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Der Ruhm des Kämpfers

Jack London: Der Ruhm des Kämpfers - Kapitel 2
Quellenangabe
authorJack London
titleDer Ruhm des Kämpfers
publisherVerlag Tribüne
year1957
firstpub
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Ruhm des Kämpfers

[I]

Sam Stubener überflog nachlässig und hastig seine Post

Als Boxer-Manager war er gewohnt, sehr verschiedenartige und höchst seltsame Briefe zu erhalten. Alle möglichen verdrehten Menschen, Sportsleute, Sportinteressenten und Sportreformatoren schienen Ideen zu haben, die sie ihm mitteilen mußten.

Von fürchterlichen Bedrohungen seines Lebens bis zu sanfteren Warnungen, daß man ihm die Fassade zu verschandeln gedächte, von Angeboten glückbringender Hasenpfoten und Hufeisen bis zu Angeboten kleiner Barbeträge oder Vermögen bis zu einer Viertelmillion Dollar von unverantwortlichen Unbekannten, kannte er diesen ganzen Schwung von Briefen.

Einmal hatte er einen Abziehriemen für Rasiermesser, aus der Haut eines gelynchten Negers verfertigt, erhalten und ein andermal einen in der Sonne gedörrten, eingeschrumpften Finger, der von der Hand eines Weißen abgehauen und später im »Tal des Todes« gefunden worden war. Sam war ganz sicher, daß der Briefträger nichts mehr bringen konnte, das ihn jemals verwundern würde.

Heute morgen aber befand sich unter den Briefen einer, den er zweimal las, dann in die Tasche steckte, um ihn später wieder herauszuholen und ein drittes Mal zu lesen.

Die Briefmarke trug den Stempel einer Poststation irgendwo im Siskiyou-Bezirk, von der er noch nie etwas gehört hatte, und der Brief lautete:

 

»Lieber Sam!

Sie kennen mich nicht persönlich, nur dem Namen nach. Sie kamen nämlich erst nach meiner Zeit, als ich schon mit dem Spiel aufgehört hatte. Aber glauben Sie mir, ich habe die Zeit nicht verschlafen. Mir ist nichts entgangen, was den Sport betraf, und ich habe Ihre Karriere verfolgt, seit Sie von Kal Aufman besiegt wurden, bis Sie neulich Pat Nelson losließen, und ich bin der Ansicht, daß Sie der tüchtigste Manager sind, den ich je in unserer Sache getroffen habe.

Ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Ich biete Ihnen den besten Unbekannten an, der je gelebt hat. Das ist keine Redensart, sondern voller Ernst.

Was meinen Sie zu einem Kerl, der mit der ganzen Bande bis zu zweihundert Pfund fertig wird, zweiundzwanzig Jahre alt ist und einen Schlag im Leibe hat, der doppelt so hart ist wie der beste, den ich seinerzeit leisten konnte?

So ist dieser Junge, und er ist mein Sohn, der junge Pat Glendon – das ist der Name, unter dem er kämpfen soll.

Ich habe den ganzen Plan schon fix und fertig. Und das beste, was Sie jetzt tun können, ist, daß Sie mit dem ersten Zuge herkommen und mit mir reden.

Ich habe ihn selbst erzogen und trainiert. Alles, was ich vom Spiel kenne, habe ich ihm in den Schädel gehämmert. Und Sie werden mir kaum glauben, wenn ich Ihnen sage, daß das, was er selbst hinzugefügt hat, noch bedeutend mehr ist.

Er ist der geborene Boxer. Es ist geradezu fabelhaft, wie er die Entfernung berechnen und den rechten Augenblick abpassen kann. Er irrt sich nicht um einen Zoll und nicht um eine Sekunde, und er braucht nicht einmal zu berechnen, er macht das ganz gefühlsmäßig. In einem seiner kleinen kurzen Schläge aus sechs Zoll Entfernung ist mehr von der richtigen Schlafmedizin als in einem Vollschwinger von all den andern.

Man redet von der Hoffnung der weißen Rasse. Die ist er. Kommen Sie her und schauen Sie sich ihn an. Als Sie Jeffries managten, da waren Sie ganz wild darauf, auf die Jagd zu gehen. Wenn Sie mich besuchen, sollen Sie ein bißchen richtige Jagd und Fischfang erleben, was Sie Ihre Filmeinnahmen vergessen läßt. Der junge Pat soll sich Ihrer annehmen. Ich selbst bin nicht imstande, Sie richtig zu führen.

Das ist auch der Grund, daß ich Ihnen schreibe. Eigentlich hätte ich selbst sein Manager sein wollen. Aber es geht nicht mehr, meine Zeit kann jeden Augenblick um sein. Ich möchte, daß Sie ihn in die Mache nehmen.

Sie können beide ein Vermögen damit verdienen, aber ich will selbst den Kontrakt aufsetzen.

Stets der Ihre
Pat Glendon

 

Stubener war verwundert. Im ersten Augenblick sah die ganze Sache wie ein Spaß aus – die Leute vom Ring galten für große Spaßvögel –, und er studierte die Schrift genau, ob er nicht die feinen Schriftzüge Corbetts oder die großen, Vertrauen einflößenden Buchstaben Fitzsimmons herauserkennen konnte.

War dieser Brief aber echt, so war er es schon wert, daß man sich näher mit ihm beschäftigte.

Pat Glendon war aus der Zeit vor der seinen, aber er konnte sich erinnern, als Kind einmal den alten Pat ein Schauboxen zugunsten Jack Empseys haben geben sehen. Schon damals hatte man ihn den »alten Pat« genannt. Schon seit Jahren war er nicht mehr im Ring. Wer sich für Boxen interessierte, kannte Pat Glendons Namen, wenn auch nur wenige von den heute Lebenden ihn in seiner Glanzperiode gesehen hatten, aber sein Name war in die Geschichte des Boxsports übergegangen, und kein Sportlexikon konnte vollständig genannt werden, wenn nichts über Pat Glendon darin stand.

Sein Ruf schien fast übertrieben zu sein. Kaum jemand hielt man höher in Ehren, und doch wurde er nie Inhaber der Weltmeisterschaft. Er hatte stets Pech gehabt und war zuletzt nur als der »unglückliche Boxer« bekannt. Viermal wäre er fast Schwergewichtsmeister geworden, und jedesmal mit Recht. Da war zum Beispiel der Kampf auf dem Schiff in der Bucht von San Franzisko. Bei dieser Gelegenheit brach er sich den einen Arm, als er gerade im Begriff stand, den Träger der Meisterschaft zu besiegen.

Bei einem andern Kampf auf einer kleinen Themseinsel, wo die Kämpfenden zuletzt in sechs Zoll Wasser herumwaten mußten, weil die Flut zu steigen begonnen hatte, brach er sich im entscheidenden Augenblick ein Bein, als jeder schon sehen konnte, daß er der sichere Sieger war.

In Texas geschah es an einem Tage, den man nie vergessen wird, daß gerade in dem Augenblick, als sein Gegner ihm völlig preisgegeben war, die Polizei eindrang und den Kampf verbot. Und endlich der Kampf in der Maschinenhalle in San Franzisko, wo er einem elenden Schieber von Schiedsrichter und einem ganzen Komplott von Spielern zum Opfer fiel. Bei dieser Gelegenheit kam Pat Glendon nicht zu Schaden, da er seinen Gegner aber mit einem rechten Haken gegen das Kinn und einem linken gegen den Solarplexus k. o. geschlagen hatte, disqualifizierte ihn der Schiedsrichter wegen Tiefschlages.

Jeder einzelne Zuschauer, jeder, der etwas vom Boxen verstand, und die ganze Welt, soweit sie sich für Sport interessierte, wußte, daß es sich hier nicht um ein Foul gehandelt hatte. Aber Pat Glendon war ja wie jeder Boxer verpflichtet, die Entscheidung des Schiedsrichters anzuerkennen, und Pat fand sich in das Geschehene als in etwas, das er seinem gewöhnlichen Pech zu verdanken hatte.

Das war Pat Glendon. Was Stubener aber besonders interessierte, war, ob Pat wirklich den Brief geschrieben hatte oder nicht. Er fuhr damit in die Stadt.

»Was ist aus Pat Glendon geworden?« So begrüßte er alle Sportsleute an diesem Morgen. Niemand schien etwas zu wissen. Einige meinten, er müsse tot sein, aber keiner wußte etwas Bestimmtes. Der Sportredakteur einer Morgenzeitung schlug in der Rekordliste nach und konnte feststellen, daß von seinem Tode nichts vermerkt war.

Erst Tim Donovan brachte ihn auf die Spur.

»Gestorben ist er bestimmt nicht«, sagte Donovan. »Warum hätte er sterben sollen? – ein Mann von seiner Konstitution, der weder trunksüchtig noch rauflustig war! Er hat viel Geld gemacht, und was mehr ist, er hat es gehalten und gut angelegt. Hatte er doch einst drei Kneipen auf einmal. Und als er sie verkaufte, hat er einen schönen Batzen dabei verdient. Übrigens war es damals, als ich ihn das letzte Mal sah. Das ist rund zwanzig Jahre her, wenn nicht mehr. Seine Frau war gerade gestorben. Ich traf ihn, als er zur Fähre ging.

›Wohin, alter Sportsmann?‹ fragte ich. ›Ich gehe in die Wälder‹, sagte er. ›Hier hab' ich nichts mehr zu suchen. Leb wohl, Tim, mein Junge.‹

Und seit dem Tage habe ich nichts mehr von ihm gesehen oder gehört. Aber tot ist er natürlich nicht.«

»Du sagst, das war, als seine Frau starb – hatte er Kinder?« forschte Stubener.

»Ja, eines, ein ganz kleines. An dem Tage trug er es gerade auf dem Arm.«

»War es ein Junge?«

»Wie sollte ich das wissen?«

Da faßte Sam Stubener einen Entschluß, und am Abend saß er in einem Pullmanwagen und war auf dem Wege in die Wildnis Nordkaliforniens.

 

II

Früh am nächsten Morgen stieg Stubener in Deer Lick aus und trat sich eine Stunde lang die Hacken ab, ehe die einzige Gastwirtschaft ihre Türen öffnete. Der Wirt wußte nichts von Pat Glendon.

Er hatte nie von ihm gehört, und wenn Pat hier in der Gegend lebte, so mußte es irgendwo auf der andern Seite des Tales sein.

Auch der einzige Stammgast hatte nie etwas von Pat Glendon gehört. Im Hotel wußte man ebensowenig, und erst als der Kaufmannsladen und die Post geöffnet wurden, kam Stubener auf die rechte Spur.

Jawohl, Pat Glendon wohnte drüben. Sam müßte die Post bis Stage nehmen – das wäre ein Holzfällerlager, vierzig Meilen von Deer Lick. In Alpine sollte er sich ein Pferd mieten und durch das Antilopental über die Wasserscheide nach dem Bärenbach reiten. Dort wohnte Pat Glendon irgendwo. In Alpine wüßten die Leute sicher Bescheid. Ja, es gäbe einen jungen Pat, der Kaufmann hätte ihn gesehen, er sei vor ein paar Jahren mal in Deer Lick gewesen.

Aber der alte Pat hätte sich seit fünf Jahren nicht gezeigt. Er kaufte seine Waren in der Zweigniederlassung und bezahlte stets mit Schecks – er sei ein wunderlicher, weißhaariger alter Mann.

Das wäre alles, was der Kaufmann wüßte, aber in Alpine könnte er sicher jede gewünschte Auskunft erhalten.

Stubener war ganz zufrieden. Es lebten also zweifellos sowohl ein junger Pat Glendon wie ein alter hier in der Gegend.

Die Nacht verbrachte der Manager im Holzfällerlager von Alpine, und früh am nächsten Morgen ritt er auf einem Gebirgspfad nach dem Antilopental hinauf und kam über die Wasserscheide zum Bärenbach. Er ritt den ganzen Tag durch das wildeste, rauheste Gelände, das er je gesehen hatte, und erreichte bei Sonnenuntergang das Pintotal auf einem Steig, der so steil und schmal war, daß er es mehr als einmal vorzog, abzusteigen und das Pferd am Zügel zu führen.

Es war elf Uhr, als er vor einer Blockhütte abstieg, wo er von dem Bellen zweier riesiger Jagdhunde empfangen wurde. Dann öffnete Pat Glendon die Tür, legte ihm den Arm um die Schulter und führte ihn ins Haus. »Ich wußte, daß Sie kommen würden, Sam, mein Junge«, sagte Pat, während er herumschlurfte, Feuer machte, Kaffee kochte und ein großes Stück Bärenfleisch briet. »Der Junge kommt heute nacht nicht nach Hause. Das Fleisch geht uns aus, und da ist er bei Sonnenuntergang weggegangen, um einen Hirsch zu schießen. Aber ich will Ihnen noch nichts von ihm erzählen. Warten Sie nur, bis Sie ihn sehen. Morgen früh kommt er heim, und dann können Sie draußen einen Versuch mit ihm machen. Dort liegen die Handschuhe. Aber warten Sie nur, bis Sie ihn gesehen haben.

Was mich betrifft, bin ich fertig. Im kommenden Januar werde ich einundachtzig, und das ist recht hübsch für einen früheren Boxer. Aber ich habe auch nie gegen meine Natur gewütet, mich nie spät in der Nacht schlafen gelegt und mein Licht nie an beiden Enden angezündet. Ich hab' ein ganz hübsches Licht gehabt und soviel wie möglich daraus hervorgeholt, wie Sie zugeben werden, wenn Sie mich ansehen. Und das hab' ich auch dem Jungen eingetrichtert.

Ich weiß nicht, was Sie zu einem Burschen von zweiundzwanzig sagen, der noch nie im Leben Alkohol getrunken oder Tabak geschmeckt hat? So ist er. Er ist ein Riese und hat sein Leben lang natürlich gelebt. Warten Sie nur, bis er mit Ihnen auf die Jagd geht! Sie würden einen Herzschlag von dem kriegen, was ihm so leicht wie gar nichts fällt, und dabei können Sie ihn ruhig Ihr ganzes Gepäck und einen großen Rehbock obendrein schleppen lassen. Er ist im Freien aufgewachsen und hat weder Sommer noch Winter je mit einem Dach über dem Kopf geschlafen.

Frische Luft ist das beste für ihn, das hab' ich ihm beigebracht. Und das ist es auch eigentlich, wovor ich die meiste Angst habe: Wie wird es ihm bekommen, in einem Haus zu schlafen, und wie soll er den Tabaksrauch ertragen können, wenn er in den Ring steigt? Das ist so ziemlich das Schlimmste, was ich kenne, dieser Tabaksrauch, wenn man kämpft und nach Luft schnappt!

Aber jetzt genug davon, Sam, mein Junge. Sie sind müde und hätten längst schlafen sollen. Warten Sie, bis Sie ihn sehen, mehr sage ich nicht. Warten Sie, bis Sie ihn sehen!«

Aber die Geschwätzigkeit des Alters war über Pat gekommen, und es dauerte noch lange, bis er Stubener erlaubte, die Augen zu schließen.

»Er kann mit seinen Beinen einen Hirsch einholen, der Bengel«, rief er wieder. »Das ist gerade das rechte Training für die Lunge, das Jägerleben. Sonst weiß er nicht viel, wenn er auch ein paar Bücher mit so poetischem Zeug gelesen hat. Er ist der reine Naturmensch, wie Sie selber sehen werden, wenn Sie ihn erst vor Augen haben. Die alte irische Kraft ist in ihm.

Manchmal, wenn er so herumschwärmt, liegt der Gedanke nahe, daß er an Märchen und dergleichen glaubt. Er liebt die Natur so heiß wie nur einer, aber vor den Städten hat er Angst. Er weiß von ihnen nur das, was er von ihnen gelesen hat, und die größte, die er kennt, ist Deer Lick. Es gefiel ihm nicht, daß dort so viele Menschen waren. Das ist jetzt zwei Jahre her, und dort sah er das erste und letzte Mal eine Eisenbahn.

Manchmal denke ich, ob es nicht falsch von mir war, daß ich ihn so erzogen habe. Aber er hat doch dadurch eine gute Lunge und Ausdauer und Kraft wie ein Ochse gekriegt. Ich möchte den Städter sehen, der ihm gegenüber etwas ausrichten könnte. Ich möchte wetten, daß ihm selbst Jeffries in seiner besten Zeit nicht allzuviel zu schaffen gemacht haben würde. Der Bengel würde ihn geknickt haben wie einen Strohhalm. – Dabei sieht er gar nicht danach aus. Das ist das ewige Wunder! Scheinbar ist er nur ein Knabe; aber die Muskeln sind von der rechten Art, das ist der Witz. Warten Sie nur, bis Sie ihn sehen, mehr sage ich nicht.

Merkwürdig, welche Vorliebe der Junge für Poesie hat, für kleine Wiesen, für ein paar Fichten mit dem Mond darüber, für wolkige Sonnenuntergänge oder für Sonnenaufgänge, vom Gipfel des alten Baldy aus gesehen. Und er ist ganz verrückt nach Zeichnungen und nach Ergüssen von ›Lucifer oder Nacht‹, wie er sie aus den Gedichtbüchern kennt, die er sich von der rothaarigen Lehrerin lieh.

Ein gutes ist, daß er weiberscheu ist. Für die ersten Jahre wird er sich nicht mit ihnen abgeben. Er hat gar kein Verständnis für diese Geschöpfe, und im übrigen verflucht wenige davon gesehen.

Da war die Schullehrerin von Samsons Flat, die ihm all diese Poesie in den Kopf gesetzt hat, sie war wie verrückt hinter dem Jungen her, aber er merkte es gar nicht. Sie war ein warmherziges Mädel – nicht aus den Bergen, sondern aus der Ebene – und sie wurde allmählich ganz wild, so daß man sich schämen mußte, wie sie hinter ihm her war.

Und was meinen Sie, was der Junge tat, als er die Geschichte merkte? Er kriegte es mit der Angst wie ein Hase, packte Decken und Munition zusammen und machte, daß er in die Wälder kam.

Einen Monat lang sah und hörte ich nichts von ihm, dann kam er eines Abends, als es dunkel geworden war, aber am nächsten Morgen war er wieder weg. Ihre Briefe wollte er nicht mal angucken.

›Verbrenn sie‹, sagte er.

Und ich verbrannte sie.

Zweimal kam sie den ganzen Weg von Samsons Flat hierher geritten, mir tat das junge Ding direkt leid. So verrannt war sie in den Bengel, daß jeder es ihr ansehen konnte.

Nach drei Monaten gab sie dann die Schule auf und ging wieder in ihre Heimat, und erst da kam der Junge zu mir zurück.

Die Weiber haben manchen guten Boxer auf dem Gewissen, aber ihn werden sie nicht verderben. Er wird rot wie ein Mädel, wenn irgendein junges Ding in Röcken ihn auch nur eine Sekunde zu lange anguckt. Und sie gucken ihn alle an.

Wenn er aber kämpft, wenn er kämpft! – Herrgott, dann meldet sich der alte irische Urmensch in ihm und setzt seine Arme in Gang.

Nicht daß er durchdrehte! Glauben Sie das nicht. In meiner besten Zeit war ich nicht so kaltblütig wie er. Ich glaube, an meinem Pech war immer mein übergroßer Eifer schuld.

Aber er ist wie ein Eisberg. Er ist heiß und kalt zugleich, ein Feuerherz in einer Eisbrust.«

Stubener war eingenickt, als das Geschwätz des Alten ihn wieder weckte. Er hörte schläfrig zu.

»Ich hab, weiß Gott, einen Mann aus ihm gemacht. Ich hab einen Mann aus ihm gemacht mit zwei Fäusten, die er zu gebrauchen weiß, einem Paar Beinen, auf denen er stehen kann, und einem Paar scharfer Augen.

Und ich kenne den Sport, ich bin mit der Zeit gegangen und kenne die modernen Methoden.

Crouch? Sicher, er weiß, wie man seine Kräfte schont. Er bewegt sie nie um zwei Zoll, wenn anderthalb genügen. Und wenn er will, kann er wie ein Känguruh springen.

Infighting? Warten Sie nur, bis Sie ihn sehen! Ich sage Ihnen, ich habe ihm alles beigebracht, jeden Trick, und was er gelernt hat, das hat er selbst noch verbessert.

Er ist das reine Boxgenie. Und er hat oft Gelegenheit gehabt, es mit den rohen Kerlen aus den Bergen zu probieren.

Ich lehrte ihn die Kunst, und sie lehrten ihn das Schlagen – da gibt es keinen, der einem Streit aus dem Wege geht. Brüllende Ochsen und große Grizzlybären sind sie, sie hauen beim Clinchen und haben mächtige Schwinger.

Und er spielt mit ihnen, wie Sie und ich mit jungen Hunden spielen würden.«

Als Stubener wieder einmal aufwachte, hörte er den Alten schwatzen.

»Und das Komische bei der Sache ist, daß er das Boxen gar nicht ernst nimmt. Es fällt ihm zu leicht, es ist eine Spielerei für ihn. Aber wenn es mal ernst wird, dann werden Sie sehen. Ich sage nur: Warten Sie es ab. Dann werden Sie sehen, wie der Saft, der in ihm eingefroren war, aufbraust und wie alles, was er gelernt hat, an den Tag kommt.«

 

In der kühlen grauen Dämmerung der Berge wurde Stubener von dem alten Pat aus den Decken gejagt. »Jetzt kommt er«, flüsterte er heiser. »Heraus mit Ihnen, und sehen Sie sich den größten Boxer an, der jemals in den Ring steigt.«

Der Manager sah, sich den Schlaf aus den Augen reibend, zur offenen Tür hinaus und erblickte einen jungen Riesen in der Lichtung.

In der einen Hand hielt er ein Gewehr, und über den Schultern lag ein schwerer Hirsch. Der junge Jäger war derb gekleidet, trug einen blauen Overall und ein wollenes, am Halse offenes Hemd, an den Füßen Mokassins.

Stubener bemerkte, daß sein Gang leicht und weich wie der einer Katze war trotz seiner zweihundert Pfund und dem Gewicht des Hirsches. Gleich der erste Anblick machte Eindruck auf den Manager. Herrlich gewachsen war der junge Bursche sicher, aber der Beobachter sah noch etwas Merkwürdiges und Ungewöhnliches an ihm.

Er war ein neuer Typ, ganz anders als der große Haufen der übrigen Boxer. Dies war ein Geschöpf aus dem Urwald, mehr ein umherschweifender Naturmensch aus den alten Sagen als ein junger Mann aus dem zwanzigsten Jahrhundert.

Eines entdeckte Stubener sehr bald: Der junge Pat war kein Schwätzer. Als der alte Pat die Vorstellung erledigt hatte, drückte er ihm wortlos die Hand und begann schweigend Feuer zu machen und das Frühstück zu bereiten. Die Fragen seines Vaters beantwortete er einsilbig. Als der Vater ihn zum Beispiel fragte, wo er den Hirsch erlegt hätte, antwortete er nur:

»South Fork.«

»Elf Meilen über die Berge«, erklärte der Alte dem Manager stolz, »und ein Weg, daß Sie einen Herzschlag gekriegt hätten.«

Das Frühstück bestand aus schwarzem Kaffee, Brot und einer ungeheuren Menge von über den Kohlen gebratenem Bärenfleisch.

Der junge Mann machte sich gierig darüber her, und Stubener zog den Schluß, daß beide Glendons fast ausschließlich von Fleisch lebten.

Der alte Pat besorgte die ganze Unterhaltung, aber erst nach beendeter Mahlzeit kam er auf das zu sprechen, was ihm am Herzen lag.

»Pat, mein Junge«, begann er. »Du weißt ja, wer der Herr ist.«

Der junge Pat nickte und warf einen schnellen verstehenden Blick auf den Manager.

»Na ja, er will dich also mit nach San Franzisko nehmen.«

»Ich möchte lieber hierbleiben, Vater«, lautete die Antwort.

Stubener fühlte sich enttäuscht. Der Schein hatte also getrogen. Dies war also gar kein Boxer, der auf Kampf versessen war. Seine mächtigen Muskeln galten nichts. Das war nichts Neues. Das waren diese großen Kerle, die meistens mit der Zeit dick wurden. Aber jetzt flammte der Zorn des alten Pat auf, und seine Stimme klang hart und gebieterisch:

»Du wirst in die Städte gehen und kämpfen, mein Junge. Dazu hab' ich dich erzogen, und du wirst es tun.«

»Gut«, lautete die unerwartete Antwort, die gleichgültig aus tiefer Brust kam.

»Und kämpfen wie der Deubel«, fügte der Alte hinzu. Wieder war Stubener enttäuscht über den Mangel an Feuer und Begeisterung in den Augen des jungen Mannes, als er antwortete:

»Gut, wann reisen wir ab?«

»Sam möchte erst ein bißchen auf die Jagd gehen und fischen, und er möchte auch gern mal einen Gang mit dir versuchen.«

Er sah Sam an, und der nickte.

»Ich denke, du ziehst dir das Hemd aus und gibst ihm eine kleine Probe von deinem Können.«

Eine Stunde später waren Sam Stubener die Augen geöffnet. Früher selbst Boxer, und zwar Schwergewichtler, war seine Stärke doch die Beurteilung von Boxern, und noch nie hatte er einen Mann gesehen, der solche Vorzüge aufzuweisen hatte.

»Sehen Sie seine Geschmeidigkeit«, sang der alte Pat sein Loblied. »Er ist aus dem richtigen Stoff gemacht. Sehen Sie die Schräge seiner Schultern und seine Brust! Sauber, alles ist sauber, und nicht ein schlechter Blutstropfen ist in ihm. So einen Mann wie den da haben Sie noch nie gesehen, Sam. Nicht eine Muskel in ihm ist steif. Und dabei macht er kein Gewichtstemmen oder Sandowsche Übungen. Seine Muskeln sind wie weiche Schlangen, die sich träge unter der Haut winden. Er steht seine vierzig Runden und, wenn es sein muß, auch hundert. Also los! Time!«

Sie boxten in Drei-Minuten-Runden mit je einer Minute Pause, und Sam Stubener wurde diesmal nicht enttäuscht.

Jetzt gab es kein Fett, keine Interesselosigkeit mehr, nur ein fast zögerndes, gutmütiges Spiel mit den Handschuhen, und dabei eine Gewandtheit, Schnelligkeit, Sicherheit und Härte, wie es nur – das wußte Sam – der geübte Boxer mit dem richtigen Instinkt zeigen konnte.

»Leicht, immer leicht«, warnte der alte Pat. »Sam ist nicht mehr wie früher.«

Das reizte Sam nur, was auch beabsichtigt gewesen war, und er versuchte es jetzt mit seinen berühmten Tricks und seinem Lieblingsschlag – eine Finte, als wolle er in Clinch gehen, und dann ein gerader Rechter in die Magengrube.

Aber so schnell er auch war, der junge Pat sah es doch und ging zurück, als sein Gegner den Schlag landete. Das nächste Mal aber ging er nicht zurück. In dem Augenblick, als Sam zu dem Schlage ansetzte, machte er eine Bewegung seinem Gegner entgegen und kehrte ihm die Hüfte zu.

Er drehte sich nur um wenige Zoll, aber er blockte dadurch den Schlag. Und jetzt konnte Stubener es, so oft er wollte, versuchen, sein Handschuh traf immer nur die Hüfte.

Stubener hatte seinerzeit gegen manchen großen Boxer gestanden, und in Schaukämpfen hatte er immer seinen Mann gestellt. Hier aber sah er sich verraten und verkauft. Der junge Pat spielte mit ihm und ließ ihn sich beim Clinch kraftlos wie ein kleines Kind fühlen. Sein Gegner landete seine Schläge anscheinend ganz nach Belieben; faßte und blockte ihn mit meisterhafter Genauigkeit und dabei fast, als nähme er gar keine Notiz von seiner Existenz. Während der Hälfte der Zeit schien der junge Pat träumerisch die Landschaft um sich her zu betrachten.

Und gerade da beging Stubener wieder einen Fehler. Er hielt das für einen Trick, den der alte Pat seinem Sohn beim Training beigebracht hatte, und versuchte unerwartet einen kurzen Stoß mit gebeugtem Arm zu landen. Aber im selben Augenblick saß sein Arm fest, und er bekam zum Dank für seine Mühe ein paar Ohrfeigen mit dem flachen Handschuh.

»Er weiß instinktiv, wenn ein Schlag kommt«, grunzte der alte Pat. »Das hab' ich ihm nicht beigebracht, will ich Ihnen sagen. Er ist der reine Hexenmeister. Er weiß, ohne hinzugucken, wann der Schlag kommt, wie schnell er ist und wie weit er reicht. Es ist die reine Inspiration. Es ist angeboren.«

Bei einem überraschenden Clinch stemmte der Manager seinen Handschuh dem jungen Pat gegen den Mund, und die Art und Weise, wie er das machte, war nicht ganz ohne eine gewisse Tücke. Aber einen Augenblick später, beim nächsten Clinch, wurde Sam der Handschuh des andern selbst gegen den Mund gepreßt. Das geschah durchaus nicht gewaltsam, aber durch den langsamen, gleichmäßigen Druck wurde der Kopf ihm zurückgepreßt, bis ihm die Halswirbel knackten und er glaubte, das Genick gebrochen zu haben. Er ließ seinen Körper schlaff werden und die Arme sinken, zum Zeichen, daß der Kampf beendet war. Im selben Augenblick fühlte er sich frei und taumelte zurück.

»Er ist – er ist richtig«, ächzte er, und sein Blick zeigte die Bewunderung, die in Worten auszudrücken ihm der Atem fehlte.

Die Augen des alten Pat schimmerten feucht vor Stolz und Freude.

»Und was, meinen Sie, geschieht, wenn irgend so ein verfluchter Kerl den gemeinen Kniff im Ernst an ihm versucht?« fragte er.

»Er bringt ihn um, bestimmt«, meinte Stubener.

»Nein, dazu ist er zu kaltblütig; er gibt ihm nur seine Strafe für die Dreckigkeit.«

»Also lassen Sie uns den Kontrakt aufsetzen«, sagte der Manager.

»Warten Sie, bis Sie ganz über ihn Bescheid wissen!« antwortete der alte Pat. »Es sind schwere Bedingungen, die ich stellen werde. Gehen Sie jetzt erst mal mit dem Jungen auf die Hirschjagd in den Bergen und lernen Sie seine Lunge und seine Beine kennen. Nachher wappnen Sie sich und unterschreiben den Kontrakt.«

Stubener war zwei Tage lang auf dieser Jagd und erfuhr noch mehr, als der alte Pat ihm versprochen hatte.

Vollkommen erschöpft und sehr klein kam er zurück. Die Unwissenheit des jungen Mannes in bezug auf die Welt hatte den abgebrühten Sam in Erstaunen gesetzt, aber er hatte doch gemerkt, daß er sich von niemand an der Nase nehmen ließ.

Sein Geist war jungfräulich, unberührt von allem, außer den Erfahrungen, die die nahen Berge ihm schenken konnten, und doch erwies er sich im Besitz von Scharfsinn und Verschlagenheit über den Durchschnitt hinaus.

Auf seine Weise war er ein Rätsel für Sam, der den unerschütterlichen Gleichmut des jungen Mannes nicht verstehen konnte. Nichts war ihm unangenehm, über nichts konnte er sich ärgern, und seine Geduld war von einer nie versagenden Einfalt. Nie fluchte er, nie gebrauchte er die üblichen nichtssagenden Kraftworte, die junge Leute seines Alters stets im Munde führten.

Der alte Pat schloß den Vertrag und verabschiedete sich vor dem Hause von ihnen.

»Es wird nicht lange dauern, bis ich in den Zeitungen über dich lese, Pat, mein Junge. Ich würde dich am liebsten begleiten, aber ich glaube doch, es ist am besten für dich, wenn ich bis ans Ende meiner Tage hier in den Bergen bleibe.«

Und dann zog der Alte den Manager beiseite und wandte sich in fast drohendem Ton an ihn:

»Vergessen Sie nicht, was ich Ihnen immer wieder gesagt habe. Der Junge hat ein reines und ehrliches Herz. Er weiß nichts von den Schiebungen beim Sport. Davon hab' ich ihm nie was erzählt, will ich Ihnen sagen. Er kennt den Schwindel nicht. Er kennt nur die Tapferkeit, die Romantik und den Ruhm des Kämpfers, denn ich habe ihm tausend Geschichten von den alten Helden des Rings erzählt, obgleich das wenig genug geholfen hat, ihn zu begeistern.

Mann, Mann, ich sage Ihnen, ich habe die Sportberichte aus den Zeitungen ausgeschnitten, unter dem Vorwand, daß ich sie für mein Sammelbuch brauchte, nur damit er sie nicht lesen sollte. Daher hat er nie etwas von Boxern gehört, die aufgaben oder sich absichtlich besiegen ließen. Bringen Sie dem Jungen nichts Schlechtes bei.

Das ist der Grund, daß ich den Ungültigkeitsparagraphen in den Kontrakt eingefügt habe. Die erste Schiebung stößt den Kontrakt um. Keine verabredete Kassenteilung. Keine geheimen Vereinbarungen mit Filmleuten, die eine gewisse Dauer der Kämpfe für ihre Aufnahmen garantiert haben wollen.

Es bleibt noch genug Geld zu verdienen für euch beide. Aber ehrliches Spiel, oder es ist aus. Haben Sie mich verstanden?«

Und als eine letzte Ermahnung an den jungen Pat, der schon zu Pferde saß und das Tier pflichtschuldig zügelte, um zu hören, sagte der alte Pat:

»Und was auch immer geschieht, nimm dich vor den Weibern in acht. Weiber bedeuten Tod und Verdammung, vergiß das nicht. Wenn du aber die eine, die einzige findest, dann lasse sie nicht. Sie wird mehr für dich sein als Geld und Ruhm.

Aber zuerst mußt du deiner Sache sicher sein, ganz sicher, und wenn du das bist, dann lasse sie nicht wieder aus den Fingern. Halte sie fest mit beiden Händen und laß nicht locker. Halt sie fest, und wenn die Welt zusammenstürzt.

Pat, mein Junge, eine gute Frau ist ... nun eben eine gute Frau. Das ist mein erstes Wort und mein letztes.«

 

III

Kaum waren sie in San Franzisko, so begannen auch schon die Schwierigkeiten für Sam Stubener. Nicht, daß der junge Pat unfreundlich oder träge gewesen wäre, wie sein Vater gefürchtet hatte. Im Gegenteil, er war unsagbar milde und sanft. Aber er hatte Heimweh nach seinen geliebten Bergen, und dann stieß die Stadt ihn im geheimen ab, wenn er auch ihre lärmenden Straßen mit der Unermüdlichkeit eines Indianers durchstreifte.

»Ich bin hierhergekommen, um zu boxen«, verkündete er nach Ablauf der ersten Woche. »Wo ist Jim Hanford?«

Stubener stieß einen leisen Pfiff aus.

»Ein großer Champion wie der sieht Sie gar nicht an«, lautete die Antwort. »›Geh erst, und schaff dir einen Namen‹, würde er sagen.«

»Ich kann ihn besiegen.«

»Aber das weiß das Publikum nicht. Wenn Sie ihn besiegten, würden Sie Weltmeister sein, und das ist noch keiner bei seinem ersten Kampf geworden.«

»Ich kann es.«

»Aber das weiß das Publikum nicht. Es würde niemand kommen, um sich den Kampf anzusehen. Und die Zuschauer sind es doch, die das Geld und die großen Börsen bringen. Das ist auch der Grund, daß Jim Hanford nicht eine Sekunde daran denken würde, mit Ihnen zu kämpfen. Bei einem solchen Kampf könnte er nichts verdienen.

Außerdem verdient er jetzt gerade dreitausend wöchentlich an einem Varieté. Glauben Sie, darauf würde er verzichten, um mit einem Mann zu kämpfen, den kein Mensch kennt?

Zuerst müssen Sie mal was geleistet haben, eine Rekordliste aufweisen. Sie müssen mit den kleinen lokalen Größen anfangen, die die weitere Öffentlichkeit nicht kennt, Vogelscheuchen wie Klempner-Collins, Kittchen-Kelly und dem Fliegenden Holländer.

Wenn Sie die erledigt haben, dann stehen Sie erst auf der untersten Sprosse der Leiter. Aber dann werden Sie auch steigen wie ein Luftballon.«

»Ich will mit den dreien hintereinander im selben Ring antreten«, sagte Pat. »Arrangieren Sie die Sache nur.«

Stubener lachte.

»Warum lachen Sie? Glauben Sie nicht, daß ich mit denen fertig werde?«

»Das weiß ich, daß Sie das können«, versicherte Stubener ihm. »Aber so läßt sich das nicht machen. Sie müssen sich immer einen zur Zeit vornehmen. Vergessen Sie nicht, daß ich das Geschäft verstehe. Es muß alles genau zurechtgelegt werden, und ich weiß, wie. Wenn alles klappt, können Sie in einem Jahr oben sein, Weltmeister werden und Geld scheffeln.«

Pat seufzte über diese Aussicht, dann aber klärte sich sein Gesicht auf. »Und dann kann ich mich zurückziehen und wieder nach Hause zu dem Alten gehen.«

Stubener wollte antworten, besann sich aber. War dieser Anwärter auf die Meisterschaft auch recht sonderbar, so war er doch davon überzeugt, daß der junge Mann, wenn er das Ziel erst erreicht hatte, genau so werden würde wie die andern, die es so weit gebracht hatten, wie sie konnten. Außerdem waren zwei Jahre eine lange Zeit, und unterdessen konnte viel geschehen.

Als Pat sich in der Gegend herumzutreiben begann und unaufhörlich Gedichtbücher und Romane las, die er sich aus einer öffentlichen Bibliothek holte, schickte Stubener ihn auf eine Ranch auf der andern Seite der Bucht, wo er unter der Aufsicht von Spider Walsh leben sollte.

Aber nach einer Woche kam Spider und erklärte, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Sein Zögling war von morgens bis abends verschwunden, war über alle Berge, angelte Forellen in den Gebirgsbächen, schoß Wachteln und Kaninchen und schoß den einsamen Rehbock, der Dutzenden von Jägern, die es auf ihn abgesehen hatten, entgangen war.

Spider saß faul herum und wurde dick, während sein Zögling gut in Form blieb.

Es ging, wie Stubener erwartet hatte. Die Manager der Boxklubs lachten, wenn er mit seinem neuen Mann kam. Waren die Wälder nicht voll von Unbekannten, die sich plötzlich für die Meisterschaftskämpfe meldeten? Einen Kampf auf vier Runden, um das Programm zu füllen ja, darüber ließ sich reden. Aber als Hauptnummer – nie.

Stubener hatte sich indessen in den Kopf gesetzt, daß der junge Pat gerade als Hauptnummer anfangen sollte, und durch das Gewicht seines eigenen Namens setzte er es schließlich durch. Nach vielem Hin und Her willigte der Missionsklub ein, Pat Glendon auf fünfzehn Runden gegen Zuchthaus-Kelly zu stellen, und zwar um eine Börse von hundert Dollar.

Es war etwas ganz Übliches, daß junge Boxer die Namen der alten Helden des Rings annahmen, und deshalb kam keiner auf den Gedanken, daß der junge Pat ein Sohn des großen Pat Glendon sein könnte. Stubener sagte auch nichts davon. Es konnte später gut als Sensation für die Presse gebraucht werden.

Einen Monat mußten sie warten, dann kam endlich der Abend, an dem der Kampf stattfinden sollte. Stubener war sehr nervös. Er hatte seinen Namen dafür eingesetzt, daß sein Schützling eine Sehenswürdigkeit wäre, und zu seinem Entsetzen sah er jetzt, daß Pat, als er kaum fünf Minuten in seiner Ecke des Ringes gesessen hatte, die Farbe verlor und ganz fahl wurde.

»Kopf hoch, mein Junge«, sagte Stubener und klopfte ihm auf die Schulter. »Es ist immer ein komisches Gefühl, wenn man das erste Mal im Ring steht, und Kelly hat den Trick, daß er seinen Gegner warten läßt, in der Hoffnung, daß er Lampenfieber kriegt.«

»Das ist es nicht«, antwortete Pat. »Es ist der Tabakrauch. Ich bin ihn nicht gewohnt, und er macht mich ganz krank.«

Der Manager atmete erleichtert auf. Wenn es nur der Tabakrauch war – an den würde sich der Junge schon gewöhnen.

Der Eintritt des jungen Pat in den Ring erfolgte unter allgemeinem Schweigen, während Zuchthaus-Kelly mit ohrenbetäubendem Beifall begrüßt wurde, als er unter den Seilen hindurchkletterte.

Er war ein Mann von wirklich furchteinflößendem Aussehen, dunkelhäutig, stark behaart und mit gewaltigen Muskeln, der gut hundertachtzig Pfund wog. Pat betrachtete ihn neugierig und mußte dafür einen bösen Blick einstecken.

Als sie beide dem Publikum vorgestellt waren, mußten sie sich die Hände reichen. Und sogar, als ihre Handschuhe sich berührten, knirschte Kelly mit den Zähnen, sein Gesicht verzerrte sich vor Wut, und er knurrte:

»Du hast doch wohl keine Angst?«

Roh schlug er Pats Hand beiseite und zischte:

»Ich will dich bei lebendigem Leibe fressen, du kleiner Köter.«

Das Publikum lachte; es hatte erraten, was Kelly gesagt haben mußte, und freute sich darüber.

Als Pat wieder in seine Ecke kam, um dort auf den Schlag des Gongs zu warten, wandte er sich zu Stubener und fragte:

»Warum ist er böse auf mich?«

»Das ist er gar nicht«, antwortete Stubener. »Das ist seine Art, er will versuchen, Sie einzuschüchtern. Das ist nur Großmäuligkeit.«

»Aber das ist doch kein Boxen«, meinte Pat, und Stubener, der einen schnellen Blick auf ihn warf, bemerkte, daß seine blauen Augen so mild wie immer waren.

»Aber passen Sie auf!« warnte er Pat, als der Gong zur ersten Runde ertönte. »Er wird wie ein Menschenfresser auf Sie losgehen.«

Und wie ein Menschenfresser ging Kelly auf ihn los, schoß in wilder Wut durch den Ring.

Pat, der in seiner leichten Art nur zwei Schritte vorwärts gemacht hatte, berechnete die Schnelligkeit des andern, tanzte seitwärts und landete einen rechten Kinnhaken. Dann blieb er stehen und wartete neugierig, was da kommen würde.

Der Kampf war aus. Kelly war wie ein vor die Stirn geschlagener Ochse auf den Boden gegangen und lag da, ohne sich zu rühren. Der Schiedsrichter beugte sich über ihn und zählte mit lauter Stimme die zehn Sekunden aus.

Als Kellys Sekundanten nach Ablauf der zehn Sekunden in den Ring sprangen, um ihn fortzutragen, kam Pat ihnen zuvor. Er las das große, schlaffe menschliche Bündel auf und trug es in die Ecke des Ringes, wo er es auf den Stuhl setzte und den Sekundanten zu weiterer Behandlung überließ.

Nach einer halben Minute hob Kelly den Kopf und öffnete die Augen. Er sah sich verwirrt im Saal um, dann wandte er sich zu dem einen seiner Sekundanten.

»Was ist geschehen?« fragte er heiser. »Ist das Dach über mir eingestürzt?«

 

IV

Im allgemeinen herrschte die Ansicht, Pat habe lediglich durch einen Zufall gesiegt, aber trotzdem verschaffte der Sieg über Kelly ihm doch einen Kampf mit Rufe Mason.

Dieser Kampf wurde drei Wochen später vom Sierra-Klub in Dreamland Rink arrangiert, aber das Publikum bekam nicht zu sehen, was geschah.

Rufe Mason war ein Schwergewichtler, der in gewissen Kreisen seiner Tüchtigkeit wegen einen guten Ruf genoß. Als der Gong das Zeichen zum Beginn der ersten Runde gegeben hatte, trafen sich die beiden in der Mitte des Ringes. Keiner von ihnen griff an, keiner schlug zu, sie umschlichen sich mit gebeugten Armen einander so nahe, daß ihre Handschuhe sich fast berührten.

Dann geschah es und so schnell, daß kaum einer von hundert Zuschauern es sah. Rufe Mason machte mit der Rechten eine Finte. Es war augenscheinlich nicht einmal eine richtige Finte, nur ein Versuch, einen Ausfall vorzutäuschen.

In diesem Augenblick landete Pat seinen Schlag. Sie waren so dicht aneinander, daß ein freier Raum von kaum zwanzig Zentimetern vorhanden war, und es war ein Haken mit dem linken Vorderarm, von einer Schulterdrehung begleitet.

Der Schlag traf Rufe Masons Kinn, und das erstaunte Publikum sah, wie die Beine des Mannes nachgaben und er auf der Stelle, wo er stand, zusammenbrach. Der Schiedsrichter hatte genug gesehen und begann gleich zu zählen, und wieder trug Pat den Gegner an seinen Platz. Als Rufe Mason zehn Minuten später imstande war, den Ring zu verlassen, mußten seine Sekundanten ihn stützen, seine Knie waren noch schlaff und seine Augen matt.

»Kein Wunder«, sagte er später zu seinen Sekundanten, »daß Zuchthaus-Kelly glaubte, das Dach wäre über ihm eingestürzt.«

Nachdem Pat auch Klempner-Collins in der zwölften Sekunde der ersten Runde eines Matches von fünfzehn Runden k. o. geschlagen hatte, sah Stubener sich genötigt, mit Pat Glendon zu reden.

»Wissen Sie, wie die Leute Sie nennen?« fragte er. Pat schüttelte den Kopf.

»Den Einschlag-Glendon.«

Pat lächelte höflich. Es interessierte ihn durchaus nicht, wie die Leute ihn nannten. Er wußte, daß er eine gewisse Arbeit zu leisten hatte, ehe er in seine Berge zurückkehren konnte, und er tat diese Arbeit, ohne sich weiter aufzuregen, das war alles.

»Das geht nicht«, fuhr der Manager fort und schüttelte bedeutungsvoll den Kopf. »Sie können die Leute nicht immer gleich k. o. schlagen. Sie müssen ihnen mehr Zeit lassen.«

»Bin ich denn nicht hier, um zu kämpfen?« fragte Pat überrascht.

Wieder schüttelte Stubener den Kopf.

»Die Sache ist so, Pat, Sie wollen doch als guter und großmütiger Boxer gelten. Bringen Sie nicht alle andern Boxer gegen sich auf. Und es ist auch nicht anständig gegen das Publikum. Das will was sehen für sein Geld. Und es endet noch damit, daß Sie keinen finden, der gegen Sie antreten will. Sie kriegen es ja alle mit der Angst. Und Zehn-Sekunden-Kämpfe ziehen nicht. Bitte, sagen Sie selbst: Würden Sie einen Dollar oder gar fünf bezahlen, um einen Kampf zu sehen, der nicht mehr als zehn Sekunden dauert?«

Pat sah es ein und versprach, dem Publikum etwas für sein Geld zu geben, wenn er es auch nicht begriff; er persönlich ging lieber fischen, als daß er sich einen Boxkampf von hundert Runden ansah.

Aber bei alledem kam Pat in Wirklichkeit nicht weiter. Die ansässigen Sportsleute lachten, wenn sein Name genannt wurde. Dann fielen ihnen komische Kämpfe ein, wie der mit Zuchthaus-Kelly, der geglaubt hatte, daß das Dach über ihm zusammenstürzte. Niemand ahnte etwas von Pats Können, denn nie hatte man ihn wirklich kämpfen sehen. Wie stand es mit seiner Atemtechnik, seiner Ausdauer, seinem Standvermögen gegen scharfe Angriffe von längerer Dauer? Bisher hatte er nur gezeigt, daß er Zufallschancen auszunutzen verstand und ein unglaubliches Glück hatte.

So standen die Dinge, als der vierte Match arrangiert wurde, und zwar gegen Pete Sosso, einen Portugiesen aus Butchertown, der namentlich durch die erstaunlichen Tricks bekannt geworden war, die er im Ring anwandte.

Pat trainierte nicht für diesen Kampf, vielmehr machte er in aller Eile eine traurige Reise in die Berge, um seinen Vater zu begraben. Der alte Pat war sich längst darüber klar, wie es mit seinem Herzen stand, und jetzt hatte es plötzlich aufgehört zu schlagen.

Der junge Pat kam im letzten Augenblick nach San Franzisko zurück. Er vertauschte nur schnell die Reisekleidung mit der Boxhose, und trotzdem mußten die Zuschauer zehn Minuten warten.

»Denken Sie daran, ihm eine Chance zu geben«, ermahnte ihn Stubener, als Pat durch die Seile in den Ring kletterte. »Spielen Sie mit ihm, aber so, daß er es für Ernst hält. Halten Sie ihn zehn bis zwölf Runden hin, ehe Sie ihn k. o. schlagen.«

Pat richtete sich nach dieser Belehrung, und obgleich Sosso so tückisch kämpfte, daß Pat sich nur mit Mühe zurückhalten konnte, schlug er ihn nicht nieder, was eine Kleinigkeit für ihn gewesen wäre.

Es wurde eine schöne Darbietung, und das Publikum war begeistert. Sossos wirbelnde Angriffe, seine wilden Finten, seine plötzlichen Rückzüge und Ausfälle erforderten Pats volle Aufmerksamkeit, um sich zu decken, und doch konnte er nicht verhindern, daß er ab und zu getroffen wurde.

Stubener lobte ihn in den Pausen, und alles wäre wohl nach Wunsch gegangen, hätte Sosso nicht in der vierten Runde einen seiner gemeinsten Tricks angewandt.

Pat hatte, als sie dicht aneinander waren, einen Haken gegen Sossos Kinn gelandet, als zu seinem Erstaunen sein Gegner die Arme sinken ließ, mit rollenden Augen und wankenden Beinen rückwärts taumelte und offenbar halb betäubt war. Pat ließ die Arme sinken und betrachtete verwundert Sosso, der fallen zu wollen schien, sich dann aufrichtete und mit Augen, die scheinbar nichts sahen, wieder ein paar Schritte vorwärts wankte.

Und da geschah es zum ersten und letzten Mal in Pats Boxerlaufbahn, daß er nicht auf dem Posten war. Er war einen Schritt beiseite getreten, um den taumelnden Mann vorbeizulassen, als Sosso plötzlich mit der Rechten zustieß.

Pat bekam den Schlag gerade gegen das Kinn und mit solcher Kraft, daß ihm die Zähne im Munde knirschten. Das Publikum johlte vor Begeisterung.

Aber Pat hörte es nicht. Er sah nur Sosso, der grinsend vor ihm herumtanzte, vollkommen kampffähig und nicht im geringsten mehr taumelnd.

Der Schlag schmerzte, aber weit mehr erbost war Pat über die Tücke seines Gegners. Der Zorn, den sein Vater stets vergeblich in ihm anzufachen versucht hatte, stieg in ihm auf. Er schüttelte den Kopf, wie um den Schlag abzuschütteln, und trat dem Mann entgegen.

Und was jetzt geschah, war das Werk einer Sekunde. Nach einer Finte, die seinen Gegner ablenkte, landete seine Linke auf dem Solarplexus, und fast im selben Augenblick richtete er einen Schlag seiner Rechten gegen das Kinn Sossos. Er traf den Mund, ehe noch der fallende Körper den Boden erreicht hatte.

Die Klubärzte mußten eine halbe Stunde arbeiten, bis es ihnen glückte, Sosso wieder zum Bewußtsein zu bringen.

Dann vernähten sie ihm die Lippen mit elf Nadeln und verpackten ihn in einen Krankenwagen.

»Es tut mir wirklich leid«, sagte Pat zu seinem Manager, »ich glaube, ich verlor meine Ruhe. Das will ich nie wieder tun im Ring. Vater hat mich immer davor gewarnt. Er sagte, es hätte ihn mehr als eine verlorene Schlacht gekostet. Ich wußte nicht, daß es mir passieren könnte, die Ruhe zu verlieren. Aber jetzt, da ich es weiß, werde ich mich vorsehen.«

Und Stubener glaubte ihm. Er war jetzt so weit, daß er seinem Pflegling alles zutraute.

»Sie haben gar nicht nötig, zornig zu werden«, sagte er. »Wenn Sie im Ring stehen, können Sie ja mit Ihrem Gegner umspringen, wie es Ihnen beliebt.«

»Ja, in jeder Sekunde des Kampfes«, bestätigte Pat.

»Sie können ihn erledigen, sobald es Ihnen beliebt.«

»Gewiß. Ich will nicht prahlen. Aber ich glaube, ich habe die Fähigkeit dazu. Meine Augen erspähen jede Chance, die sich mir bietet, und das Gefühl für Zeit und Entfernung ist mir angeboren. Vater hat mir schon immer gesagt, daß es eine besondere Begabung wäre, aber ich glaubte, er wolle mich nur dadurch anspornen. Jetzt, nach diesen Kämpfen, glaube ich, daß er recht hatte. Er nannte es eine Wechselbeziehung zwischen Geist und Muskeln.«

»Und das in jeder Sekunde des Kampfes«, wiederholte Stubener nachdenklich.

Pat nickte. Und Stubener hatte die Überzeugung von einer goldenen Zukunft.

»Na also, dann vergessen Sie nur nicht, daß wir den Leuten etwas für ihr Geld bieten müssen«, sagte er. »Wir werden uns immer im voraus einigen, wie viele Runden ein Kampf dauern soll. Zunächst treten Sie jetzt gegen den Fliegenden Holländer an. Ich schlage vor, daß Sie es die ganzen fünfzehn Runden dauern lassen und ihn erst in der letzten erledigen. Das gibt Ihnen Gelegenheit zu zeigen, was Sie können.«

»Gemacht, Sam«, lautete die Antwort.

»Es ist eine Probe für Sie«, warnte Stubener ihn. »Wenn es Ihnen nun mißlingt, ihn in der letzten Runde auf die Bretter zu schicken?«

»Hören Sie«, Pat machte eine Pause, um seinem Versprechen größeren Nachdruck zu verleihen, und nahm dann einen Band Longfellow aus der Tasche. »Wenn ich ihn nicht in der fünfzehnten Runde erledige, will ich nie mehr im Leben ein einziges Gedicht lesen.«

»Das ist ja allerhand«, erklärte Sam, »wenn es auch über meinen Horizont geht, daß Sie sich aus dem Zeug etwas machen.«

Pat seufzte, antwortete aber nicht. In seinem ganzen Leben hatte er erst einen einzigen Menschen getroffen, der sich etwas aus Gedichten machte: die rothaarige Lehrerin, vor der er in die Wälder geflüchtet war.

 

V

»Wo wollen Sie hin?« fragte Stubener überrascht und sah auf die Uhr.

Pat blieb, die Hand auf dem Türgriff, stehen und drehte sich um.

»Nach der Hochschule«, sagte er. »Dort hält heute ein Professor eine Vorlesung über Browning, und Browning ist einer von den Schriftstellern, die einem erklärt werden müssen. Manchmal scheint mir, daß ich in die Abendschule gehen sollte.«

»Aber großer Gott, Mann!« rief der Manager entsetzt. »Sie sollen doch heute abend mit dem Fliegenden Holländer kämpfen.«

»Ich weiß. Aber ich brauche erst vor halb oder drei Viertel zehn im Ring zu sein. Die Vorlesung ist um Viertel nach neun zu Ende. Wenn Sie Angst haben, daß ich zu spät komme, dann holen Sie mich in Ihrem Wagen ab.« Stubener zuckte hilflos die Achseln.

»Das schadet doch nicht«, meinte Pat. »Vater sagte immer, das Schlimmste wären die letzten Stunden vor dem Kampf, und mancher Kampf sei verloren worden durch das Versagen eines Mannes, der nichts zu tun gehabt hätte, als zu denken, und der nervös geworden wäre.

Na, die Sorge brauchen Sie sich um mich nicht zu machen. Sie sollten sich freuen, daß ich noch Lust habe, eine Vorlesung zu hören.«

Und später, am Abend, während eine der fünfzehn prachtvollen Runden der andern folgte, dachte Stubener mehr als einmal, was dieses Sportpublikum wohl sagen würde, wenn es wüßte, daß dieser junge Boxer direkt von einer Browning-Vorlesung in den Ring gekommen war.

Der Fliegende Holländer war ein junger Schwede, der einen ungewöhnlichen Kampfwillen und eine gewaltige Ausdauer besaß.

Er gönnte sich nicht einen Augenblick Ruhe während des Kampfes und griff von Beginn der Runde, bis der Gong ertönte, unaufhörlich an. Beim Outfighting wirbelten seine Arme wie Dreschflegel durch die Luft, und beim Infighting gebrauchte er die Schultern, lieferte fast einen Ringkampf und schlug, sobald er nur eine Hand freibekam.

Von Anfang bis zu Ende war er wie ein Sturmwind und machte seinem Namen Ehre. Seine Schwäche war die mangelnde Fähigkeit, Entfernung und Zeit zu berechnen. Dennoch hatte er viele Kämpfe dadurch gewonnen, daß er auf ein Dutzend der Schläge, die er unaufhörlich auf seinen Gegner niederhageln ließ, einen guten Treffer landete.

Pat, der sich immer in acht nehmen mußte, daß er seinen Gegner nicht zu Boden schickte, hatte genug zu tun. Es war ihm auch nicht möglich, diesen ewig fliegenden Handschuhen ganz zu entgehen, wenn er auch nicht ernsthaft gefährdet wurde. Aber es war ein gutes Training für ihn und machte ihm Vergnügen.

»Könnten Sie ihn jetzt erledigen?« flüsterte Stubener ihm in der Pause nach der fünften Runde zu.

»Gewiß«, lautete Pats Antwort.

»Sie wissen doch, daß er noch nie k. o. geworden ist«, warnte Stubener ihn ein paar Runden später.

»Dann, fürchte ich, werde ich mir die Knöchel zerbrechen«, lächelte Pat. »Ich kenne meine Stoßkraft und weiß, daß etwas in Stücke gehen muß, wenn ich einen Schlag lande. Wenn er nicht will, dann eben meine Knöchel.«

»Glauben Sie, daß Sie es jetzt machen könnten?« fragte Stubener am Ende der dreizehnten Runde.

»Zu jeder Zeit, sage ich Ihnen doch.«

»Na, Pat, dann lassen Sie ihn meinetwegen in die fünfzehnte kommen.«

In der vierzehnten Runde übertraf der Fliegende Holländer sich selbst. Als der Gong ertönte, schoß er durch den Ring auf Pats Ecke los, ehe der richtig auf den Füßen stand.

Das Publikum jubelte, denn es wußte, daß der Fliegende Holländer jetzt loslegte.

Pat, dem das Spaß machte, beschloß, sich gegen den heftigen Angriff ganz passiv zu verteidigen und nicht einmal zu schlagen. Er gab eine hübsche Vorstellung im Decken. Manchmal deckte er das Gesicht mit dem linken Arm und den Leib mit dem rechten, dann wieder paßte er sich der wechselnden Angriffsweise an und deckte das Gesicht mit beiden Händen oder den Leib mit Ellbogen und Unterarmen. Und bei alledem griff er nicht ein einziges Mal an, obwohl er unter den stürmischen Schlägen bebte, die wie ein Trommelfeuer niedergingen.

Die Zuschauer, welche dem Ring zunächst saßen, sahen und erkannten, was vor sich ging, die übrigen aber ließen sich täuschen. Sie erhoben sich und brüllten vor Begeisterung über die Abreibung, die Pat scheinbar infolge der Überlegenheit des andern erhielt.

Als die Runde vorbei war, waren sie ganz verblüfft, als sie Pat sich ruhig in seine Ecke begeben sahen. Das war unbegreiflich. Er hätte eigentlich zu Apfelmus geschlagen sein müssen, und doch war ihm nichts geschehen.

»Kommt es jetzt?« fragte Stubener ängstlich.

»Binnen zehn Sekunden«, erklärte Pat zuversichtlich.

»Passen Sie nur auf.«

Alles ging ohne jeden Trick vor sich. Als der Gong den Beginn der letzten Runde verkündete, sprang Pat auf, und jetzt sah man, daß er zum erstenmal während des ganzen Kampfes wirklich auf seinen Gegner losging. Das war so unverkennbar, und der Fliegende Holländer fühlte es selber so stark, daß er zum erstenmal in seiner Boxerlaufbahn, als sie sich in der Mitte des Ringes trafen, sichtlich zögerte.

Den Bruchteil einer Sekunde standen sie sich Angesicht zu Angesicht gegenüber. Dann sprang der Fliegende Holländer auf seinen Gegner los, und Pat schickte ihn, während er noch im Sprunge war, mit einem wohlberechneten rechten Kreuzschlag auf die Bretter.

Dieser Kampf war es, der Pats unerhört schnellen Aufstieg zur Berühmtheit begründete. Sportsleute und Sportreporter wurden auf ihn aufmerksam. Der Fliegende Holländer hatte zum erstenmal in seinem Leben eine k.-o.-Niederlage erlitten. Sein Besieger hatte sich als ein Meister in der Verteidigung erwiesen. Seine früheren Siege waren kein Zufall gewesen. Er hatte eine ungeheure Kraft in seinen Fäusten, war ein Riese, der es noch weit bringen mußte. Die Zeit ist schon vorbei, versicherten die Berichterstatter, da er seine Kraft auf Boxer dritten Ranges verschwendete, die nur Versuchskaninchen für ihn darstellen konnten. Wo waren Ben Menzies, Rege Rede, Bill Tarwater und Ernest Lawson? Es wurde Zeit, daß sie gegen diesen jungen Mann antraten, der sich so plötzlich als ein Boxer von Rang erwiesen hatte. Was für ein Manager war das, der keine Herausforderungen verschickte?

Und dann kam eines Tages die Sensation. Stubener lüftete das Geheimnis, daß dieser junge Mann kein anderer war als der Sohn Pat Glendons, des alten Pat, des unvergeßlichen Helden der vorigen Generation.

So wurde er der »junge Pat Glendon« getauft, und Sportsleute und Journalisten scharten sich um ihn, bewunderten ihn, ermunterten ihn und schrieben über ihn.

Mit Ben Menzies beginnend und mit Bill Tarwater endend, forderte er die vier Boxer zweiten Ranges heraus und besiegte sie.

Er mußte hierzu verschiedene Reisen unternehmen; die Kämpfe fanden in Goldfield, Denver, Texer und New York statt, und es dauerte Monate, bis er sie alle hinter sich hatte, denn größere Kämpfe sind nicht immer leicht zu arrangieren, und seine Gegner verlangten auch Zeit, um zu trainieren.

Das zweite Jahr seiner Laufbahn sah ihn mit dem halben Dutzend großer Boxer kämpfen, die dicht unter der obersten Sprosse des Ruhmes standen. Auf der obersten Sprosse stand fest und sicher der »Große Jim Hanford«, der unbesiegte Weltmeister. Hier, in der Höhe, ging es langsamer vorwärts, obgleich Stubener unermüdlich Herausforderungen verschickte und die öffentliche Meinung der Sportwelt bearbeitete, um die Kämpfe zu erzwingen.

Will King war in England.

Tom Harrison war ebenfalls weg, und Glendon mußte ihn nahezu um die ganze Welt verfolgen, bis er ihn endlich am zweiten Weihnachtstag in Australien besiegen konnte.

Aber die Börsen wurden immer größer. Statt der hundert Dollar, die seine ersten Kampfe ihm eingebracht hatten, erhielt er jetzt zwischen zwanzig- und dreißigtausend Dollar für einen Kampf, und ähnliche Summen zahlten ihm die Filmgesellschaften. Gemäß dem Kontrakt, den der alte Pat aufgesetzt hatte, erhielt Stubener von allem seine Manager-Prozente, und trotz der großen Kosten, mit denen diese Reisen verbunden waren, wurden sie beide reich.

Diesen Reichtum hatten sie mehr als allem andern ihrer enthaltsamen Lebensweise zu verdanken. Sie waren auch keine Verschwender.

Stubener legte sein Geld mit Vorliebe in Grundstücken an, und sein Besitz in San Franzisko, wo er Wohnhäuser baute, war größer, als Glendon sich je träumen ließ. Es gab jedoch ein geheimes Wettsyndikat, das die Einnahmen, welche Stubener zuflossen, besser kannte, und eine schwere Vergütung nach der andern wurde, ohne daß Glendon etwas davon wußte, seinem Manager von den Filmleuten bezahlt.

Die wichtigste Aufgabe Stubeners war es, über die Tugend seines jungen Helden zu wachen. Aber auch das war nicht schwer. Glendon hatte nichts mit der geschäftlichen Seite der Dinge zu tun, und sie interessierte ihn auch wenig. Im übrigen verbrachte er alle freie Zeit, wohin er auch kam, mit Jagen und Fischen. Selten ließ er sich näher mit Leuten aus der Sportwelt ein, er war als scheu und verschlossen bekannt und zog Museen und Gedichtbücher allen sportlichen Veranstaltungen vor.

Seine Trainer und Sparringspartner waren von Stubener streng darauf hingewiesen, Glendon niemals auch nur das geringste von den im Ring üblichen Schiebungen zu erzählen. Überhaupt isolierte Stubener ihn nach Möglichkeit von der Welt. Selbst interviewt wurde er nur in Gegenwart des Managers.

Nur ein einziges Mal machte man einen Annäherungsversuch bei Glendon. Das war vor seinem Kampf mit Henderson. Man bot ihm hunderttausend Dollar, wenn er sich besiegen ließe. Das Angebot wurde ihm eilig in einem Hotelkorridor zugeflüstert, und es war ein Glück für den Mann, daß Pat sich beherrschte, nur verächtlich die Achseln zuckte und ihn stehen ließ. Aber er erzählte es Stubener, welcher sagte:

»Das war nur Scherz, Pat. Man hat Sie aufziehen wollen.« Er bemerkte, daß die blauen Augen funkelten. »Vielleicht auch Schlimmeres! Wenn Sie die Sache ernst genommen hätten, würden die Zeitungen einen guten Sensationsstoff gehabt haben, und Sie wären erledigt gewesen. Aber ich bezweifle, daß es Ernst war. So etwas kommt heutzutage nicht mehr vor. Es ist eine Sage, die aus der Frühzeit des Boxsports auf uns überkommen ist. Damals wurde viel im Sport geschoben. Heute aber würde sich kein Boxer oder Manager von Ruf auf so etwas einlassen.« Und während Stubener so sprach, wußte er ganz genau, daß der kommende Kampf mit Henderson nicht weniger als zwölf Runden – wegen der Filmaufnahmen und nicht mehr als vierzehn dauern durfte. Und er wußte auch, daß Henderson sich verpflichtet hatte, nicht mehr als vierzehn Runden durchzuhalten, und daß große Einsätze darauf gewettet waren.

Glendon, der sonst nie derartige Angebote erhalten hatte, schlug sich die Geschichte aus dem Sinn und ging aus, um den Nachmittag mit der Aufnahme von Farbenphotographien zu verbringen. Die Kamera war seine neueste Liebhaberei. Da er keine Bilder malen konnte, suchte er Ersatz dafür im Photographieren. Unter seinem Gepäck befand sich ein kleiner Koffer voller einschlägiger Bücher, und er verbrachte viele Stunden, um sich mit den verschiedenen Prozessen bekannt zu machen.

Nie hatte ein Boxer gelebt, der der Boxwelt so fremd war wie er. Weil er so wenig Berührungspunkte mit den Leuten hatte, mit denen er kämpfen sollte, galt er bald für tückisch und ungesellig, und hiernach bildeten sich die Zeitungen ihre Meinung von ihm, die weniger eine Übertreibung als eine völlige Verkennung war. In aller Kürze charakterisierte man ihn als ein stumpfsinniges Tier mit den Muskeln eines Stiers, und ein unreifer Sportreferent, der ihn gar nicht kannte, taufte ihn »Höllenbiest«.

Der Name blieb an ihm haften. Die ganze Sportwelt übernahm ihn, und bald las man nichts mehr über ihn, ohne daß die Bezeichnung »Höllenbiest« an seinen Namen geheftet war. Man fand sie sogar oft ohne weitere Bezeichnung in den Überschriften der Artikel und Unterschriften von Bildern. Die ganze Welt wußte, wer dieses Biest war. – Das veranlaßte ihn, sich noch mehr als bisher in sich selbst zurückzuziehen, und entwickelte gleichzeitig in ihm ein bitteres Vorurteil gegen alle Zeitungsschreiber.

Was das Boxen selbst betraf, so wurde sein anfangs schwaches Interesse allmählich größer. Die Männer, mit denen er jetzt kämpfte, waren alles eher als Anfänger, und die Siege wurden ihm nicht mehr so leicht gemacht. Es waren auserwählte Männer, erfahrene Generäle des Ringes, gegen die er jetzt antreten mußte, und jeder Kampf gab ihm Probleme zu lösen. Bei manchen Gelegenheiten war es ihm nicht möglich, den Gegner in der vorausbestimmten Runde zu Boden zu bringen. So erging es ihm zum Beispiel mit dem gigantischen Deutschen Sulzberger. Der Versuch, ihn, wie beabsichtigt, in der achtzehnten Runde zu fällen, mißlang, in der neunzehnten war es dieselbe Geschichte, und erst in der zwanzigsten glückte es ihm, den unbändigen Widerstand seines Gegners zu brechen und den Kampf zur Entscheidung zu bringen. Glendons wachsende Freude am Sport brachte es mit sich, daß er eifriger und anhaltender trainierte. Er vergeudete die Zeit nicht, jagte viel in den Bergen und war tatsächlich immer in Form. Er hatte nicht das Pech seines Vaters in seiner Laufbahn, brach sich nie einen Knochen, ja, verletzte sich nicht einmal einen Knöchel. Und eines bemerkte Stubener mit stiller Freude: Sein junger Boxer sprach nicht mehr davon, für immer in seine Berge zurückzukehren, sobald er Jim Hanford die Weltmeisterschaft entrissen hätte.

 

VI

Er näherte sich schnell dem Höhepunkt seiner Laufbahn. Der Weltmeister hatte öffentlich verkündet, gegen Glendon anzutreten, sobald dieser die drei oder vier Anwärter auf die Meisterschaft, die noch zwischen ihnen standen, besiegt hätte.

In sechs Monaten glückte es Pat, Kid McGrath und Jack McBridge zu erledigen, und so blieben nur noch Nat Powers und Tom Cannam übrig.

Ein gewisses junges Mädchen aus der guten Gesellschaft aber war aus Abenteuerlust Journalistin geworden. Stubener hatte seine Einwilligung dazu gegeben, daß die Dame Pat in ihrer Eigenschaft als Reporterin interviewte.

Sie unterzeichnete ihre Aufsätze immer mit ihrem wirklichen Namen, Maud Sangster. Die Sangsters waren eine bekannte reiche Familie. Ihr Begründer, der alte Jacob Sangster, hatte sein Bündel geschnürt, als Knecht auf Farmen im Westen gearbeitet und ein unerschöpfliches Boraxlager in Nevada entdeckt, das er anfangs mit Mauleselgespannen bearbeitete, bis er schließlich eine Eisenbahn baute, um den Transport selbst zu besorgen. In der Folge hatte er auf Hunderten und Tausenden von Quadratmeilen in Kalifornien, Oregon und Washington Borax abgebaut und den Verdienst eingesteckt.

Später hatte er mit seinen Geschäften Politik verbunden, Politiker, Richter und Maschinen gekauft und war Leiter eines großen industriellen Konzerns geworden. Und dann starb er, reich an Ehren und Pessimismus, und hinterließ seinen Namen den Geschichtsschreibern der Zukunft zum Beschmutzen und ein paar hundert Millionen seinen Söhnen zum Streiten.

Die folgenden Prozesse und industriellen und politischen Kämpfe verärgerten und belustigten ganz Kalifornien ein Menschenalter hindurch und endeten mit tödlichem Haß zwischen den vier Söhnen.

Der jüngste von ihnen, Theodore, machte plötzlich, im besten Mannesalter, eine Wandlung durch. Er verkaufte seine Landsitze und seine Rennställe und stürzte sich in einen Kampf gegen alle Korruption in dem Staat, in dem er geboren war. Und er traf die meisten Millionäre dieses Staates bei seinem Versuch, sich von der Schande zu befreien, die der alte Jacob Sangster begründet hatte.

Maud Sangster war die älteste Tochter Theodores. Das Geschlecht der Sangster erzeugte durchweg kampflustige Männer und schöne Frauen. Maud bildete keine Ausnahme. Dazu mußte sie etwas von der alten Abenteuerlust der Sangsters geerbt haben, denn als sie erwachsen war, tat sie vieles, was eine Dame in ihrer Stellung sich nicht hätte leisten dürfen. Obgleich sie eine glänzende Partie war, blieb sie unverheiratet. Sie hatte sich in Europa aufgehalten, ohne einen adligen Gatten heimzuführen, und hatte unter ihren Landsleuten zahlreiche Körbe ausgeteilt. Sie liebte den Freiluftsport, hatte die Tennismeisterschaft von Kalifornien gewonnen und die Zeitschriften der besseren Kreise durch unpassende Artikel in Atem gehalten. Sie war in einem Rennboot von San Mateo nach Santa Cruz gesegelt und hatte einmal Aufsehen erregt, weil sie sich als einzige Frau an einem Polokampf beteiligt hatte.

Die reformatorischen Bestrebungen ihres Vaters ergriffen auch sie. In leidenschaftlichem Unabhängigkeitsdrang setzte sie, die noch nie einem Manne begegnet war, dem sie sich freudig unterworfen hätte, und die ihrer vielen Anbeter längst überdrüssig war, ihren Missetaten die Krone auf, verließ ihr Heim und nahm eine Stellung beim »Courier-Journal« an.

Einmal glückte es ihr, Morgan in einer wichtigen Sache zu interviewen, während ein Dutzend hervorragender New-Yorker Journalisten vergebens Jagd auf ihn machte. Sie ging mit einem Taucher auf den Grund des Goldenen Tors hinab und flog mit Rood, dem »Vogelmenschen«, als er alle Rekorde schlug.

Nach alledem sollte man glauben, daß Maud Sangster eine derbe Amazone gewesen wäre. Aber im Gegenteil: sie war eine grauäugige, schlanke junge Dame, drei- oder vierundzwanzig Jahre alt, mittelgroß, mit ungewöhnlich kleinen Händen und Füßen. Und im Gegensatz zu andern Sportmädels war sie von einer ausgesprochenen Weiblichkeit.

Sie hatte selbst dem Redakteur vorgeschlagen, daß sie Glendon interviewen wolle. Außer Bob Fitzsimmon, den sie einmal flüchtig im Frack im Grillraum des Palace-Hotels gesehen hatte, war ihr noch nie im Leben ein Boxer begegnet. Sie hatte sich übrigens auch nie etwas daraus gemacht, einen kennenzulernen, und war nie neugierig gewesen, bis Pat Glendon nach San Franzisko kam, um für seinen Kampf mit Nat Powers zu trainieren. Da reizte sie der Ruf, den er in den Zeitungen genoß. Das »Höllenbiest« – das zu sehen mußte sich lohnen!

Nach dem zu urteilen, was sie über ihn gelesen hatte, mußte er wirklich ein Ungeheuer in Menschengestalt, stumpfsinnig und mit der Tücke und Wildheit des Dschungeltieres, sein.

Zwar ließen Bilder von ihm diese Eigenschaften nicht erkennen, aber sie zeigten doch deutlich die mächtige Muskulatur, die darauf schließen ließ, daß er ein solches Ungeheuer war.

Und so stellte sie sich in Begleitung eines Pressephotographen zu der von Stubener angegebenen Zeit im Trainingssaal ein.

Stubener hatte Sorgen. Pat war rebellisch. Er ließ das eine seiner kräftigen Beine über die Stuhllehne baumeln, hatte die Sonette von Shakespeare aufgeschlagen auf dem Knie liegen und protestierte gegen das Kommen dieser Frau.

»Warum wollen die Weiber sich jetzt in Sportsachen mischen?« fragte er. »Da haben sie gar nichts zu suchen. Was verstehen Weiber davon? Die männlichen Reporter sind schon schlimm genug. Ich habe es nie ausstehen können, daß Weiber im Trainingssaal herumlungerten, und es ist mir ganz einerlei, ob sie Reporterin ist oder nicht.«

»Aber sie ist keine gewöhnliche Reporterin«, unterbrach Stubener ihn. »Sie haben doch wohl von den Sangsters gehört – den Millionären?«

»Warum arbeitet sie dann für eine Zeitung – und nimmt andern armen Teufeln die Arbeit weg?«

»Sie hat sich mit ihrem alten Herrn überworfen. Sie gerieten aneinander, als er in San Franzisko auszumisten begann. Sie ging. Ging ganz einfach, verließ ihr Heim und suchte sich Arbeit.

Und das will ich Ihnen sagen, Pat: Sie schreibt ein tadelloses Englisch. Nicht einer von all den Zeitungsschmierern in der Gegend kann es mit ihr aufnehmen, wenn sie erst mal loslegt.«

Jetzt begann Pat Interesse zu zeigen, und Stubener beeilte sich hinzuzufügen:

»Sie macht Gedichte – so ein richtiges Tralala-Zeugs, gerade wie Sie. Nur glaube ich, daß ihre besser sind, denn sie hat schon mal ein ganzes Buch voll davon herausgegeben. Und sie schreibt über Theatervorstellungen. Sie interviewt alle großen Schauspieler, die hierherkommen.«

»Ich habe ihren Namen in den Zeitungen gesehen«, räumte Pat ein.

»Das kann ich mir denken. Es ist direkt eine Ehre, wenn sie Sie interviewt. Es wird auch keine Belästigung für Sie sein. Ich werde die ganze Zeit dabei sein und ihr selbst das meiste erzählen. Das tue ich immer, wie Sie wissen.« Pat machte ein dankbares Gesicht.

»Und noch eines, Pat: Vergessen Sie nicht, daß Sie diese Interviews über sich ergehen lassen müssen. Das gehört mit zum Geschäft. Es ist eine gute Reklame und gratis dazu. Wir können sie nicht kaufen. Es interessiert die Leute und zieht das Publikum an.«

Stubener machte eine Pause und sah auf die Uhr.

»Ich denke, daß sie jetzt da ist. Ich will sie empfangen und herbringen. Dann kann ich ihr schon einiges erzählen, so daß es nicht so lange dauert.«

In der Tür drehte er sich noch einmal um.

»Und seien Sie ein bißchen nett zu ihr, Pat. Tun Sie nicht, als wenn Sie taubstumm wären. Erzählen Sie ihr ein bißchen, wenn sie ihre Fragen stellt.«

Pat legte die Sonette auf den Tisch, nahm sich eine Zeitung vor und war scheinbar in ihren Inhalt vertieft, als die beiden eintraten. Er stand auf. Es durchfuhr sie beide. Als die blauen Augen den grauen begegneten, war es fast, als stießen Mann und Frau einen Freudenruf aus, als hätten sie unerwartet gefunden, was sie lange gesucht. Aber das dauerte nur einen Augenblick. Jeder hatte sich den andern so verschieden von der Wirklichkeit vorgestellt, daß die Freude des Erkennens der Verwirrung gleichen mußte.

Als Frau war sie es, die zuerst die Selbstbeherrschung wiedergewann, und sie tat es, ohne sich merken zu lassen, daß sie sie überhaupt je verloren hatte.

Sie durchschritt den größten Teil der Entfernung, die sie von Glendon trennte. Er seinerseits wußte kaum, wie er die Vorstellung überstand. Hier vor ihm war eine Frau, eine Frau. Er hatte nie geahnt, daß es ein solches Geschöpf gäbe. Die wenigen Frauen, die ihm bisher begegnet waren, hatten diese Vorstellung nie in ihm geweckt.

Einen Augenblick dachte er, was der alte Pat wohl gesagt haben würde, wenn er sie gekannt hätte, ob sie wohl zu denen gehörte, die man nach seinem Ausspruch mit beiden Händen festhalten sollte? Und da merkte er plötzlich, daß er immer noch ihre zarte Hand festhielt und neugierig und wie verzaubert betrachtete.

Sie ihrerseits hatte sich gleich zur Wehr gesetzt gegen das Gefühl, daß sie im ersten Augenblick zu ihm hinzog. Es war ein neues und seltsames Gefühl gewesen, die plötzliche Anziehungskraft, die dieser fremde Mann auf sie ausübte. Denn war er nicht der Boxer, diese stumpfsinnige Masse menschlichen Fleisches, die auf andere Männer mit den Fäusten loshämmerte? Sie lächelte darüber, daß er immer noch ihre Hand festhielt.

»Ich möchte sie gern wiederhaben, Herr Glendon«, sagte sie. »Ich ... ich brauche sie nämlich, müssen Sie wissen.«

Er sah sie verständnislos an, als er dann aber ihrem Blick bis hinab zu der gefangenen Hand folgte, ließ er sie sogleich los, und das Blut stieg ihm in die Wangen. Sie bemerkte sein Erröten, und ihr kam der Gedanke, daß er doch wohl kein so gefühlloses Tier sein konnte, wie sie es sich ausgemalt hatte. Jedenfalls konnte sie sich nicht vorstellen, daß ein Tier überhaupt errötete. Dazu amüsierte sie sich über die Tatsache, daß er nicht einmal die Gewandtheit besaß, eine Entschuldigung zu murmeln. Aber die Art und Weise, wie er sie mit den Augen verschlang, war verwirrend. Er starrte sie an, und seine Wangen röteten sich noch mehr.

Stubener hatte ihr unterdessen einen Stuhl geholt, und Pat setzte sich ganz mechanisch auf den seinen.

»Er ist glänzend in Form, gnädiges Fräulein, glänzend in Form«, sagte der Manager. »Stimmt das nicht Pat? Sie haben sich nie im Leben so wohl gefühlt wie jetzt, nicht wahr?«

Das berührte Glendon peinlich. Er runzelte ärgerlich die Brauen, ohne zu antworten.

»Ich habe mir schon lange gewünscht, Ihnen einmal zu begegnen, Herr Glendon«, sagte Fräulein Sangster jetzt. »Ich habe noch nie einen Boxer interviewt, Sie müssen also verzeihen, wenn ich nicht sachverständig mit Ihnen reden kann.«

»Vielleicht wäre es besser, wenn Sie ihn zuerst in der Arbeit sähen«, schlug der Manager vor. »Während er sich umzieht, kann ich Ihnen schon eine ganze Menge über ihn erzählen – auch Neues. Wir wollen Walsh rufen, Pat, er kann ein paar Runden gegen Sie stehen.«

»Nicht zu machen«, knurrte Glendon in rauhem Ton, »nur los mit Ihrem Interview!«

Die Unterhaltung entwickelte sich durchaus unbefriedigend.

Stubener sprach fast die ganze Zeit allein und kam immer mit neuen Vorschlägen, die Maud Sangster beunruhigten und Pat nicht ermunterten.

Sie studierte seine feinen Züge, das klare Blau seiner Augen, das sich scharf vom Weißen abhob, die gut modellierte Adlernase, die festen, keuschen Lippen, die anmutig und doch männlich wirkten und sich in den Mundwinkeln auf eine Art kräuselten, die aber durchaus nicht bösartig wirkte.

Wenn das stimmte, was die Zeitungen schrieben, dann täuschte sein Äußeres, so schloß sie. Vergebens suchte sie an seinen Ohren die unverkennbaren Zeichen des Tieres. Und vergebens versuchte sie in Kontakt mit ihm zu kommen, denn sie verstand zuwenig von Boxern und vom Ring, und sooft sie den Mund öffnete und etwas fragte, war Stubener sofort mit seinen Erklärungen da.

»Dieses Leben als Boxer muß sehr interessant sein«, sagte sie einmal und fügte seufzend hinzu: »Ich wünschte, ich wüßte etwas mehr davon. Sagen Sie mir: Warum kämpfen Sie? – Abgesehen vom Geld, meine ich?«

Diese Bemerkung war dazu berechnet, Stubener von einer Einmischung abzuhalten.

»Macht Ihnen das Boxen Freude? Ist es Ihnen ein Nervenkitzel, sich mit andern Männern zu messen? Ich weiß nicht, wie ich ausdrücken soll, was ich meine, Sie müssen schon Geduld mit mir haben.«

Pat und Stubener begannen gleichzeitig zu sprechen, diesmal aber schnitt Pat seinem Manager das Wort ab.

»Anfangs machte es mir gar keinen Spaß –«

»Wissen Sie, es wurde ihm zu leicht«, warf Stubener ein.

»Später aber«, fuhr Pat fort, »als ich erst mit den besseren Boxern kämpfte, mit den wirklich großen und tüchtigen, die, wie ich fühlte, mehr –«

»Ihrer würdiger waren«, half sie ihm.

»Ja, das ist richtig – die meiner würdiger waren, da merkte ich, daß es mir Freude machte ... viel Freude sogar. Aber ich bin doch nicht so mit meinem ganzen Herzen dabei, wie ich es wohl sein sollte.

Wissen Sie, obwohl jeder Kampf eine Art Problem ist, das ich mit Hilfe meines Verstandes und meiner Muskeln zu lösen habe, so bin ich mir über den Ausfall doch nie im Zweifel.«

»Er hat noch nie einen Kampf gehabt, der mit einem Punktsieg endete«, erklärte Stubener. »Er hat immer durch k. o. gesiegt.«

»Und diese Sicherheit über den Ausgang macht es wohl, daß ich nie das fühle, was wohl gerade das schönste am Boxen ist«, schloß Pat.

»Na, vielleicht werden Sie etwas von dieser Spannung fühlen, wenn Sie erst gegen Jim Hanford antreten«, sagte der Manager.

Pat lächelte, sagte aber nichts.

»Erzählen Sie mir noch etwas«, drang sie in ihn. »Noch etwas über Ihre Gefühle beim Kämpfen.«

Und da setzte Pat seinen Manager, Fräulein Sangster und sich selbst in Erstaunen, indem er heraussprudelte:

»Mir scheint, ich habe keine Lust mehr, mit Ihnen über diese Dinge zu reden. Mich dünkt, es gibt etwas Wichtigeres für uns beide zu reden. Ich –«

Er brach plötzlich ab, da er gewahr wurde, was er sagte, ohne eigentlich zu wissen, warum er es tat.

»Ja«, rief sie eifrig, »Sie haben recht. Darauf kommt es an, wenn man ein gutes Interview haben will – auf das rein Persönliche, wissen Sie.«

Aber Pat blieb stumm, und Stubener begann Maße und Gewicht seines Meisterboxers mit denen Sandows, des furchtbaren Türken, Jeffries' und der andern starken Männer der Gegenwart zu vergleichen.

Das interessierte Maud Sangster nur wenig, und sie zeigte deutlich, daß sie sich langweilte. Ihr Blick fiel zufällig auf die Sonette. Sie nahm das Buch vom Tisch und sah Stubener fragend an.

»Es gehört Pat«, sagte er. »Er interessiert sich für das Zeug, auch für Farbenphotographie, für Kunstausstellungen und dergleichen. Aber um Gottes willen, schreiben Sie nichts darüber. Das würde seinen Ruf einfach vernichten.«

Sie blickte Glendon tadelnd an, der sogleich verlegen wurde. Das freute sie. Dieser verlegene junge Mann mit dem Körper eines Riesen, ein König der Boxer, las Gedichte, besuchte Kunstausstellungen und beschäftigte sich mit Farbenphotographie. Soviel war sicher: Es war nichts von einem Höllenbiest an ihm. Jetzt empfand sie, daß seine Zurückhaltung Empfindlichkeit und nicht Dummheit war. Die Shakespeareschen Sonette! Einige Minuten später eröffnete sie ganz unbewußt den Hauptangriff.

Die starke Anziehung, die sie gleich am Anfang gefühlt hatte, meldete sich jetzt, da sie die Sonette entdeckt hatte, von neuem. Seine prachtvolle Gestalt, sein hübsches Gesicht, die reinen Linien, die klaren Augen, die feine, von dem kurzgeschnittenen Haar nicht bedeckte Stirn, der Duft von körperlichem Wohlbefinden und von Sauberkeit, der ihn zu umwehen schien – das alles wirkte auf sie, wie nie ein Mann auf sie gewirkt hatte.

Und doch spukte in ihrem Kopf immer noch ein häßliches Gerücht, das sie gestern in der Redaktion des »Courier-Journal« gehört hatte.

»Sie haben recht«, sagte sie. »Es gibt Wichtigeres, über das wir reden können. Etwas, das mir am Herzen liegt, und das ich Sie bitten möchte, mir zu sagen. Haben Sie etwas dagegen?«

Pat schüttelte den Kopf.

»Darf ich aufrichtig sein – unangenehm aufrichtig? Ich habe die Leute manchmal von eigentümlichen Kämpfen und Wetten reden gehört, und wenn ich damals auch nicht besonders darauf achtete, so schien es mir doch, und es wurde mir ganz bestimmt versichert, daß mit dem Sport ein gut Teil Schwindel und Betrug verbunden wäre.

Wenn ich Sie aber jetzt sehe, so kann ich schwer begreifen, daß Sie solche Schiebungen mitmachen können. Ich verstehe Ihre Liebe zum Sport und verstehe auch, daß das Geld, welches er Ihnen einbringt, viel für Sie bedeutet, was ich aber nicht verstehen kann, ist –«

»Da gibt es nichts zu verstehen«, beeilte sich Stubener einzuwerfen, während Pats Lippen sich zu einem sanften, nachsichtigen Lächeln kräuselten. »Das sind alles Märchen, diese Geschichten von Verstellung, von verabredeten Kämpfen und solchen Schiebungen. Es ist nichts Wahres daran, gnädiges Fräulein, das kann ich Ihnen versichern.

Und jetzt lassen Sie mich Ihnen erzählen, wie ich Herrn Glendon entdeckte. Ich bekam einen Brief von seinem Vater –«

Aber Maud Sangster wollte sich nicht ablenken lassen, und sie wandte sich an Pat selbst.

»Hören Sie. Ich entsinne mich namentlich eines Falles. Es war ein Kampf, der vor einigen Monaten stattfand, ich weiß nicht mehr, zwischen wem. Einer der Redakteure des »Courier-Journal« sagte mir, daß er viel dabei gewinnen wolle. Er sagte nicht ›hoffe‹, er sagte ›wolle‹. Er sagte, daß er zu den Eingeweihten gehöre und daß er auf die Zahl der Runden wette. Er sagte voraus, daß der Kampf in der neunzehnten Runde enden würde.

Es war am Abend vor dem Kampf, und am nächsten Tage machte er mich triumphierend darauf aufmerksam, daß der Kampf eben in der neunzehnten Runde beendet worden war.

Ich habe damals nicht weiter über die Sache nachgedacht, ich interessierte mich ja nicht für Boxen. Aber jetzt tue ich es. Damals kam mir die Sache ganz natürlich vor, so wenig verstand ich davon.

Aber sagen Sie, das sind doch alles Märchen, nicht wahr?«

»Ich weiß, welchen Kampf Sie meinen«, sagte Glendon. »Es war der zwischen Owen und Murgweather. Und es stimmt, daß er in der neunzehnten Runde endete, Sam. Und jetzt hören Sie, daß Fräulein Sangster das schon am Tage vorher wußte – wie können Sie das erklären, Sam?«

»Wie soll man erklären, daß jemand in der Lotterie ein Gewinnlos zieht?« sagte der Manager ausweichend, während er sich den Kopf zerbrach, wie er antworten sollte. »Die Sache ist so: Leute, die die Form der Boxer, die Sekundanten und die Regeln sehr genau studieren, können oft die Zahl der Runden, die ein Kampf dauern wird, richtig voraussagen, genau wie man in einem Rennen gerade auf das richtige Pferd unter hundert tippen kann.

Und vergessen Sie eines nicht: Auf jeden, der gewinnt, kommt ein anderer, der verliert – ein anderer, der nicht die richtige Nummer gezogen hat. Gnädiges Fräulein, ich versichere Ihnen auf Ehre, daß es Schwindel und Schiebungen im Boxsport einfach – einfach nicht gibt.«

»Und wie ist Ihre Meinung, Herr Glendon?« fragte sie.

»Genau wie meine«, kam Stubener ihm mit der Antwort zuvor. »Er weiß, daß ich die Wahrheit spreche – Wort für Wort. Er hat immer nur ehrlich gekämpft. Stimmt das nicht, Pat?«

»Ja, das stimmt«, versicherte Pat, und am sonderbarsten erschien es Maud Sangster, daß sie von der Wahrheit seiner Worte überzeugt war.

Sie strich sich mit der Hand über die Stirn, als wolle sie die Verwirrung verscheuchen, die ihr Gehirn beschattete.

»Hören Sie«, sagte sie. »Derselbe Redakteur erzählte mir gestern abend auch, Ihr bevorstehender Kampf wäre in allen Einzelheiten so gut arrangiert, daß sogar die Runde feststünde, in der er enden solle.«

Stubener wußte vor Schrecken nicht, was er sagen sollte, aber Pat enthob ihn einer Antwort.

»Dann lügt der Redakteur«, sagte er und hob zum ersten Male die Stimme.

»Das wäre das erste Mal. Bei den andern Kämpfen stimmte es, was er sagte«, antwortete sie herausfordernd.

»In welcher Runde, sagte er, würde mein Kampf mit Nat Powers enden?«

Ehe Maud Sangster antworten konnte, ergriff Stubener wieder das Wort.

»Ach, kümmern Sie sich nicht darum, Pat!« rief er. »Das ist ja nur das übliche Gerede. Lassen Sie uns weitermachen mit dem Interview!«

Aber Glendon beachtete ihn nicht. Seine Augen, die in die ihren blickten, waren nicht mehr von einem sanften Blau, sondern hart und gebieterisch.

Jetzt war sie sicher, auf etwas Bedeutungsvolles gestoßen zu sein, auf etwas, das alles, was sie verwirrte, erklären würde. Gleichzeitig durchschauerte sie die Kraft seiner Stimme und seines Blicks.

Hier vor ihr stand ein Mann, der das Leben packen und aus ihm herausschütteln konnte, was er wollte. »Welche Runde sagte der Redakteur?« wiederholte Glendon.

»Zum Donnerwetter, Pat, so hören Sie doch auf mit dem Unsinn«, mischte Stubener sich wieder ein.

»Ich wünschte, Sie gäben mir eine Möglichkeit zu antworten«, sagte Maud Sangster.

»Ich glaube wirklich, daß ich imstande bin, mit Fräulein Sangster zu reden«, fügte Glendon hinzu. »Gehen Sie nur, Sam. Gehen Sie und nehmen Sie sich des Photographen an.«

Sie blickten sich einen Augenblick schweigend an, dann ging der Manager zögernd zur Tür und öffnete sie. Er wandte den Kopf, um besser zu hören.

»Und jetzt sagen Sie bitte: welche Runde nannte er?«

»Ich hoffe, daß ich nicht irre«, sagte sie unsicher, »aber ich glaube bestimmt, daß er die sechzehnte Runde sagte.«

Sie sah, wie sich plötzlich Überraschung und Zorn in Glendons Gesicht zeigten, und Zorn und Anklage galten seinem Manager. Jetzt wußte sie, daß ihr Schlag getroffen hatte.

Und sein Zorn war auch begründet. Er hatte den Kampf mit Stubener besprochen, und sie hatten sich dahin geeinigt, daß sie den Zuschauern etwas für ihr Geld geben wollten, ohne doch den Kampf allzusehr in die Länge zu ziehen. Deshalb sollte er in der sechzehnten Runde enden. Und nun kam eine Dame von der Zeitungsredaktion und nannte eben diese Runde.

Stubener stand blaß und verlegen in der Tür.

»Mit Ihnen rede ich später«, sagte Pat zu ihm. »Machen Sie die Tür hinter sich zu.«

Die Tür wurde geschlossen, und jetzt waren sie allein.

Glendon sagte nichts. Seine Miene drückte deutlich Unruhe und Erstaunen aus.

»Nun?« fragte sie.

Sie hoch überragend stand er da. Dann setzte er sich wieder und befeuchtete sich die Lippen mit der Zunge.

»Ich will Ihnen etwas sagen«, meinte er schließlich. »Der Kampf wird nicht in der sechzehnten Runde enden.«

Sie sagte nichts, aber ihr ungläubiges, spöttisches Lächeln verletzte ihn.

»Warten Sie ab, Fräulein Sangster, und Sie werden sehen, daß der Redakteur sich irrt.«

»Sie meinen, das Programm wird geändert?« fragte sie dreist.

Er zuckte unter diesen scharfen Worten zusammen.

»Ich pflege nicht zu lügen«, sagte er steif, »vor allem nicht Frauen gegenüber.«

»Das tun Sie ja auch gar nicht. Sie leugnen nicht einmal, daß das Programm geändert wird. Ich bin vielleicht ein bißchen schwer von Begriff, Herr Glendon, aber ich kann nicht einsehen, welchen Unterschied es ausmacht, in welcher Runde der Kampf endet, wenn es doch vorausbestimmt und bekannt ist.«

»Ich will Ihnen die Runde nennen, und keine andere Menschenseele soll es wissen.«

Sie zuckte die Achseln und lächelte.

»Das klingt ja fast wie ein Renntip. Die werden immer so gegeben, wie ich weiß. Ganz so dumm bin ich nun doch nicht, und ich weiß, daß hier etwas nicht stimmt. Warum wurden Sie böse, als ich die Runde nannte? Warum waren Sie auf Ihren Manager böse? Warum haben Sie ihn fortgeschickt?«

Statt zu antworten trat Glendon ans Fenster, als wolle er hinausschauen.

Dann änderte er plötzlich seinen Entschluß und wandte sich halb zu ihr um, und ohne daß sie es sah, wußte sie, daß er jetzt ihr Gesicht betrachtete. Dann ging er wieder auf seinen Platz zurück und setzte sich.

»Sie sagen, ich hätte Sie nicht belogen, Fräulein Sangster, und Sie haben recht. Ich habe es nicht getan.«

Er machte eine Pause, in der er krampfhaft nach Worten suchte.

»Wollen Sie nicht versuchen zu glauben, was ich Ihnen jetzt sagen werde? Wollen Sie sich auf das Wort eines – Boxers verlassen?«

Sie nickte ernst und sah ihm in die Augen, überzeugt, daß er jetzt die Wahrheit sagen würde.

»Ich habe immer ehrlich und anständig gekämpft. Ich habe nie im Leben unsauberes Geld angerührt, nie einen unsauberen Trick ausgeübt.

Das möchte ich zunächst feststellen.

Sie haben mir durch das, was Sie erzählten, einen gehörigen Schrecken eingejagt. Ich weiß gar nicht, was ich davon halten soll. Aber es sieht sehr verdächtig aus. Das ist es, was mich quält. Denn sehen Sie, Stubener und ich haben den Kampf besprochen, daß ich in der sechzehnten Runde Schluß machen soll.

Und jetzt kommen Sie und erzählen es mir. Woher wußte der Redakteur es? Von mir nicht. Stubener muß es sich haben entschlüpfen lassen ... es sei denn ...«

Er schwieg einen Augenblick, um nachzudenken. »Es sei denn, der Redakteur hätte es zufällig geraten. Ich kann nicht klug daraus werden. Da ist nichts zu machen, als die Augen offenzuhalten und abzuwarten. Jedes Wort, das ich Ihnen gesagt habe, ist wahr. Hier meine Hand darauf!«

Wieder stand er auf, daß er sie in seiner vollen Größe überragte.

Ihre kleine Hand wurde von seiner großen, der sie auf halbem Wege entgegenkam, ergriffen, und nachdem sie sich offen und ehrlich in die Augen geblickt hatten, sahen beide unbewußt auf die einander umschließenden Hände nieder.

Sie fühlte, daß sie sich ihrer Weiblichkeit noch nie so bewußt gewesen war wie in diesem Augenblick. Diese Erkenntnis kam ihr in derselben Sekunde, in der ihre weiche, zarte Hand den Druck seiner kräftigen, männlichen spürte.

Glendon brach das Schweigen zuerst.

»Wie leicht könnte ich sie zerbrechen«, sagte er, und im selben Augenblick fühlte sie, wie sein harter Griff sich lockerte und fast liebkosend sanft wurde.

Sie erinnerte sich der Vorliebe eines alten preußischen Königs für Riesen und lachte über diese ungereimte Gedankenverbindung, während sie ihm die Hand entzog.

»Ich freue mich, daß Sie heute kamen«, sagte er.

Dann wurde er verlegen und sagte schnell – und seine Worte widersprachen der warmen Bewunderung, die aus seinen Augen leuchtete:

»Ich meine, weil Sie mir vielleicht die Augen geöffnet haben.«

»Sie haben mich wirklich überrascht«, behauptete sie. »Sie müssen ganz anders als andere Boxer sein.«

Er nickte.

»Es war nicht schwer, mich an der Nase herumzuführen. Das heißt, es soll sich erst zeigen, ob man das getan hat. Jetzt will ich es nämlich selbst herauskriegen, wissen Sie.«

»Und es ändern?« fragte sie fast tonlos, völlig überzeugt, daß er imstande war, alles zu tun, was er sich vornahm.

»Nein, Schluß machen«, antwortete er. »Wenn es kein ehrliches Spiel ist, will ich nichts mehr damit zu tun haben.

Und soviel ist sicher: Dieser Kampf mit Nat Power wird nicht in der sechzehnten Runde enden. Wenn die Äußerung des Redakteurs wirklich begründet ist, dann sollen sie diesmal alle angeführt werden. Das werden Sie sehen.«

»Und ich darf dem Redakteur nichts davon erzählen?«

Sie war aufgestanden und schickte sich zum Gehen an.

»Auf keinen Fall! Wenn er nur geraten hat, so lassen Sie ihm seine Chance. Wenn was faul an der Geschichte ist, dann verdient er es, seine Wette zu verlieren.

Es soll ein kleines Geheimnis zwischen uns beiden sein. Ich will Ihnen sagen, was ich tue: Ich lasse den Kampf nicht bis zur zwanzigsten Runde dauern, sondern erledige Nat Powers in der achtzehnten.«

»Und ich werde keinem etwas davon verraten«, versicherte sie ihm.

»Ich möchte Sie um einen Gefallen bitten«, sagte er zögernd. »Vielleicht ist es ein großer Gefallen, den Sie mir erweisen können.«

Ihre Miene drückte eine Fügsamkeit aus, als hätte sie schon alles bewilligt, und er fuhr fort:

»Ich bin selbstverständlich überzeugt, daß Sie in Ihrem Interview nichts von unserer Verabredung erwähnen werden. Aber ich gehe noch weiter. Ich möchte, daß Sie überhaupt nicht schreiben.«

Sie sah ihn mit einem forschenden Blick ihrer grauen Augen an und war beinahe selbst erstaunt über die Antwort, die sie ihm gab.

»Gewiß«, sagte sie. »Es wird nichts veröffentlicht. Ich werde nicht eine Zeile darüber schreiben.«

»Das wußte ich«, sagte er einfach.

Einen Augenblick war sie enttäuscht, daß sie keinen Dank empfing, gleich darauf aber freute sie sich darüber, daß er ihr nicht gedankt hatte.

Sie fühlte, daß er sich in dieser Stunde, die er mit ihr verbrachte, eine ganz neue Grundlage schuf, und es drängte sie, alles zu erfahren.

»Wie konnten Sie das wissen?« fragte sie.

»Das weiß ich nicht.« Er schüttelte den Kopf. »Erklären kann ich es nicht. Aber mir ist, als wüßte ich vieles über Sie und mich.«

»Aber warum soll ich das Interview nicht veröffentlichen? Wie Ihr Manager sagt, ist es doch eine gute Reklame?«

»Das weiß ich«, antwortete er langsam. »Aber ich möchte Sie nicht auf diese Weise kennen. Ich glaube, es würde mir weh tun, wenn Sie es veröffentlichten. Ich möchte Sie nicht von der geschäftlichen Seite kennenlernen. Ich möchte mich an diese Unterredung am liebsten erinnern als an eine Unterredung zwischen einem Mann und einer Frau. Ich weiß nicht, ob Sie verstehen, was ich meine. Aber so fühle ich nun einmal. Ich möchte es in der Erinnerung behalten als etwas, das zwischen Mann und Frau vorging.«

Und während er sprach, lag in seinen Augen alles, was ein Mann auszudrücken vermag, wenn er eine Frau anblickt.

Sie fühlte seine Kraft und seinen Willen und merkte, daß sie nichts sagen konnte. Sie war verlegen vor diesem Manne, von dem sie gehört hatte, daß er schweigsam und verlegen sei. Wenn ein Mann überzeugend zu reden verstand, so war er es.

Er begleitete sie zu ihrem Wagen, und es durchzuckte sie noch einmal, als er sich verabschiedete. Ihre Hände trafen sich, und er sagte:

»Eines Tages sehe ich Sie wohl wieder. Ich möchte Sie wiedersehen. Irgendwie habe ich das Gefühl, daß das letzte Wort zwischen uns noch nicht gefallen ist.«

Und als der Wagen fortrollte, bemerkte sie bei sich selber ein ähnliches Gefühl. Sie hatte diesen sehr beunruhigenden Pat Glendon, den König der Boxer, nicht zum letztenmal gesehen.

Als Glendon wieder den Trainingsraum betrat, stieß er auf seinen bestürzten Manager.

»Warum haben Sie mich hinausgeworfen?« fragte Stubener. »Wir sind fertig miteinander. Sie haben was Schönes angerichtet. Sie sind noch nie mit einem Reporter allein gewesen, und jetzt werden Sie ja sehen, was herauskommt.«

Glendon, der ihn kühl, aber belustigt betrachtet hatte, machte Miene, ihn stehenzulassen, dann aber änderte er seinen Entschluß und sagte:

»Gar nichts kommt dabei heraus.«

Stubener sah ihn scharf an.

»Ich bat sie, nichts zu schreiben«, erklärte Glendon.

Da konnte Stubener sich nicht länger beherrschen.

»Als ob sie sich einen solchen Bissen entgehen ließe!«

Glendon wurde noch kälter, und seine Stimme klang hart und schneidend.

»Es wird nichts veröffentlicht. Das hat sie gesagt. Und daran zu zweifeln, hieße sie zur Lügnerin stempeln.«

Die irische Flamme loderte in seinen Augen, und Stubener, der es sah und der auch bemerkte, wie beide Fäuste sich vor Zorn ballten, Stubener, der die Kraft dieser Fäuste und auch den Mann, der ihm gegenüberstand, kannte, wagte nicht mehr zu zweifeln.

 

VII

Stubener brauchte nicht lange, um herauszufinden, daß Glendon die Absicht hatte, die Entscheidung des Kampfes hinauszuschieben, wenn er auch trotz allen Versuchen nicht die Zahl der Runden feststellen konnte.

Er verlor jedoch keine Zeit, sondern traf entsprechende Verabredungen mit Nat Powers und dessen Manager. Powers hatte ein treues Gefolge von Wettenden, und dieses Wettsyndikat durfte nicht um seine Ernte gebracht werden.

Kaum hatte Maud Sangster Platz genommen, als tosender Beifall den Eintritt Nat Powers verkündete. Er kam zwischen seinen Sekundanten durch den Mittelgang, und sie erschrak beinahe über seinen mächtigen Körperbau. Aber er sprang so leicht wie ein Mann, der nur halb so viel wog, über die Seile und lachte zufrieden, als das Haus ihn geräuschvoll begrüßte.

Er war nicht schön. Seine Blumenkohlohren zeugten deutlich von seinem Beruf und dessen Brutalität, und seine Nase war so oft gebrochen und breitgequetscht, so daß sie schließlich allen Bemühungen der Ärzte trotzte, ihre ursprüngliche Form wiederherzustellen.

Ein neues Tosen begrüßte die Ankunft Glendons, und sie betrachtete ihn genau, als er durch die Seile kletterte und sich in seine Ecke des Ringes begab.

Aber erst als die langweilige Vorstellung und die Bekanntgabe der Kampfregeln sowie der Herausforderung vorüber war, warfen beide Männer ihre Mäntel ab und standen einander fast nackt gegenüber.

Von oben wurde jetzt der scharfe, weiße Schein vieler elektrischer Lampen auf sie gerichtet, um die Filmaufnahmen zu ermöglichen. Und als sie jetzt die zwei so verschiedenartigen Männer betrachtete, fühlte sie, daß von den beiden Glendon der Mensch, Powers aber das Höllentier war.

Jeder war auf seine Art eine auffallende Erscheinung, Glendon rein von Gestalt und Zügen, harmonisch und von kraftvoller Schönheit. Powers unsymmetrisch, derb gebaut und stark behaart.

Als sie ihre Stellungen vor den Aufnahmeapparaten einnahmen, schweifte Glendons Blick über den Ring hinaus und blieb auf ihrem Gesicht haften, und wenn er sich auch nichts merken ließ, so wußte sie doch, daß er sie erkannt hatte.

Im nächsten Augenblick ertönte der Gong, der Ansager rief »Los!« und der Kampf hatte begonnen.

Es war ein schöner Kampf. Es floß kein Blut, alles ging glatt, und beide Boxer erwiesen sich als sehr tüchtig. Die erste Hälfte der ersten Runde benutzte jeder, um die Taktik des andern herauszufinden, aber für Maud Sangster waren diese Finten und die leisen Berührungen der Boxhandschuhe in hohem Maße nervenerregend.

Powers kämpfte leicht und sauber, wie es sich für den Helden zahlreicher Kämpfe gehörte, und immer wieder erntete seine Gewandtheit den Beifall der bewundernden Zuschauer.

Dennoch entfaltete er seine volle Kraft nur, wenn er sich hin und wieder in der Klemme befand, und dann sprang das Publikum auf in der irrigen Annahme, daß er jetzt seinen Gegner erledigen würde.

In einem solchen Augenblick – ihr ungeübtes Auge konnte nicht erkennen, daß Glendon in Wirklichkeit jedem ernsthaften Treffer auswich – wandte sich der Redakteur zu ihr und sagte:

»Der junge Pat wird schon siegen. Er ist der kommende Mann und nicht aufzuhalten. Aber er wird in der sechzehnten Runde siegen, nicht eher.«

»Oder später?« fragte sie.

Sie hätte fast darüber gelacht, wie sicher ihr Begleiter in seinem Irrtum war. Sie wußte es besser.

Powers war dafür bekannt, daß er seinen Gegner Runde auf Runde durch den Ring jagte, und Glendon ging willig darauf ein.

Er verteidigte sich bewundernswert, und er war gerade angriffslustig genug, um das Interesse des Publikums für den Kampf zu steigern.

Obwohl Powers wußte, daß er dazu bestimmt war, zu verlieren, hatte er doch eine zu große Erfahrung im Ring, als daß er gezögert hätte, seinen Gegner zu werfen, wenn sich die Gelegenheit geboten hätte. Durch Bestechungen nach beiden Seiten war er so oft angeführt worden, daß er keine Rücksicht kannte. Wenn er die Möglichkeit hatte, wollte er siegen, und wenn das ganze Syndikat aufflog.

Dank einer geschickten Propaganda in der Presse war die Anschauung verbreitet worden, daß der junge Pat Glendon jetzt endlich seinen Meister gefunden hätte. Aber Powers wußte selber gut, daß er einem Besseren gegenüberstand. Mehr als einmal fühlte er im Infighting, daß sein Gegner weit größere Kraft in die Schläge legen konnte, wenn er nur wollte.

Für Glendon seinerseits gab es manchen Augenblick, da ein Ausgleiten oder eine falsche Abschätzung ihn einem der Schmiedehammerschläge des andern ausgesetzt haben würde, der den Kampf entschieden hätte.

Aber er besaß die fast wunderbare Fähigkeit, Zeit und Entfernung stets richtig zu beurteilen, und sein Selbstvertrauen wurde selbst in den gefahrvollsten Augenblicken nicht erschüttert. Er war noch nie besiegt, noch nie für die Zeit auf die Bretter geschickt worden und war seinem Gegner immer so entschieden überlegen gewesen, daß er sich die Möglichkeit einer Niederlage gar nicht vorstellen konnte.

Am Ende der fünfzehnten Runde waren beide Kämpfenden immer noch frisch, aber Powers atmete doch ein bißchen schwer, und es gab schon Leute in den vordersten Reihen, die Wetten darauf anboten, daß er bald ausgepumpt sein würde.

Kurz bevor aber der Gong die sechzehnte Runde verkündete, beugte sich Stubener auf seinem Platz an der Ecke Glendons vor und flüsterte:

»Werden Sie ihn jetzt erledigen?«

Glendon warf den Kopf in den Nacken, schüttelte den Kopf und lachte seinem Manager spöttisch in das erschrockene Gesicht.

 

Glendon sah zu seinem Erstaunen, wie Powers im selben Augenblick, als der Gong ertönte, auf ihn losfuhr.

Von der ersten Sekunde an war der Kampf ein Orkan, und Glendon hatte Mühe zu vermeiden, daß er ernstlich getroffen wurde. Er blockte, clinchte, duckte sich und tanzte seitwärts, wurde rückwärts gegen die Seile gestoßen und begegnete, als er wieder vorrückte, neuen wilden Attacken.

Mehr als einmal sah er, daß Powers sich eine Blöße gab, aber er unterließ es, den Blitz zu schleudern, der seinen Gegner niedergestreckt hätte. Er hielt den Schlag zurück in der Absicht, ihn erst zwei Runden später auszuteilen. Während des ganzen Kampfes hatte er noch nicht ein einziges Mal gezeigt, was er konnte, oder mit seiner ganzen Kraft geschlagen.

Zwei Minuten lang ließ Powers unaufhörlich seine Schmiedehammerfäuste auf ihn niederprasseln. Noch eine Minute, und das Wettsyndikat hatte eine empfindliche Niederlage erlitten!

Aber der Kampf sollte nicht bis zum Ende dieser Minute dauern.

Sie standen mitten im Ring, in einem ganz gewöhnlichen Clinch, nur daß Powers immer noch auf seine brutale Art und Weise auf ihn losschlug. Glendon führte einen leichten Schlag mit dem gebeugten linken Arm seitwärts gegen das Gesicht seines Gegners, einen Schlag, wie er ihn ähnlich schon mehrmals im Laufe des Kampfes erteilt hatte.

Da merkte er zu seinem Erstaunen, daß Powers in seinen Armen erschlaffte. Die Beine vermochten das Gewicht des Mannes nicht mehr zu tragen, und er sank, wie von einer schweren Last niedergedrückt, zu Boden.

Er fiel schwer auf den Boden, rollte halb auf die Seite und blieb unbeweglich und mit geschlossenen Augen liegen.

Der Schiedsrichter beugte sich über ihn und zählte. Bei »neun« durchfuhr ein Zittern den Körper Powers, und es hatte den Anschein, als versuche er vergebens, wieder auf die Füße zu kommen. »Zehn – aus!« rief der Schiedsrichter.

Er ergriff die Hand Glendons und hob sie hoch, um dem tosenden Publikum zu zeigen, daß er der Sieger war.

Zum erstenmal in seinem Leben stand Glendon ganz betäubt im Ring.

Es war kein entscheidender Schlag gewesen, darauf hätte er seinen Kopf setzen können. Der Schlag hatte nicht einmal das Kinn, sondern nur die Backe getroffen, er konnte genau die Stelle angeben. Und doch war der Mann erledigt.

Er hatte eine schändliche Komödie aufgeführt und war ausgezählt worden. Wie er zu Boden gegangen war, das hatte er meisterhaft und überzeugend gemacht. Für das Publikum gab es keinen Zweifel, daß es ein richtiger Knockout gewesen war, und die Filmkamera würde die Lüge fortführen. Der Redakteur hatte also den Schwindel vorausgesagt, und ein gemeiner Schwindel war es wahrhaftig.

Glendon warf einen schnellen Blick über die Seile hinweg auf das Gesicht Maud Sangsters. Sie sah ihn gerade an, aber ihr Blick war kalt und hart, verriet kein Wiedererkennen und war völlig ausdruckslos. Während er sie noch ansah, wandte sie sich zu ihrem Nachbarn und sagte etwas zu ihm.

Powers wurde von seinen Sekundanten in seine Ringecke getragen, scheinbar das kraftlose Wrack eines Menschen.

Glendons Sekundanten kamen, um ihn zu beglückwünschen und ihm die Handschuhe auszuziehen. Aber Stubener kam ihnen zuvor. Sein Gesicht strahlte, als er Glendons Rechte mit seinen beiden Händen umschloß und rief:

»Sie sind ein Prachtjunge, Pat! Ich wußte ja, daß Sie es tun würden.«

Glendon zog die Hand im Handschuh zurück. Und zum erstenmal in all den Jahren, die er ihn kannte, hörte sein Manager ihn fluchen.

»Gehn Sie zum Teufel!« sagte er, kehrte ihm den Rücken und hielt seinen Sekundanten die Hände hin, um sich die Handschuhe ausziehen zu lassen.

 

VIII

An dem Abend, als Maud Sangster den Redakteur so entschieden hatte aussprechen hören, daß es nicht einen anständigen Berufsboxer gäbe, saß sie einen Augenblick still weinend auf ihrem Bettrand, dann wurde sie zornig und legte sich nieder, wütend auf sich selbst, auf alle Boxer und die ganze Welt.

Am nächsten Nachmittag begann sie ein Interview auszuarbeiten, das sie mit Henry Addison gehabt hatte, das sie aber nie fertigschreiben sollte.

Sie saß in dem Zimmer, das ihr in der Redaktion des »Courier-Journal« angewiesen worden war, als es geschah. Sie hatte gerade eine Pause im Schreiben gemacht, um eine Überschrift in der Nachmittagsausgabe zu betrachten, die besagte, daß Glendon jetzt mit Tom Cannam kämpfen sollte, als einer von den Laufjungen ihr eine Karte brachte. Es war die Glendons.

»Sag ihm, daß ich nicht zu sprechen bin«, sagte sie zu dem Jungen.

Eine Minute später war er wieder da.

»Er sagt, er würde auf jeden Fall hereinkommen, aber lieber mit Ihrer Erlaubnis.«

»Hast du ihm nicht gesagt, daß ich keine Zeit habe?« fragte sie.

»Ja, Fräulein, aber er sagte, er käme doch herein.« Sie antwortete nicht, und der Junge, dessen Augen vor Bewunderung für den aufdringlichen Gast funkelten, redete weiter:

»Ich kenne ihn. Er ist ein mächtiger Kerl. Wenn er richtig loslegt, jagt er die ganze Redaktion zum Teufel. Es ist der junge Glendon, der gestern abend den großen Boxkampf gewann.«

»Also gut. Laß ihn kommen. Wir wollen ja nicht, daß er die ganze Redaktion zum Teufel jagt, nicht wahr?«

Sie begrüßten sich nicht, als Glendon eintrat. Sie war kalt und unfreundlich wie ein Regentag und bot ihm weder einen Stuhl an, noch schien sie ihn überhaupt zu erkennen. Halb von ihm abgewandt, saß sie an ihrem Schreibtisch und wartete, daß er sagen sollte, was er wünschte.

Er ließ sich nicht merken, wie diese hochmütige Behandlung ihn berührte, sondern ging gleich auf die Sache los.

»Ich möchte mit Ihnen reden«, sagte er kurz. »Über den Kampf. Er endete nicht in der Runde, die ich Ihnen gesagt hatte.«

Sie zuckte die Achseln.

»Das wußte ich.«

»Das taten Sie nicht«, erwiderte er. »Das taten Sie nicht. Und ich auch nicht.«

Sie drehte sich um und sah ihn offensichtlich gelangweilt an.

»Wozu das?« fragte sie. »Boxen ist Boxen, und wir wissen alle Bescheid damit. Der Kampf endete ja in der Runde, die ich Ihnen vorausgesagt hatte.«

»Das ist richtig«, stimmte er zu. »Aber das konnten Sie nicht wissen. In der ganzen Welt gab es nur zwei Menschen – die wußten, daß Powers nicht in der sechzehnten Runde erledigt werden würde.«

Sie schwieg.

»Ich sage, Sie wußten, daß er nicht in der sechzehnten Runde erledigt werden würde.«

Er sprach gebieterisch, und als sie immer noch schwieg, trat er näher an sie heran.

»Antworten Sie mir«, befahl er.

Sie nickte.

»Aber er wurde es doch«, beharrte sie.

»Er wurde es nicht. Es war doch kein Knockout. Das verstehen Sie nicht? Aber ich will es Ihnen erklären, und Sie werden zuhören.

Ich habe Sie nicht belogen. Ich war ein Esel, und man hat mich angeführt und Sie dazu. Sie meinten einen Knockout zu sehen. Aber der Schlag, den ich landete, war gar nicht hart genug. Er traf ihn auch nicht an der richtigen Stelle. Er tat nur so. Er täuschte einen Knockout vor.«

Er schwieg und sah sie erwartungsvoll an. Und irgendwie durchzuckte sie die Gewißheit, daß sie ihm glauben müsse. Ein warmes Glück durchströmte sie, weil dieser Mann, der ihr doch nichts bedeutete und den sie nur zweimal in ihrem Leben gesehen hatte, reingewaschen vor ihr stand.

»Nun?« fragte er, und wieder zwang er ihr Bewunderung ab.

Sie stand auf und streckte ihm die Hand entgegen. »Ich glaube Ihnen«, sagte sie. »Und ich bin froh darüber, unsagbar froh.«

Der Händedruck dauerte länger, als sie beabsichtigt hatte. Er betrachtete sie mit einem heißen Blick, den sie unbewußt erwiderte. Noch nie hat ein solcher Mann gelebt, dachte sie.

Sie schlug zuerst die Augen nieder, dann tat auch er es, so daß beide, wie früher schon einmal, auf die ineinander ruhenden Hände blickten.

Er machte eine unwillkürliche unbewußte Bewegung auf sie zu, als wolle er sie in seine Arme schließen, dann aber besann er sich plötzlich und hielt sich mit offensichtlicher Anstrengung zurück.

Sie sah es und fühlte den Druck der Hand, die sie zu ihm ziehen wollte. Und zu ihrem Erstaunen merkte sie, daß sie sich ihm gern unterworfen hätte, und spürte einen fast unwiderstehlichen Drang, von diesen starken Armen umschlungen zu werden.

Hätte er sie gezwungen, so würde sie keinen Widerstand geleistet haben, das wußte sie. Sie war ganz benommen, als er sich besann und mit einem Druck, der ihre Finger knacken ließ, ihre Hand fast fortschleuderte.

»Herrgott!« flüsterte er. »Sie sind ja für mich geschaffen!«

Er wandte sich halb von ihr ab und strich sich mit der Hand über die Stirn.

Sie wußte, daß sie ihn ewig gehaßt haben würde, wenn er jetzt eine Entschuldigung oder Erklärung gestammelt hätte. Aber wenn es sich um sie handelte, schien er immer gerade das Richtige zu tun.

Sie ließ sich auf ihren Stuhl sinken, und er setzte sich auf einen andern, den er zuerst so drehte, daß er ihr über die Schreibtischkante hinweg gerade ins Gesicht sah.

»Ich war gestern den ganzen Abend im Türkischen Bad«, sagte er. »Von dort schickte ich nach einem alten, längst erledigten Boxer. Er war seinerzeit mit meinem Vater befreundet gewesen.

Ich wußte, daß es im Sport nichts gab, worüber er nicht Bescheid wußte, und ich ließ mir von ihm erzählen.

Das Lustigste war, daß es mir nur mit Mühe gelang, ihn davon zu überzeugen, daß ich selbst nichts von den Dingen wußte, nach denen ich ihn fragte. Er sagte, ich sei ein Kind aus den Wäldern, und ich glaube, er hat recht. Ich bin in den Wäldern groß geworden und kenne sonst nichts von der Welt.

Wissen Sie, was ein Doppelkreuz ist?«

Sie nickte, und er fuhr fort:

»Na ja, die Leute scheinen nie eine Gelegenheit vorübergehen zu lassen, ohne das Doppelkreuz gegeneinander anzuwenden.

Was mir der Alte erzählte, benahm mir direkt den Atem. Da bin ich nun seit Jahren mitten drin und weiß von nichts. Ich bin wahrhaftig ein Kind aus den Wäldern gewesen.

Aber jetzt sehe ich, wie man mich an der Nase herumgeführt hat. Ich war von Natur so, daß niemand mich aufhalten konnte. Ich mußte siegen, und dank Stubener wurde aller Schwindel von mir ferngehalten.

Und Stubener gebrauchte mich zu all seinen Schiebungen, nur daß ich keine Ahnung davon hatte. Wenn ich jetzt nachdenke, kann ich sehen, wie sie es machten. Ich interessierte mich nicht genug für den Sport, um Verdacht zu schöpfen. Ich bin mit einem starken Körper und einem kühlen Kopf geboren, ich bin in der freien Natur aufgewachsen und von einem Vater erzogen, der mehr vom Boxen verstand als alle andern Lebenden oder Toten. Es wurde mir zu leicht gemacht. Der Ring war nicht mein ein und alles. Es gab für mich ja nie einen Zweifel am Ausfall des Kampfes. Aber jetzt bin ich fertig damit.«

Sie zeigte auf die Überschrift in der Zeitung, die seinen Kampf mit Tom Cannam ankündigte.

»Das ist Stubeners Werk«, erklärte er. »Das ist schon vor Monaten festgesetzt. Aber ich kümmere mich nicht darum. Ich gehe in meine Berge. Ich bin fertig damit.«

»Wie herrisch die Männer doch sind«, sagte sie. »Sie bestimmen das Schicksal, tun, was ihnen beliebt und –«

»Wenn ich recht gehört habe«, unterbrach er sie, »haben Sie auch immer ganz hübsch getan, was Ihnen beliebte. Das gehört ja auch zu den Dingen, die ich so an Ihnen liebe. Und was mir gleich beim erstenmal so auffiel, war, wie gut wir beide uns verstanden.« Er schwieg und betrachtete sie mit heißen Augen.

»Eines habe ich doch dem Boxen zu verdanken«, fuhr er fort. »Es hat mich mit Ihnen bekannt gemacht. Und wenn man die richtige Frau findet, dann ist nur eines zu machen: sie mit beiden Händen zu greifen und nicht wieder loszulassen. Kommen Sie, lassen Sie uns in die Berge gehen!«

Das kam so plötzlich wie ein Donnerschlag, doch fühlte sie, daß sie es erwartet hatte. Ihr Herz pochte, und ihr war, als solle sie auf eine seltsam angenehme Weise ersticken. An Einfalt und Offenherzigkeit konnte sie jedenfalls nicht mehr erwarten.

Und dazu war es wie ein Traum. Solche Dinge pflegten doch sonst nicht in modernen Zeitungsredaktionen zu geschehen. Auf diese Weise konnte man einer Frau doch nicht den Hof machen, das war nur auf der Bühne und in Romanen möglich.

Er hatte sich erhoben und streckte ihr beide Hände entgegen.

»Ich wage es nicht«, flüsterte sie, halb bei sich. »Ich wage es nicht.«

Für einen kurzen Augenblick sah sie es verächtlich in seinen Augen aufblitzen, die aber gleich darauf offene Ungläubigkeit ausdrückten.

»Sie würden alles wagen, was Sie wollten«, sagte er. »Das weiß ich. Hier ist die Frage nicht, ob Sie es wagen, sondern ob Sie wollen. Wollen Sie?«

Sie war aufgestanden und sie wankte. Ihr war, als träume sie. Sie versuchte, sich im Zimmer umzusehen, um mit Hilfe der ihr vertrauten Gegenstände gleichsam sich selbst wiederzufinden und in die Wirklichkeit zurückzukehren, aber sie konnte den Blick nicht von ihm wenden.

Und sie sagte auch nichts.

Er war neben sie getreten. Seine Hand lag auf ihrem Arm, und unwillkürlich lehnte sie sich an ihn. Das war alles ein Teil des Traumes, und sie brauchte nichts mehr zu fragen.

Es war das große Wagnis. Er hatte recht. Sie konnte wagen, was sie wollte, und sie wollte.

Er half ihr in die Jacke. Sie setzte sich den Hut auf. Und erst, als sie neben ihm durch die offene Tür hinausschritt, wurde ihr alles klar.

Im Portal des Gebäudes hob er die Hand, um eine Droschke herbeizuwinken, aber ihre Hand berührte die seine und hielt ihn zurück.

»Wo wollen wir hin?« flüsterte sie.

»Nach der Fähre. Wir können gerade noch den Zug nach Sacramento erreichen.«

»Aber ich kann doch nicht so weggehen«, protestierte sie. »Ich ... ich habe ja nicht einmal ein Taschentuch zum Wechseln.«

Noch ehe er antwortete, hob er wieder die Hand. Dann sagte er:

»In Sacramento kannst du kaufen, was du brauchst. Dort heiraten wir und fahren noch mit dem Abendzug nach dem Norden. Ich ordne alles telegraphisch vom Zuge aus.«

Als das Auto am Bürgersteig vorfuhr, warf sie einen Blick auf die vertraute Straße und das Menschengewimmel, dann wandte sie sich plötzlich erschrocken zu Glendon, sah ihm ins Gesicht.

»Ich kenne Sie ja gar nicht«, sagte sie.

»Wir wissen alles voneinander«, antwortete er.

Sie fühlte, wie sein Arm sie stützte und sie gleichzeitig zwang, den Fuß auf das Trittbrett zu setzen.

Im nächsten Augenblick wurde die Tür zugeschlagen; dann fuhr der Wagen die Market Street hinunter. Er schlang seinen Arm um sie, preßte sie an sich und küßte sie. Und als sie den Mut faßte, ihm ins Gesicht zu sehen, war sie sicher, daß es leise gerötet war.

»Ich ... ich habe gehört, daß Küssen eine Kunst sei«, stotterte er. »Ich selber verstehe nichts davon, aber ich will es lernen. Weißt du, du bist die erste Frau, die ich geküßt habe.«

 

IX

An einer Stelle, wo sich eine zackige Felsspitze über den ungeheuren Urwald erhob, ruhten ein Mann und eine Frau.

Unter ihnen, am Waldessaum, waren zwei Pferde angebunden. Hinter jedem Sattel hing eine kleine Satteltasche. Die Bäume waren von einförmiger Mächtigkeit. Sie ragten Hunderte von Fuß hoch empor und hatten einen Durchmesser von zehn bis zwölf Fuß, ja, viele waren noch bedeutend größer.

Den ganzen Morgen hatten sie sich durch diesen unermeßlichen Wald bis zur Wasserscheide hindurchgearbeitet, und diese Felsspitze hatte ihnen die erste Möglichkeit gegeben, aus dem Walde herauszugelangen, um sich umzuschauen.

Unter ihnen und rings, soweit sie sehen konnten, lag Reihe auf Reihe von Bergen, die in purpurnen Dunst gehüllt waren. Es gab keine Lichtungen in diesen Wäldern; im Norden, Süden, Osten und Westen bedeckten sie unberührt, ununterbrochen das Land mit ihrer mächtigen Wildnis.

Sie lagen da und starrten in die Ferne, ihre Hand in der seinen, denn es waren ihre Flitterwochen, und dies waren die Riesentannenwälder von Mendocino. Von Shasta waren sie mit Pferden und Gepäck durch das wildeste Küstengelände hierher gekommen und hatten keinen anderen Plan als den, die Reise fortzusetzen, bis sie einen neuen Einfall bekamen. Sie trugen derbe Kleidung, sie von der Reise stark mitgenommenen Khaki, er Wollhemd und Overall. Das Hemd ließ den sonnengebräunten Hals frei. Seine Größe machte ihn zum geeigneten Bewohner der riesigen Wälder, während sie, die sie mit ihm bewohnte, ein Abbild des Glücks war.

»Ja, du starker Mann«, sagte sie und stützte sich auf den einen Ellbogen, um ihn anzusehen, »das ist noch herrlicher, als du es mir versprochen hattest. Und alles werden wir miteinander sehen.«

»Und noch ein ganz Teil von der übrigen Welt dazu«, antwortete er und änderte seine Lage, um ihre Hand zwischen seine beiden zu nehmen.

»Aber erst, wenn wir hiervon genug haben«, meinte sie. »Ich glaube, daß ich der großen Wälder nie müde werde ... und deiner auch nicht.«

Er setzte sich ohne Anstrengung auf und schloß sie in seine Arme.

»Oh, du Lieber«, flüsterte sie. »Und ich hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, einen Mann wie dich zu finden.«

»Und ich hatte nicht einmal gehofft. Ich muß wohl immer schon gewußt haben, daß ich dich einmal finden würde. Bist du froh?«

Ihre Antwort war ein sanfter Druck der Hand, die auf seinem Nacken lag, und dann schauten sie lange über die großen Wälder hinaus und träumten.

»Erinnerst du dich, daß ich dir erzählte, wie ich vor der rothaarigen Lehrerin flüchtete? Damals sah ich dieses Land zum erstenmal. Und ich kam zu Fuß hierher, aber vierzig bis fünfzig Meilen täglich waren ein Kinderspiel für mich. Ich war der reine Indianer. Damals wußte ich noch nichts von dir. Jagd gab es nicht viel in diesen Wäldern, aber viele Forellen. Damals rastete ich auch auf diesen Felsen. Aber ich ließ mir nicht träumen, daß ich eines Tages wieder hierherkommen sollte, und mit dir, mit dir.«

»Und daß du Meisterschaftsboxer werden solltest, davon ließest du dir auch nichts träumen«, meinte sie.

»Nein, darüber dachte ich überhaupt nicht nach. Vater hatte mir stets gesagt, daß ich es werden würde, und da nahm ich es als gegeben hin. Du siehst, er war sehr klug. Er war ein großer Mensch.«

»Aber er sah nicht, daß du dem Ring einmal den Rücken kehren würdest.«

»Ich weiß nicht recht. Er gab sich soviel Mühe, die Verderbtheit des Ringes vor mir zu verheimlichen, daß ich fast glaube, er fürchtete es. Ich habe dir ja erzählt, wie er den Kontrakt mit Stubener machte. Vater fügte die Klausel bezüglich der Unredlichkeit ein. Die erste Schiebung, deren mein Manager sich schuldig machte, sollte den Kontrakt ungültig machen.«

»Und doch willst du mit diesem Tom Cannam kämpfen. Ist das der Mühe wert?«

Er warf ihr einen schnellen Blick zu.

»Möchtest du, daß ich es nicht täte?«

»Liebster, ich möchte, daß du alles tust, was du tun möchtest.«

So sprach sie, und während die Worte noch nicht in ihren Ohren verklungen waren, wunderte sie sich, daß sie, eine der eigenwilligsten und unabhängigsten aus dem Geschlecht der Sangster, so gesprochen hatte. Es war die Wahrheit gewesen, und sie freute sich darüber.

»Es wird sehr spaßig werden«, sagte er.

»Aber ich verstehe nicht, was daran spaßig sein kann.«

»Ich habe noch nicht näher darüber nachgedacht. Du könntest mir vielleicht helfen. Erstens möchte ich Stubener und das ganze Wettsyndikat gründlich anführen. Das wird schon ein Spaß sein. Ich werde Cannam in der ersten Runde erledigen. Zum erstenmal in meinem Leben werde ich wirklich böse sein, wenn ich kämpfe. Der arme Tom Cannam muß daran glauben, obgleich er nicht schlimmer als die andern ist.

Weißt du, ich werde eine kleine Rede im Ring halten. Das ist zwar nicht üblich, aber ich werde trotzdem Erfolg damit haben, denn ich will dem Publikum erzählen, wie es in Amerika mit dem Sport hinter den Kulissen aussieht.

An dem Sport ist an sich gar nichts auszusetzen, aber sie machen ein Geschäft daraus, und das verdirbt ihn!«

»Aber, Liebster, du hast doch nie im Leben eine Rede gehalten«, warf sie hin. »Es wird nicht gehen.«

Er schüttelte entschieden den Kopf.

»Ich bin Irländer«, verkündete er, »und hast du je von einem Irländer gehört, der nicht reden konnte?«

»Wir sind ein richtiges dummes Liebespaar«, sagte sie, als er sie aus seinen Armen ließ.

»Ist das nicht großartig!« rief er.

Er stand auf und maß den Stand der Sonne mit den Augen. Dann wies er mit der Hand über die großen Wälder, die die gedrängten purpurnen Berge bedeckten.

»Wir müssen irgendwo dort übernachten. Es sind dreißig Meilen bis zum nächsten Lagerplatz.«

 

X

Wer von all den Sportsleuten, die dabei waren, wird je den denkwürdigen Abend in der Golden-Gate-Arena vergessen, als der junge Glendon Tom Cannam und außerdem noch einen größeren als Tom Cannam ins Land der Träume schickte?

Die Golden-Gate-Arena war neu. Sie war das größte Gebäude dieser Art, das je in San Franzisko errichtet worden war, und dieser Kampf war der erste, der darin abgehalten wurde. Die Arena hatte fünfundzwanzigtausend Plätze, und jeder Platz war besetzt. Aus der ganzen Welt waren Sportsleute hergereist, um dem Kampf beizuwohnen, und hatten fünfzig Dollar für den Platz vorn am Ring bezahlt. Die billigsten Plätze waren für fünf Dollar verkauft worden. Das übliche Beifallsgetöse erhob sich, als Billy Morgan, der Veteran unter den Ansagern, durch die Seile in den Ring kletterte und sein graues Haupt entblößte.

Gerade wollte er den Mund öffnen, um zu reden, als aus einem Abschnitt mit mehreren Sitzreihen ein lautes Krachen ertönte: einige Pfeiler waren zerbrochen, und die Reihen krachten zusammen. Die Menge brach in lautes Lachen aus, drückte den Opfern in scherzhaften Zurufen ihr Beileid aus und erteilte ihnen gute Ratschläge. Niemand war zu Schaden gekommen.

Das Getöse der zusammenbrechenden Bänke und die allgemeine Lustigkeit veranlaßten den wachhabenden Polizeihauptmann, einen beredten Blick mit seinen Leutnants zu wechseln; sie wußten, daß ihnen ein bewegter Abend bevorstand, und daß sie alle Hände voll zu tun bekommen würden.

Sieben starke alte Helden des Rings kletterten nacheinander, mit tosendem Beifall begrüßt, durch die Seile. Es waren lauter frühere Schwergewichts-Weltmeister. Billy Morgan stellte sie dem Publikum vor und begleitete die Vorstellung jeweils durch einige anerkennende Worte.

Einem wurde als dem »Ehrlichen John« und dem »Alten Getreuen« gehuldigt, ein anderer war »der anständigste zweifäustige Kämpfer, den der Ring je gesehen hat«. Und von andern wieder hieß es: »der Held der hundert Kämpfe, der nie aufgab und nie k. o. wurde«, dann »der bravste von der alten Garde« und »der einzige, er je wiederkam«, weiter »der größte aller Krieger« und die »härteste Nuß, die es je im Ring zu knacken gab.«

Alles das nahm Zeit in Anspruch. Jeder von den sieben sollte eine Rede halten, und vor Stolz errötend und verlegen, murmelten oder brummten sie etwas vor sich hin. Die längste Rede hielt der »alte Getreue«, eine Rede, die fast eine Minute dauerte.

Dann sollten sie photographiert werden. Der Ring füllte sich mit Meisterringern, bekannten Trainern, alten Unparteiischen und Schiedsrichtern. Leichtgewichtler und Mittelgewichtler schwirrten umher. Jeder schien alle andern herauszufordern. Nat Powers war erschienen, um einen Revanchekampf von dem jungen Glendon zu verlangen, und wie er, all die andern strahlenden Lichter, die Glendon ausgelöscht hatte.

Sie alle forderten auch Jim Hanford heraus, der, als er sich genötigt sah, Stellung zur Sache zu nehmen, erklärte, daß er den nächsten Kampf mit dem Sieger von heute ausfechten würde.

Und sofort begannen die Zuschauer die Namen zu rufen; die eine Hälfte brüllte »Glendon« und die andere Hälfte »Powers«.

Mitten in diesem Höllenspektakel brachen noch einige Sitzreihen zusammen, und es gab einen heftigen Streit zwischen den Inhabern der zerbrochenen Sitze und den Platzanweisern, weil mehr Karten verkauft waren, als zulässig war. Der Polizeihauptmann schickte nach dem Präsidium und erbat Verstärkung. Das Publikum amüsierte sich glänzend. Als Glendon und Cannam den Ring betraten, konnte man glauben, einer politischen Versammlung beizuwohnen. Beiden wurde gut fünf Minuten lang gehuldigt.

Alle Unbeteiligten hatten unterdessen den Ring verlassen. Glendon setzte sich, von seinen Sekundanten umgeben, in seine Ecke. Wie gewöhnlich saß Stubener direkt hinter ihm.

Cannam wurde zuerst vorgestellt, und nachdem er seine Verbeugungen und Kratzfüße gemacht hatte, mußte er den Zurufen gehorchen, die eine Rede von ihm verlangten.

»Ich bin stolz darauf, daß ich heute hier sein darf«, sagte er, und der donnernde Applaus ließ ihm Zeit nachzudenken, was er weiter sagen sollte. »Ich habe immer ehrlich gekämpft. Das habe ich mein ganzes Leben lang getan. Das wird niemand leugnen können. Und ich werde auch heute mein Bestes tun.«

Laute Rufe erschollen: »Das stimmt, Tom!« Das wissen wir!« »Braver Kerl, der Tom!« »Du wirst schon Gulasch aus ihm machen!«

Dann kam Glendon an die Reihe. Die Zuschauer verlangten auch von ihm, daß er eine Rede halten sollte, obwohl diese Reden im Ring eigentlich etwas ganz Neues waren.

Billy Morgan hob die Hand, um Schweigen zu gebieten, und mit klarer, mächtiger Stimme begann Glendon.

»Alle haben gesagt, daß sie stolz darauf sind, heute hier sein zu können«, sagte er. »Ich bin es nicht.«

Das Publikum war bestürzt, und er ließ seinen Zuhörern Zeit, darüber nachzudenken, was er wohl meine.

»Ich bin nicht stolz auf die Gesellschaft, in der ich mich befinde. Sie wollen eine Rede hören. Schön, Sie sollen eine haben. Dies ist mein letzter Kampf. Dann verlasse ich den Ring für immer. Warum? Das hab' ich Ihnen schon gesagt. Ich befinde mich nicht wohl in dieser Gesellschaft. Es ist faul bis ins Mark hinein, sowohl bei den kleinen Klubs wie bei der Geschichte heute.«

Das anfangs leise Gemurmel war jetzt zu einem Gebrüll angewachsen. Es wurde gezischt und gepfiffen, und viele riefen: »Anfangen!« »Wir sind hergekommen, um den Kampf zu sehen!« »Warum kämpft ihr nicht?«

Glendon, der ruhig abwartete, daß der Lärm sich legen sollte, bemerkte, daß diejenigen, welche am eifrigsten darauf bedacht waren, sein Weiterreden zu verhindern, Unternehmer, Manager und Boxer waren. Vergebens versuchte er wieder zu Worte zu kommen. Die Meinungen des Publikums waren geteilt. Die Hälfte schrie »Anfangen!« Die andere Hälfte: »Weiterreden! Weiterreden!«

Zehn Minuten lang herrschte hoffnungslose Verwirrung.

Stubener, der Schiedsrichter, der Besitzer der Arena und die Veranstalter drangen in Glendon, den Kampf zu beginnen. Als er sich weigerte, erklärte der Schiedsrichter, Cannam den Sieg zusprechen zu wollen, da Glendon sich weigere, mit ihm zu kämpfen.

»Das können Sie nicht«, entgegnete Pat. »Ich werde Sie vor alle Gerichtshöfe des Landes ziehen, wenn Sie das versuchen. Im übrigen, bin ich bereit zu kämpfen. Aber erst, wenn ich mit meiner Rede fertig bin.«

»Aber es ist gegen die Regeln«, protestierte der Schiedsrichter.

»Durchaus nicht. In den Regeln steht kein Wort davon, daß im Ring keine Reden gehalten werden dürfen. Jeder von den alten Boxern, die heute hier sind, hat geredet.«

»Doch nur wenige Worte«, schrie der Unternehmer Glendon ins Ohr. »Aber Sie wollen hier ja einen ganzen Vortrag halten.«

»In den Regeln steht nichts davon, daß man keine Vorträge halten darf«, antwortete Glendon. »Und jetzt macht, daß ihr aus dem Ring kommt, Jungens, oder ich schmeiß euch hinaus.«

Der aufgeregte Unternehmer wurde, soviel er sich auch wehrte, beim Kragen gepackt und über die Seile gehoben. Er war ein großer, schwerer Mann, aber Glendon hatte es so leicht getan, daß das Publikum vor Entzücken tobte.

Glendon trat wieder in die Mitte des Ringes zurück und hob beide Hände.

»Wollt ihr, daß ich rede?« rief er mit donnernder Stimme.

Hunderte, die um den Ring saßen, hörten ihn und riefen:

»Ja!«

»Dann soll jeder, der hören will, den Lärmmacher, der ihm am nächsten sitzt, zum Schweigen bringen!«

Sein Rat wurde befolgt, und als er ihn wiederholte, drang seine Stimme schon mehr durch. Immer wieder rief er es, und allmählich verbreitete sich die Stille vom Ring aus Kreis für Kreis, nur anfangs noch begleitet von einem dumpfen Geräusch von Schlägen und Raufereien: die Lärmmacher wurden von den Umsitzenden zur Ruhe gebracht.

Der Lärm hatte sich fast ganz gelegt, als wieder eine Sitzreihe zusammenbrach – diesmal dicht am Ring. Das Ereignis wurde abermals mit einem brüllenden Lachen begrüßt, und als das Lachen sich legte, konnte man deutlich eine Stimme ganz hinten im Saal hören, die quäkte: »Los, Glendon! Wir halten mit dir!«

Glendon wußte, daß er diese Versammlung, die noch vor fünf Minuten ein wüster Pöbelhaufen gewesen war, jetzt in seiner Hand hatte, und um die Wirkung seiner Worte noch zu erhöhen, machte er eine Pause. Aber diese Pause war gerade lang genug und nicht eine Sekunde zu lang. Dreißig Sekunden lang war die Stille gekommen, und die Menge verharrte in fast ehrfurchtsvollem Schweigen. Dann begann er zu sprechen.

»Wenn ich fertig bin«, sagte er, »werde ich kämpfen. Ich verspreche euch, daß es ein ehrlicher Kampf werden soll, einer von den wenigen ehrlichen Kämpfen, die ihr je gesehen habt. Ich will meinen Gegner besiegen, so schnell ich es kann. Billy Morgan wird euch als Ansager verkünden, daß es ein Kampf auf fünfundvierzig Runden ist. Ich sage euch, daß es eher ein Kampf auf fünfundvierzig Sekunden sein wird.

Als ich unterbrochen wurde, wollte ich euch gerade erzählen, daß im Ring nur mit Schiebung gearbeitet wird.

Ihr seid ahnungslose Säuglinge, ihr alle, die ihr nicht daran verdient. Warum, glaubt ihr, brechen die Sitze heut zusammen? Schwindel. Geschäftsprinzipien – wie beim Boxen selbst.«

Jetzt hatte er das Publikum noch mehr als zuvor in der Hand, und das wußte er.

»Es sind drei Personen auf zwei Sitze gesetzt. Das sehe ich überall. Wie nennt ihr das? Schwindel! Die Platzanweiser kriegen nämlich keinen Lohn. Sie sind auf Schwindel angewiesen. Und ihr bezahlt. Natürlich bezahlt ihr.

Und laßt mich euch sagen, daß die Boxer nicht schuld daran sind. Sie sind es nicht, die das Spiel leiten. Das sind die Unternehmer und die Manager, die sind es, die das Geschäft betreiben. Die Boxer, sind nur Boxer. Sie fangen ganz ehrlich an, aber die Manager und Unternehmer zwingen sie mitzumachen oder jagen sie weg.

›Der beste Mann möge gewinnen!‹ Wie oft habt ihr Billy Morgan das sagen hören! Ich will euch sagen, daß der beste Mann nicht so oft gewinnt, und wenn er es doch tut, ist es meistens doch im voraus abgemacht.

Der Schwindel ist zu mächtig. Wenn eine Handvoll Männer nach drei Kämpfen dreiviertel Millionen Dollar unter sich teilen können, dann –«

Ein Ausbruch wilder Raserei zwang ihn zu schweigen. In dem Geschrei, das von allen Seiten ertönte, konnte er die Rufe unterscheiden: »Was für Millionen?« »Welche drei Kämpfe?« »Erzählen!« »Los!«

»Wollt ihr es hören?« rief Glendon. »Dann sorgt für Ruhe!« Und wieder erzwang er minutenlanges Schweigen.

»Was hat Jim Hanford im Sinn? Welches Programm haben seine Leute mit meinen zusammen aufgestellt? Sie wissen, daß ich ihn besiegen werde; und er selbst weiß es auch. Ich kann ihn in einem einzigen Kampf abtun. Aber er ist Weltmeister. Wenn ich nicht auf das Programm eingehe, geben sie mir nie Gelegenheit, mit ihm zu kämpfen.

Das Programm sieht drei Kämpfe vor. Den ersten soll ich gewinnen. Er findet in Nevada statt, falls San Franzisko ihn nicht zuläßt. Wir werden einen schönen Kampf vorführen. Damit es gut aussieht, wird jeder von uns zwanzigtausend gegen den andern setzen. Das ist ein anständiges Geld, aber die Wette ist nicht anständig. Jeder bekommt seinen eigenen Einsatz wieder. Und mit der Börse wird es ebenso gemacht. Wir kriegen jeder die Hälfte, aber das Publikum glaubt, daß sie fünfunddreißig zu fünfundsechzig geteilt wird.

Die Börse, die Tantieme von den Filmen, die Reklame und alle anderen Einnahmen werden nicht einen Cent weniger als zweihundertfünfzigtausend ausmachen. Die teilen wir, und dann kommt der Revanchekampf, den Hanford gewinnen wird, und dann teilen wir wieder.

Dann kommt der dritte Kampf. Den gewinne ich, was mein gutes Recht ist, und damit ziehen wir dem Publikum dreiviertel Millionen aus der Tasche.

Das ist das Programm, aber das Geld stinkt. Und das ist der Grund, weshalb ich heute Schluß mache –« In diesem Augenblick puffte Jim Hanford eine Gruppe Polizisten zwischen die Sitzreihen, hob seinen riesigen Körper zwischen die Seile und brüllte:

»Das ist Lüge!«

Wie ein wütender Stier stürzte er sich auf Glendon, der zurücksprang und auswich, statt dem Angriff zu begegnen. Außerstande, sich zurückzuhalten, prallte der große Mann gegen die Seile, die ihn federnd zurückschleuderten.

Wieder ging er auf Glendon los, der ihm aber diesmal entgegentrat. Kaltblütig und mit sicherer Berechnung schoß seine Faust vor und traf mit einem Schlage, in den er zum erstenmal in seiner Boxerlaufbahn seine volle Kraft legte, das Kinn Hanfords. Alle Kraft, über die er verfügte, lag in dieser zerschmetternden Muskelexplosion.

Hanford war schon in der Luft tot, wenn man Bewußtlosigkeit Tod nennen will. In dem Augenblick, als die Faust Glendons ihn berührte, hörte das Leben für ihn auf. Seine Füße hoben sich vom Boden, und er schwebte frei in der Luft, bis er auf das oberste Seil fiel. Einen Augenblick hing er da, dann gab das Seil nach, und er stürzte den Pressevertretern auf die Köpfe.

Das Publikum tobte. Es hatte jetzt schon mehr gesehen, als es für sein Geld verlangen konnte, denn der große Jim Hanford, der Weltmeister, war besiegt worden.

Allerdings war es inoffiziell, aber es war durch einen einzigen Schlag geschehen.

Noch nie in der Geschichte des Boxsports hatte man so etwas erlebt.

Glendon betrachtete bedauernd seine zerschundenen Knöchel, warf einen Blick über die Seile hinweg auf Hanford, der gerade wieder zu sich kam, und hob die Hand. Im Publikum trat wieder Stille ein.

»Als ich mit Boxen anfing«, sagte er, »nannte man mich den ›Ein-Schlag-Glendon‹. Ihr habt den Schlag eben gesehen. Dieser Schlag stand mir stets zur Verfügung. Ich kämpfte mit meinen Gegnern und besiegte sie, nahm mich aber stets in acht, daß ich nicht aus voller Kraft schlug.

Dann sollte ich belehrt werden. Mein Manager sagte, es sei unrecht gegen das Publikum. Er riet mir, die Kämpfe in die Länge zu ziehen, damit die Leute etwas für ihr Geld zu sehen bekämen.

Ihr erinnert euch an meinem Kampf mit Nat Powers. Ich habe ihn gar nicht besiegt. Ich hatte Verdacht geschöpft. Da vereinbarte es die Bande mit ihm.

Ich wußte nichts davon. Ich hatte die Absicht, ihn noch ein paar Runden über die sechzehnte hinaus hinzuhalten. Aber er täuschte doch einen Knockout vor und betrog euch alle.«

»Wie ist es denn heute?« rief einer. »Ist es auch verabredet?«

»Jawohl«, lautete die Antwort Glendons. »Und worauf hat das Syndikat gewettet? Daß Cannam bis zur vierzehnten Runde durchhält.«

Heulen und Pfeifen folgte diesen Worten. Zum letzten Male hob Glendon die Hand, um Schweigen zu gebieten.

»Ich bin gleich fertig. Aber erst möchte ich euch noch eines sagen. Das Syndikat wird sich heute schneiden. Es soll ein ehrlicher Kampf werden. Tom Cannam wird nicht bis zur vierzehnten Runde durchhalten. Er wird nicht die erste überstehen.«

Cannam sprang in seiner Ecke auf und rief wütend: »Das kannst du nicht. Der Mann ist noch nicht geboren, der mich in einer Runde erledigen kann!«

Glendon beachtete ihn nicht und fuhr fort: »Gerade jetzt habe ich zum erstenmal in meinem Leben mit voller Kraft zugeschlagen. Ihr saht das vor einem Augenblick, als ich Hanford traf.

Heute werde ich ein zweites Mal meine ganze Kraft anwenden – das heißt, wenn Cannam nicht schleunigst durch die Seile springt und verschwindet. So, und jetzt bin ich fertig.«

Er ging in seine Ecke und hielt seinen Sekundanten die Hände hin, um sich die Handschuhe anziehen zu lassen. In der gegenüberliegenden Ecke tobte Cannam, den seine Sekundanten vergebens zu beruhigen versuchten.

Schließlich glückte es Billy Morgan, seine letzte Ankündigung zu machen.

»Dies wird ein Kampf auf fünfundvierzig Runden«, rief, er laut. »Und möge der beste Mann siegen! Los!« Der Gong ertönte.

Die beiden Männer rückten vor.

Glendon streckte die Rechte aus, um mit seinem Gegner den üblichen Handschlag zu wechseln, aber Cannam warf zornig den Kopf in den Nacken und weigerte sich, sie zu nehmen.

Zur allgemeinen Überraschung stürzte er sich nicht auf seinen Gegner. Trotz seiner Wut kämpfte er sehr vorsichtig. Sein gekränkter Stolz sagte ihm, daß er alle Kraft sparen müsse, um über die erste Runde hinauszukommen. Er machte zwar mehrere Ausfälle, aber sehr vorsichtig und ohne auch nur einen Augenblick seine Verteidigung außer acht zu lassen.

Glendon jagte ihn durch den Ring, immer weiter mit dem unbarmherzigen Tapp-Tapp seines linken Fußes vorrückend.

Aber nicht ein einziges Mal schlug er nach seinem Gegner, ja, er ließ sogar die Hände sinken und folgte ihm, scheinbar ungeschützt, um ihn zu einem Angriff zu verlocken.

Cannam lachte trotzig, weigerte sich aber, den ihm gebotenen Vorteil auszunutzen.

Zwei Minuten vergingen, dann erfolgte plötzlich eine Veränderung mit Glendon. Jeder Muskel, jede Linie seines Gesichts zeigte, daß jetzt der Augenblick gekommen war, da er seinen Gegner erledigen wollte. Es war Spiel, und er spielte gut. Er schien zu Stahl geworden zu sein, zu hartem, unbarmherzigem Stahl. Und die Wirkung zeigte sich bei Cannam, der seine Achtsamkeit verdoppelte.

Glendon trieb ihn jedoch schnell in eine Ecke und hielt ihn dort fest.

Aber er schlug immer noch nicht, versuchte es auch gar nicht, und Cannams Unruhe wurde immer schlimmer. Vergebens versuchte er aus der Ecke hinauszugelangen, konnte sich jedoch nicht zu einem Angriff auf seinen Gegner entschließen und versuchte statt dessen, durch einen Clinch Zeit zu gewinnen.

Dann kam es – eine schnelle Serie von Finten, blitzhafte Muskelbewegungen. Cannam war verwirrt. Das Publikum ebenfalls. Nicht zwei von den Zuschauern konnten später angeben, was vorgegangen war. Cannam duckte sich vor einer Finte und deckte sich gleichzeitig das Gesicht, um eine andere, gegen sein Kinn gerichtete Finte abzuwehren. Er versuchte dabei auch seine Beinstellung zu ändern.

Die Zuschauer, die nahe am Ring saßen, schworen darauf, gesehen zu haben, daß Glendon den Schlag, der jetzt folgte, von der Hüfte aus führte und dabei wie ein Tiger vorsprang, um sein ganzes Körpergewicht in den Schlag zu legen.

Wie dem auch war, jedenfalls traf er Cannam gerade in dem Augenblick, als er die Stellung wechselte, gegen das Kinn. Und wie Hanford war auch er schon in der Luft, ehe er die Seile berührte, bewußtlos und fiel den Reportern auf die Köpfe.

Von dem, was an diesem Abend in der Golden-Gate-Arena geschah, vermochten selbst spaltenlange Berichte in den Zeitungen keine auch nur annähernd richtige Schilderung zu geben.

Die Polizei vermochte gerade noch den Ring zu verteidigen, konnte die Arena aber nicht retten. Es war kein Aufruhr. Es war eine Orgie. Nicht ein Sitzplatz blieb übrig. In der ganzen großen Halle wurden mit Händen und Füßen, durch Püffe und Stöße Balken und Bretter weggerissen, umgestürzt und niedergetreten.

Die Boxer mußten Schutz bei der Polizei suchen, aber es waren nicht Polizisten genug da, und Boxer, Manager und Unternehmer wurden windelweich geprügelt.

Nur Jim Hanford wurde verschont. Sein furchtbar geschwollenes Kinn erregte Mitleid.

Als die Menge endlich zum Gebäude hinausgetrieben war, stürzte sie sich auf ein neues Auto im Werte von siebentausend Dollar, das einem bekannten Boxkampfunternehmer gehörte, und verwandelte es im Nu in altes Eisen und Brennholz.

Glendon, der sich nicht in den Trümmern des Ankleideraumes umziehen konnte, erreichte in Boxhosen und Bademantel sein Auto, aber es gelang ihm nicht, zu entkommen. Die Menge umringte seinen Wagen und hielt ihn dank der Überzahl fest. Die Polizei eilte zu seinem Schutz herbei, und schließlich schloß man einen Kompromiß: Der Wagen durfte weiterfahren, begleitet von fünftausend hurraschreienden tollen Menschen.

Es war Mitternacht, als dieser Sturm über die Union Square und durch die St. Francis Street fegte. Rufe nach einer Rede wurden laut, und obwohl sie schon vor dem Hotel hielten, wurde Glendon doch in freundschaftlicher Weise am Entkommen verhindert. Er versuchte sogar, seinen begeisterten Anhängern auf die Köpfe zu springen, aber seine Füße erreichten nicht das Pflaster. Von Köpfen und Schultern getragen, von jeder Hand, die ihn erreichen konnte, ergriffen, kehrte er durch die Luft zu seinem Wagen zurück.

Da redete er denn, und Maud Sangster, die oben von einem Fenster auf ihren jungen Herkules hinabsah, der aufgereckt auf dem Sitz des Autos stand, wußte, was sie immer gewußt hatte, daß es sein Ernst gewesen war, als er ihr wiederum versichert hatte, daß er seinen letzten Kampf gekämpft und den Ring für immer verlassen hatte.

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