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Der Ruf der Zeit

Anna Maria Roos: Der Ruf der Zeit - Kapitel 10
Quellenangabe
authorAnna Maria Roos
titleDer Ruf der Zeit
publisherFr. Frommanns Verlag (H. Kurtz)
year1932
printrun6. Tausend
translator Pauline Klaiber-Gottschau
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181115
projectid7d2d482f
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Was ist zu tun?

I.

Der Gedanke sucht weit umher, – sucht ein Land, wo man auf das Morgengrauen eines neuen Tages hoffen könnte, wo eine neue Reformation und die so lange erwartete Wiedererneuerung erstehen werden.

Kein Wunder, wenn der Gedanke zuerst bei dem Land anhält, wo Luther einen so guten Kampf gekämpft hat, wo viele große Denker zur Entwicklung des menschlichen Gedankens beigetragen haben; wo eine unvergleichliche Reihe von Meistern der Musik bewiesen hat, daß für die tiefste aller Künste die deutsche Seele ganz besondere Gaben hat; wo im letzten Jahrhundert hervorragende Theologen und Bibelforscher – obgleich mit einigen Irrtümern und Übertreibungen – viel zu dem Fortschritt auf diesem Gebiet beigetragen haben, und wo bis vor kurzem ein Mann wie Adolf von Harnack lebte, dessen Wissen in dieser Richtung sowie auch dessen Mut und Weitherzigkeit sich als ganz außergewöhnlich erwiesen haben.

»Aber wie könnte man so etwas von Deutschland erwarten?« werden sehr viele selbst unter den Freunden Deutschlands einwenden. »Ein Land, das so furchtbar gelitten hat, gelitten durch Hunger und viel Unglück, das so viele Lasten zu tragen hat, das erfüllt ist von der Bitterkeit, die unfehlbar in einem Volke aufsteigt, das durch Versprechungen, die nicht gehalten wurden, in eine offenbar unerträgliche Lage versetzt ist und darin erhalten wird?«

Ja, gewiß, Deutschland bricht unter den ihm aufgebürdeten Lasten fast zusammen. Aber wie, wenn auch seinen Lasten gegenüber jenes Wort gelten würde: »Denn wer da hat, dem wird gegeben.« Wie, wenn es Lasten wären, die zu tragen den Geist stark und aufrecht machten – gerade wie die Frauen im Orient durch das Tragen schwerer Wasserkrüge auf dem Kopfe eine königliche Haltung erlangen?

Mehr als einmal hat Deutschland bewiesen, daß Zeiten der Drangsale und der Not die Zeiten geistigen Wachstums waren.

Und niemals werde ich vergessen, was eine deutsche Mutter mir einmal mitgeteilt hat: daß ihr zehnjähriger Sohn zu ihr gesagt habe: »Mutter, arbeiten ist doch das Hauptvergnügen.«

Die Liebe zur Arbeit und die geistige Zähigkeit, diese charakteristischen Züge der deutschen Seele können noch Wunder tun.

*

Während des großen Krieges und gleich nachher zeigte sich in Deutschland, wie anscheinend auch in andern am Weltkrieg beteiligten Ländern, eine Bewegung religiöser Erweckung. Es mag jedoch sein, daß die damals entwickelten religiösen Gefühle oftmals von derselben Art waren, wie die in einem bestimmten Fall, von dem ein Geistlicher folgendes erzählt: Eine Frau, die seit Kriegsbeginn regelmäßig in seine Kirche kam, ließ sich da plötzlich nicht mehr sehen, obgleich man hätte meinen können, sie habe jetzt mehr als jemals den Halt und die Stütze der Religion nötig, denn ihr Sohn war in der Schlacht gefallen. Als der Geistliche dieser Frau zufällig begegnete, fragte er sie, warum sie nicht mehr in den Gottesdienst komme. »Oh, es ist offenbar nichts damit zu erreichen,« lautete ihre Antwort.

Diese Schätzung der Religion – das Einhalten der kirchlichen Gebräuche in der stillen Hoffnung, dafür von Kummer und Unglück verschont zu werden – ist nichts Ungewöhnliches. Aber diese Art von Religion ist es nicht, durch die die Menschheit gerettet werden wird.

Der Weltkrieg war noch nicht beendet, als Oswald Spengler den ersten Band seines genialen Werks »Der Untergang des Abendlandes« veröffentlichte, das überall in der zivilisierten Welt denkende Menschen stark beeinflußte und worin erklärt wurde: »Die Essenz aller Kultur ist Religion«; wozu von dem deutschen Historiker, der die Zivilisation als den Verfall der Kultur betrachtet, hinzugefügt war: »Die Essenz aller Zivilisation ist Irreligion.«

Einige Jahre später wurde in Deutschland von Alfred Wien ein Buch veröffentlicht, genannt »Die Stadt in den Wolken«, worin sich der Verfasser auf den bekannten Ausspruch Platos bezieht, daß es ebenso unmöglich sei, einen Staat ohne Religion zu regieren, als eine Stadt in den Wolken zu erbauen, und worin Wien auf den offensichtlichen atheistischen und materialistischen Zug der Gedanken hindeutet, der schon jahrzehntelang vor dem Weltkriege herrschend gewesen war. Er hält die verblendete Selbstzerstörung Europas für die logische Folge dessen, was sich in langer Zeit vorbereitet hat. Denn Seelen starben und waren tot, lange bevor das große Hinschlachten menschlicher Körper begann. An der Hand von niederschmetternden Statistiken schildert der Verfasser die jetzige mißliche Weltlage und besonders die Notlage Deutschlands, wo die Verzweiflung viele Seelen ergriffen habe, was sich in rücksichtsloser Vergnügungssucht, in Verbrechen und Selbstmorden äußere. Wien hält jedoch nicht wie Spengler den vollständigen Untergang für gänzlich unvermeidlich. Er hofft noch auf eine religiöse Erweckung. Da er aber den Kirchen keine verfehlte Auslegung der Botschaft Christi zuschreibt, schlägt er keinerlei Art von Reformation vor; darum ist auch sein Buch, obgleich es augenscheinlich weite Kreise in Deutschland stark beeindruckt hat, nicht imstande, große Hoffnungen zu erwecken.

Denn wie könnte von einer Predigt, die bis jetzt nicht fähig war, den Niedergang aufzuhalten, eine große Wirkung zu erwarten sein?

Ein italienischer Schriftsteller, der kürzlich im »Corriere della Sera« über die jetzige mißliche Lage Deutschlands schrieb, behauptete, nach dem Kriege sei dieses Land von einer Woge des Materialismus, der die Politik, die Gesellschaft und die Kunst beeinflußte, überschwemmt worden, sprach aber seine Überzeugung aus, daß unter der deutschen Jugend ein Sehnen nach neuen Idealen mächtig sei. Und diese neuen Ideale, so sagt der angeführte Schriftsteller, finde jetzt diese Jugend in einer starken politischen Bewegung mit ausgesprochen idealen Zielen.

Es ist ziemlich selbstverständlich, daß die deutsche Jugend damit anfängt, ihre idealen Ziele in einer politischen Bewegung zu suchen, da die am meisten auffallende Tatsache in der jetzigen schlimmen Lage ihres Volkes der verzweiflungsvolle ökonomische Zustand ist, in dem es sich befindet. Aber wenn auch eine politische Partei mit einem idealistischen Zug die Begeisterung junger Menschen zu erwecken vermag, so ist doch wenig Aussicht vorhanden, daß sie eine solche auch festhalten wird.

Das Schicksal politischer Parteien war und wird immer sein: zuzusehen, wie das erste Erglühen der Begeisterung langsam erlischt. Denn jede Politik ist auf Kompromisse angewiesen; darum wird keine politische Partei je in der Lage sein, an ihren idealen Zielen festzuhalten. Die politische Geschichte der Menschheit ist tatsächlich eine Geschichte ansteigender und abfallender Begeisterung – rasches Ansteigen, langsames Abfallen.

Aber bei jedem Angelpunkt der Geschichte, immer beim Anbrechen einer neuen Epoche, wird gefühlt, daß es Höhen gibt, die durch politische Bestrebungen nicht zu erreichen sind, und Tiefen, größere als jene, in die die Menschen zur Lösung ökonomischer Fragen hineinzudringen versuchen.

*

Bei der Besprechung einer öffentlichen Debatte in einem Berliner Gymnasium stellte kürzlich eine große Berliner Zeitung fest, es wäre wenig bekannt, »wie sehr sich das Interesse der jüngsten Generation wieder der Philosophie zuwende«.

Diese Feststellung war tatsächlich hoffnungsreicher, als ein etwaiger Bericht einer religiösen Erweckung unter den jungen Leuten. Erweckungen kommen und gehen und lassen zuweilen nur eine schwache Spur zurück, wie die Religionsgeschichte verschiedener Länder gezeigt hat. Aber was die Menschheit in ihrer jetzigen Lage braucht, das ist eine neue Harmonie der Gedanken und Gefühle in religiöser Beziehung. Vor etwa achtzehnhundert Jahren wurde der Versuch zu einer solchen Verschmelzung gemacht. Und durch das damals fertiggebrachte Zusammenschweißen von griechischer Philosophie und christlichem Glauben wurde das Denken und das Schicksal der Welt für mehrere Jahrhunderte bestimmt.

Jetzt haben wir uns jedoch klar gemacht, nicht, daß diese Verschmelzung ein Fehler gewesen wäre, aber daß jener starre Zwang, auf den weder die griechische Philosophie noch der christliche Glaube ursprünglich hinzielte, der aber durch engherzige Menschen hereingebracht wurde, dem damals geschaffenen System allmählich das Leben ausgesogen hat.

Und jetzt wartet die Welt.

*

Oben habe ich den Ausspruch einer deutschen Mutter angeführt; einen zweiten solchen kann ich nicht vergessen: Sie erzählte mir von ihrer fünfzehnjährigen Tochter, die von klein auf eine merkwürdige religiöse Veranlagung gezeigt habe. Seit sie aber bei dem Geistlichen ihrer Gemeinde an dem Konfirmationsunterricht teilgenommen habe, scheine bei dem Kinde jeder Sinn für Religion erloschen zu sein.

Dies war gewiß eine Ausnahme. Aber zweifellos gibt es in der orthodox-christlichen Religion Dogmen, die dadurch, daß sie betont werden, viele junge Leute der Religion gegenüber feindlich gesinnt machen.

Werden da nicht Mütter, die der Ansicht sind, wahre Religion sei für ihre Kinder ein Halt und eine Stufe im Lebenskampf, werden sie nicht ihr Möglichstes tun, um das offizielle Christentum freizumachen von allem, was seinem Ursprung widerspricht und eine Untreue bedeutet gegen seinen Herrn und Meister? Werden nicht die deutschen Frauen zu solch einem Werk die Hände bieten?

 

»Warum haben die deutschen Frauen das Interesse an der Politik verloren?« wurde vor einiger Zeit in der »Vossischen Zeitung« gefragt.

Jemand gab zur Antwort:

»Die Frauen sind schnell bereit, in Begeisterung zu geraten, aber wenn sie finden, daß eine Sache nicht das ist, was sie erwartet haben, werden sie ihrer auch rasch müde.«

Das ist zweifellos richtig.

Aber sollte nicht eine Bewegung wie die hier angedeutete eine dauernde Begeisterung erwecken können?

*

Das Leiden erweckt verborgene Kräfte. Das Leiden könnte eine Begeisterung erwecken, wie sie wirtschaftlicher Erfolg nie hervorrufen könnte.

Und wenn in jungen deutschen Seelen eine Sehnsucht nach idealen Zielen vorhanden ist – und wie sollte es anders sein bei einem Volke, das von jeher die Gabe der Einbildungskraft und einen Durst nach Erlebnissen, nicht zum wenigsten nach geistigen Erlebnissen, hatte und überdies in der Schule des Leidens erzogen ist? – wird dann nicht bald der Strom der Begeisterung in tiefere Bette hineinströmen als in die der Politik?

Vielleicht wird die edle Rache Deutschlands für sein Unterliegen im Weltkrieg die sein: eine Bewegung ins Leben zu rufen, die den drohenden Niedergang der westlichen Zivilisation aufzuhalten und einen neuen Tag zu bereiten vermag.

*

In einem bemerkenswerten Artikel in »Die Tat« hob kürzlich (Februar 1932) Hans Zehrer hervor, daß »ein Volk, das eine derartige Niederlage und einen so vollständigen Zusammenbruch erlebt hat wie das deutsche, und das so ohne jede Machtmittel dasteht, niemals ohne eine neue welterlösende Idee wieder hochkommen kann«.

Wo aber sollte eine welterlösende Idee geholt werden können, wenn nicht bei dem, der vor zweitausend Jahren hieher kam, die Welt zu befreien, dessen Persönlichkeit und Lehre aber so lange verzerrt worden sind!

In dem Jahr, wo über einem großen Volk, das viel gelitten hat, die Angst am schwersten lag, in der Nacht, wo die Gedanken der Menschen ein Kindlein suchen, das in einem Stall geboren ward und zum Retter der Menschheit erwuchs – in der Nacht gingen fern über Land und Meer die Klänge deutscher Kirchenglocken. Gewaltig, bisweilen wie Sturmwinde brausend, erschollen sie, von jenen geheimnisvollen Ätherwellen getragen, die der menschliche Geist sich zum Diener gemacht hat. Und aus dem Klang der Glocken schien ein Ruf aufzusteigen zu dem Ewigen, ein Ruf, eine Frage von einem ganzen Volke: »Warum dieses große Leiden? Wozu, Herr, hast du uns durch diese tiefe Not erziehen wollen?«

Es tönte wie ein silberner Glockenklang – –

Es war wie eine Antwort – Es war wie eine Hoffnung –

II.

Der Gedanke setzt sein Suchen fort.

Ist irgendeine Möglichkeit vorhanden, daß in dem zweiten großen protestantischen Lande Europas eine neue Reformation einsetzen könnte?

Nun, ist England überhaupt als ein protestantisches Land anzusehen?

Es gibt viele, die das verneinen, selbst unter denen, die zu der Kirche von England gehören. »Sie ist, genau genommen, nicht ein protestantischer Körper,« sagt Dekan Inge von der Kirche, der er angehört, »denn Protestantismus ist die Demokratie der Religion, und die Kirche von England hat eine hierarchische Organisation beibehalten mit einem Pfarrerstand, der den Anspruch erhebt, eine göttliche Berufung zu haben, die ihm nicht von der Gemeinde verliehen ist.«

Gewiß gibt es auch andere protestantische Länder, deren Volkskirchen nicht frei von hierarchischen Neigungen sind und deren Geistliche Anspruch auf göttliche Berufung erheben. Aber die Tatsache, daß England viel mehr durch einen königlichen Willensakt als durch den ausgesprochenen Willen des Volkes von Rom freigemacht worden ist, hatte selbstverständlich die Folge, daß die persönliche Freiheit des Glaubens, die »glorreiche Freiheit der Kinder Gottes«, dort viel weniger betont wurde, als in dem Protestantismus Luthers. Und es ist eine bekannte Tatsache, daß in letzter Zeit die Neigung zum römischen Katholizismus bei einem ziemlich großen Teil der Angehörigen der englischen High Church sehr stark zum Ausdruck gekommen ist.

Vor etwa fünfundzwanzig Jahren hat indes ein wohlbekannter englischer Schriftsteller geschrieben: »In unserem Lande ist auf eine religiöse Erweckung stets eine Reformation gefolgt. Die Erweckung ist da – wird nicht auch die Reformation kommen?«

Allein die Erweckung des Jahres 1905 – hauptsächlich auf Wales beschränkt – hat keine reformatorische Bewegung zur Folge gehabt.

Ebenso scheint keine solche Bewegung bei der religiösen Erweckung nach dem Kriege erkennbar gewesen zu sein.

Sind jetzt die Möglichkeiten in dieser Hinsicht größer?

Wie jedermann weiß, sind die Engländer im ganzen genommen ein konservatives Volk, und sie sind stolz auf ihren Konservatismus.

Doch gibt es da einen wahren verständigen Konservatismus, der, um große Werte zu retten, die Notwendigkeit einer Reform zugeben könnte.

Wenn die Lehre Christi vergessen zu werden scheint, wenn selbst der Glaube an Gott, der doch von so vielen Heiden festgehalten wurde, dahinschwindet, wenn solch ein Unglück für die ganze Menschheit dadurch verhindert werden könnte, daß man die von Menschen gemachten Formeln verabschiedete – wäre es da nicht der Mühe wert, um der Menschheit die ewigen Werte des Christentums zu retten, diese Formeln aufzugeben?

Der Hauptgrund, weshalb viele Christen, ernste, aufrichtige Christen, sich einer neuen Reformation widersetzen, ist der, daß sie sich nicht klar machen, bis zu welchem Grad Gleichgültigkeit oder selbst Feindseligkeit der Religion gegenüber von den modernen Menschen Besitz ergriffen hat. Sie machen sich nicht klar, wie eine der Vernunft widersprechende Lehre junge Leute ungeduldig, ja der Religion feindselig gestimmt macht.

Daß es Dinge gibt, die über unseren Verstand gehen, müssen wir alle zugeben. Das ist, was uns eben darum leichter fällt, weil große moderne Wissenschaftler darin übereinstimmen, daß auch die Wissenschaft an sich Geheimnisse und Rätsel bietet, die für immer unlösbar zu sein scheinen. Das ist etwas, zu dem schon Xenophon einen klassischen Ausspruch geliefert hat, indem er sagte: »Trotzdem das Auge dazu gemacht ist, das Licht zu empfangen, ist es doch unfähig, in die Sonne zu sehen.«

Aber etwas, das gegen die Vernunft ist – wie zum Beispiel die Formel von drei verschiedenen Personen, die doch eine seien – das ist etwas anderes! Das ist es, was moderne Menschen rebellisch macht.

Wenn die meisten Theologen – auch viele Neutheologen – in den in Rede stehenden Fragen nicht klar sehen, dann kommt dies daher: sie haben während ihrer Studienjahre Zeit genug gehabt, über das Problem der Dogmen nachzudenken, sind mit dem Gedanken vertraut geworden, daß hinter den Dogmen doch eine ewig bestehende Wahrheit steckt; sie haben vielmals mit ihren Studiengenossen alle jene Probleme erörtert, und sie sagen: Ach was, die Dogmen – das weiß doch jetzt jedermann, daß sie symbolisch aufgefaßt werden sollten.

Sie denken aber nicht daran, daß die jungen Leute, welchen die Dogmen eingepaukt werden, wenn sie sich der Fragwürdigkeit jener Lehren bewußt werden, nicht Zeit und Gelegenheit haben, alles durchzuprüfen: was fallen muß und was stehen bleiben soll. Das Ergebnis wird in den meisten Fällen das sein, daß sie alles fallen lassen.

Lehrer haben oftmals einen besseren Einblick in den Seelenzustand der Jugend. Ich habe oben die Antworten angeführt, die Professor Joad von einigen Schülern erhalten und in seinem Werk »The Present and Future of Religion« wiedergegeben hat. Und ich habe einen andern Professor in einem andern Land erklären hören, daß in der höchsten Klasse der öffentlichen Schule, in der er unterrichtete, alle Schüler ausgesprochene Atheisten seien. Doch haben sich in demselben Lande, wo diese Erfahrung hervorgehoben wurde, gelehrte Theologen, obwohl sie zugaben, daß mehrere Dogmen des orthodoxen Christentums ihren Ursprung in der griechischen Philosophie haben, dennoch stark jedem Versuch widersetzt, Glaubensbekenntnisse zu ändern, indem sie erklärten, ihr geschichtlicher Sinn gebiete ihnen, an den Glaubensformeln ihrer Väter festzuhalten.

Wenn in einem Lande, wo das Andenken an einen großen Volkshelden in Ehren gehalten wird, jemand verlangte, um diesem Großen zu huldigen, sollte die Nation beschließen, in militärischen Dingen jederzeit seine strategischen Vorschriften zu befolgen – wie lächerlich würde das jedermann erscheinen! Die Leute würden sagen: »Gerade dieser unser großer Held wäre der erste, der sich diesem Plan widersetzte; er liebte sein Vaterland und würde es sicherlich nicht durch lächerliches Beharren auf einem veralteten Verfahren ins Unglück stürzen!«

Wer kann zweifeln, daß ebenso die großen religiösen Persönlichkeiten vergangener Zeiten sich scharf einer Art von Pietät widersetzen würden, die eine Gefahr für das heutige Christentum bedeutet?

*

England hat zur Zeit einen großen alten Mann auf theologischem Gebiet und auf dem des freien Denkens. Dekan Inge gilt für den gelehrtesten Mann Englands; ohne Zweifel ist er sein tiefster Denker und einer seiner mutigsten Männer. Er – ein Geistlicher in hoher Stellung – hat es hervorgehoben, daß Christus »ein sehr revolutionärer Prophet« gewesen sei, der »größte Wegräumer von Schranken, der je gelebt habe«. Er hat es als »einen der größten Irrtümer des Protestantismus« erklärt, »an Stelle der wörtlichen Unfehlbarkeit der Kirche die unfehlbare Bibel gesetzt zu haben«, und er hat festgestellt, daß Christus keine »neue Religion im gewöhnlichen Sinne des Wortes gegründet, keine organisierte Kirche, keine Priester eingesetzt, keine heiligen Schriften hinterlassen habe«.

England hat auch einen Bischof, der mutige Gedanken über freies Denken und heutige Wissenschaft laut werden läßt. In seinem »Could such a faith offend?« setzt sich Bischof Barnes von Birmingham mit beredten Worten dafür ein, daß sich die Entwicklungslehre sehr wohl in Einklang mit christlicher Lebensanschauung bringen lasse.

Und England hat einen weltberühmten Schriftsteller – H. G. Wells – der in seinen Werken weitherzigen und tief empfundenen Ansichten über Religion Worte verliehen hat: »Das Finden Gottes ist die Errettung von der Zwecklosigkeit des Daseins. – – Sein bleibendes Ziel würde die zerstreuten Bemühungen des Lebens verknüpfen. – – Sich Gottes in seinem Herzen bewußt zu sein, heißt, mit dem Wunsch, ihm zu dienen, erfüllt zu sein.«

Auch wer in mancher Hinsicht von H. G. Wells Ansichten abweicht, sollte doch anerkennen, daß heutigen Tages, wo die »Zwecklosigkeit des Daseins« von so vielen scharf empfunden wird, diese Worte eines hervorragenden Schriftstellers Einfluß haben müssen. Und wenn er in bezug auf die christliche Kirche seine Überzeugung von der Notwendigkeit einer Reformation betont, so werden seine Worte vielleicht doch nicht ohne Wirkung bleiben.

 

In seiner Abhandlung über »Institutionalism and Mysticism« ist der Dekan der St. Paulskirche als gewissenhafter Geschichtsschreiber sehr besorgt, der Partei, die ihm die wenigst sympathische ist, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er gibt zu, der Institutionalismus, – d. h. die Ansicht, das kirchliche System sei nicht nur eine nützliche Einrichtung in der menschlichen Gesellschaft, sondern auch ein notwendiges Mittel, die sterblichen Menschen der Gnade Gottes teilhaftig werden zu lassen, so daß christlich und kirchlich gleichbedeutend wird – habe ihre Vorteile gehabt und könne sie auch jetzt noch haben. Aber er ist sehr entschieden der Meinung, daß der Institutionalismus im ganzen genommen Christi eigener Religion fremd ist.

»Es gibt keinen Beweis,« sagt er (in seinem »The addictment against Christianity«), »daß der geschichtliche Christus jemals die Absicht gehabt hat, eine neue festgeordnete (institutionale) Religion einzuführen. Er behandelte die festgeordnete Religion seines Volkes mit der Unabhängigkeit und Gleichgültigkeit des Propheten und Mystikers.« Institutionales Christentum mag die geschichtliche, notwendige Entwicklung des ursprünglichen Evangeliums sein, aber es ist dem Evangelium selbst fremd.

Und er stellt seine Ansicht fest, daß die Verirrungen und Übertreibungen des Institutionalismus »gefährlicher und vom christlichen Geiste weiter entfernt waren und sind, als die des Mystizismus, und daß wir eher von letzterem als von ersterem erwarten dürfen, er werde der nächsten religiösen Erweckung Leben verleihen«.

In demselben Aufsatz hat vorher der Dekan der St. Paulskirche über die Religion des Mystikers gesagt: »Man hat Grund, anzunehmen, daß diese Auffassung der Religion bei der heutigen jungen Generation immer stärkeren Anklang finden wird.«

Wenn dies richtig ist, dann ist auch Hoffnung auf eine Reformbewegung in England vorhanden. Denn die Religion des Mystikers gibt uns, wie von Dekan Inge gesagt wird, die Erklärung »von dem Versprechen Christi im Johannisevangelium, daß viele Dinge jetzt noch der Menschheit verborgen seien, die in der Zukunft vom Geist der Wahrheit offenbar gemacht würden. – – Sie reißt die trennenden Schranken zwischen all den Menschen, die den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten, nieder – – sie eint die ganze Welt, indem sie eine reine Religion bietet, die in der Hauptsache in allen Zonen und zu allen Zeiten dieselbe ist – eine Religion, zu göttlich, um an von Menschen gemachte Formeln gekettet zu sein«.

Ja, es muß Hoffnung sein auf eine Reformation auch unter den Engländern.

Jedenfalls ist eine große Bewegung – religiös oder politisch – niemals darum entstanden, weil die Mehrheit des Volkes sie wünschte. Immer trat sie ein als Folge des Strebens und der Begeisterung von wenigen.

III.

Der Gedanke auf seiner Suche kreuzt den Ozean.

Welche Hoffnungen bietet Amerika?

In jenem Werk eines englischen Schriftstellers – C. E. M. Joad – das im ersten dieser Aufsätze angeführt wurde, finden sich auch Feststellungen über den religiösen Standpunkt der Jugend in den Vereinigten Staaten von Amerika. Es wurden Berichte über die »Christliche Bewegung unter den Studenten« (Student Christian Movement) angeführt, worunter einer aus einer Frauenhochschule folgende Feststellung enthielt: »Es ist kein Zweifel, daß die Mehrzahl der Studentinnen der Religion gleichgültig und eher feindlich als freundlich gegenübersteht«.

Und indem Mr. Joad das Ergebnis seiner Studien zusammenfaßt, schreibt er: »Da es unmöglich ist, zu sagen, was der junge Amerikaner glaubt, muß angenommen werden, daß er nichts glaubt.«

Etwas sollte jedoch nicht vergessen werden: Bis vor kurzem galt es in allen angelsächsischen Ländern als unumgängliches Zeichen der Ehrbarkeit, den christlichen Glauben in der Form irgendeiner Kirche oder Sekte zu befolgen. Als sich nach dem großen Krieg die Ansichten in dieser wie in anderen Beziehungen geändert hatten und die jungen Leute merkten, daß sie jetzt das ihnen früher versagte Recht erhalten hatten, nämlich sich zu glattem Unglauben in allen religiösen Dingen zu bekennen, da ist es ganz natürlich, daß sie eifrig bestrebt waren, sich diese Gelegenheit zunutze zu machen. Jugend wäre nicht Jugend, wenn sie nicht eine Neigung zeigte, sich ererbten Ansichten zu widersetzen. Darum ist es möglich, daß die angeführten Behauptungen über den Unglauben der jungen Angelsachsen eine etwas übertriebene Ansicht ausdrücken.

Jedenfalls sind kürzlich in Amerika Stimmen laut geworden, die von einer Neigung in anderer Richtung Zeugnis ablegen. Im Herbst 1930 erklärte in einer öffentlichen Diskussion über die Frage »Was braucht die Jugend?« ein wohlbekannter Redner, Mr. Charles Tuttle: »Es ist noch niemals eine solche Glaubensflutzeit erlebt worden, wie heutzutage.« Und er fügte hinzu: »Die moderne Jugend verlangt das Erlebnis wahrer Religion.«

Vielleicht hat sich die Gedankenrichtung geändert, seit jene von Mr. Joad angeführten Berichte niedergeschrieben wurden. Vielleicht haben sie auch beide recht, Mr. Joad und Mr. Tuttle, und es gibt außer denen, die ohne vieles Nachdenken die Ansichten ihrer Väter übernommen haben – was in diesem Fall bedeutet, dem halbversteckten Unglauben ihrer Eltern offenen Ausdruck zu geben – auch solche, die den Morgenwind des kommenden Tages fühlen und eifrig ausschauen nach dem »Erlebnis wahrer Religion«.

Kürzlich hat ein anderer amerikanischer Redner, der sagte: »Die Welt leidet an dem Mangel an Religion,« als Heilmittel angegeben: »Die Kinder sollten Kirche und Sonntagsschule besuchen.« Einen besseren Begriff von dem, was wirklich notwendig ist, hat Dr. H. Th. Kerr, der Leiter der Allgemeinen Presbyterianischen Versammlung (Presbyterian General Assembly) entwickelt. Er erklärte: »Die Kirche muß die Intelligenz der modernen Welt für sich gewinnen. Wenn sie die intelligenten Menschen ihrer eigenen Zeit nicht zu gewinnen versteht, muß sie sterben.«

Gewiß haben sich viele Prediger und viele kirchliche Schriftsteller mit großem Fleiß und oftmals mit viel Beredsamkeit bemüht, die intelligenten Menschen zu erfassen; sie haben sich Mühe gegeben, sie zu veranlassen, Ungereimtheiten zu schlucken, trotz des Widerspruchs des Intellekts. Allein jetzt ist die Zeit gekommen, wo die Kirche begreifen sollte, daß ihre einzige Hoffnung, die intelligente Jugend für sich zu gewinnen, die ist: Offen zuzugeben, daß der gläubige Christ keine Ungereimtheiten zu schlucken braucht, denn Christus hat solche nicht gelehrt.

*

Eine sehr vielversprechende Tatsache ist immerhin in dem heutigen geistigen Leben Amerikas vorhanden, nämlich die, daß sich so viele verschiedene Bekenntnisse zum »Bundesrat der christlichen Kirchen von Amerika« (Federative Council of the Churches of Christ in America) zusammengeschlossen haben.

Zu dieser Vereinigung gehören die »Unitarier«, die ablehnen, die Dreieinigkeitslehre und die Lehre von der Gottheit Christi im orthodoxen Sinn anzuerkennen, sowie »die christliche Gesellschaft der Freunde« (die Quäker), die sich nicht nur jeglichem Dogma gegenüber gleichgültig verhalten, sondern auch die Sakramente ablehnen. Dadurch, daß die andern Bekenntnisse dieser großen Vereinigung derartige Bekenntnisse in ihren Verein aufgenommen haben, ist auch von ihnen anerkannt, daß, wer wichtige Dogmen der Glaubensbekenntnisse von Nizäa und Konstantinopel kritisiert und ablehnt, dennoch als Christ anzuerkennen sein mag. Das ist ein großer Fortschritt der früheren Unduldsamkeit gegenüber.

Und wer die weitherzigen Werke solcher Männer wie Harry Emerson Fosdick, Henry F. Ward und anderer liest, wird geneigt sein, zu denken, Amerika habe augenscheinlich das Wesentliche der Religion angenommen und veraltete Formeln beiseite gelassen.

Vielleicht aber wird man bald die Beobachtung machen, daß auch in den Vereinigten Staaten ein der Geistesrichtung heutiger Zeit merkwürdig fremdartiger Institutionalismus zu finden ist.

Im Frühling des Jahres 1931 erschien in einer Zeitung der Südstaaten eine lange Anzeige, worin den jungen Geschäftsleuten gesagt wurde, »sie seien es sich selbst und ihrer Zukunft schuldig, regelmäßig die Kirche zu besuchen«. Es wurde hinzugefügt: »Erfolg und die Beobachtung kirchlicher Gebräuche gingen häufig Hand in Hand«, weil »Männer auf der Spitze der Leiter des Erfolgs junge Leute, die sie ständig in der Kirche sehen, mit freundlichen Blicken betrachten«.

Diese Anzeige war von einer großen Menge der Firmen in der Stadt, wo die Zeitung erschien, unterzeichnet, so daß ein junger Mann, der eine Stellung in einer dieser Firmen erstrebte, mit Recht annehmen mußte, es sei klug, diesen Rat zu befolgen und regelmäßig den Gottesdienst zu besuchen.

Selbst wenn man zugibt, daß ein junger Mann, der aus solchen Gründen in die Kirche geht, von dem, was er dort hört, geistigen Gewinn haben kann, und wenn man denen, die die Anzeige eingerückt haben, die Gerechtigkeit widerfahren läßt, anzuerkennen, daß es vermutlich gerade dies war, was sie im Auge hatten, so muß man sich doch wundern, daß sie nicht einsahen, welche ungünstige Wirkung auf die jungen Leute solch eine Werbung haben muß. Wahrscheinlich würde es eben die intelligenten jungen Leute, die für die Religion anzufangen Dr. Kerr für so äußerst wichtig hält, der Kirche entfremden.

*

In Notzeiten haben schon viele menschliche Seelen den unvergänglichen Wert der Religion erkannt. Es kann sein, daß die Krisis, in der sich die Welt befindet, trotz all ihren schlimmen Folgen, dennoch die Menschen veranlaßt, ernsthafter über tiefere Dinge als Geld und Erfolg nachzudenken.

Wenn es wahr ist, daß unter der amerikanischen Jugend ein Sehnen nach »wahrer Religion« aufwallt, dann sollte sie die weisen Worte Abraham Lincolns beherzigen: »Wenn wir erst wüßten, wo wir stehen und wohin wir treiben, könnten wir auch besser beurteilen, was zu tun ist.«

Zu wissen, »wo wir stehen« auf dem Gebiet der Religion, heißt das nicht, sich klar machen, daß seit anderthalb Jahrhunderten die Menschheit im Ganzen genommen immer weiter von der christlichen Religion abgetrieben ist?

Sich klar machen »wohin wir treiben«, schließt die Erkenntnis ein, daß obschon während der letzten Jahrzehnte Christus ziemlich allgemein als der größte Religionslehrer der Welt anerkannt worden ist, einer der Schlüsse, die daraus gezogen wurden, der folgende ist: Wenn jedoch seine Lehre modernen Menschen unannehmbar ist, so hat dies augenscheinlich zu bedeuten, daß die Religion etwas Veraltetes ist, etwas, das man aus dem Denken der heutigen Menschheit ausmerzen sollte.

Zu beurteilen, »was zu tun sei«, muß dann für alle, die eine religiöse Erweckung um das Wohl der Welt willen für unumgänglich notwendig halten, bedeuten: vollständig zu erkennen und unentwegt festzuhalten, daß, wenn das, was christliche Religion genannt wird, ein Fehlschlag zu sein scheint, dies davon herkommt, daß sie keine entsprechende Darstellung von der eigenen Lehre Christi ist. Es muß auch das entschiedene Verlangen einschließen, daß niemals mehr aus Rücksicht auf verstorbene Menschen Glaubenslehren und Formeln festgehalten werden dürfen, die den Lebenden schädlich sind, indem sie sie von dem abhalten, was ihr Leben glücklicher und besser machen würde.

Denn »Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen«.

*

In den meisten Ländern, wo sich eine solche Bewegung erheben könnte, ist zu erwarten, daß die Frauen zu ihren eifrigsten Förderern gehören werden. Und wenn die Frauen mehr als die Männer geneigt sind, sich mit Begeisterung einem Gedanken zuzuwenden, werden nicht die amerikanischen Frauen, die es gewohnt sind, mit Achtung gehört zu werden, zu der Wichtigkeit einer solchen Aufgabe erwachen? Sollten nicht sie in sich die Begeisterung für eine Sache, wie die eben dargetane, aufwallen fühlen?

Und Begeisterung ist der Wind, der eine Bewegung weitertreibt.

IV.

Wenn ich oben von drei großen Reichen gesprochen habe, in denen der Protestantismus vorherrschend ist, so habe ich dabei nicht vergessen, daß bedeutende Bewegungen oftmals auch in kleinen Ländern ihren Ursprung gehabt haben. Darauf hat Taine hingedeutet und uns an die alten griechischen Republiken und die kleinen italienischen Staaten der Renaissance erinnert. Es sollte auch kein unmöglicher Gedanke sein, daß in einem römisch-katholischen Lande eine starke Reformationsbewegung einsetzen könnte, mit größerem Erfolg, als ihn der »Modernismus« gehabt hat, und es könnte hinzugefügt werden: mit größerer Anlehnung an Christi eigene Lehre.

Jedenfalls wird jede Bewegung der angedeuteten Art, wo sie auch einsetzen mag, unbedingt auf starken Widerstand stoßen, vielen empörten Tadel finden, nicht am wenigsten seitens guter, ernster Menschen, die sich berufen meinen, die Sache des Christentums gegen Kampf und Spaltung zu verteidigen.

Aber hat nicht Christus selbst gesagt, er werde Kampf und Uneinigkeit in die Welt bringen? Und wenn die Religion Christi entstellt worden ist, wie sollte es ohne Kampf möglich sein, die Welt zu seiner eigenen Lehre zurückzuführen?

Wenn wir von der ersten Ausbreitung des Christentums hören, wenn wir erfahren, daß es zum Beispiel zur Zeit der Ankunft des Apostels Paulus in Rom, nur einige zwanzig Jahre nach der Kreuzigung Christi, in dieser Stadt schon eine große christliche Gemeinde gab, dann wundern wir uns über diese rasche Ausbreitung neuer Gedanken ohne jede geordnete Missionstätigkeit.

Jetzt ist die Zeit gekommen, sich über den raschen Zerfall des Christentums zu wundern. Trotz einer großen Schar christlicher Missionare in heidnischen Ländern ist die Zahl der Neugetauften verhältnismäßig klein, und sie wird, wie man behauptet, durch die zahlreichen jährlichen Übertritte aus dem Christentum zum Islam hinfällig gemacht. Trotz einer großen Armee Prediger – der Kirchen und der Sekten – in den christlichen Ländern, ist von einem katastrophalen Abfall vom christlichen Glauben zu berichten. Tausende und aber Tausende von jungen Männern und jungen Mädchen verlassen jedes Jahr Schule und Universität mit der festen Überzeugung, das Christentum habe modern denkenden Menschen nichts mehr zu sagen.

Was ist der Grund dieses Unterschiedes zwischen den ersten christlichen Zeiten und unserer Zeit?

Kann es sein, daß Christi Religion veraltet ist, daß sie aufgehört hat, auf das tiefste Sehnen der modernen Menschen eine entsprechende Antwort zu geben?

Der orthodoxe Streiter kann diese Frage nur mit einem nachdrücklichen »Nein!« beantworten.

Kann es sein, daß in den letzten siebzehn bis achtzehn Jahrhunderten das Böse in solchem Grade zugenommen hat, daß die Menschen taub für die Worte Christi geworden sind?

Schon der Gedanke, die Fleischwerdung des Gottes-Sohns habe mit solch einem vollständigen Mißerfolg geendet, erscheint als eine Gotteslästerung.

Muß dann nicht der Fehler in der Art der Verkündigung liegen?

Nicht als ob die Prediger des Mangels an Eifer beschuldigt werden sollten. Ohne Zweifel gibt es viele Prediger, die ihr Äußerstes daransetzen, Seelen für ihren Glauben zu gewinnen. Allein niemand, der das Neue Testament liest, kann leugnen, daß zwischen unserer Zeit und den ersten christlichen Jahrhunderten, was die Darlegung der Religion Christi betrifft, große Unterschiede bestehen. Niemand kann das leugnen, wenn er die Geschichte der Glaubensstreitigkeiten des dritten und vierten Jahrhunderts studiert, wo Männer das zu erklären versuchten, was augenscheinlich von den ersten Jüngern Christi und deren direkten Nachfolgern unerklärt gelassen worden war. Diese Streitigkeiten mögen für die Entwicklung des menschlichen Denkens von Nutzen gewesen sein; vielleicht waren sie eine geschichtliche Notwendigkeit; allein, was sich aus diesen menschlichen Spekulationen ergab, hat sich als eine Wand erwiesen, die den wahren Christus vor Millionen und aber Millionen von Menschen verbarg.

Ist es also nicht ein Verbrechen gegen unseren Herrn und Meister, noch immer an ihnen festzuhalten?

*

»Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das übrige alles zufallen.«

Es gibt Menschen, die wissen, daß diese Worte buchstäblich wahr sind.

Und wie sie für Einzelne gelten, so gelten sie auch für Völker.

In der heutigen Notlage der Welt, wo so viele weise Männer einen Ausweg aus dem Chaos suchen, wird immer wieder das Losungswort »Vertrauen« laut: Die Völker sollten ihr Mißtrauen aufgeben, sollten einander vertrauen. Dann wäre die ökonomische Krise zu überwinden, dann wären diese Rüstungen, die die Welt ins Verderben führen, überflüssig.

Jedermann ist es klar, daß dies weise Worte weiser Männer sind. Allein die Welt weiß nicht, wie es anzugreifen sei, das Vertrauen zu schaffen, wo so lange Mißtrauen geherrscht hat.

Aber wenn die Völker, die sich so lange Christen genannt haben, wirkliche Christen würden, müßte dann nicht das Vertrauen von selbst entstehen?

Wenn in verschiedenen Ländern junge Leute, die sich als die Menschen des morgenden Tages fühlen, Bewegungen ins Leben riefen, zu Christus selbst zurückzukehren und abzuwerfen, was von Glaubensbekenntnissen und Formeln überflüssig und veraltet ist – würde da nicht eine rasche Fühlungnahme dieser verschiedenen Bewegungen entstehen? Und würden nicht die Leute, gerade weil Äußerlichkeiten abgeworfen sind, eine um so größere Verpflichtung fühlen, das große innere Gesetz der Liebe und Gerechtigkeit festzuhalten und zu üben?

Dann würde vielleicht ein Tag erscheinen, wo die Welt fühlen würde, daß tatsächlich zwischen christlichen Völkern Kriege unmöglich geworden sind.

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Zu Christus zurückzukehren – das bedeutet nichts Reaktionäres. Die Persönlichkeit Christi ist reich genug, die ganze Entwicklung der Menschheit mit ihrem Sehnen nach Schönheit, nach Wahrheit, nach brüderlicher Liebe zu begreifen.

Denn »Christus ist das ewige Vorwärts«, wie vor ein paar Jahrzehnten ein schweizer Geistlicher schrieb. Selbst die, welche von Kutters Ansichten in bezug auf die politischen und ökonomischen Bewegungen abweichen, können doch mit dieser Losung lebhaft übereinstimmen.

Ja, Christus ist das ewige Vorwärts! und wer sein Nachfolger sein will, darf nicht unter denen sein, die zögern und zaudern und ihre Talente in die Erde vergraben.

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Obschon Männer wie Pascal und Kierkegaard, indem sie verkündigten, der Intellekt müßte sich der Orthodoxie unterwerfen, die Forderungen des Christentums gewissermaßen falsch verstanden haben, so hatten sie doch insofern recht: ein Christ sollte den Mut haben, das zu glauben, was der Welt undenkbar erscheint.

Gewiß werden die meisten verständigen Leute es töricht nennen, zu glauben, daß eine Umwandlung auf dem Gebiet der Religion die Unglückswolken, die jetzt über der Welt hängen, zerstreuen könnte. Denn immer wird die Macht der Ideen verkannt – bis sie sich als Sieger gezeigt haben.

Als Dostojewski nach Sibirien gebracht wurde und während seiner langen Reise die zahllosen Kasernen und Regimenter sah, die dem Zar unterwürfig waren, da schienen ihm die Träume von Freiheit für das Vaterland, die er vorher gehegt hatte, ganz hoffnungslos: niemals könnte doch diese ungeheure Macht gestürzt werden! Ein halbes Jahrhundert später hatte ein anderer intelligenter Beobachter, Sven Hedin, denselben Eindruck, als er die Gelegenheit hatte, die gewaltige militärische Machtentwicklung des Zarismus zu sehen.

Und doch war dessen Untergang nicht fern.

Als während der Regierung des Kaisers Diokletian die Christen aller ihrer sozialen Rechte beraubt wurden, als ihre heiligen Bücher verbrannt und sie selber zu Tausenden gemartert und getötet wurden, weil sie sich zu einer Religion bekannten, die als gegen Rom aufrührerisch beurteilt wurde, da mochte es wohl töricht scheinen, auf einen baldigen Sieg für das Christentum zu hoffen. Fünfzehn Jahre später hatten aber die Männer, die sich in Nizäa versammelten – manche von ihnen hinkend, verstümmelt und mit Narben von den Foltern – das Wunder erlebt: von einem römischen Kaiser, der ein Christ war, zusammengerufen zu werden, um für das ganze große Weltreich wichtige Entschlüsse zu fassen.

Auf die Dauer wird es sich doch immer erweisen, daß Ideen stärker sind als sonst irgend etwas anderes in dieser Welt.

Glauben ist eine Macht. Begeisterung ist eine Macht. Und an Gott glauben heißt: Was der Welt unmöglich scheint, zu glauben wagen.

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Niemals früher – so wurde von Hans Zehrer in dem oben erwähnten Artikel hervorgehoben – sind die verschiedenen Staaten Europas einander so fremd und so ablehnend gegenübergestanden wie heute. »Die Weltpolitik steht heute völlig unter den Zeichen der Loslösung der einzelnen Mächte voneinander und des Rückzuges jedes einzelnen Staates auf sich selber.«

Einmal nur, nachdem der Begriff »Europa« entstanden war, ist dieses Europa von einer gemeinsamen Idee ergriffen worden: es war, als der Ruf erscholl: »Das Grab Christi wird profaniert! Christen dürfen nicht mehr an diesem heiligen Platz beten!«

In der Begeisterung, die dann aufloderte, einigten sich Völker, die sich kurz vorher noch befehdeten, um für eine Idee zu kämpfen, die ihnen allen heilig war.

Heute steht etwas auf dem Spiel, das wichtiger und heiliger ist als das Stück Erde, wo Christus lebte und starb; heute gilt die Frage: Soll die Religion von Christus untergehen? Oder soll sie noch einmal der Welt eine neue Kraft, eine neue Hoffnung geben?

Wird vielleicht noch einmal die Hingabe zu einer großen Idee die Völker instand setzen, das zu sehen, was einigt, das zu vergessen, was trennt?

Trotz der Absonderung, in der heute die Völker leben, konnte die Idee von einem »Paneuropa«, von den »Vereinigten Staaten von Europa« entspringen. Aber selbst denen, die die Größe dieser Idee anerkennen, muß die Verwirklichung davon im heutigen Zustand der Welt wie eine Utopie erscheinen.

Die jetzige Isolierung wurde von allen Staaten als eine absolute Notwendigkeit empfunden; sie aufzugeben muß ihnen allen wie ein Wagnis, wie ein Sprung ins Unbekannte erscheinen.

Wird dieser Sprung je gewagt werden, wenn nicht eine Idee die Völker ergreift, die über ihre eigenen Interessen hinauszielt?

»Gott will es!« so ertönte der Ruf, der vor achthundert Jahren die Scharen der Kreuzzüge einigte. Heutigen Tages würde wahrscheinlich kein solcher Ruf laut und öffentlich erschallen. Es mag aber sein, daß im Herzen von jedem, der für jene zu erwartende Erweckung wirken wird, dieser Ruf wie ein starker Ansporn, wie eine stille Hoffnung ertönen wird:

»Gott will es!«

Und »bei Gott sind alle Dinge möglich«.

 

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