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Der Ruhm des Kämpfers

Jack London: Der Ruhm des Kämpfers - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJack London
titleDer Ruhm des Kämpfers
publisherVerlag Tribüne
year1957
firstpub
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Schrei des Pferdes

Dies ist eine wahre Geschichte. Sie geschah in der Stierkampfarena von Quito. Ich saß in einer Loge mit John Harned, Maria Valenzuela und Luis Cervallo. Ich sah, wie es geschah, denn ich sah es von Anfang bis zu Ende.

Ich reiste auf dem Dampfer »Ecuadore« von Panama nach Guayaquil.

Ich bin Spanier – Ecuadorianer allerdings, aber ich stamme von Pedro Patino ab, einem von Pizarros Hauptleuten.

Es waren tapfere Männer. Es waren Helden. Hat Pizarro nicht dreihundertfünfzig spanische Ritter und viertausend Indianer auf der Schatzsuche tief in die Kordilleren geführt? Und starben nicht all die viertausend Indianer und dreihundert von den tapferen Rittern bei der vergeblichen Suche? Aber Pedro Patino starb nicht. Er blieb am Leben und begründete die Familie der Patinos. Ich bin aus reinem spanischem Blut.

Ich besitze viele Haziendas, und zehntausend Indianer sind meine Sklaven, wenn das Gesetz auch sagt, daß sie freie Menschen sind, die aus freiem Willen kontraktliche Arbeit leisten.

Das Gesetz ist eine komische Sache. Wir Ecuadorianer lachen darüber. Es ist unser Gesetz. Wir machen es selbst.

Ich bin Manuel de Jesus Patino. Prägen Sie sich diesen Namen ein. Eines Tages wird er Geschichte machen. Es gibt Revolutionen in Ecuador. Wir nennen sie Wahlen.

John Harned war Amerikaner. Ich traf ihn das erste Mal im Tivoli-Hotel in Panama. Er hatte viel Geld – das hatte ich gehört. Er ging nach Lima, aber im Tivoli-Hotel traf er Maria Valenzuela. Maria Valenzuela ist meine Kusine, und sie ist schön, wahrlich, sie ist die schönste Frau in Ecuador. Aber sie ist auch die schönste in jedem Lande – in Paris, in New York, in Wien. Alle Männer sehen ihr nach, und das tat John Harned auch mächtig hier in Panama. Er liebte sie, das ist Tatsache, ich weiß es. Sie war Ecuadorianerin, gewiß – aber sie gehörte eigentlich allen Ländern der ganzen Welt an. Sie sprach viele Sprachen. Sie sang – ach! wie eine Künstlerin. Ihr Lächeln – herrlich, göttlich. Ihre Augen – ach! Haben nicht alle Männer ihr in die Augen gesehen? Sie waren Verheißungen des Paradieses.

Maria Valenzuela war reich – reicher als ich, der ich doch für sehr reich in Ecuador gelte. Aber John Harned machte sich nichts aus ihrem Geld. Er hatte ein Herz – ein komisches Herz. Er war ein Narr. Er ging nicht nach Lima. Er verließ den Dampfer in Guayaquil und begleitete Maria nach Quito. Sie war gerade aus Europa zurückgekehrt. Ich weiß nicht, was sie an ihm fand, aber sie hatte ihn gern. Das weiß ich bestimmt, sonst würde er sie nicht nach Quito begleitet haben. Sie forderte ihn dazu auf. Ich erinnere mich dessen noch genau. Sie sagte:

»Kommen Sie nach Quito, und ich werde Ihnen einen Stierkampf zeigen – tapfer, schön, glänzend!«

Aber er sagte: »Ich gehe nach Lima, nicht nach Quito. Dahin lautet meine Fahrkarte.«

»Sie reisen doch zum Vergnügen, nicht wahr?« sagte Maria Valenzuela, und sie sah ihn an, wie nur Maria Valenzuela einen ansehen konnte, mit warmen, vielverheißenden Augen.

Und er reiste mit ihr. Nein, er kam nicht wegen des Stierkampfes. Er kam wegen dessen, was er in ihren Augen gesehen hatte. Frauen wie Maria Valenzuela werden einmal in hundert Jahren geboren. Sie sind Göttinnen. Männer fallen ihnen zu Füßen. Sie spielen mit Männern und lassen sie wie Sand durch ihre schönen Finger rinnen. Kleopatra soll eine solche Frau gewesen sein, und Circe auch.

Es kam alles daher, daß Maria Valenzuela sagte: »Ihr Engländer seid – wie soll ich sagen? – wild – nicht wahr? Ihr liebt das Boxen. Zwei Männer schlagen sich mit den Fäusten, bis ihre Augen blind und ihre Nasen gebrochen sind. Abscheulich! Und die andern Männer, die zuschauen, sind ganz verrückt und toben vor Begeisterung. Das ist barbarisch!«

»Aber es sind Männer«, sagte John Harned, »und sie boxen zum Vergnügen. Keiner zwingt sie zum Boxen. Sie tun es, weil sie mehr Lust dazu haben als zu sonst irgend etwas auf der Welt.«

Maria Valenzuela – ihr Lächeln war zornig, als sie sagte: »Sie töten einander oft – ist es nicht so? Das habe ich in den Zeitungen gelesen.«

»Aber der Stier«, sagte John Harned, »der Stier wird oft und immer beim Stierkampf getötet, und die Stiere kommen nicht zu ihrem Vergnügen in die Arena. Es ist kein ehrliches Spiel dem Stier gegenüber. Er wird zum Kampf gezwungen. Aber der Boxer – nein, ihn zwingt keiner.«

»Eben deshalb ist er brutaler«, sagte Maria Valenzuela, »er ist ein Wilder, er ist ein Tier. Er schlägt mit seinen Tatzen wie ein Bär in seiner Höhle, und er ist grausam. Aber der Stierkampf – ach! Sie haben nie einen Stierkampf gesehen, nicht wahr? Der Toreador ist tüchtig. Er ist ausgebildet. Er ist modern. Er ist romantisch. Er ist nur ein Mensch, schwach und gebrechlich, aber er tritt dem wilden Stier entgegen. Und er tötet mit einem Schwert, einem schwachen Schwert, mit einem einzigen Stoß, so, gerade ins Herz der großen Bestie. Es ist herrlich. Man bekommt Herzklopfen, wenn man es sieht – der kleine Mann, das große Tier, die weite, mit Sand bestreute Arena, die Tausende von atemlosen Zuschauern! Das große Tier stürzt sich im Angriff auf ihn, aber der Mann steht wie eine Statue da; er regt sich nicht, er fürchtet sich nicht, und in seiner Hand blinkt die leichte Waffe wie Silber in der Sonne. Immer näher kommt das große Tier mit seinen scharfen Hörnern, und der Mann regt sich nicht. Aber dann – so – das Schwert blitzt, der Stoß sitzt, im Herzen, bis zum Griff, der Stier fällt in den Sand und ist tot, und der Mann ist unverletzt. Das ist tapfer. Es ist prachtvoll! Ach! – Ich könnte einen Toreador lieben. Aber der Boxer – er ist eine Bestie in Menschengestalt, ein Wahnsinniger, der unzählige Schläge in sein dummes Gesicht empfängt und sich darüber freut. Kommen Sie nach Quito, und ich werde Ihnen tapferen Männersport zeigen: den Toreador und den Stier.«

Aber John Harned ging nicht des Stierkampfes wegen nach Quito. Er kam Maria Valenzuelas wegen. Er war ein großer Mann, breitschultriger als wir Ecuadorianer, höher gewachsen. Schwerer an Gliedern und Knochen. Er war sogar größer als die meisten Männer seiner eigenen Rasse. Seine Augen waren blau, aber manchmal habe ich sie grau und zeitweise ganz wie kalten Stahl gesehen. Seine Züge waren groß – nicht feingeformt wie die unsern, und seine Kinnbacken sahen sehr stark aus. Er war glattrasiert wie ein Priester. Braucht ein Mann sich der Haare zu schämen, die er im Gesicht hat? Hat Gott sie ihm nicht gegeben? Ja, ich glaube an Gott. Ich bin kein Heide. Gott ist gut. Er machte mich zu einem Ecuadorianer mit zehntausend Sklaven. Und wenn ich sterbe, werde ich zu Gott eingehen.

Um aber zu John Harned zurückzukehren. Er war ein stiller Mann. Er sprach immer mit leiser Stimme und bewegte nie die Hände beim Sprechen. Man hätte glauben sollen, daß sein Herz aus Eis war. Aber es war doch ein bißchen Wärme in seinem Blut, denn er begleitete Maria Valenzuela nach Quito. Aber wenn er auch leise und ohne die Hände zu bewegen sprach, war er doch ein Tier, wie man sehen wird – ein Tier, ein dummer, grausamer Wilder aus der fernen Vorzeit, der sich in Felle kleidete und mit Bären und Wölfen zusammen in Höhlen lebte.

Luis Cervallos ist mein Freund. Er besitzt drei Kakaoplantagen in Naranjito und Chobo. Bei Milagro liegt seine große Zuckerplantage. Er hat große Besitzungen bei Ambato und Latacunga und war an Petroleumquellen im Küstengebiet beteiligt. Er hatte auch viel Geld in Gummiplantagen am Guayas gesteckt. Er ist ein moderner Mensch wie die Yankees, ein reiner Geschäftsmann. Er hat viel Geld, aber das ist in vielen Unternehmungen angelegt, und er braucht immer mehr Geld, sowohl für die neuen Unternehmungen wie für die alten. Er ist überall gewesen und hat alles gesehen. Als ganz junger Mann war er auf der Militärakademie der Yankees, die West Point heißt. Da passierte irgend etwas. Er mußte fort. Er liebte die Amerikaner nicht. Aber er liebte Maria Valenzuela, die aus seinem eigenen Lande war. Außerdem brauchte er ihr Geld für seine Unternehmungen und für seine Goldmine in Ostecuador, wo die gemalten Indianer leben. Er war ihr Freund. Es war mein Wunsch, daß er Maria Valenzuela heiraten sollte. Zudem hatte ich viel Geld in seine Unternehmungen, namentlich in die Goldmine gesteckt, die sehr reich war, aber noch mehr Geld erforderte, ehe sie Gewinn geben konnte. Wenn Luis Cervallos Maria Valenzuela heiratete, hätte ich sehr bald noch mehr Geld.

Aber John Harned begleitete Maria Valenzuela nach Quito, und uns – Luis Cervallos und mir – wurde es bald klar, daß sie sehr freundliche Gefühle für John Harned hegte. Es heißt, daß eine Frau immer ihren Willen durchsetzt, aber in diesem Fall stimmte das nicht, denn Maria Valenzuela bekam ihren Willen nicht – jedenfalls nicht in bezug auf John Harned. Vielleicht wäre alles auch gegangen, wie es ging, selbst wenn Luis Cervallos und ich an dem Tage beim Stiergefecht in Quito nicht in der Loge gesessen hätten. Aber das weiß ich: Wir saßen an dem Tage in der Loge, und ich werde Ihnen erzählen, was geschah.

Wir saßen zu vieren in der einen Loge von Luis Cervallos. Ich saß direkt neben der Präsidentenloge. Auf der andern Seite befand sich die Loge General José Eliceo Salazars. Bei ihm befanden sich Joaquin Endara und Urcisino Castillo, beide Generäle, sowie Oberst Jacinto Fierro und Hauptmann Baltazar de Echeverria. Nur die Stellung und der Einfluß eines Luis Cervallos konnte ihnen die Loge neben der des Präsidenten sichern. Ich weiß bestimmt, daß der Präsident den Wunsch ausgedrückt hatte, Luis Cervallos zum Nachbarn zu bekommen.

Das Orchester hatte gerade die Nationalhymne von Ecuador gespielt. Der Präsident gab durch Kopfnicken das Zeichen zum Anfang. Die Hörner erschallten, und der Stier kam hereingestürzt – Sie kennen das, aufgeregt, wild gemacht durch die Wurfpfeile, die wie Feuer in seiner Schulter brannten, suchte er rasend nach einem Feind, um ihn zu vernichten. Plötzlich erschienen auf allen Seiten die Kapeadore, fünf im ganzen, mit ihren bunten, flatternden Umhängen. Beim Anblick eines solchen Überflusses von Feinden blieb der Stier stehen; offenbar wußte er nicht recht, wen er angreifen sollte. Da ging einer der Kapeadore allein auf den Stier los. Der Stier war sehr erbost. Mit seinen Vorderfüßen stampfte er in den Sand der Arena, daß eine Staubwolke ihn umgab. Dann ging er mit gesenktem Haupt zum Angriff auf den Kapeador über.

Der erste Angriff des ersten Stiers ist immer interessant. Nach einiger Zeit wird man ganz natürlicherweise ein wenig müde, und die Aufmerksamkeit erschlafft. Aber der erste Angriff des ersten Stiers! John Harned sah es zum ersten Male, und ob er wollte oder nicht, es riß ihn mit – der Anblick des Mannes, der nur mit einem Stück Tuch bewaffnet war, und des Stiers, der mit weit auseinanderstehenden spitzen Hörnern gerade auf ihn zu raste.

»Sehen Sie!« rief Maria Valenzuela. »Ist das nicht prachtvoll?«

John Harned nickte, sah sie aber nicht an. Seine Augen funkelten und waren nur auf die Arena gerichtet. Der Kapeador trat beiseite und wich dem Stier mit einer raschen Bewegung des Umhangs aus und warf ihn ihm über die Schulter.

»Was sagen Sie dazu?« fragte Maria Valenzuela. »Nennen Sie das nicht Sport – sagen Sie!«

»Wahrhaftig«, sagte John Harned. »Das war gut gemacht.«

Sie klatschte vor Vergnügen in die Hände. Es waren kleine Hände. Das ganze Publikum klatschte. Der Stier machte kehrt und kam wieder zurück. Wieder wich der Kapeador aus und warf ihm den Umhang über die Schulter, und wieder klatschten die Zuschauer. Dreimal wiederholte sich das. Der Kapeador war ausgezeichnet. Dann trat er zurück, und ein anderer Kapeador spielte mit dem Stier. Hierauf hefteten sie die Banderillas an den Stier, an die Schultern, zu beiden Seiten des Rückgrats, je zwei auf einmal. Dann trat Ordonez, der erste Matador, mit der langen Klinge und dem scharlachroten Umhang vor. Die Hörner gaben das Signal für den Tod. Er war nicht so geschickt wie Matestini. Aber er war doch ganz tüchtig und trieb die Klinge mit einem einzigen Stoß in das Herz des Tieres. Der Stier knickte in die Knie ein, legte sich nieder und starb. Es war ein schöner Stoß, genau und sicher; der Beifall war denn auch stark, und viele von den Zuschauern warfen ihre Hüte in die Arena. Maria Valenzuela klatschte Beifall wie die andern, aber John Harned, auf dessen kaltes Herz die Begebenheit keinen Eindruck machte, sah sie neugierig an.

»Sie mögen das?« fragte er.

»Immer«, sagte sie und klatschte weiter in die Hände.

»Schon als sie ein kleines Mädchen war«, sagte Luis Cervallos. »Ich erinnere mich ihres ersten Stierkampfes. Sie war damals vier Jahre alt und klatschte in die Hände, genau wie jetzt. Sie ist eine echte Spanierin.«

»Jetzt haben Sie es gesehen«, sagte Maria Valenzuela zu John Harned, als Maultiere vor den toten Stier gespannt wurden, um ihn hinauszuschleppen.

»Sie haben einen Stierkampf gesehen, und er gefällt Ihnen, nicht wahr? Was meinen Sie?«

»Ich meine, daß der Stier keine Chance hatte«, sagte er. »Der Stier war von Anfang an zum Tode verurteilt. Der Ausgang war unzweifelhaft. Noch ehe der Stier in die Arena kam, wußte jeder, daß er sterben mußte. Bei einem wirklichen Sport muß der Ausgang zweifelhaft sein. Es war ein dummer Stier, der nie mit einem Menschen gekämpft, gegen fünf kluge Männer, die mit vielen Stieren gekämpft hatten. Vielleicht wäre es ehrlicheres Spiel, wenn es nur ein Mann gegen einen Stier wäre.«

»Oder ein Mann gegen fünf Stiere«, sagte Maria Valenzuela, und wir lachten alle, und Luis Cervallos lachte am lautesten.

»Ja«, sagte John Harned, »gegen fünf Stiere, und der Mann darf, ebenso wie die Stiere, nie vorher in der Arena gestanden haben. Ein Mann wie Sie, Señor Cervallos.«

»Und doch lieben wir Spanier den Stierkampf«, sagte Luis Cervallos, und ich möchte darauf schwören, daß der Teufel ihm zuflüsterte, das zu tun, was ich Ihnen jetzt erzählen will.

»Dann muß es ein anerzogener Geschmack sein«, antwortete John Harned. »Wir töten Tausende von Stieren täglich in Chicago, aber nicht ein einziger würde etwas bezahlen, um zusehen zu dürfen.«

»Das ist Schlachterei«, sagte ich. »Dies aber, oh, dies ist Kunst. Es ist prachtvoll. Es ist herrlich. Es ist auserlesen.«

»Nicht immer«, sagte Luis Cervallos. »Ich habe ungeschickte Matadore gesehen und kann Ihnen versichern, daß es nicht schön war.«

Ihn schauerte, und in seiner Miene malte sich Ekel ab, und in diesem Augenblick wußte ich, daß der Teufel ihm etwas zuflüsterte und daß er seine Rolle zu spielen begann.

»Vielleicht hat Señor Harned recht«, fuhr Luis Cervallos fort. »Gegenüber dem Stier ist es vielleicht kein ehrliches Spiel. Wissen wir nicht alle, daß der Stier vierundzwanzig Stunden lang kein Wasser bekommt, aber unmittelbar vor dem Kampf soviel Wasser trinken darf, wie er will?«

»Und dann kommt er schwer von Wasser in die Arena?« fragte John Harned schnell, und ich sah, daß seine Augen sehr grau, sehr scharf und sehr kalt waren.

»Das ist notwendig für den Sport«, erklärte Luis Cervallos. »Wollen Sie, daß der Stier so stark ist, daß er die Toreadore tötet?«

»Ich möchte nur, daß er eine Chance im Kampfe haben soll«, sagte John Harned und blickte wieder in die Arena, um den zweiten Stier hereinkommen zu sehen.

Es war kein guter Stier. Er hatte Furcht. Er lief in der Arena herum und suchte eine Stelle, wo er hinausschlüpfen könnte. Die Kapeadore traten vor und schwangen ihre Mäntel, aber er wollte sie nicht angreifen.

»Es ist ein dummer Stier«, sagte Maria Valenzuela.

»Verzeihung«, sagte John Harned. »Ich finde, es ist ein kluger Stier. Er weiß, daß er nicht mit Menschen kämpfen kann. Sehen Sie! Er wittert schon den Tod in der Arena.«

Wirklich. Der Stier war an der Stelle stehengeblieben, wo der erste getötet wurde, und er roch an dem nassen Sand und schnaufte, dann lief er wieder in der Arena herum und betrachtete mit erhobenem Kopf die Tausende von Menschen, die ihn auspfiffen, ihn mit Apfelsinenschalen bewarfen und beschimpften. Aber der Blutgeruch ließ ihn seinen Entschluß fassen, und er griff einen Kapeador ganz plötzlich und unerwartet an, daß der Mann ihm nur mit Mühe und Not entkam. Er ließ seinen Umhang fallen und suchte Schutz hinter der Barriere, gegen die der Stier krachend prallte.

Und John Harned sagte leise wie zu sich selber:

»Ich gebe tausend Dollar für das Quitoer Krankenhaus, wenn der Stier heute einen Mann tötet.«

»Sie haben Stiere gern?« fragte Maria Valenzuela lächelnd.

»Jedenfalls lieber als solche Männer«, sagte John Harned. »Ein Toreador ist kein tapferer Mann. Er kann kein tapferer Mann sein. Sehen Sie, der Stier läßt schon die Zunge heraushängen. Er ist müde, und dabei hat es noch gar nicht angefangen.«

»Das macht das Wasser«, sagte Luis Cervallos.

»Ja, das macht das Wasser«, sagte John Harned. »Wäre es nicht am sichersten, den Stier zu fesseln, ehe er angreift?«

Maria Valenzuela wurde zornig über den Hohn in John Harneds Worten. Aber Luis Cervallos lächelte, daß ich es sah, und in diesem Augenblick erkannte ich, welche Komödie er spielte. Er und ich sollten Banderillos spielen. Der große amerikanische Stier saß neben uns in der Loge. Wir sollten ihn mit Wurfpfeilen spicken, bis er böse wurde, denn dann wurde vielleicht nichts aus einer Ehe zwischen ihm und Maria Valenzuela. Das war ein guter Sport. In unsern Adern rann Stierkämpferblut.

Der Stier war jetzt zornig und aufgeregt. Die Kapeadore spielten prachtvoll mit ihm. Er war sehr beweglich, und zuweilen machte er so plötzlich kehrt, daß seine Hinterbeine den Halt verloren und er den Sand mit seinem Hinterteil pflügte. Aber er griff immer nur die flatternden Umhänge an und tat keinem etwas.

»Er hat keine Chance«, sagte John Harned. »Er kämpft mit dem Winde.«

»Er glaubt, daß der Umhang sein Feind sei«, erklärte Maria Valenzuela. »Sehen Sie, wie gewandt die Kapeadore ihn anführen.«

»Es ist sein Schicksal, sich anführen zu lassen«, sagte John Harned. »Deshalb ist er im voraus dazu verurteilt, mit dem Winde zu kämpfen, das wissen die Toreadore. Und das Publikum weiß es auch. Sie wissen es, ich weiß es, wir alle wissen von Anfang an, daß er mit dem Winde kämpfen muß. Nur er allein weiß es nicht. Weil er ein Tier ist. Er hat keine Chance.«

»Es ist ganz einfach«, sagte Luis Cervallos. »Der Stier schließt die Augen, wenn er angreift. Deshalb –«

»Tritt der Mann beiseite, und der Stier stürzt an ihm vorbei«, fiel John Harned ihm ins Wort.

»Ja«, sagte Luis Cervallos. »So ist es. Der Stier schließt die Augen, und das weiß der Mann.«

»Aber Kühe schließen nicht die Augen«, sagte John Harned. »Ich kenne in meiner Heimat eine Kuh, eine Jersey-Kuh, die Milch gibt; die würde mit der ganzen Gesellschaft doch fertig werden.«

»Aber die Toreadore kämpfen nicht mit Kühen«, sagte ich.

»Sie haben Angst davor«, sagte John Harned.

»Ja«, sagte Luis Crevallos. »Sie haben Angst davor, mit Kühen zu kämpfen. Es würde kein Sport sein, wenn die Toreadore getötet würden.«

»Es würde gerade Sport sein«, sagte John Harned, »wenn hin und wieder ein Toreador getötet würde. Wenn ich alt und, wer weiß, vielleicht ein Krüppel bin und mir mein Brot verdienen soll, aber nicht imstande bin, schwere Arbeit zu leisten, dann will ich Stierkämpfer werden. Das ist ein leichter, angenehmer Beruf für ältere Herren und pensionierte Beamte.«

»Aber sehen Sie doch«, sagte Maria Valenzuela, als der Stier einen tapferen Angriff machte, dem der Kapeador durch Schwingen des Umhangs entging. »Es gehört Geschicklichkeit dazu, dem Stier zu entgehen.«

»Ja, gewiß«, sagte John Harned. »Aber glauben Sie mir, es gehört tausendmal mehr Geschicklichkeit dazu, all den vielen und schnellen Stößen zu entgehen, die ein Boxer mit offenen Augen und großer Erfahrung austeilt. Außerdem macht sich dieser Stier nichts daraus zu kämpfen: Sehen Sie, er läuft weg!«

Es war kein guter Stier; er lief in der Arena herum und suchte nach einem Ausgang.

»Und doch sind diese Stiere zuweilen am gefährlichsten«, sagte Luis Cervallos. »Man weiß nie, was sie im nächsten Augenblick tun werden. Sie sind beinahe wie Kühe. Die Stierkämpfer haben nicht gern mit ihnen zu tun. Sehen Sie! Er hat sich umgedreht!«

Aufgeregt und wütend über die Barriere, die ihm den Eingang versperrte, griff der Stier noch einmal tapfer seinen Feind an.

»Er läßt die Zunge heraushängen«, sagte John Harned. »Zuerst füllen sie ihn mit Wasser. Dann ermüden sie ihn einer nach dem andern und lassen ihn austoben und mit dem Winde kämpfen. Während die einen ihn müde machen, ruhen die andern sich aus. Aber der Stier bekommt nie Ruhe. Und wenn er dann ganz erschöpft und nicht mehr schnell genug ist, sticht der Matador ihn mit dem Schwert ab.«

Jetzt war die Reihe an die Banderilleros gekommen. Dreimal versuchte einer von ihnen, die Wurfpfeile anzubringen. Dreimal mißglückte es ihm. Er verwundete den Stier nur und machte ihn rasend. Sie wissen, diese Banderillas müssen in die Schulter eindringen, je zwei auf einmal zu jeder Seite des Rückgrats, dicht daneben. Wird nur eine angebracht, so ist es mißglückt. Das Publikum pfiff und rief nach Ordonez. Und da machte Ordonez etwas Fabelhaftes. Viermal trat er vor, und viermal brachte er gleich beim ersten Versuch seine Banderillas an, so daß acht Stück schön geordnet aus dem Rücken des Stiers auf einmal herausragten. Das Publikum war ganz verrückt, und ein Regen von Hüten und Geldstücken fiel in den Sand der Arena.

Aber eben in diesem Augenblick griff der Stier unerwartet einen Kapeador an. Der Mann glitt aus und verlor seine Geistesgegenwart. Der Stier kriegte ihn – glücklicherweise zwischen die weit auseinanderstehenden Hörner. Und während das Publikum in atemlosem Schweigen wartete, sprang John Harned auf und schrie vor Freude. In dem tiefen Schweigen von allen andern schrie John Harned. Und er schrie vor Freude über den Stier. Sie sehen selbst: John Harned wünschte, daß der Mann getötet würde. Er war ein brutaler Mensch. Dies unpassende Benehmen empörte die Leute, die in der Loge des Generals Salazar saßen, und sie begannen, John Harned zu beschimpfen. Und Urcisino Castillo sagte ihm ins Gesicht, daß er ein Hund von einem Gringo wäre und dergleichen mehr. Aber er sagte es auf Spanisch, und John Harned verstand es nicht. Er stand da und schrie, vielleicht zehn Sekunden lang, bis der Stier zu einem Angriff auf die andern Kapeadore verlockt wurde und der erste sich unverletzt erhob.

»Der Stier hat keine Chance«, sagte John Harned traurig, indem er sich setzte. »Der Mann ist unbeschädigt. Sie haben den Stier angeführt.« Dann wandte er sich zu Maria Valenzuela und sagte: »Ich bitte Sie um Verzeihung, ich war aufgeregt.«

Sie lächelte und gab ihm einen Verweis, indem sie ihm mit dem Fächer auf den Arm schlug.

»Es ist Ihr erster Stierkampf«, sagte sie. »Wenn Sie erst mehrere gesehen haben, werden Sie nicht schreien und wünschen, daß der Mann getötet wird. Ihr Amerikaner seid brutaler als wir, wie Sie sehen. Das kommt von Euern Boxkämpfen. Wir kommen nur, um zu sehen, wie der Stier getötet wird.«

»Aber ich will nur, daß der Stier eine Chance hat«, antwortete er. »Zweifellos werde ich mich allmählich nicht mehr über die Menschen ärgern, die den Stier anführen.«

Die Hörner gaben das Totensignal. Ordonez trat mit dem Schwert und dem scharlachroten Tuch vor, aber der Stier hatte sich besonnen und wollte nicht kämpfen. Ordonez stampfte mit dem Fuß auf den Sand, schrie und rief und schwang das scharlachrote Tuch. Das griff der Stier an, aber ohne Beherztheit. Es war keine Kraft in dem Angriff. Der Stoß war schlecht. Das Schwert stieß gegen einen Knochen und bog sich. Ordonez nahm eine neue Klinge. Der Stier, den die Verwundung aufreizte, griff noch einmal an. Fünfmal versuchte Ordonez den Stoß, aber jedesmal ging die Klinge entweder nur halb hinein oder stieß gegen einen Knochen. Beim sechsten Male fraß sich die Klinge bis zum Griff hinein. Aber es war ein schlechter Stoß, das Schwert traf nicht das Herz, es fuhr links zwischen den Rippen hinein und auf der andern Seite wieder heraus. Das Publikum pfiff den Matador aus. Ich warf einen Blick auf John Harned. Er saß schweigend da, ohne sich zu rühren, aber ich konnte sehen, daß er die Zähne zusammenbiß und daß seine Hände krampfhaft die Logenbrüstung gepackt hatten.

Es war jetzt keine Kraft mehr in dem Stier, und obwohl der Stoß nicht tödlich war, trottete er doch nur mit Mühe herum, wegen der Klinge, die quer durch ihn hindurchging. Er lief den Matadoren und den Kapeadoren fort, trabte an der Balustrade entlang und sah zu den vielen Gesichtern auf.

»Er sagt: ›Um Gottes willen, laßt mich doch fort von hier, ich will nicht kämpfen‹«, meinte John Harned. Das war alles, mehr sagte er nicht. Aber er saß da und paßte auf, warf nur hin und wieder einen Blick auf Maria Valenzuela, um zu sehen, wie sie sich benahm. Sie war böse auf den Matador. Er war ungeschickt, und sie hatte Geschicklichkeit und Gewandtheit sehen wollen.

Der Stier war jetzt sehr müde und schwach wegen des Blutverlustes, wenn er auch noch nicht daran dachte, zu sterben. Er ging langsam um die Arena herum und suchte einen Ausgang. Er wollte nicht angreifen. Er hatte genug davon. Aber er sollte ja getötet werden. Es gibt eine Stelle auf dem Hals des Stiers, hinter den Hörnern, wo das Rückenmark ungeschützt ist und ein rascher, kleiner Stich augenblicklich tötet. Ordonez trat vor den Stier und senkte das scharlachrote Tuch. Der Stier wollte nicht angreifen. Er blieb stehen, schnüffelte am Tuch und senkte den Kopf, um richtig schnuppern zu können. Ordonez stach in die erwähnte Stelle am Hals. Der Stier warf den Kopf hoch. Der Stoß hatte nicht richtig getroffen. Jetzt achtete der Stier auf die Klinge. Als Ordonez wieder das Tuch senkte, vergaß der Stier die Klinge und senkte den Kopf, um das Tuch beschnuppern zu können. Ordonez stach noch einmal zu, traf aber wieder nicht. Er versuchte es viele Male. Es war dumm. Aber John Harned sagte nichts. Schließlich traf ein Stoß, und der Stier brach zusammen. Er war sofort tot, und die Maultiere wurden vorgespannt und schleppten ihn hinaus.

»Die Gringos sagen, es sei ein grausamer Sport – nicht wahr?« meinte Luis Cervallos. »Es ist unmenschlich, es ist schade um den Stier, nicht wahr?«

»Nein«, sagte John Harned. »Um den Stier handelt es sich nicht. Es ist entwürdigend für die, welche zusehen. Der Sinn des Stierkampfes ist, sich über die Leiden eines Tieres zu freuen. Es ist feige, wenn fünf Männer mit einem dummen Stier kämpfen. Dadurch werden auch die, welche zusehen, feige. Der Stier stirbt, aber die, welche zusehen, leben, und das, was sie sehen, beeinflußt sie, Mannesmut und Männerherzen fördert es nicht, wenn sie ein Schauspiel der Feigheit sehen.«

Maria Valenzuela sagte nichts. Sie sah ihn auch nicht an, aber sie hörte jedes Wort, und ihre Wangen waren heiß vor Zorn. Sie blickte in die Arena und fächelte sich, aber ich sah, daß ihre Hand zitterte, und John Harned sah sie nicht an. Er erzählte, als wäre sie gar nicht zugegen. Auch er war von Zorn, von kaltem Zorn erfüllt.

»Ach«, sagte Luis Cervallos leise. »Sie glauben, uns zu verstehen.«

»Jetzt verstehe ich die spanische Inquisition«, sagte John Harned. »Die war sicher noch herrlicher als Stierkämpfe.«

Luis Cervallos lächelte, sagte aber nichts. Er sah Maria Valenzuela an und wußte, daß das Stiergefecht in der Loge gewonnen war. Sie würde nie mehr etwas mit dem Gringo zu tun haben wollen, der solche Worte sprach. Aber weder Luis Cervallos noch ich waren darauf vorbereitet, daß der Tag so enden würde. Ich fürchte, wir verstehen diese Gringos nicht. Wie konnten wir wissen, daß John Harned, dessen Zorn so kalt war, plötzlich verrückt werden würde? Aber verrückt wurde er, wie Sie hören werden. Der Stier galt ihm nichts – das hatte er selbst gesagt. Warum galt ihm denn das Pferd so viel, das kann ich nicht verstehen. John Harned besaß keine Logik, das ist die einzige Erklärung.

»In Quito ist es nicht gebräuchlich, beim Stierkampf Pferde auftreten zu lassen«, sagte Luis Cervallos und sah von seinem Programm auf. »In Spanien hat man sie immer. Aber heute bekommen wir sie auch auf besondere Erlaubnis hin zu sehen. Wenn der nächste Stier auftritt, werden auch Pferde und Pikadore kommen. Sie wissen, die Leute, die zu Pferde sind und Lanzen tragen.«

»Der Stier ist von vornherein zum Tode verurteilt«, sagte John Harned. »Sind das die Pferde auch?«

»Sie tragen Binden vor den Augen, so daß sie den Stier nicht sehen können«, sagte Luis Cervallos. »Ich habe oft gesehen, wenn Pferde getötet wurden. Es ist ein prachtvoller Anblick.«

»Ich habe gesehen, wie der Stier geschlachtet wurde«, sagte John Harned. »Jetzt will ich auch sehen, wie das Pferd geschlachtet wird, damit ich mehr von den Feinheiten dieses Sports verstehe.«

»Es sind alte Pferde«, sagte Luis Cervallos. »Sie taugen sonst zu nichts mehr.«

»Ach so«, sagte John Harned.

Der dritte Stier kam herein, und bald standen ihm Kapeadore und Pikadore gegenüber. Ein Pikador hatte gerade unter uns Posten gefaßt.

Ich gebe zu, daß es ein mageres altes Tier war, das er ritt, ein mit räudiger Pferdehaut überzogenes Gerippe.

»Es ist unglaublich, daß das arme Vieh das Gewicht des Reiters tragen kann«, sagte John Harned. »Und was für Waffen hat das Pferd nun, um mit dem Stier kämpfen zu können?«

»Das Pferd kämpft nicht mit dem Stier«, sagte Luis Cervallos.

»Ach«, sagte John Harned, »dann ist das Pferd wohl dazu da, um aufgespießt zu werden.«

»Ganz so ist es nicht«, sagte ich. »Die Lanze des Pikadors soll den Stier davon abhalten, das Pferd aufzuspießen.«

»Dann werden Pferde also selten aufgespießt?« fragte John Harned.

»Nein«, antwortete Luis Cervallos. »In Sevilla habe ich gesehen, wie achtzehn Pferde an einem einzigen Tag aufgespießt wurden, und das Volk rief nach noch mehr Pferden.«

»Waren ihnen allen die Augen verbunden, wie diesem Pferd?« fragte John Harned.

»Ja«, sagte Luis Cervallos.

Dann sprachen sie nicht mehr und beobachteten den Kampf, und John Harned wurde dabei verrückt, und wir wußten es nicht. Der Stier wollte das Pferd nicht angreifen. Und das Pferd blieb stehen, und da es nichts sehen konnte, wußte es nicht, daß die Kapeadore versuchten, den Stier zu einem Angriff zu hetzen. Die Kapeadore neckten den Stier mit ihren Umhängen, und als er angriff, liefen sie auf das Pferd zu und dann in Deckung. Schließlich wurde der Stier wütend und erblickte das Pferd vor sich.

»Das Pferd weiß es nicht, das Pferd weiß es nicht«, flüsterte John Harned vor sich hin, ohne zu merken, daß er seine Gedanken laut aussprach.

Der Stier griff an, und natürlich wußte das Pferd nichts, bis der Pikador mit seiner Lanze fehlstieß und das Pferd von dem Horn des Stiers aufgespießt war. Der Stier war ungewöhnlich stark. Seine Stärke war prachtvoll. Er hob das Pferd empor, und als es dann zu Boden stürzte und auf die Seite fiel, kam der Pikador auf seine Füße zu stehen und flüchtete, während die Kapeadore den Stier fortlockten. Alle wichtigen Organe wurden aus dem Pferd herausgepreßt. Dennoch erhob es sich mit schrillem Schmerzensschrei. Der Schrei des Pferdes war es, der John Harned völlig verrückt machte. Ich hörte ihn leise fluchen und tief knurren. Keinen Augenblick ließ er das Pferd aus den Augen, das, immer noch schreiend, fortzulaufen versuchte. Aber nun stürzte es und fiel auf den Rücken und streckte alle vier Beine in die Luft. Dann griff der Stier von neuem an und durchbohrte es immer wieder, bis es tot war.

Jetzt stand John Harned auf. Seine Augen waren nicht mehr kalt wie Stahl. Sie waren wie blaue Flammen. Er sah Maria Valenzuela an, und sie sah ihn an. Der Wahnsinn hatte ihn gepackt. Jetzt, da das Pferd tot war, blickten ihn alle an; und John Harned war ein auffallend großer Mann.

»Setzen Sie sich«, sagte Luis Cervallos, »sonst machen Sie sich lächerlich.«

John Harned antwortete nicht. Er ballte die Faust und schlug zu. Er schlug Luis Cervallos ins Gesicht, daß er wie ein Toter über die Stühle fiel und nicht wieder aufstand. Er sah nichts von dem, was jetzt folgte. Aber ich sah viel. Urcisino Castillo beugte sich über die Logenbrüstung und schlug mit seinem Stuhl John Harned mitten ins Gesicht. Und John Harned schlug ihn mit seiner Faust, daß er fiel und im Fallen General Salazar mitriß. John Harned hatte das, was Sie Berserkerwut nennen, nicht wahr? Die Bestie in ihm war losgelassen und tobte – die uralte Bestie aus den Höhlen und Schlupfwinkeln der Vorzeit.

»Ihr kamt des Stierkampfes wegen«, hörte ich ihn sagen. »Aber bei Gott, ich will euch einen Männerkampf zeigen!«

Und es wurde ein Kampf. Die Soldaten, die als Wachtposten neben der Präsidentenloge standen, sprangen hinzu, aber er entriß einem von ihnen das Gewehr und schlug sie damit auf die Köpfe. Aus der andern Loge schoß Oberst Jacinto Fierro mit dem Revolver auf ihn. Der erste Schuß tötete einen Soldaten. Der zweite Schuß traf John Harned in die Seite. Da fluchte er und jagte das Bajonett, das auf dem Gewehr steckte, Oberst Jacinto Fierro mit einem Stoß durch den Leib. Es war ein schrecklicher Anblick. Amerikaner und Engländer sind eine brutale Rasse. Sie rümpfen die Nase über unsere Stierkämpfe, aber dabei freut es sie, Blut zu vergießen. Es wurden an diesem Tage von John Harned mehr Männer getötet, als je getötet worden sind, seit die Stierkampfarenen in Quito, in Guayaquil und den andern Städten von Ecuador bestanden haben.

Der Schrei des Pferdes hatte die Schuld. Aber warum wurde John Harned nicht wahnsinnig, als der Stier getötet wurde? Tier ist Tier, ob es nun ein Stier oder ein Pferd ist. John Harned war verrückt. Es gibt keine andere Erklärung. Er wollte Blut sehen, er war selber eine Bestie. Urteilen Sie selbst. Was ist schlimmer: daß ein Pferd von einem Stier aufgespießt wird, oder Oberst Jacinto Fierro von John Harned mit dem Bajonett? Er war wie vom Teufel besessen. Er kämpfte, obwohl er von vielen Kugeln getroffen war, bis zum letzten Atemzug. Maria Valenzuela war eine tapfere Frau. Sie schrie nicht, noch fiel sie in Ohnmacht. Sie saß still in ihrer Loge und starrte über die Arena hinweg. Ihr Gesicht war weiß, und sie fächelte sich, aber sie sah sich nicht ein einziges Mal um.

Von allen Seiten drängten Soldaten und Offiziere und das Volk heran, um den verrückten Gringo zu überwältigen. Es ist wahr – ein Ruf kam aus der Menge, alle Gringos zu töten. Das ist ein wohlbekannter Ruf in den lateinamerikanischen Ländern, den die Gringos selbst durch ihre Unbeliebtheit und ihre rohen Manieren verschuldet haben. Man kann nicht leugnen, daß dieser Ruf ertönte. Aber die tapferen Ecuadorianer töteten nur John Harned, nachdem er sieben von ihnen getötet hatte. Außerdem gab es viele Verwundete. Ich habe manchen Stierkampf gesehen, nie aber habe ich so etwas Abscheuliches gesehen wie die Szene in den Logen, als der Kampf vorbei war. Es war wie nach einer Wahl. Überall lagen die Toten umher, und die Verwundeten schluchzten und stöhnten. Einige von ihnen starben. Ein Mann, dem John Harned das Bajonett durch den Bauch gestoßen hatte, griff mit beiden Händen nach der Wunde und schrie vor Schmerz. Ich sage Ihnen, das war viel schrecklicher, als wenn tausend Pferde vor Schmerz geschrien hätten.

Nein, Maria Valenzuela heiratete Luis Cervallos nicht. Das tut mir leid. Er war mein Freund, und ich habe viel Geld in seine Unternehmungen gesteckt. Es dauerte fünf Wochen, ehe die Ärzte ihm den Verband vom Gesicht nehmen konnten, und noch heute hat er eine Narbe auf der Backe unter dem Auge. Und dabei schlug John Harned nur ein einziges Mal und nur mit der bloßen Faust zu. Maria Valenzuela ist jetzt in Österreich. Man sagt, daß sie einen Erzherzog heiraten soll. Ich weiß nichts Näheres davon. Ich glaube, daß sie John Harned gern hatte, denn er ging mit ihr nach Quito, um den Stierkampf zu sehen. Aber warum mußte das mit dem Pferd kommen? Das möchte ich gern wissen. Warum konnte er den Stier sehen und sagen, daß ihm der Stier nicht soviel gelte, um dann plötzlich wahnsinnig zu werden, weil ein Pferd vor Schmerz schrie? Die Gringos sind unbegreifliche Menschen. Sie sind Barbaren.

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