstücke aber, zum ganzen Eindruck verschmolzen, erschütterten tief. In diesem Bad von Wohlklang und Wohlleben dehnten sich jene weißen Familien; und was den Eseljungen, der dunkel hineinstarrte, wie ein schmerzlicher Heißhunger ergriff, das war das aussichtsreich Ungewisse, das direktionslos Süße, was dem Leben dieser Leute anhaftete.

Auch Percy saß an diesen Rohrtischen und schlürfte seinen Tee. Desgleichen saß seine unerquickliche Mutter dort, die er liebte; sein Schwesterchen, das hoch mit Gaumentönen sprach und soviel Süßigkeiten vertilgte, und zum Schluß auch der Vater, der die »Daily Mail«, ein ofenschirmähnliches Blatt, auf den Knien entblätterte und mit gerunzelter Stirn und stierer Ausdauer las. Sie alle saßen in jenem goldenen Paradies und rieben sich aneinander ...! – – – – – – – –

Eines Morgens kam Percy in großen Sprüngen die Treppe herab und sagte: »Morgen gehen wir auf zwei Wochen nach Assuan. He, was sagst du dazu?«

Sie fuhren auf der »Tewfik«, einem flachgebauten, weiß gestrichenen Raddampfer, nilaufwärts. Die Sonne blitzte hold auf den Messingverschlägen. Die weiten, leichtgekräuselten Wasser atmeten Frieden, die Ufer wandelten graugelb, in lieblicher Einförmigkeit vorbei, und zuweilen – ein kleines Geheck von Fruchtbarkeit – entstand eine Palmengruppe, schlank, reich gewedelt und elastisch, vom nimmermüden Nordwind geschüttelt an der Linie des kargen und doch so vielfältigen Horizontes.

Percy lehnte am Geländer des Oberdecks, weiß und schlank, und schob sein helles Knie durch die Messingstäbe. Seine blonder Kopf stand leicht und frei in der zärtlichen Brise; sein Mund, mit der kurzen Oberlippe, öffnete sich halb der reinen Luft entgegen, und der Sinn eines Gesanges, dem er lauschte, entging ihm nicht, wiewohl er die Worte nicht verstand.

Drunten, aus dem mitgeschleppten Bretterkahn der dritten Klasse, in dem buntgewürfeltes arabisches Volk in tabakgewürztem Genuß des Augenblicks der Ruhe pflog, sang Daûd, leiernd sang er, doch der Fittich einer Inbrunst, wie sie ein ewig morgenjunges Volk in kindlichen Regungen bewegt, flatterte wie der einer braunen kleinen pfeilgeschwinden Wildtaube durch seine Verse. Percy konnte Daûd kaum wahrnehmen, weil er schief von oben durch die Fensterluke des Bretterkahns spähen mußte. So sah er nur ab und zu den schwarzen Kopf und ein schnell emporgeworfenes Auge: sonst waren es vornehmlich die geschäftigen Hände, die er erspähte, Hände, die alles in der Luft modellierten, was gesungen ward.

»Habt ihr mein Liebchen nicht geseh'n, o Treiber der Kamele?
In der Wüste verlassen, muß sie verdursten;
nehmt meine Augen und rettet sie mir!«

Oder Daûd erinnerte sich traumhaft einer Kasîde, die er irgendwo einmal vernommen, die aus dem Schoß der Vergangenheit laut ward als ein Angebinde der Kindheit: sie handelte von Ohrringen, das wußte er; hei, ja, von den Ohrringen der Umm-Dabbûs! Doch was tat Umm-Dabbûs jetzund mit Ohrringen? – – Sie saß, runzlig und braun wohl, irgendwo auf den vorderen Ballen der Sohlen und las Linsen aus der Mulde ihres schmierigen schwarzen Baumwollschoßes. Zwischendurch blickte sie finster und verkniffen auf und schrie heiser knurrende Anweisungen zu Zabal herüber, der sich mit ungeschickten Fingern an der Handgetreidemühle zu schaffen machte. Wie schmutzig war sie doch, dachte Daûd mit einem flüchtigen, früher nie gekannten Ekel, wenn sie sich niederhockte und Linsenlese hielt! Bei Gott, sie war nur ein schwarzes Häuflein, und die Hände, an den Gelenken blautätowiert, fuhren spinnenfingrig und von nie getilgtem Schweiß sattbraun erglänzend, aus den Falten, die das Häuflein um sich hatte, aus dem Wollbausch, der es tief verdunkelte und in ein nächtliches Dasein setzte: niemandem zur Beachtung und kaum einem eine Stockung des Schritts!

Der Umm-Dabbûs gedachte Daûd ... O meine Mutter, denke meiner nicht mehr! Ich fahre hier im funkelnden Nilgewässer, unleidlichem, doch fremdartig lichtem Gefährten zugesellt in ein Reich, darinnen es keine Ackermühsal gibt. Die Inglîz gehen auf dem blitzenden Verdeck als die Herren umher ... Auch hier gibt es Nubier, deren Gesichter durch das ewige Kriecherlächeln tückisch geworden sind wie die von Katern, deren Blut man durch Wohlleben überhitzt. Sie planen Übles, die Nubier, wenngleich sie die Krallen nicht zu gebrauchen verstehen.

Die Inglîz plaudern miteinander; sie recken ihre flanellbekleideten Körper in Korbstühlen. Sie betten die Beine in eitel Trägheit und in herausforderndem Gleichmut einander auf die Knie; sie grinsen sich an, Stummelpfeifen in den eckig ausgebauchten Mundwinkeln ...

Ja, dies Land ist überblickbar, dieser schmale Fruchtfaden, der Ägypten heißt, allzu leicht beherrschbar; – und sie haben ihn in der Tasche, diesen schmalen Fruchtfaden! Sie stemmen ihre Fäuste in die Hosen und zwinkern behäbig: Besitzerzwinkern! – Und doch – wenn du mich auch verfluchst, Umm-Dabbûs, und du, Zabal, desgleichen: ich kann sie nicht hassen! Noch kann ich es nicht! Sie reizen mich, sie bewegen mir das Blut und rufen Hitze und Widerstand in mir hervor; ja, ihre Hautfarbe schon ist mir scharfes Gewürz! Und doch muß ich ihnen dienen und für mich bleiben. Und dienen muß ich vor allen jenem, der dort sein weißes Knie durch die Messingstäbe schiebt!

Ja, o Mutter des Dabbûs, nun sitzest du verächtlich wie ein schwarzer Klumpen mitten im Getreide und verschwindest namenlos unter dem gewaltigen Strom der alles verschlingenden Sonne! – Daûd schnaubte die Nase in den emporgezogenen Zipfel des Hemdes.

Nun wiegte Percy dort oben leise den Kopf und summte. Dann rief er: »Sing' weiter, Daûd!« und klatschte in die Hände. Drunten blieb es noch eine Weile still, so, als ob sich jemand angestrengt besänne. So war es auch, denn Daûds Kopf arbeitete und formte ... Endlich klang es bedeutungsvoll aus der Tiefe herauf:

»Was wißt ihr, ob ich besser bin und ob ich bete;
ich verkaufe jetzt Kohl und Zwiebeln ...
Seit ihr sagtet, ich gehe den richtigen Pfad,
weiß ich nicht, ob ich den guten oder bösen gehen soll!«

Percy verstand nichts von dieser mit Tiefsinn gesättigten Philosophie; Daûd jedoch durchlebte sie und wiederholte sie vielmals, immer trotziger, immer lauter; und schließlich schleuderte er sein: »Was wißt ihr ...« wie einen hellen Prometheusschrei heraus. Der Zweifel, den der Schluß des Liedchens enthält, spiegelte sich in seinem Gesicht und ließ es flüchtig älter werden, während er aufstand und den Kopf ganz herausstreckte ... Hinter ihm, in der dämmrigen Tiefe des Bootes, grunzte man Beifall.

Die Palmen drängten sich jetzt dichter auf beiden Ufern. In Edfu war es dunkel, und der Dampfer stoppte. Beim roten Frühlicht löste man die Haltetaue und erreichte nach dreizehn sonnigen Stunden den Anlegeplatz von Assuan. Während dieser dreizehn Stunden kaute Daûd an dem ihm herübergereichten, für seine Begriffe etwas fremdartigen Mahl. Dann vertrieb er sich, Zigaretten rauchend und grübelnd, die Zeit, während er durch das Fensterloch an die weißlackierte Decke des Mitteldecks starrte. Dort trieben die Sonnenkringel, vom Wasser reflektiert, ihr sinnlos holdes Spiel. Zwischendurch schlief Daûd auch eine Weile ... Jedesmal, wenn er den leichten Schritt Percys hörte, spitzte er die Ohren, und ein beschaulicher kleiner Schreck durchzuckte ihn wie einen Hund, der auch noch im Schlaf eines Befehls gewärtig ist.

Auf Segelbooten, die stromaufwärts keinen Gegenwind hatten, setzte man nun samt dem Gepäck zur Insel Elephantine über. Daûd fungierte als einer der bevorzugten Gepäckträger. Sehr viel Genugtuung bereitete es ihm, daß er in dieser (immerhin intimeren) Eigenschaft vor eilfertig hinzustürzenden Boys, ja sogar vor einem Kawassen in rohseidenen Pluderhosen den Vorrang behielt. Die Familie verschwand, und Daûd durfte in der Küche von den Lunchresten schmausen. Sein gelbes Hemd war verfärbt und schmutzig; und dieser Umstand bewog das sonst mitteilsamere Personal, auf seine Bekanntschaft kein Gewicht zu legen. Es wurde ihm gestattet, sich einstweilen im Garten zu ergehen.

Daûd trollte über den Krokettplatz und setzte sich dann in einen kleinen Hain von Bananenstauden. Die breiten, vom Wind zerschlissenen Blätter breiteten ihre kräftig gerippten Schirme über ihm aus. Schwarze blanke Hummeln fuhren mit großem Getöse der Schwingen darunter hin. Kleine bissige Ameisen höhlten sich ein Loch und schleppten, sich mit zitternden Fühlern verständigend, Körnchen nach Körnchen heraus; ihre Hinterleiber waren putzig, voll graziler Wichtigtuerei, in die Höhe gestreckt, und ihre emsigen Beinchen wirbelten ohne Pause.

Winzige Bussolen waren sie, kleine Zentren intensivsten Lebens. Daûd bohrte mit seinen roten Fingernägeln in das Loch und zog sie schnell zurück. Nach einer flüchtigen Konfusion ging die Arbeit in gleichem Takt weiter, diese unbeachtete, ermüdend gleichgültige Arbeit. Und doch, siehe da, das Herz der Welt war darin ... Es war das Paradies auf Erden, und er liebkoste den schwarzbraunen Humus und füllte die rotgefärbten Handteller wollüstig mit ihm. So lag er eine Stunde lang; über sich hochdurchsonntes Grün, um sich die vielfältige Sicht gelbabzweigender Wege. Es blitzte bunt von Blütenfarben. Von der kleinen Orangerie, die gleichzeitig Blüten und Früchte trug (hellgelbe, schwammähnliche Kugeln von schwachem Geschmack), kam ein schweres Aroma, eine sinnbenebelnde sattsüße Duftwelle, und unfern regte sich, durchtränkt von Himmelsbläue, das zartgefiederte Laub eines Pfefferbaums im leisen Wind. Zwei weißgekleidete kleine Mädchen schossen durch den Gesichtskreis; und ein alter Graubart in seidenem Anzug schlich sich ruhevoll einer Bank entgegen.

Nun kam Mr. John vorüber und entdeckte Daûd. »Dein Esel ist bereits mit der Bahn angelangt«, bemerkte er.

Daûd erinnerte sich, daß sein Esel in den Viehwagen verfrachtet worden war. Wie war sein Esel stolz und heikel! Er fuhr mit dem weißgestrichenen Bahnzug, genau wie das wohlsituierte Volk, und die Railway-State-Company (unter der sich Daûd stets etwas wie ein fremdartiges Ungeheuer vorgestellt), beförderte ihn achtungsvoll wie jeden anderen zahlungsfähigen Passagier.

Mr. John fuhr fort: »Und du siehst noch immer wie ein Schwein aus. Da wir dich mitgenommen, mußt du dich schon verschönern lassen. Also begib dich zum Hairdresser, und begib dich flugs ...« und trotz heftigen Protestes ward die Haarhecke, die sich verfilzt und schmutzstarrend über Daûds Stirn erhob, samt dem Nabelschnur-Amulett zu einem Raub der Schere ...

Der Hairdresser war ein Meister in seinem Fach. Er wohnte außerhalb der Aufgangstreppe in einem von Bougainvilla umsponnenen Häuschen, und die rotvioletten Ranken nickten vor dem Fenster, durch das der seltene Kunde zu entfliehen strebte. Der Hairdresser war mit Recht pikiert über den Auftrag, einen schmutzigen Eseljungen zu behandeln, und er erledigte die Sache sehr schnell. Mit der Zeit (das verzweifelte Gesicht Daûds im Spiegel vor Augen) empfand er ein schattenhaftes Wohlwollen, und mit einem gewissen Humor übergoß er den empörten Knaben zum Schluß mit einem wahren Sturzbad von Bayrum. Daûd schoß hinaus, noch triefend, und duftete wie ein Parfümladen. Der Hairdresser räumte jede Spur der Operation mit Sorgfalt hinweg, ja, er trieb sogar eine gründliche Desinfektion, denn Daûd gewährte wie alle seines Zeichens gewissen lebhaften Tierchen an seinem Leibe nachsichtige Unterkunft ...

Daß er sich mit so großer Unbefangenheit kratzte, auch an Stellen, wo die Konvention Einspruch erhebt, hatte ihm Percy schon vorher einmal sehr deutlich untersagt. In der Folgezeit verschwanden nun die Ursachen jener Unschicklichkeit, denn es ward Daûd anbefohlen, sich gründlich zu behandeln; und hernach fuhr Percy mit ihm nach Assuan hinüber und erstand ihm eine Tracht, eine richtige Uniform, schier üppig und gleichzeitig gesittet kokett. Es waren zwei grüne arabische Hosen, etwas oberhalb der Knie durch Ziehschnüre verschließbar, und darüber ein braungestreifter, halbseidener Rock mit bestickten Säumen. Dieser Rock hing nicht, in läppischer Formlosigkeit, bis zu den Fußknöcheln, sondern war knapp und kurz, so daß Daûds behende Beine freien Spielraum hatten. In der Hüfte ward der Rock durch eine braune Leinwandschärpe gehalten. Auf den Kopf stülpte man ihm einen dünn mit Kork gefütterten Tarbusch mit einer Quaste aus zarter Seide. – So ausstaffiert, war Daûd hotelmöglich und zum mindesten auf die gleiche Stufe mit den anderen Domestiken gerückt.

Er erkannte sich selbst kaum wieder. Er trat an den schmalen Spiegel, der neben dem Speisenaufzug in die Wand eingelassen war. Und aus dem Spiegel sah ihn nunmehr ein prinzlicher Knabe an, die Idee seiner selbst, die Idee von früher, die nun überreich in Erfüllung ging. Die kräftige Farbe seiner neuen Tracht stand ihm gut zu seiner blaßbraunen Haut, zu seinem von flinken Gedanken durchwitterten, ovalen Gesicht und zu der zierlichen Schwermut seiner Wimpern. Auf seinen Wangen zeigte sich ein leichtes Rot, das sich seltsam anmutig ausnahm, wie die nachgedunkelte Fruchthaut einer überreifen Marille ... Was weiß einer von den wilden Tauben am Nil!

Man schießt sie mit Schrot, und sie fallen wie Blei von den Fikusbäumen ... Sie beben und bluten noch; ihre Augen bleiben bis zum Tode blank: kurze Zeit noch, bis ihre Schwingen und das warmweiche Muskelspiel an Brustbein und Keulen steif und hölzern werden. Dann sinkt ein violettes Häutchen über den heiteren, schwarzen Blick, der Kopf pendelt, und der rote Schnabel öffnet sich halb ... Oh, das zarte Leben ist bald geraubt: Aber was weiß einer davon, wie leicht sie fliegen, wie schlank und behend sie die Luft durchpfeilen, welch ein leises, stolzes Flügelknattern sie dahinschnellt, wie ausdauernd, wie zierlich sie waren und welch ein Rhythmus das wundervoll gebaute Tierchen beseelte!

Und wer kennt die Störche, die Störche über dem Nil!

Als die Knaben sie sahen, zogen sie in ovaler Ordnung, wie eine flüchtige Verfinsterung des droben lohenden Lichtes, in riesiger Höhe langsam dahin. Das Geschwader (es waren an dreihundert Vögel) bettete sich auf die Luft, mit entbreiteten Schwingen. Sie flogen nicht – sie trieben dahin. Kein Flügelschlag war wahrnehmbar. Ein stummes Gesetz kettete die Tiere aneinander, ein stummer Rhythmus der Konzentration. Der große Haufe zog wimmelnd, doch als Ganzes betrachtet, wie eine leichte, zartgetriebene Daune durch das Blau. Sie waren eine einzige Macht. Ihre Losung hieß: Norden, und diese Richtung behielten sie in gerader Linie bei, unter sich den schlängelnden, metallisch blitzenden Nil, der ihre Sehnsucht als ewiger gewaltiger Wegweiser förderte...

Morgen waren sie in Rosette oder Alexandrien – übermorgen schon schwebten sie, die flachen Schwingen gleich Schirmen entbreitet, über dem Mittelländischen Meer und sahen die großen Ostasiendampfer wie weiße Milben durch das schwarze Blau der Wasserwüste kriechen. Das waren die Störche: O Gedanke, den ihr, o Schottlandstörche, verkörpert! Ihr habt etwas Weltumspannendes, etwas Länderverkittendes, etwas Brausend-Allgemeines, ja Internationales: ihr erhebt euch in der Kalahari, am Tschadsee, am Tafelberg, in fetter Wiesenpfründe des Kaps und überschwebt diesen riesigen Kontinent, diesen Klotz von Quadratmeilen, dies Ungeheuer, das Breitengrade frißt und gemästet ist von Sand, Steppen, strotzendem Tropentum und reich begnadeten Süßwassern – nur um eurer Sehnsucht willen, im Norden, ja im Norden Frösche zu fangen und auf dem Dach gleichgültiger Dorfkirchen eure verlassenen Nester des verflossenen Sommers zu bestellen!!

In der Nähe des Stausees lagen die beiden, am Herzen jener klassischen Monotonie von Wasser und Granit nahe dem Weltwunder der halbvollendeten Barrage. Sie lagen unter einem Bestand von Rizinusstauden, durch deren rote, regelmäßig gekerbte Stämmchen der halbertränkte Tempel von Philae schimmerte, vergraben im Schatten der achtfach zugespitzten handgroßer Blätter, unter denen sich bläuliche Stachelkapseln rührten. Percy hatte sich schlank auf den zersprungenen harten Schlamm gebettet und träumte vor sich hin.

Daûd, an seiner Seite, wälzte sich auf die Brust und starrte dumpf in den Riß, der gerade vor seinen Augen war. Tief in den Spalten, auf dem Grund, in der Nähe des pulsenden Zentrums, rann das Wasser des Stromes, ewig sich erneuernd, wie hirnbefruchtendes Blut, das tief zurückkriecht und seine Wirkungen versteckt. Und auf der von empfänglichen Sinnen zitternden, dürstenden Oberfläche lastet die Sonne und blendet weiß, grell und trocken – – ohne Verständnis wie die Seele der Inglîz, die Gott verdammen möge!

Oder sie ließen sich nach der Westseite übersetzen und drangen in die Wüste vor. Aber der feine Quarzsand sog die Hufe der tapferen Tiere an sich; denn im Sande haust ein Afrîd, dem es Letzung ist, Mensch und Tier zu verschlingen und sie als Skelette bei einem gelegentlichen Chamßin wieder auszuspeien. Derselbe Afrîd (wie Daûd wußte) wickelte sich zuweilen ganz in Sand ein, turmhoch wuchs er auf und kam durch die Palmen einher, gluthauchend und vernichtungslüstern ... Unter seinem wirbelnden Schritt barsten die Hütten auseinander, feste Nilschlammauern wurden zu Trümmern, und auch die Menschen mähte er ohne Erbarmen nieder... »Ja, das sind Windhosen, das gibt es«, meinte Percy. »Aber was deinen Afrîd betrifft ...« – »Windhosen!?« dachte der kleine Geisterseher und war längere Zeit um seine Fassung gebracht.

Dem Simeonskloster fehlte das Dach ... Es war verfemt. Es stand grau und pittoresk in der einsamen Wüstenmulde, sonnendurchloht in allen, auch den verschwiegensten Bezirken; es atmete Vergangenheit aus; grellstes Licht brütete auf seinen edelsten Verstecken; in seinen Höfen lag Schutt, und aus seinen Fenstern glotzte der blinde Verfall, mit dem glanzlosen Blick eines stargetrübten Auges. Percy ritt hinein. Er rief; es hallte zag. Der Schrei zerscholl an der Würde des trockenen Todes, der hier hauste. Der blonde Knabe unternahm eine gründliche Durchsicht, dann kam er enttäuscht zu Daûd zurück, der mißmutig im Schatten seines Esels hockte.

»Du unternimmst Kühnes, Aldridge«, sagte er mürrisch. »Du bist voller Neugier – Allah wird dich strafen.« Percy zuckte die Achseln, sah ihn ein wenig höhnisch an und befahl den Aufbruch ...

Es ging weiter; die Eselchen mühten sich tapfer über die Hänge, bis der erste freie Blick möglich war. Der Sand, mit zarten Windrillen, die seidig glänzten, eroberte allmächtig den Gesichtskreis. Stoßweise Brisen brachten Quarzkörnchen mit sich, die schmerzhaft auf den Gesichtern prickelten. Unabsehbare Dünen, einander in wechselnden Kurven überschneidend, füllten wimmelnd den Horizont unter einem steilen, hitzig leeren Himmel, und die absolute Ruhe zog beide in ihren unentrinnbaren Bann.

Es gab dort eine Stelle, wo sie ein Stückchen Nil, der hier ein größeres Knie macht, und den Stausee von fern erblicken konnten, der wie Bronze schimmerte. Tief violett zog sich dort eine wirre Kette kahler Granitkuppen nach Osten, dunkel verstreut in dem helleren Gelb der Dünen und des nubischen Sandsteins. Durch ihre violette Farbe schienen jene niedrigen Dünen und flachen Hügel in eine imaginäre Ferne gerückt und ihre Größe schwer bestimmbar: so als blauten riesige Gebirge ganz fern am Horizont, in deren Täler es sich gleichwohl von irgendeiner hohen Warte aus wie durch ein Wunder spähen lasse. Dieser zauberhafte Augentrug blieb, wenn man ihm nachgab, beständig. Als sie aber näher ritten, rückte ihnen alles entgegen und schrumpfte zusammen. Als sie die Granitbrüche erreichten, ward es dunkel, und die Wölfe, die kleinen Wölfe, trabten von Shellal bis zur Barrage mit.

Man hörte und sah sie nicht; nur die Esel, die sich auf den engen Hohlwegen nicht drehen konnten, zitterten unaufhörlich. Erst als man ins Freie hinausgelangte, weinten jene Wölfe und blieben zurück. Daûd hatte Percy aufgeklärt, warum die Esel zitterten; hatte ihn bilderreich aufgeklärt und dabei die Genugtuung gehabt, daß Percy ein wenig irre Augen bekam und sich die ganze Zeit dicht neben ihn hielt, die Hand um den Arm des Dieners gepreßt: Hei, er wußte ja nicht, daß Daûd insgeheim der Feigere war und sich seinerseits hinter dem weißen Gebieter versteckte. Erst als sie an die Schleusen kamen, wichen sie voneinander, und Daûd kostete die rosige Beschämung, die auf Percys Gesicht eingenistet lag, wie eine kleine Rache aus, die er für die »Windhose« hatte nehmen dürfen ...

In einem von fünf Berberinern bemannten, rotweiß gestrichenen Boot ließen sie sich die Schleusen hinabrudern. Die Esel hatten sie bei der kleinen Holzstation gelassen, und nun hockten sie mitten unter den lärmenden Kerlen, mit denen Daûd sich trefflich unterhielt, wobei er sich wiederum auf der Höhe fühlte, denn Percy verstand naturgemäß nichts von all den herrlich obszönen Scherzen, die man wechselte, während das Wasser in der Schleuse fiel. Als die Bootsleute sich nun ins Ruder legten, atmete Percy auf, denn nun ward mehr gesungen als gesprochen. Man grölte zum Takt der grobgezimmerten Ruder, die in geteerten Strickringen knirschten, und der Gesang der arbeitenden Männer, an dem Percy sich zunächst unsicher, dann aber mit kräftig gellender Stimme beteiligte, hallte bis zu beiden Ufern herüber:

Heli – heli-sà Ja Mahamad, Ja habibi,

worauf der Steuermann mit tieferer Tonfärbung den Refrain bellte:

Ja Husên!!

Eines Morgens, als Daûd wie gewöhnlich unten auf der Treppe auf Percy wartete, kam jener langsamer herab als sonst, als ob er mit irgendeiner Überlegung beschäftigt sei, und stellte sich müßig vor Daûd auf. »Wir werden heute nicht reiten,« sagte er, »wir werden überhaupt nicht mehr reiten, denn Daddy will nach Kairo zurück. Die Koffer sind schon gepackt. Wir müssen Abschied nehmen. Man zahlt dir und deinem Esel die Fracht nach Luksor zurück.«

Er brachte dies alles geläufig hervor. Er war sich durchaus schon im reinen über alles, irgendwelches Zartgefühl machte ihm kein Kopfzerbrechen, und er nahm die Hände dabei nicht einmal aus den Taschen heraus. Während er die Wirkung seiner Mitteilung gelassen abwartete, sah er sich, einen Kaugummi zwischen den Zähnen, noch einmal gelassen im Garten um. Doch die Wirkung war elementarer, als er sie sich vorgestellt.

Daûd trat heran, exaltiert, mit aufgerissenen Augen, deren schwarze Pupillen funkelnd in bläulichem Tränenwasser schwammen, und mit allen Anzeichen einer rasenden Wut. Doch diese Erschütterung zerbrach nach drei Schritten seinen sensiblen Körper: er sank auf den Boden und blieb, an Percys Beine geschmiegt, wortlos sitzen. Er wurde zusehends kleiner und kleiner, wie ein in heißem Schmerze schmelzendes Häuflein Elend. Sein Hirn erfaßte in diesem Augenblick nur das eine, ungerecht, blind und dumpf, und doch war es für ihn der Kern der Sache: »Nun schüttelt er mich ab – – pah, was liegt ihm daran, und ich habe ihm doch gut gedient! Nun erhalte ich den Fußtritt ...« Ah, welch ein ohnmächtig brennender Haß, welch ein fressendes Gift war in seiner Seele! Blitzschnell ward ihm klar: »Dieser ist ein Hund; warum habe ich ihn damals im Hause des Teufels nicht im Sande stecken lassen! Warum!!« Ja, jetzt war die Viper ein erstes Mal lebendig, fauchend lebendig!

Personal, das im Garten Korbstühle gruppierte, schlug Gelächter auf. Hotelgäste aller Art, die vorüber kamen, amüsierten sich. Das kleine Bild, das die Knaben unfreiwillig stellten, hatte jedoch keine lange Dauer, denn Percy zerstörte es, indem er zur Treppe ging. Er war peinlich berührt, zugleich aber auch ergriffen von der wilden Anhänglichkeit, die sich ihm hier ein erstes Mal so schrankenlos offenbarte.

Er ging zu seinem Vater und besprach die Sache mit ihm. Mr. John öffnete die Jalousie und sah Daûd drunten liegen mitten in der Sonne, zusammengekrümmt wie ein Tierchen; die Hände hatte er im Nacken verschlungen und die Stirn im Sand vergraben. Zuweilen schlug er mit den Füßen aus.

Nach längerer Zeit kam Percy herunter und teilte Daûd mit, daß man beschlossen habe, ihn mitzunehmen.

Als Daûd begriffen hatte, was die Zukunft ihm bescheren werde, spreizte er die Finger, wiegte den Kopf vor übergroßer Freude langsam hin und her und sprach dann so recht aus der Tiefe seiner vom Schluchzen noch nervös zitternden Brust hervor: »Mâschallâ!« – mit schwerster Betonung auf der ersten Silbe ... mit einer Betonung, als entsteige ein Orgelton ganz unvermutet einem zarten Instrument, das bisher nur kindlich helle Töne kannte: sonor, schweren Klangs und wuchtig. Als er solchermaßen sein Entzücken bezeigt hatte und nun sah, daß Percys herzförmiger Mund sich zu einem gönnerhaften kleinen Lächeln verzog, legte er die hellbraune Hand mit einer gewissen rührenden Unbeholfenheit an dessen Wange. Von dort ab ließ er sie auf die Schulter gleiten, während in seinem Blick die Verwunderung noch lange lebendig blieb.

Am folgenden Tag langte Daûd in Luksor an und ging durch die Felder seinem Dorfe zu. Der schmale Pfad vor ihm zog sich braun dahin durch das inzwischen dunkler gewordene Grün. Die Memnons-Kolosse, umzittert von Hitze wie ehedem und immerdar, hielten Wache in ihrer wuchtigen Ruhe. Unendlicher Grillensang umschrillte den wandernden Daûd. Einmal, nachdem er die alte Seeumwallung von Birket-Habu überschritten, blieb er stehen und legte die Hand schützend über die Augen: Da lag das Dorf Naga-el-Kôm, und vor ihm, auf dem flachen Ackerland, bewegte sich ein blaues Fleckchen einem schwarzen entgegen: das konnten nur seine Eltern sein. Und jetzt hörte er, fern und doch deutlich, ein verworren singendes Geräusch, das sich von allen unterschied, einsam und eigenartig: süß vertraut, den Sang der Sakije, seiner Sakije.

Eine Weile hielt er an ... Er sah an sich herab, fand sich prinzlich und ging, während die Eitelkeit beim Schreiten seine Hüften leicht hervorwölbte, sinnend durch das Feld. Pfadlos ging er und trat die Halme mit der nackten Sohle in den Grund. Klein und bunt kam er einher wie ein Träumchen. Und Zabal witterte ihn im Getreide und tat einen kräftigen, lang hinhallenden Fluch, ohne ihn zu erkennen.

»Wer ist der«, vernahm Daûd, der ihn noch nicht mit den Ohren verstehen konnte, im Herzen – »wer ist der Kuppler dort, der Getreidezerstampfer, dies Hurenkind von drüben, das armen Mannes Saat zertrampelt? Oh, möchte er doch... oh, wäre er doch... Gott soll ihn strafen; ich werde ihn mit Steinen vertreiben, den Abkömmling von sechzig Hunden, den seine Mutter in der Eselskrippe warf...« Dies war der Sinn des langen Satzes, den die ferne Stimme als Begrüßung schrie.

Daûd jedoch ging unbeirrt auf ihn zu; da erkannte ihn Zabal. Und da Daûd den Alten in letzter Zeit sehr verwöhnt hatte (mehr mit Naturalien zwar, als mit barem Geld, denn seit seiner letzten Entdeckung hatte er ein Haar darin gefunden, zu dem toten Kapital beizusteuern), so war die Begrüßung von einer gewissen Herzlichkeit getragen. Die Mutter kam etwas gebückt heran, streckte ihre runzligen Finger aus dem Wollbausch und prüfte zungenschnalzend Daûds neues Gewand.

»Nunmehr, meine Eltern, folgt mir zum Dorf und zu unserer Behausung«, sprach Daûd. »Denn ich habe euch ein erstaunliches Ding zu berichten; mein Herz will ich öffnen und heraustun, was darinnen ist; und wenn ihr es wahrgenommen und ganz und gar verstanden habt, werdet ihr sein wie die Träumenden.«

»Allah!« sprachen die Leutchen gemeinsam. »Wir folgen dir. – Was gibt es nicht, das noch wird, und wie ist die Welt voll von Neuem allerorten!« – Zabal warf seine Hacke hin, und Umm-Dabbûs deckte die Handmühle mit einem Sacktuchfetzen zu. – Da zögerte der Ton der Sakije und hörte plötzlich auf; die »Stecknadel« war herabgeklettert und schloß sich den Eltern an, die dem Knaben voll schwerer Neugier folgten. – In der Hütte angelangt, erzeugte Daûd eine gewisse Weihe, indem er seine Familie in einem Halbkreis um sich gruppierte und Zigaretten unter sie verteilte. Umm-Dabbûs gurrte vor Vergnügen, und der Rauch quoll schnell genug in bläulichen Wolken aus ihrer Kopftuchfalte hervor. Aus dieser Falte ragte der Arm mit der Hand, die das aromatische Röllchen hielt, wagerecht auf das Knie gebettet, wie ein einsamer Wegzeiger zum Glück. So saßen sie selbviert eine Weile schmatzend und stumm auf untergeschlagenen Beinen.

Endlich sagte Daûd: »Salam alekum! Heil sei über euch!«

»Und über dir sei der Friede und Allahs Barmherzigkeit und sein Segen!«

»Wie geht es euch?«

»El-hamdu-lillâh! – Wie soll es uns gehen! Es geht uns wie immer! – – – Doch was«, platzte nun Zabal heraus (und seine Neugier warf den Gang der Begrüßungsformeln über den Haufen), »ist der werte Zweck deines Kommens, das gesegnet sei?« – Er hatte sich, seit Daûd in Bildung, Ansehen und Weitläufigkeit so hoch über ihn hinausgewachsen war, dem Knaben gegenüber einen respektvolleren Ton zu eigen gemacht.

Daûd tat einen Seufzer und sprach: »Ihr wißt, meine Eltern, daß ich seit längerer Zeit bei diesen Inglîz diente, und ich fuhr nicht schlecht damit, Gott sei gepriesen. Nun ist es beschlossene Sache, daß sie mich mieten und nach Kairo mit sich nehmen, um jenen jüngeren Ungläubigen, den Sohn des rotgesichtigen Mannes, unsere erhabene Sprache zu lehren. Dies euch mitzuteilen, ist der Zweck meines Kommens.«

Er schloß die Augen halb und fuhr geläufig, als habe er es wie eine Sure gelernt, fort: »Und da ich nun von euch scheide und ganz weggehe, und ihr mich (wenn anders Gott nicht ein Entgegengesetztes plant) eine lange Zeit nicht mehr sehen werdet, so sage ich euch jetzt ein letztes Mal: ›,Mein Vater und meine Mutter!‹, – Und ihr sprecht ein letztes Mal zu mir: ›,Sohn! Sohn!‹, – Und meine Seele ist von dem Wunsche geplagt...« Daûd sprach immer geläufiger – »euch in Worten auszusprechen, daß ich euch danke für Nahrung, Abwendung des Bösen Blicks, Ratschlag und Dach, darunter ich schlief. Seid alsdann im Schutze Gottes und denkt bisweilen meiner! Und vergesset nicht, um die Wende jedes Monats ein Scherflein für mich niederzulegen am Grab unseres Schêschs, der das Dorf behütet, und dem Gott gnädig sei!« Diese Rede war so mundgerecht als möglich gesetzt, und an ihrem Inhalt blieb dem Pärchen kein Zweifel. Zabal hatte einige mürrische Zwischenrufe getan, und als er begriffen hatte, daß es Daûds feste Absicht sei, zu scheiden, ward er zunächst rechtschaffen wütend. Er kaute die Spitzen seines struppigen Schnurrbarts, und sein Gesicht verzerrte sich zu einer übelwollenden Grimasse. Seine Stimmung färbte sich auf Umm-Dabbûs ab, die so heftig an ihrer Zigarette sog, daß das Feuer an dem Papier herunterrann und einen Nebel erzeugte, der für Sekunden eine hellblaue Scheidewand zwischen den Alten und dem Knaben errichtete.

Daûd starrte in die hellblaue Scheidewand, nahm dann eine straffere Positur ein und blickte zur Decke empor. Als sein Blick zurückkehrte, war der Rauch verflogen; und Daûd erschrak aufs tiefste, plötzlich von einem seltsamen Gedanken getroffen.

War dies vor langer Zeit vielleicht glatte, nun aber von Schlägen und Feldstrapazen zermürbte, kümmerliche und sklavische Weib überhaupt seine Mutter?

War dieser knochige, ungeschlachte, kindliche Tolpatsch, dieser dumpfe Bauer, der den Wortlaut keines Gesetzes kannte, und den er damals, als er sein Geld entdeckt sah, in einfältigem, niedrigem Geiz hatte aufheulen hören, sein leiblicher Vater?

Kurz, waren diese tierhaft stierenden, schmutzig schwarzbraunen Gesichter, die sich erbost vorbeugten, überhaupt die seiner Eltern? Und jenes Gewürm dort in der Ecke, jener boshafte Halbaffe, jener Krüppel mit dem Geist einer tollen Katze – war das sein leiblicher Bruder?

In diesem Augenblick seltsamen Hellsehens betrachtete sich Daûd mit einem ruhig abschätzenden Blick ohne jede Eitelkeit. Er sah das gefällige Ebenmaß der eigenen hellfarbenen Glieder, die verwöhnte glatte Haut an Beinen und Armen, die nach Verzärtelung verlangte; sah seinen bescheidenen Kleiderprunk, fühlte den Tarbusch auf dem Haupt und gedachte der seidenen Troddel, die an ihm baumelte... und dann ließ er den Blick noch einmal prüfend zu seiner Familie herüberschweifen. In diesem Blick dämmerte eine unsagbare Geringschätzung auf: dieselbe, die ihn schon flüchtig angewandelt, als er mit der »Tewfik« fuhr und der Umm-Dabbûs gedenken mußte... Zabal spürte das nicht, sondern ergriff das Wort und schnaufte dabei wie die Gamusah, wenn man sie über ihre Kräfte stachelte:

»Daß du mit jenen Ungläubigen nach Kairo gehen willst, mißfällt uns sehr. Wenn du dich störrisch zeigen willst, hindern wir dich nicht, denn das Sprichwort sagt: Das sind keine rechten Väter, die von ihren Kindern nicht bisweilen am Barte gerissen werden. Aber dein Verdienst fällt fort und das Labsal, das du uns zuwendetest, die Schmausereien, die wir dir verdankten, das kleine Glück unserer Tage, die karge Ersparnis, gesichert vom fressenden Zins: das ist alles weg und dahin, wenn du davongehst, und wir werden Trübsal blasen, und die Mägen werden uns bellen. Haben wir es nicht allerwege gut mit dir gemeint? Haben wir nicht deine Ausbildung in schwersten Sorgen bezahlt und entgolten, und was du jetzt bist und kannst, ist das nicht unser erstaunliches Verdienst? Daher ist es recht und billig, daß du bei uns bleibst und weiterhin beisteuerst zu dem, was unser kümmerliches Behagen ist. Was ist fortan unser Stolz? Gingen wir nicht unter die Leute und sprachen: ›,Hei, unser Sohn!‹, – ? Und was werden wir jetzt sagen: ›,Unser Sohn ist auf und davon, und wir haben keinen Nutzen mehr von ihm. Er kennt uns nicht mehr und dient denen, die das Land fressen möchten und täglich von unserem Gute fetter werden.‹, Allah verfluche sie! – Und sie haben keinen Glauben

Wiewohl es mit Zabals eigener Religion ein wenig dunkel aussah, fehlte es doch dieser letzten Tirade nicht an einer gewissen Kraft, und er versprach sich von ihr die meiste Wirkung. Insgeheim befand er sich in aufrichtiger Angst, die ergiebige Behaglichkeitsquelle einzubüßen.

Leider jedoch zerschlug sich die beabsichtigte Wirkung an Daûds immer noch grübelnder Stirn. Er öffnete die schwarzen Augen mächtig weit. Und dann sprach er mit einer eintönigen Stimme, die gar nicht in den theaterhaften Tonfall der Verhandlung passen mochte: »O Zabal, höre, was ich sage. Allah hat uns verschiedene Farbe und Gestalt gegeben. Und mir ist, als habe er unsere Berufe abgewogen und zu sich gesprochen: ›,Wem von diesen beiden, die ich wahllos erschuf, gleich allen anderen, gebe ich Mist zu schleppen? Wem gebe ich die Bestallung des Schöpfbrunnens?‹,

›,Und wem‹, (erprobte er bei sich in seiner Art) ›,gebe ich Verdienst und Erfolg und Ärmel, mit denen er schlenkern kann?‹,

Und er sah unser beider Hautfarbe an und sagte: ›,Dieser ist weiß wie ein Türke und gerade gewachsen; auch ist er emsig auf das Gute bedacht und klettert auf den Sprossen des Glaubens und der Erkenntnisse, bis er dort steht, wo er mir wohlgefällig ist. Ich lasse ein buntes Gewand auf ihn fallen; ich bekleide seine Füße mit Saffianschuhen ...‹, (Daûd schenkte seinen schmutzigen Zehen einen verheißungsvollen Blick) ›,Schuhen mit aufgebogenen Schnäbeln; ich hänge ihm eine Gebetskette um den Hals; ich färbe seine Brauen mit Holzkohle und seine Handteller mit Henna.‹, – Dann dachte Allah weiter (und Daûds Miene wurde äußerst streng): ›,Der andere dort ist schwarz und dumm; auch ist er müßig im Glauben und kennt die Gebetszeiten nicht; er hinterzieht den Zins; er schmäht wild, ohne daß ihm das Eigene angetastet wird; und was er hat, das hat er ohne Verdienst.‹,«

Zabal knurrte bereits bedrohlich.

Doch Daûd, immer noch mit erweiterten Augen und entrücktem Blick, fuhr fort, seine Bilder zu formen, während er zur Bekräftigung mit der Hand fest auf den Schenkel patschte: »Ha, und wenn du mich auch auferzogen hast, Zabal, was frage ich; habe ich dir im Grunde zu Dank zu rechnen? Den Ful, den euer Neid zwischen meinen Zähnen vergiftet hat, Medammis, das quillt und nicht gar wird? Dreck auf der Haut, Stunden des Unmuts, Jähzorn im Herzen? Wiedehopfs Geschäft, der die Gamusah laust? Trunkenen-Führers Geschäft, der dich, wenn du dich an Raki versündigt, über den Nil zurückbringt und deine Felluckafracht bezahlt, du Hauptbauer, du Ursprung und Ausgang aller, die im Miste paddeln?

Was ich bin, verdanke ich nächst Allahs Güte mir selbst, darum, daß ich die Belehrung des Fikis und seine guten Worte in meinen Ohren nicht schlafen ließ und darauf bedacht war, Kenntnis zu erlangen und den nordischen Teufeln die Piaster aus den Taschen zu angeln.

Und nun frage ich euch, dich, Zabal, und dich, o Umm-Dabbûs, ich frage euch und verfluche euch sattsam im erhabensten Namen, wenn ihr mir Falsches berichtet: Bin ich euer Sohn??«

Alle Glieder der Familie knurrten jetzt wild. Sie wichen in kriechenden Sprüngen zurück und glupten gleich Wölfen aus der Ecke. Darauf entließ Umm-Dabbûs einen spitzen Laut, Dabbûs selbst wiegte seinen bresthaften Körper hin und her und stieß einen tierischen, unmelodischen Singsang von sich, und Zabal, wie besessen auf allen vieren hockend, kollerte wie ein gereizter Truthahn. Mit der Zeit schwiegen diese Laute, nur schwerer Atem, aus drei Kehlen entsendet, füllte die Hütte mit rachsüchtigem Rhythmus. Endlich schwieg auch dieses Geräusch, und eine hilflose Stille blieb zurück. Und diese Stille beichtete: »Du bist es nicht!« – – Und nach einer weiteren Pause, in Worten wiederholt, vernahm Daûd dieselbe stockend heisere Beichte, deren Ton noch von der Angst vor dem angedrohten Fluche zitterte und gleichsam um Vergebung bettelte ...

Daûd war befriedigt. Er sah nicht ohne Behagen diese plötzliche Distanz; mit Genugtuung die reinliche Scheidung zwischen sich und diesem Feldvolk. Er spürte sich erlesen und hinweggerückt, so zwar, daß es ihm frei stand, müßig mit denen zu unterhandeln, die am Fuße der Leiter saßen. Und er fragte also: »Wer bin ich also?« Er hatte dreimal umsonst gefragt, dann kam Zabal wieder näher, immer noch von abergläubischer Angst geschüttelt, und bat ihn: »Nimm den Fluch zurück!«

Daûd erwiderte: »Ich habe noch nicht geflucht, o Zabal.«

»So nimm die Androhung des Fluchs zurück!«

Daûd sprach die letzten Satzteile der Fatha, und damit war der Bann getilgt.

»Hei!« sprach Zabal, nunmehr völlig beruhigt, fast vergnügt. »Was gibst du mir, wenn ich dir die Wahrheit sage?«

Daûd zog einen seidenen Geldbeutel hervor und entnahm dem Messingrachen fünf Schillinge, die er mit generöser Gebärde dem Mann übergab. Zabal biß in die Münzen, ließ sie auf dem Rande der steinernen Mahlpfanne tanzen und steckte sie dann mit schlecht verhehlter Freude in eine Falte seiner schmutzigen Kelabije. Dann bequemte er sich dazu, Aufklärungen zu geben.

Daûd war kein Findling. Ein gut gekleideter, fetter Effendi von der einheimischen Regierung hatte ihn (wenn man Zabals mit großem Gestenspiel begleiteter Beichte glauben durfte) eines schönen Tages vor fünfzehn Jahren in das Dorf gebracht. Zufällig sei er der Umm-Dabbûs ansichtig geworden, die den Kretin Dabbûs an ihrer damals noch strotzenden Brust stillte, und habe ihr das helle, anscheinend erst ganz kürzlich geborene Wesen in den Schoß gelegt – geworfen, kann man sagen, ohne fehlzugehen. Es habe erbärmlich geschrien, doch der fette Effendi habe sich die Ohren zugehalten und gesprochen: »Geh mit Gott! – du verdienst nichts Besseres! – Man hätte dich ersäufen sollen wie eine Katze! O über die, die dich zur Unzeit gebar!«

Daraufhin habe der fette Effendi der schimpfenden Umm-Dabbûs einen Zwanzigpfundschein zugeworfen und sei unter großen Beteuerungen der eigenen Unbescholtenheit und unter mehrmaliger Anrufung des höchsten Namens auf dem Esel wieder hinweggeritten. –

»Die Banknote ist nun verzehrt, sie ist auf und davon gegangen, sie ist wie Butter in der Sonne geschmolzen. Aiowa! Wir haben viel Freude daran gehabt. Ach, ich hätte damals wohl auch gern eine Kasîde auf die Ohrringe meines Weibes gesungen, an deren Brüsten du gesogen hast! Doch wo ist deine Dankbarkeit? Du weißt mehr als wir, das ist klar. Aber was sitzest du deshalb hier und fluchst? Der du die wirksamen Verwünschungen kennst: was sprichst du wider die, die dich groß zogen wie einen Getreidehalm?

Die Frucht, die er trägt, wird ihren Gaumen nicht letzen, und wenn wir jetzt einen Ertrag heischen und uns dessen, der uns belastete durch vierzehn Jahre hindurch, erfreuen wollen, so spricht er: ›,Speit es aus eurem Mund und achtet auf euren Blick!‹,

So ist es, und wir sind mit Recht bekümmert und voll von Zorn!«

Zabal erfand noch einige Wendungen; unter anderem nannte er Daûd einen »Vater des Irrwegs« und einen »Brunnen des unlauteren Ehrgeizes«; sein klangvollstes Wort hieß: »Diener der ganz Verworfenen und Sklave der Erzfeinde.« Daûd ließ sich das gefallen.

Zabals Eröffnung hatte ihn in tiefste Meditation versetzt, und so nahm er kaum Notiz von den Titeln, die man ihm an den Kopf warf.

Alles, was in seinem Blute dunkel geschrien, aller Hang zum Wohlleben, all sein kleines Gedächtniswerk, sein elegantes Beherrschen anderer unaussprechlicher Idiome, sein scheuer und so verletzlicher Geselligkeitstrieb, sein schwermütig sinnlicher Hang zum europäischen Gehaben – – ja, das alles und vieles mehr hatte nun seine leuchtende Rechtfertigung.

Er dachte derer, die auf dem blitzenden Verdeck als die Herren umherwandelten und sich die weißbeschuhten Füße einander auf die Knie betteten ... Er dachte seiner hellen Haut und dachte nicht ohne Eitelkeit an die temperamentvolle Leichtigkeit, mit der er sich mit dem gleichaltrigen Inglizi verständigt ... Weg mit allen Sorgen: er war Jungägypter der besten Rasse; der Ursprung des Blutes, das ihn bestimmte, lag herrlich klar vor ihm! – Er war irgendwo im Schoße des stets erträumten, aber noch nie genossenen Luxus auf die Welt gekommen, auf eine Welt voller Bijouterien, leicht schreitender Füße, in der parfümgeschwängerten Ecke vielleicht eines fürstlichen Harems, beim diskreten Schein kunstvoll durchbrochener Meschrebijen, zwischen seidenen Diwankissen – – und durch ein tückisches, ungerechtes Geschick, in Gestalt jenes fetten Effendis (jenes offenbar hohen Beamten), war er als Opfer einer Intrige in diesem Mist gelandet und darin aufgewachsen: ahnungslos, beklagenswert und besserem Lose vorbehalten!

Mit einem Viertelpfund hatte er sich jetzt von diesem Leben endgültig losgekauft. Er stand auf, ohne ein Wort zu sprechen, und drehte sich langsam im Kreis herum. Er nahm alle Gegenstände der Hütte noch einmal in sein Hirn auf; er hörte einen heiseren Hahnenschrei, und sein Herz bebte.

Die Sonne lag wie immer funkelnd auf dem Durrahstroh der Dächer; die Palmen standen still im grellen Tag; aus den benachbarten Hütten drangen – grob, ungeschlacht und scherzhaft herausgebrüllt – die Stimmen der Leute. Dort und ringsum behagte sich dies arme, bedürfnislose Volk an seinen tierischen Späßen; Daûd sah im Geist zum erstenmal durch all die Lehmwände tief hinein in die ungeschlachten Seelen – – das war die Welt, das war seine Welt!

Ein Hund heulte auf. Unter kreischendem Gackern flogen Hennen über die Gassen. In der Höhe knirrten die Rufe der weißen Geier, die von Der-el-Bari herüberflogen und zu dritt und viert aaslüstern über dem Dorfe kreisten.

Daûd ging langsam zur Türöffnung und sah die Gasse hinunter. Schmutzige, dickbäuchige Kinder vergnügten sich dort am Scherbenspiel; der First des schlechtgekalkten Schêschgrabes stand wie entrückt in der lodernden Bläue. Es war so still, so bienensang-, so grillenschreistumm, hitziger Dunst bedrängte die Felder, und üppigstrotzend zog sich ein Kranz von grünem Grund um den Sehbereich. Hoch und fern sang die selig zwitschernde Haubenlerche und wob ihr einsames, duldsames Lied in die weiße Sonnenstille des Tages. Und dieser Tag glich jedem beliebigen der früheren Tage, die ihm, in unabsehbarer Kette, gleich hitzig und gleich feierlich vorangegangen!

Mit plötzlichem Entschluß rührte Daûd an Stirn, Brust und Augen und schritt hinweg. Eine zögernde, bekümmert gemurmelte Frage verklang hinter ihm; doch er wandte den Kopf nicht zurück. Überall, wo er Leute sah, grüßte er mit großer Gebärde, und sie blickten ihm verwundert nach.

Als er an der Sakije vorüberkam, tat sie einen kleinen Laut, ein Knirschen in einer fragenden Klangkurve, und blieb dann wieder stehen. Der Büffel hatte sich gerührt und mit dem Nacken gezuckt ... und so entstieg dem Holzwerk jener verlorene Laut, der einzige, der Daûd nachklang, so als wäre bei seinem Weggehen etwas geborsten, als hätte etwas aufgehört, für immer, ganz und gar, und käme nie wieder.

Ein Wiedehopf strich quer vor ihm über den Weg ...

Zweiter Teil

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