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Der russische Christ

: Der russische Christ - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenarrative
authorVerschiedene
titleDer russische Christ
publisherDrei Masken Verlag
editorAlexander Eliasberg
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firstpub
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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F. M. Dostojewskij

Aus der Lebensgeschichte des in Gott verschiedenen Hieromonachen, des Starez Sossima, zusammengestellt nach seinen eigenen Worten von Alexej Fjodorowitsch Karamasow

A. Vom Jüngling, dem Bruder des Starez Sossima

Geliebte Väter und Lehrer, ich wurde in einem fernen nördlichen Gouvernement, in der Stadt W. als Sohn eines adligen, aber weder sehr vornehmen, noch im Range hochstehenden Vaters geboren. Er hatte meiner Mutter ein kleines hölzernes Haus und einiges Vermögen hinterlassen, das zwar nicht groß, aber hinreichend war, um sie mit den Kindern zu ernähren. Mütterchen hatte zwei Kinder: mich, Sinowij und meinen älteren Bruder, Markell. Er war etwa acht Jahre älter als ich, heftig und reizbar, aber gut, gar nicht spöttisch und merkwürdig schweigsam, besonders zu Hause, im Umgange mit mir, mit der Mutter und mit den Dienstboten. Im Gymnasium lernte er gut, schloß sich aber keinem seiner Mitschüler an, obwohl er sich mit ihnen auch nicht zankte; so berichtete wenigstens unsere Mutter von ihm. Sin halbes Jahr vor seinem Tode, als er schon das siebzehnte Lebensjahr erreicht hatte, pflegte er oft einen einsam in unserer Stadt lebenden Menschen zu besuchen, der als politischer Verbrecher angesehen wurde und wegen seiner Freigeistigkeit aus Moskau in unsere Stadt verbannt worden war. Dieser Verbannte war kein geringer Gelehrter und ein bedeutender Philosoph an der Universität gewesen. Aus irgendeinem Grunde gewann er meinen Bruder Markell lieb und empfing ihn bei sich. Der Jüngling verbrachte bei ihm ganze Abende, den ganzen Winter lang, bis man den Verbannten auf seine eigene Bitte nach Petersburg in den Staatsdienst zurückrief, denn er hatte Protektion. Es begannen die großen Fasten, Markell wollte aber nicht fasten, lästerte und spottete: »Das ist alles Unsinn, denn es gibt keinen Gott.« Damit erschreckte er die Mutter und die Dienstboten, und auch mich trotz meines kindlichen Alters; ich war zwar erst neun Jahre alt, erschrak aber sehr, als ich diese seine Worte hörte. Unsere Dienstboten waren lauter Leibeigene, vier Seelen, die mir auf den Namen eines uns bekannten Gutsbesitzers gekauft hatten. Ich erinnere mich noch, wie Mütterchen eine von diesen vier, die Köchin Afimja, eine hinkende ältere Frau, für sechzig Rubel in Assignaten verkaufte und an ihre Stelle eine freie Dienstmagd nahm. In der sechsten Woche der Fasten wurde mein Bruder plötzlich krank; er war aber immer kränklich, brustleidend, von einer schwächlichen Konstitution und zur Schwindsucht geneigt gewesen; von Wuchs war er nicht klein, aber schmächtig und schwächlich, dabei recht hübsch. Vielleicht hatte er sich erkältet, aber der Doktor, der gerufen wurde, flüsterte Mütterchen sofort zu, daß es die galoppierende Schwindsucht sei, und daß er den Frühling wohl nicht mehr erleben würde. Die Mutter fing zu weinen an und bat den Bruder mit Vorsicht (um ihn nicht zu erschrecken), er möchte sich auf die Beichte vorbereiten und das heilige Abendmahl empfangen, denn er lag damals noch nicht. Als er das hörte, wurde er böse, beschimpfte die Kirche Gottes, wurde jedoch nachdenklich: er erriet sofort, daß er gefährlich krank sei und daß die Mutter ihn nur darum in die Kirche schicke, solange er noch die Kraft habe, sich auf die Beichte und auf das Abendmahl vorzubereiten. Er wußte übrigens auch selbst, daß er seit langem krank war, und hatte schon einmal ein Jahr vorher der Mutter und mir bei Tisch kaltblütig gesagt: »Ich bleibe nicht mehr lange bei euch auf dieser Erde, vielleicht sterbe ich noch in diesem Jahre;« diese Worte waren prophetisch. Es vergingen drei Tage, und es begann die Karwoche. Da fing mein Bruder am Dienstag an, zu fasten und in die Kirche zu gehen. »Ich tue es eigentlich nur Ihretwegen, Mütterchen, um Ihnen Freude zu machen und Sie zu beruhigen«, sagte er ihr. Die Mutter weinte vor Freude, aber auch vor Kummer: »Sein Ende ist wohl nahe,« sagte sie, »wenn mit ihm eine solche Wandlung geschehen ist.« Er ging aber nicht mehr lange in die Kirche, so daß die Beichte und das Abendmahl im Hause vollzogen wurden. Es waren heitere, klare, duftende Tage angebrochen, es war ein spätes Osterfest, jede Nacht hustete er, wie ich mich erinnere, und schlief schlecht, kleidete sich aber jeden Morgen an und versuchte sich in einen weichen Sessel zu setzen. So blieb er mir in Erinnerung: er sitzt still und mild da, lächelt, ist ganz krank, das Gesicht ist aber freudig und lustig. Seelisch hatte er sich ganz verändert – eine so wunderbare Wandlung hatte sich in ihm vollzogen! Die alte Kinderfrau kommt zu ihm ins Zimmer und bittet: »Erlaube, Liebster, daß ich bei dir vor dem Heiligenbild das Lämpchen anzünde.« Früher hatte er das niemals geduldet, hatte das Lämpchen sogar ausgeblasen. – »Zünde es nur an, Liebste, zünde es an. Ich war ein Ungeheuer, daß ich es euch früher wehrte. Wenn du das Lämpchen vor Gott anzündest, betest du, und ich bete, wenn ich mich über dich freue, so beten wir zum gleichen Gott.« Sonderbar erschienen uns diese Worte. Die Mutter ging oft auf ihr Zimmer und weinte immerfort; nur bevor sie zu ihm eintrat, wischte sie sich die Augen ab und machte ein frohes Gesicht. »Mütterchen, Liebste, weine nicht,« pflegte er ihr zu sagen, »ich werde noch lange mit euch leben, werde mich viel mit euch freuen, das Leben, das Leben ist so voller Lust und Freude!« – »Ach, Liebster, was ist denn das für eine Freude, wenn du die ganze Nacht im Fieber liegst und so hustest, daß dir beinahe die Brust zerspringt.« – »Mama,« antwortete er ihr, »weine nicht, das Leben ist ein Paradies, und wir alle sind im Paradies, wir wollen es nur nicht wissen; aber wenn wir es begreifen wollten, so würde morgen auf der ganzen Welt das Paradies sein.« Und alle staunten über seine Worte: so sonderbar und so überzeugt sagte er das alles; alle weinten vor Rührung. Wenn Bekannte zu uns kamen, so sagte er: »Ihr Lieben, Teuren, wodurch habe ich es verdient, daß ihr mich liebt? Wofür liebt ihr mich, der ich solch ein Mensch bin, und warum habe ich es nicht früher gewußt und geschätzt!« Den eintretenden Dienstboten sagte er jeden Augenblick: »Meine Lieben, Teuren, warum dient ihr mir, bin ich es denn wert, daß ihr mir dient? Wenn Gott sich meiner erbarmt und mich am Leben läßt, so werde ich selbst euch dienen, denn alle Menschen müssen einander dienen.« Wenn Mütterchen das hörte, schüttelte sie den Kopf und sagte: »Mein Lieber, das kommt von deiner Krankheit, daß du so sprichst!« – »Mama, du meine Freude, es geht wohl nicht, daß es keine Diener und keine Herren gäbe, aber dann will ich der Diener meiner Diener sein, so wie sie meine Diener sind. Ich will dir auch noch dieses sagen, Mütterchen: ein jeder von uns ist in allen Dingen vor allen schuldig, und ich bin es noch mehr als die andern.« Mütterchen lächelte sogar über diese Worte; sie weinte und lächelte. »Warum«, sagte sie, »bist du schuldiger als die andern? Da gibt es Mörder und Missetäter; wann hast du aber Zeit gehabt, so viel zu sündigen, daß du dich mehr als alle anklagst?« – »Mütterchen, mein Bluttröpfchen (er fing damals an, so ganz ungewohnte Koseworte zu gebrauchen), du mein liebes Bluttröpfchen, meine Freude, wisse, daß ein jeder in allem und vor allen in Wahrheit schuldig ist. Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll, aber ich fühle mit Schmerzen, daß es so ist. Wie haben wir nur so leben und immer zürnen können und haben es nicht gewußt?« So erhob er sich jeden Morgen von seinem Lager, jeden Morgen von größerer Rührung und Freude erfüllt und ganz vor Liebe zitternd. Wenn der alte Doktor, der Deutsche Eisenschmied, zu uns kam, scherzte er mit ihm: »Nun, Doktor, werde ich noch einen Tag auf dieser Welt leben?« – »Nicht nur einen Tag, sondern viele Tage werden Sie noch leben,« pflegte ihm der Doktor zu antworten, »Monate und Jahre werden Sie noch leben.« – »Ach, was, Jahre und Monate!« rief er dann aus: »Was soll man die Tage zählen; ein einziger Tag genügt dem Menschen, um das ganze Glück zu erfahren. Meine Lieben, was streiten wir uns, was prahlen wir voreinander und denken an jede Kränkung: wollen mir doch einfach in den Garten gehen, wollen wir lustwandeln und spielen, einander lieben und preisen, uns küssen und unser Leben segnen.« – »Ihr Sohn bleibt nicht mehr lange am Leben,« sagte der Doktor zur Mutter, wenn sie ihn auf die Treppe begleitete; »er wird vor Krankheit wahnsinnig.« Die Fenster seines Zimmers gingen nach dem Garten, wir hatten einen schattigen Garten mit alten Bäumen, die Bäume waren voller Knospen, die ersten Frühlingsvögel kamen geflogen und zwitscherten und sangen vor seinen Fenstern. Indem er sie mit Freude ansah, fing er plötzlich an, sie um Verzeihung zu bitten: »Ihr Vöglein Gottes, ihr frohen Vöglein, verzeiht mir, denn ich habe auch vor euch gesündigt.« Das konnte aber niemand von uns verstehen, doch er weinte vor Freude: »Ja,« sagte er, »es war Gottes Pracht um mich herum: Vöglein, Bäume, Wiesen, der Himmel, und ich allein habe in Schande gelebt, ich allein habe alles geschändet und die Schönheit und Pracht gar nicht bemerkt.« – »Du nimmst viel zu viel Sünden auf dich,« sagte ihm die Mutter weinend darauf. – »Mütterchen, meine Freude, ich weine doch vor Lust und nicht vor Kummer; ich möchte ja selbst vor ihnen allen schuldig sein, ich kann es dir nur nicht erklären, denn ich weiß gar nicht, wie ich sie lieben soll. Mag ich vor allen schuldig sein, dafür werden mir aber auch alle verzeihen, und das ist das Paradies. Bin ich denn jetzt nicht im Paradies?«

Vieles sagte er noch, aber an alles kann ich mich nicht mehr erinnern und kann auch alles nicht aufzeichnen. Ich entsinne mich noch: einmal trat ich allein zu ihm ins Zimmer, als niemand bei ihm war. Es war eine heitere Abendstunde, die Sonne ging unter und beleuchtete das ganze Zimmer mit einem schrägen Strahl. Als er mich sah, winkte er mich zu sich heran, und ich kam näher; er faßte mich mit beiden Händen an den Schultern, sah mir gerührt und liebevoll ins Gesicht, sagte aber nichts, sah mich nur eine Weile so an. Dann sagte er: »Jetzt geh, spiele, lebe an meiner Statt!« Ich ging hinaus und spielte. In meinem späteren Leben gedachte ich oft unter Tränen, wie er mir befohlen hatte, an seiner Statt zu leben. Er sprach noch viele solche wunderbare und herrliche, wenn auch uns damals unverständliche Worte. Er verschied in der dritten Woche nach Ostern, bei vollem Bewußtsein. In den letzten Tagen sprach er zwar nicht mehr, veränderte sich aber bis zu seiner letzten Stunde nicht: er blickte freudig, aus seinen Augen strahlte die Freude, er suchte uns mit den Blicken, lächelte uns zu und rief uns. Über seinen Tod sprach man sogar in der Stadt. Dies alles hatte mich damals erschüttert, aber nicht allzusehr, obwohl ich bei seiner Beerdigung viel weinte. Ich war damals nach jung und ein Kind, aber alles blieb unauslöschlich in meinem Herzen, das Gefühl barg sich tief in meiner Brust. Dies alles mußte einmal auferstehen und seine Stimme erheben. Und so geschah es auch.

B. Von der Heiligen Schrift im Leben des Starez Sossima

So war ich mit meinem Mütterchen allein geblieben. Die guten Bekannten kamen bald mit ihrem Rat: »Ihnen ist ja noch ein Söhnchen geblieben, und sie sind nicht arm, haben ein Kapital – warum sollen Sie nicht, wie es die anderen tun, Ihren Sohn nach Petersburg schicken? Wenn Sie hier bleiben, so berauben Sie ihn vielleicht seines Glückes.« So gerben sie Mütterchen den Gedanken ein, mich nach Petersburg in das Kadettenkorps zu bringen, damit ich später in die kaiserliche Garde eintrete. Mütterchen schwankte einige Zeit: wie trennt man sich von seinem einzigen Sohne? Zuletzt entschloß sie sich aber dazu, wenn auch nicht ohne Tränen, denn sie glaubte, auf diese Weise mein Glück zu fördern. Sie brachte mich nach Petersburg und gab mich ins Kadettenkorps; seitdem sah ich sie nicht mehr, denn nach drei Jahren starb sie selbst; die ganzen drei Jahre hatte sie aber uns beide beweint und für mich gezittert. Aus dem Elternhause habe ich die kostbarsten Erinnerungen mitgenommen, denn der Mensch hat keine kostbareren Erinnerungen, als die der ersten Kindheit im Elternhause, und das ist fast immer so, wenn es in der Familie auch nur ein wenig Liebe und Einigkeit gibt. Man kann sogar selbst aus der schlechtesten Familie kostbare Erinnerungen bewahren, wenn nur die Seele fähig ist, das Kostbare zu suchen. Zu den häuslichen Erinnerungen zähle ich auch die Erinnerungen an die Biblische Geschichte, für die ich mich im Elternhause schon als kleines Kind interessierte. Ich hatte damals ein Buch, eine Biblische Geschichte mit schönen Bildern, mit dem Titel: »Einhundertundvier biblische Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament,« und aus diesem Buche lernte ich lesen. Ich habe es auch heute noch auf meinem Bücherbrett liegen und verwahre es als kostbares Andenken. Aber noch bevor ich das Lesen erlernt hatte, überkam mich einmal, als ich erst acht Jahre alt war, eine geistige Erleuchtung. Mütterchen führte mich einmal allein (ich weiß nicht mehr, wo mein Bruder damals war) am Montag in der Karwoche zur Messe in die Kirche Gottes. Es war ein heiterer Tag, und ich erinnere mich heute noch, wie aus dem Räucherfaß der Weihrauch aufstieg und leise in die Höhe schwebte, von oben aber, aus dem schmalen Fensterchen in der Kuppel die Strahlen Gottes sich über uns ergossen und der Weihrauch, in Wolken aufsteigend, in ihnen gleichsam schmolz. Ich blickte gerührt und nahm zum erstenmal in meinem Leben das erste Samenkorn des Wortes Gottes in meine Seele auf. In die Mitte der Kirche trat ein Knabe mit einem großen Buche, einem so großen, daß er, wie mir schien, es mit Mühe trug; er legte es aufs Pult, schlug es auf und begann zu lesen, und plötzlich begriff ich etwas, begriff zum erstenmal in meinem Leben, was in der Kirche Gottes gelesen wird. Es war ein Mann im Lande Uz, schlecht und recht und gottesfürchtig, und er besaß großen Reichtum, so und so viele Kameele, so und so viele Schafe und Esel, und seine Söhne lebten in Freuden, und er liebte sie sehr und betete zu Gott für sie; vielleicht sündigten sie in ihrem Wohlleben. Und es kam der Satan zugleich mit den Kindern Gottes vor den Thron Gottes und sprach zum Herrn und sagte, er hätte das Land umher gezogen. »Hast du nicht acht gehabt auf meinen Knecht Hiob?« fragte ihn der Herr. Und der Herr rühmte sich vor dem Satan, indem er auf seinen großen, heiligen Knecht wies. Und der Satan lachte über die Worte des Herrn: »Überliefere ihn mir, und du wirst sehen, daß dein Knecht murren und deinen Namen verfluchen wird.« Und der Herr überlieferte dem Satan seinen Gerechten, den er so liebte, und der Teufel ging hin und schlug seine Kinder und sein Vieh, und vernichtete seinen ganzen Reichtum wie durch einen Sturmwind Gottes. Und Hiob zerriß sein Kleid und fiel auf die Erde, und betete an und sprach: »Ich bin nackend von meiner Mutter Leibe gekommen, nackend werde ich wieder dahin fahren. Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobet!« Meine Väter und Lehrer, verzeiht meine jetzigen Tränen, denn meine ganze Kindheit ersteht jetzt wieder vor mir, und ich atme, wie ich damals mit meiner achtjährigen Brust geatmet habe, und ich fühle wie damals Erstaunen, Bestürzung und Freude. Auch die Kameele beschäftigten damals meine Gedanken, und der Satan, wie er mit dem Herrn sprach, und der Herr, der seinen Knecht dem Verderben überlieferte, und sein Knecht, welcher rief: »Dein Name sei gelobet, obwohl du mich schlägst!« – und dann der leise und süße Gesang in der Kirche: »Mein Gebet werde erhöret«, und wieder der Weihrauch aus dem Räucherfasse des Priesters und das Gebet auf den Knieen. Seit damals – sogar gestern nahm ich sie wieder zur Hand – kann ich diese heilige Erzählung nicht ohne Tränen lesen. Wieviel Großes, Geheimes, Unfaßbares liegt darin! Später hörte ich die Worte der Spötter und Lästerer, hochmütige Worte: »Wie konnte bloß der Herr den liebsten seiner Heiligen dem Satan zum Spiel überliefern, ihm seine Kinder nehmen, ihn selbst mit einer Krankheit und mit bösen Schwären so schlagen, daß er einen Scherben nahm, um sich zu schaben; und das nur, um vor dem Satan prahlen zu können: »Sieh, was mein Heiliger um meinetwillen leiden kann!« Das ist eben so groß, daß hier ein Geheimnis ruht, daß das vergängliche irdische Gesicht und die ewige Wahrheit sich hier berühren. Vor dem Antlitze der irdischen Wahrheit vollzieht sich hier die ewige Wahrheit. Wie in den ersten Tagen der Schöpfung, als Er jeden Tag mit dem Lobe schloß: »Siehe, es ist gut!«, sieht der Schöpfer Hiob an und rühmt sich wieder seiner Schöpfung. Und Hiob dient, indem er Gott lobt, nicht nur Ihm, sondern seiner ganzen Schöpfung von Geschlecht zu Geschlecht, in alle Ewigkeit, denn dazu war er ausersehen. Mein Gott, was ist das für ein Buch, und was für Lehren schöpft man daraus! Was für ein Buch ist doch diese Heilige Schrift, was für ein Wunder und was für eine Kraft sind dem Menschen mit ihr gegeben! Es ist wie eine aus Stein gemeißelte Darstellung der Welt und des Menschen und der menschlichen Charaktere, und alles ist benannt und in alle Ewigkeit gezeigt. Und wie viele ungelöste und gelöste Geheimnisse: der Herr richtet Hiob wieder auf, gibt ihm seinen Reichtum wieder, es vergehen viele Jahre, und Hiob hat schon neue Kinder, die er liebt. Mein Gott: Wie kann er bloß diese Neuen liebgewinnen, wenn jene, die er verloren hat, nicht mehr sind? Wenn er sich jener erinnert, kann er denn mit diesen Neuen vollkommen glücklich sein, und wenn sie ihm auch noch so teuer sind? Aber das ist möglich, möglich: der alte Schmerz geht durch das große Geheimnis des menschlichen Lebens allmählich in eine stille fromme Freude über; an Stelle des jugendlichen heißen Blutes kommt das milde, heitere Alter; ich segne den täglichen Aufgang der Sonne, und mein Herz lobpreist ihn wie früher; aber noch mehr liebe ich jetzt ihren Untergang, ihre langen schrägen Strahlen und mit ihnen die stillen, sanften, frommen Erinnerungen, die lieben Bilder des ganzen langen und gesegneten Lebens, und über allem leuchtet die rührende, versöhnende, allverzeihende Wahrheit Gottes! Mein Leben geht zu Ende, ich weiß und höre es, aber ich fühle es mit jedem mir noch bleibenden Tage, wie mein irdisches Leben sich mit einem neuen, unendlichen, unbekannten aber nahen kommenden Leben berührt, in dessen Vorahnung meine Seele vor Entzücken zittert, der Geist leuchtet und das Herz freudig weint ... Meine Freunde und Lehrer, ich habe mehr als einmal gehört und höre in der letzten Zeit immer öfter, daß bei uns die Priester Gottes, besonders die auf dem Lande, sich bitter über ihren geringen Unterhalt und ihre Erniedrigung beklagen und offen erklären, sogar in den Zeitungen – ich habe es selbst gelesen – daß sie dem Volke die Schrift nicht mehr auslegen können, weil ihr Gehalt zu gering sei; wenn die Lutherischen und die Ketzer kommen und ihnen ihre Herde abspenstig machen, so möchten sie es nur tun, denn ihr Gehalt sei zu gering. Mein Gott! Ich denke mir: Möge Gott doch ihr Gehalt, das ihnen so kostbar ist, vermehren (denn ihre Klage ist berechtigt), aber ich sage in Wahrheit: wenn jemand schuld ist, so sind wir es zur Hälfte selbst! Denn mag der Priester keine Zeit haben, mag sein Einwand gerecht sein, daß er von seiner Arbeit und den Amtspflichten erdrückt werde; aber doch nicht die ganze Zeit: er muß doch wenigstens eine Stunde in der Woche haben, um an Gott zu denken. Seine Arbeit dauert auch nicht das ganze Jahr. Soll er doch wenigstens einmal in der Woche zuerst nur die Kinder bei sich versammeln; wenn es die Väter hören, so werden auch die Väter zu ihm kommen. Man braucht auch keinen Palast dazu zu errichten, er kann sie einfach in seiner Stube empfangen; er braucht auch nicht zu fürchten, daß sie ihm seine Stube verunreinigen; sie kommen doch bloß für eine Stunde. Er schlage das Buch auf und beginne, ohne allzu kluge Worte und ohne Hochmut, ohne Überhebung, sondern fromm und mild zu lesen, von der Freude erfüllt, daß er ihnen vorliest und sie ihm zuhören und ihn verstehen; er liebe selbst diese Worte, mache nur hier und da eine Unterbrechung und erkläre manches dem einfachen Manne unverständliche Wort; er kann unbesorgt sein: sie werden alles begreifen, alles wird ins rechtgläubige Herz eindringen! Er lese ihnen von Abraham und Sarah, von Isaak und Rebekka, und wie Jakob zu Laban ging und im Schlafe mit dem Herrn rang und wie er sagte: »Wie heilig ist diese Stätte!« – und er wird damit den einfachen frommen Geist des einfachen Mannes erschüttern. Er lese ihnen, besonders den Kindern, wie die Brüder ihren leiblichen Bruder, den lieben Jüngling Joseph, den Traumdeuter und Propheten in die Knechtschaft verkauften, dem Vater aber sagten, ein wildes Tier habe seinen Sohn zerrissen, und ihm den blutbefleckten Rock Josephs zeigten. Er lese, wie die Brüder später nach Ägypten kamen, um Getreide zu kaufen, und Joseph, der schon ein mächtiger Statthalter war, den sie nicht erkannten, sie quälte, verleumdete und den Bruder Benjamin zurückhielt, und das alles aus Liebe: »Ich liebe euch und quäle euch, weil ich euch liebe.« Denn er hatte sein ganzes Leben lang ununterbrochen daran gedacht, wie sie ihn in der glühenden Wüste beim Brunnen den Händlern verkauft hatten und wie er händeringend geweint und seine Brüder angefleht hatte, ihn nicht in die Knechtschaft in ein fremdes Land zu verkaufen; als er sie aber nach so vielen Jahren wiedersah, fühlte er wieder eine große Liebe zu ihnen, aber er quälte sie und peinigte sie, und das alles aus Liebe. Endlich kann er seine Herzensqual nicht mehr ertragen, er geht von ihnen, wirft sich auf sein Lager und weint; dann wäscht er sich sein Gesicht, tritt heiter und leuchtend vor sie und verkündet ihnen: »Brüder, ich bin Joseph, euer Bruder!« Er lese dann weiter, wie der alte Jakob sich freute, als er erfuhr, daß sein lieber Junge noch lebe, wie er sein Vaterland verließ und nach Ägypten zog und wie er in der Fremde starb, nachdem er in seinem Vermächtnis das größte Wort für alle Ewigkeit ausgesprochen, das Wort, das während seines ganzen Lebens geheimnisvoll in seinem kurzsichtigen und furchtsamen Herzen gewohnt hatte; daß aus seinem Geschlechte, von Judas die große Hoffnung der Welt, der Friedensbringer und Heiland kommen würde! Meine Väter und Lehrer, verzeiht und zürnt mir nicht, daß ich wie ein kleines Kind von diesen Dingen spreche, die ihr schon längst kennt und die ihr mich hundertmal kunstvoller und schöner lehren könntet. Ich sage das nur aus Begeisterung, und verzeiht mir meine Tränen, denn ich liebe dieses Buch! Soll auch er, der Priester Gottes weinen, und er wird sehen, wie die Herzen der Zuhörer erzittern werden. Es genügt ein kleines, winziges Samenkorn: wenn man es in die Seele des einfachen Mannes wirft, so wird es nicht verderben, sondern in der Seele sein ganzes Leben lang bleiben und in ihm in der Finsternis, im Gestank seiner Sünden als ein leuchtender Punkt, als eine große Ermahnung fortleben. Und es ist gar nicht nötig, gar nicht nötig, viel zu erklären und zu lehren – er wird alles einfach begreifen. Glaubt ihr, der einfache Mann werde es nicht verstehen? Versucht doch und lest ihm ferner die rührende und ergreifende Geschichte von der schönen Esther und der hochmütigen Vasthi; oder die wunderbare Sage vom Propheten Jonas im Bauche des Walfisches. Vergeßt auch nicht die Gleichnisse des Herrn, vorzugsweise nach dem Evangelium Lukas (so habe ich es gemacht), und dann aus der Apostelgeschichte die Bekehrung Sauls (dieses unbedingt, unbedingt!), und schließlich aus der Heiligenlegende wenigstens die Lebensgeschichte Alexejs des Mannes Gottes und der allergrößten, freudevollen Dulderin, der Gottseherin und Heilandträgerin, der Ägyptischen Maria – und ihr werdet mit diesen einfachen Erzählungen sein Herz durchdringen – und das alles in einer Stunde in der Woche, trotz des geringen Gehaltes, in einer einzigen Stunde. Und der Priester wird selbst sehen, daß unser Volk barmherzig und dankbar ist, und daß es ihm hundertfältig danken wird; eingedenk des Eifers des Priesters und seiner frommen Worte wird es ihm freiwillig auf seinem Acker helfen, wird ihm auch in seinem Hause helfen, es wird ihm viel mehr Achtung zollen als früher, und so wird sein Gehalt vergrößert werden. Diese Sache ist so einfach, daß wir zuweilen fürchten, es auszusprechen, denn man wird uns auslachen, und doch ist sie so wahr und sicher! Wer an Gott nicht glaubt, der wird auch an das Volk Gottes nicht glauben. Wer aber an das Volk Gottes glaubt, der wird auch die Helligkeit Gottes schauen, auch wenn er an sie bisher nicht geglaubt hat. Nur das Volk und seine künftige Kraft wird unsere von der heimatlichen Erde losgerissenen Atheisten bekehren. Was bedeutet auch das Wort Christi ohne ein Beispiel? Das Volk muß ohne das Wort Gottes zugrunde gehen, denn seine Seele lechzt nach dem Worte und nach jedem schönen Eindruck. In meiner Jugend, es ist schon lange her, beinahe vierzig Jahre, durchwanderte ich mit P. Ansim ganz Rußland, um Spenden für das Kloster zu sammeln; einmal übernachteten wir mit Fischern am Ufer eines großen schiffbaren Flusses, und zu uns setzte sich ein wohlgestalteter Jüngling aus dem Bauernstande, dem Aussehen nach achtzehnjährig; er eilte an einen gewissen Ort, um am nächsten Morgen eine Kaufmannsbarke an der Leine zu schleppen. Ich sehe, er blickt andächtig und heiter vor sich hin. Die Julinacht ist hell, still und warm, der Strom ist breit, ein Nebel steigt von ihm auf und erfrischt uns, ab und zu plätschert darin leise ein Fischchen, die Vöglein sind verstummt, alles ist still und herrlich, alles betet zu Gott. Nur wir beide schlafen nicht, ich und der Jüngling; wir sprechen von der Schönheit dieser Gotteswelt und von ihrem großen Geheimnis. Jeder Grashalm, jedes Käferchen, jede Ameise und jede goldene Biene, alle kennen, ohne Vernunft zu besitzen, erstaunlich gut ihren Weg, alle zeugen von dem Geheimnisse Gottes und erfüllen es ununterbrochen selbst; ich sehe, daß das Herz des lieben Jünglings entbrannt ist. Er erzählt mir, daß er den Wald liebe und die Vöglein des Waldes; er sei Vogelfänger gewesen, hätte jedes Gezwitscher gekannt und jedes Vöglein anzulocken verstanden. »Ich kenne nichts Schöneres,« sagte er mir, »als im Walde zu sein, aber auch alles andere ist schön.« – »Wahrlich,« antwortete ich ihm, »alles ist schön und herrlich, denn alles ist die Wahrheit, schau nur das Pferd an,« sagte ich ihm, »das große Tier, das dem Menschen nahesteht, oder den Ochsen, der den Menschen ernährt und für ihn arbeitet, den nachdenklichen Ochsen mit dem gesenkten Kopf, schau ihre Gesichter an: welche Sanftmut, welche Anhänglichkeit an den Menschen, der das Tier oft erbarmungslos schlägt, welch eine Gutmütigkeit, Zutraulichkeit und Schönheit in diesen Gesichtern. Es ist sogar rührend zu wissen, daß gar keine Sünde in ihnen ist, denn alles ist vollkommen, alles außer dem Menschen ist sündlos, und Christus ist mit ihnen eher als mit uns.« – »Ist denn auch mit ihnen Christus?« fragte der Jüngling. – »Wie könnte es denn anders sein,« antwortete ich ihm, »denn für alle ist das Wort; die ganze Schöpfung und jede Kreatur, jedes Blatt strebt zum Wort, singt die Ehre Gottes, weint zu Christo und tut es, sich selbst unbewußt, durch das Geheimnis seines sündenlosen Daseins. Da haust im Walde der schreckliche Bär,« sage ich ihm, »er ist wild und grausam und doch unschuldig daran.« Und ich erzähle ihm, wie ein Bär einmal zu einem großen Heiligen kam, der im Walde, in einer kleinen Zelle sein Seelenheil rettete, wie der große Heilige voll Rührung furchtlos zu ihm hinausging, ihm ein Stück Brot reichte und sagte: »Geh, Christus sei mit dir!« und wie das wilde Tier gehorsam und sanft fortging und ihm nichts zuleide tat. Der Jüngling war ganz gerührt darüber, daß der Bär dem Heiligen nichts zuleide tat und fortging und daß auch mit ihm Christus war. »Ach,« sagte er, »wie schön ist das, und wie schön und wunderbar ist alles Göttliche!« Er saß da, in ein stilles, süßes Sinnen versunken. Ich sah, daß er mich verstanden hatte. Und er schlief leicht und sündlos an meiner Seite ein. Gott segne die Jugend! Und ich betete für ihn, bevor ich einschlief. Herr, sende Frieden und Licht deinen Menschen!

C. Erinnerungen an das Knabenalter und die Jugendjahre des Starez Sossima in seinem weltlichen Leben. Der Zweikampf

Im Kadettenkorps zu Petersburg blieb ich lange, fast acht Jahre, und die neue Erziehung schwächte viel von meinen Kindheitseindrücken ab, obwohl ich gar nichts vergaß. Statt dessen nahm ich so viel neue Angewohnheiten und sogar Anschauungen an, daß ich mich in ein fast wildes, grausames und dummes Wesen verwandelte. Ich eignete mir wohl mit der französischen Sprache auch den Schliff der Höflichkeit und des vornehmen Benehmens an, achtete aber, wie alle meine Kameraden, die Soldaten, die uns im Kadettenkorps dienten, für Vieh. Ich vielleicht noch mehr als die andern, denn ich war der empfänglichste von allen Kameraden. Als wir mit dem Offiziersrange die Anstalt verließen, waren wir bereit, für die verletzte Regimentsehre unser Blut zu vergießen, von der wahren Ehre hatte aber fast niemand von uns eine Ahnung, und wenn jemand hörte, was die wahre Ehre bedeutet, so würde er sie als erster verlachen. Auf unsere Trunksucht, Ausgelassenheit und Keckheit waren wir beinahe stolz. Ich will gar nicht sagen, daß alle diese jungen Menschen schlecht gewesen wären; sie waren gut, benahmen sich nur schlecht, und ich schlechter als alle. Die Hauptsache war, daß ich ein eigenes Kapital zur Verfügung hatte, und darum fing ich an, nur für mein Vergnügen zu leben und ließ meinem ganzen jugendlichen Drange unaufhaltsam freien Lauf. Merkwürdig war aber das: ich las auch damals Bücher, sogar mit großem Vergnügen; nur die Bibel allein schlug ich während der ganzen Zelt fast kein einziges Mal auf, trennte mich aber niemals von ihr und führte sie überall mit mir: in Wahrheit, ich bewahrte dieses Buch auf, ohne es selbst zu wissen, »für einen Tag und für eine Stunde, für einen Monat und für ein Jahr«. Nachdem ich auf diese Weise an die vier Jahre gedient hatte, kam ich schließlich in die Stadt K., wo damals unser Regiment lag. Die Gesellschaft dieser Stadt war sehr bunt, zahlreich und luftig, gastfreundlich und reich, man empfing mich fast überall gut, denn ich war von Natur lustig und galt obendrein für nicht unbemittelt, was in der Welt nicht wenig bedeutet. So ereignete sich etwas, was der Anfang von allem Folgenden war. Ich verliebte mich in ein junges und hübsches, kluges und würdiges Mädchen von heiterem und edlem Charakter, die Tochter achtbarer Eltern. Diese waren recht angesehen und reich, hatten einen großen Einfluß und behandelten mich freundlich und liebenswürdig. Es kam mir plötzlich vor, daß das junge Mädchen mir zugetan sei, und mein Herz entbrannte bei diesem Gedanken. Später kam ich dahinter und begriff vollkommen, daß ich sie vielleicht gar nicht so glühend geliebt, sondern nur ihren Geist und ihren edlen Charakter verehrt hatte, wie es auch anders nicht sein konnte. Meine Eigenliebe hinderte mich damals, ihr einen Antrag zu machen: es erschien mir schwer und schrecklich, den Versuchungen des liederlichen und freien Junggesellenlebens in einem so jugendlichen Alter zu entsagen, besonders da ich ein Vermögen besaß. Aber ich machte ihr doch Andeutungen. Für jeden Fall schob ich jeden entscheidenden Schritt für einige Zeit hinaus. Da traf es sich, daß ich für zwei Monate in einen andern Landkreis abkommandiert wurde. Als ich nach zwei Monaten zurückkam, erfuhr ich, daß das Mädchen sich inzwischen verheiratet hatte, und zwar mit einem reichen Gutsbesitzer aus der nächsten Umgebung der Stadt, einem Manne, der an Jahren zwar älter als ich, aber noch jung war, Verbindungen in der Residenz und in der besten Gesellschaft, die mir fehlen, besaß, dazu auch liebenswürdig und obendrein gebildet war, während ich gar keine Bildung hatte. Dieses unerwartete Ereignis erschütterte mich so sehr, daß sich sogar mein Geist trübte. Die Hauptsache aber war, daß dieser junge Gutsbesitzer, wie ich damals erfuhr, mit dem Mädchen schon seit langem verlobt war und daß ich ihn sogar selbst sehr oft in ihrem Hause getroffen, aber einfach nichts bemerkt hatte, da ich so sehr von meinen eigenen Vorzügen geblendet war. Das kränkte mich auch am meisten: wieso haben es alle gewußt und nur ich allein nicht? Und ich fühlte in mir plötzlich eine unerträgliche Wut. Mit rotem Kopf dachte ich daran, wie ich ihr so oft meine Liebe beinahe gestanden, während sie mich weder unterbrochen noch gewarnt hatte; daraus schloß ich, daß sie sich über mich lustig gemacht habe, später sah ich natürlich ein und erinnerte mich, daß sie sich über mich gar nicht lustig gemacht hatte, sondern im Gegenteil alle solche Gespräche durch eine scherzhafte Wendung zu unterbrechen pflegte und auf andere Dinge zu sprechen kam; damals konnte ich es aber nicht einsehen, und in mir entbrannte Rachedurst. Ich erinnere mich mit Erstaunen, daß dieser Rachedurst und mein Zorn mir selbst äußerst schwer und widerwärtig waren, denn ich konnte bei meinem leichten Charakter niemals lange auf jemand böse sein; darum stachelte ich mich gleichsam selbst künstlich auf und wurde schließlich widerlich und dumm. Ich wartete auf den passenden Augenblick, und einmal gelang es mir, meinen »Nebenbuhler« in einer großen Gesellschaft aus einem ganz nebensächlichem Grunde zu beleidigen, indem ich seine Meinung über eine damals sehr wichtige Frage – dies spielte sich im Jahre 1826 ab – verlachte, und zwar, wie die Leute sagten, geistreich und geschickt. Dann provozierte ich ihn zu einer Erklärung und behandelte ihn anbei so grob, daß er meine Forderung annahm, trotz des großen Abstandes zwischen uns, denn ich war nicht nur jünger, sondern auch viel niedriger im Range als er. Später begriff ich, daß ihn zur Annahme meiner Forderung gleichfalls ein Gefühl Eifersucht bewogen hatte: er war auch früher schon, als Bräutigam, auf mich ein wenig eifersüchtig gewesen; nun glaubte er: wenn seine Frau erfährt, daß er eine Beleidigung von mir sich gefallen ließ, aber nicht den Mut hatte, mich zum Duell zu fordern, so wird sie ihn unwillkürlich verachten, und ihre Liebe kann ins Schwanken kommen. Einen Sekundanten besorgte ich mir sehr bald: es war ein Kamerad von mir, ein Leutnant von unserem Regiment. Duelle wurden damals zwar streng verfolgt, aber beim Militär waren sie dennoch Mode – so wilde Vorurteile können sich manchmal festsetzen und Wurzel fassen. Es war Ende Juni, wir sollten uns am nächsten Morgen um sieben Uhr vor der Stadt treffen – und da passierte mir etwas wirklich Verhängnisvolles. Als ich am Abend wütend und wild nach Hause zurückkehrte, ärgerte ich mich über meinen Burschen Afanassij und schlug ihn mit ganzer Kraft zweimal ins Gesicht, daß er blutete. Er war schon lange in meinen Diensten, und es kam auch schon früher vor, daß ich ihn schlug, aber niemals noch hatte ich es mit solcher tierischen Grausamkeit getan. Glaubt es mir, meine Lieben, es sind schon vierzig Jahre darüber vergangen, und doch denke ich auch jetzt noch mit Scham und Qual daran zurück. Ich legte mich hin, schlief an die drei Stunden und erwachte beim Morgengrauen. Ich wollte nicht mehr schlafen, stand plötzlich auf, trat ans Fenster, öffnete es – mein Fenster ging nach dem Garten – und ich sah: die Sonne geht auf, es ist warm und schön, die Vöglein zwitschern. Ich frage mich: warum habe ich in meiner Seele ein so schändliches und gemeines Gefühl? Vielleicht weil ich im Begriff bin, Blut zu vergießen? Nein, denke ich mir, es scheint einen andern Grund zu haben. Vielleicht weil ich den Tod fürchte, weil ich getötet zu werden fürchte? Nein, es ist nicht das, es ist sogar etwas ganz anderes ... Plötzlich erriet ich, was es war: ich hatte gestern abend meinen Afanassij blutig geschlagen! Und ich durchlebte alles gleichsam von neuem: er steht vor mir, und ich schlage ihn aus aller Kraft ins Gesicht, er aber steht stramm, die Hände an der Hosennaht, hält den Kopf gerade, die Augen weit aufgerissen wie in der Front, er zuckt unter jedem meiner Schläge zusammen und wagt nicht einmal, die Hand zu erheben, um sich zu schützen – so weit hat der Drill den Menschen gebracht, und ein Mensch schlägt einen andern Menschen! Dieses Verbrechen! Es war mir, als ob eine spitze Nadel mein Herz durchbohrte. Ich stehe wie betäubt da, die Sonne aber strahlt, die Blätter freuen sich und glänzen, und die Vöglein, die Vöglein preisen den Herr ... Ich bedeckte mein Gesicht mit beiden Händen, warf mich aufs Bett und fing laut zu weinen an. Da erinnerte ich mich meines Bruders Markell und der Worte, die er vor seinem Tode zu den Dienstboten gesprochen hatte: »Meine Lieben, Teuren, warum dient ihr mir, bin ich es denn wert, daß ihr mir dient?« »Ja, bin ich es denn wert?« ging es mir plötzlich durch den Kopf. In der Tat, warum bin ich es wert, daß ein anderer Mensch, gleich mir ein Ebenbild Gottes, mir dient? So drang mir damals diese Frage zum ersten Male in meinem Leben in den Kopf. »Mütterchen, mein Bluttröpfchen, wisse, daß ein jeder in allem und vor allen in Wahrheit schuldig ist, die Menschen wissen es nur nicht, aber wenn sie es begreifen wollten, so würde morgen auf der ganzen Welt das Paradies sein!« »Mein Gott, ist denn das nicht wahr?« denke ich mir und weine: »Ich bin vielleicht in Wahrheit schuldiger und schlechter als alle Menschen auf der Welt!« Und plötzlich sah ich vor mir die Wahrheit in ihrem ganzen Lichte: Was will ich eben tun? Ich will einen Menschen töten, einen guten, klugen, edlen Menschen, der vor mir keine Schuld hat, und seine Frau auf ewig ihres Glückes berauben und zu Tode quälen! So lag ich auf dem Bette, das Gesicht in das Kissen vergraben, und merkte gar nicht, wie die Zeit verging, plötzlich kam mein Kamerad, der Leutnant, mit den Pistolen, um mich abzuholen. »Es ist schön,« sagte er mir, »daß du schon auf bist! Es ist Zeit, wollen wir gehen.« Ich war erst ganz ratlos, aber wir traten schließlich aus dem Hause, um in den Wagen zu steigen. »Wart' eine Weile,« sagte ich ihm, »ich will noch schnell ins Haus, ich habe meinen Geldbeutel vergessen.« Ich lief allein in die Wohnung zurück, stracks in die Kammer zu Afanassij. »Afanassij,« sagte ich ihm, »ich habe dich gestern zweimal ins Gesicht geschlagen, verzeihe mir!« Er fuhr zusammen wie vor Schreck und starrte mich an; ich sehe, dass das noch zu wenig ist, und falle, so wie ich bin, in Epauletten, ihm zu Füßen und berühre mit der Stirne den Boden. »Verzeih mir!« sage ich ihm. Da war er ganz starr. »Euer Wohlgeboren, Väterchen, gnädiger Herr, wie können Sie nur... bin ich es denn wert...« Und er fing selbst zu weinen an, ganz wie ich vorhin, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, wandte sich zum Fenster und zitterte am ganzen Leibe vor Schluchzen. Ich lief aber hinaus zu meinem Kameraden, sprang in den Wagen und schrie: »Fahr zu! – Hast du schon einmal einen Sieger gesehen? Jetzt hast du einen vor dir!« Ein Entzücken hat sich meiner bemächtigt, ich lache während der ganzen Fahrt und rede, rede, ich weiß selbst nicht mehr, was ich alles zusammenredete. Er sieht mich an und sagt: »Nun, Bruder, du bist wie ich sehe, ein braver Kerl, wirst der Uniform Ehre machen.« So kamen wir an den vereinbarten Ort, die andern erwarteten uns schon. Man stellte uns in zwölf Schritten Distanz voneinander auf, er hatte den ersten Schuß; ich stand vor ihm heiter, mit dem Gesicht zu ihm, zuckte mit keiner Wimper und sah ihn liebevoll an; ich wusste wohl, was ich tat. Er schoß, die Kugel verletzte mich nur leicht an der Wange und streifte mein Ohr. »Gott sei Dank,« rief ich ihm zu, »dass Sie keinen Menschen getötet haben!« Dann nahm ich meine Pistole, drehte mich um und schleuderte sie in den Wald. »Da gehörst du hin!« Ich wandte mich zu meinem Gegner und sagte: »Geehrter Herr, verzeihen Sie mir dummem jungen Menschen, dass ich Sie mit Absicht beleidigt und dann gezwungen habe, auf mich zu schießen. Ich bin zehnmal schlechter als Sie und vielleicht sogar noch schlechter. Teilen Sie das der Person mit, die Sie über alles in der Welt schätzen.« Kaum hatte ich das gesagt, so begannen sie alle drei zu schreien. »Erlauben Sie doch,« sagte mein Gegner, der sogar böse geworden war, »wenn Sie nicht schießen wollen, warum haben Sie mich dann bemüht?« – »Gestern war ich noch dumm, heute bin ich klüger geworden,« antwortete ich ihm frohgemut. – »Das Gestrige glaube ich Ihnen gern,« sagte er darauf, »aber was das von Heute betrifft, so kann man in Ihren Worten schwerlich eine Bestätigung dafür erblicken.« – »Bravo!« schreie ich und klatsche in die Hände: »Ich bin mit Ihnen einverstanden, ich habe es verdient!« – »Werden Sie nun schießen, verehrter Herr, oder nicht?« – »Nein,« antworte ich, »ich werde nicht schießen, aber wenn Sie wollen, so schießen Sie noch einmal; doch es wäre besser, nicht zu schießen.« Auch die Sekundanten schreien, besonders der meinige: »Wie können Sie nur dem Regimente solche Schande antun und vor der Pistole des Gegners um Verzeihung bitten?! Wenn ich das nur gewußt hätte!« Ich stand vor ihnen allen da und lachte nicht mehr. »Meine Herren,« sagte ich, »ist es denn in unserer Zeit so erstaunlich, einen Menschen zu finden, der selbst seine Dummheit bereut und öffentlich seine Schuld eingesteht?« – »Aber doch nicht vor der Pistole des Gegners!« schrie mein Sekundant wieder. – »Das ist eben,« antwortete ich ihnen, »so erstaunlich, und ich hätte mich darum, gleich nachdem wir hergekommen waren, noch vor dem Schusse des Herrn entschuldigen und ihn nicht zu dieser großen Todsünde zwingen sollen. Aber,« sagte ich, »wir haben es selbst in der Welt so häßlich eingerichtet, daß es fast unmöglich war, anders zu handeln: ich mußte erst den Schuß des Herrn auf zwölf Schritt Distanz aushalten, damit meine Worte für ihn irgendeine Bedeutung haben; hätte ich es aber vor dem Schuß, gleich als wir hergekommen waren, getan, so würde man einfach sagen: Der Feigling hat vor der Pistole Angst bekommen, man höre nicht auf ihn! Meine Herren,« rief ich plötzlich von ganzem Herzen, »sehen Sie sich doch um, schauen Sie die Gaben Gottes an: den heiteren Himmel, die reine Luft, das zarte Gras, die Vöglein, die Natur ist schön und sündlos, und nur wir allein sind gottlos und dumm und verstehen nicht, daß das Leben das Paradies ist: wenn wir es nur begreifen, so wird das Paradies sogleich in seiner ganzen Schönheit erstehen, wir werden uns umarmen und weinen ...« Ich wollte noch fortfahren, konnte aber nicht, mir stockte der Atem so süß und jugendlich, und mein Herz war von einem solchen Glücke erfüllt, wie ich es noch nie empfunden hatte. »Alles das ist vernünftig und fromm,« sagte mir mein Gegner, »und Sie sind jedenfalls ein origineller Mensch.« – »Lachen Sie nur,« erwiderte ich lachend, »später werden Sie mich selbst loben.« – »Ich bin auch jetzt schon bereit,« antwortete er mir, »Sie zu loben und will Ihnen gern die Hand reichen, denn Sie scheinen ein wirklich aufrichtiger Mensch zu sein.« – »Nein,« sagte ich, »jetzt nicht, lieber später, wenn ich besser geworden bin und Ihre Achtung verdient habe; wenn Sie mir dann die Hand reichen, so wird es richtig sein.« Wir fuhren nach Hause; mein Sekundant schimpfte während der ganzen Fahrt, ich aber küßte ihn. Alle Kameraden erfuhren es sofort und versammelten sich am gleichen Tage, um mich zu richten: »Er hat seine Uniform beschmutzt, nun soll er seinen Abschied nehmen.« Es meldeten sich aber auch Verteidiger. »Er hat doch immerhin dem Schusse standgehalten.« – »Ja, aber er fürchtete die folgenden Schüsse und bat darum vor der Pistole des Gegners um Verzeihung.« – »Hätte er die Schüsse gefürchtet,« entgegneten darauf die Verteidiger, »so hätte er erst aus seiner Pistole geschossen und dann um Verzeihung gebeten; er warf sie aber geladen in den Wald! Nein, es ist wohl etwas anderes geschehen, etwas Originelles.« Ich höre Ihnen zu und sehe Sie mit Freude an. »Meine Lieben,« sage ich ihnen, »meine lieben Freunde und Kameraden, macht euch keine Sorge wegen meines Abschieds, denn ich habe ihn schon heute früh in der Kanzlei eingereicht, und wenn ich den Abschied bekomme, so gehe ich gleich ins Kloster – dazu habe ich ihn auch eingereicht.« Als ich das sagte, fingen sie alle zu lachen an: »Hättest du uns das doch gleich mitgeteilt! jetzt ist alles klar, einen Mönch darf man gar nicht richten.« Sie lachen, hören gar nicht zu lachen auf, sie lachen aber gar nicht spöttisch, sondern freundlich und lustig; sie haben mich plötzlich alle liebgewonnen, sogar die erbittertsten Ankläger. Den ganzen folgenden Monat, bis ich meinen Abschied erhielt, trugen sie mich förmlich auf den Händen. »Ach, du Mönch!« sagten sie. Ein jeder richtete ein freundliches Wort an mich, man versuchte mir meinen Entschluß auszureden, man bemitleidete mich sogar: »Was tust du dir an?« – »Nein,« sagten sie, »er ist so tapfer, er hat dem Schuß standgehalten und hätte aus seiner Pistole schießen können; er hat aber in der Nacht vorher einen Traum gehabt, daß er Mönch werden soll, daher kommt alles.« Fast ebenso benahm sich auch die städtische Gesellschaft. Früher hatte man mich nicht sonderlich beachtet und nur freundlich empfangen, jetzt aber hatten mich alle auf einmal erkannt und luden mich um die Wette zu sich ein; sie lachten zwar über mich, liebten mich aber dabei. Ich will hier bemerken, daß, obwohl über unser Duell viel gesprochen wurde, die Obrigkeit die Sache vertuschte, denn mein Gegner war ein naher Verwandter unseres Generals; da die Sache aber ohne Blutvergießen und wie ein Scherz abgelaufen war und ich schließlich meinen Abschied genommen hatte, so faßte man alles als einen Scherz auf. Ich fing damals an, laut und furchtlos zu sprechen, ohne mich durch ihr Lachen beirren zu lassen, denn das Lachen war gar nicht gehässig, sondern gutmütig. Diese Reden führte ich meistens an Abenden in Damengesellschaft; die Frauen hörten mir besonders gern zu und zwangen auch die Männer, mir zuzuhören. »Wie ist es möglich, daß ich die Schuld für alle auf mir trage?« fragte mich jeder und lachte mir ins Gesicht: »Wie kann ich zum Beispiel für Sie schuldig sein?« – »Wie sollen Sie es erfassen,« antwortete ich ihnen, »wenn die Welt schon längst einen anderen Weg eingeschlagen hat und wir die gemeinste Lüge für Wahrheit halten und auch von den andern die gleiche Lüge verlangen? Ich habe ein einziges Mal in meinem Leben aufrichtig gehandelt, und was kam dabei heraus? – Ich stehe nun vor Ihnen als Verrückter da: Sie haben mich zwar liebgewonnen, lachen aber alle über mich.« – »Wie soll man aber auch einen solchen Menschen nicht lieben?« sagte darauf laut lachend die Dame des Hauses; es war bei ihr eine große Gesellschaft versammelt. Plötzlich sehe ich, wie sich mitten in der Damengesellschaft jene junge Person erhebt, um derentwillen es zum Zweikampf gekommen ist und die ich mir vor kurzem als Braut ausersehen habe; ich hatte aber gar nicht bemerkt, daß auch sie in diese Gesellschaft gekommen war. Sie erhob sich, ging auf mich zu und reichte mir die Hand. »Gestatten Sie, Ihnen zu erklären,« sagte sie mir, »daß ich über Sie nicht lache, sondern, im Gegenteil, Ihnen mit Tränen in den Augen danke und meinen Respekt vor Ihrer damaligen Tat ausspreche.« Auch ihr Mann ging auf mich zu, und dann umringte mich die ganze Gesellschaft, und alle küßten mich fast. Es wurde mir so freudig zumute; besonders aufmerksam wurde ich aber auf einen nicht mehr jungen Herrn, der gleichfalls auf mich zugegangen war, den ich dem Namen nach auch schon früher kannte, dem ich aber niemals vorgestellt worden war und mit dem ich bis zu jenem Abend noch nie ein Wort gewechselt hatte.

D. Der geheimnisvolle Gast

Er diente in unserer Stadt schon lange, bekleidete einen hohen Posten, war von allen angesehen, reich und wegen seiner Wohltätigkeit berühmt und hatte ein nicht unbeträchtliches Kapital für ein Altersheim und für eine Waisenanstalt gestiftet und außerdem viele Wohltaten heimlich erwiesen, was erst nach seinem Tode bekannt geworden ist. Er war an die fünfzig Jahre alt, hatte ein fast strenges Aussehen und sprach wenig; er war erst seit zehn Jahren mit einer noch jungen Frau verheiratet, von der er drei kleine Kinder hatte. Am Abend darauf saß ich bei mir zu Hause, als plötzlich meine Türe aufging und dieser selbe Herr bei mir eintrat.

Ich will bemerken, daß ich nicht mehr meine frühere Wohnung hatte; sobald ich den Abschied eingereicht hatte, zog ich aus und mietete bei einer alten Frau, einer Beamtenwitwe, ein Zimmer mit Bedienung. Ich wechselte ja die Wohnung nur aus dem Grunde, weil ich Afanassij am gleichen Tage, sobald ich vom Duell zurückkehrte, in die Kompanie zurückschickte, denn ich schämte mich, ihm nach meiner Tat in die Augen zu blicken, so sehr ist oft der unvorbereitete weltliche Mensch geneigt, sich mancher seiner überaus gerechten Tat zu schämen.

»Ich habe Ihnen«, sagte der Gast, »schon seit einigen Tagen mit großem Interesse in mehreren Häusern zugehört und möchte sie nun persönlich kennenlernen, um mit Ihnen eingehender zu sprechen. Wollen Sie mir, mein Herr, diesen großen Dienst erweisen?« – »Gerne, mit dem größten Vergnügen, und ich rechne es mir als eine besondere Ehre an«, antwortete ich ihm, war aber dabei beinahe erschrocken: einen solchen Eindruck hatte er auf mich gemacht. Man hatte mir wohl mit Interesse zugehört, aber noch niemand war mit solchem ernsten und strengen inneren Ausdruck an mich herangetreten. Und dieser war selbst zu mir in die Wohnung gekommen. Er setzte sich. »Ich sehe in Ihnen«, fuhr er fort, »eine große Charakterstärke, denn Sie haben nicht gefürchtet, der Wahrheit in einer solchen Sache zu dienen, in der Sie riskierten, für Ihre Wahrheit allgemeine Verachtung zu ernten.« – »Ihr Lob ist vielleicht übertrieben«, sagte ich ihm. – »Nein, es ist nicht übertrieben,« antwortete er mir, »glauben Sie mir: eine solche Tat zu begehen ist viel schwieriger, als Sie denken. Dies allein hat auf mich eigentlich einen solchen Eindruck gemacht,« fuhr er fort, »und ich bin darum hergekommen. Beschreiben Sie mir, bitte, wenn meine vielleicht unanständige Neugier Sie nicht abstößt und wenn Sie es nicht vergessen haben, was Sie in jenem Augenblick empfanden, als Sie sich entschlossen, beim Duell um Verzeihung zu bitten. Halten Sie meine Frage nicht leichtsinnig; im Gegenteil, ich verfolge mit dieser Frage ein eigenes geheimes Ziel, das ich Ihnen wahrscheinlich später erklären werde, wenn es Gott gefällt, uns einander näher zu bringen.«

Die ganze Zeit, während er sprach, sah ich ihm gerade in die Augen und fühlte plötzlich ein starkes Vertrauen zu ihm, außerdem auch eine ungewöhnliche Neugier, denn ich ahnte, daß er in seiner Seele ein besonderes Geheimnis trug.

»Sie fragen, was ich in jenem Augenblick empfand, als ich meinen Gegner um Verzeihung bat?« antwortete ich ihm. »Ich will Ihnen lieber alles von Anfang an erzählen, was ich den andern noch nicht erzählt habe.« Und ich erzählte ihm alles, was ich mit Afanassij gehabt und wie ich mich vor ihm bis zur Erde verbeugt hatte. »Daraus können Sie selbst ersehen,« schloß ich, »daß mir während des Duells leichter zumute war, denn es hatte schon zu Hause angefangen; da ich aber diesen Weg einmal betreten, so ging alles Weitere nicht mehr schwer, sondern war mir eine Freude und Lust.«

Er hörte es und sah mich so freundlich an. »Das alles«, sagte er, »ist außerordentlich interessant, ich will noch öfter zu Ihnen kommen.« Von nun an besuchte er mich fast jeden Abend. Wir wären wohl große Freunde geworden, wenn er nur etwas von sich selbst erzählt hätte. Aber er sprach von sich fast kein Wort und fragte mich nur über mich selbst aus. Trotzdem gewann ich ihn sehr lieb und vertraute ihm alle meine Gefühle an, denn ich dachte mir: Was brauche ich seine Geheimnisse zu wissen? Ich sehe ja auch so, daß er ein gerechter Mensch ist. Außerdem ist er ein so ernster Mensch, viel älter als ich, besucht aber mich, einen Jüngling, und hält es nicht für unpassend, mit mir zu verkehren. – Ich lernte von ihm vieles Nützliche, denn er war ein Mensch von großem Verstand. »Daß das Leben ein Paradies ist,« sagte er mir einmal plötzlich, »darüber habe ich schon selbst lange nachgedacht.« Und plötzlich fügte er hinzu: »Ich denke ja doch nur daran.« Er sah mich an und lächelte. »Ich bin davon noch mehr als Sie überzeugt,« sagte er mir, »Sie werden später erfahren, warum.« Ich hörte es und dachte bei mir: »Er will mir sicher etwas eröffnen.« – »Das Paradies,« sagte er, »ist in jedem von uns verborgen, auch ich trage es in mir, und wenn ich will, so wird es für mich gleich morgen beginnen und dann schon für mein ganzes Leben.« Ich sehe: er spricht mit Rührung und sieht mich dabei geheimnisvoll, wie fragend an. »Daß aber jeder Mensch,« fährt er fort, »auch abgesehen von seinen eigenen Sünden, für alles und für alle die Schuld trägt, so haben Sie es ganz richtig erkannt, und es ist erstaunlich, wie Sie diesen Gedanken in diesem Umfange haben erfassen können. Es ist wirklich wahr, daß, wenn die Menschen diesen Gedanken begreifen, für sie das Himmelreich anbrechen wird, und nicht nur in ihren Gedanken, sondern in der Wirklichkeit.« – »Wann wird sich das aber erfüllen?« rief ich schmerzvoll aus: »Und wird es sich überhaupt einmal erfüllen? Ist es nicht nur ein schöner Traum?« – »Sie glauben also nicht daran,« entgegnete er, »Sie predigen es und glauben es selbst nicht. Ich sage Ihnen also, daß dieser schöne Traum, wie Sie es nennen, sich unbedingt erfüllen wird, glauben Sie daran; aber es wird sich noch nicht jetzt erfüllen, denn jedes Geschehnis hat sein eigenes Gesetz. Es ist eine seelische, psychologische Sache. Um die Welt zu ändern, ist es notwendig, daß die Menschen selbst psychisch einen anderen Weg einschlagen. Bevor man nicht selbst der Bruder eines jeden Menschen geworden ist, kann keine Brüderlichkeit eintreten, keine Wissenschaft und kein Vorteil wird die Menschen je in Stand setzen, ihr Eigentum und ihre Rechte so untereinander zu verteilen, daß niemand benachteiligt sei. Alles wird für jeden zu wenig sein, und alle werden murren, einander beneiden und einander zu vernichten trachten. Sie fragen, wann sich das erfüllen wird. Es wird sich erfüllen, aber zuvor muß die Periode der menschlichen Absonderung ein Ende nehmen.« – »Von was für einer Absonderung sprechen Sie?« fragte ich ihn. – »Die Absonderung, die jetzt, besonders in unserer Zeit, überall herrscht, deren Stunde aber noch nicht geschlagen hat. Ein jeder ist jetzt bestrebt, seine eigene Persönlichkeit möglichst abzusondern, ein jeder möchte die ganze Fülle des Lebens in sich selbst auskosten, aber aus allen seinen Bemühungen ergibt sich statt der Fülle des Lebens nur vollständiger Selbstmord, denn statt die volle Bestimmung ihres Wesens zu finden, verfallen sie alle in gänzliche Einsamkeit. In unserer Zeit hat sich alles in einzelne Individuen abgesondert, ein jeder zieht sich in sein Loch zurück, ein jeder entfernt sich vom andern, versteckt sich, verbirgt, was er zu verbergen hat, und endet damit, daß er von allen Menschen abgestoßen wird und auch selbst die Menschen von sich abstößt. Er sammelt in seiner Absonderung Reichtümer an und denkt sich dabei: Wie stark und wie wohlversorgt bin ich jetzt! Der Wahnwitzige weiß aber nicht, daß er, je mehr er ansammelt, umso tiefer in eine selbstmörderische Ohnmacht versinkt. Denn er ist gewohnt, auf sich allein zu bauen, hat sich als eine Einheit vom Ganzen losgetrennt, hat seine Seele gelehrt, an Menschenhilfe, an die Menschen und die Menschheit nicht zu glauben, und zittert nur davor, daß sein Geld und die durch das Geld erworbenen Rechte verloren gehen können. Der Menschengeist fängt heute überall an, voller Hohn zu übersehen, daß die wahre Versorgtheit der Persönlichkeit nicht auf ihrer isolierten Anstrengung beruht, sondern auf dem Zusammenhalten aller Menschen. Aber es wird ganz sicher auch dieser schrecklichen Absonderung die Stunde schlagen, und alle werden auf einmal begreifen, wie unnatürlich sie sich voneinander getrennt haben. Das wird im Geiste der Zeit liegen, und sie werden sich wundern, wie lange sie in der Finsternis gelebt und kein Licht gesehen haben. Dann wird auch das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen,.. Aber bis das eintrifft, muß die Fahne erhalten werden, und der Mensch soll, wenn auch nur von Zeit zu Zeit, wenn auch nur vereinzelt, ein Beispiel zeigen: seine Seele aus der Absonderung befreien und zur Tat der Bruderliebe zwingen, auch wenn er dabei als ein Narr in Christo angesehen wird. Das muß er tun, damit der große Gedanke nicht stirbt.«

In solcherlei feurigen und begeisterten Gesprächen verbrachten wir unsere Abende. Ich gab sogar meinen Verkehr mit den andern auf und ging immer seltener in Gesellschaft, zumal ich auch allmählich aus der Mode kam. Dies soll kein Vorwurf für die Leute sein, denn sie liebten mich nach wie vor und behandelten mich freundlich; aber ich muß doch gestehen, daß es in der Gesellschaft keine geringe Mode war, sich mit mir abzugeben. Meinen geheimnisvollen Gast sah ich zuletzt mit Entzücken an, denn auch abgesehen vom Genusse, den mir sein Geist bot, fing ich zu ahnen an, daß er irgendeine Absicht hegte und sich vielleicht auf eine große Tat vorbereitete. Vielleicht mißfiel es ihm sogar, daß ich äußerlich gar keine Neugier für sein Geheimnis zeigte und ihn weder offen, noch andeutungsweise ausfragte. Aber zuletzt merkte ich, daß ihn selbst der Wunsch quälte, mir etwas zu eröffnen. Etwa einen Monat nach seinem ersten Besuch konnte ich das schon sehr deutlich sehen. »Wissen Sie,« sagte er mir einmal, »daß man in der Stadt auf uns beide sehr neugierig ist und sich wundert, daß ich Sie so oft besuche; sollen sie nur: alles wird sich sehr bald aufklären,« Manchmal überkam ihn eine außerordentliche Erregung, und in solchen Fällen stand er fast immer auf und ging fort. Manchmal sah er mich lange und durchdringend an, so daß ich mir dachte: »Gleich wird er etwas sagen«; aber er brachte dann die Rede plötzlich auf irgend etwas Bekanntes und Gewöhnliches. Auch fing er an, sich über Kopfschmerzen zu beklagen. Einmal, nachdem er lange und begeistert gesprochen hatte, sah ich ihn plötzlich erbleichen, sein Gesicht verzerrte sich, und er sah mich durchdringend an.

»Was ist mit Ihnen,« fragte ich ihn, »ist Ihnen nicht wohl?«

Er hatte doch über Kopfschmerzen geklagt.

»Ich... wissen Sie... ich ... ich habe einen Menschen ermordet.«

Wie er das sagte, lächelte er und war dabei so weiß wie Kreide. – Warum lächelt er bloß? – dieser Gedanke drang mir zu allererst ins Herz, noch bevor ich etwas begriffen hatte. Auch ich selbst erbleichte.

»Was sagen Sie da?« rief ich ihm zu.

»Sehen Sie,« antwortete er mir mit einem bleichen Lächeln, »was es mich kostete, das erste Wort zu sagen. Nun habe ich es gesagt und bin, glaube ich, auf den rechten Weg gekommen. Diesen Weg will ich weitergehen.«

Lange glaubte ich ihm nicht, und glaubte es auch nicht mit einem mal, sondern erst nachdem er drei Tage nacheinander mich besucht und mir alles genau erzählt hatte. Ich hielt ihn anfangs für verrückt, überzeugte mich schließlich aber mit großer Verwunderung und mit großem Schmerz von der Richtigkeit seiner Worte. Er hatte vierzehn Jahre vorher ein furchtbares Verbrechen an einer reichen Dame, einer jungen und schönen Gutsbesitzerswitwe, begangen die in unserer Stadt ein eigenes Haus besaß, in dem sie abzusteigen pflegte. Er fühlte eine große Liebe zu ihr, gestand ihr seine Leidenschaft und versuchte sie zu überreden, ihn zu heiraten. Sie hatte aber ihr Herz schon einem anderen geschenkt, einem vornehmen Offizier von hohem Range, der damals im Felde war und den sie in Bälde erwartete. Sie schlug seinen Antrag ab und bat ihn, seine Besuche einzustellen. Er stellte seine Besuche wohl ein, drang aber eines Nachts mit großer Frechheit, unter der Gefahr, ertappt zu werden, durch den Garten und über das Dach in ihr Haus ein, dessen Zimmereinteilung er genau kannte. Bekanntlich gelingen häufig gerade die frechsten Verbrechen am besten. Nachdem er durch eine Dachluke auf den Boden des Hauses gelangt war, drang er über die Bodentreppe in ihre Wohnung ein; er wußte nämlich, daß die Türe zu der Bodentreppe infolge der Nachlässigkeit der Dienstboten nicht immer verschlossen war. Er baute auf diese Nachlässigkeit, und die Tür war diesmal wirklich nicht verschlossen. Er drang in die Wohnräume ein und gelangte im Dunkeln in ihr Schlafzimmer, in dem ein Lämpchen vor dem Heiligenbilde brannte. Wie absichtlich waren die beiden Zimmermädchen der Dame ohne Erlaubnis und heimlich zu einer Namenstagsfeier in der Nachbarschaft fortgegangen. Die übrigen Diener und Mägde schliefen aber in den Gesindestuben und in der Küche, im unteren Stockwerke. Beim Anblick der Schlafenden entbrannte in ihm die Leidenschaft; dann wurde sein Herz von einer rachsüchtigen und eifersüchtigen Wut gepackt; besinnungslos, wie betrunken, ging er auf sie zu und stieß ihr das Messer mitten ins Herz, so daß sie nicht einmal aufschrie. Dann richtete er es mit einer teuflischen und ruchlosen Berechnung so ein, daß der Verdacht auf die Dienerschaft fiel: er scheute sich nicht, ihren Geldbeutel zu nehmen, er sperrte mit den Schlüsseln, die er unter ihrem Kopfkissen fand, die Kommode auf und entnahm dieser einige Sachen; er handelte dabei so, wie ein dummer Dienstbote gehandelt haben würde; er ließ die Wertpapiere zurück und nahm nur das bare Geld und einige größere Goldgegenstände; andere Gegenstände, die zwar kleiner, aber zehnmal wertvoller waren, übersah er dagegen. Er nahm auch einiges als Andenken mit, aber davon später. Nachdem er diese schreckliche Tat begangen hatte, verließ er das Haus auf dem früheren Wege. Weder am nächsten Tage, als der Mord entdeckt wurde, noch während seines ganzen späteren Lebens, kam es jemand in den Sinn, den wirklichen Verbrecher zu verdächtigen! Auch von seiner Liebe wußte niemand, da er stets schweigsam und verschlossen gewesen war und auch keinen Freund besaß, dem er das Geheimnis seiner Liebe hätte anvertrauen können. Man hielt ihn einfach für einen Bekannten der Ermordeten, und nicht einmal für einen sehr intimen, denn in den letzten zwei Wochen hatte er sie gar nicht besucht. Der Verdacht fiel sofort auf ihren leibeigenen Diener Pjotr, und alle Umstände fügten sich so, daß dieser Verdacht bestärkt wurde; dieser Diener hatte nämlich gewußt, und die Ermordete hatte es auch selbst nicht verheimlicht, daß sie beabsichtigte, ihn unter die Rekruten zu geben, die sie von ihren Leibeigenen zu stellen hatte, denn er war unverheiratet und führte sich obendrein schlecht auf. Man hatte gehört, wie er betrunken in einer Schenke wütend gedroht hatte, sie zu ermorden. Zwei Tage vor ihrem Tode war er aber durchgebrannt und hatte sich in der Stadt herumgetrieben. Am andern Tage nach dem Morde fand man ihn sinnlos betrunken auf der Landstraße dicht vor der Stadtgrenze liegen, mit einem Messer in der Tasche und mit Blutflecken auf der rechten Handfläche. Er behauptete, er hätte Nasenbluten gehabt, aber man glaubte ihm nicht. Die Zimmermädchen gestanden, daß sie bei der Namenstagsfeier gewesen waren und die Eingangstüre unversperrt gelassen hatten. Es fanden sich noch viele andere ähnliche Indizien, welche genügten, um den unschuldigen Diener zu verhaften. Man verhaftete ihn und stellte ihn vors Gericht, aber der Verhaftete erkrankte nach einer Woche an einem Nervenfieber und starb besinnungslos im Hospital. Damit endete die Sache; die Untersuchung wurde eingestellt, und alle, die Richter, die Behörden und die ganze Gesellschaft blieben überzeugt, daß das Verbrechen von niemand anders begangen werden konnte, als vom verstorbenen Diener. Dann kam aber die Strafe.

Der geheimnisvolle Gast, der nun mein Freund geworden war, erzählte mir, daß ihn anfangs gar keine Gewissensbisse geplagt hätten. Er habe sich wohl gequält, aber nicht infolge von Gewissensbissen, sondern nur weil er ein geliebtes Weib ermordet hatte, weil sie nicht mehr war und er zugleich mit ihr auch seine Liebe getötet hatte, während das Feuer der Leidenschaft in seinem Blute auch weiter brannte. Aber an das vergossene Blut, an die Ermordung eines Menschen dachte er fast gar nicht. Der Gedanke, daß sein Opfer die Frau eines anderen hätte werden können, erschien ihm so unerträglich, daß er lange Zeit innerlich überzeugt blieb, er hätte anders gar nicht handeln können. Die Verhaftung des Dieners hatte ihn anfangs wohl etwas gequält, aber die bald darauf erfolgte Erkrankung und dann der Tod des Verhafteten beruhigten ihn, da jener doch offenbar (so urteilte er damals) nicht infolge der Verhaftung oder vor Angst gestorben war, sondern infolge einer Erkältung, die er sich in den Tagen, als er aus dem Hause entlaufen und eine ganze Nacht sinnlos betrunken auf der feuchten Erde gelegen, zugezogen hatte. Die gestohlenen Sachen und das Geld machten ihm wenig Bedenken, denn er hatte doch (urteilte er damals) den Diebstahl nicht aus Eigennutz begangen, sondern nur um den Verdacht von sich abzulenken. Der gestohlene Betrag war aber nicht sehr groß, und er spendete bald darauf diesen Betrag und sogar noch viel mehr zur Errichtung eines Altersheimes in unserer Stadt. Er machte das absichtlich, um sein Gewissen wegen des Diebstahls zu beruhigen; merkwürdigerweise verschaffte ihm dies wirklich eine Beruhigung, sogar für recht lange Zeit, – das erzählte er mir selbst. Er widmete sich mit besonderem Eifer seinen dienstlichen Obliegenheiten und übernahm freiwillig einen schwierigen und mühevollen Auftrag, der ihn an die zwei Jahre beschäftigte; so vergaß er, da er einen starken Charakter hatte, fast gänzlich das Vorgefallene; und wenn er sich dessen erinnerte, so gab er sich Mühe, nicht daran zu denken. Er widmete sich auch der Wohltätigkeit, richtete in unserer Stadt vieles ein, spendete große Summen, machte von sich auch in den Residenzstädten reden und wurde in Moskau und in Petersburg zum Mitglied der dortigen Wohltätigkeitsvereine gewählt. Aber schließlich kamen ihm immer öfter qualvolle Gedanken, die über seine Kraft gingen. Um diese Zeit erregte ein schönes und kluges junges Mädchen sein Gefallen; er heiratete es bald, in der Hoffnung, daß das Eheleben den Gram, den er in der Einsamkeit trug, vertreiben würde, und daß er, wenn er den neuen Weg beträte und seine Pflicht gegen seine Frau und seine Kinder gewissenhaft erfüllte, sich von seinen alten Erinnerungen gänzlich befreien könnte. Es kam aber ganz anders, als er es erwartet hatte. Schon im ersten Monat nach der Hochzeit plagte ihn ununterbrochen der Gedanke: »Meine Frau liebt mich; wenn sie aber alles erfährt? ...« Als sie mit dem ersten Kinde schwanger war und ihm das mitteilte, kamen ihm plötzlich Bedenken: »Ich habe einem Menschenwesen das Leben gegeben, habe aber einem anderen das Leben genommen!« Als dann noch mehr Kinder geboren wurden, sagte er sich: »Wie wage ich es, sie zu lieben, zu unterrichten und zu erziehen, wie kann ich zu ihnen von der Tugend sprechen, wenn ich selbst Blut vergossen haben?« Die Kinder wuchsen herrlich heran, er wollte sie gern liebkosen: »Ich kann aber nicht in ihre unschuldigen, heiteren Gesichter sehen, ich bin dessen unwürdig.« Zuletzt verfolgte ihn überall drohend und bitter das Blut des ermordeten Opfers, das vernichtete junge Leben, das Blut, das nach Vergeltung schrie. Er sah schreckliche Träume. Da er aber ein starkes Herz hatte, konnte er diese Qual lange tragen. »Ich will alles durch meine geheime Qual sühnen.« Aber auch diese Hoffnung war vergebens: je länger, desto stärker wurde seine Qual. In der Gesellschaft achtete man ihn wegen seiner Wohltätigkeit, fürchtete aber dabei seinen strengen und düsteren Charakter; doch je mehr man ihn achtete, desto unerträglicher wurde es ihm. Er gestand mir, daß er Hand an sich habe legen wollen. Aber statt dessen kam ihm manchmal ein anderer Gedanke, ein Gedanke, den er anfangs für unmöglich und wahnsinnig hielt, der sich aber schließlich in seinem Herzen so festsetzte, daß er ihn nicht mehr herausreißen konnte. Dieser Gedanke war: sich erheben, vor das Volk treten und allen erklären, daß er einen Menschen ermordet habe. An die drei Jahre trug er sich mit diesem Gedanken, er kam ihm immer in verschiedenen Gestalten wieder. Schließlich gewann er mit seinem ganzen Herzen den Glauben, daß er, wenn er sein Verbrechen eingestanden hat, seine Seele zweifellos heilen und sich ein für allemal beruhigen wird. Als er aber diesen Glauben gewann, empfand er in seinem Herzen einen Schrecken: wie diese Absicht ausführen? Da kam plötzlich meine Duellgeschichte dazwischen. »Als ich Ihr Beispiel sah, faßte ich den Entschluß.« Ich sah ihn an.

»Konnte denn,« rief ich aus und schlug die Hände zusammen, »konnte denn ein so geringfügiger Vorfall in Ihnen diesen Entschluß wecken?«

»Mein Entschluß keimt schon seit drei Jahren,« antwortete er mir, »und Ihr Fall gab ihm nur den letzten Anstoß. Als ich Sie sah, machte ich mir Vorwürfe und beneidete Sie,« sagte er mir in einem sogar strengen Ton.

»Man wird Ihnen gar nicht glauben,« bemerkte ich, »es sind ja schon vierzehn Jahre darüber vergangen.«

»Ich habe Beweise, zwingende Beweise, die werde ich vorweisen.«

Ich fing zu weinen an und küßte ihn.

»Lösen sie mir nur einen Zweifel!« sagte er mir (als ob es von mir abhinge): »Ich habe eine Frau und Kinder! Meine Frau wird vielleicht vor Kummer sterben, und die Kinder, wenn sie auch den Adel und das Vermögen nicht verlieren, werden ewig die Kinder eines Zuchthäuslers bleiben. Und was für ein Andenken werde ich in ihren Herzen hinterlassen!«

Ich schwieg.

»Und sie verlassen, sich von ihnen für immer trennen? Doch für immer und ewig!«

Ich saß schweigend da und flüsterte ein Gebet vor mich hin. Schließlich erhob ich mich; es wurde mir schrecklich zumute.

»Was nun?« fragte er und sah mich an.

»Gehen Sie hin,« antwortete ich, »und gestehen sie es den Menschen. Alles vergeht, nur die Wahrheit allein bleibt. Ihre Kinder werden, wenn sie herangewachsen sind, begreifen, wieviel Großmut in Ihrem großen Entschluß lag.«

Er verließ mich damals, scheinbar fest entschlossen. Aber er kam dann mehr als vierzehn Tage jeden Abend zu mir, bereitete sich immer vor und konnte sich doch nicht entschließen. Es zermarterte mir das Herz. Bald kam er zu mir fest entschlossen und sagte gerührt:

»Ich weiß, daß für mich das Paradies anbrechen wird, sobald ich es gestanden habe. Vierzehn Jahre war ich in der Hölle. Nun will ich leiden. Ich will das Leid auf mich nehmen und werde zu leben anfangen. Mit Unrecht kann man wohl bis ans Ende der Welt kommen, kann dann aber nicht mehr zurückkehren. Jetzt wage ich nicht, nicht nur meine Nächsten sondern auch meine Kinder zu lieben. Mein Gott, die Kinder werden ja vielleicht einmal begreifen, was mich dieses Leid gekostet hat, und mich nicht verurteilen! Gott ist nicht in der Stärke, sondern in der Wahrheit.«

»Alle werden Ihre Tat begreifen,« sagte ich ihm, »und wenn nicht jetzt gleich, so später; denn sie haben der Wahrheit gedient, der höheren, überirdischen Wahrheit ...«

Und er ging wie getröstet von mir fort; am anderen Tage kam er aber böse und blaß wieder und sagte spöttisch:

»So oft ich zu Ihnen komme, sehen Sie mich so neugierig an und denken sich: ›Er hat wieder nicht gestanden?‹ Warten Sie, verachten Sie mich nicht zu sehr. Es ist nicht so leicht, wie Sie es glauben. Vielleicht werde ich es auch gar nicht tun. Sie werden doch nicht hingehen und mich anzeigen, was?«

Ich aber hatte nicht nur nicht den Mut, ihn mit dummer Neugier anzusehen, ich wagte überhaupt nicht, ihn anzuschauen. Ich war gequält und fast krank, und meine Seele war voller Tränen. Ich konnte sogar nicht mehr schlafen.

»Ich komme eben,« fuhr er fort, »von meiner Frau. Begreifen Sie, was eine Frau ist? Und die Kinder riefen mir, als ich fortging, nach: ›Leben Sie wohl, Papa, kommen Sie bald wieder, um mit uns die Kinderzeitschrift zu lesen.‹ Nein, das verstehen Sie nicht. Vom fremden Leid wird man nicht klug.«

Seine Augen funkelten, seine Lippen bebten. Plötzlich schlug er mit der Faust auf den Tisch, so daß alle Sachen, die auf dem Tische standen, erzitterten, – sonst war er aber ein so sanfter Mensch, – das war mit ihm zum erstenmal geschehen.

»Soll ich es?« rief er aus, »Brauche ich es? Niemand ist doch meinetwegen verurteilt oder nach Sibirien verschickt worden. Der Diener ist an einer Krankheit gestorben. Für das vergossene Blut bin ich durch meine Qualen bestraft. Man wird mir auch gar nicht glauben, man wird meine Beweise nicht beachten. Soll ich es gestehen, ist es nötig? Für das vergossene Blut will ich mich mein Leben lang quälen, wenn nur meine Frau und die Kinder darunter nicht leiden. Wird es gerecht sein, auch sie mit ins Verderben zu ziehen? Irren wir uns nicht? Wo ist hier die Wahrheit? Werden die Menschen diese Wahrheit auch erkennen, werden Sie sie zu würdigen und zu achten wissen?«

– Mein Gott«! – denke ich bei mir – Er denkt in einem solchen Augenblick an die Achtung der Menschen! – Und er tat mir damals so leid, daß ich bereit wäre, sein Los mit ihm zu teilen, wenn es ihn erleichtern könnte. Ich sah, daß er wie wahnsinnig war. Ich erschrak, da ich nicht bloß mit meinem Verstand, sondern auch mit der lebendigen Seele begriffen hatte, was ein solcher Entschluß kostete.

»Entscheiden Sie über mein Schicksal!« rief er wieder.

»Gehen Sie hin und gestehen Sie,« flüsterte ich ihm zu. Meine Stimme versagte, aber ich flüsterte es mit Nachdruck. Dann nahm ich vom Tische das Evangelium in russischer Übersetzung und zeigte ihm Johannes, Kapitel XII, Vers 24:

»Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es sei denn, daß das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt es allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte.« Ich hatte diese Stelle erst kurz vor seinem Kommen gelesen.

Er las es. »Es ist wahr,« sagte er, lächelte aber dabei bitter: »Ja,« fuhr er nach einer Pause fort, »in diesen Büchern findet man schreckliche Dinge. Es ist ja leicht, so etwas einem andern vor die Nase zu reiben. Wer hat diese Bücher geschrieben, waren es denn wirklich Menschen?«

»Der Heilige Geist hat sie geschrieben,« antwortete ich ihm.

»Sie haben gut schwatzen,« sagte er und lächelte wieder, diesmal aber fast gehässig. Ich nahm das Buch wieder zur Hand, schlug es an einer andern Stelle auf und zeigte ihm Ebräer, Kapitel X, Vers 31. Er las:

»Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.« –

Er las es und warf das Buch fort. Er erbebte sogar.

»Ein schrecklicher Vers!« sagte er, »Sie haben ihn gut gewählt, das muß man Ihnen lassen.« Er stand von seinem Platze auf und sagte: »Nun, leben Sie wohl, vielleicht komme ich nicht mehr... dann sehen wir uns im Paradiese wieder. Es sind also schon vierzehn Jahre, seit ich »in die Hände des lebendigen Gottes« gefallen bin, – so heißen also diese vierzehn Jahre! Morgen will ich diese Hände bitten, daß sie mich freilassen.«

Ich wollte ihn umarmen und küssen, wagte es aber nicht: so verzerrt war sein Gesicht, daß es schwer war, ihn anzusehen. Er ging fort. – Mein Gott, – dachte ich mir, – wohin ist dieser Mensch gegangen! – Ich fiel in die Knie vor das Heiligenbild und betete für ihn zu der Heiligsten Muttergottes, der schnellen Fürbitterin und Helferin, so betete ich etwa eine halbe Stunde unter Tränen, es war schon spät, gegen Mitternacht. Plötzlich sehe ich, die Tür geht auf, und er kommt wieder. Ich war erstaunt.

»Wo waren Sie denn?« fragte ich ihn.

»Ich glaube,« sagte er, »ich habe etwas vergessen ... mir scheint, mein Taschentuch ... Und wenn ich auch nichts vergessen habe, erlauben Sie mir, daß ich mich hinsetze...«

Er setzte sich auf einen Stuhl. Ich stand vor ihm. »Setzen Sie sich auch,« sagte er mir. Ich setzte mich, so sahen wir an die zwei Minuten. Er sah mich durchdringend an und lächelte plötzlich, – dieses Lächeln blieb mir in Erinnerung; dann stand er auf, umarmte mich fest und küßte mich.

»Merke dir,« sagte er »wie ich zu dir zum zweitenmal gekommen bin. Hörst du, merke es dir!«

Er hatte mir zum erstenmal »du« gesagt. Dann ging er. – Morgen! – dachte ich mir.

So geschah es auch. An jenem Abend hatte ich gar nicht gewußt, daß er am folgenden Tage Geburtstag hatte. In den letzten Tagen war ich nicht ausgegangen und konnte es darum von niemand erfahren. An seinem Geburtstage gab es aber bei ihm alljährlich eine große Gesellschaft, und die ganze Stadt versammelte sich bei ihm. So versammelte sie sich diesmal. Nach der Mittagstafel trat er in die Mitte des Zimmers mit einem Papier in der Hand, – einer formellen Anzeige an die Obrigkeit. Da aber seine Obrigkeit auch anwesend war, so las er das Papier laut allen Anwesenden vor; es enthielt eine genaue Schilderung des ganzen Verbrechens mit allen Einzelheiten! »Als einen Missetäter stoße ich mich aus der Gemeinschaft der Menschen aus, Gott hat mich heimgesucht,« so schloß das Papier, »ich will leiden!« Und gleich darauf brachte er und legte auf den Tisch alles, womit er sein Verbrechen zu beweisen glaubte und was er vierzehn Jahre lang aufbewahrt hatte: die Goldgegenstände der Ermordeten, die er geraubt hatte, um den Verdacht von sich abzulenken, das Medaillon und das Kreuz, die er ihr vom Halse genommen, – im Medaillon war das Bild ihres Verlobten, – ihr Notizbuch und schließlich zwei Briefe: den Brief ihres Bräutigams an sie mit der Nachricht von der baldigen Rückkehr, und ihre Antwort auf diesen Brief, die sie angefangen aber nicht beendet hatte und auf dem Tische liegen ließ, um sie am nächsten Morgen auf die Post zu schicken. Er hatte beide Briefe mitgenommen, – warum? Warum hatte er sie dann vierzehn Jahre lang aufbewahrt, statt sie als Beweismittel zu vernichten? Nun geschah folgendes: alle gerieten in Verwunderung und Entsetzen, und niemand wollte ihm glauben, obwohl ihm alle mit großem Interesse zugehört hatten, wenn auch wie einem Kranken. Aber einige Tage später wurde in allen Häusern endgültig beschlossen, daß der unglückliche Mensch verrückt geworden sei. Die Obrigkeit und das Gericht durften zwar die Sache nicht auf sich beruhen lassen und begannen eine Untersuchung, stellten diese aber ein: obwohl die vorgelegten Gegenstände und Briefe zu denken gaben, wurde beschlossen, daß diese Urkunden, auch wenn sie sich als echt erwiesen hätten, doch nicht genügten, um ein endgültiges Urteil zu fällen. Er hätte ja die Sachen auch von ihr selbst haben können, da er doch ihr Bekannter und Vertrauter war. Ich hörte übrigens, daß die Echtheit der Sachen später von vielen Bekannten und Verwandten der Ermordeten nachgeprüft wurde und daß kein Zweifel darüber blieb. Aber es war dieser Sache wieder nicht beschieden, zum Abschluß zu kommen. Nach etwa fünf Tagen erfuhren alle, daß der Unglückliche erkrankt war und daß man für sein Leben fürchtete. Was es für eine Krankheit war, kann ich nicht sagen; man sprach von einem Herzleiden, aber es wurde bekannt, daß das Konsilium der Ärzte auf Drängen seiner Gattin auch seinen geistigen Zustand untersucht und das Urteil gefällt hatte, daß auch eine Geistesstörung vorliege. Ich verriet nichts, obwohl man sich beeilte, mich auszufragen; als ich ihn aber besuchen wollte, wurde es mir lange verwehrt, Hauptsächlich von seiner Gattin. »Sie haben seinen Geist zerrüttet,« sagte sie mir, »er war auch früher düster gewesen, und im letzten Jahre fiel allen seine ungewöhnliche Erregung und sein sonderbares Benehmen auf; Sie haben ihn zugrunde gerichtet, Sie haben ihn mit Ihren Reden dazu gebracht, er hat ja einen ganzen Monat fast immer bei Ihnen gesessen.« Nicht nur die Gattin, alle Menschen in der Stadt fielen über mich her und klagten mich an: »Es ist nur Ihre Schuld,« sagte man mir. Ich schwieg und freute mich in meinem Herzen, da ich die zweifellose Gnade Gottes zu einem, der sich gegen sich selbst erhoben hatte und sich selbst strafte, sah. An seine Geistesstörung konnte ich aber nicht glauben, schließlich ließ man mich zu ihm, er verlangte es selbst dringend, um sich von mir zu verabschieden. Ich trat ein und sah sofort, daß nicht nur seine Tage, sondern auch seine Stunden gezählt waren. Er war schwach und gelb, seine Hände zitterten, er atmete schwer, blickte aber gerührt und freudig.

»Es ist vollbracht!« sagte er mir. »Schon lange lechze ich, dich zu sehen, warum kamst du nicht?«

Ich erklärte ihm nicht, daß man mich nicht eingelassen hatte.

»Gott hat sich meiner erbarmt und ruft mich zu sich. Ich weiß, daß ich sterbe, aber ich fühle nach so vielen Jahren zum erstenmal Freude und Frieden. Sobald ich erfüllt hatte, was zu erfüllen war, fühlte ich sofort in meiner Seele das Paradies. Jetzt wage ich schon, meine Kinder zu lieben und zu küssen. Man glaubt mir nicht, niemand will mir glauben, weder meine Frau, noch meine Richter; auch die Kinder werden es niemals glauben. Ich sehe darin die Gnade Gottes zu meinen Kindern. Ich sterbe, und mein Name bleibt für sie unbefleckt. Jetzt fühle ich schon die Nähe Gottes, mein Herz frohlockt wie im Paradiese... ich habe meine Pflicht erfüllt ...«

Er konnte nicht sprechen, sein Atem versagte, er drückte mir heiß die Hand und sah mich mit brennenden Augen an. Aber wir konnten nicht lange sprechen, seine Gattin sah jeden Augenblick zu uns herein. Doch er konnte mir noch zuflüstern:

»Weißt du noch, wie ich zu dir damals zum zweitenmal kam, um Mitternacht? Ich hatte dir gesagt, daß du dir es merken sollst. Weißt du, wozu ich damals kam? Ich kam, um dich zu töten!«

Ich fuhr zusammen.

»Ich ging damals von dir in die Finsternis, irrte durch die Straßen und kämpfte mit mir selbst. Und plötzlich fühlte ich solchen Haß gegen dich, daß mein Herz ihn kaum ertragen konnte. ›Er allein‹, dachte ich mir, ›hat mich gebunden, er ist mein Richter, ich kann meiner Strafe nicht mehr entgehen, denn er weiß alles.‹ Ich fürchtete nicht, daß du mich anzeigen würdest (dieser Gedanke kam mir gar nicht), aber ich dachte mir: ›Wie werde ich ihm ins Gesicht blicken, wenn ich mich nicht anzeige?‹ Und wenn du auch meilenweit von mir entfernt, aber am Leben wärest, dieser Gedanke, daß du am Leben bist, alles weißt und mich verurteilst, wäre mir unerträglich. Ich haßte dich, als wärest du die Ursache von allem und an allem Schuld. Ich kehrte damals zu dir zurück, ich erinnere mich noch, auf deinem Tische lag ein Dolch. Ich setzte mich und forderte auch dich zum Sitzen auf und dachte eine ganze Minute nach. Wenn ich dich getötet hätte, wäre ich sowieso dieses Mordes wegen zugrunde gegangen, selbst wenn ich mein früheres Verbrechen nicht eingestanden hätte. Aber ich dachte gar nicht daran und wollte in jenem Augenblick überhaupt nicht denken. Ich haßte dich nur und wollte mit aller Kraft an dir für alles Rache nehmen. Doch der Herr besiegte den Teufel in meinem Herzen. Wisse aber, daß du dem Tode noch nie näher gewesen bist.«

Nach einer Woche starb er. Seinen Sarg begleitete die ganze Stadt zum Grabe. Der Priester hielt eine gefühlvolle Rede. Alle beklagten die schreckliche Krankheit, die seine Tage verkürzt hatte. Aber die ganze Stadt erhob sich nach seiner Beerdigung gegen mich, und man hörte sogar auf, mich zu empfangen. Allerdings glaubten erst wenige, dann aber immer mehr und mehr Leute an die Richtigkeit seiner Aussage und fingen an, mich aufzusuchen und mit großer Neugier und Freude auszufragen: denn der Mensch sieht gern den Fall des Gerechten und seine Schande. Aber ich schwieg und verließ bald darauf die Stadt; nach fünf Monaten wurde mir die göttliche Gnade zuteil, den festen und herrlichen Weg zu betreten, und ich segnete den unsichtbaren Finger, der mir diesen Weg so klar gewiesen hatte. Aber ich gedenke des Knechtes Gottes Michail auch heute noch alltäglich in meinen Gebeten.

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