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Der Ruhm des Kämpfers

Jack London: Der Ruhm des Kämpfers - Kapitel 6
Quellenangabe
authorJack London
titleDer Ruhm des Kämpfers
publisherVerlag Tribüne
year1957
firstpub
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das Ende vom Lied

Der Tisch war aus ungehobelten Brettern verfertigt, und es wurde daher den Männern, die an ihm saßen und spielten, oft schwer genug, ihre Stiche auf der rauhen Fläche einzuheimsen. Obgleich alle in Hemdsärmeln dasaßen, perlte doch der Schweiß auf ihren Gesichtern, was indessen nicht verhinderte, daß ihre Füße, die in Mokassins und dicke, wollene Strümpfe gehüllt waren, vor Kälte schmerzten. So groß war der Temperaturunterschied zwischen der Luft am Fußboden und der höher im Raum, obwohl die Decke niedrig war. Der gußeiserne Yukonofen glühte und summte, aber auf dem Fleischgerüst, das nur acht Fuß von ihm unten am Fußboden neben der Tür angebracht war, lagen große Stücke Elchfleisch und Bacon, die völlig gefroren waren. Das unterste Drittel der Tür war mit einer dicken Eiskruste bedeckt. Durch die Ritzen zwischen den Planken hinter den Betten sah man den weißglitzernden Schnee draußen. Ein Fenster aus Ölpapier ließ das Licht herein. Den unteren Teil des Papiers hatte der Atem der Männer auf der Innenseite einen Zoll dick mit gefrorener Feuchtigkeit beschlagen.

Sie spielten einen höchst spannenden Rubber-Whist, denn das Paar, das ihn verlor, hatte durch die sieben Fuß dicke Eis- und Schneekruste des Yukons ein Loch zum Fischen zu bohren.

»Es ist auch verflucht selten, daß wir im März solche Kälte haben«, bemerkte der Mann, der gerade mischte. »Wieviel meinst du, sind es heute, Bob?«

»Na, fünfundfünfzig bis sechzig Grad unter Null, denke ich. Mehr nicht. Was meinen Sie, Doktor?«

Der Doktor wandte den Kopf und betrachtete den unteren Teil der Tür mit einem prüfenden Blick.

»Nicht um ein Tüttelchen mehr als fünfzig Grad. Wenn das nicht genau stimmen sollte, so ist es eher ein bißchen wärmer – neunundvierzig vielleicht! Guckt euch das Eis an der Tür an. Es ist gerade bei der Marke für fünfzig Grad angelangt, aber der obere Rand ist, wie ihr seht, nicht ganz regelmäßig. Als es seinerzeit siebzig Grad waren, stieg das Eis um vier Zoll höher.« Er nahm seine Karten, und während er sie sortierte, rief er, als an die Tür geklopft wurde, laut »Herein!«

Der Mann, der jetzt eintrat, war ein großer, breitschultriger Schwede. Freilich erkannte man seine Nationalität erst, als er seine Mütze mit den Ohrenklappen abgenommen und das Eis aufgetaut hatte, das sich in seinem Bart gebildet und sein Gesicht unkenntlich gemacht hatte. Unterdessen spielten die Männer ruhig weiter.

»Ich hab' gehört, daß es einen Doktor hier in diesem Lager gibt«, sagte der Schwede fragend und sah ängstlich von einem zum andern. Sein Gesicht war abgemagert und durch andauernde starke Schmerzen verzerrt. »Ich habe einen weiten Weg hinter mir. Ich komme aus der Gegend nördlich von Whyo.«

»Ich bin der Doktor! Was ist denn mit Ihnen los?«

Als Antwort hob der Mann seine linke Hand, deren Zeigefinger furchtbar angeschwollen war. Gleichzeitig begann er eine weitschweifige, ziemlich unzusammenhängende Geschichte über Zeit und Art seines Unfalls zu erzählen.

»Zeigen Sie mal her«, unterbrach ihn der Doktor ungeduldig. »Legen Sie den Finger auf den Tisch. Hier, so!«

Vorsichtig gehorchte der Mann, als sei es ein gefährliches Geschwür.

»Hm«, knurrte der Doktor. »Eine Sehnenzerrung. Und dreihundert Meilen sind Sie gereist, um den Dreck in Ordnung zu kriegen. Ich werde Sie im Handumdrehen kurieren. Passen Sie gut auf, wie ich es mache, dann können Sie es das nächste Mal selber.«

Ohne den Mann gewarnt zu haben, schlug der Arzt mit der Handkante auf den geschwollenen Finger. Der Schwede stieß einen Ruf der Verblüffung und des Schmerzes aus. Es klang eher wie der Schrei eines wilden Tieres, und sein Gesichtsausdruck war so erregt und wütend, als wollte er sich auf den Mann stürzen, der sich diesen Spaß erlaubt hatte.

»Schon in Ordnung«, erklärte der Doktor in scharfem, gebieterischem Ton. »Wie fühlen Sie sich jetzt? Besser, nicht wahr? Selbstverständlich! Das nächste Mal können Sie es selber. Sie geben, Strothers. Ich glaube, die Reihe ist an Ihnen.«

Der Stier von einem Schweden begriff anscheinend schwer. Erst allmählich wurde ihm das Geschehene klar, und er beruhigte sich. Der stechende Schmerz war vorbei, der Finger fühlte sich schon besser an. Er tat auch nicht mehr weh. Er betrachtete neugierig den Finger, seine Augen waren voller Staunen, und er bewegte die Hand hin und her. Dann steckte er sie in die Tasche und holte seinen Geldbeutel hervor.

»Wieviel?«

Der Arzt schüttelte ungeduldig den Kopf. »Nichts, ich praktiziere im Augenblick nicht – Sie spielen aus, Bob!«

Der Schwede trat schwerfällig von einem seiner riesigen Füße auf den andern, besah sich den Finger wieder und wandte sich dann mit einem bewundernden Blick an den Doktor.

»Sie sind ein guter Mensch. Wie heißen Sie?«

»Linday, Dr. Linday«, antwortete Strothers kurz, als wollte er seinen Spielgegner nicht noch mehr reizen.

»Der Tag ist ja schon halb vorbei«, sagte Dr. Linday zu dem Schweden, als das Spiel fertig war und er die Karten zu mischen begann. »Es ist besser, Sie bleiben die Nacht über hier. Es ist zu kalt zum Fahren heute. Drüben ist eine Reservekoje.«

Er war ein schlanker, dunkelhaariger Mann mit hagerem Gesicht und dünnen Lippen und kräftig gebaut. Sein glattrasiertes Gesicht war blaß, aber gesund. Alle seine Bewegungen waren schnell und entschieden. Er suchte nicht, wie die andern, in seinen Karten. Seine schwarzen Augen hatten einen offenen, scharfen Blick, der den Eindruck machte, als könnte er die Oberfläche aller Sachen durchdringen. Seine Hände waren schlank, fein und nervig. Sie schienen für Arbeiten geschaffen, die Zartheit und feines Empfinden erforderten, und machten dabei doch selbst auf den unerfahrensten Beobachter einen Eindruck von Kraft.

»Gewonnen«, sagte er, als er den letzten Stich einstrich. »Jetzt gilt es den Rubber, und wer das Loch ins Eis machen muß.«

Ein energisches Klopfen an der Tür hatte einen schnellen Ausruf von ihm zu Folge.

»Wir sollen, scheint's, nie mit diesem Rubber fertig werden«, sagte er, als die Tür sich öffnete. »Was bringen Sie denn?« Diese letzten Worte galten einem Fremden, der soeben eintrat.

Der Ankömmling bemühte sich vergeblich, die Eiskruste von Wangen und Kinn zu entfernen. Es war deutlich zu sehen, daß er lange Stunden und Tage unterwegs gewesen war. Die Haut über den Backenknochen war infolge mehrfacher Erfrierungen schwarz geworden. Das Gesicht war von der Nase bis zum Kinn mit Eis bedeckt. Ein Loch, das sein warmer Atem darin geschmolzen hatte, zeigte, wo sein Mund sein mußte. Durch dieses Loch hatte er Kautabaksoße gespieen, die, sobald sie den Mund verließ, gefroren war. Es sah deshalb aus, als ob er einen ambrafarbenen Van-Dyck-Bart trüge. Aber es war nur der gefrorene Tabaksaft.

Ohne ein Wort zu sprechen, schüttelte er den Kopf, lächelte freundlich mit den Augen und schob sich näher an den Ofen heran, um sich dort den Mund aufzutauen und dann sein Anliegen vorbringen zu können. Dieses Vorhaben verschaffte ihm reichliche Verwendung für seine Finger, mit denen er sich ganze Eisstücke aus dem Bart riß, die er auf den Ofen warf, wo sie knisterten und zischten.

»Ich bringe gar nichts«, erklärte er schließlich. »Wenn es hier im Lager aber einen Doktor gibt, so brauche ich ihn trotzdem. Am Kleinen Peco liegt ein Mann, der einen Zusammenstoß mit einem Panther gehabt hat, und das Biest ist dabei ganz ruppig mit ihm umgegangen.«

»Ist es weit von hier?« fragte Doktor Linday.

»Na – hundert Meilen mindestens.«

»Und wie lange ist es her?«

»Ich bin drei Tage unterwegs gewesen.«

»Schlimm?«

»Die Schulter ist ausgerenkt. Und einige Rippen sind totsicher gebrochen. Der rechte Arm auch. Und das Fleisch ist fast am ganzen Körper – außer dem Gesicht – bis zu den Knochen abgerissen. Zwei oder drei Stellen haben wir ihm notdürftig zusammengenäht und die Arterien mit Bindfaden abgebunden.«

»Das wird schön sein«, knurrte Linday spöttisch. »Wo sind die Stellen denn?«

»Am Bauch.«

»Dann ist er schon erledigt.«

»Nein, so wahr ich lebe. Wir haben alles, bevor wir ihn nähten, mit desinfizierenden Mitteln gebeizt. Nur bis auf weiteres natürlich. Wir hatten eben nichts anderes als gewöhnlichen Bindfaden, aber wir haben ihn wenigstens gewaschen.«

»Er ist so gut wie tot«, erklärte Dr. Linday, während er ärgerlich mit den Karten herumhantierte.

»Keine Rede davon. Der Mann wird nicht sterben. Er weiß, daß ich den Doktor hole, und wird schon dafür sorgen, daß er noch am Leben ist, wenn ich wiederkomme. Er denkt nicht daran, zu sterben. Ich kenne ihn.«

»Christian Science und kalter Brand, nicht wahr?« knurrte der Arzt. »Nun, ich praktiziere überhaupt nicht. Und außerdem sehe ich nicht ein, warum ich bei einer Temperatur von fünfzig Grad unter Null wegen eines toten Mannes hundert Meilen weit fahren sollte.«

»Aber ich sehe es ein. Es handelt sich um einen Mann, der gar nicht daran denkt, zu sterben ...«

Linday schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, daß Sie den weiten Weg umsonst gemacht haben. Es ist besser, Sie bleiben die Nacht über hier.«

»Ausgeschlossen. In zehn Minuten fahre ich ab.«

»Wieso sind Sie Ihrer Sache denn so sicher?« fragte Linday mürrisch.

Und dann kam der Augenblick, da Tom Daw die längste und beste Rede seines Lebens hielt.

»Weil er am Leben bleiben wird, bis Sie kommen, und wenn es eine Woche dauern sollte, Sie zu überreden. Und weil seine Frau bei ihm ist. Und sie heult nicht und weint nicht, sondern hilft ihm ganz still, am Leben zu bleiben, bis Sie kommen. Sie haben einander mächtig lieb, und sie hat genau so einen Willen wie er. Wenn er abfahren wollte, würde sie einfach ihre unsterbliche Seele in seine hineinpusten und ihn wieder lebendig machen. Obgleich es ihm ja gar nicht so schlecht gehen wird. Aber Sie können darauf schwören, daß sie es tun würde. Ich gehe jede Wette ein. Ich halte drei gegen eins, in reinem Gold, daß er noch am Leben ist, wenn Sie hinkommen. Ich habe ein frisches Gespann am Ufer. Sie müssen in zehn Minuten zum Abfahren fertig sein. Und ich glaube, wir brauchen nicht mal drei Tage für die Fahrt, weil der Schnee auf meiner Fährte schon festgefahren ist. Ich gehe jetzt zu den Hunden; in zehn Minuten komme ich und hole Sie ab.«

Tom Daw band sich wieder die Ohrenklappen herunter, zog sich die Fäustlinge an und verschwand.

»Der Teufel soll ihn holen!« rief Dr. Linday und warf einen rachsüchtigen Blick nach der geschlossenen Tür.

Erst lange nach Eintritt der Dunkelheit schlugen Dr. Linday und Tom Daw am selben Abend ihr erstes Lager auf. Sie hatten bereits fünfundzwanzig Meilen zurückgelegt. Das Lagern war eine sehr einfache Sache. Sie machten Feuer im Schnee, neben das Feuer legten sie ihre Schlafsäcke auf eine Unterlage von Fichtenzweigen. Hinter diesem provisorischen Bett wurde ein großes Stück Leinwand aufgehängt, um die Wärme des Feuers zurückzuwerfen. Daw gab den Hunden zu fressen und schlug Eis und Brennholz. Lindays Wangen brannten von der Kälte, als er am Kochtopf hockte. Sie aßen reichlich, rauchten eine Pfeife und plauderten miteinander, während sie ihre Mokassins am Feuer trockneten. Dann krochen sie in ihre Schlafsäcke, um den traumlosen Schlaf der Müden und Gesunden zu schlafen.

Am nächsten Morgen war die ungewöhnliche Kälte vorbei. Linday schätzte die Temperatur auf fünfzehn Grad unter Null, und sie schien sogar noch zu steigen. Daw wurde von schwerer Sorge gequält. Sie würden noch am selben Tag den Cañon erreichen, erklärte er, wenn aber der Frühling mit seinem Tauwetter schon jetzt einsetzte, würde der Cañon mit offenem Wasser gefüllt sein. Die Wände der Schlucht seien indessen nicht weniger als zwischen hundert und tausend Fuß hoch. Man könne sie natürlich besteigen, aber es sei eine verdammt langweilige Arbeit, die viel Zeit erfordere.

Als sie an diesem Abend in der dunklen, unheimlichen Schlucht lagerten und ihre Pfeife rauchten, klagten sie über die Wärme und waren sich einig, daß das Thermometer über Null stehen müßte ... und zwar zum erstenmal seit sechs Monaten.

»Man hat noch nie so weit im Norden etwas von Panthern gehört«, erzählte Daw. »Rocky nannte ihn einen Kuguar. Aber ich habe viele in Curry County geschossen – in Oregon, wo ich her bin, und da nannten wir sie immer Panther. Jedenfalls war es eine größere Katze, als ich je eine gesehen habe. Es war ein richtiges Ungetüm von Katze. Jetzt bleibt nur die Frage übrig, wie, zum Teufel, sie auf einen solchen Jagdausflug abseits von allen gewohnten Pantherwegen gekommen war? Das ist die Frage ...«

Linday bemerkte nichts hierzu – er nickte nur zustimmend. Seine Mokassins waren auf kleine Stöcke gehängt und dampften, ohne daß er darauf achtete und sie umdrehte. Die Hunde lagen zusammengekauert wie pelzbekleidete Bälle da und schliefen. Das Knistern der glühenden Scheite machte die überall herrschende Stille nur noch tiefer. Der Doktor erwachte plötzlich aus seinen Träumen und starrte Daw an, der ebenfalls nickte und den fragenden Blick beantwortete. Beide lauschten. Aus weiter Ferne ertönte ein undeutliches Geräusch, das allmählich zu einem gewaltigen, unheimlichen Brüllen anschwoll. Es kam immer näher, es stieg und nahm zu, es hallte von den Gipfeln der Berge und aus den Tiefen der Schluchten wider, der Wald neigte sich unter dem mächtigen Tosen, die schlanken Fichten, deren Wurzeln aus den Spalten in den Wänden des Cañons herauslugten, beugten sich zitternd. Da erkannten sie, was es war. Ein starker und balsamischer Wind wehte zu ihnen herüber und schleuderte glühende Partikel aus dem Feuer wie Sternschnuppen in die milde Luft. Die Hunde erwachten, setzten sich auf und begannen, die schwarzen Schnauzen zum Himmel gehoben, wie Wölfe zu heulen.

»Der Chinook«, sagte Daw.

»Das heißt, denke ich, daß der Weg auf dem Fluß gefährdet ist?«

»Ganz recht. Und zehn Meilen auf dem Fluß sind leichter als eine Meile über die Berge.« Daw blickte Linday eine lange Minute prüfend an. »Wir hätten noch genau fünfzehn Stunden zu gehen«, rief er mit einer Stimme, die den Wind überschrie. Er wartete einen Augenblick auf Antwort. Dann sagte er schließlich: »Doktor – machen Sie mit?«

Statt zu antworten, klopfte Linday seine Pfeife aus und begann sich die dampfenden Mokassins anzuziehen. Es dauerte nur wenige Minuten, so hatten sie, unter dem Druck des Sturmes gebeugt, die Hunde angeschirrt, das Lager abgebrochen und das Kochgerät und die unbenutzten Schlafsäcke auf dem Schlitten verstaut. Dann bogen sie in der Dunkelheit auf den Weg ein, den Daw vor fast einer Woche getreten hatte. Sie hatten eine lange nächtliche Wanderung vor sich. Und immerfort hörten sie den Chinook brüllen und hetzten die müden Hunde und spornten ihre eigenen erschöpften Muskeln an. Zwölf Stunden hielten sie durch. Dann machten sie halt und frühstückten, nachdem sie vierundzwanzig Stunden lang ununterbrochen auf den Beinen gewesen waren.

»Eine Stunde können wir schlafen«, sagte Daw, nachdem sie dicke Streifen Elchfleisch, die mit Räucherspeck gebraten waren, pfundweise verzehrt hatten.

Er ließ seinen Begleiter zwei Stunden schlafen, selbst fürchtete er sich, die Augen zu schließen. Er hielt sich wach, indem er in dem weichen, schon schmelzenden Schnee zeichnete. Im Laufe dieser beiden Stunden sank der Schnee um drei Zoll. Man konnte das Sinken geradezu sehen. Von allen Seiten kam – schwach aus der Ferne, stark in der Nähe – das Geräusch der bisher verborgenen Gewässer, die jetzt hervorsickerten und sich einen Weg bahnten. Trotz dem Brüllen des Frühlingswindes hörte man sie. Der Kleine Peco, der durch viele andere noch kleinere Flüsse Zuwachs erhielt, erhob sich gegen den Zwang des Winters und zersprengte unter Krachen und Knallen das Eis.

Daw berührte Lindays Schulter. Er berührte sie noch einmal. Schüttelte. Und schüttelte noch kräftiger.

»Doktor«, murmelte er voller Bewunderung. »Ich räume ohne weiteres ein, daß Sie gut laufen können.«

Die müden schwarzen Augen unter den schweren Lidern nahmen das Kompliment an.

»Aber darum handelt es sich jetzt nicht! Rocky ist ganz niederträchtig verschandelt worden. Wie ich Ihnen vorher sagte: Ich habe geholfen, ihm die Eingeweide zusammenzunähen, Doktor!« Er schüttelte den Mann, dessen Augen sich schon wieder geschlossen hatten. »Ich sage Ihnen, Doktor. Es handelt sich jetzt nur darum, ob Sie imstande sind weiterzugehen? Hören Sie, was ich sage? Ich frage, ob Sie imstande sind, weiterzugehen?«

Die müden Hunde schnappten nach ihnen und winselten, als sie in ihrem Schlaf gestört wurden. Es ging nur langsam vorwärts. Mehr als zwei Meilen in der Stunde schafften sie nicht, und die Tiere nahmen jede Pause wahr, um sich in den nassen Schnee zu legen.

»Noch zwanzig Meilen, und wir haben die Schlucht hinter uns«, ermunterte Daw seinen Begleiter. »Und wenn wir so weit sind, kann das Eis meinetwegen zum Teufel gehen. Dann können wir am Ufer weitermarschieren und haben nur noch zehn Meilen bis zum Lager, sind also schon beinah da, Doktor! Und wenn Sie Rocky zusammengekleistert haben, können Sie mit einem Kanu in einem Tage zurück sein.«

Aber das Eis wurde immer unsicherer unter ihren Füßen, es begann sich vom Ufer loszureißen und hob sich Zoll um Zoll. An einigen Stellen hielt es noch am Ufer fest; dann lag aber schon Wasser darüber, und sie mußten hindurchwaten. Der Kleine Peco knurrte und murrte. Spalten und Risse bildeten sich überall, während sie sich Meile um Meile vorwärts kämpften, von denen jede einzelne zehn Meilen über die Berge entsprach.

»Legen Sie sich auf den Schlitten, dann können Sie ein bißchen schlafen, Doktor«, meinte Daw.

Der Blick aus den schwarzen Augen verbot ihm, die freundliche Aufforderung zu wiederholen.

Schon gegen Mittag erhielten sie eine Warnung, daß das Ende sich näherte. Eisschollen, die von der rasenden Strömung abwärts geschoben wurden, begannen unter dem Eis, auf dem sie gingen, zu donnern und zu toben. Die Hunde winselten ängstlich und strebten nach dem Ufer.

»Das heißt offenes Wasser weiter oben«, erklärte Daw. »Bald wird irgendwo Packeis kommen, und dann wird der Fluß im Laufe von hundert Minuten um hundert Fuß steigen. Jetzt gilt es für uns, die Hänge zu erklimmen, wenn es uns überhaupt gelingt, eine Stelle zu finden, wo wir aus dieser Mausefalle entschlüpfen können. Na, nur los! Jetzt haben wir die Schweinerei – und da hatte man nun geglaubt, daß der Yukon noch einige Wochen halten würde.«

An dieser Stelle war die Schlucht außergewöhnlich eng, und ihre Wände waren so schroff, daß man sie nicht erklimmen konnte. Daw und Linday mußten deshalb weitergehen – und das taten sie auch, bis die Katastrophe über sie hereinbrach. Mit einem mächtigen Knall zerbarst das Eis unter ihren Füßen und dem Gespann. Die beiden Tiere, die in der Mitte des Geschirrs gingen, stürzten in den Spalt, und die Strömung riß ihre Körper mit solcher Kraft mit, daß sie auch den Leithund ins Wasser zogen. Und als die drei Körper unter der Eiskruste den Strom hinabgezogen wurden, wurden auch die beiden letzten winselnden Hunde, die noch übriggeblieben waren, fortgerissen. Die Männer hielten aus allen Kräften den Schlitten zurück, aber auch sie wurden langsam mitgezogen. Das alles spielte sich im Laufe weniger Sekunden ab. Daw durchschnitt die Sielen des letzten Hundes mit seinem Fahrtenmesser, und das unglückliche Tier schoß über den Eisrand ins Wasser und verschwand. Die Eisfläche, auf der sie standen, zerbrach und wurde zu einer großen, rotierenden Scholle, die gegen das Eis und die Klippen am Ufer geschleudert und dort zersplittert wurde. Aber es gelang ihnen doch noch, den Schlitten ans Land zu ziehen und in Sicherheit zu bringen, unmittelbar bevor die Eisscholle, auf der sie gestanden hatten, umkippte, sank und unter dem Packeis aus ihrem Gesichtskreis verschwand.

Aus Fleisch und Schlafsäcken machten sie jetzt große Bündel und ließen den Schlitten zurück. Linday ärgerte sich, daß Daw das größere Bündel nahm, aber Daw setzte seinen Willen durch.

»Sie müssen, sobald wir da sind, an die Arbeit. Nur weiter!«

Es war gegen ein Uhr nachmittags, als sie zu klettern begannen. Um acht Uhr abends hatten sie den Kamm erreicht, und die nächste halbe Stunde blieben sie liegen, wo sie hingesunken waren. Dann machten sie Feuer, setzten den Kaffeetopf auf und verschlangen eine ungeheure Menge Elchfleisch. Vorher aber hatte Linday die beiden Bündel gehoben und dabei festgestellt, daß das seine um die Hälfte leichter war als dasjenige Daws.

»Sie sind aus Eisen, Daw«, sagte er bewundernd.

»Wer? Ich – Quatsch! Da sollen Sie Rocky erst sehen. Er ist aus Platin gemacht, eine Panzerplatte, das pure Gold und alles, was es an Stärke und Kraft gibt. Ich bin Gebirgler, aber er schlägt mich glatt knockout. In Curry County pflegte ich die anderen Burschen totzulaufen, wenn wir auf die Bärenjagd gingen. Und als ich Rocky auf unsere erste gemeinsame Jagd mitnahm, dachte ich mir wunder, was ich ihm zeigen würde. Ich gebrauchte meine Beine, kann ich Ihnen sagen, und hielt mich fast die ganze Zeit neben den Hunden, aber Rocky war mir immer auf den Fersen. Ich wußte, daß er auf diese Weise noch durchhalten würde. Ich legte mich deshalb noch mehr ins Geschirr und tat mein Allerbestes. Als aber eine weitere Stunde vergangen war, war er noch immer da und trat mir auf die Fersen. Es war zum Knochenkotzen! ›Vielleicht willst du lieber vorangehen und mir das Laufen beibringen‹, sagte ich zu ihm. Und das tat er, so wahr ich hier stehe. Ich konnte natürlich Schritt mit ihm halten. Aber ich gestehe Ihnen gern, daß ich, als wir den Bären schließlich gestellt hatten, ganz ausgepumpt war.

Es gibt nichts, was den Mann halten kann. Angst kennt er nicht. Letzten Herbst waren wir beide nach dem Lager unterwegs. Es war um die Dämmerung vor Beginn der Schneeschmelze. Ich hatte alle meine Patronen verbraucht – wir hatten Schneehühner geschossen –, aber er hatte noch eine in seiner Kammer. Und die Hunde witterten eine Bärin. Eine kleine freilich. Sie hatte nur ein Gewicht von dreihundert Pfund, aber Sie wissen ja, wie Grizzlybären sind. ›Tu es lieber nicht‹, sagte ich, als er anlegte. ›Du hast nur den einen Schuß, und es ist zu dunkel, um ordentlich zielen zu können.‹

›Kannst ja auf einen Baum klettern‹, sagte er. Das tat ich natürlich nicht; als der Bär aber mitten in die Hunde hineinsauste und mit den Vordertatzen herumfuchtelte, da – das kann ich Ihnen sagen – guckte ich mich doch nach einem ordentlichen Baum um. Es gab eine nette Bescherung! Es ging natürlich gleich schief. Der Bär rutschte den Hang hinunter bis zu einem dicken Baumstumpf. Auf der Rückseite war der vielleicht vier Fuß hoch und ganz senkrecht. Von dort aus konnten die Hunde nicht an den Bären heran. Vorn war ein schroffer Kiesabhang, und über den rutschten die Hunde dem Bären direkt in die Arme. Zurück konnten sie nicht mehr, und das Biest hatte daher nichts anderes zu tun, als sie sich einen nach dem andern, so schnell sie kamen, vorzunehmen. Und dabei war es im dichten Busch und begann schon verdammt dunkel zu werden, und wir hatten keine Patronen ...

Und was, glauben Sie, tat Rocky? Er ging von hinten heran, hob die Hand mit dem Messer über den Baumstumpf und stach von dort auf das Tier los. Aber er konnte ja nur den Rücken erreichen, und inzwischen wurden die Hunde eins, zwei, drei erledigt. Rocky wurde wild. Es paßte ihm nicht, daß seine Hunde so behandelt wurden. Er sprang auf den Baumstumpf, packte den Bären am Pelz und zog das Biest nach hinten über den Stumpf ... und dann rutschten sie alle zusammen, in einem wüsten Haufen, den Hang hinunter – Hunde und Bär und Rocky, mindestens zwanzig Fuß tief, rutschten und glitten, plumps, in den Fluß, der zehn Fuß tief war. Jeder von ihnen schwamm schleunigst seiner Wege. Na, den Bären kriegte er also nicht, aber er rettete doch jedenfalls die Hunde. So ist Rocky. Wenn der erst mal losgeht, ist er nicht zu halten.«

Als sie das nächste Mal lagerten, erfuhr Doktor Linday, wie Rocky verwundet worden war.

»Ich war ein Stück gegangen – ungefähr eine Meile von unserer Hütte, um mir eine Birke auszusuchen, die ich für einen Axtstiel verwenden konnte. Als ich zurückkam, hörte ich schon aus der Ferne einen wilden Radau von der Stelle, wo wir eine Bärenfalle aufgestellt hatten. Irgendein Jäger hatte die Falle in einem alten Versteck zurückgelassen, Rocky hatte sie dort gefunden und wieder aufgestellt. Aber einen Radau machten sie jetzt – es waren Rocky und sein Bruder Harry! Zuerst hörte ich den einen brüllen und lachen und dann den andern, als sei es ein Spiel. Und worin, glauben Sie, bestand das verrückte Spiel? Ich habe viele verfluchte Streiche in Curry County erlebt, aber das war doch das tollste Stück! Sie hatten einen riesigen Panther in der Falle gefangen, und jetzt schlugen sie dem Biest abwechselnd mit einem leichten Stock über die Schnauze. Aber das nicht allein! Ich kam gerade rechtzeitig, um Harry schlagen zu sehen. Als er es getan hatte, schnitt er mit seinem Messer sechs Zoll von dem Stock ab und gab ihn dann Rocky. Sie verstehen: Sie verkürzten den Stock nach jedem Schlage. Das ist nicht ganz so einfach, wie Sie es sich vielleicht denken. Der Panther krümmte sich, schnellte dann vor, fauchte und zischte und war mörderisch gewandt, wenn es galt, dem Stock zu entgehen. Er wurde an dem einen Hinterbein festgehalten, was ganz lächerlich aussah, aber sich krümmen und vorwärtsschnellen, das konnte er, das kann ich Ihnen sagen. Das Ganze war ja nur ein Spiel, um zu zeigen, wie tollkühn sie waren. Und der Stock wurde immer kürzer und der Panther immer wilder. Schließlich war kein Stock mehr da, nur ein kleines Stäbchen, kaum vier Zoll lang. Und jetzt war die Reihe zu schlagen an Rocky. ›Laß es lieber‹, sagte Harry. ›Warum denn?‹ fragte Rocky. ›Weil kein Stock mehr für mich übrigbleibt, wenn du geschlagen hast‹, antwortete Harry. ›Dann brauchst du ja nur aufzugeben, und ich habe gewonnen‹, sagte Rocky und lachte und ging auf den Panther los.

Und ich möchte, beim lebendigen Gott, nicht zum zweiten Male so etwas mit ansehen. Die Katze krümmte sich und kauerte sich zusammen, so daß ihr sechs Fuß langer Körper nur wie eine einzige große Schlinge war. Und Rockys Stock war nur vier Zoll lang, vergessen Sie das nicht! Natürlich kriegte ihn die Katze. Man konnte die beiden nicht trennen. Es war unmöglich zu schießen, ohne beide zu treffen. Schließlich zerschnitt Harry mit seinem Messer dem Panther die Halsschlagader.«

»Wenn ich das gewußt hätte, wäre ich nicht mitgekommen«, erklärte Dr. Linday.

Daw nickte bestätigend.

»Ja, das sagte sie auch. Sie bat mich dringend, auf keinen Fall zu sagen, wie es zugegangen war.«

»Ist er verrückt?« fragte Linday in seinem gerechten Zorn.

»Sie sind beide verrückt. Er und sein Bruder hetzen sich gegenseitig immer in die tollsten Geschichten hinein. Vor nichts schrecken sie zurück. Und sie ist beinahe ebenso toll. Kennt keine Furcht, wenn es sie selber gilt. Sie tut alles, wenn Rocky es ihr nur erlaubt. Aber er ist in dieser Beziehung mächtig vorsichtig und bedachtsam. Behandelt sie wie eine Königin. Sie darf nicht die geringste Lagerarbeit tun. Deshalb haben sie mich und noch einen für gutes Geld engagiert. Geld haben sie überhaupt scheffelweise und schmeißen es beide mit vollen Händen hinaus. ›Sieht aus, als ob die Jagd hier gut sein würde‹, sagte Rocky, als sie im letzten Herbst in diese Gegend kamen. ›Dann wollen wir hier unser Lager aufschlagen‹, erklärte Harry. Und ich hatte immer geglaubt, daß sie Gold suchten! Den ganzen Winter haben sie nicht ein einziges Mal eine Goldpfanne ausgewaschen.«

Lindays Zorn wurde noch größer durch diesen Bericht.

»Für Verrückte hab' ich nichts übrig«, sagte er. »Ich würde glatt umkehren, und wenn man mir nur zwei Cent gäbe.«

»Nein, das würden Sie nicht tun«, versicherte Daw ihm vertraulich. »Sie haben nicht Lebensmittel genug, um umzukehren, und morgen sind wir schon da. Wir brauchen nur noch die letzte Wasserscheide zu überqueren und rutschen dann direkt in die Hütte hinein. Und außerdem gibt's noch einen besseren Grund. Sie sind viel zu weit von Hause weg, und ich würde Sie auch gar nicht umkehren lassen.«

So erschöpft Linday auch war, zeigte das Funkeln der schwarzen Augen Daw dennoch, daß er zu weit gegangen war. Er streckte die Hand aus.

»Es war dumm von mir, Doktor. Vergessen Sie es, bitte. Ich glaube, der Verlust der Hunde hat mir die Laune verdorben.«

Nicht am nächsten, sondern erst am vierten Tage schritten die beiden Männer, die auf den Bergen von einem Schneesturm überfallen worden waren, zur Hütte hinab, die in einem fruchtbaren Tal am Ufer des brüllenden Kleinen Peco stand. Als sie aus dem grellen Sonnenschein in den dunklen Raum traten, konnte Linday zunächst nur wenig von ihren Bewohnern sehen. Das einzige, was er erkannte, war, daß zwei Männer und eine Frau drinnen waren. Er interessierte sich nicht für sie. Er trat sofort an das Bett, in dem der Verwundete untergebracht war. Er lag auf dem Rücken, und seine Augen waren geschlossen. Aber Linday bemerkte gleich den feinen Schwung der Augenbrauen und den seidigen Glanz des leicht gewellten braunen Haares. Das Gesicht war eingefallen und fahl und schien zu klein für den muskulösen Hals, aber trotz dem elenden Zustand, in dem der Mann sich befand, sah man, daß die feinen Züge fest und energisch waren.

»Womit haben Sie desinfiziert?« fragte Linday die Frau.

»Mit Sublimat, normale Lösung«, lautete die Antwort.

Er warf ihr einen schnellen Blick zu. Dann einen noch schnelleren auf den Verwundeten. Er blieb stehen, ohne sich zu rühren. Die Frau atmete schwer, nahm sich aber dann mit einer starken Willensanspannung zusammen und hielt den Atem an. Linday wandte sich zu den Männern.

»Geht hinaus – schlagt Holz, oder tut, was ihr sonst wollt! Verschwindet!«

Einer von ihnen murrte.

»Es ist ein ernster Fall«, fuhr Linday fort. »Ich wünsche mit seiner Frau allein zu sprechen.«

»Ich bin aber sein Bruder«, sagte der, welcher gemurrt hatte. Die Frau warf ihm einen bittenden Blick zu. Er nickte unwillig und ging zur Tür.

»Ich auch?« fragte Daw von der Bank, wo er sich soeben hingeworfen hatte.

»Sie auch.«

Um sich, während die anderen den Raum verließen, zu beschäftigen, unterwarf Linday den Verwundeten einer oberflächlichen Untersuchung.

»Nun«, sagte er, »das ist also dein Rex Strang ...« Sie senkte den Blick und sah den Mann im Bett an, als ob sie sich noch einmal seiner Identität vergewissern wollte. Dann blickte sie Linday stumm in die Augen.

»Warum sagst du nichts?«

Sie zuckte die Achseln. »Warum soll ich etwas sagen? Du weißt ja, daß es Rex Strang ist.«

»Ich danke. Im übrigen muß ich dich wohl daran erinnern, daß ich Rex Strang heute zum erstenmal sehe. Setz dich.« Er wies auf einen Stuhl, während er selbst auf der Bank am Fenster Platz nahm.

»Ich bin wirklich ein bißchen lange unterwegs gewesen, weißt du. Es ist eben kein Sonntagsspaziergang vom Yukon hierher.«

Er nahm sein Federmesser heraus und begann sich einen Dorn aus dem Daumen zu ziehen.

»Was willst du machen?« fragte sie, nachdem sie eine Minute vergebens gewartet hatte.

»Essen und mich ausruhen, bevor ich zurückgehe.«

»Und was willst du mit ...« Sie zeigte mit dem Kopf nach dem bewußtlosen Mann im Bett.

»Gar nichts.«

Sie trat an das Bett und legte ihre Hand leise auf das lockige Haar.

»Du willst ihn also töten«, sagte sie langsam. »Ihn töten, indem du nichts tust – denn du kannst ihn retten, wenn du willst.«

»Meinetwegen kannst du es so auffassen.« Er überlegte einen Augenblick und bekräftigte dann seinen Gedanken durch ein barsches Lächeln. »Seit undenklichen Zeiten war es in dieser bösen alten Welt Brauch, Männer so zu behandeln, die andern ihre Frauen stehlen.«

»Du bist ungerecht, Grant«, antwortete sie sanft. »Du vergißt ganz, daß ich ihm freiwillig folgte, daß ich selbst den Wunsch hatte zu gehen. Ich handelte selbständig. Rex hat mich nie gestohlen. Du hattest mich verloren. Ich ging mit ihm, freiwillig und freudig, ein Lied auf den Lippen. Ebensogut kannst du mich anklagen, ihn gestohlen zu haben. Wir gingen zusammen.«

»Eine originelle und bequeme Art, die Sache zu betrachten«, räumte Linday ein. »Ich sehe, du denkst noch ebenso scharfsinnig wie früher, Madge. Das muß ihm manchmal ein bißchen unbequem sein.«

»Wer gut denkt, kann auch gut lieben ...«

»Jedenfalls nicht so töricht«, unterbrach er sie.

»Dann räumst du also ein, daß ich klug gehandelt habe.«

Er hob entrüstet die Hände. »Das ist ja eben das Verfluchte, daß man mit gescheiten Frauen nicht reden kann. Ein Mann vergißt sich stets und geht in seine eigene Falle. Ich würde mich nicht wundern, wenn du ihn durch eine logische Schlußfolgerung erobert hättest.«

Die einzige Antwort, die er bekam, war eine Andeutung von Lächeln in den klaren, offen blickenden blauen Augen. Ihr ganzes Wesen schien den Stolz ihres Geschlechtes zu atmen.

»Nein – das nehme ich gern zurück, Magde. Selbst wenn du ganz unbegabt gewesen wärest, hättest du ihn oder jeden x-beliebigen andern auch erobert – allein durch dein Wesen und durch deine Blicke und dein Auftreten. Ich hätte es besser wissen müssen. Ich bin durch diese ganz spezielle Mühle gegangen – und, hol mich der Teufel, ich bin noch immer nicht ganz hindurch.«

Er redete schnell und nervös und ein wenig gereizt, wie er es immer zu tun pflegte. Und sie wußte auch, daß er ganz aufrichtig war.

Sein letztes Geständnis diente ihr als Stichwort. »Denkst du noch an den Genfer See?«

»Wie sollte ich nicht? Ich war fast übermenschlich glücklich.«

Sie nickte, und ihre Augen leuchteten.

»Es gibt so etwas wie alte Erinnerungen. Willst du nicht einmal daran zurückdenken, Grant ... ein kleines bißchen, oh, nur ein ganz klein wenig ... was wir damals einander waren ... nicht?«

»Jetzt verschaffst du dir inkorrekte Vorteile«, lächelte er und begann wieder an seinem Daumen zu arbeiten. Er zog den Dorn heraus und untersuchte ihn kritisch. Dann sagte er: »Nein, ich danke schön. Ich empfinde nicht das Bedürfnis, hier den barmherzigen Samariter zu spielen.«

»Und doch hast du diese schwere Reise gemacht, um einem Unbekannten zu helfen«, meinte sie.

Er gab sich nicht die Mühe, seine Ungeduld zu verbergen. »Glaubst du vielleicht, daß ich die Reise gemacht haben würde, wenn ich geahnt hätte, daß es sich um den Liebhaber meiner Frau handelte?«

»Aber jetzt bist du einmal hier. Und dort liegt er. Was willst du jetzt tun?«

»Nichts, sage ich ja. Ich bin nicht der Angestellte dieses Herrn. Er hat mich bestohlen.«

Sie wollte etwas sagen, als an der Tür geklopft wurde.

»Verschwinden Sie«, rief er.

»Wenn Sie Hilfe brauchen ...«

»Gehen Sie, zum Teufel. Holen Sie einen Eimer Wasser. Stellen Sie ihn vor die Tür.«

»Du willst also doch ...«, begann sie mit zitternder Stimme.

»Mir die Hände waschen.«

Sie zuckte zurück, als sie seine brutale Antwort hörte, und ihre Lippen schlossen sich fest und hart. Dann sagte sie trotzig: »Jetzt höre, Grant. Ich werde seinem Bruder erzählen, was du tust. Ich kenne die Strangs. Kannst du die Vergangenheit vergessen, so kann ich es auch. Wenn du nichts tun willst, wird er dich töten. Selbst Tom Daw würde es tun, wenn ich ihn darum bäte.«

»Du solltest mich zu gut kennen, um mir zu drohen«, rügte er ernst. Dann fügte er spöttisch hinzu: »Außerdem sehe ich nicht ein, was es Rex Strang helfen sollte, wenn ich ermordet würde.«

Sie ließ ein leises Stöhnen hören und schloß ihren Mund fest. Sie merkte, daß seine scharfblickenden Augen schon entdeckt hatten, wie sie am ganzen Körper zitterte. »Es ist keine Hysterie, Grant«, rief sie schnell und voller Angst, mißverstanden zu werden. Ihre Zähne klapperten beim Sprechen. »Du hast mich nie hysterisch gesehen. Ich bin es nie gewesen. Ich weiß nicht, was mit mir ist, aber ich werde mich beherrschen. Ich bin nur so ganz anders als sonst. Zum Teil ist es Zorn ... Zorn auf dich. Und es ist Unruhe und Angst. Ich möchte ihn nicht verlieren. Ich liebe ihn, Grant! Er ist mein Herr und mein Gebieter! Und ich habe so viele furchtbare Tage und Nächte hier neben ihm gewacht. Oh, Grant, ich bitte dich ... bitte dich ...«

»Natürlich sind es deine Nerven«, erklärte er trocken. »Du mußt dich beherrschen. Du kannst dich schon zusammennehmen. Wärst du ein Mann, so würde ich dir den Rat geben, eine Pfeife zu rauchen.«

Sie trat unruhig wieder an den Stuhl und beobachtete ihn von dort aus. Sie tat, was sie konnte, um sich zu beherrschen. Von dem roh erbauten Herd hörte man das Zirpen einer Grille. Draußen keiften die Wolfshunde. Die Brust des Verwundeten hob und senkte sich sichtbar trotz der Pelzdecken. Sie sah, daß ein nicht allzu liebenswürdiges Lächeln seine Lippen kräuselte.

»Wie sehr liebst du ihn?« fragte er. Sie reckte sich, und ihre Augen begannen von unverhohlener und stolzer Liebe zu leuchten. Er nickte zum Zeichen, daß er die Antwort verstanden hatte.

»Hast du etwas dagegen, wenn ich ein wenig weit aushole?« Er schwieg, während er nachdachte, wie er beginnen sollte. »Mir fällt eine Geschichte ein, die ich einmal gelesen habe. Herbert Shaw hat sie geschrieben, glaube ich. Ich will dir den Inhalt erzählen. Es war einmal eine Frau. Sie war jung und schön. Und es war ein Mann, ein prachtvoller Mann, ein Liebhaber der Schönheit und ein unsteter Wanderer. Ich weiß nicht, ob er Rex Strang sehr ähnlich sah, aber ich denke mir, daß sie einige Ähnlichkeit miteinander hatten. Nun, dieser Mann war ein Maler, ein Bohemien, ein Vagabund. Er küßte – oh, mehrmals und auch mehrere Wochen hindurch ... und verschwand dann wieder. Sie fühlte für ihn, was du, wie ich glaubte, für mich fühltest – dort am Genfer See. Zehn Jahre weinte sie ihm nach. Dann hatten die Tränen ihre Schönheit verdorben. Du weißt, es gibt Frauen, die gelb werden, wenn die Trauer ihre natürlichen Säfte verbraucht hat.

Nun geschah es, daß dieser Mann blind wurde und nach zehn Jahren, wie ein Kind an der Hand geführt, zu ihr zurückkehrte. Es war ihm nichts geblieben. Er konnte nicht mehr malen. Aber sie war sehr glücklich, und namentlich war sie glücklich, weil er ihr Gesicht nicht mehr sehen konnte. Vergiß nicht, daß er alles Schöne anbetete. Und er hielt sie wieder in seinen Armen und glaubte, daß sie schön wäre. Die Erinnerung an ihre Schönheit lebte immer noch in seinem Herzen. Er sprach auch stets davon und klagte, daß er sie nicht mehr sehen könnte.

Eines Tages erzählte er ihr von fünf großen Bildern, die er malen wollte. Wenn es nur möglich wäre, daß er seine Sehkraft wiederbekäme – dann könnte er zufrieden den Pinsel niederlegen. Da kam ihr – gleichgültig wie – ein Elixier in die Hände. Wenn seine Augen damit bestrichen wurden, erhielt er seine volle Sehkraft zurück.« Linday zuckte die Achseln. »Du verstehst, worin der Konflikt bestand und wie sie kämpfte. Sah er wieder, so konnte er seine fünf Bilder malen. Aber dann verließ er sie auch. Schönheit war seine Religion. Es war ganz ausgeschlossen, daß er ihr Gesicht ertragen könnte. Fünf Tage kämpfte sie diesen Kampf mit sich. Dann bestrich sie ihm die Augen mit dem Elixier.«

Linday unterbrach seine Erzählung und suchte die Frau mit seinen Blicken. In den glänzend schwarzen Pupillen leuchtete es scharf und stechend auf.

»Die Frage ist jetzt, ob du Rex Strang ebenso liebst, wie jene Frau ihren Liebhaber liebte?«

»Und wenn ich es tue?« gab sie zurück.

»Tust du es?«

»Ja.«

»Und du kannst Opfer bringen? Kannst ihn aufgeben?«

Ihr Ja kam langsam und zögernd.

»Und du wirst mit mir zurückkehren?«

»Ja.« Diesmal flüsterte sie ihr Ja. »Wenn er wieder ganz gesund ist ... ja.«

»Du hast mich voll und ganz verstanden? Es muß wieder werden wie am Genfer See. Du mußt meine Frau sein.«

Es sah aus, als ob sie zusammenschrumpfte und zerbräche. Aber sie nickte.

»Gut.« Er stand rasch auf, schritt zu seinem Bündel und begann es auszupacken. »Ich werde Hilfe brauchen. Rufe seinen Bruder. Laß alle kommen. Kochendes Wasser ich brauche viel. Ich habe Bandagen mitgebracht ... aber laß mich sehen, was du dergleichen hast ... Hier, Daw, machen Sie so schnell wie möglich Feuer und kochen Sie Wasser. Und Sie da ...«, sagte er zu dem andern Mann, »Sie tragen den Tisch hinaus, stellen ihn vor das Fenster und säubern ihn, schrubben ihn, brühen ihn ab. Sauber, Mensch, sauber, wie Sie noch nie in Ihrem Leben etwas sauber gemacht haben. Und Sie, meine Gnädigste, werden mir helfen. Laken haben Sie wohl nicht, vermute ich? Nun, ich werde es schon irgendwie schaffen. Sie sind sein Bruder? Ich werde ihn selbst betäuben, aber Sie müssen mir nachher helfen ... Und hören Sie jetzt genau zu, wenn ich Ihnen die nötigen Instruktionen gebe! Zunächst ... aber sagen Sie mir zunächst, ob Sie wissen, wie man den Puls fühlt?«

Linday hatte längst einen Ruf als kühner und erfolgreicher Chirurg, aber in den Tagen und Wochen, die jetzt folgten, übertraf er sich selbst in jeder Beziehung. Die furchtbare Verstümmelung sowie die lange Verzögerung der Operation durch die lange Reise machten es zum schlimmsten Fall, den er je erlebt hatte. Andererseits hatte er auch nie ein so gesundes Exemplar der menschlichen Rasse unter seinem Messer gehabt. Und doch hätte er auch jetzt noch Mißerfolg haben können, wäre sein Patient nicht von einer katzenhaften Vitalität und einem fast unheimlichen physischen wie geistigen Lebenswillen gewesen.

Es gab Tage, an denen er mit hohem Fieber lag und phantasierte. Tage voller Hoffnungslosigkeit, an denen sein Puls kaum zu spüren war. Andere Tage, an denen er bei vollem Bewußtsein und mit müden Augen, den Schweiß der Qual auf dem verzerrten Gesicht, dalag. Linday war unermüdlich tätig – bis zur Grausamkeit, verwegen und erfolgreich. Immer wieder wagte er Unglaubliches und siegte. Er begnügte sich nicht damit, das Leben dieses Mannes zu retten. Er widmete sich dem gefährlichen und schwierigen Problem, ihn wieder vollkommen heil und kräftig zu machen.

»Wird er ein Krüppel bleiben?« fragte Madge.

»Er soll nicht nur reden und gehen und eine humpelnde Karikatur seines früheren Ichs werden«, erklärte ihr Linday. »Er soll springen und laufen, im Strudel schwimmen, Bären jagen, mit Panthern kämpfen und alles tun können, was er in seiner Verrücktheit zu tun wünscht. Und er wird – ich warne dich –, er wird Frauen bezaubern. Ganz wie in früheren Tagen. Wünschest du das wirklich? Bist du zufrieden damit? Vergiß nicht, daß du nicht bei ihm sein wirst!«

»Mach nur weiter«, stöhnte sie. »Mach ihn heil. Mach ihn zu dem, was er war.«

Mehr als einmal geschah es, daß Linday, wenn Strangs Zustand es erlaubte, ihn wieder betäubte und Furchtbares mit ihm vornahm, schnitt und nähte, Teile von dem zerrissenen Organismus auseinandernahm und wieder zusammenfügte. Später zeigte es sich, daß der eine Arm steif geblieben war. Linday vertiefte sich in dieses Problem. Wieder waren Versuche nötig, eingeschrumpfte Sehnen wurden gedehnt, Glieder auseinandergenommen, und dann wurde abermals genäht, zusammengefügt und gereckt. Und das, was Strang rettete, waren seine unerhörte Gesundheit und die Sauberkeit seines Fleisches und Blutes.

»Sie werden ihn noch töten«, klagte der Bruder. »Lassen Sie ihn. Um Gottes willen, lassen Sie ihn in Ruhe. Ein Krüppel, der lebt, ist immerhin besser als ein heiler Mann, der tot ist.«

Linday wurde wild vor Zorn. »Hinaus mit Ihnen, aus der Hütte mit Ihnen, bis Sie wiederkommen und einsehen, daß ich ihn lebendig mache. Bei Gott im Himmel, Mensch, nehmen Sie sich zusammen, so weit Sie können. Das Leben Ihres Bruders steht in diesem Augenblick auf der Messerschneide. Verstehen Sie denn nicht? Ein Gedanke kann ihn erschlagen. Und jetzt hinaus, und kommen Sie ganz sanft und ruhig wieder, vollkommen überzeugt, daß er am Leben bleiben und wieder werden wird, wie er war, bevor Sie und er wie die Idioten miteinander spielten. Hinaus, sage ich!«

Mit geballten Fäusten und drohenden Augen stand der Bruder da und fragte Madge mit Blicken um Rat.

»Bitte geh«, bettelte sie. »Er hat recht. Ich weiß, daß er recht hat.«

Als aber der Zustand Strangs ein andermal zu Hoffnungen Anlaß gab, sagte der Bruder:

»Doktor, Sie sind ein Wundertäter. Und die ganze Zeit habe ich doch vergessen, nach Ihrem Namen zu fragen.«

»Der geht Sie auch gar nichts an, zum Teufel. Ärgern Sie mich nicht. Hinaus mit Ihnen!«

Der zerrissene rechte Arm wollte plötzlich nicht weiterheilen, sondern wurde eine einzige gräßliche Wunde.

»Brand«, sagte Linday.

»Jetzt ist es genug«, knurrte der Bruder.

»Halten Sie den Mund!« fauchte Linday. »Gehen Sie hinaus. Nehmen Sie Daw mit. Bill ebenfalls. Bringen Sie Kaninchen ... aber lebendige! Gesunde! Fangen Sie die Tiere in Fallen. Stellen Sie überall Fallen auf.«

»Wie viele?« fragte der Bruder.

»Vierzig ... viertausend ... vierzigtausend ... soviel Sie kriegen können. Sie helfen mir, gnädige Frau. Ich muß den Arm aufschneiden und den Schaden wieder gutmachen. Also los, Burschen! Ihr müßt die Karnickel beschaffen.«

Und er schnitt in den Arm, schnell und sicher, säuberte den angegriffenen Knochen und stellte die Ausbreitung des Herdes fest.

»Das wäre nie geschehen«, sagte er zu Madge, »wenn nicht so viel anderes gewesen wäre, das seine Lebenskraft angegriffen hat. Nicht einmal er hat Lebenskraft genug gehabt, daß alles gleichzeitig heilen konnte. Ich habe es kommen sehen, aber ich mußte abwarten, bis es so weit war. Wir müssen das kranke Stück herausschneiden. Er könnte es freilich entbehren, aber ein Karnickelknochen wird ihn zu dem machen, was er war.«

Unter den Hunderten von Kaninchen, die sie mit heimbrachten, machte er eine Auslese, verwarf, wählte, prüfte, wählte wieder und prüfte aufs neue, bis er sich endlich entschied. Dann verwandte er sein letztes Chloroform und machte die Knochenpfropfung ... fügte einen lebenden Knochen an einen anderen lebenden Knochen, verband den lebenden Mann mit dem lebenden Kaninchen, unbeweglich und unlösbar wurden sie miteinander verbunden und zusammengefesselt, während ihre gemeinsamen Lebensprozesse einen vollkommenen Arm herstellten.

Und während dieser ganzen Versuche und namentlich, als Strang sich zu erholen begann, kamen immer wieder Augenblicke, in denen Linday und Madge aufeinander angewiesen waren und sich miteinander unterhielten. Er war durchaus nicht freundlich. Sie war aber nie aufrührerisch.

»Es ist natürlich sehr langweilig«, sagte er zu ihr. »Aber Gesetz ist nun mal Gesetz, und du wirst dich deshalb wieder scheiden lassen müssen, ehe wir zum zweitenmal heiraten. Was meinst du dazu? Wollen wir auch diesmal eine Hochzeitsreise nach dem Genfer See machen?«

»Ganz wie du willst«, sagte sie.

Und bei einer anderen Gelegenheit sagte er zu ihr: »Was, zum Teufel, hast du denn eigentlich für einen Narren an ihm gefressen? Ich weiß schon, daß er Geld hat. Aber du und ich waren auf dem besten Wege. Meine Praxis brachte doch immerhin durchschnittlich vierzigtausend im Jahr – ich habe nachher die Bücher durchgesehen. Paläste und Dampfjachten waren das einzige, was du dir nicht erlauben konntest.«

»Vielleicht liegt in dem, was du jetzt sagst, die ganze Erklärung unseres Schiffbruchs«, antwortete sie. »Nämlich darin, daß du allzusehr für deine Praxis lebtest. Vielleicht vergaßest du über ihr, daß ich da war.«

»Hm«, meinte er spöttisch. »Und fürchtetest du denn nicht, daß dein Rex sich allzusehr für Panther und kurze Stöcke interessierte?«

Er suchte sie stets zu reizen, damit sie ihm erklärte, warum sie sich – wie er sich ausdrückte – in diesen andern »vergafft« hatte.

»Es gibt keine Erklärung«, lautete ihre Antwort. Aber schließlich fügte sie hinzu: »Kein Mensch kann Liebe erklären, ich am allerwenigsten. Ich liebe einfach, ich kenne nur die göttliche und unzerstörbare Tatsache der Liebe, das ist alles, was ich sagen kann. Da war einmal in Fort Vancouver ein Baron von der Hudson-Bay-Company, der den Pfarrer der englischen Kirche rügte, weil er nach Hause geschrieben und sich beklagt hatte, daß alle Angestellten der Company vom Chef bis zum kleinsten Beamten sich Indianerfrauen nahmen. ›Warum haben Sie denn nicht die mildernden Umstände angeführt?‹ fragte der Baron. Und der Pfarrer gab zur Antwort: ›Der Schwanz einer Kuh wächst nach unten. Ich versuche erst gar nicht zu erklären, warum der Schwanz der Kuh nach unten wächst. Ich stelle nur die Tatsache fest.‹«

»Verdammt gescheites Weib!« rief Linday, und seine Augen blitzten vor Ärger.

»Was in aller Welt hat dich denn ausgerechnet nach Klondike geführt?« fragte sie eines Tages.

»Zuviel Geld. Keine Frau, die es ausgeben konnte. Ich wollte auch mal Ruhe haben. Vielleicht ein bißchen überarbeitet. Ich versuchte es mit Colorado, aber ihre Telegramme verfolgten mich, und einige kamen sogar höchst persönlich. Da ging ich nach Seattle. Genau dieselbe Geschichte! Ransom brachte mir seine Frau in einem Extrazug. Ich konnte mich nicht davon drücken. Die Operation war erfolgreich. Die Zeitungen kriegten Wind davon – den Rest kannst du dir denken. Ich mußte mich irgendwo verstecken. Also ging ich nach Klondike ... Und ... da fand Daw mich, als ich in einer Hütte am Yukon saß und Whist spielte.«

Es kam der Tag, an dem Strangs Bett in die freie Luft getragen wurde und er im Sonnenschein liegen durfte.

»Laß mich ihm jetzt sagen, was kommen soll«, sagte sie zu Linday.

»Nein, warte«, antwortete er.

Einige Zeit darauf konnte Strang auf dem Rand seines Bettes sitzen. Und bald konnte er, auf beiden Seiten gestützt, die ersten unsicheren Schritte wagen.

»Laß mich jetzt mit ihm sprechen«, bat sie.

»Nein. Ich will diese Sache zuerst voll und ganz durchführen. Noch ist eine kleine Starre im linken Arm übrig. Es ist an sich nur eine unbedeutende Geschichte, aber ich will ihn so machen, wie Gott ihn einst gemacht hat. Ich habe mir vorgenommen, den Arm morgen noch einmal zu operieren und den Dreck in Ordnung zu bringen. Er wird wieder ein paar Tage auf dem Rücken liegen müssen. Schade, daß ich kein Chloroform mehr habe. Er muß eben die Zähne zusammenbeißen und aushalten. Das kann er auch. Er hat Energie für ein ganzes Dutzend Männer.«

Es wurde Sommer. Der Schnee schmolz – nur die fernen Gipfel der Rocky Mountains schimmerten noch weiß. Die Tage wurden länger, bis es überhaupt keine Dunkelheit mehr gab. Die Sonne tauchte nur gegen Mitternacht wenige Minuten hinter den Horizont – so hoch im Norden waren sie. Linday hörte nie mit der Arbeit an Strang auf. Er studierte seinen Gang, seine Bewegungen, untersuchte ihn immer wieder, ließ zum tausendsten Male alle seine Muskeln spielen. Er ließ ihn ins Unendliche massieren, bis er erklärte, daß Tom Daw, Bill und der Bruder glänzend vorbereitet für eine Anstellung als Masseure in einem türkischen Bad oder einem Schönheitsinstitut wären. Aber Linday war immer noch nicht zufrieden. Er ließ sein ganzes Repertoire von medizinischen Kunststücken und Kniffen spielen, um nachzuprüfen, ob irgendwo noch eine Schwäche verborgen läge. Er befahl ihm, wieder eine Woche zu Bett zu bleiben, öffnete das eine Bein, machte ein paar Kniffe mit den Adern, schabte ein Stück des Knochens, das nicht größer als eine Kaffeebohne war, bis nur die rosig-gesunde Oberfläche übrigblieb, die er mit dem lebendigen Fleisch zunähte.

»Laß mich jetzt mit ihm reden«, bettelte Madge.

»Noch nicht«, lautete seine Antwort. »Du darfst es ihm erst sagen, wenn ich ganz fertig bin.«

Der Juli verging. Der August näherte sich bereits seinem Ende. Da geschah es, daß Linday Strang aufforderte, auf die Elchjagd zu gehen. Linday ging mit, um ihn zu beobachten und zu studieren. Strang war schon von der schlanken Kraft einer Katze. Er ging, wie Linday noch nie einen Mann gehen gesehen, ohne die geringste Mühe. Er ging mit dem ganzen Körper. Es war, als ob alle schmiegsamen und weichen Muskeln des Rückens bis zu den Schultern hinauf beim Gehen verwendet würden. Aber es war keine Schwere dabei zu spüren. Er ging so leicht, daß die Bewegung voll geschmeidigster Anmut war. So mühelos, daß das Auge sich in bezug auf die Schnelligkeit der Bewegungen täuschen ließ und sie unterschätzte. Es war der unbezwingliche Schritt, von dem Tom Daw gesprochen hatte. Linday folgte ihm mit Mühe; er schwitzte und stöhnte vor Anstrengung. Hin und wieder, wenn der Boden sich dazu eignete, lief er kurze Strecken, sonst hätte er überhaupt nicht mitkommen können. Und als sie zehn Meilen gegangen waren, machte er halt und warf sich ins Moos.

»Genug«, rief er. »Ich kann nicht mehr Schritt mit Ihnen halten.«

Er wischte sich das schweißbedeckte Gesicht, während Strang sich auf einen Fichtenstamm setzte. Er lächelte dem Arzt freundlich zu. Und mit dem tiefen Gemeinschaftsgefühlt des Pantheisten umfaßte er die ganze Landschaft mit seinem Lächeln.

»Und Sie fühlen keinen Stich, keine Schmerzen oder nur die Andeutung von Schmerzen?« fragte Linday.

Strang schüttelte den Kopf mit dem lockigen Haar und reckte seinen geschmeidigen Körper. Und jede Fiber an ihm lebte und freute sich des Lebens.

»Es wird schon gehen, Strang. Einen Winter oder zwei müssen Sie freilich noch damit rechnen, daß Sie Kälte und Feuchtigkeit in den alten Wunden spüren. Aber das wird vorübergehen, und es ist auch möglich, daß Sie überhaupt nichts merken werden.«

»Mein Gott, Doktor, Sie haben wahre Wunder mit mir vollbracht. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll. Ich kenne ja nicht einmal Ihren Namen.«

»Spielt auch gar keine Rolle. Ich habe Sie durchgebracht, und das ist die Hauptsache.«

»Aber Ihr Name muß doch sicher bei den Menschen draußen in der Welt bekannt sein«, erklärte Strang hartnäckig. »Ich wette, daß ich ihn kennen würde, wenn ich ihn erführe!«

»Das glaube ich auch«, lautete Lindays Antwort. »Aber das hat nichts mit der Sache zu tun. Ich will nur noch eine letzte Prüfung vornehmen, und dann bin ich fertig mit Ihnen. Jenseits der Wasserscheide, an der Quelle dieses Baches, liegt ein Nebenfluß des Großen Windy. Daw erzählte mir, daß Sie letztes Jahr drüben waren, nach der mittleren Verzweigung und wieder zurück gingen und nur drei Tage dazu brauchten. Er sagte auch, daß Sie ihn bei dem Spaziergang beinahe kaputt gemacht hätten. Jetzt müssen Sie hier warten und heute noch hier lagern. Ich werde Daw mit der Lagerausrüstung schicken. Dann müssen Sie nach der Verzweigung und wieder zurück gehen und zwar ebenso schnell wie voriges Jahr.«

»Jetzt hast du eine Stunde zum Packen«, sagte Linday zu Madge. »Ich werde vorausgehen und das Kanu fertigmachen. Bill wird den Elch holen. Er kann erst gegen Abend wieder da sein. Wir können heute noch meine Hütte erreichen, und in einer Woche sind wir bereits in Dawson.«

»Ich hatte gehofft ...« Sie schwieg stolz.

»Daß ich die Verabredung vergessen würde?«

»Nein. Vertrag ist Vertrag; aber du hättest ihn nicht in so gehässiger Weise auszuführen brauchen. Du bist nicht korrekt gewesen. Du hast ihn für drei Tage weggeschickt und es mir dadurch unmöglich gemacht, Abschied von ihm zu nehmen.«

»Kannst ja einen Brief hinterlassen ...«

»Ich werde ihm alles sagen.«

»Selbst das Geringste weniger als alles würde inkorrekt gegen uns alle drei sein«, lautete die Antwort Lindays.

Als er alles im Kanu verstaut hatte und zurückkehrte, war der Brief schon geschrieben.

»Laß mich ihn lesen«, sagte er. »Wenn du nichts dagegen hast.«

Sie zögerte einen Augenblick. Dann reichte sie ihm den Brief.

»Sehr offenherzig«, sagte er, als er ihn gelesen hatte.

»Nun, bist du fertig?«

Er trug ihr Bündel zum Kanu hinunter. Dann kniete er nieder, um mit der einen Hand das Boot festzuhalten, während er die andere ausstreckte, um ihr behilflich zu sein. Er beobachtete sie sehr scharf, aber sie reichte ihm ihre Hand, ohne zu zittern, und schickte sich, ruhig und entschlossen, an, hineinzusteigen.

»Warte einen Augenblick«, sagte er. »Du erinnerst dich sicher der Geschichte, die ich dir damals erzählte ... der Geschichte von dem Wunderelixier. Ich vergaß dir den Schluß zu erzählen. Als die Frau seine Augen bestrichen und sich bereit gemacht hatte, abzureisen, sah sie sich zufällig in einem Spiegel und bemerkte, daß sie ihre Schönheit wiedererlangt hatte. Und er öffnete die Augen, konnte sehen und schrie auf vor Glück, als er ihre Schönheit sah. Und dann nahm er sie in seine Arme ...«

Sie stand da, voller Spannung, aber doch beherrscht, und wartete, was er weiter sagen würde. Eine wundervolle Hoffnung begann ihren Glanz über ihr Gesicht und ihre Augen zu breiten.

»Du bist wirklich sehr schön, Madge«, sagte er. Und er machte eine kleine Pause. Dann fügte er trocken hinzu:

»Was weiter geschah, ist unschwer zu denken. Und ich bilde mir ein, daß Rex Strangs Arme auch nicht sehr lange leer bleiben werden. Und jetzt – leb wohl!«

»Grant ...«, sagte sie. Sie flüsterte es nur. Und in ihrer Stimme verbargen sich alle die Worte, die sie nicht auszusprechen brauchte, um verstanden zu werden.

Er ließ ein kleines spöttisches Lachen hören.

»Ich wollte dir nur zeigen, daß ich doch nicht so schlimm bin, wie du gedacht hast. Glühende Kohlen, du weißt ja ...«

»Grant ...«

Er sprang ins Kanu und streckte ihr eine schlanke, nervige Hand entgegen.

»Leb wohl!« sagte er.

Sie legte ihre beiden Hände um die seine.

»Du liebe starke Hand«, murmelte sie. Und sie beugte sich und küßte die Hand.

Er stieß sie zurück, schob das Kanu vom Ufer ab und tauchte die Paddel in den schnell strömenden Fluß. Dann glitt das Boot in den Bannkreis des Strudels, wo das Wasser glasig quoll, bevor es in weiße Wolken brodelnden Gischtes verwandelt wurde.

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