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Der Sang der Sakije

Willy Seidel: Der Sang der Sakije - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorWilli Seidel
titleDer Sang der Sakije
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidc4361105
created20061214
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Der Vater des Irrwegs

Der Bei hatte soeben in der Esbekije einen Terminverkauf mit einigem Gewinn geregelt und kam die Scharia Kamel herab. Er war heiter gestimmt. Nichts bedrückte ihn. Er erhandelte sich unter großem Wortschwall etliche Mangofrüchte von einem Straßenverkäufer; steckte hierauf die Nase in das Paket und berauschte sich an dem herben Pfirsichduft der glatten hellgelben und weichen Früchte. Sie fühlten sich an wie die Brüste von Weibern. »Ich werde sie mir schmecken lassen!« dachte der Bei. »Ich werde nach dem Gezirêpark fahren, mich zwischen die großen Kakteen setzen und diese Früchte verzehren. Dabei werde ich den Himmel betrachten und werde glücklich sein.«

Als er sich Shepheards Terrasse näherte, nahm er sich vor, nicht hinaufzublicken. Er nahm es sich mit aller Willensanstrengung vor. Was kostete es auch schließlich? Was war denn da droben zu sehen? Besser, ich betrachte die Balkone der Juweliere, der Schneider und Zigarettenhändler ...

In der Tat, es gab auf diesen Balkonen allerlei: Halbverschleierte Damen drängten sich bereits dort oben Schulter an Schulter, mit bunten Schirmen und großen schwarzen Fächern. Auf der Straße wurde der Verkehr dichter; eine Unmenge von Fuhrwerken war unterwegs, und vor Shepheards Terrasse staute sich das Volk wie ein Bienenschwarm. Hassan stellte sich in den Laden eines ihm befreundeten Kaufmanns, begann seine Früchte zu verzehren und beschloß, das weitere abzuwarten.

Er erinnerte sich jetzt, daß die Hochzeit einer Khedivialprinzessin mit einem Pascha auf diesen Tag festgesetzt sei.

Das Gewimmel auf den Straßen verstärkte sich; die Fronten der Häuser und der Hotels längs dem Esbekijegarten bis in die Scharia Abdin hinein strotzten von Fahnen. Die Tarbusche auf den Tausenden erwartungsvoll bewegter Köpfe wimmelten und schwankten wie ein rotes Mohnfeld, das vom Wind bewegt wird. Fliegende Basare bohrten sich mühsame Gassen. Auf ausrangierten Kinderwagen fuhr man Süßigkeiten umher. Das Gitter des Gartens hing voll roter Wimpel und runder Glaslampen. Bourseschreier warfen ihr U in den strömenden Lärm. Im funkelnden Himmel kreisten die Geier. Feiner Staub schwängerte die Sicht.

Hassan starrte gedankenlos in das Treiben. Er sah mit einigem Vergnügen, wie ein umgedrehter japanischer Lacktisch sich über die Köpfe hob, wie sich kleine Inseln von Blumen auf harten Schädeln vorüberschoben ... Es gab nichts, womit man heute nicht hausierte.

Nun bildete sich vor dem Pöbel eine Kette von braunen Infanteristen in blauen Uniformen, mit weißen, eng gewickelten Gamaschen an den dürren Beinen. Die Straße ward frei ... Ein lähmendes Windchen von Autorität flutete über das Volk; der Lärm verebbte langsam. Ein kleines nacktes Kind stolperte über die Straße, gerade vor der Terrasse ...

Ein Schwarm von Vorläufern erschien. Einem ägyptischen Regiment, mit blauweißgoldenen Offizieren auf tänzelnden, langgeschwänzten Pferden, umklungen von der Inbrunst viehhaft plärrender Trompeten, folgten, von Peitschern geführt, die Dudelsackbläser im Röckchen der Egyptian-Army; begleitet von pantherfellgeschmückten Paukern.

Der Zug entwickelte sich wie eine Raupe, die immer prächtigere Segmente spielen ließ ... Diese schimmernde Raupe kroch langsam vorbei, umhaucht von Hitze und überladen von Gruppen und Bildern ... Mâschallâ! Das war ein prächtiger Zug!

Sieh da! Die Adjutanten des Khediven, phantastisch uniformiert! Berittene Polizei: eselhaft eitle Berberiner in prallem Khakistoff! Lanciers der ägyptischen Kavallerie: sechsspännige Feldhaubitzen! Ulanen mit grünroten Fähnchen! Seltsame Rhythmik intelligenter Pferdeköpfe, nickender, schnaubender Köpfe ...

Ha, jetzt noch ein Schub Artillerie ... Aufgepaßt, jetzt kommt das Wunder! Ua! Das Wunder! O Sidi! Du stehst mir auf den Zehen, es schmerzt! Recke den Hals, du träumerisch geblendetes Volk! O ihr Fellachen, o ihr Schweine, blinzelt mit euren entzündeten Augen, euren zerknitterten, unreinen Lidern; denn jetzt kommt die Offenbarung des höheren Lebens; ja, die sieben Himmel schwanken heran!

Saïs mit weißen Röckchen, nackten Sohlen und Stäben in den Händen tanzen verzückt durch den Staub; die Kapelle vorn am Garten schmettert die Nationalhymne... O Hymne des trunkenen Volkes, o Tusch des reichen Landes!

Sie kriecht heran, die Galakutsche, sechsspännig kriecht sie heran, wie ein Berg von Pomp. Die vergoldeten Speichen werfen träge, eitle Blitze. Starrer, roter Damast umhüllt die Fenster. Militär, mit gezogenem Säbel, schreitet ihr feierlich zur Seite. Da drinnen sitzt die Mutter des Khediven mit der Mutter der Braut; man sieht nicht das geringste von ihnen; sie sind abgesondert, sind behütet, wie Idole abgesondert und ganz und gar versteckt. Wer kann sich rühmen, sie zu sehen?... Das Volk träumt.

Eine zweite Galakutsche folgt, und in dieser sitzt die Braut selber. Ach, wie es da drinnen wohl schimmert!... Ha, eine Braut! So eine schöne, glatte Braut, eine undurchlochte Perle, ein Meisterstück, und ein Schrein von unbezahlbarem Vergnügen...

Hassan entzückte sich. »Welch eine Pracht!« murmelte er; und sein Freund, der Kaufmann, sagte ebenfalls: »Welch eine Pracht!«

Es war vorbei. Es war ganz vorbei... Der Kordon löste sich, die Straße wimmelte von festlich gestimmtem Gesindel. »Es ist Zeit, daß ich gehe!« sagte Hassan. »Saïda!«

Als er sich langsam an der Terrasse vorbeidrängte, half ihm sein Vorsatz nichts, er mußte hinaufsehen.

Für kurze Zeit eingekeilt, konnte er sich nicht rühren. Und einen Meter über ihm, knapp über seinem Kopf, an einem Tisch an der Balustrade neben dem Treppengeländer saß Jane.

Es war ihr helles, schmales Gesicht.

Sie erkannte ihn.

Sie rümpfte angewidert die Lippen.

Das helle Gesicht wandte sich ab.

Hassans Blicke glühten aus der Tiefe heraus.

Droben lachte man leise.

Ein Einglas wanderte in ein kaltes Auge, und dies Auge sah herab.

Eine bekannte Stimme sagte:

»Ein Irrtum ist ausgeschlossen. Das ist er.«

Und wieder lachte es dort droben, flüchtig, kurz und hart.


O Stunde der Heimkehr, o bunte Gruft, in die man das Fieber trägt und erdrosselt, o schiefergrauer Qualm, der die Welt zunichte macht, der alles erstickt mit süßer, lügnerischer Lähmung!

Tappen kleiner Hände. Erregtes Geflüster.

»Sie sind verdrossen, Bei?«

»Ich habe Ärger; ach, ich habe Ärger.«

Eine glatte Hüfte streift seine Hand.

»Ihr Mißmut wird nicht von Dauer sein ...«


Sie war da.

Wo gibt es Weißeres als diesen Leib?

»Sie sind ein Weib! Was berechtigt Sie, mich zu verachten...?«

Hohnvoll geschürzte Lippen...

»Was berechtigt Sie...« Ein Krampf von Wut.

Er erhebt sich schwer. Seine Hände krümmen sich. Er stürzt sich auf diesen leuchtenden Leib wie ein schweres Gewicht: er martert diesen Körper, er mißhandelt, zertrümmert, würgt und vernichtet ihn...

Hohnvoll geschürzte Lippen...

Ein Pfuhl von Blut. Ein Gesicht darin mit grauen Augen, die wandern, gleichgültig wandern...


Ein Blitz reißt alles auseinander. Es ist heller Tag. Hassan hockt auf dem Teppich und stiert in das taube Rot des Musters. Seine Finger sind voll bunter Wolle. Speichel tropft aus seinem Mund.

Und nun vernimmt er ein Helles, fassungsloses Gelächter von irgendwoher. Er erhebt langsam den Kopf.

Droben bewegt sich der Vorhang aus Perlenschnüren. Und das Gelächter schluchzt, wird bemeistert und prustet wieder zwischen Fingern hervor, die es zerpressen wollen. Er hört es teilnahmslos; es ist nur ein Geräusch.

Dann betrachtet er sich langsam voll dumpfer Neugier. Plötzlich weiß er, daß man dort droben lacht, daß man seiner spottet; er erhebt sich mlt einem Satz und rennt auf das Treppchen zu.

Man flüchtet mit leisem Kreischen. Kleine Schuhe trippeln über die Stufen zum Harem-Lik hinauf. Er sieht sie nicht. Sie sind verschwunden.

Er steht auf dem Gang und brüllt. Der Knabe mit der grünen Kelabije erscheint mit sanfter Sklavenmiene. Verwunderte Domestiken kriechen hervor. Die Bauwabs von draußen wallen herein. Es ist erstaunlich. Was gibt es denn?

»Wartet hier«, keucht Hassan. »Wartet hier.« Und er rast in den Harem hinauf.

Hinter einem Berg von Kissen sitzen sie und spielen ein Geduldsspiel.

»Kommt hervor!« brüllt er. Zwei kleine Köpfe tauchen auf. Er nähert sich, packt die blanken Schultern und zerrt, schleift die beiden Geschöpfe mit roher Kraft quer durch das Gemach bis vor die Türe.

Sie strampeln, sie bitten entsetzt.

»Was tun Sie, Bei?«

Er stößt sie auf die nackte Treppe. Drunten steht die gesamte Dienerschaft; alle diese Leute lächeln schüchtern und erstaunt.

»Bei! Sie beschimpfen uns! Sie zeigen uns den Leuten!« – Die kleinen Gesichter werden von Tränen feucht.

»Da sind die Zeugen! Da unten, ihr Hündinnen!«

»Hündinnen!« ächzen die Töchter Achmed-Sêf-el-Dins und Ismael-Pascha-Haschems... »Ihr seid geschieden ...!!«

»Bei! Sie vergessen sich! Was soll das!«

»Ihr seid geschieden ...!!«

Entsetzter Schrei aus zwei Kehlen: »Sind Sie verrückt?«

»Ihr seid geschieden ...!!«

»Ah! Ah! Nun ist es ausgesprochen! Sie werden daran denken! Sie werden daran denken! Sie werfen uns hinaus! Sie werfen uns auf die Straße! Das sollen Sie büßen! Wir gehen! Wir gehen! Ah, ah, ah!«

Sie taumeln zurück; sie umfassen sich, sie führen einander mit der zarten Rücksicht von Kindern, die sich verletzt haben und sich zärtlich Treue geloben ...

Dann schlägt die Tür hinter ihnen zu.


Hassan sitzt bei seiner Mutter.

»Höre ich recht?« sagt die Seijide. »Wiederholen Sie mir das!« Sie beugt sich neugierig vor. Ihre Hände fahren nervös im Schoße hin und her.

»Ja, Madame«, sagt Hassan. »Ich habe sie verstoßen.«

»Sie haben ihre Gemahlinnen verstoßen? Sie haben die Scheidungsformel dreimal ausgesprochen?«

»So ist es.«

»Und warum?«

»Sie haben mich verhöhnt. Sie hatten keinen Respekt vor mir.« Eine gleichgültige Gebärde: »Ah! Das ist nun vorbei.«

»Sehen Sie, Hassan-Muharram,« sagte die Frau ganz still, »nun stellt sich doch heraus, daß meine Mühe an Sie verschwendet war. Glauben Sie mir, es war nicht leicht, diese Heiraten zu arrangieren. Nun haben Sie sich (– vorausgesetzt, daß Sie noch Ehrgeiz haben! –) alle Aussichten verdorben. Sie haben sich in das denkbar schlechteste Licht gesetzt. Ein großer Skandal wird jetzt die Folge sein – mein Gott – welch ein Skandal!« Sie dreht die Augen empor.

»La, la«, sagt Hassan friedlich. »Ein Skandal? – Nach zwei Wochen wird man anderen Stoff zum Gespräch haben. Derlei passiert alle Tage.«

»Sie irren«, sagt die Seijide. »Sie sind ein Kutscher.«

Hassan fährt zusammen und starrt sie an.

»Wie?«

»Nun ja; vielleicht stehen Sie noch eine Stufe tiefer als Ihr seliger Vater, den die Schweine fraßen. Denn er war wenigstens kein so ausgemachter Dummkopf!«

Er schwankt ratlos empor. Er hebt die Hände: »Welche Sprache, Madame! Sie sind meine Mutter!«

»Ich bin nicht mehr Ihre Mutter!« schrill: »Verlassen Sie mich und wagen Sie nicht, dies Haus jemals wieder zu betreten!!«

»Was soll das?! Was soll das?!«

»Verlassen Sie mich!« klagt sie auf. »Verlassen Sie mich.« – Die Nerven ihres Gesichtes zucken: der Paroxismus steht bevor.

»Achmed! Achmed!« Der graue Eunuche rollt herein. Ihr Arm zuckt aus dem Ärmel; die blauen Punkte entblößen sich; es ist ein erbarmungswürdig magerer Arm ...

Hassan senkt den Kopf und geht.

Ein sinnloses Plappern in höchster Fistel, vermengt mit einer hastigen, papageienhaft hellen Stimme, klingt verworren hinter ihm drein.

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