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Gutenberg > Ludwig Thoma >

Der Ruepp

Ludwig Thoma: Der Ruepp - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Ruepp
authorLudwig Thoma
year1922
publisherAlbert Langen Verlag
addressMünchen
titleDer Ruepp
pages3-304
created20020508
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1922
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Siebentes Kapitel

»Mir g'fallt die Loni gar nicht,« sagte etliche Tage später der Pfarrer Staudacher zur Rueppin, als er von seinem Besuche bei der Kranken in den Hof heraus kam. »Sie redt manchmal schon wirr, und die Nasen wird spitzig, das is ein schlimmes Zeichen.«

»Glauben S', Hochwürden, daß 's so g'schwind geht?«

»Ja mei, ich bin kein Doktor; gut is jedenfalls, daß sie die Sterbsakrament schon empfangen hat . . . Übrigens, was hat denn die Alte für an Kummer weg'n dem Herrn Notar? A paarmal hat sie g'jammert danach . . .«

»Dös is a Kreuz! I verzwazzel selber vor lauter Unruh; oft schaug i, ob er denn no net kummt.«

»Der Notar?«

»Freili, Hochwürden. Der Bauer war am Montag eigens desweg'n in Dachau drin, daß er'n holt, aber er hat'n selber net troffen und hat's eahm hinterlassen, daß er ja glei außa fahrt . . .«

»Will die Loni noch eine Verfügung treffen?«

»Sie wart't ja so hart! Frei weh tuat's ma, wann i s' jammern hör drum. Und er kimmt net und kimmt net.«

»Die Herren haben manchmal viel z' tun, das stimmt ja, aber auf eine Sterbende sollte man schon die größte Rücksicht nehmen. Wer weiß, ob er die Alte noch beim Bewußtsein trifft?«

»Jessas na! Wenn er dös aa wieder . . .« Die Rueppin unterbrach sich und fing zu weinen an.

»Wer wieder?« fragte der Pfarrer mitleidig und auch ein wenig neugierig.

»I moan grad, wenn dös aa so auftreffat, daß der Notari z' spat kam, nacha werat i ganz verzagt.«

»No, wir wollen hoffen . . .« Er redete nicht weiter, weil die Bäuerin immer heftiger in ihren Schürzenzipfel hinein weinte.

»Hm . . . ja . . . ja . . . jetzt nehmen Sie 's nur net so schwer, Rueppin. Es ehrt Sie ja, daß Sie ein solches Mitleid mit der Loni haben . . .«

»Es is net bloß weg'n dem,« schluchzte sie. »I hab am Montag unsern Michel nach Dachau schick'n woll'n, und i woaß net, aber i bild mir's ei, wenn der nei g'fahr'n waar, hätt'n mir net umasunst g'wart' . . .«

»Er wird schon noch kommen. Wie gesagt, die Herren gehen ein bissel zu sehr nach der Schnur und wollen ein Geschäft nach dem andern abmachen, wie halt die Reih' trifft. Sie denken manchmal net dran, wie hart ein kranker Mensch wartet . . .«

»Vielleicht hat er's eahm net richtig ausdeutscht, oder er hat's net pressant g'macht, oder . . . o mei, Herr Pfarrer, i hab scho a recht's Kreuz . . .«

»Ich weiß, Rueppin; das is mir nicht neu. Ich hör manches, was mir nicht g'fallt – sehr viel sogar.«

»Ja, Hochwürden, i hab scho oft g'moant, i halt's nimma aus und geh auf und davo.«

»So muß ma net red'n, und so was darf ma net denk'n . . .«

»Warum denn grad i a so g'straft sei muaß?«

»Grad Sie? O mei, Rueppin, ich kenn wenig Weiber, die mir net scho vorg'jammert haben, die eine ein bissel mehr, die ander ein bissel weniger. Aber Beschwerden und Kümmernis bringt eigentlich jede Ehe mit sich. No ja, der Ihrige, der hat scho einen besonders harten Schädel, und seine Streitsucht und sein Trinken, das geb ich zu, das bringt viel Unfrieden ins Haus.«

»Und Unglück, Hochwürden . . .«

»Das wollen wir nicht hoffen, daß es bis zum Unglück kommt.«

»Es fehlt net weit . . .«

Der dicke, gutmütige Pfarrer schüttelte bekümmert den Kopf und suchte nach einem Trost, indes er seine Schnupftabaksdose langsam öffnete.

»Ich weiß schon, es geht alles rückwärts, wenn die Hauptperson nicht nach dem Rechten sieht, aber Rueppin, Sie haben erwachsene Kinder, die gut geraten sind, und dafür müssen S' unsern Herrgott danken. Es hätt' auch anders werden können . . . No, und jetzt sagen S' mir, was macht denn der Herr Studiosus? Warum laßt er sich denn bei mir nicht sehen?«

»Der Michl? Er hilft a weng mit bei der Arwat, aber i sag's eahm, daß er an Herrn Pfarra glei b'suacht, wenn's verlaubt is . . .«

»Pressiert net; er soll nur recht fleißig mittun bei der Erntearbeit, jetzt wo 's Wetter so schön ist. Und so ein kräftiger Mensch wie der Michel, der paßt auch gut zu der Arbeit. Was sagt er denn von seinem Studium und so?«

»Da sagt a ganz weni, Hochwürden.«

Um den Mund des Pfarrers spielte ein gemütliches Lachen.

»So? Wenig? No ja, euch interessiert's auch net, was er da zum erzählen hätt.«

Und wieder ernster werdend, sagte er. »Sehen S', das war auch so eine Bockbeinigkeit von Ihrem Bauern, daß er den Michel ins Gymnasium hinein gezwungen hat. Man soll sich's sogar bei denen überlegen, die als Kinder eine Freud dazu äußern oder zeigen, weil solche kindliche Ansichten net herhalten. Aber einen, der gar net mag und gar net dazu paßt, mit aller Gewalt zwingen, das ist unverantwortlich. Mich dauert der Michel . . .«

»Moanen S' net, Hochwürden, daß z'letzt do a Glück für 'n Buab'n is?«

»Nein, das ist kein Glück und wird nie eins. Übrigens, weil Sie Bub sagen, ich hab ihn neulich von der Station her gehen sehen, für einen Buben is er schon recht ausg'wachsen, und für einen Gymnasiasten auch.«

»Er is a fester Mensch wor'n, und freili, über zwanzgi is er halt aa scho.«

»Das is eine verfehlte G'schicht, Rueppin, aber Sie können nichts dafür. Und jetzt wollen wir halt hoffen, daß der Notar heut noch kommt. Wenn er bis am Abend nicht da ist, schicken Sie doch den Michel zu ihm. Noch länger warten könnt schlecht ausfallen . . .«

»Sagen Sie's aa, geln S', Hochwürden? I wer's an Bauern ausricht'n, bal er zum Mittag macha hoam kimmt, und nachgeb'n tua 'r i nimma . . .«

»Ganz recht; die Loni war gleich ruhiger, wenn sie die Sache abgemacht hätte. Man sieht's ja deutlich, wie sie sich ängstigt . . . also b'hüt Gott, und hoffen wir halt das Beste!«

Beim Essen sagte die Bäuerin, es sei nicht mehr zum anschauen, wie sich das arme Leut drüber abkümmere, und der Pfarrer habe es auch gesagt, es sei Christenpflicht, ihr zu helfen, und der Michel versäume doch nichts und könne gleich wegradeln.

Der Ruepp wollte widersprechen, und er hatte seine guten Gründe dafür, aber sein Gewissen hatte ihn die zwei Tage her doch arg gedrückt, und da er die Redensarten der Loni und das mürrische Getu seines Kaspars scheute, wollte er doch nicht schon wieder nach Dachau fahren und den Zorn auf ein neues aufrühren.

»Also von mir aus, daß de arm Seel an Fried hat,« brummte er. »Obwohl daß dös eigentli g'langt, daß ma oamal nei g'fahr'n is. De tean scho grad, was mög'n, de Herrn Beamten . . .«

»Vielleicht is eahm net ausg'richt wor'n . . .«

»Ah was! Bal's i a so gnädi g'macht hab. Der sell Schreiberg'sell waar ja glei grob g'wen mit mir . . .«

»Vor's d' eini fahrst, han i no was z' red'n mit dir,« sagte er zum Michel.

»Was nacha?« fragte die Bäuerin.

»A so halt. Weil i wissen möcht, warum daß mei B'stellung nix g'nutzt hat . . .«

Er stand gleich nach dem Essen auf und ging mit dem Michel, der das Rad neben ihm her schob.

»Du, paß auf,« sagte er zu ihm, »i bin a weng hoaß wor'n mit dem sell'n Schreiba; so a glatzkopfater is, und an Bart hat er, du kennst'n scho. Mit dem redst du gar nix, verstehst, sondern du gehst zum Notari selm und sagst bloß, daß er morg'n no außa fahr'n soll, weil d' Loni schlecht dro is. Aber mit dem Schreiba laßt di auf nix ei!«

»I kannt'n frag'n, warum er's net ausg'richt hat . . .«

»Na, du sollst'n net frag'n; i hab scho mein Grund. Bal mir dem an Ung'legenheit macha, verklagt er mi am End. Jetzt sag i dir's nomal, du gehst glei zum Notari eini und sagst überhaupts nix von mir, sondern gibst eahm guate Wort, daß er morg'n außa fahrt . . .«

Michel wunderte sich darüber, daß ihm der Vater das so eindringlich anschaffte, aber er sagte zu und wollte schon aussteigen, als ihm der Ruepp nochmal pfiff.

»Halt a weng! No was . . . Ei'kehr'n tuast ma fei net beim Unterbräu! Mit dem bin i ganz z'keit, und von ins geht koans mehr hi dazua . . .«

»I kehr überhaupts net ei . . .«

»Dös is dei Sach, aba wann'st a Halbe Bier trink'n willst, gehst zu an andern Wirt.«

Michel saß auf und fuhr rasch weg; der Ruepp ging mit Kaspar und den Dienstboten aufs Feld.

Da lag nun der Hof in mittäglicher Stille.

Der Haushund kroch auf die Schattenseite seiner Hütte, legte den Kopf auf die Pfoten und schaute nur müde blinzelnd den paar Hennen zu, die in seiner Schüssel herumpickten.

Hie und da flog mit klatschendem Flügelschlage eine Taube vom Kobel weg zu den andern aufs Feld hinaus, wo es Körner in Fülle gab.

Die Hühner wühlten sich Löcher in den warmen Sand und breiteten wohlig die Federn in der Sonnenhitze aus.

Weit draußen war rührige Arbeit, doch es drang davon kein Laut zum Hofe herauf. Man sah nur Hemdärmel und weiße Tücher aufblitzen, oder in die abgemähten Felder Wagen fahren, die sich mit Garben füllten, aber ums Haus blieb es still und schläfrig.

Da schauerten die Blätter des Ahorns fröstelnd zusammen; es ging einer vorbei, unsichtbar allen Augen und doch fühlbar, denn eine eisige Kälte ging von ihm aus.

Nun stand er am Fenster des Austraghäusels und schaute in die kleine Stube hinein.

Klirrte die Scheibe oder fiel ein Schatten über die Bettdecke?

Die alte Loni fuhr erschrocken in die Höhe und starrte zum Fenster hin; sie sah den Fremdling und wußte, daß er bei ihr eintreten werde.

Seine Knochenhand lag auf der Klinke, unhörbar öffnete sich die Türe, und ein kalter, alles Leben vernichtender Luftstrom füllte die Stube. Da sank die Alte mit einem Seufzer in die Kissen zurück und war tot.

So fand sie die Rueppin, die sich nach ihr umsehen wollte. Die linke Hand hatte sie wie abwehrend ausgestreckt, und die Augen standen weit offen, wie erstarrt beim Anblicke von etwas Grauenhaftem.

Eine tiefe Trostlosigkeit überkam die Bäuerin, als sie vor der Alten stand.

Ihr Tod erschütterte sie nicht, aber der Gedanke, daß ihr letzter, sehnlicher Wunsch durch täppischen Widerstand vereitelt worden war, fiel ihr schwer aufs Herz.

So war auch da wieder, wie so oft, das Wichtige versäumt worden. Es konnte im Hause nichts so gemacht werden, wie es sich schickte, und dem treuen, alten Frauenzimmer durfte die letzte Sorge, die sie hatte, nicht abgenommen werden.

Alles wurde verzettelt, hinausgeschoben, vertan, und diese Gleichgültigkeit war schlimmer wie Härte.

Es war der Rueppin zumut, als träfe auch sie die schwere Verantwortung für das törichte, herzlose Versäumnis, und als müßte sie die Alte um Verzeihung bitten. Sie drückte ihr die Augen zu, faltete ihre Hände zusammen, zwischen die sie ein kleines Kruzifix steckte, und bedeckte das Gesicht der Toten mit einem feuchten Tuche.

Nachdem sie noch zwei Kerzen zu Häupten der Loni angezündet hatte, ging sie mit müden Schritten ins Hans zurück.

Sie wandte sich nicht um, als der Erntewagen in den Hof hereinfuhr, neben dem ihr Bauer mit Wüst – ahö und Peitschenknallen herging.

Ein Jähzorn stieg in ihr auf gegen diesen schwächlichen Menschen, der immer geschwollene Redensarten machte und immer Gründe für seine Nachlässigkeit hatte, und ein Zorn gegen sich selber, weil sie nichts gegen ihn durchsetzte und immer nachgab.

Der Wagen polterte in die Tenne, und der Zotzen-Peter, der auch mit hereingekommen war, lud ihn ab; derweil ging der Bauer durch die Küche in den Keller hinunter, um sich eine Flasche Bier zu holen.

Als er wieder heraufkam, setzte er sich recht erschöpft von der Hitze und der Arbeit auf einen Hocker und bemerkte jetzt erst, daß die Bäuerin nicht da war.

Als er die Flasche ausgetrunken hatte und die Rueppin sich immer noch nicht sehen ließ, pfiff er und schrie:

»Hö! Was is denn? Afra!«

Es kam keine Antwort.

»Werd's wieder bei der Alt'n drent sei . . .«

Er brauchte sie aber, weil er Brot und Bier aufs Feld mitnehmen sollte, und er stand auf, um sie zu holen, als sie zur Türe hereinkam.

»Da bist ja! Schneid 's Brod auf und gib mir 's Bier für d' Leut . . . Was hast denn du?«

»Nix . . .«

»Na, sag i, weil ma dir's net o'kennt! Was is denn scho wieda net recht?«

»Mei Ruah laß mir!«

»Hö . . . hö . . . Du bist ja do scho de unguate Stund selm. So muaß ma's oan macha, wann ma von da Arwat kimmt . . .«

»O, hör mir auf mit deiner Arwat!«

»Ja . . . Kreuz Himmi . . . Herrgott . . . jetzt wer i aber do scho belzi. Hast dir dein Hamur wieder amal bei der Alt'n g'holt?«

»Ja . . .«

»De sell ko ja nix anders, als wia schlecht red'n . . .«

»Geh ummi dazua! Vielleicht rührt si dei Gewissen . . .«

»Was G'wissen?«

»G'storb'n is s', daß d'as woaßt!«

Der Ruepp verhoffte doch arg, wie er das hörte.

»Ja, wann denn?«

»Vor a Stund vielleicht. I war aa net drent.«

»Dös sell . . . dös sell is aber . . .«

»Und daß ma ihr net amal den letzten G'fall'n hat toa kinna, dös is dei Schuld . . .«

»Wer hätt'n dös denkt?«

»I scho; mir is de ganz Zeit so umganga, daß ma da aa wieder trödelt und wart und trödelt . . . Und dös is mei Schuld, daß ma'r i all's g'fall'n laß. Waar i selm eini g'fahr'n . . . aber na! Allaweil laßt ma si wieder bereden und vertrösten, und mit dem werd all's verdummt und verto . . .«

»Nur recht schimpfen! Was anders braucht's ja it. Was kann denn i dafür, daß der Notar net kemma is?«

Die Rueppin sah ihren Mann fest an, und er wich ihrem Blick aus.

»Vielleicht hat dös sein Grund,« sagte sie.

»Werd schö gnua sei, daß i eini g'fahr'n bi,« knurrte er, aber sie gab ihm keine Antwort mehr, sondern ging in den Hof hinaus, wo sie Peter den Auftrag gab, er solle gleich den Bartl ins Dorf zum Pfarrer, zum Meßner und zu der Seelnonne schicken.

Der Ruepp wollte mit dem Wagen wieder aufs Feld hinaus fahren, aber dann überkam ihn die größte Unlust zur Arbeit, und es war ihm, als müßte er sich von den Vorwürfen, die er sich selber machte, frei reden.

So ließ er den Zotzen-Peter allein wegfahren und blieb daheim.

Er fand aber an seiner Bäuerin keine geduldige Zuhörerin, wie sonst; sie gab ihm zuerst überhaupt nicht an, und als er grob wurde und allem möglichen, nur nicht seiner Liederlichkeit schuld gab, sagte sie mit einer Schärfe, die er an ihr noch nicht gekannt hatte, daß er es diesmal wie immer gemacht habe, und daß ihm alles wichtiger sei wie das, was ihm zukomme. Freilich, es könnt auch anderswo geschehen, daß eines unvermutet schnell wegsterbe, aber anderswo sei es dann ein Unglück, und die Leute könnten es so ansehen. Bei ihnen aber passe es zu allem andern, was schon geschehen sei und immer wieder geschehe.

Sie wisse freilich nicht, warum seine Fahrt nach Dachau nichts genützt habe, aber sie habe eine Ahnung oder schon fast die Gewißheit, daß er es an irgend was habe fehlen lassen.

Und wenn's so sei, dann bleibe diesmal die Strafe nicht aus, die sie alle, wie immer, mittragen müßten. Die Alte hätte den Michel zum Erben eingesetzt, und jetzt könne er dem liederlichen Schreiber die Schuld heimzahlen, und ob der warten werde, das würde sich bald zeigen.

»Hoamzahl'n?« fuhr der Ruepp auf. »Dös Geld brauch i überhaupts it hoamzahl'n . . .«

»Du werst do it behaupten, daß sie dir's g'schenkt hat?«

»G'schenkt net, aba dös hat sie mir g'sagt, de dreitausad Mark kann i z'ruckzahl'n, wann i mag und wann's amal leicht geht . . .«

»Net wahr is . . .«

»Mögst mi net z'letzt du no in a Schlammassel eini red'n? Dös hat sie wortwörtli g'sagt. Du brauchst di nix kümmern, Bauer, hat sie g'sagt, i bleib ja bei enk, wann's enk recht is, und 's Geld brauch i net, und bal's d' di amal leicht tuast und bal'st magst, nacha gibst ma's z'ruck. Genau so hat sie g'sagt. Für dös kann i jederszeit schwör'n.«

»G'schrieb'n host as ganz anderst.«

»G'schrieb'n? I?«

»Jawoi. Host as halt vagessen, wia's d'as Geld g'habt und verto host.«

»Was hätt i nacha g'schrieb'n?«

»Daß du de dreitausad z'ruckzahlst a halb's Jahr, nachdem daß sie 's aufkündt. Und daß d' Zinsen zahlst, host d' g'schrieb'n, und d' Loni hat oft zu mir g'sagt, daß sie di net erinnern mag.«

»Jetzt waar's scho bald a so, als wann du an Zeug'n gegen mi macha wolltst. Brauchat di bloß wer hör'n.«

»Es hätt bloß braucht, daß du an Notari g'holt hättst vor acht Täg.«

»Hättst ma's selbigsmal g'sagt vom Michi . . .«

»I hab dir's g'sagt . . .«

»So an alt'n Weibertratsch hast dahergebracht, auf den ma nix gibt.«

»Hättst no was drauf geb'n, vielleicht waarst d' no froh drum.«

»Dös werd si aufweisen. Und woher du dös woaßt, daß i dös g'schrieb'n hab . . .«

»Weil ma's de Alt zoagt hat, den Schuldschein.«

»I hon ihr grad amal so an Wisch geb'n, weil sie g'sagt hat, es waar bloß desweg'n, daß ma woaß, wo ihra Geld hi'kemma is, wann s' amal sterbat. Aber dös is grad a so g'schrieb'n, gelt'n tuat dös sell, was mir ausg'macht hamm, und da hat sie g'sagt zu mir, und du werst as net anderst behaupten kinna, daß i z'ruckzahl'n derf, wann's mir passend is.«

»Gelten werd dös, was g'schrieben steht.«

»I ko schwör'n, und dei G'red' is für gar nix . . .«

Er schlug die Tür zornig hinter sich zu und ging den Weg zum Weiher hinunter, um noch aufs Feld hinaus zu kommen.

Im Hohlweg blieb er stehen.

Es ging ihm arg im Kopfe herum, was die Bäuerin von dem Schuldschein gesagt hatte und von dem Schreiber, der jetzt als Erbe die Schuld beitreiben würde.

Hättst an Notar g'holt!

Das war jetzt alles umsonst, darüber nachgrübeln und sich Vorwürfe machen. Was konnte er denn vorbringen, wenn es so deutlich auf dem Schuldschein zu lesen war? Er hatte lang vergessen, was er damals schriftlich versprochen hatte, und wenn er jetzt aufs Gericht gehen und Rechenschaft ablegen mußte, konnte er leicht in Widerspruch mit seinem Geschriebenen kommen.

Hatte nicht die Bäuerin gesagt, daß ihr die Loni den Zettel gezeigt habe?

Dann war er noch unter ihren Sachen im Schrank.

Der Gedanke ließ ihn nicht mehr los. In die Stube der Alten gehen und geschwind nach dem Schuldschein suchen, aber es mußte gleich sein, denn wenn erst einmal die Seelnonne im Hause war, ging es nicht mehr. Jetzt war niemand daheim außer der Bäuerin, und wenn die auch dazu kam, was lag daran?

Was Unrechtes war's ja nicht, wenn er sich Gewißheit verschaffen wollte, und außerdem, die Afra sagte es doch niemand.

Er kehrte um, blieb noch eine Weile stehen und eilte dann den Weg hinauf. Vor dem Austraghäusel zögerte er wieder. Sollte er hinein gehen und im Sterbezimmer den Kasten durchsuchen?

Ah was, warum denn nicht?

Er drückte die Klinke beinahe grob auf und trat ein.

Der scheue Blick, den er aufs Bett warf, zeigte ihm, daß das Gesicht der Alten verhüllt war, und das war ihm lieber, als wenn er die Tote hätte anschauen müssen.

Den Schlüssel zum Kasten hatte sie, wie er wußte, unter der kleinen Ofenbank versteckt; er fand ihn gleich und sperrte den Schrank auf.

Rechts hingen die Kleider, dabei auch der feiertägliche Bollenkittel, oben lag wohlgeordnet die Wäsche.

Der Ruepp öffnete hastig ein paar Schubladen; eine Florhaube, Sacktücher, ein paar Gebetbücher, etliche Wachsstöcke waren darin.

Er streckte sich und kramte in der Wäsche herum; da war auch nichts.

Wo sie's nur hatte?

Auf dem Kastenboden standen zwei Paar Schuhe, und daneben waren Strümpfe aufeinander gelegt. Hastig fühlte er mit der Hand, ob nichts darunter läge, und richtig, da war eine Schachtel aus Pappendeckel. Er zog sie heraus und öffnete sie. Ein Gebetbuch und ein vergilbter Blumenstrauß lag darin, ein in Papier eingewickeltes Paket und eine bunte Schachtel, die sich gleich schwer anrührte. Als er den Deckel aufhob, sah er, daß alte und neue Taler darin lagen.

Dachte er daran, wie hart sie verdient und wie ehrlich sie gespart waren? Vielleicht fiel es ihm doch ein; er schloß den Deckel wieder und wickelte das Papier auf, in das jenes Paket eingehüllt war. Pfandbriefe zu zwei und vierhundert Mark, einer zu tausend, dann ein fettiges Papier. Darauf stand in unbeholfener Schrift: »Ich habe am heuntigen von der Apollonia Amesreiter dreitausend Mark geliehen und verspreche es zurückzuzahlen nach Halbjahr Aufkündigung und auch zum verzinsen mit vier Prozent, wo alle Jahr auf Lichtmeß zum zahlen sind. Dies bestätigt Michael Umbricht, Rueppbauer. Den 14. März 18 . .«

Mit einem energischen Ruck steckte der Ruepp den Zettel in seine Hosentasche und wollte schon die Pfandbriefe wieder einwickeln.

Das schöne Geld!

Ihm konnte es jetzt von seinen Sorgen helfen, der liederliche Schreiber aber würde es bloß verschlampen.

Wenn er es nahm und später seinem Michel gab, dann hatte er doch eigentlich sein Versäumnis mit dem Notar gut gemacht.

Und außerdem, hatte er dem Michel nicht am Ende schon mehr gegeben die ganzen Jahre her.

Aber nein, das wollte er nicht alles aufrechnen. Einen Teil sollte der Michel später noch kriegen, damit der Alten ihr letzter Wunsch erfüllt werde . . .

Der Ruepp schaute sich um. Nichts rührte sich; die Alte lag unbeweglich auf dem Bette und hielt in ihren welken Händen das Kreuz.

Mit einer hastigen Bewegung stopfte er die Pfandbriefe unters Gilet und stellte die Schachtel an ihren alten Platz; die Strümpfe legte er wieder darauf und schloß den Kasten zu. Aber wie er den Schlüssel umdrehte, glaubte er Schritte zu hören, und da war auch schon jemand an der Türe.

Mit einem Satze stellte er sich ans Fußende des Bettes und faltete die Hände.

Die Türe wurde geöffnet und die Rueppin trat ein. Sie erschrak, als sie ihren Bauern sah.

»Bist du da herin?«

»Warum net? Ma werd wohl no an Vaterunser bet'n derfa für oan, der so lang im Haus war!«

»So? Bet'n? Du waarst as wohl schuldig? . . .«

»Fang net auf a neu's o!« Der Ruepp bekreuzte sich. »Namen des Vaters, des Sohnes und heiling Geist's . . .«

Dann ging er zur Türe, wobei er die linke Hand unauffällig ans Gilet drückte, damit ihm die Pfandbriefe nicht herunterrutschten.

Und draußen war er.

Die Bäuerin sah mißtrauisch in der Stube herum und gleich fiel ihr Blick auf den Schlüssel, der noch im Kasten steckte.

»Ah . . . So hat er bet't?«

Sie öffnete den Kasten, aber als sie sah, daß nichts in auffälliger Unordnung war, schloß sie wieder ab und versteckte den Schlüssel unter der Bank.

Sie wollte noch mit dem Bauern reden und trat in den Hof hinaus.

Dort war er nicht, und auf dem Wege, der zum Weiher hinunter führte, war er auch nicht.

Wahrscheinlich im Hause.

Sie wollte in der Kammer nachsehen, aber die Türe war verschlossen.

Als sie daran rüttelte, fragte drinnen die grobe Stimme des Ruepp.

»Was is denn?«

»Mach auf!«

»Werd net so pressier'n . . .«

»Zu was sperrst denn du di ei? Dös is do no nia dag'wen!«

»Dös is mei Sach

»Mach amal auf!«

»Ö . . . hö . . . hö!«

Endlich wurde der Riegel zurückgeschoben, und der Ruepp stand vor seiner Bäuerin, die ihn strenge ansah.

»Was san denn dös für verruckte Sachen?« fragte er, aber hinter seiner Grobheit lag offensichtlich eine starke Verlegenheit. »Bin i a Bua, daß i in meina Kamma net toa ko, was i mag?«

»Du werst scho wissen, warum's di ei'g'sperrt host.«

»Weil i mein Ruah hamm möcht.«

»Bei der Loni drent hast an Kast'n aufg'sperrt; is da Schlüssel no dro g'steckt.«

»Was is dös für a Schmarrn?«

»Schimpf no, es is do net anderst . . . du hoscht im Kasten umanand kramt.«

»Und bal i was g'suacht hab?«

»Schamst di net? Wo sie toter im Bett liegt, stierst in ihran Sach rum?«

»I hab 's Recht dazua, daß i nachschaug, was da is, und daß nix wega kimmt . . .«

»Geh, red it!«

»Kemman jetzt net fremde Leut ins Haus? D' Seelnonn und da Sargschreina . . .«

»Desweg'n brauchst du net nachschaug'n . . .«

»Und z'weg'n dem andern hätt i aa gern a Nachforschung g'halt'n, dös laug'n i gar it. Weil du so daher g'redt hoscht von an Schuldzettl, und i woaß nix davo und is mir nix bekannt . . .«

»Bal 'n i g'sehg'n hab . . .«

»De ko dir leicht was zoagt hamm. I wer's do wissen, ob i an sellan Schein ausg'stellt hab oder net. Is ja mir gar it ei'g'fall'n, weil sie dös ausdrückli g'sagt hat, i brauch grad zahl'n, wann's mir guat paßt, und aufrechna, hat sie g'sagt, werst aa ziemli was derfen, weil i, sagt s', bei enk 's Bleib'n hab und ko do nix mehr leist'n . . .«

»Du bringst allaweil no mehra daher . . .«

»Bloß dös, was wahr is. Und dös kimmt mir scho ganz g'spaßi für, daß di du so gegen meiner setzst. Waar scho bald a so, als wann du de fremd'n Leut helfa wolltst geg'n de eigna . . .«

»Es waar ins alle g'holfa g'wen, bal du . . .«

»Ja wenn . . . wenn . . . i woaß scho; dös host du heut scho oft gnua g'sagt. Aber jetzt is amal a so, und da werst du net so dumm daher red'n, daß der lüaderliche Schreiberg'sell auf Schnall und Fall 's Geld verlangt. Und wo er net amal 's Recht dazua hat, und wo neamd bessa woaß als wia du, daß sie 's an Michl vermoant hat . . .«

»Dös woaß i wohl guat, und desweg'n sag i ja, hättst ma du g'folgt, nacha brauchat's jetza garnix . . .«

»Es braucht a so aa nix; tua di no net bekümmern. I steh für mei Sach hi, und da ko i an jed'n Eid leist'n. Aber natürli, da waar's weit g'feit, bal du so daher red'n tatst . . .«

»Du woaßt recht guat, daß i zu ander Leut nix sag, und daß i nix aus'n Haus trag. Da hätt i scho viel zum Red'n g'habt . . .«

»Is scho recht, ja . . .«

»Bal nur dös recht is, Michel, was du drent to host bei der Alt'n . . .«

»Hör ma do auf mit dem Ramasuri!«

»Weil i d' Angst net wegbring, und weil i ma Sünden fürcht, daß du ihra Sach ausanander klaubst, und sie is no kaam g'storb'n . . .«

»Müassen z'erscht fremde Leut drin umanand stier'n, de wo's nix o'geht, und de wo si gar nia bekümmert hamm um de Alt? San de mehra Herr in mein Haus als wia'r i?«

»Was hoscht'n na g'funden?«

»Nix, weil nix zum Find'n war. Und jetzt laß mi außi; i muaß furt . . .«

Die Rueppin sah ihm mit Blicken nach, die ihre Zweifel und Besorgnisse deutlich verrieten.

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