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Der Sang der Sakije

Willy Seidel: Der Sang der Sakije - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorWilli Seidel
titleDer Sang der Sakije
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidc4361105
created20061214
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Der Sang der Sakije

Nehmen Sie das mittlere Format, sechs Schüsse. Das Magazin ist gefüllt. Mehr Patronen sind nicht erwünscht ...?«

»Danke. Es genügt vorläufig. Ist er gesichert?«

»Vollkommen. Hier ist das Futteral. Zwei Pfund, wenn ich bitten darf.«

Hassan trat aus dem Laden und ging über den Opernplatz der Scharia Kamel zu. Die Faust mit dem Revolver hielt er in der Tasche.

Sein Gang war nicht ganz sicher. Er setzte sich plötzlich an einen Tisch des Cafés, das dem Denkmal Ibrahim Paschas gegenüberliegt. Drinnen, halb im Eingang versteckt, saß Abu-Katkûs und zog wie immer mit viel Geräusch sein Brettspiel. Er war mittlerweile außerordentlich fett geworden. Als er Hassan bemerkte, rief er lustig und winkte. Hassan sah ihn stumpf an und erwiderte den Gruß dann langsam, ohne sich vom Platz zu rühren. Abu-Katkûs verwunderte sich.

Ein Gassenjunge kroch unter den Tisch hindurch, tippte an Hassans Schuhe und blickte fragend auf. Hassan nickte, und alsbald fiel der Junge mit seinen beiden Bürsten über die Schuhe her. Hassan freute sich, wie sie so spiegelblank unten den eiligen Händen hervorgingen. Er grunzte anerkennend und gab dem Jungen, der vor Erstaunen starb, einen ganzen Schilling.

Dann erhob er sich, wobei er unsanft an mehrere Stühle stieß, und ging weiter, um die Tat zu tun. »Jedenfalls sitzen sie«, dachte er, »wieder neben dem Treppenaufgang an der Balustrade. Es ist Teezeit.«

Die Sonnne stach. Es war recht heiß.

Er trocknete sich die Stirn. Langsam kam er an. Ha, da saß sie. Da war das helle Gesicht. Und da war jener Verfluchte. Hassan riß die Waffe heraus und schoß blind in das helle Gesicht und dann auf das weiße Flanell dort oben ... Getümmel ... Geschrei ... die Terrasse ist aufgescheucht ... Entsetzte Menschen taumeln durcheinander ...

Ein grölender Laut brach ihm ins Ohr: ein Zeitungsverkäufer schrie knapp neben ihm. Ein weiß beschürzter Kellner war herbeigeeilt und fragte teilnahmsvoll: »Monsieur ist unwohl geworden?«

Hassan fuhr auf. Alles war wie sonst. Nichts war geschehen. Man plauderte leise. Musik drang aus dem Vestibül.

»Ja«, stammelte er. »Ein Schwindelanfall. Geben Sie mir ein Glas Wasser.«

Der Kellner geleitete ihn zärtlich die Treppe hinauf. Er war blond und bieder. Hassan ließ sich im Vestibül auf einen Strohstuhl niederfallen. Er erhielt sein Wasser. Eine Stunde hindurch saß er unbeweglich dort.

Dann stand er auf und ging an die Portierloge. »Verzeihen Sie,« sagte er heiter und gewinnend, »ich war im Begriff, einige Herrschaften aufzusuchen...«

»Der Name?«

»Aldridge.«

Der Portier blätterte in der Liste.

»Nach Luksor abgereist«, sagte er. »Heute vormittag.«


Er saß im Speisewagen des letzten Zuges. Der Abend war da und färbte die langgestreckten Fenster violett. Mit der Zeit wurde die Landschaft tintenschwarz. Er lauschte dem pochenden Dröhnen des Zuges, in dem ein Ton mitschwang, als sei an die Achsen unter ihm ein Tier geknebelt, welches ohne Aufhören einen langen Schrei von sich stieß...

Ah! Dieser singende Schrei! Diese Wut im Eisen!

Die Glühbirne setzte den zitternden Raum in ein schattenloses Licht. Hassan warf dem Waiter mit heiserer Stimme hin: »Kognak!«

»Sehr wohl« – ein Gläschen ward gebracht.

Er schlug es vom Tisch. Der Waiter fuhr erschrocken zurück.

»Bringen Sie eine Flasche.«

»Sehr wohl«, sagte der Dienstbare und las die Scherben auf. Als er sich aufrichtete, bemerkte er mit Unbehagen ein Gesicht, in dem alle Nerven einen haltlosen Tanz vollführten.

Er brachte die gewünschte Flasche und nach einiger Zeit auch das Weinglas, das der Herr dazu heischte. Dann sah er grübelnd zu, welch erstaunliche Mengen dieser Ägypter in kurzer Zeit zu sich zu nehmen vermochte...

Und der Passagier saß die ganze Nacht vor der Flasche. Er rührte nur gelegentlich mechanisch die Hand, um das Glas neu zu füllen. Als der safrangelbe Morgen durch das Fenster sah, erhob er sich mit einem gewaltsamen Ruck, zahlte und ging aufrecht in sein Abteil zurück. – – – – – – – – – –

Der Manager des Winter-Palace-Hotels zu Luksor sprach in leichter Verlegenheit:

»Mein Herr, wir können Ihnen nur das eine sagen, daß die Herrschaften unmöglich vor Abend zurückkehren werden... Doch, wenn die Nachricht wirklich so eilig ist, so werden Sie gut daran tun, ihnen unverzüglich nachzureiten. Vielleicht werden Sie ihnen auf dem Rückweg begegnen. Der Weg zu den Königsgräbern ist Ihnen bekannt?« –

Hassan verließ das Hotel und verhandelte mit einem Eseljungen. »Effendi,« schrie der Knabe, »es ist nicht möglich, daß du allein reitest! Mein Leben ist in deiner Hand! Man wird mich schwer bestrafen!«

Ein Schlag klatschte ihm übers Gesicht. Er fiel in den Sand und schluchzte. Zwei Pfundstücke flogen ihm an den Kopf. Er erhob sich blutend und raffte sie an sich, emsig wie ein Affe.

Eine Feluke lag bereit. Der Esel wurde von sechs entzückten Kerlen hineingetrieben. Der Effendi verstand zu fluchen, wie konnte er fluchen! – Sie waren wie die Wiesel am Werk... Am jenseitigen Ufer angelangt, peitschte er den Esel. Nie war ein Esel vordem so geschlagen worden. Er schrie hitzig und geriet in einen verzweifelten Galopp. Zuweilen umkrampfte die Hand Hassans das harte Ding in der Tasche ...

Er keuchte schwer. In seinem Ohr schrie der lange metallische Schrei der Nacht. Der Alkohol wütete in seinen klopfenden Kopfadern wie ein erbarmungsloses Hammerwerk.

Der schmale braune Pfad führte durch Weizen, der üppig in Frucht stand. Die Grillen schrillten.

Die Felder dehnten sich zu einem strotzenden Kranz von dunklem Grün. Nach einer halben Stunde atemlosester Eile überritt er die alte Seeumwallung von Birket-Habu. Die Aussicht verbreitete sich. Die Kolosse traten in schier greifbare Nähe, und rechts, unter Palmen versteckt, lagen die Dörfer Naga-el-Kôm und el-Bairat. Nachdem er noch eine kleine Strecke geritten und den leeren Bewässerungsgraben zur Seite gelassen, brachte er das schweißbedeckte, zitternde Tier zum Stehen und stieg ab.

Er nahm den Tarbusch herab, zog sein seidenes Taschentuch hervor und preßte es gegen die Stirn ...


Ein Lied, so alt wie die Kindheit der Menschen, sang die Sakije, das Räderschöpfwerk aus rotem Akazienholz. Es drehte sich träge, es knarzte und weinte. Was ist die Trauer der Sakije? Sie trauert darüber, daß die Zeit sich nie erfüllen wird, da sie feiern kann; sie singt hoch und summend das Klagelied, das seinen ewigen Kehrreim an den Ufern des Stromes unendlich oft wiederholt; und sie seufzt, tief und voll, wie die Schwinge der schwarzen Hummel oder die des Pillendrehers, der durch den abendlichen Staub der Straßen schwirrt. Und was sie singt, ist die Zeit – die unersättliche Zeit, die uns alle frißt: Gott ist groß! Gott ist sehr groß! Nichts Neues entsteht; und was man erntet, vergeht; Weizen wird Brot und Kleie, und Ful wird gemahlen oder wandert in den Schmortlegel, alles nach Gottes Willen! – – – – – – – – –

Hassan ließ sich nieder und blickte nach der Sakije hinüber. Sie war noch eine gute Strecke entfernt, und doch tönte ihr Wimmern und Summen so klar und einsam, als stehe man bei ihr und taste mit der Hand über das ziegelrote uralte Holz des Rades und über das zerschlissene Seilgewinde ... Eine unwiderstehliche Lässigkeit ergriff Besitz von seinem törichten Herzen, von seinem ermatteten Hirn...

Horch: eine Sakije, noch weiter entfernt und unsichtbar hinter dem strotzenden Weizen, hob ihre Stimme; ihre Schallwellen überschnitten die der ersten; es entstand ein Zwiegesang.

Hassan bedeckte den Kopf, schloß die Augen und lauschte. Er saß halb in der Sonne und halb in dem Schatten, den der ruhende Esel warf. Und da ward ihm, als nähere sich der ferne Sang; als gewinne er an schneidender Fülle, an bohrender Bedeutsamkeit; als komme er auf ihn zu wie etwas, das sinnlos wachse und drohe. Er riß die Augen auf: eine kleine Silhouette – die eines nackten Knaben, der die Sakije betraute – trat beweglich in den lodernden Himmel.

Und Hassan erkannte jene Sakije.

Seine Blicke blinzelten, jeden Lebens entleert, in der Richtung der Hügel. Er griff in die Tasche, zog die Waffe hervor, tändelte mit ihr und ließ sie in einen Erdspalt gleiten. Ihr Fall war nicht zu hören; die Erde nahm sie lautlos an sich.

Die Sakijen sangen schleppender.

Es klagten ein paar verlorene Töne auf, und dann schwiegen sie still. – Luft und Umkreis waren voll siedender Leere.

Urplötzlich überzog sich Hassans Gesicht mit tief kupferner Röte. Er versuchte, an das Tier geklammert, schwankend aufzustehen –; dann aber wehte eine ungeheure Glut über sein Herz und warf ihn nieder, schwer und wuchtig. – Er streckte sich zuckend aus, als ob es ihn verlange, sich wohl zu betten; vergrub das Gesicht zwischen die kühleren Halme und barg seine Wange eng an der Wange der Erde.

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