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Der russische Christ

: Der russische Christ - Kapitel 8
Quellenangabe
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typenarrative
authorVerschiedene
titleDer russische Christ
publisherDrei Masken Verlag
editorAlexander Eliasberg
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firstpub
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
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I. A. Bunin

1870-1953

Aglaja

In der Welt, im Walddorfe, in dem Aglaja geboren und aufgewachsen war, hieß sie Anna.

Vater und Mutter hatte sie früh verloren. Einmal im Winter kamen ins Dorf die Pocken, und viele Tote wurden damals auf den Gottesacker im Kirchdorfe hinter dem Heiligen See geschafft. In der Stube der Skuratows standen zwei Särge auf einmal. Das Kind spürte weder Schreck, noch Schmerz, merkte sich aber für immer den für die Lebenden fremden und schweren Geruch, der von ihnen kam und an keinen anderen Geruch erinnerte, und den winterlich frischen Hauch des Tauwetters der großen Fasten, den die Bauern in die Stube hereinließen, als sie die beiden Sarge zum Schlitten vor den Fenstern hinaustrugen.

In jener waldreichen Gegend sind die Dörfer spärlich gesät und klein, die roh aus unbehauenen Balken gezimmerten Höfe stehen in Unordnung, soweit es die lehmigen Hügel gestatten, möglichst nahe an den Flüssen und Seen. Das Volk ist nicht sehr arm und auf die Erhaltung seines Besitzes und der alten Sitten bedacht, obwohl die Männer seit jeher des Verdienstes wegen in die Städte ziehen und es den Weibern überlassen, den unfruchtbaren Boden, wo er vom Walde frei ist, zu pflügen, im Walde Gras zu mähen und im Winter mit den Webstühlen zu klappern. Diesem Leben war Anna in ihrer Kindheit zugetan, lieb waren ihr die rauchgeschwärzte Stube und der Kienspan in seinem Ständer.

Ihre Schwester, Katherina, war längst verheiratet. Sie versah auch die Wirtschaft, anfangs mit ihrem Mann, der in den Hof hineingeheiratet hatte, und später, als er fürs ganze Jahr fortzuziehen pflegte, allein. Anna wuchs unter ihrer Aufsicht schnell und schön heran, war niemals krank, beklagte sich über nichts, war aber immer nachdenklich. Wenn Katherina sie anrief und fragte, was sie habe, antwortete sie einfach, daß ihr der Hals knarre und daß sie dem zuhöre. – »Jetzt!« sagte sie, indem sie ihren Kopf mit dem weißen Gesichtchen drehte: »Hörst du?« – »Woran denkst du aber?« – »So. Ich weiß nicht.« – Mit ihren Altersgenossinnen gab sie sich als Kind nicht ab und ging nirgends hin – nur ein einziges Mal war sie mit der Schwester ins alte Kirchdorf hinter dem Heiligen See gegangen, wo auf dem Gottesacker unter den Fichten die fichtenen Kreuze ragen und das kleine, aus Balken gezimmerte, mit schwarzgewordenen Holzschuppen gedeckte Kirchlein steht. Damals bekleidete man sie zum erstenmal mit Bastschuhen und einem Sarafan aus gestreifter Leinwand und kaufte ihr eine Halskette und ein gelbes Kopftuch.

Katherina weinte und trauerte um ihren Mann; sie weinte auch, weil sie kinderlos war. Nachdem sie alle ihre Tränen ausgeweint hatte, leistete sie das Gelübde, den Mann nicht mehr zu kennen. Wenn der Mann heimkam, empfing sie ihn freudig, sprach mit ihm freundlich, sah sorgfältig seine Hemden nach, flickte, was nötig war, machte sich am Herde zu schaffen und war zufrieden, wenn ihm etwas gefiel; aber sie schliefen getrennt, wie Fremde. Und wenn er fortzog, wurde sie wieder still und düster. Sie ging immer öfter aus dem Hause, hielt sich bei den Nonnen im nahen Kloster auf und besuchte den Starez Rodion, der in einer Waldhütte hinter dem Kloster sein Seelenheil rettete. Sie lernte mit Fleiß und Ausdauer lesen, brachte aus dem Kloster heilige Bücher und las aus ihnen laut, mit ungewohnter singender Stimme vor. Sie saß mit gesenkten Augen am Tisch und hielt das Buch mit beiden Händen. Die kleine Anna stand aber neben ihr, hörte zu, kratzte mit den Fingern den Tisch und ließ ihre Blicke durch die Stube schweifen, die jetzt immer sauber aufgeräumt war. Katherina las, sich am Klang ihrer eigenen Stimme berauschend, von den Heiligen, von den Märtyrern, die unser dunkles Irdisches des Himmlischen wegen verschmäht hatten und auf die Kreuzigung ihres Fleisches mit allen seinen Lüsten und Leidenschaften bedacht waren. Anna lauschte dieser Vorlesung aufmerksam, doch wie einem Lied in einer fremden Sprache. Wenn aber Katherina das Buch zuklappte, bat sie sie niemals, noch mehr zu lesen: so eigen war sie immer.

Sie wuchs fast zusehends. Mit dreizehn Jahren war sie ungewöhnlich schlank, groß und kräftig. Sie war zart, weiß und blauäugig, liebte aber die einfachste und roheste Arbeit. Wenn der Sommer anbrach und der Mann Katherinas heimkam, wenn das ganze Dorf zur Heuernte zog, ging auch Anna mit den ihrigen hin und arbeitete wie eine Erwachsene. Die Sommerarbeit ist aber in jener Gegend kurz. Die beiden Schwestern waren bald wieder allein und nahmen ihr gleichmäßiges Leben wieder auf; Anna saß, nachdem sie das Vieh und den Ofen versorgt, an ihrer Näharbeit oder am Webstuhl, und Katherina las von den Meeren und Wüsten, von der Stadt Rom, von Byzanz, von den Wunderwerken und Heldentaten der ersten Christen. In der rauchgeschwärzten Waldhütte klangen die berauschenden Worte: »Im Lande Kappadokien, unter der Regierung des frommen Kaisers Leo des Großen von Byzanz... In den Tagen des heiligen Patriarchen Joachim von Alexandrien, im fernen Äthiopien...« So erfuhr Anna von den Jungfrauen und Jünglingen, die von wilden Tieren zerrissen worden waren, von der himmlischen Schönheit der von ihrem grausamen Vater enthaupteten Barbara, von den heiligen Reliquien, die auf dem Berge Sinai von Engeln bewacht werden, vom Krieger Eustathius, den der Gekreuzigte selbst zum wahren Gotte bekehrte, indem er ihm als eine Sonne im Geweih des Hirschen aufleuchtete, den er, Eustathius, jagte; von den Mühen und Taten Sabbas des Geheiligten, der im Feurigen Tale wohnte, und von vielen, vielen anderen, die die Bitternis ihrer Tage und Nächte an öden Strömen, in Krypten und Gebirgsklöstern verbrachten... Als Kind sah sie sich einmal im Traume in einem langen leinenen Hemd, mit einer eisernen Krone auf dem Haupte. Und Katherina sagte ihr: »Schwester, das bedeutet einen frühen Tod.«

Mit fünfzehn Jahren war sie aber ganz ausgewachsen, und das Volk staunte über ihre Anmut: auf ihrem goldig weißen schmalen Gesicht spielte eine kaum merkbare Röte; ihre Brauen waren dicht und dunkelblond, die Augen blau; sie war leicht und gut gebaut, vielleicht nur etwas zu lang und zu fein und hatte zu lange Hände; still und schön hob sie ihre langen Wimpern. Der Winter war in jenem Jahre streng. Die Wälder und Seen waren unter Schnee begraben, dick war die Eisschicht an den Löchern, die man in den Fluß gehauen hatte, der Wind versengte einem das Gesicht, und des Morgens standen zwei von Regenbogenringen umgebene Sonnen am Himmel. Vor der Christwoche aß Katherina Brei aus Hafermehl und Kwas, Anna lebte aber von Brot allein. – »Ich will fasten, bis ich einen anderen prophetischen Traum habe,« sagte sie ihrer Schwester. Und auf Neujahr träumte sie wieder: sie sah einen frühen frostigen Morgen, die blendende eisige Sonne war soeben aus dem Schnee gestiegen, der scharfe Wind benahm ihr den Atem; und sie flog auf Schneeschuhen dem Winde und der Sonne entgegen über das weiße Feld, einem wunderbaren Hermelin nachjagend; aber sie stürzte plötzlich in einen Abgrund, wurde geblendet und erstickte in der Schneestaubwolke, die unter ihren Schneeschuhen beim Absturze emporstieg, sie konnte diesen Traum nicht begreifen, und Anna blickte während des ganzen Neujahrstages ihrer Schwester kein einziges Mal in die Augen; als die Popen, die ins Dorf kamen, auch zu den Skuratows hereinschauten, versteckte sie sich hinter den Vorhang unter der Pritsche. In jenem Winter standen ihre Gedanken noch nicht fest, sie war oft trübsinnig, und Katherina pflegte ihr zu sagen: »Schon lange bitte ich dich, mit mir zum Väterchen Rodion mitzukommen: er würde diese Last von dir nehmen!«

Sie las ihr in diesem Winter von Alexej dem Mann Gottes und von Johannes dem Laubhüttenbewohner, der in Armut vor der Tür seiner vornehmen Eltern gestorben war; sie las ihr von Simeon dem Styliten, der auf einer Steinsäule stehend, bei lebendigem Leibe verfault war. Anna fragte sie: »Warum steht auch Väterchen Rodion nicht auf einer Säule?« – Und Katherina antwortete ihr, daß die Werke der Heiligen verschieden seien: unsere Märtyrer hätten ihr Seelenheil in den Höhlen bei Klew und später lm Dickicht der entlegenen Wälder gesucht oder das Himmelreich als nackte und schamlose Narren in Christo erkämpft. Anna erfuhr in jenem Winter von den russischen Heiligen, ihren geistlichen Urahnen: vom Matthäus dem Seher, dem es gegeben war, in der Welt nur das Dunkle und Niedrige zu sehen, in den verborgensten Unflat der Menschenherzen einzudringen, die Antlitze der unterirdischen Teufel zu schauen und ihre gottlosen Ratschläge zu hören; von Markus dem Totengräber, der sein Leben der Bestattung von Toten geweiht und in seinem ständigen Umgange mit dem Tod eine solche Gewalt über ihn erlangt hatte, daß jener vor seiner Stimme zitterte; von Isaak dem Klausner, der seinen Leib in ein rohes Bocksfell kleidete, das ihm für immer anwuchs, und der wahnsinnige Tänze mit den Teufeln aufführte, die ihn nachts zwangen, unter ihrem lauten Geschrei, zu den Tönen von Flöten, Pauken und Harfen zu tanzen und zu springen... »Von ihm, diesem Isaak, kommen alle Narren in Christo,« sagte ihr Katherina, »ihrer gab es dann so viel, daß man alle gar nicht aufzählen kann! Väterchen Rodion sagte: in keinem anderen Lande gab es sie, nur uns hat der Herr unserer großen Sünden wegen und in seiner großen Gnade mit ihnen heimgesucht.« – Und sie fügte den traurigen Bericht hinzu, den sie im Kloster gehört hatte, wie das alte Rußland aus Kiew in die unwegsamen Wälder und Sümpfe, in die elenden Dörfer unter den grausamen Szepter der Moskauer Fürsten gegangen war, was es unter den Wirren und Bürgerkriegen, von den grausamen tatarischen Horden und den anderen Strafen Gottes, Seuchen und Hungersnot, Bränden und Himmelszeichen gelitten hatte. Damals, sagte sie, gab es eine solche Menge von göttlichen Menschen, die im Namen Christi litten und sich als Narren gebärdeten, daß man vor ihrem Geschrei und Gewinsel in den Kirchen den göttlichen Gesang nicht hatte hören können. Nicht wenige von ihnen, sagte sie, sind in die Schar der Heiligen aufgenommen worden: so Simon, der sich in den Wolgawäldern vor allen Menschenblicken verbarg und in einem bloßen zerrissenen Hemde herumlief, später aber in der Stadt wohnte und von den Bürgern jeden Tag wegen seines schamlosen Gebarens geschlagen wurde und an diesen Schlägen auch starb; so Prokopius, der in der Stadt Wjatka ständige Marter erduldete, weil er nachts auf die Glockentürme zu steigen und die Glocken wie bei einer Feuersbrunst zu läuten pflegte; so der andere Prokopius, der im Syrjanischen Lande, unter wilden Jägern geboren, sein Leben lang mit drei eisernen Schürhaken in der Hand herumging und die öden Stellen und die traurigen bewaldeten Ufer der Ssuchona liebte, wo er, auf einem Steine sitzend, mit Tränen für die auf diesem Flusse Fahrenden betete; so Jakow der Einfältige, der in einem Eichensarge mit einer Eisscholle auf dem Flusse Msta zu den geistlich armen Bewohnern jener armen Gegend geschwommen kam; so Johannes der Behaarte, aus der Gegend von Groß-Rostow, der so wilde Haare hatte, daß alle, die ihn sahen, entsetzt waren; so Johannes von Wologda, genannt der Große Hut, der klein gewachsen, runzlig im Gesicht und ganz mit Kreuzen behangen war und bis zum Tode seinen Hut, der wie ein eiserner Topf war, nicht abnahm; so Wassilij der Nackte, der im kältesten Winter und im heißesten Sommer statt jeder Kleidung nur eiserne Ketten am Leibe und ein Tüchlein in der Hand trug ... »Nun stehen sie alle vor Gott, Schwester,« sagte Katherina, »sie frohlocken in der Schar seiner Heiligen, und ihre unverweslichen Gebeine ruhen in Särgen aus Zypressenholz und Silber in heiligen Domen neben den Särgen von Zaren und Bischöfen!« – »Warum gebärdet sich nicht auch Väterchen Rodion wie so ein Narr in Christo?« fragte Anna wieder. Und Katherina antwortete, daß er nicht dem Isaak, sondern dem Ssergej von Radonesch und den anderen Erbauern von Waldklöstern nacheifere. Väterchen Rodion, sagte sie, hat früher in einer alten, berühmten Einsiedelei sein Seelenheil gesucht, die an derselben Stätte errichtet war, wo einst im Waldesdickicht, in der Höhlung einer dreihundertjährigen Eiche ein großer Heiliger gelebt hatte; dort hätte er ein strenges Novizenleben geführt und die Mönchsweihen empfangen und zum Lohne für seine Bußtränen und die Grausamkeit gegen sein Fleisch die Himmelskönigin selbst schauen dürfen; er hätte das Gelübde der siebenjährigen Klausur und des siebenjährigen Schweigens bestanden, sich damit aber nicht zufriedengegeben, sondern das Kloster verlassen und sei – vor vielen, vielen Jahren – in unsere Wälder zurückgekehrt, hätte Schuhe aus Lindenbast und ein weißes Gewand aus grober Leinwand angezogen und ein schwarzes Schultertuch mit dem achtendigen Kreuz und der Darstellung des Schädels und der Gebeine Adams angelegt; er lebe von Wasser und rohen Kräutern allein, habe das Fensterchen seiner Hütte mit einem Heiligenbild verstellt, schlafe in einem Sarge und unter einer ewigen Lampe und werde um Mitternacht immer von heulenden Tieren und Scharen böser Gespenster und Teufel belagert ...

Mit fünfzehn Jahren, in dem Alter, wo ein Mädchen sonst Braut wird, verließ Anna für immer die Welt.

Der Frühling war in jenem Jahre früh und heiß. In den Wäldern gab es viel Beeren, das Gras reichte den Menschen bis an den Gürtel, und man begann schon um die Zelt der Petrifasten mit der Heuernte. Anna arbeitete mit großer Lust unter den Gräsern und Blumen; die Sonne bräunte sie, ihre Wangen glühten rot, das tief in die Stirn gerückte Tuch verdeckte ihre warmen Blicke. Einmal wand sich aber auf dem Heuschlage eine große schimmernde Schlange mit smaragdgrünem Kopf um ihr bloßes Bein. Anna ergriff die Schlange mit ihrer langen, schmalen Hand, riß diese eiskalte, glatte Schnur von sich und schleuderte sie weit weg; sie hob anbei nicht einmal die Augen, erschrak aber sehr und wurde weißer als Leinwand. Und Katherina sagte ihr: »Das war das dritte Zeichen, Schwester: fürchte die Versuchung der Schlange, denn es beginnt eine gefährliche Zeit für dich!« – Vor Angst oder vor diesen Worten war dann Annas Gesicht eine ganze Woche totenblaß. Am Vorabend des Petritages bat sie aber unerwartet um Erlaubnis, zur Abendmesse ins Kloster zu gehen; sie ging hin und blieb über Nacht dort, am Morgen wurde sie aber für würdig befunden, mit dem anderen Volke vor der Schwelle des Einsiedlers zu stehen. Er erwies ihr eine große Gnade: er erwählte sie aus der ganzen Menge und winkte sie zu sich heran. Sie trat aus seiner Zelle, den Kopf tief gesenkt, das halbe Gesicht mit dem Tuche bedeckt, das sie über die Glut ihrer Wangen geschoben, und fühlte in ihrer Verwirrung kaum die Erde unter ihren Füßen: er hatte sie ein auserwähltes Gefäß, ein Opfer für Gott genannt, zwei Wachskerzen entzündet, die eine selbst in die Hand genommen, die andere ihr gegeben und lange im Gebet vor dem Heiligenbilde gestanden; dann hatte er sie das Heiligenbild küssen lassen und zum Eintritt in das Kloster gesegnet. »Mein Glück, du unschuldiges Opfer!« hatte er ihr gesagt: »Sei eine himmlische Braut und keine irdische! Ich weiß, ich weiß, deine Schwester hat dich schon vorbereitet. Nun will auch ich, Sünder, mich darum bemühen«.

Im Kloster blieb Anna, der man bei der Einkleidung den Namen Aglaja gegeben, von der Welt und von ihrem eigenen Willen ihrem geistlichen Vater zuliebe abgeschieden, als Novizin dreiunddreißig Monate. And als der vierunddreißigste Monat zu Ende ging, gab sie ihren Geist auf.

Wie sie dort lebte und wie sie ihr Seelenhell suchte, weiß, da so viel Zeit vergangen ist, niemand genau. Aber im Gedächtnisse des Volkes ist doch manches geblieben ... Einmal gingen Wallfahrerinnen aus verschiedenen fernen Gegenden in das Waldgebiet, in dem Anna zur Welt gekommen war. Sie begegneten am Flusse, über den sie sich hinübersetzen lassen mußten, einem Pilger, einem von denen, die immer von einer heiligen Stätte zur anderen wandern. Er war abgerissen und sah unansehnlich und sogar lächerlich aus, da seine Augen unter dem alten städtischen steifen Hut mit einem Tuche verbunden waren. Die Weiber erkundigten sich bei ihm nach dem Wege zur Einsiedelei Rodions und nach Rodion selbst und nach Anna. Er antwortete ihnen: »Schwestern, ich weiß zwar selbst nicht viel, aber ich kann mit euch doch darüber sprechen, denn ich bin eben in der Gegend gewesen; ich komme euch wohl etwas unheimlich vor, und ich wundere mich nicht darüber, denn ich stoße viele ab: wenn einer zu Fuß oder zu Pferde des Weges zieht und einem Wanderer im Walde begegnet, der ganz allein mit verbundenen Augen geht und dabei Psalmen singt, so ist es ihm natürlich nicht ganz geheuer; aber was soll ich machen: meiner großen Sünden wegen habe ich viel zu gierige und schnelle Augen und einen so durchdringenden Blick, daß ich selbst bei Nacht alles wie eine Katze sehe; ich sehe viel zu viel, weil ich nicht mit anderen Menschen, sondern meine eigenen Wege gehe; so beschloß ich, meinen körperlichen Blick etwas zu dämpfen ...« Dann sagte er ihnen, wie viel sie nach seiner Berechnung noch zu gehen hatten, durch welche Gegenden sie kommen würden, wo sie rasten und übernachten sollten und wie das Kloster beschaffen sei:

»Zuerst«, sagte er, »kommt ihr in das Kirchdorf am Heiligen See, dann in das Dorf, wo Anna geboren wurde, und dann werdet ihr einen anderen See erblicken, der zum Kloster gehört; er ist nicht tief, aber recht groß, und ihr werdet in einem Boot hinüberfahren müssen. Und wo ihr landet, da ist es gar nicht mehr weit zum Kloster. Auch auf dem anderen Ufer sind Wälder ohne Ende, durch den Wald hindurch schimmern aber wie gewöhnlich die Klostermauern, die Kirchenkuppeln, die Zellen und Herbergen...«

Dann erzählte er ihnen lange vom Leben Rodions, von der Kindheit und Jugend Annas und schließlich auch von ihrem Aufenthalte im Kloster.

»Ihr Aufenthalt war, ach, gar nicht lang!« sagte er. »Nur drei Jahre rettete sie da ihr Seelenheil. Im Ausgang des dritten Jahres verschied sie aber ... Ihr sagt, es sei schade um diese Schönheit und Jugend? Uns Dummen tut es natürlich leid. P. Rodion wußte aber wohl gut, was er tat. So war er ja zu allen: freudig, sanft und freundlich, dabei aber unbeugsam bis zur Grausamkeit, besonders aber gegen Anna. Ich bin, meine lieben Frauen, auch an der Stätte ihrer letzten Ruhe gewesen ... Ein langer, schöner Grabhügel, ganz mit Gras bewachsen und grün ... Ich verhehle es nicht: dort, auf dem Grabe ist es mir eingefallen, mir die Augen zu verbinden, Aglajas Beispiel hat mich auf diesen Gedanken gebracht: ihr müßt wissen, daß sie während ihres ganzen Aufenthaltes im Kloster kein einziges Mal die Augen gehoben hat: wie sie sie einmal verhüllt hatte, so blieb es auch für immer; auch war ihre Rede so karg und ausweichend, daß P. Rodion selbst darüber staunte. Es war ihr wohl aber nicht leicht, dieses Gelübde auf sich zu nehmen – für immer auf die Erde und das Menschengesicht zu verzichten! Sie versah im Kloster die allerschwerste Arbeit und stand alle Nächte aufrecht im Gebet. P. Rodion liebte sie dafür auch über alles, sagen die Leute! Er zeichnete sie vor allen anderen aus, ließ sie jeden Tag in seine Hütte ein, führte mit ihr lange Gespräche über den künftigen Ruhm des Klosters und enthüllte ihr sogar seine Gesichte, natürlich unter strengstem Schweigegebot. Und sie verbrannte wie eine Kerze in kürzester Zeit... Ihr seufzt und jammert schon wieder? Ich gebe zu, daß es betrüblich ist! Aber ich will euch noch mehr sagen: zum Lohne für ihre große Demut, für ihre Abkehr von der Welt, die sie nicht mehr sah, für das Schweigen und für ihre großen Mühen tat er etwas Unerhörtes: im Ausgange des dritten Jahres gab er ihr die höchsten Nonnenweihen und rief sie dann, nach langem Beten und heiligen Überlegungen, in einer schrecklichen Stunde zu sich und befahl ihr, den Tod zu empfangen. Ja, so sprach er zu ihr: ›Mein Glück, die Zeit ist für dich gekommen! Bleibe in meinem Gedächtnis ebenso schön, wie du jetzt vor mir stehst: gehe zu Gott!‹ – Und was glaubt ihr? Am nächsten Tage verschied sie. Sie legte sich nieder, loderte wie eine Flamme auf und verschied. Er hatte sie allerdings getröstet und ihr vor ihrem Hinscheiden offenbart, daß, da sie in den ersten Tagen ihres Noviziats einiges von seinen geheimen Gesprächen nicht für sich zu behalten vermocht hatte, nur ihre Lippen allein verwesen würden. Er spendete Silber für ihre Bestattung, Kupfergeld zur Verteilung an die Armen bei ihrer Beerdigung, einen Bund Kerzen für die vierzig Tage, eine gelbe Wachskerze zu ihrem Sarg und auch den Sarg selbst – einen runden, aus einem Eichenstamme ausgehöhlten. Mit seinem Segen legte man sie, die Feine, ungewöhnlich Lange in jenen Sarg, mit aufgelösten Haaren, in zwei Totenhemden, einer weißen, schwarz umgürteten Kutte und einem schwarzen Mantel mit weißen Kreuzen darüber; man setzte ihr ein goldgesticktes Käppchen aus grünem Samt auf und darüber die Kapuze; dann hüllte man sie in ein blaues Tuch mit Fransen und gab ihr einen ledernen Rosenkranz in die Hände ... Mit einem Worte, man schmückte sie wunderschön! Und doch geht ein verleumderisches, böses Gerücht, meine lieben Frauen, sie habe gar nicht sterben wollen, aber ganz und gar nicht! Als sie in solcher Jugend und Schönheit sterben mußte, verabschiedete sie sich, sagt man, unter Tränen von allen Leuten und sagte laut zu allen: ›Verzeiht mir!‹ Dann hätte sie die Augen geschlossen und deutlich gesagt: ›Auch gegen dich, Mutter Erde, habe ich mit Leib und Seele gesündigt, wirst du es mir verzeihen?‹ Diese Worte sind aber schrecklich: mit der Stirne die Erde berührend, pflegten solche Worte im alten Rußland die Leute in ihrem Bußgebet am Vorabend von Pfingsten, dem heidnischen Feste der Nixen zu sprechen.«

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