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Der Ruhm des Kämpfers

Jack London: Der Ruhm des Kämpfers - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJack London
titleDer Ruhm des Kämpfers
publisherVerlag Tribüne
year1957
firstpub
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Wer schlug zuerst?

[I]

Carter Watson schlenderte, ein soeben erschienenes Magazin unter dem Arm, die Straße hinab und sah sich neugierig um. Zwanzig Jahre war es her, daß er diese Straße betreten hatte, und die in ihr erfolgten Veränderungen waren groß und überraschend. Diese Stadt im Westen mit ihren dreihunderttausend Einwohnern hatte zu der Zeit, als er als Knabe ihre Straßen durchstreifte, nicht mehr als dreißigtausend gehabt. Damals war die Straße, durch die er jetzt schritt, eine ruhige Wohnstraße in einem sauberen Arbeiterviertel gewesen. In dieser späten Nachmittagsstunde sah er, daß sie von einer zahlreichen und lasterhaften Bevölkerung überschwemmt wurde. Chinesische und japanische Läden und Kneipen wechselten ab mit amerikanischen Vergnügungsstätten und Bierquellen. Diese ruhige Straße seiner Jugend war das St. Pauli der Stadt geworden. Er sah auf die Uhr. Es war halb sechs. Es war die stille Tageszeit für eine solche Gegend, wie er wußte, aber er war neugierig und wollte etwas sehen. In all den Jahren, die er reiste, um die sozialen Verhältnisse in der ganzen Welt zu studieren, war ihm diese Stadt in der Erinnerung teuer und heilig gewesen. Die Veränderung, die er jetzt sah, war erstaunlich.

Carter Watson besaß ein ausgeprägtes Gewissen. Unabhängig und reich, hatte er seine Kräfte niemals auf vornehme Teegesellschaften und törichte Diners verschwendet, ebensowenig hatten ihn Schauspielerinnen, Rennpferde und ähnliche Vergnügungen interessiert. Er war ein Reformator und hatte siebenundzwanzig Bücher geschrieben.

An diesem späten Sommernachmittag, als er so dahinschlenderte, blieb er vor einem auffallenden Lokal stehen. Auf dem Schild darüber stand »Vendôme«. Es gab zwei Eingänge. Der eine führte offenbar in die Schankstube. Um den kümmerte er sich nicht. Der andere war ein schmaler Korridor. Als er ihn passiert hatte, stand er in einem sehr großen Raum voller Tische und Stühle, der aber sonst vollkommen leer war. Im Halbdunkel erblickte er ein Klavier.

Im Hintergrund führte ein kurzer Korridor nach einer kleinen Küche, und hier saß Patsy Horan, der Besitzer des »Vendôme«, allein an einem Tisch und aß hastig sein Abendbrot vor Beginn der Geschäftszeit. Patsy war, auf die ganze Welt zornig, mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden, und alles war ihm an diesem Tage schiefgegangen. Hätte man seine Barkeeper gefragt, so würden sie seine Gemütsverfassung als einen leichten Rausch bezeichnet haben. Aber das wußte Carter Watson nicht. Als er den kleinen Korridor durchschritt, fielen die boshaften Augen Patsys auf das Magazin, das er unter dem Arme trug. Patsy kannte Carter Watson nicht und wußte auch nicht, daß es ein Magazin war, das er unter dem Arme hielt. In seinem Rausch gelangte Patsy zu dem Ergebnis, daß dieser Fremde einer jener unverschämten Burschen wäre, die die Wände seiner Hinterzimmer durch das Annageln oder Ankleben von Plakaten verunzierten und verdarben. Die Farbe des Magazinumschlages überzeugte ihn, daß es sich um ein solches Plakat handele. Und so begann der Streit. Mit Messer und Gabel fuhr Patsy auf Carter Watson los.

»Hinaus mit Ihnen!« kläffte Patsy. »Ich weiß, was Sie wollen!«

Carter Watson war verblüfft. Der Mann war wie der Knüppel aus dem Sack über ihn gekommen.

»Wollen Sie meine Wände verderben«, rief Patsy zornig und stieß gleichzeitig eine lange Reihe malerischer, aber gemeiner Schimpfworte aus.

»Wenn ich Ihnen zu nahe getreten sein soll, so bitte ich –«

Aber weiter kam Watson nicht. Patsy unterbrach ihn. »Machen Sie, daß Sie weiterkommen, und halten Sie die Klappe«, sagte Patsy und unterstrich seine Worte, indem er Messer und Gabel schwang.

Carter Watson sah im Geist schon die Gabel in unangenehmer Weise zwischen seinen Rippen stecken. Er merkte, daß es leichtsinnig sein würde, mehr zu sagen, und schickte sich daher schnell zum Gehen an. Aber der Anblick seines demütigen Rückzuges mußte Patsy Horan noch mehr erbittern, er ließ die Eßgeräte fallen und stürzte sich auf Watson.

Patsy wog hundertsechzig Pfund. Watson ebensoviel. In diesem Punkt waren sie einander gleich. Aber Patsy war ein Draufgänger und Rohling, der sich in Kneipen herumprügelte, Watson hingegen ein geübter Boxer. In dieser Beziehung hatte Watson den Vorteil auf seiner Seite, denn Patsy ging geradewegs auf ihn los und schwang den rechten Arm gefahrdrohend. Watson brauchte ihm nur einen regelrechten Linken zu versetzen und dann zu verschwinden. Aber Watson hatte noch einen Vorteil vor Patsy. Sein Boxen und seine in den Armenvierteln der ganzen Welt geschöpften Erfahrungen hatten ihn Selbstbeherrschung gelehrt.

Er drehte sich schnell um, parierte den Schlag und packte zu. Aber Patsy, der wie ein Stier auf ihn gestürzt war, hatte die Wucht eines Geschosses. Das Ergebnis war, daß beide mit ihren dreihundertzwanzig Pfund umfielen und einen mächtigen Spektakel machten. Watson lag nicht gerade daran, hier in seiner Vaterstadt, wo viele seiner Verwandten und viele Freunde seiner Familie lebten, in die Zeitungen zu kommen. Deshalb umschlang er den Mann, der auf ihm lag, mit den Armen, preßte ihn fest an sich und wartete, daß die Hilfe kommen sollte, die von dem Krach notwendigerweise herbeigelockt werden mußte. Es kam auch Hilfe, sechs Mann kamen aus der Schankstube gelaufen und stellten sich in einem Halbkreis auf. »Nehmt ihn weg, Jungens«, sagte Watson. »Ich habe ihn nicht geschlagen und habe keine Lust, mich mit ihm zu prügeln.«

Aber der Halbkreis blieb schweigend stehen. Watson hielt seinen Gegner weiter fest und wartete. Patsy machte nach einem vergeblichen Versuch, ihm einen Puff zu versetzen, ein Angebot.

»Lassen Sie mich los, dann lasse ich Sie auch los«, sagte er.

Watson ließ ihn los, als Patsy aber auf die Beine gekommen war, beugte er sich schlagbereit über seinen liegenden Gegner.

»Stehen Sie auf!« kommandierte Patsy. Seine Stimme war barsch und unversöhnlich wie die eines richtenden Gottes, und Watson merkte, daß hier keine Barmherzigkeit zu erwarten war.

»Treten Sie zurück, dann stehe ich auf«, sagte er.

»Wenn Sie ein Gentleman sind, stehen Sie auf«, verlangte Patsy; seine blauen Augen flammten vor Zorn, und die Faust war zu einem zerschmetternden Schlage geballt.

Im selben Augenblick zog er den Fuß zurück, um dem andern einen Tritt ins Genick zu versetzen. Watson wehrte den Tritt mit gekreuzten Armen ab und sprang so schnell auf, daß er seinem Gegner auf dem Leibe war und ihn gepackt hatte, ehe er Zeit zum Schlagen fand. Er hielt ihn fest und sagte zu den Zuschauern: »Nehmt ihn weg von mir, Jungens. Ihr seht, daß ich ihn nicht schlage. Ich habe keine Lust zu kämpfen. Ich will nur fort von hier.«

Der Kreis wich und wankte nicht und blieb stumm. Das Schweigen war unheilverkündend, und es lief Watson kalt den Rücken hinab. Patsy machte einen Versuch, ihn umzuwerfen, aber das Ergebnis war, daß Patsy auf dem Rücken lag. Watson ließ ihn los, sprang auf und lief zur Tür hin. Aber der Kreis von Männern stellte sich wie eine Mauer dazwischen. Er bemerkte die weißen, teigartigen Gesichter, denen man ansah, daß sie selten von der Sonne beschienen wurden, und erkannte, daß die Männer, die ihm den Weg versperrten, die nächtlichen, beutelüsternen Bestien der Stadtdschungel waren. Von ihnen wurde er wieder gegen Patsy geworfen, der ihn wie ein angreifender Stier ansprang.

Wieder kam es zum Clinch, bei dem Watson, der sich jetzt in Sicherheit befand, noch einmal an die Bande appellierte. Aber er predigte tauben Ohren. Und in diesem Augenblick wurde er ängstlich, denn er hatte von vielen ganz ähnlichen Situationen in Kneipen wie dieser gehört, bei denen einzelnen Männern Rippen und Nasenbeine eingeschlagen oder sie zu Tode geprügelt und getreten worden waren.

Sieben gegen einen war unter keinen Umständen ehrliches Spiel. Auch er war zornig, und das kämpfende Tier, das in allen Männern steckt, begann sich in ihm zu regen. Aber er dachte an seine Frau und seine Kinder, an sein unvollendetes Buch und die zehntausend Morgen wogenden Ackerlandes um die Ranch, die er im Norden besaß, und die er so heiß liebte. Er sah vor seinem inneren Auge sogar in einer blendenden Vision den blauen Himmel und den goldenen Sonnenschein, der sich über ihn ergoß. Blumenübersäte Wiesen, das träge Vieh, das bis zu den Knien in den Bächen stand, das Aufblitzen einer Forelle in der Stromschnelle. Das Leben war schön zu schön für ihn, um es dazu aufs Spiel zu setzen, daß er dem Tier in sich für einen Augenblick die Zügel schießen ließ.

Sein Gegner, der sich aus der Umklammerung nicht befreien konnte, versuchte ihn zu werfen. Wieder brachte Watson ihn zu Boden und riß sich los, aber wieder wurde er von dem teiggesichtigen Kreis zurückgeworfen, mußte die schwingende Rechte Patsys parieren und einen neuen Ringkampf beginnen. Das wiederholte sich dreimal. Und Watson wurde, wenn möglich, noch kaltblütiger, während der enttäuschte Patsy, der sich außerstande sah, ihm etwas zu tun, immer wilder tobte. In der Umklammerung begann er jetzt mit dem Kopf zu stoßen. Das erste Mal hieb er mit der Stirn Watson gerade auf die Nase. Von jetzt an barg Watson beim Clinchen sein Gesicht an Patsys Brust. Aber der wütende Kerl stieß weiter mit dem Kopf um sich und schlug sich selbst Auge, Nase und Backe an dem Scheitel des andern. Und je mehr Schaden Patsy sich auf diese Weise zufügte, desto öfter und härter stieß er mit dem Kopf um sich.

Dieser einseitige Kampf dauerte zwölf bis fünfzehn Minuten. Watson schlug nicht einmal zu, sondern suchte nur zu entkommen. Zuweilen, wenn er in den Augenblicken, da er sich losgerissen hatte, bei seinen Versuchen, die Tür zu erreichen, um die Tische kreiste, packten die teiggesichtigen Burschen ihn an den Rockschößen und schleuderten ihn zurück, gegen die erhobene Rechte des vorstürmenden Patsy. Immer wieder umklammerte er Patsy und warf ihn auf den Rücken, und dabei drehte er sich jedesmal um und legte ihn in die Richtung der Tür, wodurch er seinem Ziel um die Länge des Falles näherkam. Schließlich gelangte Watson ohne Hut, atemlos, mit blutender Nase und einem geschwollenen Auge auf die Straße hinaus und lief einem Schutzmann in die Arme.

»Verhaften Sie den Mann!«, ächzte Watson.

»Hallo, Patsy«, sagte der Schutzmann. »Was gibt es hier?«

»Hallo, Charley«, lautete die Antwort. »Der Kerl kommt her –«

»Verhaften Sie den Mann, Herr Wachtmeister«, wiederholte Watson.

»Mach, daß du wegkommst! Immer ruhig«, sagte Patsy.

»Immer ruhig«, fügte der Schutzmann hinzu. »Sonst werde ich Sie einstecken.«

»Nicht, wenn Sie den Mann nicht verhaften. Er hat mich grundlos überfallen.«

»Stimmt das, Patsy?« fragte der Schutzmann.

»Nee, hören Sie, Charley, ich habe Zeugen, bei Gott. Ich saß in meiner Küche und aß einen Teller Suppe, als der Kerl hereinkam und mit mir anbinden wollte. Ich habe ihn mein Lebtag nicht gesehen. Er ist besoffen. –«

»Sehen Sie mich an, Herr Wachtmeister«, protestierte der zornige Watson. »Bin ich betrunken?«

Der Schutzmann sah ihn mit einem finster drohenden Blick an und nickte Patsy zu, daß er fortfahren sollte.

»Der Kerl wollte mit mir anbinden. ›Ich bin Tim McGrath‹, sagte er. ›Hände hoch!‹ Ich lächle, und im selben Augenblick schmeißt er mich – bums – zweimal hin und vergießt meine Suppe. Sehen Sie mein Auge an, ich bin halb totgeschlagen.«

»Was gedenken Sie zu tun, Herr Wachtmeister?« fragte Watson.

»Gehen Sie weiter und verhalten Sie sich ruhig«, lautete die Antwort, »sonst stecke ich Sie ein.«

Die Liebe zur Gerechtigkeit flammte in Carter Watson auf. »Herr Wachtmeister, ich protestiere.«

Aber im selben Augenblick packte der Schutzmann seinen Arm mit einem kräftigen Ruck, daß er fast gefallen wäre. »Los, Sie sind verhaftet.«

»Verhaften Sie ihn auch«, schrie Watson.

»Dazu liegt kein Grund vor«, lautete die Antwort. »Was müssen Sie ihn auch überfallen, wenn er friedlich seine Suppe ißt?«

 

II

Carter Watson war ernstlich böse. Nicht allein, daß er aus reinem Übermut überfallen, daß ihm übel mitgespielt und er zur Polizei geschleppt worden war, die Morgenzeitungen brachten ausnahmslos unheimliche Artikel über seine Betrunkenheit und den Streit mit dem Besitzer des bekannten »Vendôme«. Sie brachten nicht eine einzige wahrheitsgetreue Zeile. Patsy Horan und seine Trabanten beschrieben den Kampf in allen Einzelheiten. Es wurde als eine unbestreitbare Tatsache festgestellt, daß Carter Watson betrunken war. Dreimal war er aus dem Lokal hinaus in den Rinnstein geworfen und dreimal wutspeiend wiedergekommen und sollte dabei erklärt haben, daß er die Bude ausräuchern wolle. »Carter Watson kriegt sein Teil ab«, lautete die erste Überschrift, die er nebst einem großen Bild auf der ersten Seite sah. Andere fette Überschriften lauteten: »Carter Watson trachtet nach den Ehren der Meisterschaft«; »Bekannter Soziologe versucht berüchtigtes Café zu räumen«; »Carter Watson von Patsy Horan in drei Gängen k.o. geschlagen«.

Am nächsten Morgen erschien Carter Watson vor dem Polizeigericht, um sich zu verteidigen. Die Anklage lautete: Carter Watson ist beschuldigt, einen Überfall auf einen gewissen Patsy Horan verübt zu haben. Aber der Staatsanwalt, der bezahlt wird, um gegen jeden vorzugehen, der sich gegen die Staatsgewalt vergangen hat, zog ihn beiseite und sprach unter vier Augen mit ihm.

»Sollen wir nicht die Sache lieber fallenlassen?« meinte der Staatsanwalt. »Ich will Ihnen sagen, was Sie tun müssen, Herr Watson. Reichen Sie Herrn Horan die Hand und vergleichen Sie sich mit ihm, dann lassen wir die Sache sofort fallen. Ein Wort an den Richter, und die Geschichte ist aus der Welt geschafft.«

»Aber ich wünsche sie nicht aus der Welt zu schaffen«, antwortete Watson. »Ihre Aufgabe ist es, mich anzuklagen, und nicht, mich zu einem Vergleich mit diesem – diesem Kerl aufzufordern.«

»Oh, ich werde Sie schon anklagen«, erwiderte der Staatsanwalt.

»Sie werden auch diesen Patsy Horan anklagen«, sagte Watson, »denn jetzt glaube ich ihn wegen Überfalls verhaften lassen zu können.«

»Sie tun wohl am besten, sich zu vergleichen«, wiederholte der Staatsanwalt, und diesmal klang seine Stimme drohend.

Beide Männer kamen eine Woche später vor das von Richter Witberg geleitete Polizeigericht.

»Du hast gar keine Chance«, sagte ein alter Jugendfreund, der frühere Chefredakteur der größten Zeitung der Stadt, zu Watson. »Gott und alle Welt wissen, daß du von diesem Mann überfallen wurdest. Er hat den schlechtesten Ruf. Aber das hilft dir nicht im geringsten. Beide Klagen werden gegeneinander aufgehoben. Und das geschieht auch nur, weil du der bist, welcher du bist. Jeder andere würde verurteilt werden.«

»Aber das verstehe ich nicht«, wandte der verblüffte Watson ein. »Ich bin ohne weiteres von diesem Mann überfallen und mißhandelt worden. Ich habe ihm nicht einen einzigen Schlag versetzt. Ich –«

»Das spielt gar keine Rolle«, unterbrach ihn der andere.

»Was spielt denn eine Rolle?«

»Das will ich dir sagen. Du bist jetzt in den Krallen der hiesigen Polizei und des politischen Bandenwesens. Wer bist du denn eigentlich? Du bist nicht einmal Bürger dieser Stadt. Du wohnst irgendwo auf dem Lande. Du hast hier kein Stimmrecht und noch weniger Einfluß auf andere Stimmen. Dieser Kneipenwirt aber beherrscht in seinem Bezirk eine ganze Reihe von Stimmen – eine lange Reihe, eine lange Reihe von Stimmen.«

»Willst du mir einreden, daß dieser Richter Witberg die Heiligkeit seines Amtes und seines Eides verletzen und diesen brutalen Burschen laufen lassen würde?« fragte Watson.

»Du wirst schon sehen«, lautete die unheimliche Antwort. »Oh, er wird seine Sache schon gut machen. Er wird ein durchaus gesetzmäßiges Urteil fällen!«

»Aber die Zeitungen«, rief Watson.

»Die bekämpfen die Verwaltung augenblicklich nicht. Sie werden sich nicht die Finger für dich verbrennen. Du siehst ja, was sie schon über dich geschrieben haben.«

»Und diese Schnösel von Reporter werden also nicht die Wahrheit schreiben?«

»Sie werden etwas schreiben, das der Wahrheit so sehr gleicht, daß das Publikum es glaubt. Sie erhalten ihre Richtlinien, wie sie die Dinge verdrehen und färben sollen, und wenn sie erst ihre Artikel geschrieben haben, ist nicht mehr viel von dir übrig.«

»Aber der Termin ist doch schon angesetzt.«

»Du brauchst nur ein Wort zu sagen, und die Sache wird niedergeschlagen. Man kann nicht mit einer unterirdischen politischen Organisation kämpfen. Es sei denn – man hätte eine ähnliche Organisation hinter sich.«

 

III

An jenem Morgen, an dem der Termin angesetzt war, machte der Staatsanwalt noch einen Versuch, die Sache beizulegen.

»Wenn Sie die Sache so ansehen, hätte ich Lust, einen Rechtsanwalt mit der Verfolgung der Angelegenheit zu betrauen«, sagte Watson.

»Nein, das hätte keinen Zweck«, sagte der Staatsanwalt. »Ich werde dafür bezahlt, um anzuklagen, und anklagen werde ich. Aber das sage ich Ihnen, Sie haben keine Chance. Wir legen beide Sachen zusammen, und dann werden Sie was erleben.«

Richter Witberg machte einen guten Eindruck auf Watson. Er war ein angenehmer junger Mann, nicht groß, aber ganz kräftig gebaut, glatt rasiert und mit einem intelligenten Gesicht. Dieser gute Eindruck wurde noch verstärkt, wenn man sein Lächeln und die Lachfältchen um seine schwarzen Augen sah. Als Watson ihn anschaute und sein Gesicht studierte, fühlte er sich beinahe sicher, daß die Prophezeiung seines alten Freundes nicht in Erfüllung gehen würde. Aber Watson mußte bald einsehen, daß er sich irrte. Patsy Horan und zwei von seinen Trabanten legten ein Zeugnis ab, das Stoff für eine Kette von Meineidsprozessen hätte abgeben können. Watson würde es nicht für möglich gehalten haben, wenn er es nicht erlebt hätte. Sie leugneten die Existenz der andern vier, und von den beiden, die aussagten, behauptete der eine, Zeuge von Watsons grundlosem Überfall auf Patsy in der Küche gewesen zu sein, während der andere in der Schankstube geblieben und Zeuge von Watsons zweitem und drittem Einbruch in das Lokal gewesen sein wollte, bei dem er versucht haben sollte, den wehrlosen Patsy zu erschlagen. Die schändliche Sprache, die sie Watson unterschoben, war so schamlos, daß er das Gefühl hatte, sie schade ihrer eigenen Sache. Es war ganz undenkbar, daß er etwas Derartiges gesagt haben könnte. Als sie aber die brutalen Schläge beschrieben, die er auf das Gesicht des armen Patsy hatte sausen lassen, und von dem Stuhl erzählten, den er bei dem vergeblichen Versuch, Patsy mit Fußtritten zu traktieren, zerbrochen hätte, lachte Watson im stillen, aber gleichzeitig wurde ihm recht traurig zumute. Die Verhandlung war eine Komödie, aber es war niederschlagend; Zeuge eines solchen Spiels zu sein. Watson konnte sich selber nicht wiedererkennen, und sein ärgster Feind hätte ihn nicht wiedererkannt in dem eisenfresserischen, rüpelhaften Bild, das sie von ihm malten. Aber wie in allen verwickelten Meineidsfällen offenbarten sich in den verschiedenen Berichten Lücken und Widersprüche. Der Richter schien sie nicht zu bemerken, und der Staatsanwalt sowie Patsys Anwalt gingen gewandt über sie hinweg. Watson hatte sich keinen Rechtsanwalt genommen, und jetzt freute er sich, daß er es nicht getan hatte.

Dennoch hatte er, als er selbst vor die Schranke trat, um seinen Bericht abzustatten, einiges Vertrauen zu Richter Witberg.

»Ich kam zufällig durch die Straße«, begann Watson, wurde aber vom Richter unterbrochen.

»Wir sind nicht hier, um Ihre zufälligen Handlungen zu beurteilen«, fauchte Witberg. »Wer schlug zuerst?«

»Herr Richter«, sagte Watson. »Ich habe keinen Zeugen für die eigentlichen Prügeleien, und die Wahrheit meiner Darlegung kann nur dadurch erwiesen werden, daß ich die ganze –«

Wieder wurde er unterbrochen.

»Wir wollen hier keine Magazingeschichten hören«, brüllte Richter Witberg und sah ihn so wütend und böse an, daß Watson kaum in ihm den Mann wiedererkennen konnte, den er erst vor wenigen Momenten beobachtet hatte.

»Wer schlug zuerst?« fragte Patsys Anwalt. Der Staatsanwalt unterbrach ihn und wollte wissen, um welche von den beiden Sachen, die zu einer zusammengelegt waren, es sich hier handelte, und mit welchem Recht Patsys Anwalt in diesem Stadium der Angelegenheit ein Zeugenverhör verlangte. Patsys Anwalt antwortete ihm. Richter Witberg griff ein, erklärte, nichts davon zu wissen, daß zwei Sachen zusammengelegt waren. All das mußte näher erklärt werden. Es kam zu einer heftigen Debatte, die damit endete, daß Staatsanwalt wie Rechtsanwalt sich bei dem Gericht und beieinander entschuldigten.

»Warum haben Sie das schlecht beleumdete Lokal aufgesucht?« fragte man ihn.

»Es ist seit vielen Jahren meine Gewohnheit, mich in meiner Eigenschaft als soziologischer Forscher bekannt zu machen mit –«

Aber weiter kam Watson nicht.

»Wir wünschen hier nichts von Ihren Studien zu hören«, knurrte Richter Witberg. »Es war eine klare, deutliche Frage, beantworten Sie sie auch klar und deutlich. Ist es wahr, daß Sie berauscht waren, oder nicht? Das ist der Kern der Frage.«

Als Watson zu erzählen versuchte, wie Patsy sich durch das Stoßen mit dem Kopf das Gesicht verletzt hatte, wurde er abgewiesen und verhöhnt.

»Sind Sie sich klar über die Heiligkeit des Eides, den Sie abgelegt haben, und daß Sie hier, auf dem Zeugenstand, nur die Wahrheit sagen dürfen?« fragte der Richter. »Was Sie jetzt erzählt haben, ist ein Märchen. Es ist nicht wahrscheinlich, daß ein Mann sich auf diese Weise verletzen soll, daß er gegen Ihren Kopf schlägt. Sie sind ein vernünftiger Mensch. Ist das unwahrscheinlich oder nicht?« »Im Zorn sind die Menschen unvernünftig«, antwortete Watson sanft. Diese Antwort kränkte Richter Witberg tief und erfüllte ihn mit gerechtem Zorn.

»Welches Recht haben Sie, das zu sagen?« rief er. »Es ist eine ganz überflüssige Bemerkung. Sie hat nichts mit dem vorliegenden Fall zu tun. Sie befinden sich hier als Zeuge, und es handelt sich um Tatsachen. Das Gericht wünscht keine Meinungsäußerungen von Ihnen zu hören.«

»Ich habe nur Ihre Frage beantwortet, Herr Richter«, antwortete Watson bescheiden.

»Das haben Sie durchaus nicht«, keifte der Richter, »und ich möchte Sie warnen, Verehrtester, und Ihnen sagen, daß Sie sich durch eine solche Unverschämtheit ein respektwidriges Benehmen zuschulden kommen lassen. Und ich möchte Sie wissen lassen, daß wir hier in diesem kleinen Gerichtslokal Gesetz und Höflichkeit zu wahren wissen. Ich schäme mich für Sie.«

Und als der nächste spitzfindige Zank zwischen Rechtsanwalt und Staatsanwalt seinen Bericht über die Vorgänge im »Vendôme« unterbrach, sah Watson ohne Bitterkeit, aufgeräumt und niedergeschlagen zugleich, wie die große politische Organisation sich vor ihm erhob, diese große und doch so kleinliche Bande, die das Land regiert, die ungestrafte, schamlose Schwindelverwaltung in tausend Städten, hinter der das spinnenartige Ungeziefer der Räuber steht. Hier sah er einen Erfolg ihrer Tätigkeit – ein Gericht und einen Richter, die von der geheimen politischen Organisation gezwungen wurden, für einen Kneipenwirt zu arbeiten, weil der Kneipenwirt Einfluß auf eine Anzahl von Wählerstimmen hatte.

Als der Streit seinen Höhepunkt erreicht hatte, lachte er einmal laut auf, was ihm einen drohenden Blick von Richter Witberg einbrachte. Schlimmer, tausendmal schlimmer waren diese polternden Anwälte und dieser polternde Richter als die gröbsten Steuermänner auf den ärgsten Höllenschiffen, die nicht nur schimpften, sondern sich selbst auch gut zu decken verstanden. Diese gemeinen Lumpenkerle suchten ihrerseits Schutz hinter der Majestät des Gesetzes. Sie schlugen, aber man durfte nicht wiederschlagen, denn hinter ihnen standen Gefängniszellen und die Stäbe stumpfer Polizisten. Aber er war doch nicht bitter. Dank seinem Sinn für Humor vergaß er die grobe Ungerechtigkeit und Schleimigkeit der ganzen Sache über ihrer unbedingten Lächerlichkeit.

Endlich glückte es ihm trotz aller brutalen Unterbrechungen, einen klaren und einfachen Bericht des Geschehenen zu erstatten, und in einem kriegerischen Kreuzverhör wurde seine Darstellung in keinem wesentlichen Punkt entkräftet. Sie war weit verschieden von den meineidigen Darstellungen Patsys und seiner beiden Zeugen.

Patsys Anwalt und der Staatsanwalt überließen die Angelegenheit dem Gericht zur weiteren Behandlung, ohne sich noch einmal zu äußern. Watson protestierte, wurde aber durch den Staatsanwalt zum Schweigen gebracht, der ihm mitteilte, daß er der öffentliche Ankläger wäre und schon wüßte, wie er sich als solcher zu verhalten hätte.

»Patsy Horan hat erklärt, daß er in Lebensgefahr und gezwungen war, sich zu verteidigen.« So begann das Urteil, das Richter Witberg fällte. »Herr Watson hat genau dasselbe erklärt. Beide haben geschworen, daß der Gegner als erster schlug, jeder hat geschworen, daß der andere ihn ohne Grund überfallen hat. Es ist ein Grundsatz des Gesetzes, daß der Zweifel dem Angeklagten zugute kommt. Es gibt in dieser Sache guten Grund zum Zweifel. Deshalb wird in der Sache gegen Carter Watson besagtem Carter Watson der Zweifel zugute gehalten, und er ist freizusprechen. Ebenso steht es in der Sache gegen Patsy Horan. Auch ihm wird der Zweifel zugute gehalten, und er ist freizusprechen. Mein Rat ist daher, daß beide Angeklagten sich die Hände geben und sich vergleichen.«

Die erste Überschrift, auf die Watsons Blick an diesem Nachmittag in den Zeitungen fiel, war: »Carter Watson freigesprochen.« In einer zweiten Zeitung stand: »Carter Watson straflos ausgegangen.« Den Vogel aber schoß eine Zeitung ab, die so begann: »Carter Watson ein guter Kerl.« Im Text las er, daß Richter Witberg beiden Gegnern geraten hätte, sich die Hand zu geben, was sie auch sofort getan hatten. Ferner las er:

»›Wollen wir nicht einen darauf trinken?‹ sagte Patsy Horan.

›Jawohl, das wollen wir‹, sagte Carter Watson. Und Arm in Arm wanderten sie in die nächste Gastwirtschaft.«

 

IV

Die ganze Geschichte ließ durchaus keine Bitterkeit in Watson zurück. Es war eine Erfahrung ganz neuer Art, die er gemacht hatte, und sie gab ihm die Idee zu einem neuen Buch.

Ein Jahr darauf stieg er eines Sommermorgens auf seinem Landsitz vom Pferde und kletterte eine kleine Schlucht hinan, um sich einige Bergfarne anzusehen, die er im vorigen Winter gepflanzt hatte. Als er die Schlucht hinter sich gelassen hatte, gelangte er auf eine seiner von Blumen übersäten Wiesen, ein herrliches, einsames Plätzchen, das durch niedrige Berge und Baumgruppen von der Welt abgesondert war. Und hier traf er einen Mann, der offenbar von dem Sommerhotel in dem ungefähr eine Meile von hier liegenden Städtchen kam und sich auf einem Spaziergang befand. Sie stießen aufeinander und erkannten sich gegenseitig. Es war Richter Witberg. Im übrigen war es ausgesprochener Hausfriedensbruch, denn Watson hatte an der Grenze seines Besitzes Schilder mit der Aufschrift »Zutritt verboten« aufgestellt, wenn er dies Verbot auch nie streng handhabte. Richter Witberg reichte ihm die Hand, aber Watson nahm sie nicht.

»Es war eine schmutzige Sache, nicht wahr, Herr Richter«, meinte er. »Ach ja, ich sehe Ihre Hand gut, aber ich mache mir nichts daraus, sie zu drücken. Die Zeitungen schrieben, daß ich Patsy Horan nach der Gerichtsverhandlung die Hand gegeben hätte. Sie wissen, daß ich es nicht tat, aber ich kann Ihnen versichern, daß ich tausendmal lieber ihm und seinen schuftigen Freunden die Hand drücken würde als Ihnen.«

Richter Witberg war unangenehm berührt und verwirrt, er räusperte sich, stotterte und versuchte etwas zu sagen, und da hatte Watson, der dastand und ihn ansah, plötzlich einen Einfall.

»Ich habe es nicht erwartet, bei einem Manne von Ihrem Wissen und Ihrer Bildung persönlicher Abneigung zu begegnen«, antwortete Witberg.

»Nein, natürlich nicht, das liegt mir durchaus nicht. Und um Ihnen das zu beweisen, will ich Ihnen etwas Merkwürdiges zeigen. Etwas, das Sie noch nie gesehen haben.« Watson sah sich um und hob einen scharfen Stein von Faustgröße auf. »Sehen Sie! Passen Sie auf!«

Indem Watson das sagte, schlug er sich selbst kräftig auf die Backe. Der Stein zerriß ihm das Fleisch, und das Blut spritzte heraus. »Der Stein war zu scharf«, sagte er zu dem verblüfften Richter, der meinte, daß er wahnsinnig geworden wäre. »Ich muß mir ein paar Beulen schlagen. In so etwas muß man sehr realistisch sein.«

»Sie sind wahnsinnig«, sagte Richter Witberg mit zitternder Stimme.

»Gebrauchen Sie nicht so häßliche Worte, wenn Sie von mir sprechen«, sagte Watson. »Können Sie kein zerschlagenes, blutendes Gesicht sehen? Das ist Ihr Werk, das haben Sie mit Ihrer rechten Hand getan. Sie haben mich zweimal geschlagen. Das ist ein brutaler Überfall ohne jede Veranlassung. Ich befinde mich in Lebensgefahr. Ich muß mich verteidigen.«

Erschrocken über die drohenden Fäuste des andern, wich Witberg zurück.

»Wenn Sie mich schlagen, lasse ich Sie verhaften«, drohte er.

»Genau die Worte, die ich zu Patsy sagte«, lautete die Antwort. »Und wissen Sie, was er tat, als ich ihm das sagte?«

»Nein.«

»Das!«

Und im selben Augenblick schlug Watson mit seiner rechten Faust dem Richter Witberg ins Gesicht, daß der Herr auf den Rücken ins Gras fiel.

»Stehen Sie auf!« kommandierte Watson. »Wenn Sie ein Gentleman sind, so stehen Sie auf, das sagte Patsy zu mir, wie Sie wissen.«

Richter Witberg war nicht imstande, selbst aufzustehen. Ein Griff am Rockschoß brachte ihn auf die Beine, aber nur, um ihn mit einem blauen Auge wieder zu Boden zu schicken. Und nun wurde Richter Witberg nach allen Regeln der Kunst verprügelt. Seine Backen wurden in boxerische Behandlung genommen, seine Ohren gequetscht und sein Gesicht gegen den Rasen geschleudert. Und Watson erklärte ihm dabei unaufhörlich, wie Patsy Horan es gemacht hätte. Gelegentlich versetzte ihm der vergnügte Mann einen sorgfältig gezielten gehörigen Schlag. Einmal stieß er, nachdem er den armen Richter wieder auf die Beine gekriegt hatte, seine eigene Nase gegen den Kopf des Richters. Die Nase begann sofort zu bluten.

»Sehen Sie!« rief Watson, trat zurück und ließ das Blut auf seine Hemdbrust fließen. »Das haben Sie getan. Das haben Sie mit Ihrer Faust getan. Das ist schrecklich. Ich bin halb totgeschlagen. Ich muß mich wieder verteidigen.«

Und noch einmal fuhr eine Faust in Richter Witbergs Gesicht und schickte ihn zu Boden.

»Ich lasse Sie bestimmt verhaften.«

»Das tun Sie nicht, und wenn ich Sie halb totschlagen würde.«

Und mit diesen Worten nahm Carter Watson Abschied, stieg den Hügel hinab, sprang auf sein Pferd und ritt nach der Stadt.

Als Richter Witberg eine Stunde später durch die Bergschlucht nach seinem Hotel gehinkt kam, wurde er von einem Dorfpolizisten wegen gewalttätigen Überfalls auf Carter Watson verhaftet.

 

V

»Herr Richter«, sagte Watson am nächsten Tage zu dem Dorfrichter, einem wohlhabenden Farmer, der vor dreißig Jahren sein Examen an einer landwirtschaftlichen Hochschule gemacht hatte, »da dieser Sol Witberg sich veranlaßt gesehen hat, mich wegen gewalttätigen Überfalls anzuzeigen, nachdem ich ihn wegen desselben Delikts angezeigt habe, beantrage ich, daß beide Sachen zusammengelegt werden. Zeugen und Tatsachen sind in beiden Sachen dieselben.«

Der Richter willigte ein, und die Verhandlung nahm ihren Anfang. Watson betrat als Angeklagter zuerst den Zeugenstand und machte seine Aussagen.

»Ich pflückte Blumen«, erklärte er. »Pflückte Blumen auf meinem eigenen Grund und Boden und witterte kein Unheil. Plötzlich sprang dieser Mann aus seinem Versteck hinter den Bäumen auf mich los. ›Ich bin Dodo‹, sagte er, ›und ich kann Hackfleisch aus dir machen. Hebe die Hände hoch!‹

Ich lächelte, aber im selben Augenblick schlug er zu, warf mich zu Boden und verdarb meine Blumen. Die Sprache, die er mir gegenüber führte, war entsetzlich. Es war ein ganz grundloser, brutaler Überfall. Sehen Sie nur meine Backe! Sehen Sie meine Nase! Ich konnte es überhaupt nicht begreifen. Er muß betrunken gewesen sein. Ehe ich mich von meiner Überraschung erholte, hatte er mir schon diesen Schlag zugefügt. Ich fühlte mein Leben bedroht und mußte mich verteidigen. Das ist alles, Herr Richter, aber ich muß noch einmal gestehen, daß ich mich von meiner Überraschung gar nicht erholen kann. Warum hat er sich Dodo genannt? Warum hat er mich so leichtfertig angegriffen?«

Und so erhielt Sol Witberg eine gründliche Belehrung in der Kunst, einen Meineid zu schwören.

Er hatte oft auf seinem hohen Richterstuhl im Schnellgericht nachsichtig meineidigen Zeugenaussagen und erdichteten Geschichten gelauscht; aber zum ersten Mal richtete sich jetzt eine meineidige Aussage gegen ihn selbst, und diesmal saß er nicht mit Gerichtsdienern, Polizeiknüppeln und Gefängniszellen hinter sich auf dem Richterstuhl.

»Herr Richter«, rief er, »ich habe noch nie eine solche Sammlung von Lügen und einen so frechen Lügner gehört –«

Aber im selben Augenblick sprang Watson auf. »Herr Richter, ich protestiere. Es ist Sache des hohen Gerichtshofes, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Der Zeuge hat nur über die wirklichen Geschehnisse auszusagen. Seine persönliche Meinung von den Dingen im allgemeinen und von mir im besonderen hat nicht das geringste mit der Sache zu tun.«

Der Richter kratzte sich den Kopf und wurde aufgeregt, ohne jedoch seine Ruhe zu verlieren.

»Der Protest ist berechtigt«, entschied er. »Ich bin erstaunt, daß Sie, Herr Witberg, der Sie Richter und wohlbewandert in Gesetz und Recht sein wollen, sich eines so wenig korrekten Benehmens schuldig machen. Wir sind hier, um festzustellen, wer zuerst geschlagen hat, und Ihre Ansichten über den persönlichen Charakter des Herrn Watson interessieren uns nicht. Fahren Sie in Ihrer Darstellung fort.«

Sol Witberg würde sich vor Wut gern in seine zerschlagene und geschwollene Lippe gebissen haben, wenn es nicht so weh getan hätte, aber er beherrschte sich und erstattete einen klaren, aufrechten und wahren Bericht.

»Herr Richter«, sagte Watson. »Ich beantrage, ihn zu fragen, was er auf meinem Grund und Boden zu tun hatte.«

»Eine sehr berechtigte Frage. Was hatten Sie, mein Herr, auf Herrn Watsons Grund und Boden zu tun?«

»Ich wußte nicht, daß es sein Grund und Boden war.«

»Es war eine Übertretung meines gegen Unbefugte erlassenen Verbots, Herr Richter«, rief Watson. »Die entsprechenden Schilder sind in auffälliger Weise angebracht.«

»Ich habe kein solches Schild gesehen«, sagte Sol Witberg.

»Ich habe sie selbst gesehen«, warf der Richter grimmig ein. »Sie sind sehr auffällig. Und zur Warnung will ich Sie, mein Herr, wissen lassen, daß Sie, wenn Sie in solchen Kleinigkeiten leichtfertig mit der Wahrheit umgehen, Gefahr laufen, auch auf Ihre bedeutsameren Aussagen ein schlechtes Licht zu werfen. Warum haben Sie Herrn Watson geschlagen?«

»Herr Richter, wie ich unter Eid ausgesagt habe, habe ich ihm nicht einen einzigen Schlag gegeben.«

Der Richter betrachtete Carter Watsons zerschlagenes und geschwollenes Gesicht, wandte sich dann um und blickte Sol Witberg an.

»Sehen Sie die Backe des Mannes«, donnerte er. »Wenn Sie ihm keinen Schlag gegeben haben, wie kommt es dann, daß er so zugerichtet ist?«

»Wie ich unter Eid ausgesagt habe –«

»Nehmen Sie sich in acht!« warnte der Richter.

»Ich werde mich schon in acht nehmen. Ich gedenke nichts zu sagen als die reine Wahrheit. Er hat sich selbst mit einem Stein geschlagen. Er hat sich mit zwei verschiedenen Steinen geschlagen.«

»Ist es wahrscheinlich, daß irgendein Mensch, der nicht wahnsinnig ist, sich selber so zurichten soll, indem er die weichen, empfindlichen Teile seines Gesichts mit einem Stein zerschrammt?« fragte Carter Watson.

»Es klingt wie ein Märchen«, meinte der Richter. »Herr Witberg, hatten Sie getrunken?« – »Nein.«

»Trinken Sie nie?« »Gelegentlich.«

Der Richter dachte mit schlauer, tiefsinniger Miene über diese Antwort nach.

Watson benutzte die Gelegenheit, um Sol Witberg gemütlich anzublinzeln, aber dieser arg mißbrauchte Herr sah nichts Humoristisches in der Situation.

»Sehr merkwürdig, sehr merkwürdig«, erklärte der Richter und ging daran, sein Urteil zu fällen.

»Die Aussagen der beiden Parteien widersprechen einander vollkommen. Außer den beiden Hauptpersonen sind keine Zeugen vorhanden. Jeder behauptet, daß der andere ihn überfallen hat, und ich bin außerstande, rechtsgültig zu entscheiden, wer von Ihnen die Wahrheit spricht. Aber ich habe meine persönliche Ansicht, Herr Witberg, und ich möchte Ihnen raten, sich in Zukunft von Herrn Watsons Grund und Boden und überhaupt aus dieser Gegend fernzuhalten –«

»Das ist eine Beleidigung!« brauste Witberg auf.

»Setzen Sie sich«, donnerte der Richter ihn an. »Wenn Sie das Gericht noch einmal auf diese Weise unterbrechen, nehme ich Sie in Strafe wegen achtungswidrigen Benehmens, und ich sage Ihnen jetzt schon, daß ich Sie streng bestrafen werde! Sie sind selbst Richter und müßten die Achtung kennen, die die Würde des Gerichts fordert. Und jetzt fälle ich mein Urteil: Es ist ein Grundsatz des Gesetzes, daß der Zweifel dem Angeklagten zugute kommt. Wie schon gesagt, bin ich nicht imstande, rechtsgültig zu entscheiden, wer zuerst geschlagen hat. Deshalb bin ich zu meinem größten Bedauern –« hier machte er eine Pause und starrte Sol Witberg an – »genötigt, in beiden Fällen dem Angeklagten den herrschenden Zweifel zugute kommen lassen zu müssen. Meine Herren; Sie sind freigesprochen.«

»Lassen Sie uns darauf einen genehmigen«, sagte Watson zu Witberg, als sie den Gerichtssaal verließen. Der bestürzte Mann aber weigerte sich, Arm in Arm mit ihm in die nächste Gastwirtschaft zu gehen.

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