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Der Sang der Sakije

Willy Seidel: Der Sang der Sakije - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorWilli Seidel
titleDer Sang der Sakije
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidc4361105
created20061214
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Das Dekret

Waren nicht zufällig eilige Angelegenheiten in der Schwebe, so zog man schriftlichen Verkehr vor.

Der nächste Anlaß war der, daß Hassan für seine Mutter einen außergewöhnlich günstigen Terrainverkauf an ein großes Magazin in der Stadt vermittelte. Als Gebühr gab sie ihm 23 Prozent der sehr hohen Summe. Die Briefe trugen die Anreden: »Madame« und zunächst »Monsieur«. – Später dann und wann »Monsieur et ami«.

Außerdem gab die Seijide ihm als Zugabe gute Ratschläge. Er stiftete im Laufe des Jahres 300 Pfund für einen wohltätigen Zweck, die »Société el Orva el Wooka«, und schickte 100 Pfund als Beitrag für den jährlichen Kaabateppich nach Stambul.

Dies und einige ihm unbekanntere Verwendungen der rätselhaften Frau hatten zur Folge, daß er am Jahrestag der Hedschasfahrt den Bei-Titel erhielt.

Es war der Tag seiner Ernennung. Es war niemand bei ihm, als er das Ministerialdekret bekam.

Er las es mit Genugtuung. Er befand sich gerade im Rauchzimmer seines üppig ausgestatteten kleinen Palastes auf Gezirê. Als ihm die Ernennung gebracht wurde, unterbrach er die Lektüre der »Daily Mail« und des Blattes »El-Mokattam« und versank in behagliches Brüten, wobei er den Blick starr auf die geschlossene Meschrebîje richtete, durch deren Gitterwerk das Blau flammte.

Er war noch etwas fetter geworden. Seine blaßbraunen Wangen drängten sich marmorblank und überladend auf den kurzen Kragen. Sein Hals hatte sich, während er zusammengesunken auf dem Diwan saß, ganz versteckt. Seine Brauen saßen noch höher, noch zugespitzter auf der Stirn, da deren Falten sich für ständig angesiedelt hatten; diese Tatsache gab dem Gesicht den Ausdruck eines stereotypen Erstaunens. Eine kohlschwarze, sehr knapp geschnittene kleine Bürste saß auf der Oberlippe; der negerartige Schnitt des Mundes hatte sich leicht vergröbert. Eine der zierlichen Hände, die herabhing, spielte mechanisch mit den grünseidenen Quasten einer Bernsteinkette.

Er gähnte jetzt, so daß seine runden, bläulichen Augen sich mit Wasser füllten, und klatschte dann in die Hände, nachdem er die Spielkette in die Tasche versenkt. Ein feuchtblickender Knabe in einer grünen Kelabije kam das Treppchen herab, das in das Rauchzimmer führte, und tauschte des Gebieters grüne Hauspantoffeln gegen knappe Lackschuhe um. Dann schwebte er voraus und brachte ihm mit weicher Unterwürfigkeit den Tarbusch und einen Stock mit dickem, goldenem Knopf. Draußen regten sich die Bauwabs: heisere Weisungen pflanzten sich durch den Garten fort, und nach fünf Minuten stand das Gefährt bereit.

Es war erst vier Uhr nachmittags, aber es drängte den neugezimmerten Bei, seine junge Würde spazierenzufahren. Noch auf der Brücke zögerte er, wohin er sich zunächst wenden solle, dann befahl er: »St. James«.

Als er ankam, war das Lokal leer. Sogar der deutsche Barkeeper war zu dieser Stunde durch einen Nubier ersetzt.

Hassan-Bei hatte dies gewußt, aber gleichwohl verstimmte es ihn ein wenig. Er hatte gehofft, wenigstens einen seiner Freunde anzutreffen.

Da er das zweite Frühstück (er pflegte sich erst um ein Uhr zu erheben) noch nicht zu sich genommen hatte, so nahm er einen Gin, um den Appetit zu reizen, bediente sich mit zwei Sandwichs und einem halben Huhn, nahm noch einen Gin und überlegte dann, wem er das Dekret zeigen solle. Er kam zu dem Ergebnis, daß er sich wohl oder übel darein fügen müsse, diese Genugtuung noch etwas hinauszuschieben. Da ihn aber die Rückfahrt nach Hause durch die hitzeflammende Stadt augenblicklich nicht lockte, so blieb er noch und bestellte einen Whisky. Ein zweiter und dritter folgte. Er begann sich wohlzufühlen. Er lauschte einer Fliege, die in Zickzacklinien um den Lüster summte, mit geneigtem Kopf. Zwischendurch betrachtete er seinen Stockgriff. Ein Gefühl der eigenen Wertschätzung durchdrang ihn bis in die letzten Verzweigungen seines Innern. Der neue Titel durchtränkte sein Wesen wie eine teure Essenz einen Schwamm. »Sieh da,« dachte er, »auf diesem Punkt bin ich nun. Mein Vermögen wächst. Ich werde schon jetzt kaum mit den Zinsen fertig. Ah, wie glatt ist das alles gegangen! Wie glatt, wie schön!« Er hob die Hand und ließ sie mit leichtem Knall auf den Schenkel zurückfallen.

Im Laufe der nächsten Stunden nahm er den Alkohol wie ein Uhrwerk zu sich. Der Nubier wartete bereits keine Bestellung mehr ab, sondern bediente ihn lautlos und ungerufen. Zwischendurch schob der Bei eine kleine Folge wirkungsvollerer Mischungen ein.

Als er sich erhob – unter einigen Schwierigkeiten –, war es sechs Uhr geworden; und die ersten Gäste – Engländer – traten ein. Er musterte sie mit gleichgültigem Blick und warf sich in seine Kalesche.

Er hatte die Empfindung, daß eine ausgedehntere Fahrt seinem Kopfe nicht schaden könne. Deshalb sagte er: »Gizê«. Die Pferde, hübsche Apfelschimmel, zogen an, und der Wagen rollte dahin.

Als er an der Kaserne vorüberkam, lehnten die Scotchmen wie stets in den Fenstern; und aus dem Hintergründe drang unendliches Dudelsackleiern, eine fatalistisch-monotone Geräuschwelle. Gesindel aller Art drängte sich an den Umfassungsmauern und sah in den Hof hinab, wo man Vorbereitungen für einen großen Fackel-Tattoo traf. Er schloß vorübergehend die Augen.

Als er sie wieder auftat, befand er sich auf der Brücke Kasr-el-Nil, mitten im Trubel des Korsos. Das behagte ihm. Er nahm eine noch bequemere Stellung ein, er bettete die Füße auf den Raum, den der Berberiner auf dem Bocke ließ, und entzückte sich an seinen mattblauen Seidenstrümpfen. Zwischendurch spähte er in die Wagen, die an ihm vorüberkamen, und die er überholte. In seinen Schläfenadern klopfte die Hitze der genossenen Getränke; sein Hirn steckte in einem Nebel. Eine ungeheure Leichtigkeit des Lebens beschwingte ihn; allen Dingen im Umkreis fehlte das Gewicht; die Geräusche der rollenden Räder, das unaufhörliche Getrappel der Tausende von Hufen verschmolzen zu einer eintönigen Symphonie, in der seine Eitelkeit das Solo sang. In dem Trubel dröhnte das Wort »Bei«. Er schwamm breit über dieser Kette von Kaleschen ... Nach rechts und nach links entsprangen seinem Hirn braune Putten in kurzen Röckchen, mit gelben Kopfbinden und Gerten in der Hand, mit denen sie herrisch fuchtelten ... Und sie strampelten und hüpften neben und vor dem Wagen her und schrien mit dünn gellenden Stimmchen: »Platz für den Bei! Uah, Platz für den erlauchten Herrn Bei!«

Und Hassan betrachtete seine Strümpfe, schnippte mit dem Finger ein Stäublein von seinem hellgrauen Flanellanzug und bohrte sich selbstvergessen lächelnd eine Zigarette in den Mundwinkel ... Ein Zweigespann hastete stramm vorüber; im Fond saßen Abu-Katkûs und Habib-Mos-Tizi ... Als er sie entdeckte, waren sie schon zu weit voran, als daß er sie hätte zurückrufen können. Er hatte sie an ihrem grölenden Gelächter erkannt. Sie ließen es hinter sich, die beiden Schwerenöter; es schwappte über Bord wie ein überfüllter Unrateimer. Hassan hatte unwillkürlich nach seinem Dekret gegriffen ... Oh, man gebe ihm doch Gelegenheit, es zur Kenntnis zu bringen! Findet sich denn kein Menschenfreund, dem er es unter die Nase stoßen kann! Heute ist er der Bruder aller .. Mâschallâ! Heute ist Hassan glücklich!

Siehe da: er wurde von Bekannten gegrüßt. Eine griechische Familie ... Zwei feiste Backfische auf dem Rücksitz blinzelten ihn behaglich an. »Fett seid ihr!« dachte Hassan. »Eine wie die andere!« – Hände hoben sich an Tarbusche: er dankte lässig. Ein Wagen mit vier Haremsdamen folgte. Sie zappelten wie ein Bündel Truthühner, die man lebend zum Markt bringt. Vier Augenpaare dunkelten ihm entgegen, verschleierten sich, blitzten durch das Gewebe und enthüllten sich wieder nach einer kurzen Pause ... Leises Gelächter gurrte ihm ins Ohr; jenes Gelächter, das Üppigeres verheißen kann, als man sich je erträumt, und in dessen ersterbendem Klang die wildesten Wünsche gefesselt stöhnen.

Hassans Wohlbehagen schoß immer satter ins Kraut, und zugleich packte ihn eine entnervende, eine lähmende Lust, ein Durst danach, sich an diesem Abend toll und unerhört zu verschwenden und seinen Sinnen jeden erreichbaren, jeden käuflichen Wahnwitz zu gönnen. Er nahm die Füße herab; der Entschluß erkältete ihn gleichsam für einen Moment. »Ich bin betrunken«, sagte er sich. »Weiß Gott, ich habe unnötig gründlich vorgesorgt. Warten wir, bis der Kopf freier wird. Zähmen wir uns ...« Ein Engländer lenkte sein Dogcart dicht an ihm vorbei, blickte ihm flüchtig ins Gesicht und war bald im leuchtenden Staub verschwunden. »Daß er mich von oben herab angesehen hat,« meditierte Hassan, »lag daran, daß er sehr viel höher saß als ich. Er konnte nichts dafür. Er meinte es nicht unverschämt. Zudem hatte er auch keinen Platz mehr auf der Straße. Er ist ein guter Bursche; vielleicht ...« lallte er innerlich weiter, »lade ich ihn gelegentlich zu einem Brandy ein ...« Aber die kleinen Saïs-Putten schrien nicht mehr: »Huah, der Bei!«; sie waren durch das Dogcart verscheucht.

Hassans Gedanken kehrten alsbald zu den Weibern zurück. Die niedlichen Levantinerinnen, die in diesem Klima schon mit dreizehn Jahren strotzen wie ihre Mütter – all die schillernden Schnecken, die tagsüber in den Häusern dämmern, diese Treibhauspflanzen, ja, das war etwas nach dem Herzen Hassans, nach dem Herzen dieser Stadt; etwas herrlich Angebrachtes in dieser brünstigen, gedankenlosen und kindlichen Atmosphäre. Ach, diese Stadt, die in der Wiege schon mit phallischen Symbolen tändelt, diese glühende, verräterische, einschmeichelnde Stadt, die nichts kennt als Geld und Sinnenrausch! Und sich dennoch nicht verzehrt, weil das eine dem anderen schlagfertig, mit der unwiderlegbarsten Logik: der des Animalischen, die Wage hält! In dieser Stadt lähmt keine Selbstzerfleischung einen üppigen Einfall; auf ihren Boulevards wandeln keine Menschen, die ihre Entschlüsse mit Theorie erdrosseln, die das entmannende Spiel mit der Möglichkeit treiben und darüber ihr Leben versäumen... Diese Stadt kennt keine Produktivität und weiß nichts von der erhabensten Form ihres primitiven Fiebers: der Kunst. Diese Stadt, dieses Volk raubt, befriedigt sich herrisch und sättigt sich mit Wirklichkeit. Man kennt nur grelle, nackte Farben und führt das tumultuarische Dasein des Augenblicks... Und die Sonne ist hier bestialisch; sie durchtränkt diese Menschen und brütet mit dem Nil vereint in geilster Umarmung eine Talmikultur hervor, die den Geist in die Enge treibt. Doch er wehrt sich, der Geist; er wird dreifach Proteus; er kommt vom Norden, er bleibt kühl wie Eis im Behälter und baut sich unzerstörbare Siedlungen Schritt nach Schritt! Und seine Phantasie ist nicht mit dem Augenblick, da er sie in die Tat umsetzt, verraucht! Nein, sie potenziert sich in klugen Wandlungen, sie vervielfacht sich, während die eure, ihr braunen Männer, nur ein Krampf der geballten Faust ist, die mit ermüdender Einförmigkeit Geld aus dem Boden peitscht, oder die der Blick eines Weibes lösen kann!

Doch Hassan befand sich hier wie ein Fisch im Wasser. Er dachte beileibe nicht zu Ende; in guter Stunde fühlte er höchstens ganz beiläufig, mit keinerlei Willen zur Erkenntnis, derlei Gedankengänge, er blieb im Kreise der Wasa und drehte sich darin; er gab sich ungeheuer aus und lebte auf der Spitze... Von den Spargeln aß er nur die Köpfe; und wenn er sie verschmähte, so geschah es aus Stumpfheit oder Irrtum, wie es bei dem bäuerlichen Manne geschah, von dem ihm einst der dicke Abu-Kêf berichtet. Und da seine Gedanken sich nun einmal ausschließlich auf einen Punkt eingestellt hatten, so dachte er unter anderem auch seiner Mutter, und dachte ihrer nicht als Sohn. Er dachte lediglich der Seijide Ali-Jussef, deren Französisch subtil und gesetzt klang, und die ihm eingreifende Dinge berichtet hatte ... In einer Weise berichtet, als rezitiere sie irgendein nach Sensation schielendes Feuilleton.

Ärger war es, was er in diesem Moment der Frau gegenüber empfand. Ah, ich habe mich hinreißen lassen! Ich habe ihre Hände ergreifen und küssen wollen! Was bewog mich dazu! Wer ist diese Frau! Eine Frau, die sich meine Mutter nennt ... Und nach einer kurzen Anwandlung von Weinerlichkeit erhob er sich mit einem Ruck im Wagen, spiegelte sein fettes, leeres Gesicht im blanken Griff des Stockes und übte eine erboste Kritik. Er schob das alternde Weib in einige Entfernung und beschimpfte sie leise. Es bereitete ihm Wollust, dies zu tun ... Eh! Du willst mich nicht Sohn nennen! Gut, ich bin dir zur Unzeit geboren! Ich bin ein wandelnder Chok für dich! Verdammt sollst du sein! Seine Augen traten hervor; er stampfte auf den Boden der Equipage, so daß der Kutscher herumfuhr. »Es ist nichts«, sagte Hassan. »Ich überlege, du Schwein.« Und nach einer Weile kamen ihm dieselben Gedanken wieder.

Doch diesmal stand die Seijide dicht vor ihm in einem irrseligen Duft und war um zwanzig Jahre verjüngt. Sie war zierlich, klein und lebhaft wie ein Fink. Sie war wie eine Türkin so weiß; ihr Mund war klein und voll; und ihre Augensterne ruhten jettschwarz in bernsteinfarbener Iris; ihre kleinen Hände tappten wie blind nach ihm; ihre Finger huschten an seinen Nacken ... Sie bewegte einen verwirrend schlanken Körper in halb geöffneter schwarzer Abaja, ganz gebettet in krachende Seide ... Da kam ein Raubtier von hinten mit einem Tarbusch, ein schweres, geiles Tier, ein Athlet, an dessen klobigen Handgelenken goldene Ketten klirrten, und warf sie um.

»Schreien Sie nicht, Madame«, dachte Hassan. »Ei, das mußte sein, in der Tat, ich verstehe diese Handlungsweise ... Er nahm Sie als sein Recht.« Doch gleich darauf sah er eine von Leid verheerte Fratze vor sich, die ihm in die Ohren schrie: »Du bist schuld, Hassan! Um deinetwillen bin ich zermalmt wie eine schimmernde Puppe von einem Mörser!« – »Was da, Madame, kann ich dafür?« – »Ihr könnt dafür! Ihr alle!« schrie die Maske. »Ei was, der Berberiner war schuld an dieser Sache!« – Und gleich darauf wurden die Züge der Maske wieder glatt; sie plapperte ein leeres Französisch und sah ihn klug und berechnend an ... Der Wagen befand sich längst hinter Gezirê und fuhr an dem Seitenarme des Nils, auf der langgestreckten Allee. In den Feldern krochen blaue Bauern die Furchen auf und ab. Der Korso war zersprengt; einzelne Wagen fuhren noch weiter; viele kehrten um.

»Daß ich nicht auf dem Bock sitze und dieses Schwein nicht im Wagen, ist ein Zufall«, dachte Hassan und stierte auf den Rücken des Kutschers. »So ein Kerl war mein Vater ... Jedoch ...« dachte er ungeheuer schlau, »ich habe Adelslut. Ich stamme vom Propheten ab!« Er lachte glucksend vor sich hin und hob die gespreizte Hand.

Der Wagen tauchte blitzend in die scharfen Schatten der Lebbachbäume unter. Hassan empfand mehr und mehr das Bedürfnis, ein wenig zu ruhen. Seine Überlegungen gingen im Zickzack ... Nach einer halben Stunde befand er sich vor dem Tor des Tierparks, ließ halten und stieg aus. »Ich werde etwas Ernüchterndes zu mir nehmen«, beschloß er bei sich.

Ein wirres, zeterndes Gekreisch feuerfarbener und lasurblauer Aras und schneeweißer Molukken-Kakadus schlug ihm entgegen. Der Garten war nicht stark besucht. Hassan folgte gedankenlos dem ockergelben Pfad, der sich rechts von ihm in das Innere des Gartens schlängelte, und kämpfte gegen seine Trunkenheit. Mit der Zeit gab er diese Bemühungen auf und behagte sich in dem angenehmen Taumel zwischen Vernunft und Traumseligkeit. Er lehnte sich an ein Gitter. Über ihm, aus dem Blau, ertönte ein leises, mahlendes Schmatzen. Er blickte empor: da schwankte das edle Haupt einer Giraffe wie eine Blüte auf hohem Schaft. Und diese Blüte neigte sich herab; die samtenen Nüstern öffneten sich leise schnuppernd, und die purpurbraunen Augen träumten aus steiler Höhe, entrückt in ihrer Einfalt. Eine erhabene Unschuld durchpulste das kolossale Tier. Da Hassan sich nicht rührte, hob sich das Haupt wieder empor; scharf abgezeichnet wie Blütenstempel wuchsen die kleinen Hörner aus der schmalen Stirn; die Linie des Halses, des abfallenden Rückens, der stelzenartigen, ungeschickten Beine war exzentrisch und fremdartig: gleichwohl aber schien sie erfüllt von edler Naturbefugnis und Zweckmäßigkeit ... Die Giraffe schritt langsam zurück und spreizte die Vorderbeine, um mit dem Haupte herabzugelangen. Die Schulterblätter traten markant hervor, während der Hals, zwischen sie gesenkt, in stumpfem Winkel abknickte. Ein erst wenige Tage altes Kalb trabte heran, flaumig und mit weichen, dicken Knorpeln, im Dämmerzustand frühesten Lichtgenusses ... Und die Zunge der Mutter schlappte es ab. Das Seelchen hielt es befriedigt aus; seine zarte Fleckenzeichnung leuchtete ...

Hassan lächelte und gab einen Laut des Beifalls von sich. In seinem Innern klang eine selten berührte Saite auf; und dieser Ton stimmte ihn mild ... vorübergehend, und nicht ohne einen gewissen Humor, dachte er der Seijide, die nicht halb soviel mütterliches Empfinden besaß wie dieses Tier. Er sagte: »Saïda!« Er grüßte die Giraffe, die ihm mit ihren milden und unendlich toleranten Blicken folgte. Das Kalb hatte den Kopf an ihre Zitzen gesteckt und schlürfte. Währenddessen stand die Alte wie ein Monument, wie ein Markstein des Kreislaufes und zuchtvoller Pflichterfüllung ...

Er ging nun weiter. Eine Familie von Antilopen mit Büffelköpfen und Pferdeschwänzen entzückte ihn: es waren apathische Gnus ... Sie verhielten sich so, als seien sie in eine chronische Verblüffung über sich selbst geraten; ihre schweren Köpfe hingen herabgezogen; sie peitschten mit den langen Schwänzen ihre schmalen Keulen und ihre mausgrauen Rückenmähnen, die eine Scheitellinie von sorgsamster Symmetrie zeigten ... ein Bulle mit blutunterlaufenen Augen stand abgesperrt und einsam in der Nähe und ließ seine lyraförmigen Hörner über das Gitter knattern ...

Hassan ward von einer schelmischen Stimmung ergriffen. Auf einmal befand er sich in einer von großen Kakteen und Agaven gesäumten Allee, die mit Steinmosaik bedeckt war. Unterwegs traf er einen ganz jungen Elefanten, der sich in Begleitung eines schläfrigen Nubiers erging und seinen Weg mit erstaunlichen Quanten von schwarzgrünem Mist besprenkelte, und immer erheiterter lenkte Hassan seinen Schritt der Pelikaninsel zu.

Noch bevor er hinkam, gelangte er an einen Käfig voller Kuhreiher, die mit einer drollig exakten Bewegung die Hälse nach ihm drehten. – »Wo trifft man euch noch?!« dachte Hassan. Und er sah auf grünem Ackerland Hunderte von Büffeln, auf deren Köpfen und Rücken solche Reiherchen ehedem gehaust, als zierlicher Schmuck für das schiefergraue Vieh ... Und nun sind sie ausgerottet und gemordet, und ihre armen kleinen Federbälge kleben an den Hüten von Kaufmannsfrauen, die im Korso fahren ...

Hassans Heiterkeit trübte sich für einen Augenblick, und er schüttelte bedauernd das Haupt. – Dann erreichte er das künstliche kleine Eiland, ließ sich im Pavillon nieder und bat um eine Tasse Kaffee. Zwischendurch blickte er über den sonnflirrenden Sumpf, der mit mattglänzenden Lotosblättern wie mit einem Teppich bedeckt war. Hellbraune Eisvögel mit weißen Brüsten standen schwirrend wie riesige Kolibris in der Luft und plumpsten auf der Fischjagd wie Steine ins Wasser. Auf einer kleinen Klippe, in einem Wald von Bambus, Papyrusstauden und Schilf regte eine Gruppe von Pelikanen ihre rosaschwarzen Schwingen. Sie hielten Siesta; sie blähten die Hautsäcke ihrer monströsen Entenschnäbel und lüfteten ihre prächtigen Federn. Zwischendurch, in eifersüchtigem Unmut, stießen sie einen Störenfried ins Wasser hinunter. Sie waren fürstlich rosenfarben, reizbar und reserviert. Es war ein Genuß, ihnen Beachtung zu schenken ...

Es war ganz still. Schläfrige Glut lag auf dem verzweigten, von Tropenfarben wild durchblitzten Garten. Einige Frösche murrten ganz nahe dem Bei, der matt an seiner Tasse sog. Irgendwo, fern von ihm, wie aus einer grünlohenden Gruft von Fikuslaub heraus, schrie jemand wie in Todesangst. Es war ein Gibbon; er schrie: »Wu-wu-wu!« Er schrie es eintönig und gellend. Träge Schmutzmilane schwammen im Blau. Eine Krähe flatterte plump vorüber. Das Geräusch einer einsamen Harke unterstrich die Stille ... Die seidene Troddel auf dem Tarbusch des Beis fiel nach vorn; sein Kopf sank herab; er schlief ein. Alle Wünsche verblaßten; er schlief traumlos und tief.

Plötzlich fühlte er sich von einer groben Hand berührt und erwachte. Ein nubischer Aufseher, derselbe, der in Begleitung des kleinen Elefanten den Nachmittag verträumt, stand vor ihm und sagte: »Verzeihe mir, Effendi, du mußt gehen. Der Garten wird geschlossen.«

Hassan sah auf die Uhr. Es war etwas nach sieben.

»Höre zu: Laß mich hier. Es gefällt mir hier.«

»Effendi!« schrie der Nubier außer sich und gestikulierte. »Du mußt gehen; alle Welt muß gehen!«

Hassan holte ein Pfundstück hervor und tändelte damit. Der Nubier wurde sanft, und als er es erhielt, sagte er: »Verhalte dich noch eine Weile hier, Effendi, damit der Oberaufseher dich nicht erblickt. Im Schutze Gottes!« Er grüßte voll verschmitzter Unterwürfigkeit und verschwand. – – – – – – – – – – –

Alles um ihn her – so erschien es Hassan – habe Form, Farbe und Gesicht geändert. Etwas Unwägbares, Ungreifbares sei um ihn emporgewachsen, stehe ihm mit klaffenden Rätselaugen gegenüber ... Irgend etwas flüstere und fessele unhörbaren Schritts mit einer Bannfessel Stück nach Stück der Gartentiefe.

Gleichzeitig traten alle Gegenstände in eine bengalische Bestrahlung, die allen Farben ihr Wesen nahm ... Hassan blickte um: ein ungeheurer, stumm und flammend drohender Farbenfächer war dem Westen entwachsen und ersäufte, langsam sich entbreitend, das Blau mit einem verruchten Pomp dreifach ineinander gewühlter, satt glotzender Tinten, die herrisch emporschwollen ... Es war ein Pfuhl von stumpf schwärendem Blut, molkig wogend, dessen Ufersäume in ein krankes Violett zerliefen.

Die Sonne, in einem fernen Staubsturm vergraben, glich einer geöffneten Wunde, aus der unaufhörlich rotes Leben sickerte; einer Wunde, die ihr Blut wild vergeudete und sich dennoch nicht erschöpfte. Sie sank, sie trat zurück; der blutige Schein dunkelte intensiver, verlohte unter einem rostfarbenen Schleier, der die westliche Himmelsdecke zu überhauchen begann wie Asche einen ausgeglühten Krater. Die Welt erblindete in wüsten Zwielichtfarben; und der Garten vergrub sich langsam in das Dunkel, das dem toten Fluidum zwischen Himmel und Erde entfiel.

Der Bei saß noch immer im Pavillon. Ein fremdes Fieber, der Anhauch irgendeines kommenden unerhörten Geschehnisses traf ihn wie die Nähe eines unausdenkbaren Fatums, das von den aufwachsenden Schatten genährt irgendwo unvermeidlich seinen Weg kreuzen müsse. In den wenigen Minuten des Überganges von der Dämmerung zur Nacht wachte ein Schauer auf, wimmelte wie mit Ameisenfüßen durch den Park oder umfächelte wie ein Vampir mit den Hautschwingen eines Fliegenden Hundes sekundenlang seinen geneigten Kopf. Ein kurzes Asthma befiel ihn, eine lächerliche Beschleunigung des Pulses. Es kam und ging; es irritierte nur flüchtig wie etwas scheinbar Grauenhaftes, das sich bei schärferem Blick als ein nichtiger Spuk erweist.

Er atmete tief auf und schritt langsam in den Garten zurück.

Die Abendglut war erstorben, und das schwarze, üppige Blau der Nacht umfing mit ungeheurer Beruhigung die Welt. Die Palmenkronen standen wie Filigran im Sternenlicht. Nun aber, mit dem Verblassen aller Geräusche, rührte sich das eigentliche Leben des Gartens. Schreckhaft stiegen da und dort vielfältige Schreie empor, bald in Pausen, bald atemlos wie eine Kette von Hilferufen, kreischend und gedämpft, murrend oder als hohles Geheul. Unzählige Lungen sogen die Nachtluft ein und stießen sie wieder aus, gesättigt von den Lauten befreiter Brunst oder tierischer Trauer über geknebelte Triebe. In Hunderten von Käfigen fieberte es, tappte es rasselnd umher. Der Gibbon steigerte seine Stimme zu einer einzigen Klangkurve, die wie eine Rakete in eine Garbe von bellenden Schluchztönen zerplatzte. Die Makaks in ihrem Drahthaus schnatterten fassungslos, und als Hassan herzutrat, sah er ihre Silhouetten wie geschleuderte Bälle durcheinanderwirbeln. Der Gnustier erzeugte an den erbarmungslosen Gitterstäben ein Geräusch, als werde ein Maschinengewehr entladen.

Er arbeitete stumm und wütend wie ein Dämon der Vernichtung. Er mußte unsagbar leiden.

Und die blauen Schatten quollen tiefer und tiefer auf, und in ihrem verzauberten Bezirk brodelte es von Lauten. Der Himmel wurde zu einer samtschwarzen Bürde, die beängstigend tief über dem Garten hing, durch den hie und da leichte Phosphorfünkchen irrten. Die Sterne blinzelten klein und angstvoll. Auf einmal fuhr der Einsame zusammen; denn ganz in seiner Nähe brach ein schwerer, sonorer Orgelton aus, dessen brutale Baßwelle durch den Garten wütete und dann mit einem gepeinigten Röcheln rasselnd abschnappte wie der jäh gestaute Schwall einer schwarzen Woge oder wie eine Last, die unter dem Keuchen ihres Trägers schwer zu Boden stürzt.

Danach hörte er nichts als das dumpfe Tappen schwerer Pranken, und die Silhouetten von vier großen Löwen zeichneten sich kaum sichtbar ab. Zuweilen sah er zwei schimmernde Löcher, in denen grünes Licht floß. Dann begann ein Grunzen, ein Schnarchen, als hocke eine Horde von Teufeln auf einem gespenstischen Blasebalg ... Das Schnarchen steigerte sich zu einer Salve von zischenden Halstönen, und dann heulte der sonore Klang wiederum mächtig auf, ein riesiges Gestöhn, das mit einem U begann und ein unreines A mit einem wüsten O verkuppelte, so elementar, daß im Bereich seiner Wirkung alle Pulse stockten.

Die Raubtiere waren in voller Brunft. Sie spielten das täppische Spiel ihrer Begattung und polterten gegen die Holzwände. Sie schnopperten und fauchten; sie warfen einander mit den Pranken zu Boden; sie verwühlten sich zu formlosen Knäueln, und zwischendurch hielten sie inne und erhoben ihren rohen Kraftgesang... Ein ganz junger Löwe sprach aus irgendeiner Ecke heraus ein hohes, reines »Au«; er sprach es mit Kinderstimme; und in diesem leisen »Au« lag der Keim desselben Gebrülls, das die Luft um ihn erzittern machte und sein kindliches Raubtierherz erregte.

Und Hassan konnte sich nicht von seinem Standort trennen; er lauschte hingenommen und begeistert. Irgendwie erinnerte er sich plötzlich wieder mit aller Macht der eigenen Vorsätze für diese Nacht. Er riß sich los und schritt beflügelt von hinnen, bis er nach einigem Suchen das Ausgangsportal des Gartens wiederfand. Er weckte den Wärter, der ihn herausließ, und bestieg die wartende Kalesche.

Mit kurzem Entschluß verlangte er nach Mena-House gefahren zu werden. Er gedachte dortselbst zu Abend zu essen, sich währenddessen in aller Ruhe für das Spätere vorzubereiten und dann in die Stadt zurückzukehren.

Der Bezirk der Laternen hatte aufgehört. Die Straße leuchtete schwach. An der Stelle des Sonnenuntergangs gab es noch eine geisterhafte Helle, mit keiner Farbe des Tages verwandt. Ein kühlerer Nachtwind spazierte über die schwarz strotzenden Felder und rief ein mattes, einsilbiges Geräusch in den schweren Blättern der Lebbachbäume hervor.

Aber Hassan konnte sich nicht ganz dieser Stille anheimgeben, wie er es gezwungenermaßen unter anderen Umständen getan hätte. In seinem Hirn begatteten sich noch die Löwen. Und so, wie sie an ihre Käfigschranken gepoltert waren, so stieß erregtes Blut an die Schranken seines Schädeldachs, und jeder Herzschlag schwemmte neue üppige Bilder herzu und überlud seine Phantasie mit krausen, triebhaften Wünschen. Er geriet in ein stilles, wachsendes Fieber. Die unbestimmte Erwartung von etwas Kommendem ergriff ihn wiederum, als sei er im Begriff, in einen Bezirk einzutreten, in dem er nach innerstem Belieben schalten könne: so recht aus dem Vollen heraus und als der starke Mann, der er war. Die Erinnerung an das unbehagliche Gefühl im Zwielicht kostete ihn nur noch eine kurze Verblüffung, die in dem breiten Lächeln, das er jetzt der Nacht zeigte, spurlos verschwand.

Er lauschte auf: verwunderlicherweise war er jetzt nicht der einzige mehr auf der breiten Straße. Hinter ihm sausten die schlanken Traber einiger Tilburys; das federnde Rollen einer zweiten Kalesche drang in den Bereich seines nach rückwärts lauschenden Gehörs. »Es geht bunt zu in dieser Nacht«, dachte er und wandte sich um. Wagenlaternen mit flaugelben Lichtkegeln hüpften hinter ihm drein, trüb zunächst in dem Staub, den er selbst erzeugte, und dann heller und gleißender. »Anscheinend bin ich nicht der einzige, der sich heute da draußen amüsieren will ... um so besser; ich werde Gesellschaft haben.« Aus irgendeinem Grunde kam ihm der Wunsch, nicht überholt zu werden, und er sagte zu dem Kutscher: »Fahre schnell, Sohn der Trägheit, zeige, daß meine Pferde gut sind ...« Und der Berberiner, verständnisinnig und keiner Zumutung abgeneigt, gebrauchte die Peitsche.

Die Gäule gerieten in Galopp. Hassan, in einer Stellung, als sitze er auf einem Paradesessel, flitzte dahin und erfreute sich an dem gleichmäßig heftigeren Luftzug, der seine Wangen umstrich. Doch mit Ärger nahm er wahr, daß das Geräusch der Gegner ihm dicht auf den Fersen blieb. Er wollte sich um keinen Preis den Spaß versagen, als erster bei dem Hotel anzulangen. Man schien jedoch hinter ihm erfaßt zu haben, daß es einen Rekord gelte; er hörte kurze Rufe und erkannte auf einmal untrüglich, daß diese Rufe englisch waren.

Irgendein Gefühl trieb ihn jetzt, sich im Wagen zu erheben und dem Berberiner ganz nahe zu kommen, ihm heisere Weisungen in den Nacken zu flüstern: »Oh, fahre schneller, verflucht seist du, habe ich eine Gamusah vor dem Bock oder zwei Mograbinertraber, das Stück zu 300 Pfund?!«

»Effendi!« schrie der Kutscher und bog sich wie eine Sehne. »Siehst du nicht, wie ich sie schlage? Siehst du nicht, wie sie hüpfen?!« Hassan, unter fortwährendem anfeuernden Zungenschnalzen, sank zurück; und es gelang ihm, als erster nach Mena-House zu kommen. Er durchschritt den kleinen Garten und ging in das Vestibül. Der Manager näherte sich ihm händereibend.

»Verzeihung«, sagte er auf französisch. »Ich muß Sie bitten, mein Herr, sich auf der Veranda niederzulassen. Dies Vestibül und die anschließenden Räumlichkeiten sind für heute nacht reserviert.«

Hassan blickte ihn mit schwimmenden Augen an. »Eh bien! Diese Plätze sind reserviert. Nun gut, ich werde auf der Veranda speisen.« Irgend etwas fiel dem Manager an ihm auf; doch war er zu beschäftigt, um es zu ergründen ... Er sagte, während er den Blick über die Schulter Hassans völlig ins Leere sandte: »Ich bitte darum ... Nun, es bleibt nichts übrig, mein Herr ... Das ist das Leben ...« Plötzlich ermunterte er sich, und während er Hassan mit höflich deutendem Finger vor sich herstieß und auf diese Weise aus dem Vestibül entfernte, klatschte er in die Hände, und rotbeschärpte Domestiken, alle schlank und nicht unter zwei Meter groß, erschienen mit sanften Sklavenmienen.

Hassan setzte sich an einen gedeckten Tisch der Veranda, unmittelbar an die Glastür, durch die man in das Vestibül spähen konnte, ohne allzusehr aufzufallen. Diese Möglichkeit entdeckte er erst später; zunächst sah er den Besuchern entgegen, die durch den Garten kamen. Offenbar waren es die Leute, die vorhin versucht hatten, ihn zu überholen. Hassan schenkte ihnen einen Blick wie die Schildkröte in der Fabel dem Hasen, der zu spät ans Ziel des Wettlaufs kommt.

Sie kamen barhaupt im Smoking, und als sie an ihm vorüberschritten, sahen sie ihn ein wenig von der Seite an. Sie hatten hinter der Glastür eine kurze Unterredung mit dem Hotelwirt, der (Hassan bemerkte es) die Achseln zuckte und eine anheimstellende Bewegung machte. Während er dies beobachtete, übersah der Bei einige Damen, die inzwischen in der Tiefe des Vestibüls verschwanden.

Immer mehr Wagen fuhren, wie man hören konnte, nun draußen vor; auch Automobile waren darunter. Ausschließlich englisches Publikum begab sich ins Hotel. Hassan sah den Leuten schwer, fast unbeteiligt zu. Sein Kopf war ganz klar geworden, nur in den Knien saß ihm eine unüberwindliche Schlaffheit.

Man brachte ihm das Essen, mit einer Eile, die den Wunsch erkennen ließ, ihn schnell zufriedenzustellen. Er verlangte eine Prärie-Oyster und schüttete das scharfe Gewürz auf einen Zug hinunter, worauf sich zunächst sein Durst wieder regte.

Eine gewisse humoristische Grundstimmung überkam ihn nach den ersten Getränken. »Also Inglîz sind es, die sich hier versammeln ...« dachte er und spähte hinein. Der Gin umnebelte sein Hirn wiederum; so sah er drinnen im Vestibül, dessen Hintergrund sich mit Damen in großer Toilette füllte, ein Karussell von weiß und rot, das sich ruckweise nach links drehte; wenn er es aber fixierte, stand es still und löste sich in zwanglos bewegte Körper auf. Es war nicht amüsant, hier draußen sitzen zu müssen. Ein leiser Groll bemächtigte sich seiner. Er schob den Tarbusch aus der erhitzten Stirn in den Nacken und beschäftigte sich mit dieser Empfindung. Sie wuchs bis zur Indignation.

Die Engländer gingen heraus und hinein; sie unterhielten sich sehr gut und warteten den Beginn des Dinners ab. Zuweilen stellten sie sich, die Hände in den Taschen und Zigaretten zwischen den Lippen, in der Nähe Hassans auf und erzählten sich in ihrer kurz angebundenen Weise allerlei Vergnügliches; und dann lachten sie temperiert und leise ... Zuweilen streiften sie ihn mit ihren Blicken. Aber diese Blicke gingen durch ihn hindurch wie durch Glas. Es gab keinen Hassan auf dem Stuhle mehr; es war ein leerer Stuhl. Die Existenz Hassans wurde ausgelöscht. Und je weniger er seinen leicht glotzenden Augen gebieten konnte, die von einem dumpfen, mechanischen Interesse an die Leute geschmiedet wurden, um so weniger Beachtung schenkte man ihm. Sein logisches Denken ging einen verzwickten Pfad; das Kind in ihm tastete sich an einem dünnen, primitiven Gedankenfaden entlang.

»Sie würden mich beachten,« dachte er, »wenn Sie wüßten, daß ich das Dekret ... in der Tasche ...« Er sah an sich herab. »Wozu das Dekret? – Ich bin auch ohne Dekret so gut wie Sie, meine Herren. Ich habe Geld, vielleicht mehr als zehn von Ihnen ... Zum mindesten sollte es mir freistehen, im Hotel umherzugehen, wo ich will. Ich kann alles bezahlen! Seit wann haben Sie diesen Ort gekauft? ... Aha! Sie wollen ihn pachten, wie sie Ägypten gepachtet haben! Aha!« Und Hassan erschien sich ungeheuer schlau. »Aber das soll Ihnen nicht gelingen! – Wir bekommen das Heft in die Hand! Wir werden Ihnen beweisen, daß wir Ihrer nicht mehr bedürfen ... Daß wir Ihrer Bevormundung entwachsen sind ... Ah, Ihrer Bevormundung ... Ich nenne es Arroganz ...« Hassan sprach das letztere fast laut vor sich hin, mit dem unvermeidlichen Modellierversuch der Finger, über deren selbständiges Leben er stets eine kleine Beschämung empfand. Graue Blicke streiften ihn; irgend jemand amüsierte sich. – Hassan fing das kleine Gelächter auf; es tat ihm wohl.

»Es ist auf mich gemünzt. – Ah, da gibt es einen Spaßvogel, der Scherz versteht ...« Und das Kind in ihm stolperte, richtete sich blind wieder auf und hatte eine kleine, konfuse Überlegung.

»Vielleicht sind sie gar nicht gleichgültig. Vielleicht begrüßen sie es nur, wenn man sich ihnen nähert. Denn es wäre zweifellos von Vorteil, wenn wir, statt umeinander herumzugehen, uns in die Hände arbeiten würden als gute Freunde.« Er nestelte an sich herum und fand eine Zigarette. Nicht ohne Beschwerde stand er auf; in dem Bedürfnis, leutselig zu sein und den Inglîz eine Annäherung zu erleichtern. Er ging auf einen weißbärtigen Herrn zu, dessen reserviert lachsfarbenes Gesicht ihm schon vor längerer Zeit aufgefallen war, und bat ihn um Feuer. Er bat nicht, wie man sonst zu bitten pflegt: er sagte nicht: »matckes, please«, sondern er geriet durch eine kleine Ouvertüre hindurch, die er mit stammelnden Anerkennungen füllte, erst ganz zum Schluß und nicht unbedingt verständlich, zu dem Kern der Sache. Der alte Herr sagte: »Well ...«, knipste ein Benzinflämmchen an und bediente ihn mit einer gänzlich unbeteiligten Bewegung, worauf er ihm den Rücken drehte.

Hassan rang nach Luft, dann sah er sich mit seinen blanken schwarzen Augen um und zog die Brauen in die Höhe. Man hatte also (das erkannte er nun) durchaus davon Abstand genommen, sich mit ihm zu befassen. – Er gab sich einen Ruck, schnob durch die Nase und ging annähernd in der Luftlinie zu seinem Stuhl zurück. Umständlich dortselbst etabliert, zog er trübe und unerquickliche Schlüsse aus der Tatsache, daß man ihm den Rücken gedreht. Zuerst fand er es nur unhöflich, dann mehr als dies, und schließlich erboste es ihn redlich. Er paffte stark und trank sein Ginglas auf einen Zug leer, worauf er es krätig auf den Tisch zurücksetzte. Drinnen begann die Musik, und ein Waiter erschien auf der Veranda. Die Gruppen lösten sich auf; man ging hinein.

Die Musik gefiel Hassan so, daß er im selben Augenblick, wo er die ersten Töne hörte, alles Vorhergehende spurlos vergaß. Er hatte das Bedürfnis, sich den Tönen zu nähern; aber irgend etwas hielt ihn noch ab. Eine gläserne Drehtüre fiel ihm ein ... Wo war das doch gewesen ...? Diese Situation kannte er doch! Er grübelte sich ab, auf einmal ward er ein Eseljunge, der aus dem Dunkel heraus in ein Leben starrte, das sich auf Korbstühlen abspielte, von gedämpftem Licht umflutet und durchblitzt von Silber ... Und an der Pforte dieses Lebens stand ein weißer Knabe und blickte höhnisch in seiner Unerreichbarkeit auf ihn herab.

Wie? Was war das? Wie kam er dazu, daran zu denken? – Ah! Du leidende Wonne! – Du dumpfes Glück! – Jetzt konnte er den aufgeblasenen Wächter, der ihm diese Welt verstellte, auf die Seite drängen, umständlich morden, mit Geld, viel klirrendem Geld bewerfen, bis er blutend umfiel und ihm Platz machte! Jetzt konnte er ihm mit dem Schuh in den Nacken schlagen und die Drehtür zertrümmern, unaufhaltsam und üppig das Recht sich raubend, das man ihm verweigern wollte!

Er machte einen kleinen Lärm. Der französische Kellner, der ihn seit einiger Zeit gedankenvoll betrachtet hatte, näherte sich ihm sehr schnell.

»Man hat dort drinnen eine kleine Festlichkeit?«

»Ja ...«, erwiderte der Mensch. »Geburtstag des Königs. Alle Welt ist jetzt bei dem Tattoo im Kasernenhof. Ich würde Ihnen empfehlen hinzufahren; es ist sehenswert ...«

»Aber es gefällt mir besser hier«, erwiderte Hassan eigensinnig.

Der Kellner sann nach und blickte ihn schief an. »Aber es gibt hübsche Weiber dort ...«

»Man will mich entfernen«, dachte Hassan und erwiderte den Blick des Kellners mit jener Stumpfheit im Ausdruck, hinter der ein Ägypter seine Empfindungen undurchdringlich verkapselt. Er beschloß zu bleiben und sich vorläufig nicht wegtreiben zu lassen; man werde ja sehen, daß das nicht so einfach wäre ... Immerhin war die Anspielung des Franzosen nicht ganz zu überhören. So sagte er denn: »Weiber? – Eh bien! Weiber gibt es überall. Auch hier.«

»Ganz gut«, sagte der Kellner und kämpfte mit einem Lächeln. »Aber diese hier sind nichts für Monsieur. Sie lieben gewiß ein anderes Genre.«

»Ich liebe jedes Genre, zu dem mich gerade die Laune treibt«, war die halsstarrige Antwort. Hassan drehte sich samt seinem Stuhl herum und sandte seinen trägen Blick durch die Glastür. In dieser Haltung war er eine peinlich isolierte Einzelerscheinung im Rahmen der Tür, und die primitive Kontrolle, die er an den Herrschaften da drinnen übte, war zweifellos nicht gehörig. Der Kellner wurde ratloser, trotzdem versuchte er es weiter mit einschmeichelnder Liebenswürdigkeit. Denn das erschien ihm das beste Mittel, den offenbar stark betrunkenen Herrn zu zügeln und abzulenken.

»Verzeihung, Monsieur«, sagte er leise. »Dieser Platz war nicht in Berechnung gezogen ... Sie inkommodieren sich selbst ... Denn gesetzt den Fall, man promeniert später und geht hier aus und ein, so würde man die ausdrückliche Bitte an Monsieur richten müssen, sich abseits zu setzen ...« Es erfolgte keine Antwort.

Der Kellner, nun aufrichtig nervös, tanzte umher. Er zerknitterte seine Serviette; in seiner Schürze sah er aus wie ein weißer, gepeinigter Geist, der ruhelos an der Peripherie eines Bannkreises irrt, den ein anderer um sich gezogen. Seine Stimme nahm eine Fistelfärbung an.

»Monsieur!« stieß er hervor und rang seine dünnen, unpersönlichen Kellnerhände. »Belieben Sie sich abseits zu setzen ... Man bemerkt Sie da drinnen bereits ... Es ist nur Ihretwegen ... Dies ist eine geschlossene Gesellschaft ...«

Hassan rührte sich nicht. Auf einmal zischte es aus ihm hervor: »Laß ... mich ... in Ruh ... alkûs ommak!«

Der weiße Geist taumelte zurück, machte einige völlig verzweifelte Bewegungen und begann gerade darüber ins reine zu kommen, daß es das beste sei, den Manager herbeizurufen, als er mit Entsetzen bemerkte, daß der Eingeborene dort Anstalten machte, sich zu erheben und auf das Vestibül zuzuschreiten ... Drinnen kam man soeben vom Dinner zurück und gruppierte sich zwanglos, teils stehend, teils in Korbstühle gebettet.

Man spürte einen Luftzug, der eine kurze Bresche in den Rauch der Importen riß; man empfand es fatal, denn man war erhitzt, und draußen war es immerhin etwas kühl geworden. Die Glastür hatte sich geöffnet, und während man sich anschickte, einen Nachzügler zu begrüßen, und die Köpfe wandte, ward man mit Erstaunen inne, daß ein Herr im Tarbusch, in hellgrauem Tagesanzug erschien. Man nahm an, daß er von einem der jungen Offiziere geladen sei, wiewohl dies als Stillosigkeit empfunden wurde.

Niemand begrüßte ihn. Er hingegen begrüßte die ganze Gesellschaft. Er ließ ein verschmitztes Augenlächeln im Kreis umherwandern und setzte sich dann unmotiviert mit einem leisen Krach auf einen Korbstuhl, an das Tischchen eben desjenigen weißbärtigen Herrn, den er vorhin um Feuer gebeten hatte.

Eine Stille entstand. Man suchte sich offenbar im ganzen Saal für einen Augenblick darüber klar zu werden, welcher Zufall das fremde Element hereingeweht habe, das sich so heiter und selbstgefällig der geschlossenen Gesellschaft angliederte. Diese Stille hatte den Zweck, in Hassan das Gefühl zu erregen, als werde ihm der Boden ostentativ mit einem Ruck unter den Füßen weggezogen. Der alte Herr lächelte mit einer

gewissen Beharrlichkeit und sah mit seinen blauen Augen umher, gleichsam, um für stummes, humoristisch ablehnendes Übereinkommen in diesem Fall zu plädieren. Hassan fühlte nicht, wie rapid er die Bahn herabglitt, auf die man ihn mit diesem Blick setzte.

Man übersah ihn in der Folge auch diesmal gänzlich. Der Manager, der mit Likören umherging, geriet in Bedenklichkeit, welches wohl die richtige Form sein werde, sich dem Herrn wiederum zu nähern. Die Entschlossenheit, mit der Hassan hereingekommen war, erweckte immerhin den Eindruck, als stehe er zu den Gästen in einem Konnex, dessen Artung sich ja zweifellos klären werde.

Nunmehr spürte eine junge, vielleicht achtzehnjährige Dame, daß sich irgend jemand intensiv mit ihr beschäftigte. Sie war sich zunächst nicht klar, woher die Beeinflussung stammte, die sie dunkel empfand, und während sie die Augenpaare in ihrer Umgebung unauffällig durchmusterte, bemerkte sie, daß die Blicke eines Orientalen an ihr hingen. Dieses Gesicht kam plötzlich in ihre Nähe; es war hellbraun, blank und leicht von Schweiß bedeckt. Sie empfand eine kurze Bestürzung, während der Herr, der vor ihr stand, unausgesetzt und etwas albern lächelnd, seine sehr schönen weißen Zähne zeigte.

Jetzt kam ihr zum Bewußtsein, daß er sprach, in einem sonor singenden Tonfall; es war englisch von einem Akzent, der dem Charakter der Sprache seltsam zuwiderlief, gleichwohl aber nicht unschön wirkte.

»Ich täusche mich doch wohl nicht ...?« sprach dies vorsichtig lächelnde Gesicht. Es war vollkommen glatt, von einer Glätte, wie sie sonst nur die weibliche Haut besitzt! Die Augenbrauen gingen unaufhörlich darin auf und nieder; es waren zwei besinnliche Brauen, und es sah aus, als spiegelten sich die Gedanken hinter dieser weichen, etwas sorgenvollen Stirn schattenhaft auf der Außenseite ab. – »Ich bin froh! ... Ich bin außerordentlich froh! Habe ich nicht die Freude, Miß Jane Aldridge ...??« Eine kleine, runde Hand tastete nach der Stirn, deutete eine Begrüßung an; und danach warteten die Augen auf die Erwiderung. Es schien, als ob sie sich verdunkelten; sie warteten blinkend schwarz, und für einen Moment schien es nicht ersichtlich zu sein, wohin der Herr eigentlich blicke ... Die junge Dame zog die noch knabenhaft mageren Schulterblätter zusammen (ihr Kleid war ein wenig ausgeschnitten); sie war ratlos, und gleichzeitig fühlte sie einen leichten Chok, als taste jemand plump an ihre leuchtende Haut.

Man war einen Schritt zurückgetreten. Beide befanden sich allein in einem Ring von schweigsamen Gentlemen, die mit einer amüsierten Sachlichkeit den Verlauf der Annäherung auskosteten. Sie musterten den Bei recht gründlich und waren sich alsbald klar, daß er nicht vollkommen nüchtern sei ... Ein leiser Unmut lag allerwärts in der Knospe; man witterte eine phänomenale Ungehörigkeit; doch war noch nicht der Zeitpunkt gegeben einzugreifen. Einige wollten bemerkt haben, daß dieser Mann schon vorher auf der Terrasse gesessen habe, und daß er schon dort nicht ganz so ausgesehen habe, wie man im allgemeinen zu einer verhältnismäßig noch frühen Tageszeit auszusehen pflegt.

So setzte denn die junge Dame der Begrüßung ein großes Fragezeichen entgegen. Sie drückte es in der unbeteiligten Kälte ihrer grauen Augen aus, wie auch dadurch, daß eine kleine nervöse Falte über ihrer Nase entstand. Sie sagte nicht einmal: »Verzeihung, aber helfen Sie meinem Gedächtnis nach ...« Sie schenkte sich das; sie schwieg. Sie war überrumpelt, aber das machte ihr keine Beschwerden.

Nun sagte der Herr mit flehender Stimme: »Erinnern Sie sich nicht an mich?« – Du lieber Gott, an wen sollte sie sich erinnern! Sie warf den Kopf zurück und sagte ohne jedes Entgegenkommen: »Ich erinnere mich durchaus nicht.« – Und sie sah sich um. Ein kaum sichtbares Lächeln, das um die Zigarettenmundstücke ringsum aufblühte, warf einen kleinen Widerschein auf ihr hübsches und sehr strenges Gesicht.

Nun regte der Herr die Hände. Es tat ihm offensichtlich wohl, daß er das durfte. Er legte die gespreizte Rechte beschwörend auf die Brust, und während er die Linke gleichfalls gespreizt zur Seite streckte, stieß er hervor: »Ah, Sie hatten einen guten Appetit! Ich versorgte Sie mit Süßigkeiten; Sie vermochten erstaunlich viel zu ertragen! Ich hatte darüber zu wachen, daß Sie sich nicht übernahmen, Miß Jane!« Seine Augen schwammen in Wasser, etwas wie eine tiefe Überzeugung, daß sich nun alles zum Guten wenden werde, beflügelte seine Gesten, die immer abgerissener, immer beschwörender wurden ... »Sie werden sich erinnern! Sie waren sehr klein ... Aber sehr tapfer! Ich brachte Sie nach Gezirê hinaus; ich führte Sie an der Kaserne vorüber; das war eine schöne Zeit! – Sie hatten tausend Wünsche, und ich hatte kaum Beine genug, um Sie zufriedenzustellen ... Nun werden Sie sich erinnern!« Er lächelte verzückt und vergaß, daß er die Hand noch genau in der Haltung beließ, durch die er angedeutet, wie klein sie damals gewesen sei ...

Ein kurzes, dankbares Gelächter erhob sich. Breites Schmunzeln blieb zurück. Dieser Mensch war in der Tat ganz amüsant. Nur Jane empfand das nicht; das zarte Pfirsichrot ihres Gesichts vertiefte sich, und dann sagte sie plötzlich mit einer hochsingenden Stimme: »Ah, jetzt erinnere ich mich. – – – Sie waren ja Laufjunge bei uns. Sie scheinen das vergessen zu haben ...« Und mit einem kleinen, spitzen Gelächter sah sie ihn noch einmal von oben bis unten an, spielte mit den Fingern an der dünnen Perlenkette ihres zarten weißen Halses, schloß die Wimpern halb in dem schmalen Gesicht und wandte sich ab. Hassan sah ihre knabenhaften Schulterblätter noch flüchtig emporrücken; dann wurden sie von den schwarzen Anzügen verschlungen, die sich hinter ihnen schlossen.

Der Bei blieb stehen und sah ihr verstört nach. Dann kam ihm die Geringschätzung zu Bewußtsein, die ihm von einem Weibe widerfahren war. Oh, das war nicht das erstemal; auch jene Kokotte in der Sphinxbar, die er nicht vergessen konnte, hatte ähnlich zu ihm gesprochen ... »Oh, daß ich diese Inglîz noch immer nicht kenne! Das hätte ich wissen müssen!! Das hätte ich wissen müssen ... Nun meckern sie, nun tun sie sich etwas darauf zugute ...« So überstürzte sich der Strudel seiner kurzen, vagen, irren Gedanken, während er isoliert im Saal stand und eine ungeheure Wut ihn befiel.

»Was ist das! – Wie begegnet man mir! – Was soll das bedeuten! – Ich bin Hassan-Bei-Muharram!« – Er schüttelte das Haupt wie ein gepeinigter Stier, der allein in der Arena steht und nicht weiß, in welche Richtung er die Hörner senken soll ... Nach einer kurzen Weile löste sich ein junger Herr aus dem Hintergrunde und kam auf ihn zu. Er war gebräunt, sehnig und hübsch. Über seiner Stirn rührte sich ein emporgekämmter Bausch blonden Haares wie seidener Distelflaum, und unter den hellen, halbgesenkten Wimpern blitzten saphirblaue Augen ...

»Ich heiße Aldridge«, sagte er. »Ich bin der Bruder der Lady, mit der Sie sich soeben ... unterhielten. Kommen Sie auf die Terrasse. Vermute, daß Ihnen frische Luft nützen wird.«

Der Blick des jungen Mannes war maßlos hart.

Geld her, klirrendes Geld! – Ich will ihn damit bewerfen, bis er blutet! Hassan starrte ihn mit grellen Augen an ... Wo ist der Knabe, dem er einst die Nägel ins Gesicht schlug, als er sein Gebet zerschrie? – Sieh her! Hassan! – Er spielt nicht Verstecken! Da ist er, da! Ha, ich will ihn erwürgen, diesen Knaben! Denn nun ist auch er einer von diesen Verruchten geworden, die sich unantastbar dünken!!

Aber erstaunlicherweise geschah folgendes: Er schwieg, senkte den Nacken und folgte. Die Glastür schloß sich. Man stand sich in einer mangelhaften Beleuchtung auf der Veranda gegenüber. Fern schluchzte ein brünstiger Esel. Das Schwatzen zweier Beduinen auf der Straße klang seltsam deutlich, als ständen sie nur wenige Meter entfernt.

»Setzen wir uns«, sagte Percy gewissermaßen jovial. »Soviel ich mich erinnere, kennen wir uns.«

»Ja, ja, ja!« sagte der Bei. Er wiederholte es noch drei-, viermal, er berauschte sich an diesem Ja, es steckte eine satte Beteuerung darin und hörte sich an wie eine ganze Prozession von bekräftigenden Phrasen und Bildern, die alle dasselbe enthielten. »Wir kennen uns! – – Sie haben recht, Aldridge! – Ich war ein Eseljunge; war Ihr Sklave ... Gut, gut! – Ich tat einmal, was Sie wollten! ... Aber es ist wohl ersichtlich, daß sich die Verhältnisse geändert haben!«

»Denke kaum«, erwiderte der junge Mann mit ernster Stimme und stäubte seine Zigarette ab. »Abgesehen von Ihrer heutigen Taktlosigkeit war es nicht gerade angebracht von Ihnen, sich wieder in Erinnerung zu bringen.«

»Was heißt angebracht! – Sehen Sie, Aldridge, Ihre Schwester ist schön geworden!« sagte die schwankende Stimme. »Außerordentlich schön!«

»Darüber haben Sie nicht zu befinden!«

»Was da, ich sage, was ich sehe!«

»Herr!« sagte jetzt Percy, wesentlich ärgerlicher und warf die Zigarette mit Aplomb auf den Boden. »Meine Schwester geht Sie nichts an! – Durchaus nichts! – Wer sind Sie denn?« Hier wurde Hassan sehr eilfertig. Er zerrte das Dekret hervor und warf es auf den Tisch.

»Hier lesen Sie. – Ich bin Hassan-Bei-Muharram.«

»Nun gut, ich bin nur Ingenieur im Irrigation-Departement. – Stecken Sie das Papier wieder ein. Vermutlich haben Sie auch mehr Geld als ich. – Wenn dem so ist, so könnten Sie mir ja die zehn Pfund zurückerstatten, die Sie damals nötig hatten. Es tat uns leid, daß wir nichts mehr von Ihnen hörten ... Wir hatten Sie recht gern; es war nicht nett von Ihnen, so plötzlich zu verschwinden.«

Was war das für eine neue Sprache? – Eh nun, diese Inglîz sind unberechenbar! ... Entzückt und eilig erwiderte Hassan: »Sehen Sie, Aldridge, wir kommen einander näher! Zehn Pfund, sagen Sie, hätten Sie damals vermißt? – Es tut mir leid; es war inkorrekt von mir ... Denken Sie, ich war ein Knabe ...« Er bohrte seine Hand in die Tasche, ganz außer sich über diese prachtvolle Gelegenheit, Beziehungen zu regeln, Mißhelligkeiten zu glätten ... dem, der jahrelang wie ein quälender Schatten neben ihm gestanden, einen Dienst zu erweisen und ein Einvernehmen zu erkaufen, wo es sich nicht erzwingen ließ; ein Einvernehmen, das sich wenigstens in diesem Punkte halten lasse ... »Was ist ein Knabe!« schwatzte er weiter und häufte sämtliches Gold, das er in der Tasche trug, auf dem Tische an. »Ein Knabe denkt an nichts ... Ist undankbar ... Stiehlt... Man vergißt sich; Sie müssen bedenken, aus welchem Milieu ich kam! Die Verhältnisse haben sich gebessert ... Ich bin vom besten Blut; meine Mutter ist die Seijide-Ali-Jussef ... Ich habe Karriere gemacht ...«

»... und seitdem im großen gestohlen...« beschloß Percy und wies mit der Pfeife auf das Geld. »Nein, Daûd-ibn-Zabal ... Es ist besser, Sie machen sich jetzt davon.« Und er wischte mit dem Mundstück das Geld vom Tisch, so daß die Pfundstücke in weitem Umkreis auf der Veranda umherklingelten.

Im selben Augenblick brach ein heiseres Gebrüll los, das nichts Menschliches mehr hatte. Percy erwehrte sich mit drei, vier gewandten Stößen der fetten Gestalt, die sich wie eine Last, mit allem tierischen Willen zur Vernichtung, zur vollständigen spurlosen Ausrottung auf ihn stürzte ...

Die beklemmende, zappelnde Last atmete schwer; sie fauchte ganze Schwaden von alkoholischem Dunst von sich.

Dann lockerte sie sich, gepeinigt von empfindlichen, erbarmungslosen Hieben, glitt ab und schlug unter einem seltsam hellen Schrei zu Boden.

Der Tarbusch hüpfte in die Höhe und rollte an das andere Ende der Veranda hinüber. – – – – – –

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