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Gutenberg > Arthur Schnitzler >

Der Ruf des Lebens

Arthur Schnitzler: Der Ruf des Lebens - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
booktitleGesammelte Werke / Die Theater-Stücke, Band III
authorArthur Schnitzler
year1922
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleDer Ruf des Lebens
pages269-270
created20020722
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Zweiter Akt

Das Zimmer des Offiziers Max. Ziemlich klein. Rechts vorn Eingangstür. Links hinten ein einfacher Vorhang, geschlossen, der zu einem Alkoven führt. Hinten rechts ein Schrank. Vorn rechts ein Tisch, vor dem ein Sessel steht. Hinten ein Fenster, das auf den Kasernenhof hinausgeht. Über dem Hof liegt Mondschein. Der Hof ist sehr geräumig und rückwärts durch eine Mauer geschlossen. Das Zimmer ist parterre gedacht. Links in der Ecke ein eiserner Ofen. Neben dem Fenster links eine Etagere, einige Bücher, oben Flasche und Trinkgläser. An der Wand links vorne Waffen. Neben der Türe rechts ein Kleiderrechen, an dem ein Mantel hängt.

Erste Szene

Wenn der Vorhang aufgeht, sitzt Max vor dem Tisch, auf dem eine Kerze brennt, und ordnet Papiere und Briefe. Er steht auf und verbrennt einige von den Briefen in dem Ofen. – Zwei Soldaten gehen am Fenster vorbei, zwanglos plaudernd. Dann eine Patrouille, aus vier Soldaten bestehend. – In der Ferne ein Trompetensignal; dann wieder Stille. Max geht an den Tisch zurück. Der Unteroffizier tritt von rechts ein.

Max. Du bist's? . . . Was gibt's?

Der Unteroffizier. Melde gehorsamst, alles in Ordnung.

Max. Also auch die zwei Mann wieder eingerückt?

Der Unteroffizier. Jawohl. Vor einer Viertelstunde gekommen. Habe sie für morgen zum Rapport bestimmt.

Max. Für morgen –? . . . Es sei ihnen geschenkt! Der Herr Oberst weiß noch gar nicht, daß sie abgängig waren. Jetzt ist keine Zeit mehr zu strafen, guter Freund. – Was denkst du, Sebastian, wollten sie sich wirklich aus dem Staube machen?

Der Unteroffizier. Melde gehorsamst, sie sind wieder da.

Max. Ich hab' es gewußt, daß sie wieder da sein werden zu rechter Zeit. In unserer Schwadron gibt's keine Feiglinge. Im übrigen komm' ich vorm Schlafengehen noch einmal ins Mannschaftszimmer und werde selber mit den zwei Leuten sprechen. – Nun, und du? Hast du den Deinen Lebewohl gesagt?

Der Unteroffizier. Jawohl, Herr Leutnant. Meiner Mutter, meinem Vater und meiner Braut.

Max. Auch eine Braut –? Schon lange versprochen?

Der Unteroffizier. Ein Jahr lang, Herr Leutnant.

Max. O, so eine ernste Sache! Ich dachte, du seist ein lustiger Bursche –?

Der Unteroffizier. Zu Befehl, auch lustig bin ich. Aber dann sag' ich nicht »Braut«. Es gab manche, die nicht meine Bräute waren.

Max. Die aber, der du heute Lebewohl sagtest, die wolltest du heiraten?

Der Unteroffizier. Zu Befehl, Herr Leutnant. Zu Neujahr wollt' ich meinen Abschied nehmen, Herr Leutnant.

Max. So. Du hast wohl vergessen, was der Oberst sagte: er nehme es auf sich, jeden Mann nach Hause zu entlassen, der danach verlangte.

Der Unteroffizier. Herr Leutnant, es hat mancher ein junges Weib wie der Herr Oberst und mancher eine Braut wie ich – und es hat keiner um Entlassung angesucht.

Max. Nun, wer weiß – du kommst am Ende zurück.

Der Unteroffizier. Von uns kommt keiner zurück. Es ist uns bekannt, Herr Leutnant.

Max. Was ist dir bekannt? . . . Unsinn! Ihr seid nicht zum Tode verurteilt. Es gibt immer ein paar, die davonkommen, die ganz heil bleiben oder von ihren Wunden genesen.

Der Unteroffizier. Herr Leutnant, auch wir haben einander zugeschworen, daß keiner zurückkommt, so wie die Herren Offiziere. Wir sind alle blaue Kürassiere.

Max. Es ist gut. Auf morgen. Er will ihm die Hand reichen.

Der Unteroffizier nimmt sie nicht. Wir haben wohl noch einige Tage vor uns, Herr Leutnant –? Wer weiß, wann wir vor dem Feind stehen werden; es kann auch eine Woche dauern.

Max. Ah, hältst du die Ehre meines Händedrucks für so groß, daß du sie nur vor der letzten Nacht annehmen möchtest?

Der Unteroffizier. Herr Leutnant –

Max. Und woher weißt du so bestimmt, daß nicht einen von uns schon heute der Teufel holt?

Der Unteroffizier. Wir stehen alle in Gottes Hand. Ab.

Max allein, nimmt wieder einige Briefe und wirft sie in den Ofen.

Es geben einige Soldaten am Fenster vorbei, einer lacht auf; dann ist es wieder still.

Max zum Tisch hin, schreibt etwas auf ein Blatt.

 
Zweite Szene

Max. Der Oberst erscheint am Fenster, im Mantel.

Der Oberst bleibt stehen und blickt herein. Erst nach zwei Sekunden sagt er. Guten Abend, Max.

Max wendet sich, steht auf. Guten Abend, Herr Oberst.

Der Oberst. Noch nicht zu Bette gegangen, Herr Leutnant . . . gar noch bei der Arbeit? Testament gemacht am Ende?

Max. Meine Uniform nehme ich mit, Herr Oberst, meine Gage kann ich niemandem vererben.

Der Oberst. Hat Sie gefroren, Herr Leutnant?

Max. Mich? . . .

Der Oberst. Dort in der Ecke glimmt es noch.

Max. Ich habe alte Papiere verbrannt, Herr Oberst.

Der Oberst. Da sehen Sie nur zu, Herr Leutnant, daß nichts Halbverbranntes im Ofen zurückbleibt, unter der Asche, angefangene Worte etwa.

Max. Es läge nichts weiter daran, Herr Oberst.

Der Oberst. Da irren Sie. Ist Ihnen denn nicht bekannt, daß in diesem Falle derjenige, der nach Ihnen diese Kammer bewohnen wird, Ihr Schicksal weiterleben müßte, genau dort, wo es unterbrochen wurde?

Max. Das hab' ich noch nie sagen hören.

Der Oberst. Es mag auch sein, daß mir das eben nur durch den Sinn fährt, – aber es könnte trotzdem wahr sein.

Max. Wie soll ich das verstehen?

Der Oberst. Ist Ihnen das noch nie begegnet? . . . Sie erinnern sich einer Landschaft, Sie wissen nicht: haben Sie sie geträumt oder wirklich einmal gesehen. Endlich kommen Sie in irgend eine Gegend, wo Sie niemals früher waren und finden Ihre Traumlandschaft wieder . . .

Max. Ähnliches glaub' ich schon erlebt zu haben.

Der Oberst. Oder nehmen Sie zum Beispiel die Geschichte von der Flucht unseres Regimentes vor dreißig Jahren. Daß das Regiment geflohen ist, daran ist natürlich kein Zweifel möglich, – aber daß gerade die blauen Kürassiere die Schuld an jener Niederlage tragen, das ist möglicherweise nur erfunden, um unserem Ausmarsch einen Reiz mehr zu geben.

Max. Von wem könnte das erfunden sein?

Der Oberst. Von wem immer. Aber daß es nachträglich auch erfunden wurde, spricht das dagegen, daß es zugleich wahr sein könnte?

Zwei Kürassiere vorbei.

Der Oberst. Noch wach? . . . Wir haben morgen einen langen Ritt vor, geht schlafen. Gute Nacht.

Die beiden Kürassiere. Gute Nacht, Herr Oberst. Ab.

Der Oberst zu Max. Ihre zwei Mann sind wieder zurückgekehrt?

Max. Jawohl; sie sind zurückgekehrt. Herr Oberst wußten –?

Der Oberst. Ja, ich wußte. Pause. – Sie waren sehr still heut an der Tafel, Herr Leutnant.

Max. Nicht stiller als sonst meine Art ist, Herr Oberst.

Der Oberst. Die andern alle waren etwas lauter als sonst, – als hätten sie etwas zu überschreien gehabt in ihrer Seele. – Nun, Max, Hand aufs Herz: Tut es Ihnen nicht ein wenig leid?

Max. Herr Oberst –!

Der Oberst. Ich meine, daß Sie nur eine einzige Schlacht mitmachen werden.

Max. Ich denke, Herr Oberst, es läßt sich zur Not auch in einer Stunde so viel erleben, daß einem zu erleben nichts mehr übrig bleibt.

Der Oberst. Das sagt sich so, Max. Überlegen Sie doch einmal. Vergessen Sie einen Moment, daß ich Ihr Oberst bin, vergessen Sie, daß wir beide Soldaten sind, – bedenken Sie auch, daß dieses Gespräch wahrscheinlich in weniger als sieben Tagen für alle Zeit verweht sein wird . . . Hören Sie, Max: Ich werde, bevor es ernst wird, eine sehr verläßliche Ordonnanz nach Wien an den Kaiser schicken müssen – wären Sie bereit, diese Mission zu übernehmen?

Max. Herr Oberst, was soll das –?

Der Oberst. Verstehen Sie mich nur recht, ich frage Sie. Auch wenn Sie am Leben bleiben, werden Sie in der Lage sein, dem Vaterlande Dienste zu leisten, . . . vielleicht sogar bessere, als wenn Sie – einer mehr gewesen sind.

Max. Bin ich nicht ein Leutnant von den blauen Kürassieren, Herr Oberst?

Der Oberst. Max, prüfen Sie sich doch, ob es Ihnen ganz ernst ist mit dieser Lust zu sterben.

Max. Herr Oberst fragen mich . . .?

Der Oberst. Lieber, ich bin neunundvierzig, und Sie – –

Max. Siebenundzwanzig, Herr Oberst.

Der Oberst. Wer weiß, wie ich heut an Ihrer Stelle dächte!

Max. Herr Oberst?

Der Oberst. Als ich in die Armee trat, war ich neunzehn, ich hatte Dienste genommen, um zu kämpfen, und an dem Tag, da ich ins Feld rücken sollte, wurde der Friede geschlossen. Da war mir natürlich zumute wie einem, dem man die Türe vor der Nase zuschlägt. Und vor der Türe stand ich zehn, zwanzig, dreißig Jahre – bis heute. Man tut da allerlei, um sich die Zeit zu vertreiben. Keinem andern kann ja so was passieren wie unsereinem. Es gibt keinen Doktor, dem sie dreißig Jahre lang Puppen für Kranke in die Betten legen, – keine Advokaten, die an gemalten Verbrechern ihre Kunst probieren, – und sogar die Pfaffen predigen öfters vor Leuten, die wirklich an Himmel und Hölle glauben. Ich aber war gezwungen, meinen Beruf zur Spielerei zu machen. Bei Gott, ich weiß nicht, was ich am Ende noch angestellt hätte, Max, wenn's nicht endlich doch dazu gekommen wäre! . . . Aber ich traue dem Schicksal nicht, und da es Regimenter gibt, die nicht ins Feuer kommen, hab' ich für alle Fälle Vorsorge getroffen, daß es am Ende nicht wieder nur Spaß gewesen ist.

Max. Ich bin stolz, Herr Oberst, daß Sie mich Ihres Vertrauens würdigen.

Der Oberst. Nun, da wir als Freunde zueinander sprechen, frage ich Sie nochmals, ob Sie meine Botschaft an den Kaiser überbringen wollen.

Max. Wenn es ein Befehl ist, werd' ich es tun, Herr Oberst. Aber es wird der letzte Dienst sein, den ich meinem Vaterland erweise.

Der Oberst nach Pause. Max, Ihr Zug wird der erste sein. Sie werden an meiner Seite fechten.

Max. Ich danke, Herr Oberst.

Der Oberst. Sie danken –?

Max. Was denn erwarteten Herr Oberst?

Der Oberst. Und Sie lassen nichts zurück?

Max. Nichts.

Der Oberst. Und sind siebenundzwanzig . . . .

Max. Ich habe keine Eltern mehr, Herr Oberst, und habe nie Geschwister gehabt.

Der Oberst. Auch ich habe keine Eltern und keine Geschwister.

Max. Ich habe auch keine Frau, Herr Oberst.

Der Oberst. Keine Frau! Geben Sie so viel auf den kirchlichen Segen?

Max. Herr Oberst fragten mich, ob ich nichts zurücklasse . . . Läßt man zurück, was man schon vergessen haben wird, wenn man am Zollhaus vorbeireitet? . . . Ich habe auch noch ein paar Flaschen Burgunder im Schranke stehen und sage doch nicht, daß ich was zurücklasse.

Der Oberst. Es gäbe Leute, die sie lieber zum Fenster hinausgössen.

Max. Es ist eine Frage, ob man dazu das Recht hätte.

Der Oberst. Warum nicht? Wenn sie nicht zufällig in einem fremden Keller liegen und ein anderer die Schlüssel hat.

Max. Ein lustiger Vergleich, Herr Oberst.

Der Oberst. Warum Vergleich? . . . Ich sprach von Ihrem Burgunder, Herr Leutnant.

Eine Patrouille geht vorbei, salutiert, der Oberst dankt.

Der Oberst hart. Max.

Max. Herr Oberst?

Der Oberst. Ich habe keine Zeit mehr, einen Zufall abzuwarten, der mir Beweise in die Hand spielte, und käm' einer in dieser Sekunde selbst, er hälfe nichts mehr. Denn wir hätten kein Recht mehr, um unser Leben zu spielen, da es ja nicht mehr uns gehört, sondern dem Kaiser, dem Vaterland – oder einem Wahn . . . Wie immer – wir dürften den Einsatz nicht zurückziehen, selbst wenn wir das Spiel mit einem Male abgeschmackt fänden.

Max. Ich weiß es, Herr Oberst. Doch versteh' ich nicht, was diese Worte mir gegenüber zu bedeuten haben.

Der Oberst. In jedem andern Augenblick vor meine Frage hingestellt, hätten Sie das Recht, die Antwort zu verweigern. In keinem andern Augenblick hätte ich Sie gefragt, sondern hätte mir die Antwort selbst verschafft, ohne Sie zu bemühen. Aber in diesem Augenblick nicht zu antworten, wäre niedriger als Feigheit, denn Sie haben nichts zu fürchten als mein Verstehen.

Max. Ich erwarte die Frage, Herr Oberst.

Der Oberst. Brauche ich mit Worten zu fragen, oder soll mir Ihr Zögern Antwort sein?

Max. Ich darf an Ihrer Seite fechten, Herr Oberst.

Der Oberst sieht ihn lang an. Gute Nacht, Max. Er geht.

Max allein, bleibt eine Weile am Fenster.

 
Dritte Szene

Max. Albrecht von rechts ins Zimmer.

Albrecht. Mit wem sprachst du eben, Max?

Max. Der Oberst blieb an meinem Fenster stehen; wir haben geplaudert.

Albrecht. Er liebt dich sehr. Man sah es auch an der Tafel heute. Wie er dich anblickte! Als tät's ihm leid um dich.

Max. Er fühlt, wie ich ihn verehre.

Albrecht. Nun, was sagte er? Wann stehen wir dem Feind gegenüber?

Max. Davon war nicht die Rede.

Albrecht. Wär' es nur bald – in drei Tagen – morgen früh . . . alles ist besser als die Frist, die uns geschenkt ist.

Max. Ich erwartete dich nicht mehr, Albrecht.

Albrecht. Ich kann nicht schlafen. Es trieb mich hin und her. Verzeih. Nun, ich will dich nicht länger stören.

Max. Du störst mich nicht. Ich habe nur mehr ein paar Minuten im Mannschaftszimmer zu tun, sonst bin ich fertig.

Albrecht. Bist du dessen ganz gewiß? . . . Du würdest staunen, Max, wie viel du plötzlich zu tun hättest, wenn nur all das, was uns bevorsteht, hinschwände wie ein Traum, und du morgen früh aufwachtest – mit einem Leben vor dir.

Max, Bist du's, der so spricht, Albrecht? Mir scheint, dich hat das Frauenzimmer schlaff gemacht. Es gab wohl Tränen am Ende?

Albrecht. Tränen? . . . Die ist nicht von der Art.

Max. Ist sie wieder heim in ihr Dorf?

Albrecht. Nein, noch nicht. Ich hab' sie bis vor das Haus ihrer Base geleitet. Sie wird deine Grüße bestellen . . . . Was fiel dir nur plötzlich ein? Du hast des Mädchens doch seit dem Balle kaum gedacht.

Max. Kaum – du hast recht. Und doch ist mir heut, als wäre dies, gerade dies das einzige, was ich versäumt habe . . . Warum ist sie nicht gekommen? Warum nicht? Wie vor sich. Vieles wäre anders geworden.

Albrecht. Ihr Vater liegt auf den Tod, du hörtest es doch von Katharina, und läßt die Tochter nicht von seiner Seite.

Max. Wenn sie wirklich gewollt hätte – –

Albrecht. Überdies soll sie verlobt sein.

Max. Wenn sie gewollt hätte, Freund – – –!

Albrecht. Und zu allerletzt hat sie deiner wohl gerade so wenig gedacht als du ihrer.

Max. Heut denk' ich ihrer . . . Ach, ich wollte, sie wäre dagewesen zu rechter Zeit! Was mir sonst noch geblüht hätte, das weiß ich nicht, und um das kann ich nicht klagen, – dies aber ist ein versäumtes Glück, und vielleicht das beste, das mir bestimmt war . . . und ihr. Wahrhaftig, mir ist, als ging' ich um ihretwillen nicht so freudig, als ich sollte!

Albrecht. Solltest du gar freudig –? Ich glaube, das ist zu viel verlangt . . . von dir und von uns allen. Freudig meinethalben in Abenteuer, in Gefahren, aber doch freudig nicht in den sichern Tod!

Max. Warum nicht? Wenn man eine Schuld damit bezahlt, und wenn es die einzige Art ist, sie zu bezahlen –?

Albrecht. Schuld . . .! Wenn's noch die eigene wäre, wenn wir selber einmal in unserem Leben vor einem Feinde davongelaufen wären!

Max. Es ist die gleiche Fahne, mein Lieber. Wir sind haftbar. Man muß die Zusammenhänge begreifen.

Albrecht. Mir will die Sache nicht ein. – Unter uns: Der Oberst ist ein gar zu witziger Kopf, darum müssen wir sterben. Das ist bitter!

Max. Nichts über ihn. Ihr versteht ihn alle nicht!

Albrecht lacht.

Max. Warum lachst du?

Albrecht. Ich überlege, Max, ob du nicht eine persönliche Schuld in der allgemeinen willst aufgehen lassen und dafür deine Bewunderung noch mit in den Kauf gibst.

Max. Ihr kennt ihn nicht, sag' ich!

Albrecht. Es klingt ja herrlich und in den Geschichtsbüchern wird sich's wunderbar lesen: »Die blauen Kürassiere luden vor dreißig Jahren eine Schmach auf sich, dann kam ein Held, um sie wieder abzuwaschen.« Max! Keiner von allen, die damals kämpften und flohen ist mehr da, – gegen einen andern Feind ziehen wir aus und für einen andern Herrn, – die Fahne selber weiß nicht mehr, wer sie trug . . . der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß, wofür ich mich niederschlagen lasse!

Max. Warum sagst du das mir? Geh doch zum Obersten. Er wird auf die traurige Kameradschaft gern verzichten.

Albrecht. Das glaub' ich. Er fände auch ein sublimes Wort, um mich heimzuschicken. Aber ich hab' keine Lust, ihm Gelegenheit zu geben, den großen Mann vor mir zu spielen. Ich werde schweigen und größer sein als er. Von mir wird kein Heldenbuch berichten, und ich werde doch zu sterben wissen wie er.

Max. Und es nicht einmal verdienen.

Albrecht. Der Oberst hat's dir angetan. Glaub' ich nicht, ihn zu hören? . . . Ach, es sind Worte, Max, Worte! . . . Nie mehr übers Feld sprengen in lichter Frühe, den Himmel überm Haupt, – nie mehr an blühenden Lippen hängen, vom Dufte zitternder Brüste umweht, – kein Laut lebendiger Stimmen mehr für uns, kein Schimmer mehr für uns von Sonne und Sternen . . . hinsinken, bluten, verenden, eingegraben werden für alle Zeit – – wenn dir davor nicht graut, Freund, verstehst du weder Tod noch Leben!

Max. Geh schlafen, Albrecht; ich verspreche dir, mich morgen nicht mehr zu erinnern, was du heute sagtest.

Albrecht. Du weißt, Max, mein Leben stand schon mehr als einmal auf eines Säbels Spitze, wiegte sich auf dem Hals eines wilden Pferdes oder sprang mit den Würfeln aus dem Becher, und ich glaube, in jedes Bahrtuch, das eigene Narrheit webte, hätt' ich mich lustig wie zu einem Mummenschanz gehüllt . . . aber diesmal – diesmal . . . Und wär's auch nicht für den Witz unseres Obersten, wär's auch für Kaiser und Vaterland, mir schien' es doch, als trüg' man uns für die Fahne eine wehende Narrenkappe voran, als sängen uns die Pfeifen ein Spottlied, als wirbelte die Trommel: warum? . . . warum? . . .

Max. Auf die, die nach uns sein werden, kommt es an, nicht auf uns. Sind wir nichts anderes, so sind wir ein Beispiel.

Albrecht. Nach uns –? Es kommt nichts nach uns. Wenn die Sonne herunterstürzt in Millionen Jahren, klingt's uns gerade so laut wie die Nachrede des Feldvikars an unserer Gruft. Nichts kommt nach uns. Alles stirbt mit uns. Unser eigener Mörder, während er uns den Dolch ins Herz gräbt, stirbt mit uns.

Max. Ich beklage dich, Albrecht. Wer nur an sich denkt, stirbt in jedem Augenblick; wer die Zusammenhänge begreift, lebt ewig.

Albrecht. Leb' wohl, Max.

Max. Ich begleite dich über den Hof; ich muß noch zur Mannschaft. Nimmt den Mantel.

Sie gehen beide ab. Man sieht sie über den Hof gehen, einer Wache begegnen, die nach der anderen Seite verschwindet. – Pause.

 
Vierte Szene

Marie kommt rasch von rechts herein, als würde sie verfolgt. Sie kommt in die Mitte des Zimmers, atmet tief auf; dann sieht sie durch das Fenster in den Hof und weicht wieder zurück, als wollte sie sich verbergen. Plötzlich hört sie Schritte; sie bleibt abwartend mit leuchtenden Augen stehen, sie lauscht; man hört Stimmen draußen auf dem Gang, die Stimmen kommen näher, bis an die Türe. Marie eilt nach rückwärts, verbirgt sich hinter dem Vorhang.

 
Fünfte Szene

Marie hinter dem Vorhang. – Max tritt ein, im Mantel, den er dann über den Stuhl am Tische fallen läßt, mit Irene.

Max. Was fällt dir ein?!

Irene. Nun bin ich eben da.

Max. Wie wagtest du dich fort?

Irene. Er ist noch nicht daheim.

Max. Vor einer Viertelstunde war er hier.

Irene. Bei dir?

Max. Hier am Fenster stand er und sprach mit mir.

Irene. Sprach mit dir –? Weiß er – –?

Max. Er ahnt.

Irene. Mag er. Jetzt ist alles gleichgültig.

Max schließt das Fenster und zieht die Vorhänge vor.

Irene. Höre, ich muß mit dir reden!

Max. Nahmen wir nicht schon Abschied? Was soll es?

Irene. Wie? Hat mein Held am Ende Angst?

Max. Angst . . .? Ich wollte lieber – was ich ja nicht mehr zu wollen brauche, als vor ihm gestanden sein, wie ich stehen mußte!

Irene. Wahrhaftig, es ist etwas geschehen, was im Weltenlauf noch nicht erhört war: Ein junger Mann hat einem Graukopf die Frau gestohlen!

Max. Wie zu einem Freunde sprach er zu mir – wie zu einem Sohne . . . und ich habe ihn belogen!

Irene. Wie zu einem Freunde . . . Und doch bist du so wenig sein Freund gewesen, wie ich jemals seine Frau war. Nie ist ihm irgend ein Mensch etwas gewesen. Du denkst, wir leben mit ihm unter Sonne und Sternen, und wir sind ihm nichts als Partner an einem Spieltisch.

Max. Das Spiel heut hätte ich gewonnen, wenn ich die Wahrheit gesprochen hätte. Er hätte mir verziehen, und ich stand stumm, ich fürchtete sein Verstehen.

Irene. Willst du? Ich bringe ihn her, wenn's dich danach verlangt.

Max. Nun wäre es zu spät – alles ist vorbei.

Irene. Nichts ist vorbei . . . für mich nichts! Ich liebe dich!

Max. Warum wirfst du mir's ins Gesicht wie einen Fluch?

Irene. Es bedeutet nichts anderes, wenn du mir nichts besseres zu erwidern weißt.

Max. Was willst du von mir? Sagten wir uns nicht Lebewohl auf ewig? . . . Dort in der Asche glimmen deine Briefe, deine Rosen. Drei Tage noch, und meine Schuld war beglichen! Warum kommst du noch einmal? . . . Glühen deine Augen mich wieder an, . . . hauchst du mir deinen rasenden Atem über die Wangen, so fühl' ich, was ich nicht mehr fühlen darf. Ich habe nicht mehr zu geben als mich . . . zu Ende war's, Irene, – zu Ende unser Abenteuer, unsere Lüge, unsere Lust – – warum kommst du noch einmal?

Irene. Lust, Lüge, Abenteuer sind vorbei – ja. Nun will ich besseres erleben!

Max. Keiner kehrt zurück. Wenn die Sonne morgen aufgeht, gehört dir die Welt.

Irene. Und dir, wenn du Mut hast!

Max. Du bist nicht bei Sinnen!

Irene. Hast du mich so rasch verstanden?

Max. Ich hasse dich, Irene!

Irene. Liebst du mich so sehr?

Max. Wonach verlangt dich? Hast du mein Leben noch nicht mit Schmach genug erfüllt? . . . Willst du ergründen, wie weit du einen zu treiben vermagst, der zu lügen begonnen?

Irene. Und weißt du, welche deine nächste Lüge wäre? . . . Einen Weg zu gehen, auf den es dich in Wahrheit doch nicht lockt.

Max. So wäre sie doch die letzte und machte alle früheren und sich selber gut.

Irene. Glaubst du, wenn es eine Sühne gäbe, dies wäre eine? Meinst du, aller hohe Sinn wäre darin beschlossen, daß man sterben will und kann?

Max. Und hätt' ich nichts zu sühnen, ging' ich dann nicht von hier? Ist dies denn nur ein Handel zwischen mir und deinem Gatten? . . . Hätte ich dich niemals gesehen, ging' ich dann nicht den gleichen Weg wie die andern?

Irene. Hätt' ich doch Kraft, sie alle zurückzuhalten! Wie viel Jugend schwindet sinnlos aus der Welt!

Max. Warum hängst du dich an mich? Gibt es nicht Hunderte, die williger und erbärmlicher wären als ich? . . . Und gibt es nicht Hunderte, mit denen du glücklich sein könntest, ohne von ihnen zu verlangen, daß sie Schurken werden?

Irene. Aber gäb's ein tolleres Glück, als von einem geliebt zu werden, der für mich zum Schurken zu werden glaubt, und ihn zum Bewußtsein erwachen zu sehen, daß er nur klug gewesen ist? – Höre, Max, ich bringe dir einen fertigen Plan. Mit den andern allen reitest du morgen früh davon. In Wiener-Neustadt ist eure erste Rast; dort läßt du dich vom Pferd sinken, man kennt dich als den Bravsten von allen, niemand wird zweifeln, daß du ernstlich krank bist. Die andern ziehen weiter, du bleibst zurück. Ich aber warte – nicht hier in der Stadt; – zwei Stunden weit von dir, an der ungarischen Grenze, in Eisenstadt unter fremdem Namen wart' ich dein. Sobald es möglich – nicht zu früh, du wirst vorsichtig sein – eilst du zu mir. Für Wagen und Pferde wird gesorgt sein. Kommst du, so sind wir gleich auf der Fahrt, auf der keiner uns sucht, keiner uns einholt – wir fahren weit fort, wohin du willst – nach dem Süden, dem Osten, nach Griechenland, nach Sizilien – weiter noch, übers Meer, in ein Land, wo niemand uns kennt, niemand uns kümmert. Ich bin reich, Max, wir können bleiben, wo es uns gefällt. Ein neues Leben hebt an . . . alles vergangene – Schatten, eingetrunken von der nächtigen Ferne, die keine Macht mehr hat über uns. Nicht hingemordet wirst du für ein Vaterland, das dir's nicht dankt . . . nicht namenlos eingescharrt mit andern Namenlosen, vergessen wie die! . . . Du wirst atmen, lachen, leben! Aber nicht mir verfallen in gemeinsamer Schuld, wie du fürchten magst – nein, frei wie ich und dem Dasein zurückgegeben, dem lockend unerbittlichen, das dich nicht wieder aufnimmt, wenn du ihm einmal den Dienst leichthin gekündigt . . . Sag' ja . . . Nein, antworte nichts, und es soll mir ein Ja bedeuten! Ich eile nach Hause – morgen früh schon verlass' ich die Stadt, in drei Tagen hab' ich dich wieder.

Max. Genug. Ich will dich nicht hören! . . . Klingt ihr heut aus allen Ecken hervor, lockende, erbärmliche Stimmen des Lebens? . . . Ich verachte euch! verachte euch! . . . Verschwendet sind deine Worte, Irene. Geh . . . geh rasch! Du hättest zu viel gewagt um nichts, Irene. Geh!

In diesem Augenblick klirrt das Fenster.

 
Sechste Szene

Die Vorigen, der Oberst.

Der Oberst springt durchs Fenster herein, reißt die Vorhänge auseinander, steht plötzlich da.

Pause.

Max. Man hätte Ihnen die Türe geöffnet, Herr Oberst.

Der Oberst. Dieser Weg schien mir sicherer

Max. Herr Oberst, ich beschwor Irene, mich noch einmal zu sehen.

Irene. Es ist nicht wahr! Ich hab' ihn angefleht, daß er dir nicht folge, und es war vergeblich.

Der Oberst. Es zeigt sich, daß Lüge und Wahrheit zuweilen gleich abgeschmackt klingen. Vielleicht hättet ihr schweigen sollen.

Pause.

Irene. Nun! Was soll wieder das? Was hast du vor? . . . Du siehst, daß ich nicht zu fliehen versuche und nicht schreie . . . Juckt es dich, den Großmütigen zu spielen? . . . Ich glaub' dir's so wenig wie alles andere. Auch in diesem Augenblick empfindest du nichts, nichts – nichts! Du willst deine Rolle gut zu Ende spielen, das ist alles . . . Ja sieh mich nur an. Ich, deine Gattin, spreche so zu dir, denn ich kenne dich. Nun ja, was starrst du mich so an? Ich bin es!

Der Oberst. Bist du's? Schade, daß deine Wahrheiten beinah so kurzen Atem haben als deine Lügen. – Du warst es, Irene. Erschießt sie.

Irene fällt tot zu Boden.

Max zu ihr nieder. Nun an mich, Herr Oberst!

Der Oberst schüttelt den Kopf. Nein.

Pause. – Es klopft.

Eine Wache von draußen. Herr Leutnant!

Max. Was gibt's? Was willst du?

Die Wache. Herr Leutnant –

Max. Ich liege schon zu Bett, ich kann nicht öffnen.

Die Wache. Ein Schuß ist gefallen, Herr Leutnant.

Max. Ja – ich bin wohl davon erwacht . . . Nun? Weißt du nichts Näheres?

Die Wache. Nein. Der Herr Unteroffizier befahl mir, die Meldung zu erstatten. Er selbst inspiziert die Mannschaftszimmer.

Max. Es ist gut. Wenn was geschehen und noch zu helfen ist, so wecke man den Arzt. Mich laßt schlafen bis morgen.

Die Wache. Zu Befehl, Herr Leutnant. Seine Schritte verhallen auf dem Gang.

Pause.

Max zum Oberst. Was beschließen Herr Oberst mit mir?

Der Oberst. Nichts, Herr Leutnant. – Nur bitte ich Sie, dafür zu sorgen, daß dieser Mord morgen nicht vor unserem Abmarsch entdeckt werde – und – da ich noch etwas zu tun habe und Sie wahrscheinlich nichts mehr – ihn für alle Fälle auf sich zu nehmen. Es wird Ihnen nicht schwer werden . . . Sie sind ja das Lügen gewohnt.

Max. Herr Oberst, es wäre menschlicher gewesen, es in einem abzutun.

Der Oberst. Menschlicher – ja. Aber das lag nicht in meiner Absicht. Er geht.

 
Siebente Szene

Max, Marie.

Max bleibt regungslos stehen, dann beugt er sich wieder zur Leiche herab. Dann steht er auf, geht zu dem Tisch hin und nimmt den Revolver zur Hand. In diesem Augenblick tritt Marie hinter dem Vorhang hervor, totenblaß und ruhig. Was ist das? –

Marie bleibt stehen mit halbgeöffneten Lippen.

Max. Bist du's? . . . Du warst hier?

Marie nickt.

Max stellt ihr durch eine Handbewegung anheim fortzugehen.

Marie bleibt stehen.

Max. Du bleibst?

Marie nickt.

Max. Und weißt du, daß ich ein Ende machen muß, ehe die Sonne aufgeht?

Marie. Ich weiß.

Max. Und bleibst –?

Marie. Ich bin gekommen.

Max. Fort . . . fort! Er nimmt sie mit einem Arm und mit dem andern den Mantel, der über dem Stuhle hängt, hüllt sich und sie darein, eilt mit ihr davon. Hinter sich versperrt er die Türe.

Die Szene ist nun leer; nur die tote Irene liegt auf dem Fußboden . . . Draußen Ruf einer Patrouille . . . Ferne Trompetenstößs.

Vorhang.

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