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Gutenberg > Ludwig Thoma >

Der Ruepp

Ludwig Thoma: Der Ruepp - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Ruepp
authorLudwig Thoma
year1922
publisherAlbert Langen Verlag
addressMünchen
titleDer Ruepp
pages3-304
created20020508
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1922
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Neuntes Kapitel

Michel machte sich weniger Gedanken über das Fehlschlagen seiner Aussichten als darüber, wie er es dem Vater beibringen könnte, daß es mit dem Gymnasium und der geistlichen Laufbahn aus sei.

Er verschob sein Geständnis von einem Tag zum andern und wußte immer wieder Gründe dafür, daß es damit nicht pressiere. Derweil fand er immer mehr Gefallen an dem ungebundenen Leben daheim, das er nicht mehr mit der Freisinger Gefangenschaft vertauschen mußte, und dem er sich darum ganz anders hingeben konnte als in den Jahren vorher, wo jede Freude durch den Gedanken an das Einrücken im Herbste vergällt war.

Der Zotzen-Peter, an den er sich anschloß, war Mitwisser, und er gab ihm recht darin, daß er die Lernerei und das Stubenhocken mitsamt der geistlichen Gaudi, wie der Peter sagte, aufgeben wollte.

Er war Berater und Führer in dem neuen Leben, das dem Michel jetzt aufgehen sollte, in dem der Peter aber schon manche Erfahrungen gesammelt hatte.

So reichliche, daß er billig erstaunt war über die Anschauungen seines Schulkameraden, der die Weiblichkeit scheu aus der Ferne bewunderte und der nicht einmal die derben Anspielungen der Zenzi verstand oder gar erwiderte.

»Daß du gar it dergleicha tuast?« fragte der Peter.

Da schilderte ihm der Michel sein bisheriges Leben und gestand, daß er sich nicht getraue, mit einem Mädel so frei zu reden.

»Da waar a no was dabei, Kreuzteufi überanand! De san ja grad froh, bal ma mit eahna an Unterhaltung hat.«

»Ja, Unterhaltung,« meinte der Michel, »aber bal ma, no ja, bal ma si z'weit außa laßt, dös nimmt oane do leicht in übel . . .«

»Ja, was waar denn net dös! Übi nehma aa no! Des sell gibt's überhaupts net . . .«

»Es is aber do net a jede gleich.«

»I ho no koan Ausnahm net g'fund'n. Überhaupts, was willst denn für an Dischkursi hamm mit de Weibaleut?«

»Glaabst du, daß zum Beischpiel . . .« fragte der Michel und blieb wieder stecken.

»Ob i was glaab?«

»Daß i zum Beischpiel mit da Lukas Stasi so red'n derfat, wia du voring mit da Zenzi g'redt host?«

»Warum denn net? Waar scho guat! Wart no, bal's amal a Tanzmusi gibt nach der Arndt, nacha dischkriern ma mit ihr. Hätt'st du gern a weng an Handel damit?«

»Na, dös net. I frag grad a so, weil mir jetzt koa anderne net ei'g'fall'n is . . .«

Peter lachte.

»I moan allaweil, es hat do a weng was. Bal oan oane gern ei'fallt, woaßt . . .«

»G'wiß net . . . I bin bloß neuli, wia'r i hoamkemma bin, von da Bahn aufa ganga mit ihr und mit ihrer Freundin. I glaab vom Boz war s' in Schwaigen.«

»Ah ja, d' Mariann . . . de sell is a Trumm Weibsbild!«

»No ja, und wia 'r i mit eahna ganga bin, hab i mir halt aa denkt, wann i jetzt dös saget oder dös, ob s' beleidigt waar'n . . .«

»Koa Bröckei net! Da denkt ma do gar it lang und sagt allssammete, was oan ei'fallt.«

»I hätt ma net traut . . .«

»Ja mei, da fehlt's weit, Michi! Bal's d' a so daher kimmst und bal di du net traust! Des sell is nix, ja mei Mensch!«

»Schau, Peter, i bring's gar it außa. Wann i scho beinah was sag'n möcht, nacha is grad, als wann's ma d' Stimm verschlaget. Ganz heiserig wer i . . .«

»Ja mei Mensch!«

»Host di du allaweil traut?«

»I scho, i . . .«

»Von O'fang o?«

»Ja. Wia 'r i no schier gar a Bua g'wen bi, da bin i beim Seppen Damma ei'g'standen, und da is a Mitterdirn g'wen, scho ziemli an alte. Von dera han i viel g'lernt, und na hab i koan schinierst mi überhaupts nimma kennt . . .«

»Ja, schau, du host halt aa nix aufz'passen g'habt . . .«

»Freili net. Und di hamm s' dahoam scho auf de Gaudi dressiert, und z' Freising erst recht. Da werd halt da Mensch dappig. Aber laß dir was sag'n, du gehst jetzt amal mit mir, an an Samsta, auf Riad ummi. Beim Holzböck woaß i a Dirn; zu dera genga mir ans Kammafenschta . . .«

Michel bekam einen roten Kopf, und es verschlug ihm schon bei dem bloßen Gedanken an ein solches Unternehmen den Atem.

»Moanst du, dös geht?«

»Leicht geht's. D' Loata woaß i scho; du steigst aufi, und i wart daweil herunt . . .«

»Aba wann sie Spetakel macht, bal s' mi gar it kennt?«

»Ah was Spetakel! So g'nau nimmt 's de it. Sagst ihr halt, daß i drunt steh auf da Paß.«

»Aber bal's wer spannt im Haus?«

»Was is denn nacha? Da schliafst wieda außa beim Fensta und schiabst o. I halt dir scho d' Loata . . .«

»Peter, i woaß net, ob i mir dös trau'n derf.«

»Geh, scham di do! Bist a so a Trumm Mannsbild her und kimmst allaweil mit dein trauminet. Was willst denn? Oamal muaßt di ja do trau'n!«

»Dös is eigentli wahr . . .«

»Natürli is wahr, und schau, da is grad recht, wenn i dabei bin. Alloa bist da du no z' weni . . .«

Das leuchtete dem Michel ein, und er verstand, daß er dem Peter Dank und Vertrauen schulde.

Aber je näher der Samstag kam, desto ängstlicher war ihm zumut. Vor Raufereien und Schlägen und vor den Burschen von Ried fürchtete er sich nicht, aber vor dem Mädel, das von ihm eine Keckheit erwarten mußte, die er nicht hatte.

Er besann sich auf Ausreden, die ihn von dem schweren Gang befreien sollten, aber wenn er mit dem Zotzen-Peter beisammen war, schämte er sich über seinen Kleinmut und schwieg.

Am letzten Tag, als ihn bloß mehr etliche Stunden von dem Wagnisse trennten, ging er mit seinem Lehrmeister hinter dem Wagen her, der das letzte Fuder Haber heimbrachte.

Sie hatten bis zum späten Nachmittag bei großer Hitze geschafft, und die erquickende Abendkühle ließ dem Michel Ruhe nach harter Arbeit als das allerschönste erscheinen.

Statt dessen sollte er eine Stunde weit laufen und sich in ein Abenteuer stürzen, das ihm fremd und schreckhaft vorkam.

Schon öffnete er den Mund, um es dem Peter einzugestehen, daß ihm das Kreuz weh tue, und daß er sich gleich nach dem Essen ins Bett legen wolle.

Aber sein Kamerad blinzelte ihm lustig zu und fragte ihn halblaut, damit es die Zenzi, die zu oberst auf dem Fuder saß, nicht hören sollte. »Also . . . bist d' g'richt't, Michi?«

Da schluckte er wieder und zum letzten Male seine Bedenken hinunter und sagte so munter, als er es herausbrachte. »Dös glaab i . . .«

»Bleib a bissel z'ruck, na kinna mir allerhand ausdischkrier'n . . .«

Dabei blieb der Peter stehen und ließ den Wagen ein gutes Stück vorfahren.

»Paß auf,« sagte er dann, »a paar guate Haselnußstecka hab i o'g'schnitt'n und hinterm Stall vasteckt. De nehma mir mit, weil ma do net woaß, ob net am End oana von de Riaderer z'weg'n kimmt.«

»Is scho recht . . .«

»D' Hauptsach is, woaßt Michi, für den Fall, daß oana kam, net lang schaug'n, und reden durchaus gar nix. Glei über'n Kopf eini hau'n, daß 'n draht. Bis er si b'sinnt, san mir scho dahi. Denn vastehst, bal mir den oan net glei niederschlag'n, holt er si anderne, und na laffen s' z'samm, und mir waar'n mitten in da Schar und wurd'n sauber herg'schlag'n . . .«

»Du, bal dös a so is, da kunnt'n mir aber in a böse G'schicht einikemma . . .«

»Ah was, gibt's ja durchaus gar it! Z' Riad denken s' ja an nix, und es kannt höchstens sei, daß oana zuawa kam, der wo aa ans Kammafenschta möcht. Den sell'n hau'n ma recht brav am Kopf aufi, daß a d' Stern tanzen siecht, na is 's scho g'wunna.«

»Ja no, aba . . .«

»Du werst do d' Riaderer it scheucha?«

»Scheucha net, i moan bloß, ma kannt in a Schlammassel einikemma, bal's am End raus kimmt . . .«

»Ja freili! Dös geht viel z' g'schwind, mei liaba Mensch. Der muaß moana, da Blitz hat'n g'stroaft. Was moanst denn, wia g'schwind dös geht? Der hat koa Zeit nimma zum schaug'n, und bis er si d' Aug'n auswischt, san mir scho wieda halbat dahoam . . . du werst do koa Angst net hamm?«

»Na . . . na . . . Angst hab i net.«

»I moanet's halt aa. Dös is ja grad luschti, bal si a weng was rüahrt. Mir is allaweil dös liabest, bal beim Fensterln no a kloani Gaudi dabei is.«

»Is dir scho öfta passiert?«

»Ja mei Bua, was glaabst denn, wia viel Stecka daß i scho o'g'haut hab? A Ster g'langt ja kaam . . .«

»Und bist nia vor 's Gericht kemma?«

»Na . . . oda daß i's recht sag, an etla Mal scho. Indem daß i mi halt am O'fang a weng dumm g'stellt hab, weil i mi no net a so auskennt hab mit dera Gaudi. Da werst halt aa erst nach und nach g'scheiter. Aba jetzt woaß i mir leicht z' helfa, und bal i bei dir bin, da brauchst di nix z'kümmern . . .«

Michel seufzte. »Bal's no guat naus geht, Peter!«

»Laß di net auslacha, da ko ja gar nix fehl'n. Alloa wenn's d' waarst, nacha hätt's scho seine Nüß, natürli . . .«

»Ja alloa . . . da lasset i's wohl bleib'n . . .«

»Amal müassast an O'fang macha und drum is g'scheiter, bal i dabei bin. Und jetz paß auf, nach'n Essen, da druck i mi glei, und du tuast gar net dergleicha und bleibst no a weng hocken. I wart am Brünnl drunten auf di, und de Stecken, de hab i scho dabei; de hol i z'erscht hinterm Stall.

Du sagst eahna dahoam guat Nacht und schliafst außi, und nacha genga mir staubaus auf Riad. Mach ma's a so, gel?«

»Ja . . .« erwiderte Michel, und seine Stimme klang gepreßt, aber der Peter gab nicht acht darauf, weil er dem Wagen nachlief, der eben in den Hof einfuhr.

Beim Essen war Michel auffallend still, und er zeigte so wenig Hunger, daß ihn die Rueppin besorgt fragte, ob ihm was fehle.

Er gab eine kurze Antwort, daß er nur müd' sei von der Hitze, und sie glaubte es gerne, daß ihm die ungewohnte Arbeit zugesetzt habe.

Der Peter streifte ihn mit einem beifälligen Blicke. Er war zufrieden mit seinem Schützling, der sich so schlau eine gute Ausrede zurecht machte, um möglichst bald angeblich ins Bett zu kommen.

Er selber hieb tapfer ein, schleckte seinen Löffel ab und ging gleich nach dem Beten weg.

Wenn er geahnt hätte, daß sich der Michel immer noch den Entschluß zum Daheimbleiben abringen wollte, und daß er beinahe ärgerlich auf den Freund war, der ihn zu mühevollen und gefährlichen Wegen zwang, hätte er ihn wohl herzlich verachtet.

»'s G'sicht hat's dir ganz aufbrennt und an Hals,« sagte die Rueppin bedauernd. »Du bischt de Arwat it g'wohnt und hätt'st di a weng z'ruckhalt'n soll'n . . .«

»Z'weg'n was? I bin ja grad froh, daß i mi recht rühr'n hab derfa. In da Stub'n bin i mir lang g'nua g'hockt . . .«

»I moan grad, weil's d' gar nix g'essen host. Soll i dir an Kaffee macha?«

»Na . . . na . . . braucht's it. I geh ins Bett und schlaf mi aus.«

»Guat Nacht, Michi!«

»Guat Nacht, Muatta . . . Guat Nacht beinand!«

Kaspar, der noch eine Flasche Bier trank, sah ihm spöttisch nach. Der verzärtelte Hochwürden hatte doch einmal in den letzten Wochen kennen gelernt, wie Bauernarbeit die Leute hernimmt. Der kriegte gleich gar das Fieber davon.

Der Ruepp selber war nicht daheim; er war schon den Nachmittag ins Dorf hinunter gegangen, um sich für die glücklich heimgebrachte Ernte zu belohnen und um lehrreiche Reden über die ansgestandenen Mühen zu halten.

Die Rueppin aber ging mit der Leni und der Magd in die Kuchel, um für den Sonntag aufzuräumen.

So konnte Michel ungehört zur Türe hinaus ins Freie kommen.

Er schlich den Berg hinunter und sagte mit einem Seufzer vor sich hin: »Eigentlich is a Dummheit . . .«

Aber doch war auch eine Neugierde und eine Erwartung in ihm, die ihn vorwärts trieb.

Ein leiser Pfiff.

»Michi . . .?«

»Ja . . . bist as du, Peter?«

»Freili . . . Jetzt tret'n mir aber auf, daß ma net z'spat hi kemman. Net, daß scho oana von de Riaderer drin is in da Kamma!«

»Da müassat'n mir umkehr'n?«

»Ja . . . außa schmeißen kunnt'n mir den sell'n net; dös gab z' viel Spetakel.«

»Wenn ma's wissat, kunnt'n mir uns den Weg spar'n . . .«

»Na . . . na . . . da werd nix g'spart. I sag ja bloß a so, daß dös mögli waar. Wer'n ma's scho sehg'n . . .«

Sie gingen auf einem Fußweg zwischen Wiesen und abgeräumten Feldern dahin.

Im Weiher unterm Ruepphof quakten die Frösche, denen andere in Pfützen und Teichen antworteten.

Als sie unterm Lukas vorbei kamen, bellte der Hofhund, weiter drüben gab ein zweiter und ein dritter an.

»De Bluatshund', de mistigen!« schimpfte Peter. »De sell'n san zum scheucha, wann ma an's Kammafensta geht. Net grad oamal, daß mi so a Schinderviech aufbracht hat.«

»Na werd's uns beim Holzböck net guat geh . . .« erwiderte Michel.

»Der sell hat an ganz an alt'n Schnauzer, den 's Bell'n nimma g'freut. Und a Nudel hab i aa dabei. Bal i eahm de zua da Hütt'n zuawi schmeiß, gibt er leicht an Ruah.«

Michel mußte sich eingestehen, daß sein Kamerad ein umsichtiger Anführer war, der an alles dachte.

Er tappte hinter ihm drein und versuchte sich vorzustellen, was sich etwa in dieser verhängnisvollen Nacht alles ereignen könne.

Dabei übersah er ein Brett, das über einen Graben gelegt war, trat mit einem Fuße daneben und fiel der Länge nach hin.

»Deifi überanand, wenn's no net gar so finsta waar . . .!« fluchte er.

»Dös is ja das Best,« belehrte ihn Peter. »Nix schlechter wia Mondliacht; da waar'n mir schnell verrat'n. Geh no hinter meiner; mir kemman a so glei auf's Straßl, na fehlt dir nix mehr.«

»Beim Eitel is no wer auf,« sagte er nach einer Weile und deutete nach rechts hin, wo in weiter Entfernung ein Licht schimmerte. »Da waar a oane, de net uneben is. Aber es is schlecht zuawi kemma zu dera.«

»Z'weg'n an Hund?«

»D' Hauptsach is der alt Vater; der schlaft z' weni bei da Nacht. Wia 'r a was hört, plärrt er scho beim Fensta außa und macht 's Haus rebellisch. Amal hat er glei gar außa g'schossen, der Hundling. I hab d' Schröt im Kerschbaam platschen hör'n, aber da bin i g'roast, mei Liaba . . .«

»Der hätt di derschiaß'n kinna . . .«

»Na, na, er hat grad so außi blädert zum Derschrecka und zum Leut aufwecka . . . so, jetzt san ma auf'n Straßl und hamm nimma z' weit.«

Michel, der neben seinem Kameraden ging, hatte Herzklopfen bei dem Gedanken, wie nahe das Abenteuer herangerückt war.

»Du, Peter, paß auf . . .«

Er atmete schwer.

»Was?«

»Du, paß auf, was muaß i denn eigentli sag'n zu dera?«

»Da sagscht gar it viel. An d' Fenstascheiben klopfst, und nacha macht sie auf, und nacha schliafst eini . . .«

»Sie kennt mi do gar it.«

»Braucht's ja net. No, vielleicht fragt s' di, was du für oana bischt. Na sagst, i bin der gar ander, der Nußbrocka von Weichs, oda sagst, du muaßt vom Bezirksamt aus d' Flöh fanga oder so eppas Dumm's halt, wia's d' Madeln gern hamm.«

»Ja, wenn i's so daher bringa kunnt wia du!«

»Dös lernt sie scho, und für 's erstmal tuat's leicht was. Und d' Rosl redt it viel, i kenn s' ja guat.«

»Muaß i ihr net sag'n, daß du dabei bist?«

»Zu was denn? Dös geht ja de gar nix o, der welcha daß herunt paßt.«

»I woaß net, aber dös kann i scho gar net glaab'n, daß dös all's so leicht geht. Am End schreit s' um Hilf . . .«

Peter blieb stehen und lachte.

»Na, so dumm is de net und so g'schrecki aa net. Du stellst dir all's hart vor, und derweil is gar nix dabei. Dös waar aa no a Kunst, mit so an Madel dischkrier'n! Für was studiert's denn ös eigentli?«

Nun mußte auch Michel lachen, obwohl ihm ein Knödel im Halse saß, der mit der Annäherung ans Ziel wuchs.

»Auf so was studier'n mir net.«

»Scho, aba ma woaß si do bessa z' helfa mit'n red'n.«

»Na, da bist du scho weitaus besser . . .« wehrte Michel bescheiden ab.

»Ssst . . . jetzt müass'n mir a weng staader sei. Da drunt unter'm Bergl is scho dös erst Haus, und mir reiben ins um's Dorf umma z'weg'n de Hund. Geh auf'm Gras, Michi, daß ma d' Schritt net so hört.«

»Bleib an Aug'nblick steh, i muaß mi verschnaufa,« keuchte der Studiosus, dem das Herz zur Kehle herauf schlug.

»Du hast ja gar koa Luft nimma; z'weg'n dem bissei Weg?«

»Na . . . es is . . . halt a so . . . woaßt, weil's dös erstmal is.«

»Treibt's di recht um? No ja, mir lassen uns recht schö Zeit,« sagte Peter halblaut. »Und paß auf, daß i dir's no amal sag. Wann i was vadächtig's mirk, nacha pfeif i und bleib aba bei da Loata steh. Da koscht di drauf valassen. Wia du mein Pfiff hörst, derfst di nimma aufhalt'n lassen, sondern du schliafst auf da Stell beim Fensta außa. An Tremmel nimmst mit und legst 'n wohi, wo 's d'n glei wieda host. Beim Außaschliaf'n muaßt'n dabei hamm, weil ma net woaß, ob net herunt oana zuawa kimmt. Und bal oana kimmt, glei niedaschlag'n! Woaßt d' jetzt all's?«

». . . Ja . . .«

»Muaßt allaweil no so schnaufa?«

»Es vergeht scho . . .«

»Also nacha genga ma . . .«

Sie kamen an einen Hohlweg, der sich steil ins Dorf hinuntersenkte, blieben aber oberhalb auf der Wiese, auf der sie lautlos in einem größeren Bogen zu den Häusern hinunterstiegen.

Michel stieß an einen Markstein an und stolperte.

Ein Hund gab Laut.

»Herrgottsaggerament!« fluchte Peter, blieb stehen und hielt Michel am Arme zurück. »Staad, sag i . . .« flüsterte er.

Der Hund bellte ein paarmal, knurrte und bellte wieder.

»Schinderviech, wann i no di vergift'n kunnt!«

Sie blieben eine Zeitlang regungslos stehen.

Eine Kette klirrte; wahrscheinlich war der Hund wieder in seine Hütte zurückgeschloffen.

»Jetza,« kommandierte Peter. »Mir mach'n an größern Bogen; halt di no allaweil hinter meiner.«

So behutsam sie konnten, schlichen sie abwärts und kamen bald an die Einfahrt vom Holzböck.

»Laß mi voro und bleib derweil steh; net daß uns der alte Hund aa no Spetakel macht.«

Als sich Peter nach diesen Worten in der Dunkelheit verloren hatte, schaute Michel ängstlich auf das hochgieblige Haus, vor dem er stand, und er wurde sich seiner Hilflosigkeit bewußt.

Wenn sich aus der Finsternis jemand auf ihn stürzen würde?

Es war leicht zu sagen, daß er jeden niederschlagen solle, aber er hatte ganz gewiß nicht den Mut dazu.

Jedes Geräusch erschreckte ihn; das leise Rauschen der Blätter, die der Nachtwind bewegte, machte ihn ängstlich.

Er kam sich wie mitten unter Feinden vor, die beim leisesten Geräusch erwachen und über ihn herfallen würden.

Da!

Überm Hof drüben knurrte ein Hund, dann war's wieder still.

Jetzt war's, als ob jemand daher schlürfte, immer näher.

Eine beklemmende Angst schnürte ihm die Brust zusammen.

Er wollte schreien: Peter . . . oder Obacht, aber er war so heiser, daß er keinen Ton hervorbrachte.

Schon wollte er umkehren und einfach in die Nacht hineinlaufen, da hörte er seinen Namen.

»Michi . . . bst . . . ah, da bist . . . hamm ma 's scho . . .«

»Was hast?«

»Staader, sag i. D' Loata hab i . . . jetza schleich di no her . . . so . . .«

Michel folgte willenlos.

Aus dem Gebäude heraus tönte ein halblautes Schnattern.

»De Saggeramentsgäns!« fluchte Peter. »De sell'n hamm an Deifi . . . glei san s' wach, de Luada, de abscheiligen . . . so . . . aba jetza hamm ma's scho . . .

Er lehnte die Leiter, die er unterm Arm geschleppt hatte, an die Hauswand.

»Da steigst jetzt aufi . . .«

»Aufi?«

»Ja, mach no! Drob'n, siehgst net? Da is 's Fenschta. Es scheint ma, daß 's halbert offen is . . . klopfst a weng an's Glas oda ruafst ihr ganz staad: Rosl . . . sie hört di glei . . .«

»Ja, moanst do . . .?«

»Tua net lang um und schliaf aufi.«

Michel trat zögernd auf die erste Sprosse, dann auf die zweite. Der Stecken rutschte ihm aus der Hand und fiel auf den Boden.

»Jessas! Jessas! G'stellst di du!« knurrte Peter. »Steig no weida, i g'halt dein Tremmi herunt'n, sunst kimmt er dir no unter d' Füaß.«

Michel nahm wieder etliche Sprossen und tastete mit den Händen nach dem Fensterkreuz.

Peter hatte recht gesehen: das Fenster war halb offen, und ein warmer Dunst, ein unbestimmbarer Geruch wie von Haaren, drang heraus.

Über den zaghaften Studiosus kam jetzt auf einmal eine merkwürdige Ruhe oder Entschlossenheit. Jetzt wollte er das Abenteuer bestehen.

Er schob das Fenster weiter hinein und klopfte behutsam auf das Fensterbrett.

»Bsst! Rosl! Bsst!«

Ein Geräusch.

Dann eine leise Stimme. »Was geit's?«

»Rosl!«

»Ja . . .«

Michel bohrte seine Blicke in die Dunkelheit und sah, wie sich jemand langsam aus dem Bett schob.

Nun kam eine weiße Gestalt heran, und eine derbe Hand faßte nach der seinen.

»Bischt as du, Lenz?«

»Na . . .«

»Ah, da Sepp is . . .«

»Na . . .«

Michel hielt sich mit der linken Hand am Fensterkreuz fest, mit der andern tappte er nach dem vollen, runden Arm der Rosl.

Er atmete schwer vor Aufregung.

»Wer bischt denn nacha?« fragte das Mädel.

»Halt aa oana . . .«

»Was willst denn da?«

»Eini möcht i zu dir . . .«

»Ah, du bischt oana! Kimmt er da daher mitt'n bei da Nacht! Du bischt gar it von Riad, gel?«

»Na . . . Derf i net a weng eini kemma . . .«

»Bsst!« mahnte die Rosl. »Du muaßt staad sei, der Blasi schlaft daneb'n . . .«

»I bin scho staad.«

»Hoscht d' Stiefl auszog'n?«

»Na, de hab i net ausziahg'n kinna.«

»Ja, bal s' knarrez'n, hört di da Blasi . . .«

»Der hört mi net . . .«

»Ah, du bischt oana! Du bischt scho ganz vaweg'n. Wo bischt'n du her?«

»Halt aa.«

»Bischt g'wiß von Langwaid drent?«

»Na . . .«

Michel hatte seine Hand auf die nackte Schulter des Mädels gelegt und krampfte in der Aufregung seine Finger ein.

»Ah, du tuast ma glei gar weh . . .«

»Derf i net in d' Kamma eini . . .«

»Bal's d' recht staad bischt . . .«

»I gib scho acht . . .«

Er stieg noch eine Sprosse höher und wollte sich mit Kopf und Schultern durch das Fenster zwängen.

»Herrgott, is dös eng!«

»Ssst! Was moanscht denn? Ma hört di ja!«

»Deifi . . . Dös is z' eng.«

»Du muaßt höher aufa steig'n und mit de Füaß voro eina schliaf'n . . .«

Michel folgte der erfahrenen Rosl, und indem er sich mit der Linken fester hielt, schob er ein Bein nach dem andern durch und saß schon auf dem Fensterstock. Dabei war er aber ein paarmal ans Glas gekommen, das klirrte.

»Heb di do staad!« mahnte das Mädel.

Und nun wollte er eben den Oberkörper durchzwängen, als eine grobe Stimme zum Fenster nebenan herausschrie.

»Heda! Was is da? . . . Herrgottsaggera . . .«

»Jessas! Da Blasi!« flüsterte Rosl erschrocken.

Und in diesem Augenblicke pfiff unten der Peter.

»Wart, dir hilf i,« drohte der Blasi.

Michel klammerte sich ans Fensterkreuz und zog unbekümmert um den Lärm hastig die Füße zurück.

Die Stiefel kratzten über das Fensterbrett und kratzten an der Hauswand hinunter und suchten die Sprossen.

Als Michel eben einen festen Stand gefunden hatte, schlug ihm ein derber Stock über Arm und Schulter; ein zweiter Hieb traf ihn auf den Kopf, und es war gut, daß der Hut die Wucht milderte.

Ein Prügel sauste neben Michel gegen das Fenster, aus dem sich der Blasi herausbeugte, um den Eindringling noch ein paarmal zu treffen.

Peter hatte ihn heraufgeworfen, und er schimpfte dazu.

»Dir schmeiß ich dein Gipskopf ausanand, du Stier, du miserabliger!«

Der Prügel schlug dicht neben Blasi an die Wand und krachte wieder herunter; ein Hund bellte heiser über den Hof und riß wütend an der Kette, und Michel verfehlte in der Hast eine Sprosse und rutschte und fiel unsanft auf den Boden.

»Jetz is Zeit,« rief Peter. »Laff was d' ko'st . . .«

Er sprang voran in die Dunkelheit, aber sein Schutzbefohlener kam ihm nicht nach. Er hatte sich den rechten Fuß verprellt und hinkte mühsam hinterdrein.

»Mach . . . mach! Druck di!« schrie Peter schon aus größerer Entfernung zurück, und schon blinkte ein Licht drüben im Hause auf und noch eines gerade gegenüber im Roßstall.

»Wart Luada! Halt's 'n auf!« brüllte es von der Haustüre her, und noch ehe Michel ein paar Schritte weitergehumpelt war, faßte ihn wer von hinten und riß ihn zu Boden.

Der Blasi war der erste im Hof heraußen gewesen und hatte den Fremdling niedergeworfen. Da kam auch schon ein zweiter Knecht herzugelaufen und hinter ihm drein ein Dienstbub.

Michel wollte sich vom Boden aufraffen, aber der Schmerz am Fuße war ihm hinderlich, und der Blasi war zudem ein fester Bursch.

»Laßt's mi aus! Was wollt's denn von mir?« keuchte Michel.

»Was hoscht denn du bei da Nacht im Hof herin z'toa? I gib da's scho, beim Fenschta einisteig'n . . .«

Aber wo war denn der Peter?

Der stand vor dem Hofe hinter einem Schupfen und überlegte, ob er seinem Kameraden zu Hilfe eilen sollte.

Zu seiner Ehre muß es gesagt werden, daß er es schon im Sinne hatte, ja daß er schon näher schlich, um sich dann im plötzlichen Anprall auf die Feinde zu stürzen.

Aber da sah er das zitternde Licht einer Laterne, das sich vom Hause her näherte. Es kam noch wer dazu, wahrscheinlich der Bauer, und nun war die Übermacht doch gar zu groß.

Für den Michel war es aber ein Glück, daß der Holzböck selber eingriff, denn die Knechte schlugen im Geräufe mit den Fäusten zu, und er verspürte mehr wie einen schmerzenden Hieb.

»Was habt's da für oan?« fragte der Bauer.

»I kenn an it . . . Bei da Rosl is er am Kammafenschta g'wen . . .« antwortete der Blasi.

»Am Kammafenschta? Na hört's mit'n schlag'n auf. I hab scho g'moant, ös habt's an Einbrecha dawischt . . .«

»I will ja gar nix . . . laßt's mi do aus!« bat Michel.

»Also auslassen!« kommandierte der Holzböck, und die Knechte gaben ihr Opfer widerwillig frei.

Der verunglückte Abenteuerer erhob sich mühsam, und der Holzböck leuchtete ihm mit der Laterne ins Gesicht.

Die Haare hingen dem Michel ins Gesicht, und das linke Auge war verschwollen.

Er sah nicht vorteilhaft aus, als er jetzt den Bauern angstvoll anstarrte.

»Was bischt denn du für oana?« fragte dieser barsch. »Koa hiesiger bischt net.«

»I ho ja gar nix woll'n . . .«

»Ja . . . ja, dös kennt ma scho. De sell Loas bracht alle Augenblick an andern daher, aber de schmeiß i morg'n außi. Und du sagst mir jetzt, wer's d' bischt.«

»I . . .?«

»Ja, tua no net lang umanand . . .«

»Vom . . . vom Ruepp bin i . . .«

»Vo der Leit'n?«

»Ja . . .«

»A Bua davo?«

»Ja . . .«

»Aba da Kaschba bist net. Den kenn i . . .«

»I bin da Michel . . .«

»Der, wo auf Geischtli studiert? Jetz is 's recht . . .«

»I ho ja gar nix woll'n . . .«

»Ah so . . . bischt zum Rosenkranz Bet'n herkemma? Mandei, dös sell laßt bleib'n, dös kannt dir no schlechta außi geh' als wia heut.«

Die Knechte lachten, und Blasi sagte. »Da hamm ma ja an ganz an schwarz'n Kater dawischt.«

Der Bauer bot ab.

»Laßt's as guat sei. Und du machst, daß d' weida kimmst und nimm dir's für a Lehr! Dös steht dir net o, so was!«

Der Dienstbub hatte Michels Hut vom Boden aufgehoben und gab ihn grinsend dem armen Kerl, der ihn aufsetzte und sich dann schweigend abwandte, um zum Hofe hinaus zu humpeln.

Er war noch nicht weit gekommen, als plötzlich der Peter neben ihm stand.

»Hamm s' di recht herg'schlag'n?« fragte er.

»I hab's ja z'erscht g'wißt, daß 's schlecht ausgeht . . .« murrte Michel.

»Es waar ganz guat ganga, wann du a weng g'schwinder g'wen waarst. I hab mir scho oiwei denkt, für was daß d' so lang auf da Loata steh bleibst und net eini schliafst beim Fenschta. Mei liaba Mensch, so derf ma si net Zeit lass'n. Da hat di ja der damische Kerl hör'n müass'n . . .«

»Ah was! Hergeh hätt i net soll'n . . .« sagte Michel unwirsch.

»Warum denn net? Waar ja net aus! Dös sell muaß di jetzt net a so vadriaß'n. An andersmal geht's bessa.«

»Koan andersmal gibt's nimma . . .«

»Ja freili . . .«

»Na. Daß ma dasteh muaß wia 'r Einbrecha . . . au!«

»Was hoscht denn? Tuat dir was weh?«

»Da Fuaß . . . und d' Achsel . . . i ko mein Arm beinah net rühr'n . . .«

»Herrgottsaggerament überanand! Dös zahl i aba dem Blasi hoam! I kenn an a so, den Stier, den lüaderlich'n. Der kimmt ma net aus. Bal Markt is z' Altomünsta, dawisch i 'n scho, aba nacha laß i 'n umma, den! Der derf si g'freu'n.«

»Dös helft mir nix . . .«

»Geh, sei net a so vazagt! Amal dawischt's an jed'n, da liegt ja gar nix dro . . .«

»Und was wer'n meine Leut sag'n?«

»De wiss'n nix . . .«

»Dös sehg'n s' do. Is mir ja 's ganz Aug verschwoll'n, und geh konn i schier net. Was soll i denn sag'n, woher daß dös kimmt?«

»Da find'n ma scho was,« tröstete Peter.

»M . . . hm . . . au! Herrgott, i bleibet am liabern da auf der Wies'n hocka.«

»Halt di a weng ei, und na rast'n mir wieda. Es geht scho. Aba wart no, dem Blasi, dem schlag i 's Kreuz o, dös is g'schwor'n . . .«

»Mir waar liaba, i waar dahoam und i lieget im Bett.«

»Mir kemman scho hoam . . .«

»Ja, und was sag i morg'n, wenn i nimma aus de Aug'n außa schaug'n ko?«

»Woaßt was? Mir sag'n ganz oafach, i und du, net, mir han a weng auf Erdweg ummi ganga; weil d' Arndt herin is, hätt'n mir no gern a Maß Bier trunk'n, und, paß auf, beim Hoamweg, sag'n mir, da hamm ins a paar a drei o'packt. De müassen ins für anderne g'halt'n hamm, und durch dös san mir ganz unschuldigerweis ins Raffa kemma, und mir hamm wohl de andern verjagt, sag'n ma, aba natürli, durch dös hamm mir aa Schlag kriagt, und indem daß du an Fried'n hoscht stift'n woll'n, bischt du bei dem Brettl übern Graben ansg'rutscht und hoscht dir an Fuaß verknaxt, und a so sag'n mir. Dös glaaben s' nacha scho . . .«

»Von mir aus glaab'n s' as aa net. Wann i no in mei'm Bett lieget . . .«

»Mir hamm nimma weit . . .«

Und Peter tröstete den Michel und half ihm und stützte ihn, bis sie endlich daheim anlangten.

»Dös muaß di net vadriaß'n,« mahnte Peter noch einmal, als ihm sein Schützling gute Nacht sagte und eben doch sehr verdrossen und müde in seine Kammer schlich.

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