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Gutenberg > Arthur Schnitzler >

Der Ruf des Lebens

Arthur Schnitzler: Der Ruf des Lebens - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleGesammelte Werke / Die Theater-Stücke, Band III
authorArthur Schnitzler
year1922
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleDer Ruf des Lebens
pages269-270
created20020722
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Siebente Szene

Der Arzt, Marie.

Der Arzt. Nun aber, liebes Fräulein, benützen Sie die Gelegenheit und gehen Sie doch in die frische Luft – auf eine Stunde wenigstens.

Marie. Wozu? Was hälfe mir diese eine Stunde?

Der Arzt. Und morgen wieder eine, und so jeden Tag. Ihr Vater wird sich daran gewöhnen müssen.

Marie. Ach, wozu? Ich habe ja gar keine Lust fortzugehen. Lassen Sie mich nur da.

Der Arzt. Es scheint, Sie haben überhaupt nicht mehr die Kraft, etwas Bestimmtes zu wollen. Wenn ich an früher denke –! Wenn ich mir das frische liebe Wesen vorstelle, das ich vor einem Jahre noch – im vergangenen Herbst noch hier zu finden pflegte . . . Es ist ein wahrer Jammer! Das muß anders werden. Versprechen Sie mir, sich heut endlich einmal zu Bett zu legen – ja? Dann wollen wir morgen früh weiterreden. Die Welt wird gleich anders aussehen, wenn Sie nur einmal mit wachen Augen in sie hineinblicken.

Marie. Er ruft mich ja doch jede halbe Stunde und schreit in meinen Schlaf hinein.

Der Arzt. Er wird seine Tropfen nehmen; – dann wird er nicht rufen können.

Marie. Er wird sie nicht nehmen.

Der Arzt. So werden Sie sie ihm geben – auch gegen seinen Willen. Es genügt, wenn Sie ihm zehn Tropfen ins Wasser träufeln. Er öffnet das Fläschchen. Dieses Mittel ist unwiderstehlich. In diesem Fläschchen ist der Schlaf von hundert Nächten.

Marie. So viel vertrauen Sie mir an?

Der Arzt etwas befremdet. Ihnen? . . . Ja, Ihnen und ihm selbst. In der Wohnung von Kranken, die zu retten sind, lasse ich nicht so viel zurück.

Marie. Haben Sie ihm je gesagt, daß er nicht zu retten ist?

Der Arzt. Ich konnte mir diese grausame Ehrlichkeit ersparen. Seine Krankheit ist von den aufrichtigen. Aber freilich kann es noch Jahre dauern, Marie.

Marie. Ich weiß.

Der Arzt. Und Sie, Marie, haben die Absicht, all diese Jahre hindurch an seinem Bette zu sitzen, ohne freie Luft zu atmen, ohne die Nächte ordentlich durchzuschlafen, – in dieser Dumpfheit und Enge auszuharren, bis es wirklich zu spät sein wird?

Marie. Was soll ich anders? Was kann ich anders?

Der Arzt. Zu spät . . . wissen Sie, was das bedeutet? Es liegen mehr Schrecken darin als in dem Worte »niemals«. Und wenn Sie es etwa für Ihre Pflicht halten hierzubleiben, nur weil dieser Mann Ihr Vater ist, so sage ich Ihnen, daß Sie höhere haben gegen sich selbst; – und der Gott, zu dem wir nicht beten, aber an den wir alle glauben müssen, straft es bitter, wenn sie verletzt werden.

Marie. Was mir höhere Pflicht ist, darüber habe ich nicht nachgedacht. Daß ich auch andere Wünsche habe, daran erinnern Sie mich in diesem Augenblicke wieder.

Der Arzt. So wollt' ich nur, diese Wünsche wachten wieder auf, zu rechter Zeit, mit der rechten Kraft.

Marie. Warum haben Sie früher nicht so zu mir gesprochen?

Der Arzt. Tat ich es nicht? . . . Wie lange schon und wie oft sag' ich Ihnen, daß ein Dasein, wie Sie es führen, Sie allmählich zugrunde richten wird, – daß Sie sich wehren müssen, daß Ihnen frische Luft und Bewegung dringend not tut.

Marie. Das, wozu Sie mich heute ermutigen wollen, scheint mir mehr als ein Spaziergang vors Tor hinaus.

Der Arzt. Ja, es mag mehr sein . . . Viel weiter hinaus möcht' ich Sie treiben. Es nagt an mir, wenn ich sehe, wie Sie . . . Sie Ihre Tage und Nächte einem alten bösen Manne hinopfern, der es Ihnen nicht dankt, – der es nicht wert ist. Bange wird mir, wenn ich denke, daß so viel Schönheit, so viel Jugend verdorren, verwelken soll . . . wofür? – Um nichts vielleicht als um ein paar Worte, die in einem alten Buche stehen.

Marie. Warum . . . warum haben Sie früher nicht so zu mir gesprochen?!

Der Arzt. Wenn Sie mich heute verstehen, ist es noch nicht zu spät gewesen.

Marie. Längst hätt' ich Sie verstanden; aber anders sprechen Sie heute zu mir – kühner, wilder beinah.

Der Arzt. Wie hätt' ich so reden dürfen noch vor kurzer Zeit?

Marie. Nicht dürfen? Sie zu mir?

Der Arzt. Es ist noch nicht so lange her, Marie, daß Sie hätten glauben dürfen, ich spräche so nicht allein in dem Gedanken an Ihre Zukunft. Und Sie hätten meinen Worten mißtraut . . . und hätten recht gehabt. Ich traute mir damals selber nicht. Heut aber wissen Sie, weiß ich selbst mich frei von jedem eigennützigen Nebengedanken, heute kann ich als Ihr Freund zu Ihnen reden und Ihnen raten.

Marie. Und was raten Sie mir als mein Freund?

Der Arzt. Daß Sie von hier fortgehen.

Marie. Wohin?

Der Arzt. Daß Sie dem Manne, der Ihnen wert ist, folgen, sobald er es verlangt.

Marie. Das ist's, was Sie mir raten –?

Der Arzt. Ja. Und ich wollte, er nähme Sie rasch von hier fort . . . morgen . . . heute noch. Mir ist angst um Sie. Wie Sie nur aussehn –! Zögern Sie nicht, wenn er das entscheidende Wort spricht. Nicht lang mehr, und ich fürchte, Sie verlieren selbst die Fähigkeit, glücklich zu werden.

Marie. Glücklich –? Kennen Sie den Adjunkten so gut?

Der Arzt. Ja, ich kenn' ihn. An jenem Winterabend, da ich ihn bei Ihnen kennen lernte, sind wir – Sie erinnern sich noch – von hier miteinander fortgegangen. Lange, in stillen Straßen, auf leuchtendem Schnee sind wir umhergewandert. Von seinen stillen Wäldern, von der Freude seiner Jagden, von seiner Mutter, die ihm eben gestorben war, von einem Mädchen, das er geliebt und verlassen, sprach er viel . . . kein Wort von Ihnen. Und doch redete jedes Wort, das er sprach, nichts anderes als Sie. Von dieser Stunde an dacht' ich mir kein andres Glück für Sie als dies an seiner Seite.

Marie. Vielleicht wäre es das Glück gewesen. Aber ich glaube, es ist nicht mehr das Glück, wonach ich mich sehne. Hat das Leben nicht mehr zu verschenken als Glück . . . viel mehr –? Und das, das ist versäumt . . . unwiederbringlich versäumt!

Der Arzt etwas befremdet. Das Vergangene – ja. Aber das Zukünftige bringt ein Entschluß Ihnen wieder.

Marie. Es gibt keine Zukunft mehr.

Der Arzt. Keine Zukunft? Was bedeutet das? Hat er Ihnen denn auf Nimmerwiedersehen Lebewohl gesagt . . . Oder haben Sie selbst ihn fortgeschickt?

Marie. Der Adjunkt wird in wenig Minuten wieder da sein. Aber das andere ist vorbei, das kommt nicht wieder.

Der Arzt. Es gibt anderes?

Marie. Wer weiß, vielleicht wollte der Himmel, daß ich erst heute solche Worte von Ihnen höre – heute, da sie in eine grundlose Tiefe fallen und darin begraben sein müssen, – heute, da es zu spät ist. – – Nein, nicht der Himmel wollte es! Und wär' es der Himmel, ich könnt' es ihm nicht danken . . . Aber wußt' ich denn nicht selbst all das, was Sie heute mir sagen? . . . Wußt' ich nicht, daß ich hätte fort müssen? . . . Und fing die Welt nicht erst mit dem Tage für mich an, da ich's wußte? . . . Und was hielt mich zurück – was? . . . Ich weiß es nicht mehr. Warum haben Sie nicht früher . . . nicht gestern so zu mir gesprochen? Warum nicht? . . . Da hätten Ihre Worte mich hinausgetrieben, denn da wußt' ich wohin . . . da lag das Leben vor mir . . . Und wär' es nur für einen Tag und eine Nacht gewesen, es war das Leben, das mich rief, das Leben, das mich erwartete. Nun ist es davongeflohen, und ich hab' es verschlafen, und Sie wecken mich auf! . . .

Der Arzt. Was ist Ihnen, Marie? Haben wirklich meine Worte diesen seltsamen Aufruhr in Ihnen verursacht? Nicht ins Ungewisse wollt' ich Sie treiben . . . Mir war, als läge Ihr Weg klar vor Ihnen.

 
Achte Szene

Der Arzt, Marie, der Adjunkt.

Der Arzt. Sie kommen, da ich eben wieder gehen muß. – Leben Sie wohl, Fräulein. Guten Abend, Herr Adjunkt; auf Wiedersehen.

Der Adjunkt. Auf Wiedersehen sag' auch ich. Aber nehmen Sie's nicht nur als leeres Wort. Erinnern Sie sich Ihres Versprechens aus diesem Winter und lassen Sie mich die Freude erhoffen, Sie einmal in meinem Revier zu begrüßen.

Der Arzt. In der Grünau heißt der Ort, nicht wahr?

Der Adjunkt. In weniger als in einem Monat übersiedle ich nach Tauplitz. Ich bin zum Oberförster dort ernannt.

Der Arzt. Wahrhaftig? So könnte es sich fügen, daß ich Sie in der Grünau besuche und, wenn Sie Lust zu einer gemeinsamen Fußwanderung haben, Sie übers Gebirge an Ihre neue Wohnstätte begleite

Der Adjunkt. Ich nehme Sie beim Wort.

Der Arzt. Hoffentlich gestattet mir's diesmal mein Beruf, die Stadt zu verlassen. Denken Sie, mehr als drei Jahre bin ich nicht mehr von hier fortgekommen

Der Adjunkt. Wie erträgt man das nur?

Der Arzt. Man muß wohl.

Der Adjunkt. Ich könnte in einer Stadt überhaupt nicht wohnen. Heute fühl' ich's wieder. Wie ein Grauen überfällt es mich manchmal im Lauf der Straßen. Es liegt wohl daran, daß das Leben der Stadt so geheim tut. Stockwerk baut sich über Stockwerk, die Fenster sind verhängt, die Türen zu, eine Steinwand starrt die andere an – ein beklemmender Ernst lastet über den Dächern, verworren scheint der Tag und die Nacht gefährlich, und Schicksale fallen über die Menschen wie Räuber her. Wäre mir hier eine Mutter gestorben, ich glaube, ich hätte dem Himmel geflucht . . . in meinem Walde verlor ich sie an den Frieden, der mich umgab, und finde sie dort immer wieder, wenn ich allein bin und den Frieden verstehe.

Der Arzt. Es muß schön sein, so leben zu dürfen wie Sie. In Ihre Weltabgeschiedenheit klingt manches Wort wahnhaft und machtlos hinein, nur vom Echo seines eigenen Sinns getragen; wir Armen hier, von der Vielheit der Menschen umringt, beugen uns gar oft seinem trügerischen Widerhall aus tausend angsterfüllten Seelen.

Der Adjunkt. So will es mir manchmal selber scheinen.

Der Arzt. Nun, leben Sie wohl. Sie werden von mir hören. Ich muß nun doch endlich gehen. Das sind meine Wege: Von Irrenden zu Leidenden, von Leidenden zu Sterbenden. – Auf morgen, Fräulein Marie. Rechts ab.

 
Neunte Szene

Der Adjunkt, Marie.

Der Adjunkt milde. Wie soll ich es verstehen, Marie, daß seit drei Monaten beinahe kein Brief mehr an mich kam?

Marie. Es wird nun wohl keiner mehr kommen. Nehmen Sie es, wie es gesagt ist, Herr Adjunkt.

Der Adjunkt. Keiner mehr –? Was soll das bedeuten f

Marie. Fühlen Sie nicht, daß alles vorbei ist?

Der Adjunkt. Vorbei –? Schmerzlich. Marie! . . . Nein, so dacht' ich Sie nicht wiederzufinden! Was für ein schlimmes Werk beginnt dieses Dasein, zu dem Sie sich verurteilt glauben, an Ihnen zu verrichten! Sehen Sie mich doch an, Marie, ich bin es!

Marie. Ich sehe, daß Sie es sind.

Der Adjunkt. Was ist denn geschehen, Marie? . . . Ich habe wohl in meiner Einsamkeit gefühlt, daß mein Bild Ihnen zu verblassen anfing, wie es auch vom Herbst bis zu Weihnachten verblaßt war. Aber damals brauchte es nur meinen Eintritt in diese Stube, und ich hatte Sie wieder. Ergreift ihre Hand. Wissen Sie denn gar nichts mehr, Marie? Es ist ja nicht so lange her. Sie können's ja nicht vergessen haben! Sie sitzt am Tisch ihm gegenüber. Heut vor einem Jahre wußt' ich ja noch nicht einmal, daß ein Wesen lebte wie Sie. Aber seit dem vergangenen Sommer weiß ich's. Es waren ja nur wenige Tage, aber sie leuchten wie tausend . . . Erinnern Sie sich denn nicht mehr? . . . Morgens um sechs kam ich vorüber, Sie standen am Fenster und lächelten. Diesen Morgengruß nahm ich mit mir, Waldestau und Himmel schimmerten von ihm wieder. Dann gab es Stunden, in denen Sie mich durch den Forst begleiteten, Sie und Katharina. Sie fragten mich nach allerlei, ich mußte Ihnen Namen von Busch und Blüten nennen, Sie haschten Blätter auf, die von den Zweigen herunterwehten, und ließen sich erklären, warum sie verwitterten und niedersanken. Sie beugten sich herab zu den verästeten Wurzeln überm Weg und wollten das Steigen der Säfte durch Bast und Rinde verstehen . . . Und dann ruhten wir alle auf einer Wiese. Sie, Marie, lagen auf meinem Mantel, die Arme über der Brust verkreuzt, und sahen ins dunkle Blau, und wir schwiegen. Es war eine Stille, die trunken machte . . . Und auf dem Rückweg – noch seh' ich die Sonnenkringel durchs dunkle Laub über Ihr blondes Haar zittern und über den Strohhut in Ihrer Hand – auf dem Rückweg, während Katharina mit den Hunden vorauslief, sagten Sie zu mir, Marie – – – Das wissen Sie doch noch, was Sie mir damals sagten?

Marie. Daß ich gern in einem Forsthaus wohnen möchte, mitten im Waldesfrieden.

Der Adjunkt. Ja, das sagten Sie. Wahrhaftig, es klang anders als heute! – – Aber Sie wissen es noch. Und Sie wissen auch noch, wie ich an jenem Morgen an der Landstraße stand und wartete, bis Sie mit Ihrem Vater im Wagen vorbeikamen und davonfuhren . . . . Und wissen noch, daß Ihr Blick rückwärtsgewandt lange auf mir ruhte. – Von diesem Morgen an glaubt' ich Sie mein. Und Ihre Briefe kamen. Und jeder Brief wiegte mich tiefer und sicherer in meinen Traum. Wir hatten uns nicht verlobt, Marie, aber es waren die Briefe einer Braut. Steht auf. Im Winter durfte ich zu Ihnen kommen. Sie waren ernster, fremder, als ich gehofft, aber die eine gemeinsame Stunde gab uns einander zurück. Dort an der Tür stand ich beim Abschied und sagte: »Im Frühjahr komm' ich wieder« . . . und damals wußten Sie, was dieses Wiederkommen hätte bedeuten sollen. – Wissen Sie's heute nicht mehr? . . . Das Haus im Waldesfrieden, nach dem Sie sich gesehnt haben, steht bereit, – wollen Sie dort einziehen?

Marie. Ich sehne mich nicht mehr danach.

Der Adjunkt. Vielleicht noch nicht, Marie. Ich werde warten.

Marie. Warten Sie nicht. Es wäre vergebens.

Der Adjunkt. Ich kann es nicht verstehen, Marie. Wenn Sie mich auch bisher nicht geliebt haben, Sie waren bereit dazu. Wenn Ihre Augen sich auch nie in die meinen versenkten, Ihr Blick schweifte doch nie an dem meinen vorbei wie heute. Auch in jenen Sommertagen waren Sie still, aber damals lag Ihr Schweigen doch nur auf den Lippen, nicht Ihr ganzes Wesen war davon durchtränkt wie heute. Wahrhaftig, Marie, in jenen Sommertagen lag Ihr Dasein vor mir ausgebreitet, ehe Sie noch ein Wort über sich erzählt hatten. So vertraut war mir, woher Sie kamen, wohin Sie gingen! Ja, mir war, als hätte ich Ihre Mutter gekannt, die ich doch niemals gesehen. Und als ich zu Weihnachten diese Wohnung zum ersten Male betrat, war mir, als wär' ich hier hundertmal aus und eingegangen . . . Und nun mit einem Male so zurückgestoßen! – – Warum? Mit jeder Sekunde, in der ich zu Ihnen rede und vergeblich Ihre Antwort erwarte, weichen Sie weiter von mir ab, und ich weiß nicht, wohin Sie mir entschwinden . . . Marie, warum reden Sie nicht? – Ich bin es ja! Sprechen Sie, sagen Sie mir, was Sie so schwer bedrückt, und alles muß gut werden! Ja, soll ich's Ihnen gestehen? Ich wünschte geradezu, etwas aus Ihrem Leben zu erfahren, das mir bisher fremd war und das ich nicht ahnen durfte. Mir ist, als könnt' ich Ihnen dadurch näher sein, als dürfte ich eher die Arme nach Ihnen ausbreiten. So bin ich vielleicht Ihrer gar nicht wert – ich hatt' es nur vergessen.

Marie. Wovon sprechen Sie? Erinnert sich. Daß Sie Katharina verließen um meinetwillen –?

Der Adjunkt. Verließen . . . ? Wie milde klingt das Wort. Ich hab' sie . . . hinabgestoßen . . . wer weiß wie tief. Aber da ich's um Ihretwillen getan, Marie, hatt' ich's nicht empfunden – und empfand es bis heute nicht, daß es unrecht war. Und ich wollte, Sie hätten zehnfach Schlimmeres getan, Marie, nur um das Glück zu genießen, Ihnen verzeihen zu dürfen.

Marie. Verzeihen – Sie mir? . . . Und wenn ich was immer getan hätte, was hat irgendwer auf der Welt mir zu verzeihen? Ich gehöre zu niemandem mehr und zu Ihnen so wenig als zu einem andern.

Der Adjunkt. Marie!?

Marie. Ich habe es ja selbst nicht gewußt. Doch als Sie heute durch diese Tür traten, wußt' ich, daß ein Fremder kam.

Der Adjunkt. Ihre Wangen glühn! Sie reden im Fieber. Ich will gehen, Marie. Ich will morgen wiederkommen, wenn Sie ruhiger geworden sind. Ich ertrage es nicht, Sie so reden zu hören. Ich will geduldig sein. Nicht morgen – im Herbst erst will ich wiederkommen und Sie fragen, ob Sie mir folgen wollen.

Marie. Bleiben Sie und danken Sie Ihrem Schicksal, daß Sie heute gekommen sind und daß ich gewillt bin zu reden. Morgen vielleicht, und Sie hätten nichts mehr von mir gewußt, – so wenig als ich selbst. So wie ich vor einer Stunde kaum was von mir wußte . . . Und in einer Stunde hätt' ich mich selbst wieder belogen, wie ich's bis vor einer Stunde tat. Ja! Meinen schlaflosen Nächten, dem jammervollen Alleinsein mit dem bösen alten Manne da drinnen, der dumpfen Luft in dieser traurigen Stube, dem Frühling, der draußen vor dem Fenster weht und lockt, meinem jungen, gepeinigten Blut hätt' ich die Schuld gegeben an dem, was in mir bebt und tobt, zu Wallungen eines irrgewordenen Leibs hätt' ich das tiefste Walten meiner Seele umgelogen, und wäre Ihnen gefolgt und hätte Sie und mich betrogen ein ganzes Leben lang!

Der Adjunkt. Reden Sie nicht weiter! Marie!

Marie. Und wenn Sie daran zugrunde gehn, was liegt mir daran? Sie sind mir nichts mehr . . . nichts mehr! O, Sie waren mir viel, sehr viel. Ich habe wirklich davon geträumt, mit Ihnen zu leben, still in einem Forsthaus unter Tannen . . . Aber seit einer gewissen Stunde träum' ich nicht mehr davon. Dort in der Lade liegen Ihre letzten Briefe, sie sind nicht einmal eröffnet. Sie hätten sterben können, ich hätte keine Träne um Sie geweint –! Und seit einer gewissen Stunde ist nicht ein Augenblick gewesen, in dem ich nicht eines Mannes dachte, der nicht Sie sind. Kein Augenblick – hören Sie wohl! – in dem ich nicht in die Arme eines Mannes verlangte, den ich ein einziges Mal gesehen, mit dem ich in einer einzigen Nacht durch einen lichten Saal geschwebt bin und für den ich doch bereit war, Ehre, Leben und Seligkeit hinzuwerfen . . . Und seit einer gewissen Stunde verging keine mehr, in der ich nicht dem alten Manne da drinnen, der mein Vater ist, den Tod erflehte – den Tod erflehte –? Nein! . . . Keine Stunde verging, in der sich nicht meine Finger krampften, ihn zu erwürgen, – um nur endlich frei zu sein, um nur endlich diese Türe hinter mir zuschlagen, die Treppe hinunter, durch die Straßen eilen zu dürfen, dem zu gehören, nach dem alle meine Sinne schmachten!

Der Adjunkt. Und was treibt Sie, Marie, mir all dies einzugestehen?

Marie. Will Ihnen daraus eine Hoffnung blühn? Wollen Sie sich etwa einbilden, daß ich mich für eine Sünderin nehme, die sich eine Schuld von der Seele beichten will? Sie irren. Keine Reue, nein, meine Verzweiflung schreie ich Ihnen ins Gesicht . . . meine Verzweiflung, daß es zu spät ist . . . zu spät! Daß der, für den ich all das hätte tun wollen, tun müssen, fort ist, ein Todgeweihter . . . daß er fort ist, um nie wieder zurückzukehren . . . daß ich erst heut dazu erwacht bin, mich selber ganz zu verstehen . . . daß ich in dieser Stunde erst zu allen Sünden und Wonnen reif geworden bin, nach denen es mich lockte, und daß es nur nicht mehr der Mühe wert ist, die Sünderin zu werden, – die ich bin! . . .

Der Adjunkt. Leben Sie wohl, Marie. Er geht.

Marie steht eine Weile regungslos. – Man hört von drinnen, ohne die Worte zu verstehen, wie die Tante aus der Zeitung vorliest. Unten ziehen Soldaten vorbei, Trompeten, Trommeln, Rufe. Es verhallt wieder. Marie geht langsam ans Fenster, ohne hinauszusehen, und setzt sich hin.

 
Zehnte Szene

Marie. Katharina kommt.

Katharina jung, schön, mit großen leuchtenden Augen, gelösten Haaren. Sie tritt vorsichtig herein, schaut sich um, gewahrt Marie zuerst nicht.

Marie aufblickend. Wer ist's?

Katharina. Marie! . . . Guten Abend. Ist meine Mutter schon hier?

Marie steht auf. Ich will ihr sagen, daß du da bist.

Katharina. O laß, das eilt nicht. – Der Herr Adjunkt ist auf der Stiege an mir vorüber . . . sah er mich nicht? Nun, was tut's! . . . Hilf mir doch, die Haare aufstecken, Marie, – rasch, ehe die Mutter hereinkommt.

Marie. Bist du so durch die Straßen?

Katharina. Wer kümmert sich heute drum! Es ist auch schon dunkel.

Marie ist ihr behilflich. Was ist das?

Katharina. Ah, hab' ich noch Blüten im Haar? Sie gleiten herunter. – Warum so still, Marie? Wann wird Hochzeit sein?

Marie. Es denkt niemand an Hochzeit.

Katharina. O, sagst du das um meinetwillen? Keine Ursache! Er ist frei wie ich.

Marie. Wonach duftest du so seltsam?

Katharina. Hatt' ich nicht Blüten im Haar? Die werden's wohl gewesen sein.

Marie. Woher kommst du, Katharina?

Katharina. Woher ich komme? . . . Von weit.

Marie. Von weit? . . .

Katharina. Es liegt so weit wie ein Ufer, das man nie mehr betritt.

Marie. Woher?

Katharina. Frag' nicht woher, – ich wende mich nicht um. Hinab, ihr Blüten! Nicht traurig. Vorbei ist vorbei!

Marie. Warum ein Ufer, das du nicht mehr betrittst?

Katharina. Abschied hab' ich genommen.

Marie. Abschied? . . . Deine Augen glühen, aber nicht von Tränen. Blühen die Wangen so frisch, wenn man Abschied nimmt?

Katharina. Abschiednehmen ist süß. Wenn man erst weiß, wie kurz das Leben ist, duftet jeder Abschied von einem neuen Morgen . . . Einmal hab' ich auch geweint – einmal nur, Marie. Als dir einer auf einer Wiese seinen Mantel unterbreitete und ich fühlte, wie sein Herz mit einem Male von mir zu dir überflog. Damals dacht' ich noch, dies sei zu weinen. Wie war ich jung!

Marie. Ist das so lange her – vom Herbst bis zum Frühling . . . ist das so lang?

Katharina. O, es ist lang! Jede Stunde ist lang. So viele Leben leben wir!

Marie. Hast du den Adjunkten geliebt?

Katharina. Ja. Geliebt wie einen, der die Tore aufreißt zu einem wunderbaren Garten mit verschlungenen Wegen . . . so wie ich nur einen mehr lieben werde: den, der mich am Ausgang erwartet.

Marie. Gibt es Menschen, die nur so an den Toren stehn?

Katharina. Was kümmern sie mich? . . . Nun lauf ich die verschlungenen Wege hin. – Bist du fertig?

Marie mit Katharinas Haaren beschäftigt. Sie rinnen mir so durch die Finger. – Wie du seltsam sprichst! Was ist dir?

Katharina. Höre, Marie, du sollst es wissen! Ich will fort von der Mutter.

Marie. Von der Mutter? . . .

Katharina. Von dir wohl auch, – von euch allen.

Marie. Was geht dir durch den Sinn?

Katharina. Mit zweiundzwanzig lieg' ich im Grab, heut bin ich neunzehn. Ich will nicht bei der Mutter bleiben diese drei Jahre. Wenn ich so still dahinlebe, wird mir bang. Nur die sich an viel zu erinnern haben, schlafen ruhig in der Erde, – die andern . . . weißt du's nicht? . . . . flattern und klagen über der Erde umher. Oft schon bei Nacht hab' ich meine toten Schwestern gesehen. Ich will ruhig schlafen.

Marie. Woher kommst du, Katharina?

Katharina. Von einem komm' ich, der geradenwegs in den Tod reitet.

Marie. Wie? . . .

Katharina. Verstehst du nicht, Marie? Meine Küsse brennen auf seiner Brust, kein Weib mehr küßt sie weg! Er war jung vor einer Stunde, uralt ist er mit einem Male. Ich bin jung, ich denke seiner nicht mehr. Und er reitet in den Tod.

Marie. Der in den Tod reitet, ist er's?

Katharina. Ich hab' auch dir einen Gruß zu bringen, schlürf ihn ein: letzte Grüße schmecken gut, wie Flammen rinnen sie durch den Leib und bringen Glück, sagen die Leute.

Marie. Mir einen Gruß? . . . Wer ist's, der mir einen Gruß schickt?

Katharina. Ist es so schwer zu raten?

Marie. Sahst du den andern auch?

Katharina. Seinen braunen Kameraden sah ich auch. Sie saßen zusammen und tranken Ungarwein. Meinem war weh ums Herz; hätte ich gewollt, Kaiser und Vaterland hätte er um mich verraten. Der andere war fröhlich und kühn.

Marie. Und er sagte –?

Katharina. »Grüßen Sie Ihre Base Marie,« sagte er. »Sie hätte mich nicht sollen warten lassen.«

Marie. Das sagte er?

Katharina. Und er sagte noch mehr: »Es ist nicht gut, daß sie nicht gekommen ist,« sagte er. »Vor Bösem hätte sie mich bewahren können.«

Marie. Vor Bösem ihn bewahren –?

Katharina. Warum ließest du ihn warten?

Marie. Ich versprach ihm nie –

Katharina. Eine ganze Nacht schwebtest du in seinen Armen dahin durch einen weiten Saal mit tausend Lichtern. Das ist auch ein Versprechen.

Marie. Und nun reitet er in den Tod –?

Katharina. Nun reut es dich doch!

Marie. Reut mich – ja.

Katharina. Ich glaub' dir's nicht, du Stille! Wer hielt dich! Kanntest du den Weg nicht?

Marie. Ich kannte den Weg.

Katharina. Warum bist du ihn nicht gegangen?

Marie. Konnt' ich ihn gehn?

Katharina. Konntest du nicht, dann zog es dich nicht so mächtig.

Marie. Zerbrochen hat mich der da drinnen, – mir ist, als könnt' ich kein Glied mehr rühren!

Katharina. Trag dein Los. Wen die andern kümmern, der darf nicht glücklich sein. Trag dein Los.

Marie. Und ihn nicht einmal mehr gesehen! Da am Fenster lehnt' ich, die Augen schaut' ich mir aus, aber dämmrig war's, daß man kein Antlitz kennen konnte.

Katharina. Wovon redst du?

Marie. Da ritten sie vorbei, die blauen Kürassiere, vor einer Stunde der letzte . . . da ritten sie vorbei!

Katharina. Was redst du, Marie? Sie ritten vorbei? . . . Du sahst ihn nicht! Du hättest ihn nicht gesehn, auch wenn hellichter Tag gewesen wäre.

Marie. Warum nicht?

Katharina. Weil er hier nicht vorbeiritt.

Marie. Ich sah sie doch! Und auch der Vater und der Doktor und der Adjunkt – wir alle sahen die blauen Kürassiere!

Katharina. Mag sein, mag sein! Aber nicht die letzte Schwadron; die reitet erst morgen früh um viere.

Marie. Woher weißt du –? Du lügst! Du wärst nicht hier, wenn er noch da wäre! Du spottest meiner!

Katharina. Ich mußte doch fort. Sie waren alle beim Oberst geladen zu einem Abschiedsmahl. Der Oberst hat eine schöne Frau; die wollte wohl die jungen Leute alle noch einmal sehn. Oder war's der eine nur, den sie sehen wollte?

Marie. Der eine nur?

Katharina. Morgen um vier reiten sie in den Tod.

Marie. Er ist noch da! . . . Er ist noch da!

Katharina. Er war lange da. »Sie hätte mich nicht sollen warten lassen,« das waren seine Worte. Vor bösen Dingen hätt' sie mich bewahrt. Nun ist's wohl zu spät.

 
Elfte Szene

Marie, Katharina. Die Tante von links.

Die Tante. So – nun, scheint es, ist er eingeschlafen. – Katharina! Bist du endlich da – Katharina! Wir wollen nun gehen.

Marie. Er schläft?

Die Tante. Ja. – Leb' wohl, Marie. Morgen früh wollen wir noch einmal herschauen, ehe wir nach Hause fahren. – Dein Zimmer ist bereit, Marie.

Der Vater von drinnen. Marie! Wo bist du?

Marie zuckt zusammen.

Die Tante. Komm, Katharina, komm!

Katharina. Leb' wohl, Marie.

Die Tante und Katharina ab.

 
Zwölfte Szene

Marie und der Vater.

Der Vater schreit von drin. Marie! Wo bist du? Wollt ihr mich – –

Marie ergreift das Fläschchen, leert den Inhalt ins Glas.

Der Vater. Marie! Er erscheint an der Türe und sinkt dort beinahe in die Knie.

Marie zu ihm bin. Warum bleibst du nicht im Bett?

Der Vater. Her zu mir! Ich ersticke drin! . . . Hier will ich bleiben! . . . Führe mich dorthin ans Fenster! Sie führt ihn hin; er setzt sich auf den Stuhl am Fenster.

Marie steht hinter ihm. Vater! –

Der Vater durch den Ton getroffen, wendet sich um, sieht sie an.

Marie. Ist es wahr, Vater, was der Doktor heut erzählte? – Daß die blauen Kürassiere vor dreißig Jahren geflohen sind?

Der Vater. Das ist wahr. Es sind nicht die einzigen gewesen.

Marie. Aber die ersten waren es.

Der Vater. Ja. Die ersten waren es. Was fragst du?

Marie. Warst du nicht Rittmeister bei den blauen Kürassieren?

Der Vater. Das war ich. – Tut es dir leid um die jungen Leute – oder um den einen nur? Mit dem wirst du nimmer tanzen! Und was den betrifft, kann der Herr Adjunkt ruhig sein. Schade! Der eine sollte davonkommen! Lacht.

Marie. Bist du von allen, die damals entflohn, der einzige, der lebt?

Der Vater. Ich denke wohl. Ich bin der einzige, und ich lebe noch. Seltsam! Wie vor sich. Und ich – ich bin schuld, daß die alle sterben müssen, vor mir.

Marie. Du? . . . Nicht du allein!

Der Vater. Wer weiß – vielleicht ich allein.

Marie. Es ist auch möglich, daß die ganze Sache nicht wahr ist, sagt der Doktor. Niemand sprach davon dreißig Jahre lang.

Der Vater. Und niemand wußte es, glaub' ich. Das ist das Seltsame. Die Verwirrung war groß. Damals gab es mehr als ein Regiment, dem man die Schuld gab. – Gib mir die Hand! Er packt sie beim Arm. Du willst fort! Wie vor sich. Wer mag es aufbewahrt haben? . . . Nun weiß es mit einem Male die ganze Welt. Aber, daß ich es bin, der sie alle in den Tod schickt, das weiß keiner!

Marie. Du? . . .

Der Vater. Ja – ich . . . alle die – und lebe und bin neunundsiebzig.

Marie. Warum denkst du, daß du allein – – gerade du es gewesen bist?

Der Vater. Warum? . . . Ich weiß es . . . Ich führte die dritte Eskadron. Am Fuß des Hügels von Lindach standen wir und warteten. Seit vier Uhr morgens saßen wir zu Pferd und warteten. Nichts andres hatten wir zu tun, als zu warten . . . Irgendwo in der Nähe war es wohl schon losgegangen, es knatterte, es donnerte – aber wir sahen nichts . . . Was lag mir daran? Schon manches der Art hatt' ich mitgemacht. – Bis dahin war ich einer gewesen, der an den Tod nicht dachte . . . ein Held war ich – ein Held . . . Hinter uns der Wald, aus dem wir herausgeritten waren, zur Linken stiegen die Hügel auf, rechts standen andere Regimenter, regungslos wie wir. Vor uns nichts als die weite Ebene, still und furchtbar. Seit vier Uhr morgens saßen wir zu Pferd. Stunde um Stunde verging. Keiner redete mehr. Es war, wie wenn man unser vergessen hätte. Wir sehnten uns alle nach einem Befehl zum Vorwärtsgehen . . . nur vorwärts, und wenn wir gewußt hätten, daß uns der Tod so gut wie gewiß war . . . Sich bewegen, sich rühren. Aber nicht das war unser Los – wir mußten warten. Warten. Wann es kommen würde, das wußte keiner, – aber es mußte kommen, das war gewiß. Dazu waren wir bestimmt. Seit vier Uhr morgens wußten wir's. Stunde um Stunde verging. Die Sonne brannte über uns. Wir wußten nicht, was in der Runde geschah. Und vor uns lag die Ebene, still und furchtbar. Daher mußte es kommen. Aber wann? wann? . . . Wir warteten. Eine Ewigkeit . . . hundert Ewigkeiten . . . Es nahm kein Ende . . . Fern – sehr fern klang es her, Donnern und Heulen . . . aber wir wußten nicht, was geschah . . . Wir warteten . . . Und da mit einem Male packte es mich . . . packt mich mit einem Male, was ich nie gekannt . . . zum ersten Male in meinem Leben packt mich Angst . . . Angst . . . entsetzliche Angst! . . . Und ich schreie, und weiß nicht mehr, was . . . als hätt' mich was an der Gurgel und ließ mich nicht los . . . ich schreie, daß es lauter klingt als das Heulen und Donnern . . . Und noch wer neben mir schreit . . . oder hundert . . . oder war ich's allein . . . ich weiß nicht . . . und mein Pferd bäumt sich, und ich reiß' es herum . . . ich war nicht der einzige . . . nein, der einzige war ich nicht! . . . Aber hätt' ich mich besonnen, Kehrt gemacht noch einmal, dann wär' alles anders gekommen . . . alles . . . ich weiß es, denn sie folgten mir in Tod und Hölle, wenn ich wollte . . . Aber ich wandte mich nicht. Denn in diesem Augenblick wußt' ich mit einem Male, daß sie uns all das, was uns auf den Fleck gebannt hielt hundert Ewigkeiten lang, nur vorlügen . . . Ehre und Vaterland nur vorlügen, um uns sicher zu haben! . . . Wer lohnt mir's? Wer dankt mir's? . . . Mit den tausend andern hätten sie mich in die Grube geworfen und Erde darauf, und aus war's gewesen! Und ich wollt' es nicht! Leben wollt' ich, leben, wie andre dürfen . . . eine Frau wollt' ich haben und Kinder und leben! . . . Und so rast' ich davon, die andern mit mir, mir nach . . . vor mir . . . überall . . . davon . . . davon . . . Und so ist es geschehen, daß ich heil zurückgekommen bin aus der Schlacht und ein Weib geheiratet hab', das mich verachtet, und ein Kind gekriegt, das mich haßt . . . und so ist es gekommen, daß heut die jungen Leute in den Tod ziehen, die ich nicht kenne, und daß ich noch lebe mit neunundsiebzig und sie alle überleben werde – alle – alle . . . Gib mir zu trinken! . . . Nein, nicht so! Du willst fort! Er hält sie am Arm. Führ' mich hin zu der Tür erst. – Er geht zur Türe und sperrt sie ab; hält den Schlüssel in der Linken und lacht höhnisch. Zurück – dorthin! Marie führt ihn zum Krankensessel, er setzt sich hin, den Schlüssel in der Hand. Jetzt schenk' mir ein. Sie gießt das Wasser in das Glas, in das sie früher das Gift hineingegossen, reicht es ihm. Er trinkt es aus, atmet auf. Dann erhebt er sich, sieht um sich, starrt, läßt das Glas fallen, starrt Marie an, reißt den Mund weit auf, als wollte er sprechen, macht zwei Schritte nach vorne, dann sinkt er mit einem Male hin, der Schlüssel fällt ihm aus der Hand.

Marie nimmt den Schlüssel, sperrt auf; dann nimmt sie das Tuch, wirft es um sich, stürzt davon.

Vorhang.

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