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Der russische Christ

: Der russische Christ - Kapitel 2
Quellenangabe
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authorVerschiedene
titleDer russische Christ
publisherDrei Masken Verlag
editorAlexander Eliasberg
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firstpub
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Graf Hermann Keyserling

Vorwort: Der russische Christ

Wladimir Ssolowjow meinte irgendeinmal, in Rußland gäbe es mehr Heilige als anständige Menschen. Das war ein tiefes Wort – ein Wort, welches das Problem des Russen im Schnittpunkt der Koordinaten, die seine Oberfläche mit dem Wesen verknüpfen, faßt. Das ganze Westländertum in seiner Fortschrittlichkeit beruht auf dem Ernstnehmen der christlichen Forderung, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen. Alles Äußerliche, alles Materielle soll zum Ausdrucksmittel und Ausdruck des Geistes werden. Der russische Mensch, hierin dem Inder ähnlich, statuiert, wo er echt ist, keine notwendige Gleichung zwischen Materie und Geist. Deshalb wird jene bei ihm nur ausnahmsweise geistgemäß Deshalb ist gerade der anständige Mensch, die abendländische, zumal die protestantische Norm, in Rußland eine Ausnahmeerscheinung.

Daß das weltliche Leben in Rußland viel zu wünschen übrig lassen muß, ergibt sich aus dieser einen Erwägung als Selbstverständlichkeit. Von Peter dem Großen ab haben die europäisierten Herrschenden versucht, dem Übel eben durch Europäisierung zu steuern – doch mit nur sehr geringem Erfolg, weil der anständige Mensch, wo er vorkommt, vom Volk nicht anerkannt, sondern unverkennbar, wenigstens ein klein wenig, verachtet wird. Der »akkurate« Deutsche war ihm von jeher eine Zielscheibe gutmütigen Spotts; die ehrlichen Balten, die eben um dieser einen Eigenschaft willen, auch wo sie sonst wenig konnten, in Rußland glänzende Karriere machten, haben durch ihre Tugend niemals die Achtung errungen, die jeder Abendländer ihnen selbstverständlich gezollt hätte: jene ließ sie vielmehr unmenschlich erscheinen. Wie erklärt sich diese Paradoxie? – Eben aus dem Kernworte Ssolomjows, daß es in Rußland mehr Heilige als anständige Menschen gibt.

Der Heilige ist in Rußland gewiß keine häufige, aber eine wesentliche normale Erscheinung. Das heißt: sein Typus bestimmt auch die Norm. Der Gegensatz des Heiligen ist nun bekanntlich nicht der Sünder, sondern der Gerechte, Wer gemäß den Kategorien des Heiligen die Welt beurteilt, dem muß gerade ihr tüchtiges Wesen im Grenzfall als Teufelswerk vorkommen. Der muß gerade die Stützen der Gesellschaft am meisten verabscheuen. Dem muß der ehrliche Makler hoffnungsloser erscheinen, als der Schelm, denn von ihm ist am wenigsten Reue und Umkehr zu erwarten. So urteilt unbewußt das ganze russische Volk. Daß es damit falsch urteilt, darüber besteht kein Zweifel: das Weltliche ist am Maßstab des Weltüberwinders nicht zu messen. Aber das falsche Urteil hat seine Ursache hier in einem Vorzug, um welchen Europa Rußland beneiden muß: einem unmittelbaren, durch keinerlei Überschichtung an der Auswirkung verhinderten Gottesbewußtsein.


Der russische Christ hält sich selbst für den absoluten Christen. Das ist er auch, sofern man den Begriff aus dem Geist des Urchristentums definiert. Dieses war zunächst eine weltfeindliche, mildestenfalls der Welt neutral gegenüberstehende Bewegung, und Verfolgtheit war sein Element. Wer das nicht zugibt, der muß der ungeheuren Bedeutung, welche in jenen frühen Tagen dem Martyrium zuerkannt wurde, die Erklärung schuldig bleiben. Die griechische Kirche, welche sich ab Ende des 9. Jahrhunderts Rußland unterwarf, war nun freilich alles eher als faktisch weltschwach. Aber ihr Geist war doch in der vorkonstantinischen Form erstarrt, so daß es nur eines entsprechenden Volksseelenmediums bedurfte, um das Ursprüngliche wieder zum Leben zu erwecken. Dies geschah innerhalb der duldungsfreudigen russischen Masse von vornherein. Die offizielle Kirche mochte noch so weltgewaltig werden – nie wurde diese ihre Eigenschaft vom Volk als Verkörperung christlichen Geistes anerkannt. Der Cäsaropapismus der letzten kaiserlichen Jahrhunderte wurde vielmehr instinktiv als antichristliche Erscheinung gewertet und heute, 1922, wo der Bolschewismus die Erinnerung der diokletianischen Ära zum Leben wiedererweckt, mögen sich ungezählte Fromme als Christen glücklicher fühlen wie seit Jahrhunderten je ... Die Entwicklung des Christentums hat in Rußland (wie übrigens der gesamten griechischen Welt) beim oströmischen Zustande des 3. und 4. Jahrhunderts Halt gemacht. Dementsprechend erscheinen ihm Katholizismus und Protestantismus nicht als Gegensätze, sondern als eines Geistes Kinder: des Geists Bewegtheit, der Fortentwicklung im Zeichen der Vernunft. Dementsprechend erscheinen ihm beide als recht eigentlich unchristlich: denn der Logos war nicht der Urgemeinde Gesetz. Dieses war die Liebe. Ursprünglich manifestierte sich der Heilige Geist in der Übereinstimmung der Kinder, die sich untereinander liebten. Die Gewißheit, die der Glaube gab, war seelischer, nicht geistiger Art. Rationelle Festlegung spielte die geringste Rolle. Keine Einzelautorität hatte neben derjenigen der Gemeinde Zsobór überhaupt Gewicht, so jedenfalls deutet der Russe die Überlieferung. Unter diesen Umständen hat er von seinem Standpunkt freilich recht, sich nicht nur als ursprünglichen, sondern als absoluten Christen zu fühlen: denn ihm deckt sich das Ursprüngliche mit dem Zeitlos-Ewigen. Ihm kann sich die Frage einer Entwicklung seiner Religion überhaupt nicht stellen, denn das Absolute als solches entwickelt sich nicht. Jene bedeutet ihm unmittelbar eine bestimmte Einstellung zum Leben und sonst nichts. Insofern ist der Russe nicht allein ein besonders gearteter, sondern der tiefste Christ.Inwiefern die Einstellung das Letzte ist, habe ich im Vortrag »Was wir wollen« meiner »Schöpferischen Erkenntnis« (Darmstadt 1922) ausgeführt.


Er ist der tiefste Christ, weil es ihm nur auf das Unbedingte und Letzte ankommt. Dieses offenbart sich ihm nicht in geistiger, sondern in seelischer Verkörperung; nicht in der Individualität, sondern der Gemeinschaft. Hieraus folgt noch einmal die Entwicklungsunfähigkeit der orthodoxen Kirche; nur der Logos, nicht der Eros bewirkt Fortschritt.Vgl. das Kapitel »Antikes und modernes Weisentum« meiner »Schöpferischen Erkenntnis«. In der Liebe selbst liegt kein Motiv des Anderswerdens; nur der aus der Gemeinschaft Herausgehobene wirkt wandelnd auf diese ein; nur der Geist, nicht die Seele erfindet. Aber das Nicht-Fortschreiten bedeutet dem Russen insofern Gleiches, wie uns das Fortschreiten. Wir verändern unaufhaltsam die Erscheinung, um dem Sinne näherzukommen, denn dies verlangt unsere logoshafte Lebensmodalität. Der religiöse Russe lebt gefühlsmäßig unmittelbar aus dem Sinn heraus. Diesen erfaßt er in seiner Absolutheit gerade deshalb unvergleichlich rein, weil ihm die Lehre selbst so gar kein Problem ist. Hier wären wir denn beim äußerlich wichtigsten Unterschied zwischen dem russischen und dem europäischen Christen angelangt: ihm ist die ganze äußere Struktur des religiösen Lebens nur ein Symbol zum Zweck der gefühlsmäßigen Realisierung des religiösen Sinnes. Christus ist ihm kein Vorbild, welchem nachgeahmt werden soll, sondern ein Sinnbild. Ihm liegt auch das Dogma auf der Ebene der Liturgie. Diese ist ihm unbedingt die Hauptsache. Es läßt sich kaum vorstellen, so oft es vorkommen möge, daß die Heilige Schrift in einer griechisch-orthodoxen Gemeinschaft russischer Nationalität lehrmäßig und nicht liturgisch vorgetragen würde. Da aber die Gemeinde, und zwar die ökumenische, allumfassende Gemeinde dem russischen Christen die einzig denkbare Verkörperung des Heiligen Geists auf Erden ist, so ergibt sich daraus als notwendige Forderung die Polyphonie seiner geistlichen Musik. Nur im Chorgesang kann das sich vollkommen und rein offenbaren, was der Russe unter christlicher Religion versteht.


Ich sagte: der Russe ist der tiefste Christ, weil es ihm nur auf das Unbedingte und Letzte ankommt. Hieraus folgt aber andrerseits, was in bezug auf den russischen Menschen schon festgestellt wurde: die Unzulänglichkeit seiner Religion in bezug auf diese Welt, sie bringt keinen Impuls, sie zu verbessern. Auf Erden weiß sie das Himmelreich nur in der einen Form des denkbar schön gestalteten Gottesdienstes zu verwirklichen. Deshalb baut der Russe, wo der Europäer durch praktische Maßnahmen Not zu lindern versuchen würde, Kirche neben Kirche auf, auch wo die schon vorhandene Zahl alle Bedürfnisse weit übersteigt. Es fehlt das organische Bindeglied zwischen Gotteserlebnis und menschenbedingter Welt. Das gereicht dieser zum Schaden. Der religionsfeindliche Bolschewismus hätte unter dem Volk sicher weniger Anhänger gefunden, wenn die Kirche sich als »nützlicher« bewährt hätte, denn gerade der russische Bauer ist, in weltlicher Einstellung, der nüchternste Mensch, und es gibt Zeiten, wo weltliches Interesse auch bei religiösesten Völkern überwiegt. Die Moralität der Russen wäre besser als sie ist. Der russische Intellekt hatte sich, wo er sich emanzipiert hat, als weniger positivistisch oder, was das Gegenbild des Gleichen bedeutet, weniger nihilistisch erwiesen, denn er wäre im spirituellen doch verwurzelt geblieben. Ja wie er geworden ist, hat er gar kein Verhältnis zur übersinnlichen Welt. Doch wo sich die russische Religiosität durch eine entsprechend abgestimmte Seele manifestiert, dort erstrahlt diese in ikonenhaftem Glanz. Das ganze Volk umspannt sie, trotz dessen Sünden und Verbrechen, mit einem Heiligenschein, denn keines Volkes Seele ist seelenhafter. Und wo ein Russe zur Heiligkeit vorherbestimmt erscheint, dort erreicht er sie leichter, als irgendein anderer Christ, denn keinem andern ist der Weg zum Absoluten weniger verbaut. Alle religiösen Russen aber betrachten das Leben mit den Augen der Heiligen. Deshalb versteht kein anderer Typus die Seele so oft so tief wie sie.

Dies erklärt denn das Wunder der russischen Literatur. Vom Verbrecher bis zum Heiligen werden alle Menschen gleich liebevoll gesehen. Nur der Gerechte bleibt unverstanden, aber der ist in Rußland so selten, daß er das Bild nicht stört. Der Heilige steht in Dostojewskijs Starez Sossima lebendiger und glaubhafter vor uns, als irgendein anderer ihn jemals hinstellte. Ebenso glaubhaft stellt Tolstoi in Kassatskij den gefallenen Heiligen dar. Der schlimmste Übeltäter aber wird in russischer Abbildung nicht allein menschlich begreiflich, sondern unwillkürlich auch liebenswert. Eine grenzenlose Toleranz ist die Stimmung des russischen Verstehens. Es ist eben nicht menschliche, sondern göttliche Duldsamkeit. Es ist die, welcher die Sünde selbstverständlich ist, deren Allwissenheit alles Beschönigen überflüssig macht, die, den Kern durchschauend, keinen je verwirft. Es ist die Duldsamkeit des Reichs der Gnade. Wie in der Liturgie, so offenbart dieses sich in Rußland auch durch das Medium der Literatur. In Form des Leben in der Welt, als welches unabänderlich dem Reich des Verdienstes angehört, kann es sich aber nicht offenbaren.

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