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Der Sang der Sakije

Willy Seidel: Der Sang der Sakije - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorWilli Seidel
titleDer Sang der Sakije
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidc4361105
created20061214
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Haschisch

Die weiß lackierte Flügeltür öffnete sich, und die Seijide-Ali-Jussef stand im Rahmen. Wiederum ließ sie (was ihre Gewohnheit schien) die Hand noch längere Zeit auf der Klinke ruhen, so als sei sie bereit, sich im nächsten Augenblick ebenso spurlos und ohne Laut zurückzuziehen, wie sie gekommen war.

Im Salon stand ein Mensch, dessen Gesicht dem Hassans sehr ähnlich sah. Ja, sie hätte es ohne weiteres als Hassans Gesicht hingenommen, wenn der Nerv nicht gewesen wäre, der den einen Mundwinkel und die benachbarte Partie der schlaffen, grauen Wange rhythmisch emporzog.

Die Wülste der Stirnhaut auf diesem fremd-bekannten Gesicht waren tief eingeätzt, die Brauen zitterten ganz hoch, ohne sich zu senken; das Gesicht war von groben, schlichten Furchen zerpflügt, von Furchen, die eine unüberwindbare, wuchtige Schwermut, eine elementare und kaum zu behebende Sorge ihm aufgeprägt.

Unter leichtem Knistern der Gewandung glitt die Seijide auf den Stuhl, den sie stets bei geschäftlichen Unterredungen eingenommen hatte. Dann wies sie den Besucher mit einer kühlen, runden Bewegung zum Sitzen an. Eine kleine versteckt lauernde Neugier trat dabei in die Haltung ihres gebeugten Nackens. Ihre dunklen, prächtigen Augen spielten in verengten Wimpern gleitend über ihn hin.

Er setzte sich. Er atmete schwer. Zunächst schwieg man auf beiden Seiten. Seine Augen waren blinkend schwarz, unbeweglich, jeden Lebens entleert, etwa wie die eines Ichneumons, den man im Dunklen mit einem Licht überraschend blendet.

Die Dame rührte sich ein wenig.

»Mir scheint, Hassan-Muharram, Sie haben ein Geschäft gemacht, dessen Ausgang Ihrem Geschmack nicht behagt.« Er sah sie noch eine Weile mit demselben leer grübelnden Ausdruck an, dann strich er sich mehrmals mit der Hand über den glatt angekämmten, lackschwarzen Scheitel.

»Es ist etwas vorgefallen! – – – Es ... ist ... etwas ... vorgefallen ...!!« sagte er auf einmal mit einer heiseren, belegten Stimme.

»Ah! Sie brauchen Geld.«

»Nichts davon! – – – Was ist Geld!« – Er kam in Bewegung; er schüttelte beide Hände wie in äußerstem Erstaunen, und in der Platte des Mahagonitisches agierte das trübe Spiegelbild dieser erhobenen, hilflos gespreizten Hände ... plötzlich legte er sich halb über die Platte und stieß mit gleichsam bellendem Klang seine Worte hervor, einem Klang, der die Luft erschütterte, strotzend von empört fordernder fassungsloser Werbung, hingeschleudert vor das Rätsel, das dürre, widerliche Rätsel, das zwischen ihnen hockte mit hundert geschlossenen Augen ... »Sie fragen mich, Madame, ob ich Geld benötige! Aber es handelt sich um kein Geschäft! – – Ah, wenn es ein Geschäft wäre! Es würde sich regeln lassen! Wir würden das zusammen arrangieren! Wir hätten eine gute Hand darin!«

Die Seijide ließ die Klangwellen dieser Entladung über sich ergehen, wartete gleichsam ab, bis das Gesprochene spurlos in der Vergangenheit versickerte. Nun kam eine frostige Stimme zum Vorschein, losgelöst und unpersönlich, wie aus einer Ecke heraus:

»Sie wissen, daß Sie kein Interesse für Ihre Privaterlebnisse bei mir vorauszusetzen haben.«

Seine Hände fielen mit aller Wucht auf den Tisch und blieben liegen wie tote Dinge, die ihm nicht gehörten. Die tiefbekümmerte, wulstige Stirn senkte sich langsam zwischen diese entseelten Finger. Die ganze Gestalt lag unbeholfen geknickt. Nur schwere Atemzüge brachten dann und wann eine Bewegung hervor.

Die Seijide blieb reglos sitzen. Sie hatte sich etwas in den Stuhl zurückgezogen und lauschte. Ein leises Knirschen entstand zuweilen in einer verlorenen Falte ihres Gewandes.

Eine Uhr tickte. Die lebensgroße Photographie des schwammigen, üppig uniformierten Herrn im Tarbusch beherrschte das ganze Zimmer ...

Aus dem Bilde wuchs eine Last hervor.

Diese Last lag auf dem gebeugten Nacken der Frau, schwer und wuchtig; sie konnte den Kopf kaum rühren.

Diese Last lag auf dem wie gefällt zusammengesunkenen Körper Hassans.

Endlich erhob er den Kopf wieder; sein Gesicht war grau und ausdrucklos. Er sagte:

»Ich hätte immerhin darauf gerechnet, Madame, daß Sie sich eine Angelegenheit berichten lassen würden, die mich ohne meine Schuld kompromittiert. Aber ich muß wohl ganz davon absehen, in Ihnen meine Mutter zu sehen ... Lassen wir das also; es tut mir leid, daß ich Sie durch meine Fassungslosigkeit erschreckt habe ...«

»Sie haben mich nicht erschreckt.«

Hassan starrte auf das unbewegliche kleine Gesicht ihm gegenüber.

»Um so besser, Madame ...«

»Mein Lieber, ich war darauf vorbereitet, Sie in dieser Verfassung zu sehen. Sie empfinden sich als den unschuldigen Teil bei dieser Affäre. Ich kann Ihnen versichern, daß man korrekt gehandelt hat, als man Sie entfernte ...«

Hassan sprang empor und sah sich verstört um, er machte den Eindruck eines Gehetzten.

»Sie wissen bereits ...?«

»Wenn man sich in solche Situationen begibt, wird nirgends prompter als hier dafür gesorgt, daß alle Welt davon Kenntnis nimmt. Daran ist nichts Verwunderliches. Sie wollten rauben, Hassan, doch sind Sie nicht der Mann. Jene, mit denen Sie zusammenstießen, sind dazu geeigneter ...«

Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, als er die Hände vor das veränderte Gesicht schlug und tiefe Schluchztöne hervorpreßte, wobei er zwei Schritte vorwärts und zwei nach rückwärts machte. Dann nahm er die Hände herab, und sich mit der rechten auf die Platte stützend, kam er um den Tisch herum.

Vor ihr angelangt, ließ er die Hand vom Tische gleiten und sank mit einem dumpfen Schlag gegen den Teppich vor ihr auf den Boden. Seine Hände tasteten beschwörend nach ihrem Schoß, ohne ihn zu erreichen. Denn sie machte sich so klein, als sie konnte. Und auf die braunen Hände mit den rötlichen Nägeln starrend, die sie suchten, sagte sie ganz hoch mit gellender Stimme: »Kommen Sie mir nicht zu nahe! Was wollen Sie? Was bedeutet diese Komödie?«

»Helfen Sie! – Helfen Sie ...!« röchelte die Klage dumpf in der Nähe ihrer emporgezogenen Füße, an deren Schnallen Steine glitzerten. Der schwarze Scheitel kroch empor und berührte sie. Ein nervöser Krampf spannte ihren schmalen, mißhandelten Leib; und so konnte sie es nicht vermeiden, daß eines ihrer Knie heftig an seine Stirn traf. Es war kein weiches Knie, war keines, auf das man das Haupt legen und »Mutter!« sprechen konnte; es war ein mürbes Knie, knochig wie die Kante eines Bretts. Der Stoß traf ihn hart; und da er völlig unbeabsichtigt war, spürte sie ein schattenhaftes Bedauern, das jedoch weniger einer mitleidigen Regung entsprang als der Befürchtung, seine Zerrissenheit zu steigern und einer Szene Vorschub zu leisten, unter der auch ihre eigenen Nerven leiden würden. Deshalb rührte sie mit der Hand flüchtig an die Stelle, wo sie ihn gestoßen. Und wiewohl diese Berührung kaum zu empfinden war, schien sie ihn wie ein elektrischer Schlag zu treffen. Ah! Die Hand seiner Mutter hatte ihn gestreift! Die zarte Wärme dieser Hand löschte mit einem Male alles hinweg, was in ihm haften geblieben war an Groll, Bestürzung und verletztem Instinkt; die kleine Wärme wuchs zu einem ruhigen Strom von lau verlockender Güte, die ihn umhüllte ... Oh, nächstes Geblüt, was wirkt dein Strom!

Als ob er es nicht glauben können, was ihm soeben widerfahren: so hob er den Kopf, und sein Gesicht war verschönt durch eine heimliche Spannung, die all den stumpfen Ausdruck abschied und durch ein leicht besinnliches Lächeln ersetzte, das jenem alten Knabenlächeln verwandt war – – dem Lächeln jener Zeit, da ihm im Traum aus dem Raunen der Weizengrannen gesellige und schuldlose Geister lispelten, da er den Traum der Sonne träumte; dem Lächeln der Kreatur, die ohne Gedanken empfängt, was ihr zusteht, und von sich weist, was die Erfüllung hindert. Dies Lächeln blühte aus fast gänzlich zerstörtem, verwüstetem und verderbtem Grund empor; blühte aus verlorenem Keim, der noch irgendwo einer kargen Entfaltung geharrt ... Dem letzten vielleicht, der noch zu erwecken war.

Die Seijide sah, was vor sich ging; sah die plötzliche Dämpfung, diese wunderliche Verwandlung in wenigen Sekunden ... Aber die Last war zu groß.

In diesem Augenblick geriet ihr Inneres in eine Wallung, so maßlos heftig, daß sich wiederum ihr Körper in einer ziellosen Schlangenlinie wand und sie auf dem Stuhl in einer Stellung verblieb, die einer erstarrten Verrenkung glich. Ihr unterdrücktes und geknebeltes Gefühl wuchs empor in verzweifeltem Wachstum, und eine kurze Lähmung überkam sie; es war ihr unmöglich, das Lächeln zu erwidern und so recht aus der Tiefe hervor das Wort »Sohn« zu schöpfen. Sie starrte in die schwarzen Augen, von denen ein Strom unablässig auf sie überging; aber ihr Blick ward nicht frei, sondern mühte sich, mühte sich ...

So blieben ihre Augen entsetzt und hilflos. So vermochten die großen Pupillen nicht standzuhalten, sondern irrten umher, als versuchten sie zu entfliehen und irgendwo bei heiteren Dingen zu Gaste zu gehen ... Dies dauerte nicht lang, dann kroch ihr Gesicht in den Schleier zurück und hob sich zuckend darin auf und ab. Sie saß mit versteckten Händen wie eine Gefesselte. Das schwarze Kleid umbauschte sie völlig, nur der eine Fuß mit unendlich zierlichen Knöcheln hing unten hervor, und das gedämpfte Licht sammelte sich funkelnd in der Schnalle. Der Fuß pendelte, von den Erschütterungen des Körpers bewegt, sacht hin und her wie eine kleine Wiege.

Hassan nahm ihn sehr vorsichtig zwischen die gehöhlten Hände, beugte sich nieder und küßte ihn rasch mehrmals hintereinander. Er befühlte den geschweiften inkrustierten Hacken des Schuhes mit einer stumm geschäftigen und nachdrücklichen Ehrfurcht, wie man eine Reliquie berührt. Ja, dies ganze Geschöpf hatte den Charakter höchster Verfeinerung; es war ein zartes Reis aus dem Blute des Mannes, der ehedem im grünen Mantel durch seinen Knabentraum gegangen war ...

Dann stand Hassan auf und setzte sich wieder auf den Stuhl, den er verlassen. Nach einer Weile sagte er leise und zutraulich, mit einer Stimme, die von Überzeugung ganz gesättigt war und nicht im geringsten mehr bebte:

»Meine Mutter, ich weiß, Sie werden mir helfen.«

Sehr rasch richtete sich die Seijide wieder auf. Ihr Gesicht enthüllte sich. Sie sah mit verkniffenen Augen zu ihm herüber. Ihre Lider waren leicht gerötet, durchfeuchteter Reispuder befleckte ihre Wangen. Sie machte eine halbe Wendung und drückte auf die Klingel.

»Achmed! Kaffee! Zigaretten!«

Der Tonfall war vollkommen der alte.

Der Eunuche brachte das Gewünschte; zwischendurch sahen die beiden sich an. In dem Gesicht der Seijide spiegelte sich noch bestürzte Schwäche. Als sie sich aber der Puderbüchse bediente, die sie in einem Krokodilledertäschchen an der Taille trug, war nichts mehr zu ergründen, was sie empfinden mochte. Sie trank das Täßchen hastig schlürfend leer und reichte ihm, sich zuvor selbst versorgend, die geöffnete Zigarettenschachtel. Der hellblaue strömende Rauch verwischte alles, was sich kurz zuvor ereignet, und durch diesen Rauch schimmerte ihr Gesicht wie eine wächserne Maske.

»Ich will Ihnen helfen«, sagte die Maske. »Betonen Sie nicht, daß Sie nach Rache dürsten. Sie werden versuchen wollen, diesem jungen Beamten zu schaden ...?«

»Schaden?! – Ruinieren will ich ihn! – Von Grund aus ruinieren!!«

»Ich bitte Sie, Hassan-Muharram, schreien Sie nicht. Ich verstehe Ihre Erregung. Ich werde Sie verheiraten.«

»Sie werden mich verheiraten ...?«

»Sie sind beziehungslos. Mein Gott, Bei sind Sie ja geworden, und Geschäfte haben Sie auch gemacht. Aber das genügt nicht; Sie können Pascha werden und Ritter des Osmanije der Ersten, und man lächelt über Sie, betrinkt sich mit Ihnen, nennt Sie einen trefflichen Charakter, und tut im übrigen was man will. – – Was brauchen Sie? – Macht!« Sie beugte sich vor und sagte ganz leise: »Und Macht habe ich. Ich habe das Vermächtnis Abd-el-Gawads – lauter prächtige Indiskretionen, die Zinsen abwerfen ... Man wird mir nie etwas anhaben können; ich weiß zuviel.« Sie enthüllte den Halsschmuck. »Wissen Sie, was das ist? Das sind fünfhundert Feddân Baumwolle, verpfändet auf zwanzig Jahre! Ich will diese hübschen Sachen nur tragen, will nur, daß sie mir gehören. Ich werde sie vielleicht in meinem Testament den Leuten wieder zurückschenken dafür, daß sie Angst vor mir auszustehen hatten ihr Leben lang ... Glauben Sie, Sie sind nach langer, langer Zeit der einzige Mann, der dies Haus betreten hat ...«

»Das ist bewundernswert, Madame!« sagte Hassan laut, mit ehrlichster Anteilnahme, und die Freude am Spiel wachte in ihm auf, nicht anders, als ob er und sie im Staube hockten und bunte Scherben zusammenfügten.

»Sie werden durch Heiraten, die ich in Vorschlag bringe, in nächste Beziehung zu den höchsten Würdenträgern dieses Landes kommen. Das können Sie später ausnützen, um dem Engländer das Wasser abzugraben, der Sie beleidigt hat. Ehe Sie aber Schritte tun, kommen Sie zu mir. Wir machen dann eine kleine Verleumdung zurecht ... Er hat Sie einen Gauner genannt? Einen Dieb im großen?«

»Er hat mich gepeinigt, solange ich denken kann.«

In den Zügen der Frau zeigte sich zum erstenmal ein tieferes Interesse.

»Wie das? Gepeinigt?«

»Nun, Madame ...« Hassan mühte sich schwer um den Ausdruck, doch plötzlich schien ihm das alles so dunkel, fremd und unaussprechlich, daß er sich mit grauem Gesicht erhob und seine Zunge sich rührte wie Blei. »Was ist eine Beschimpfung? Es sprechen da noch andere Dinge mit ... Genügt es nicht,« sprach er heller und holte tief und gläubig Atem ... »genügt es nicht, daß ich ihn hasse??« – – – – – – –

Zwei gellende Schreie drangen tief aus dem Inneren des Hauses. Die Bauwabs im Garten hoben trunken die Köpfe, blinzelten, grinsten gedankenlos und sanken in den Nachmittagsschlaf zurück. In ihren trägen Hirnen entstanden angenehme und einlullende Bilder ...

Die Sonne flammte. Die karge Fontäne plätscherte. Eine einsame Droschke pendelte die stille Gartenstraße herab. – – –

Leiser scharfer Ton entsteht auf der Treppe, die vom Harem-Lik zum Gang herabführt. Ein Vorhang aus Perlenschnüren teilt sich, unmerkbar von einer zitternden, kleinen, runden Hand auseinandergeschoben, und dunkle Augen spähen hindurch, spähen in das verhangene Rauchzimmer und in die bunte Dämmerung des Parterregeschosses.

»Ja salâm!« flüstert das junge Weib mit aufgerissenen Kinderaugen, und in die Perlenschnüre, die ihre Hand auseinanderhält, kommt ein feines Klirren.

»Siehst du ihn?« haucht es in ihrem Rücken. Ein zweites junges Weib legt ihr Kinn auf ihre Schulter. Sie vereinen die Wangen, sie pressen sich aneinander wie zu einem einzigen Körper. Um möglichst wenig Geräusch zu machen, haben sich beide bis zu den Knien aufgeschürzt, und ihre runden Beine in weißen Seidenstrümpfen wechseln jeden Augenblick den Platz; auf überzierlichen Hacken drehen sich die Schuhe in kleinen Winkeln unablässig hin und her. Und trotz aller Vorsicht gibt es noch ein leises Geräusch, wenn ihre aufgebauschten, schwarzseidenen Kleider sich berühren.

»Ich sehe ihn«, haucht es zurück.

»Was tut er?«

»Er sitzt mitten im Zimmer. Auf einem Taburett – er hat etwas in der Hand.«

»Ja, nun sehe ich ihn auch. Ah, er hat ein Bild in der Hand. Er sitzt ganz still und stiert es an. Sieh, sieh!«

Auf einmal fährt Emina zusammen und greift nach der Hüfte. »Du tust mir weh«, stöhnte sie. »Tu deine Hand fort. Es ist die Stelle, wo er mich geschlagen hat ... Oh, tu deine Hand weg! – Warum machst du deine Finger so hart ...«

Ferida zischte. »Es ist das Bild einer Frau!«

»Einer Frau ...? sagst du ...?«

Ein heftiges Geräusch dort unten wird laut. Beide fahren zurück. Nach angstvollen Sekunden stehlen sie sich wieder an den Platz zurück.

»Das Bild liegt am Boden ... Er ist aufgestanden ...«

Ein leiser, scharf und schnell hervorgestoßener Satz gebiert sich aus der Totenstille, wächst an und endet in einem heftigen Schrei, dem ein zischender Laut folgt ...

»Was sagt er ...?« »Er beschimpft das Bild ...«

»Ah! – Und nun?«

»Er speit darauf ...«

»Er speit es an??«

»Ja ... Hörst du? ... Sieh hinein ... Nun tritt er es mit Füßen ...«

Ein rhythmisch wiederholter Knall, wie von einem Mörser ... Dann schwere Atemzüge und schnelle Schritte ...

Die jungen Weiber ächzen leise auf und huschen über die Treppe zurück. Durch die Perlenschnüre, die noch hin und her schwanken, schiebt sich ein fettes Gesicht von der Farbe unreinen Bienenwachses mit Augen, die langsam, voll grübelnden Argwohns, den Gang durchspähen ... – – – – – – – – –

»Eine Engländerin!!!«

Der kleine Finger Eminas fährt auf einer befleckten Photographie einem Umriß nach. Die beiden sitzen hinter einem Bollwerk von Kissen, mit dünnen, seidenen Hemden bekleidet, und zischeln. Sie halten Zigaretten in den Händen und schieben die hellen nackten Schultern zusammen.

»Sie hat keine Brüste. Nicht eine Spur von Brüsten. Sie ist mager wie ein ... pigeon!« – Leises Gelächter.

»Er muß sie mit Seifenwurzeln mästen.«

»Und ihre Hüften! – Gott ist groß!«

»Ein Knabe hat stärkere Hüften.«

»Man sieht jeden Knochen ... Warum, glaubst du, hat er sie beschimpft?« »Uh, diese Inglîz! – Nun, vielleicht hat sie ...« Fassungsloses, prustendes Gelächter. Helles Entzücken.

Plötzlich tiefste Niedergeschlagenheit. Emina läßt das Bild aus der Hand gleiten. Beide grübeln sich an ... Dann, mit leisen Stimmen, bereden sie einen Plan, einen ganz langen, verschmitzten Plan.

Eine schiefergraue Wolke verdeckte die Welt; sie wirbelte sanft in die Höhe, breitete sich pinienähnlich aus und zerschmolz, in kleinen, lautlosen Kaskaden fallend, zu einem duftenden Schirm, zu einem breiten Dach, zu einer Ummauerung der Augen ... Der Rauch stieg auf, feierlich strömte er, tief heimlich und voll Weihe; er verwischte und begrub alles und nahm die Schalen hinweg, die leeren Konturen, um den Kern der Dinge erglühen zu machen in seltenen nur geahnten Farben, um einen wuchernden Garten belebter Symbole aufzudecken, langsam, ruckweise und auf wunderlich zarte Art.

Der Bei hatte sich in das dunkelblaue Kissen zurückgleiten lassen. »Es ist noch Tag«, dachte er. Ja, ein Funkeln war vor seinem Blick: das Blau, das vor der Meschrebije lagerte. Draußen verwüstete das grelle Licht die Welt ... Oh, nehmt es hinweg! Laßt es nicht herein!

Nein, Bei, lassen Sie Frieden in Ihrem gepeinigten Herzen Einkehr halten und freuen Sie sich der guten Stunde. Führen Sie den Knopf Ihrer Pfeife auch wieder zum Mund und trinken Sie, trinken Sie. Sehen Sie, Bei, das tut Ihnen gut ...

Unnennbarer, beschwingter Gleichmut ... köstliches Hängen im Raum, gewichtsloses Atmen ... Wo ist das Hirn? ... Ist es noch hier, wo ich diesen meinen Körper sehe? ... Ist es dort, wo ich meinen Blick sich einsaugen lasse, auf dem dunkelroten Knickmuster des Teppichs? ... Ja, in der Tat, von dort aus denke ich. Ich sehe matte Farben, und durch meine Ohren geht der Klang einer vertrauten, schier vergessenen Melodie auf und ab. Sie sitzt in meinem Hirn: Ich bin die Melodie.

Dunkle Schatten entstehen auf der grauen Wand, hinter der es funkelt. Zwei dunkle Schatten ... Es sind die Körper junger Weiber. Ich sehe die Umrisse ihrer Hüften; ich sehe ihre Gesichter, die sich mir unterwürfig nähern ... Oh, nun machen sie Gebärden, die ich kenne. Windet euch nur, flüstert nur, reizt einander und zerfleischt euch, ihr Tierchen ... Seht, hier sitze ich, ganz groß und geschlechtslos, und sehe euch zu wie den Pappfiguren hinter dem Musselin in der Wasa ...

Hassan sog tief und zog sein zweites Bein auf den Diwan herauf. Sein Gesicht, von Bleifarbe, war völlig reglos; er blinzelte in schwerer Apathie. Zwei helle Körper näherten sich ihm, zwei Hüftpaare spielten ihr einsames Spiel, spielten es ganz dicht vor seinen Händen, seinem beruhigten Atem; zwei nackte Wünsche klagten aus dem Nebel, und er hörte sie klagen und rührte sich nicht ... Die Wünsche klagten wilder; wirbelnde Trichter rissen sie in den Rauch, der sie zu verschlingen drohte. Und jedesmal, wenn sie halb versunken waren, krochen sie wieder hervor, mit glatten Gliedern, mit einem Knie, einem Schenkel, einem ekstatisch lechzenden Arm ... Doch Hassan sah sie spielen, nicht anders als ob ein Luftzug vor ihm an etwas rühre wie an ein geblähtes Tuch; und hörte ihren Stimmen zu, wie man dem Gurren von Tauben lauscht, ohne sich dessen bewußt zu sein.

Doch nun traf ihn etwas kalt und klar wie Tropfen, die rhythmisch in den Sumpf seiner toten Empfindung fielen und Ringe auslösten, die ihn durchbebten ... Ein Gespräch, eine Stimme: er sah über sich die dunklen Warzenhöfe kleiner Brüste schweben und ein geneigtes rundes Gesicht mit saugenden Augen. Das Gesicht regte volle Lippen: es sprach.

»Bei, womit haben wir Sie gekränkt? – Was tun wir nicht, um Sie zufriedenzustellen! Aber Sie schenken uns keinen Blick ...«

Zwei andere Hände, weiter entfernt, tauchten hervor und hantierten mit leisem, bohrendem Geräusch am Napf der Wasserpfeife.

Und die Stimme sprach währenddessen weiter, eintönig, einlullend, schmeichelnd:

»Gewiß, Bei, Sie berauben sich selbst. Schlagen Sie uns! – Glauben Sie, selbst das noch wissen wir zu schätzen. Mißhandeln Sie uns! – Aber Ihre Kälte ist grausam. Ha, wir werden uns wehren! Wir werden um uns schlagen! – Aber sicherlich, Sie werden der Sieger sein ...!«

Diese Worte fielen auf ihn herab. Er bewegte sich heftig. Die Erscheinung verschwand.

Und doch, spürte er, blieben die Körper in seiner Nähe ...

»Wallâhi!« klagte eine Stimme hinter dem Nebel. »Ich bot ihm Unaussprechliches an, und er schlug nach mir ...«

Und eine andere Stimme wie ein Echo der ersten klagte: »Ai! – Er wünscht sich, was wir ihm nicht bieten können ...«

»Gott ist groß! Gott weiß, was der Bei sich wünscht ...« Leise girrend folgten sich die Stimmen, animalisch und ohne Scham häuften sie Werbung auf Werbung, Angebot auf Angebot, unablässig, grotesk und nackt, wie zwei buhlende Flöten der Wasa ...

Langsam richtete sich Hassan auf und starrte in den Nebel.

»Das Bild!« sang es dort hinten. »Bei, wo blieb das Bild!«

»Reize ihn!« fauchte es dazwischen. »Ah, mach' ihn wütend! – Er verschmäht uns!«

»Ihr Hündinnen!« lallte der Bei. »Das Bild! Her mit dem Bild!«

»Hündinnen!« zischten die Töchter Achmeb-Sêf-el-Dins und Ismael-Pascha-Haschems ...

Er erhob sich und stürzte nach vorn. Zerrissenes Papier regnete auf ihn herab. Ein leichtes Kreischen entstand. Er tappte suchend herum. Die weißen Körper entglitten seinen Händen, und er brüllte wütend. Zwischendurch richtete er Verwüstung an. Sein Fuß zersplitterte ein Taburett; der Rauchtisch, den er umwarf, vollführte ein metallisches Gedröhn. Der Klang ernüchterte ihn flüchtig. Ein standhafter Klubsessel trat ihm sanft in den Weg; so gab er die Verfolgung auf und torkelte auf den Diwan zurück. Böse in die Richtung starrend, wo er die Fetzen des Bildes vermutete, suchte er wiederum nach dem Mundknopf der Pfeife und bediente sich ihrer, beharrlich saugend. – Dies beruhigte ihn nach und nach.

Und doch, etwas war in ihm zurückgeblieben, das ihn dumpf quälte. Ach, dieses Fremde war nicht abzuschütteln, und es murrte in ihm; murrte um die Erfüllung eines Auftrags, der ihn peinigte ... Er hatte zu tun! Jetzt wußte er es! Er hatte zu tun! ... Aber was? Oh, es muß sich zeigen! Es muß sich herausstellen! ... Und irgendwie war diese murrende Unruhe mit den Stückchen der zerrissenen Photographie verknüpft, nach denen er schier unbewußt immer noch spähte ...

Alles erlosch. Nur der Teppich schien zu wachsen. Er füllte den Horizont; seine Muster wucherten in die Ferne, seine Farben durchtränkten glühend den Umkreis. Und er war ganz und gar von weißen Papierstückchen gesprenkelt ...

Und auf ihm entstand eine Gestalt ... Eine ganz helle Gestalt. Sie kam verwischt heran. Auf einmal, wie mit einem Sprung, stand sie vor dem farbigen Wirrwarr, der sich schwärzte und ihr eine abscheidende Folie gab. Es war ein magerer, weißer Knabe. Seine Augen waren schauderhaft leer und grau; sie wuchsen im Gesicht, wenn man in sie hineinsah, und verschmolzen zu einer einzigen, tödlich nichtssagenden Masse, die doch aus zwei Augen bestehen blieb ...

Und darunter, scheinbar in ihnen, auf ihrem Grund, spalteten sich farblose Lippen und schürzten sich über zusammengepreßten Zähnen. Die Lippen liefen in spitze Winkel aus ...

Und die Gestalt gewann an Deutlichkeit. Sie bewegte den verschwommenen Kopf; die Lippen lächelten dünn, scharf und unsagbar höhnisch. Die Gestalt stand mit durchgedrückten Knien, streng geschlossenen Beinen und knochigen Hüften da. Sie stemmte die Hände in die Weichen; aus ihrem kleinen Mund brach etwas Gellendes, Scharfes hervor wie eine Folge von Peitschenschlägen ...

Hassan fühlte Striemen an seinem Körper entbrennen; rote Male, die durch seine Kleidung leuchteten ...

Und die Gestalt wuchs, versteinerte sich gleichsam zu einem unverrückbaren Monument. Sie hielt eine Gerte in der Hand, mit der sie tändelte. Ein Hauch von Eis, ein kalter, frostiger Hauch ging von ihr aus, als werde man plötzlich einem warmen Bad entrissen und heftigem Winde preisgegeben ... Hassans Körper brannte vom Frost und zugleich von der Hitze der Striemen ...

Und siehe da, die Gestalt wandelte sich. Percy Aldridge stand dort.

Er trug einen weißen Leinenanzug. Er war groß und hielt sich sehr gerade. Auf der Lippe trug er blonden Flaum.

Er hielt die Hände unter den aufgeschlagenen Schößen des Jacketts in den Hosentaschen. Er besah besinnlich seine Schuhe.

Und plötzlich warf er den Kopf in den Nacken und sagte etwas.

»Wie belieben Sie?« fragte der Bei und fühlte seine Brauen vor nervöser Spannung zittern und in die Höhe kriechen ...

»Halten Sie Ihren Tarbusch fest!«

Ein leises Wutgeheul, wie das eines fernen Schakals, vibrierte irgendwo. Dem Bei schien es, es sei in ihm selber angeklungen; er verlegte sich aufs Lauschen, und es erleichterte ihn ...

Nun hörte er es lauter und schärfer: »Halten Sie Ihren Tarbusch fest!«

Hassan atmete schwer und keuchend. »Halten Sie ihn fest!« schrie jetzt die Stimme brutal wie eine Posaune. »Er lockert sich .. Er lockert sich .. Halten Sie ihn fest!!«

Ein wüstes Chaos von Tönen: schnarrenden, quinquilierenden, rasselnden Instrumenten.

Dann Totenstille. – – – – Eine Erschöpfung folgte. – – – –

»Oh, dem ist abzuhelfen«, sagte plötzlich jemand auf französisch, mit einer hellen, kalten Betonung.

»Ah! Madame! Ich bin in Ihrer Hand. Ja, was ist nun zu tun?«

Die Seijide kam zum Vorschein; sie schwebte lautlos heran; und zuweilen knirschte die schwere Seide ihres Gewandes. Sie war erstaunlich, schier zwerghaft klein. Sie brachte ihr Gesicht ganz nahe an das seine und flüsterte beziehungsvoll:

»Er ist Kontrolleur beim Irrigation-Departement?«

»Ja, ja, das ist er«, flüsterte Hassan fast ebenso heimlich zurück.

»Ich weiß etwas über ihn!« kicherte die Seijide. »Ich weiß etwas über ihn ...«

»Ha! Was wissen Sie?«

»Er nimmt Backschisch!«

»Von wem, Madame, und wofür?«

»Was weiß ich!«

»Ich beschwöre Sie, Madame ...«

»Nun, vielleicht von den Bauern ...«

»Backschisch von diesen Schweinen! Welch eine Besudelung! – Wofür nimmt er es denn?«

»Sie überfragen mich!«

»Ich beschwöre Sie ...«

»Nun, vielleicht öffnet er ihnen die Kanäle ... Zur verbotenen Zeit ...«

»Sehr gut!« sagte Hassan und war tief befriedigt. »Sehr gut!« Auf einmal war er in einer sonnigen stillen Straße der Gardencity. Die Seijide schritt vor ihm her, tief verschleiert.

»Wohin führen Sie mich, Madame?«

Sie schwieg und ging eilig voran.

Wiewohl die Sonne im Zenith stand, war der Verkehr auf der Straße äußerst schwach. Dann und wann sah er Menschen, aber sie gingen alle seltsam fern und schnell an ihm vorbei; rückten gleichsam hinweg, wenn er ihnen mit den Blicken folgte, um, an die Straßenenden verpflanzt, in eben dem Zeitmaß weiterzuschreiten, das er zuerst an ihnen bemerkt. Und dieses Zeitmaß war das des gewöhnlichen Alltags. Es kam Hassan nicht zum Bewußtsein, was ihn in so dunkle, schwebende Spannung versetzte ... Er spürte, ohne sich darüber klar zu werden, daß ihm an der völligen Empfindung dieses Alltags etwas fehlte: der Lärm. Es herrschte absoluter Mangel an Geräuschen. Er sah offene Münder, bunte Gebärden, streitsüchtige Hände ... Aber es war still; und diese Stille war eine Krankheit. Er hörte nicht den geringsten Laut als das Geräusch der eigenen Schritte und das Knistern des schwarzen Gewandes, dem er folgte.

Die Gegend war ihm durchaus vertraut. Sie schritten die Sharia-el-Dakhliek herab, nahmen ein kurzes Stück der Falaki mit und bogen dann nach Vollendung der Ed-Dawawin in die Schêsch-Rihan. Die Falaki herab sah er ganz fern einen regen Verkehr auf dem Platze Bab-el-Luk, ganz wie sonst, doch alles schien ihm wie Spiel bunter Fische hinter dicker, gläserner Scheibe. Doch überkam ihn nicht die leiseste Verwunderung darüber, daß er nichts hörte. Eine süße und quälende Gewißheit, daß er am Ziel des Weges Rache nehmen werde, daß diese Rache ihm dort bereitet sei wie ein buntes Zelt, in dem er prächtig hausen könne, beengte seinen Atem. Er vertraute sich blind der Führung an.

Jetzt gingen sie durch die Fikusgruppen des Midân-Mabduli. Hassan sah Bekannte; sie gingen fern und reserviert vorbei; sie stolzierten in pompösen Häuflein und mit feiertäglichem Schlenkern der Ärmel; all die schwarzbärtigen oder rasierten beleibten Gauner, die zu leben verstanden ... Er traf mehrmals dieselben wieder, auf eine ganz verzwickte Art und Weise. Es waren Abu-Kêf, Mohammed-Abu'l-Sikr, Zedân-Jussef-el-Abaza und Abu-Katkûs ... Sie alle gingen an ihm vorüber und lächelten; ja, als er sich umwandte, schienen sie mit den Rückseiten zu lächeln und stehenzubleiben, während welcher Beschäftigung sie zusammenschrumpften. Auf einmal traten sie insgesamt vor ihm wieder hinter einer Straßenecke hervor, so, als hätten sie inzwischen mit märchenhafter Behendigkeit einen Umweg gemacht, um ihn wiederum mit ihrem Lächeln überraschend zu blenden ...

Es war, als wüßten sie alle um sein Geheimnis, so als sei es öffentlich und schlage Breschen von Stille in den Straßentumult, als wuchere es um sich, und als halte alles den Atem an, um ihn nicht zu hindern, beileibe nicht an der Ausübung seiner Rache zu hindern ..

Während er sich dies klarmachte, hatte die Seijide einen Vorsprung gewonnen und bewegte sich auf dem weiten ausgestorbenen Midân Abdin, dem Platz vor dem Palast des Khediven, wie eine schwarze Heuschrecke auf gelbem Sand. Sie bewegte sich, klein und einsam. Es war still wie in einer weiten Gruft. Die Häuser im fernen Umkreis glichen grauen Mauern.

«Ah! Ich muß ihr nachkommen!« dachte Hassan und beeilte sich. Sie war inzwischen vor der großen Freitreppe angelangt und erwartete ihn. Dann wies sie auf den weiten zweistöckigen Palastkomplex und sagte flüsternd: »Nun, was sagen Sie dazu? – – Sehen Sie hier meine Beziehungen?«

»Erstaunlich, Madame!« meinte Hassan. »Es muß viel, es muß ungeheuer viel Platz sein in diesen Beziehungen! So hohe Fenster haben sie!«

»Das will ich meinen«, sagte die Seijide geschmeichelt. »Mein Einfluß ist weitläufig.«

»Aber er ist versperrt!« versetzte Hassan und wies nach der Tür.

»Da irren Sie!« erwiderte sie voll Mitleid. »Der Einfluß ist offen! Sehen Sie nur genau hin!« – Richtig, die Tür stand breit geöffnet wie ein schwarzes Loch.

»Verfügen Sie sich hinauf!« sagte sie jetzt. »Ich bin enorm mächtig! – Es hat mich viel gekostet! – Fünfhundert Feddân Land, verpfändet auf zwanzig Jahre ..«

Er nickte voll schwerer Anerkennung. Sie war inzwischen zurückgekrochen und stand als kleiner, schwarzer Punkt auf dem weiten Platz. Er ging die Treppe hinauf und sah in eine Flucht vollkommen kahler Säle hinein. Im letzten, der die Flucht abschloß, blitzte es wie Gold. »Das ist meine Rache ...« sann er; »das Goldene dort ...« und machte sich auf den Weg.

Sein Schritt dröhnte, als ziehe eine Kolonne auf dem Marsch unsichtbar in paralleler Richtung neben ihm her.

»Effendi! Nimm Platz!« sagte plötzlich ein kolossaler Nubier in strotzender Kawassenuniform mit einer Kinderstimme. Seine Augäpfel rollten verschmitzt und verständnisinnig hin und her. »Seine Hoheit beschäftigen sich soeben mit deiner Rache und werden entzückt sein, dich zu begrüßen ...«

»Um so besser«, sagte Hassan. »So werde ich warten.« Und er setzte sich auf eine flache, gepolsterte Bank vor einen Spiegel, zu dessen Seiten Kandelaber standen. Ihm gegenüber stand ein Thronsessel mit niedrigem, rotem Baldachin voll goldener Quasten. Über dem Baldachin befand sich ein mächtiges Bild von der Einweihung des Suezkanals.

Er ließ den Blick an den Wänden wandern. Die früheren Khediven, in lückenloser Reihe, sahen vertraulich aus strotzenden Rahmen auf ihn herab; und sie alle sagten auf einmal wie aus einem Munde:

»Wir verstehen das! – Wir verstehen das sehr gut!«

Hassan war außerordentlich erfreut.

Ganz beiläufig bemerkte er jetzt, daß der Thronsessel nicht leer war, wie er zunächst vermutet, sondern daß ein kleiner, dicker, blonder Mann im Tarbusch, in einen prallen schwarzen Gehrock gekleidet, darauf Platz genommen hatte. Er redete auch bereits einige Zeit; es war arabisch mit türkischem Akzent. Dabei nahm er den Tarbusch rhythmisch herab und setzte ihn wieder auf, wobei er den Oberkörper hin und her wiegte. Hassan gab sich augenblicklich Mühe, sich kein Wort entgehen zu lassen. Der Khedive sagte soeben: »Der junge Mann hat Sie beleidigt; da müssen wir helfen ... Ich mache einen Pascha aus Ihnen, wie gefällt Ihnen das?«

Hassan schüttelte abwehrend die Hände.

»Euer Hoheit sind sehr freigebig, außerordentlich freigebig. Ich muß Euer Hoheit in betreff des jungen Mannes eine Mitteilung machen; damit, daß ich Pascha werde, ist es nicht getan ...«

»Eh bien!« sagte der Khedive und zog sein eines kurzes Bein wagerecht auf den Paradestuhl, unter das Knie des anderen, das frei herabpendelte. »Und was wäre das?«

»Denken sich Euer Hoheit – belieben Sie sich vorzustellen: er macht den Fellachen die Kanäle auf ...«

»Das tut er einmal«, sagte Abbas Hilmi und wurde dunkelrot im Gesicht. »Daran ist nichts zu ändern. Das ist seines Amtes.«

Hassan grübelte sich ab. Irgend etwas, fühlte er, fehlte, um die Verleumdung abzurunden. So war sie offenbar noch nicht ganz; sie war in ihrer Art noch dürftig und verfehlte ihren Zweck ... Endlich hatte er es und sagte mit jubelnder, entzückter Stimme: »Ha, ja, er tut es zur verbotenen Zeit. Er nimmt Backschisch!«

Hier aber lachte der gekrönte Albanese, zuerst leise und glockenrein, dann schallend und dröhnend, dabei hüpfte er auf dem weiten Stuhl umher wie ein Gummiball. Dann, als er Atem schöpfte, sagte er mit noch erstickter Stimme:

»So? – Tut er das? – Und Sie? – Und ich?« –

»Euer Hoheit scherzen!« sagte jetzt Hassan fast respektlos. »Es ist ein Grund, eine Möglichkeit, ihm zu schaden! – Und ich will ihm doch schaden!!« brüllte er auf. »Ich will ihn ruinieren! In Grund und Boden will ich ihn ruinieren!«

Der Khedive wurde plötzlich ernst; dabei war es, als verblaßten seine Umrisse in der Lehne des Stuhles, verschmölzen langsam mit ihren Mustern. Eine kühle Stimme erwiderte:

»Das schlägt nicht in mein Ressort, Hassan-Bei-Muharram. Machen Sie das mit dem englischen Agenten aus...« Und siehe da; der Stuhl war leer...

Hassan stand auf und ging schwer gereizt durch die Säle zurück. Draußen erwartete ihn die Seijide.

»Madame,« sagte er, »ich war in Ihrem Einfluß. Aber es ist nichts damit.« Und er schnippte mit den Fingern.

»Möglicherweise,« sagte die Seijide plappernd und sah ihn leer an, »möglicherweise haben Sie es an der nötigen Politik fehlen lassen... Sie ahnen nicht, wie wichtig es ist, politisch vorzugehen... Dies alles ist Politik! – Gut gezimmerte Politik!« Und sie wies nach dem Palast. »Aber Sie sind ein Mensch von wenig Manieren. Zur Hälfte, mein Herr, sind Sie hochadlig, und zur anderen Hälfte der Sohn eines...«

»Schweigen Sie!« schrie er gepeinigt. »Ich war außerordentlich politisch! – Aber auch er duckt den Nacken vor den Inglîz... Ich gehe jetzt allein zum englischen Agenten.« Er fühlte, wie seine Muskeln schwollen. – Die Seijide blieb zurück und wiegte teils bedauernd, teils weise das verschleierte Haupt; sie wiegte es wie eine Nippfigur...

Und Hassan ging auf eigene Faust einen Weg durch Ernüchterung, Wut und Mühsal. Die Gegend war ihm bekannt, doch hatten sich die Straßen scheinbar zu einem Labyrinth verschoben, aus dem er weder aus noch ein fand.

Ein Weib hockte sich unfern von ihm an eine Mauer und sah ihn mit einer blinden, entzündeten Augenhöhle an. Die andere war geschlossen. Er war unverhältnismäßig entsetzt darüber.

Über einem Dach schrie ein Muezzin; es klang wie das Geräusch gellender Glocken.

Ein Schmutzmilan trillerte und ließ Kot herabregnen.

Lautloses Menschengewühl füllte enge Straßen.

Jemand ächzte eine sinnlose Beschwörung.

Das grelle Licht war nicht mehr da; alles war tot und der Farbe beraubt.

Hassan rannte keuchend. Endlich stand er in einer abgelegenen Straße der Gardencity. Ein Bauwab kam hervor und führte ihn in das Haus. Er stand in einem Zimmer. Es war dunkel. Die Tür sprang auf. Der englische Agent trat hastig ein. Er trug einen grauen Gehrock und hielt einen grauen Zylinder in der Hand. Er glotzte Hassan mit hellen, divergierenden Augen an, und sein schmutzigbrauner herabgekämmter Schnurrbart zitterte ... Dabei schleifte er das rechte Bein nach.

Er war so groß, daß sein Kopf die obere Türfüllung durchbrach; ein Stück davon steckte ihm in der Stirn, und sein lachsrotes Gesicht war von Mörtel überpudert. Er ignorierte das und sagte knapp: »Erfreut, Sie zu sehen! – Ich habe Eile ... Was gibt's?« Dabei machte er sich stramm und blickte scheinbar hoch von der Decke herab auf seinen Besucher ...

»Mylord,« meinte Hassan, »gönnen Sie mir eine wichtige Minute. – Es sind Korruptionen im Gang ...«

»Bah!« grunzte der Lord. »Belieben Sie eine deutlichere Sprache ...«

»Es betrifft ein Ressort, das Ihnen untersteht!« fuhr Hassan fort, voll Eifer und Gewicht. »Man ist großen Bestechungen auf die Spur gekommen ...«

»Nun ja«, sagte der Agent ärgerlich. »Herr, reden Sie nicht um die Sache herum. Ich habe Eile ...«, und der graue Zylinder wirbelte zwischen seinen riesigen Fingern wie ein Schwungrad.

»Es betrifft einen englischen Subalternen«, sagte Hassan und kostete diese Andeutung behäbig aus. »Was?!« schrie der Agent und wurde mit einem Ruck um einen vollen Meter größer. Es war erstaunlich, wie er über sein Volumen verfügte...

»Jawohl!« wiederholte Hassan anklagend und beteuernd. »Es steht schlimm! Aber es ist wahr! Man hat ihm ungeheure Summen geboten! Der Staudamm schwebt in höchster Gefahr... Und dann, und dann...«

Der Agent schrumpfte zusammen. Seine Augen quollen hervor. Er stierte Hassan an und sagte kurz: »Hinaus.«

Ein lähmendes Unterlegenheitsgefühl, gegen dessen erbarmungsloses Wachsen er vergeblich kämpfte, fesselte den Bei an den Platz. Er vermochte kein Glied zu rühren...

»Hinaus!« brüllte der Lord wie ein Stier. Auf einmal bekam Hassan Beine. Er rannte durch die Zimmertür.

»Hier hinaus!« schrie der Agent in seinem Rücken. Er schrie es gleichwohl an drei Stellen zugleich, und Hassan rannte und stolperte um sein Leben. Dumpfe Schüsse erdröhnten. Hassan fühlte, wie ihn die Kugeln durchsiebten... Dies schien sein Gewicht zu erleichtern, er gewann die Treppe und raste ins oberste Stockwerk. Von dort blickte er keuchend in den Treppenschacht hinab.

Drunten stand der Agent, ganz klein, den grauen Zylinder auf dem Kopf und stierte mit seinen Fischaugen steil in die Höhe. Und langsam, langsam wuchs er in den Schacht hinauf; sein Kopf schwoll an, er rückte näher und näher...

Hassan schlug die Hände vors Gesicht und stolperte die Treppe wieder hinab. Er schluchzte hysterisch. Er gewann das Freie und rannte, rannte...

Irgend jemand lachte kurz, humoristisch und grob hinter ihm her... – – – – – – – – –

Er erwachte in seinem Rauchzimmer. Sein Gesicht war in Schweiß gebadet. Auf dem Teppich lag ein zerbrochenes Taburett.

Vor der Meschrebije, im stumpfen Blaugrau der Frühe, zwitscherten die Spatzen...

Ein süßlicher, fader Geruch schwängerte die Luft, schwer wie Blei.

Alle Dinge fröstelten.

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