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Gutenberg > Ludwig Thoma >

Der Ruepp

Ludwig Thoma: Der Ruepp - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Ruepp
authorLudwig Thoma
year1922
publisherAlbert Langen Verlag
addressMünchen
titleDer Ruepp
pages3-304
created20020508
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1922
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Sechstes Kapitel

Der Ruepp fuhr im scharfen Trab auf der breiten Aichacher Straße gegen Dachau zu und ließ seinen Fuchsen kaum bergauf im Schritt gehen. Immer wieder zog er ihm eines über, daß der Gaul unwillig die Ohren zurücklegte und mit den Hinterbeinen ausschlug.

Es half ihm aber nichts; sowie er sich ein wenig Zeit lassen wollte, fühlte er die Schmitze recht schmerzhaft auf der Haut brennen.

Vielleicht wollte der Bauer dem neugierigen Geschau der Leute auskommen, die links und rechts auf Feldwegen mit ihren Gespannen hinausfuhren und erstaunt waren, daß einer um die Zeit herum kutschieren mochte.

»Is dös net der Ruepp?«

»Freili is er's . . .«

»Der fahrt wieda der Arwat davo. Und grad pressieren tuat's eahm, daß s'n nimma derwischt.«

Wenn der Ruepp diese Bemerkungen auch nicht hörte, so konnte er sie doch aus dem Benehmen der Leute erraten.

Die Mannsbilder lachten und nickten sich zu, und die Weiber hielten die Hände über die Augen und schauten ihm wie einem Meerwunder nach.

»Gafft's enk no gnua!« brummte er vor sich hin. ». . . Wiah!«

Eine Wegstunde hinter Weidach lag ein Wirtshaus, das einen schattigen Garten auf die Straße hinaus hatte.

Sonst kehrte der Ruepp dort nicht ungern ein, aber heute wollte er vorbeifahren, denn an einem Erntetag konnte er nicht auf Gesellschaft rechnen, und außerdem wäre er einer üblen Nachrede sicher gewesen.

Aber wie er das dachte, hörte er etliche gellende Pfiffe und schaute zurück.

Ein dicker Kerl kam eilig aus dem Garten gelaufen und schrie ihm zu:

»Moanst net, du haltst, du Bauernfünfa, du ganz abscheiliger! Hö . . . sag i . . . halt staad!«

Er ließ ihn herankommen, und da war es der Schmuser Schlehlein von Orthofen, dessen rotes, sinniges Gesicht vom Laufen glühte.

»Was is denn da passiert, daß du an Wirtshaus vorbeifahrst? San d' Schandarm hinter deiner?«

»Mach it lang Sprüch, i ho koa Zeit. Willscht was?«

»Eahm schaug o! Koa Zeit hamm! Aber paß auf, bal's d' auf Dachau fahrst, laßt mi aufhocka . . .«

»Na mach zua!«

»So . . . öh . . . also . . .«

Der Dickwanst kletterte auf den Wagen und ließ sich schwerfällig auf den Sitz fallen.

Er rückte den Hut aus der Stirne und sah den Ruepp mit einem listigen Lächeln an.

»Is da dahoam fad wor'n? Bei dem schöna Weda gang d' Arwat nimma aus, gel?«

»I han a G'schäft z' Dachau.«

»So? Dös werst allemal hamm, bal'st ausruckst dahoam, du Feinspinna.«

»Ah was! Hör mit dem Schmarrn auf!«

»Du bist ja guat auflegt heut. Zwickt di da Wasserburger a weng? Hab's scho g'hört.«

»Der werd bal auszwickt hamm, der Leutbetrüaga . . .«

»Hoscht an Prozeß damit?«

»I mag it red'n davo. Aba bal's d' z'sammkimmst damit, sagst eahm, den sell'n Betrug mit sein Roß, den zoag i an Schtaatsanwalt o.«

»Du werst do it moana, daß i auf dem seiner Seit'n bi? Den kenn i scho länger wia du. I hab dir's amal g'sagt, woaßt as nimma? Z' Dachau is g'wen beim Hörhammer, Ruepp, han i g'sagt, laß di mit'n Wasserburger net ei, da bist ausg'schmiert, vor's d' o'fangst. Aber glaab'n teat's ja ös nix, ös Luftg'selchten.«

»Bei enk sagt's oana vom andern, und bei an jeden is wahr.«

»Jetzt hast amal schö g'redt. Vo wem host denn du dös mehra Geld vadeant, als wia von mir? Woaßt as nimma, de sechshundert Mark mit de Sagprügel vom Fottner?«

»De hoscht scho lang wieda herin.«

»Is mir nix bekannt. I will s' aa gar net. Mir is nix liaba wia dös, daß oana was richtig's owa schneidt, der wo mit mir handelt.«

»Is scho recht nacha . . .«

»Fahrst du z'weg'n dem Prozeß auf Dachau eini?«

»Was für an Prozeß?«

»No ja, geng an Wasserburger. Daß d'n o'zoagst?«

»Na. Z'weg'n dem versaam i koa Viertelstund.«

»Hoscht sunst a G'schäft?«

»Ja.«

»Du ruckst heut scho gar net außa mit da Sprach. Derf ma's net wissen?«

»Zu was denn?«

»No ja, nacha net. Mi geht's ja eigentli aa nix o. Kaffst was?«

»Na . . .«

»Oder hoscht was zum Verkaffa?«

»Aa net . . .«

»Na – ja . . . na . . . Jetzt Herrgottsaggerament, was hoscht denn du für an Hamur heut? Jetzt reut's mi scho bald, daß i aufg'stieg'n bi.«

»I hab dir net pfiffa.«

»Hoscht du was geg'n mi? Na sag's no pfeigrad!«

»Nix hab i. Und bal'st as scho wissen muaßt, i fahr grad zum Notari eini und kehr glei wieda um.«

»Ah so . . . zum Notari? Hoscht was zum Verbriaf'n?«

»Na. Außa kemma soll er. Zu an Testament macha.«

»Hö . . . hö ! Hat's dei Bäurin so kloa beinand?«

»Ah Schmarrn! An alt's Leut, de bei mir is.«

»Eppa gar de alt Loni?«

»Jawoi. Woher kennst'n du de scho wieda?«

»Net wer i s' kenna, wo i ihran Vettern guat kenn, den Pfleiderer.«

»So? Woaßt du vo dem was?«

»Freili; er is ja von Orthofen dahoam und hat an Schreiber g'macht z' Minka drin. Na hat er amal was aus der Kassa mitgeh lassen und is ei'g'sperrt wor'n. I glaab über a Jahr.«

»Mhm . . . ja . . . D' Loni hat amal was erzählt davo, und er is aa oamal auf d' Visit kemma. Lebt der sell no?«

»Der lebt wohl no; i hab'n erst vor a Wochen a vier, a fünf in da Stadt g'sehg'n. Er is bei an Advokaten, hat er mir g'sagt.«

»So? No, i hab eahm wohl net nachg'fragt.«

»Der werd halt jetzt ausrutschen, wann de Alt a Testament macht?«

»Ah mei, de werd z'erscht nix hamm.«

»Z'weg'n nix laßt ma do net an Notari komma. Und i glaab, der Pfleiderer verhofft si no an Brocka Geld.«

Der Ruepp horchte auf. Es war ihm nicht recht, daß er dem Unterhändler soviel erzählt hatte.

»So an alt'n Deanstbot'n,« sagte er, »kemman a paar hundert Mark aa no wia'r a Vermög'n vor. Vielleicht vermacht sie's da Kircha.«

»Oder dir?«

»Ja freili! A so a Schmarrn!«

»I ho mir halt denkt, weil du selm eina fahrst, is dir z' toa um de Sach.«

»I ho sunst scho aa no was. Dös mit'n Notari trifft si grad a so auf.«

»Ah so! Was nacha?«

»All's brauchst du ja net z'wissen. Moanst net?«

»Von mir aus. Stellst d' beim Unterbräu ei!«

»Ja . . .«

»Da kunnt's leicht sei, daß mir an Wachinger Seppi treffat'n. Er hat heut a paar Ochsen auf Dachau verkafft.«

»I will'n net treffa; i hätt scho koa Zeit net.«

»A Maß a zwoa kannt ma do mitanand gurgeln bei dera Hitz.«

»Na, sag i. Bal i beim Notari war, fahr i wieder hoam.«

»Und bal'st dös ander G'schäft g'macht hast,« sagte der Unterhändler und setzte wieder sein schlaues Lachen auf.

»Ganz richtig. Und bal i dös ander G'schäft g'macht hab . . . öh . . . heb staad!«

Sie waren beim untern Pflasterzolleinnehmer in Dachau angelangt, und der Ruepp wollte seinen Geldbeutel aus dem Sack ziehen.

»Laß no!«

Schlehlein hatte schon ein Zehnerl aus der Gilettasche geholt und nahm den Zettel in Empfang.

Gleich darauf fuhren sie beim Unterbräu vor, und der Hausknecht kam und half beim Ausspannen.

»Gehst net a weng eina?« fragte Schlehlein.

»Auf a Halbe geht's net z'samm,« antwortete der Ruepp. »I hab heut a so no nix G'scheidt's g'essen.«

Und er trat in die Gaststube ein, in der es kühler war wie im Freien.

Schlehlein ging hinter ihm und begrüßte lärmend zwei Mannsbilder, die ihm im Äußeren und im Benehmen sehr ähnlich waren.

»Ah! Da Wachinger Seppi! Hast de Dachauer ausg'schmiert mit deine Ochsen? Und da Zederer is aa do! Grüaß di Good, Xari! Was hast denn du für a Lumperei an Sinn? Muaßt d' wieda Bauern rasiern?«

»Jetzt heben s' net her, san allsammt am Feld draußd . . .«

»Allsammt net,« sagte Schlehlein und nickte mit dem Kopf gegen Ruepp hin, der mit der Kellnerin redete.

»Ah . . . da Ruepp! Da sitz di her. Siecht ma do aa 'r amal an Bauern, der wo si ausschnauft bei der Arndt.«

»I schnauf mi net gar so viel aus.«

»Aba heut do scho. Ruck no eina do!«

Eine Stunde später saß der Ruepp noch am Tisch und hatte bei der lustigen Unterhaltung und dem guten Bier seinen Verdruß vergessen.

Ein paar Mal schaute er nach der Uhr, aber der Schlehlein versicherte ihm, daß er vor drei oder gar vier den Notar nicht antreffe, und der Zederer wußte außerdem, daß ein paar Bekannte von ihm auf vier Uhr hinbestellt seien, und bis die fertig wären, könnt es halb fünf Uhr werden.

So nahm der Ruepp den Vorschlag zu einem scharfen Tarock an, denn er spielte gern hoch und hatte in Weidach keine Gelegenheit dazu.

Sein Bedenken, daß er nicht genug Geld mitgenommen habe, beschwichtigte der Wachinger, der seinen schweren Geldbeutel auf den Tisch schlug und schrie: »Nimm da no außa, soviel 's d' magst! Waar ja net übi; du bist ma guat gnua.«

Er ließ sich's nicht zweimal sagen und ließ sich gleich für alle Fälle zweihundert Mark geben, die er ja auch sonst brauchen konnte.

»Schreibst ma so an Babierwisch, grad daß ma's net vergißt, oda bal mi heut no da Schlag treffat,« scherzte der Wachinger, und der Ruepp unterschrieb.

Die Kellnerin brachte Karten, kleine Geldschüsseln und Blöcke, und alle waren kreuzfidel über den schönen Nachmittag.

Der Zederer patschte in die Hände und lärmte.

»Macht's as fei a weng christli! Net, daß mir d' Schmetterling wieda nehmt's, wia 's letztmal. Und da Ruepp is a so a ganz an ausg'stochner, hab's scho g'hört . . «

Das war eine Schmeichelei, die der bescheidene Bauersmann gerne hörte, und sie tat ihm so wohl wie ein Lob seiner Kenntnisse in der Landwirtschaft.

Am Anfang ging alles gut und freundschaftlich und vergnügt.

Der Ruepp gewann nach der ersten Blockade über dreißig Mark und heimste noch manchen Lobspruch ein, wenn er hartnäckig geschunden oder tapfer geschmiert hatte.

»Is a ganz a Feina,« sagte der Wachinger. »Ja, von de G'scheerten, da ko ma 's Tarocken lerna; tean oiwei, als wann s' net bis fünfi zähl'n kunnt'n, und daweil loachen s' di, daß dir d' Aug'n tropfen . . .«

Aber die Jovialität ließ nach, als die Einsätze höher wurden und auch das Bier seine Wirkung tat.

Der Ruepp hatte einen roten Kopf, und sein streitsüchtiger Charakter kam allmählich in Gang.

Als ein Spiel mit hohem Einsatz durch einen Fehler des Herrn Agenten Zederer an Schlehlein verloren ging, hielt er mit seinem Unmut nicht zurück.

»A so a Rindviech!« schrie er und schlug mit der Faust in den Tisch. »Wenn's d' mit der Aß steh bleibst, kriag'n mir sein Zehner. Waar'n dreiasechzg . . .«

»Net so viel Rindviech!« gab der Herr Agent zurück. »A jeda spielt nach seiner Karten, und von so an luftg'selchten Hammel wer i's Tarocka net lerna müassen . . .«

»Bleibt ma'r it steh mit der Aß z' viert? So saudumm han i do no gar nia spiel'n sehg'n . . .«

»Na hätt'st du den höchsten Trumpf net bracht, du Bauerndada! Durch dös host du mi zum Schmier'n aufg'fordert . . .«

»Da schmiert ma do koan Aß, Hanswurscht, dappiger!«

»Wer Hanswurscht? Was Hanswurscht?«

»Vielleicht net? Is de Farb no gar it g'spielt, und er lafft mit der Aß!«

»Nimm di a weng z'samm, sag i, sunst kriagst oani, daß d' in koan Sarg nimmer eini paßt!«

»Von dir nacha?«

»Ja, von mir.«

»Jetzt seid's staad!« beschwichtigte Wachinger. »Dös Kritisiern hat koan Wert.«

»Waarst du it steh blieb'n mit der Aß?« fragte der Ruepp.

»No ja, an andersmal bleibt er steh, aba du host'n aa verführt mit dein Trumpf werfa. Jetzt is scho amal, wia's is . . .«

»Und der ander ziahgt dreißg Mark auf mit sein g'lumpat'n Solo.«

»Gar so schlecht is net g'wen,« sagte Schlehlein und lachte herzhaft.

»Dös is allemal hi, aba bal oana so saudumm . . .«

»Bst! Jetzt fang net no mal o. Ausgeb'n is . . .« mahnte Wachinger.

Der Ruepp trank in seinen Ärger hinein und wurde immer hitziger. Er schlug die Karten auf den Tisch, daß die Gläser klirrten, spielte leichtsinniger, verlor und verdoppelte und vervierfachte den Einsatz und verlor wieder. Seinen Gewinn hatte er längst eingebüßt, aber auch von den zweihundert Mark lag schon viel auf den Geldschüsseln der Herrn Agenten, die sich unterm Tisch lebhaft mit den Füßen unterhielten.

Der halbbetrunkene Bauer, der immer mehr in Hitze geriet, merkte davon nichts, aber einmal sah er beim Abheben, daß die letzte Karte, die er erhalten mußte, die Eichelaß war. Als er die letzten vier Karten aufhob, war die Aß nicht mehr dabei.

Er fuhr auf.

»Ja, Herrgottsaggerament, du hoscht ja mei Oachelsau vermankelt.«

»Was Oachelsau?« fragte der Geber Schlehlein unschuldig.

»D' Oachelsau is drunt g'wen; dös hab i amal deutli g'sehg'n, und jetzt waar der Schell'nkini drunt.«

»Da hat's di täuscht.«

»Net wahr is,« schrie Ruepp und warf die Karten zusammen. »Moanst d', i laß mi b'scheißen?«

»Gel, dös sagst net nomal!«

»Tausadmal! B'schissen host!«

»Ja . . . ja . . . Was fallt denn dir ei? Hat's dös scho amal geb'n, daß mir oana dös sagt?«

»Na sag da's i. G'stell di net a so! Überhaupts ös Leutbetrüaga!«

»Halt! A so geht de G'schicht net,« sagte Wachinger ruhig, aber mit ernstem Nachdruck. »Dös kam ja beinah so raus, als wann du ins alle mitanand . . .«

»Jetzt wer i belzi,« schrie Zederer. »Schmeiß' ma'n außi, den Engländer!«

»No zua . . . ös Mankler, ös verstohl'ne!«

»Ah . . . ah!« machte Schlehlein.

»Ruepp, du bischt nimma ganz nüachtern,« vermittelte der besonnene Wachinger. »Du woaßt nimmer, was du sagst.«

»Net woaß i's? So? Hab i net d' Oachelsau abg'hob'n? Is net d' Oachelsau drunt g'wen? Und wo is na jetzt?«

Bei jedem Wort schlug der Ruepp mit harten Knöcheln auf den Tisch. Aber der Agent Wachinger verlor seine würdige Ruhe nicht.

»Was dös mit der Oaschelsau sei soll, woaß i net; es laßt si aa nimmer nachkontrollieren. Aba dös woaß i, daß bei uns nix Unrecht's vorkimmt. Für dös steh i guat . . .«

»Und i für dös,« schrie Zederer, »daß mir ins z' guat san und ins net schlecht macha lass'n von so an krachledern I-haha . . .«

»Halt auf! G'schimpft derf nimma wer'n. Da Schlehlein gibt nomal . . .«

Der Ruepp hatte schon so viel verloren, daß er nicht aufhören mochte; er dachte, wie die meisten Spieler, daß sich das Glück ihm wieder zuwenden müsse, und in seinem Eifer vergaß er das Vorkommnis, das ihn deutlich genug hätte warnen sollen. Indes gab er scharf Obacht und sah seinen Mitspielern beim Geben so mißtrauisch auf die Finger, daß sich zartere Gemüter verletzt hätten fühlen müssen.

Die Herrn Agenten aber waren abgehärtete Männer und zeigten um so weniger Empfindlichkeit, als der Bauerndada ständig verlor.

Es war ein Verhängnis.

Auch mit guten Karten konnte er nicht gewinnen; seine Mitspieler errieten jede Schwäche und benützten sie mit staunenswerter Klugheit.

Vielleicht war es nicht bloß Kombinationsgabe, was ihnen zu merkwürdigen Erfolgen verhalf. Hinter dem Ruepp hing ein kleiner Wandspiegel; so hoch, daß er ihn nicht beachtete, aber so weit nach vorne, daß der Wachinger darin mit einem flüchtigen Blicke alles sah, was ihm dienlich war.

Wenn einer von den Herrn Agenten gab, schaute er sachverständig und teilnehmend dem Ruepp in die Karten, wischte sich unauffällig über die Augenbrauen, kratzte sich an der Nase oder rieb sich am Ohr.

Was sich oben nicht mitteilen ließ, gab unterm Tisch ein Druck mit dem Fuße weiter, und das Ergebnis war immer, daß der Ruepp selbst die guten Spiele verlor.

Der Nachmittag rückte immer weiter vor, und die Bäume vor dem Unterbräu warfen lange Schatten; auf der Straße wurde es lebendig. Handwerker kamen aus ihrer Werkstatt heraus und lobten den schönen Abend, Kinder spielten im Freien, und von den Weblinger Feldern fuhren hochbeladene Erntewagen herein.

Der Ruepp merkte nichts davon; je mehr er verlor, desto mehr versteifte er sich darauf, durch ganz unerhörte Glücksfälle den Verlust wieder hereinzubringen.

Die zweihundert Mark waren weg, und von den hundert, die ihm der Wachinger nochmals lieh, war nicht mehr viel übrig.

Er wurde immer aufgeregter und schimpfte über sein Pech und über das Spiel der andern.

Aber dann stand doch einmal ein hoher Einsatz von etlichen vierzig Mark, und der Zederer hatte ihm eine gute Karte gegeben.

»Spiel'n!« schrie er.

Der Wachinger spielte auch.

»Herzen!« lärmte der Ruepp, der sein Solo nicht herlassen wollte.

Aber es hatte wieder eine Schwäche, und schon nach den ersten drei Karten merkte er, daß ihn der Wachinger durchschaut hatte.

Er zögerte mit dem Auswerfen und fing zufällig einen Blick auf, den sein gefährlicher Gegner in den Spiegel warf.

Er drehte sich rasch um und wußte jetzt, woher die hellseherische Einsicht seiner Mitspieler kam.

Er warf die Karten hin und hatte mit einem raschen Griff die vierzig Mark, die als Block standen, in Sicherheit gebracht.

»Ös Diab! Ös Falschspieler!« schrie er wütend.

»Bist narrisch wor'n? Laßt 's Geld steh! Außa mit'n Geld!« brüllten die andern, und diesmal ließ auch der Wachinger seine Würde hinten.

Der Zederer hatte den Ruepp an der Brust gefaßt, und wie sich dieser wütend dagegen wehrte, schlug ihm der Schlehlein eine links und eine rechts auf die Backen.

Und ein wütendes, kreischendes Geschrei erhob sich, ein Poltern, Stampfen, Ringen ging los, der Tisch fiel um, die Biergläser klirrten in Scherben, und zuletzt kam der Hausknecht und zog den Ruepp, der aufgeschwollene Backen und ein blutunterlaufenes Auge hatte und dem der Hemdkragen zerrissen am Halse hing, aus dem Getümmel.

Der Wastl hatte Hände, gegen die kein Widerstand nützte; er drehte und zwirbelte den zornschnaubenden, keuchenden Bauern zur Türe und tauchte fest an. Da lag der Ruepp wie ein geprellter Frosch im Hausflöz und richtete sich mühsam wieder auf.

Der Unterbräu, ein dicker, behäbiger Mann, kam gerade aus der Küche und fragte seinen Hansel. »Was hast denn da für an Arwat, Wastl?«

»Den plärreten Ruepp hab i außi kegelt.«

»Hat er scho zahlt?«

»I woaß net.«

»Dös is do d' Hauptsach,« sagte der Bräu und pfiff durch die Finger.

Die Kellnerin kam eilig aus der Gaststube gelaufen und sagte, sie habe nur geschwind die zerbrochenen Gläser gezählt.

»Drei san kaput, und oans hat an Sprung, dös macht mitanand vier Mark achtzgi, und elf Halbi Bier hast g'habt, macht sechs Mark zwölfi, und a sauers Nierl macht sechs Mark zwoaraneunzg, und a Brot aa? Nacha san's sechs Mark und fünfaneunzg Pfenning.«

»Du werst do it glaab'n, daß i dir de Halbikrüagl zahl, wo de Diab, de Leutbetrüaga z'sammg'schmissen hamm?«

»Oana muaß s' zahl'n . . .«

»Na verlangst as von wem d' magst, i zahl s' amal net . . .«

Der Unterbräu mischte sich ein:

»De Kellnerin werd an Schaden net trag'n müassen, wenn's ös rafft's. Vorderhand zahlst du, und mit de andern ko'st d'as ausmacha, wia 's d' magst . . .«

»Fallt ma gar it ei . . .«

»I laß eahm 's Roß net aus'n Stall, vor er net zahlt hat,« sagte Wastl.

»So? A so macht's as ös an Bauernmenschen? Z'erscht laßt's ös zua, daß in enkera Wirtschaft solchane Diab de Leut 's Geld stehl'n, und na tat's ma 's Roß z'ruckhalt'n? Dös will i sehg'n, ob dös geht.«

»Heut geht's,« entschied der Unterbräu. »Bal du de Saufgaudi g'richtsmaßi macha willst, is dei Sach. Da werst na dei Recht scho kriag'n. Jetzt amal werd de Kellnerin zahlt . . .«

Der Ruepp sah, daß er auf andere Weise nicht zum Einspannen komme, und zählte der Kellnerin schimpfend das Geld auf.

»Und advikatisch mach i's allaweil,« schrie er den Unterbräu an, der unbewegt blieb und an seiner Zigarre schnullte.

»Dös muaß aufkemma, was da herin für Spitzbuam eahna Lager hamm.«

»Ja no. Zu an Wirt kemman allerhand Leut. A diam aa Bauern, de wo nix nutz san . . .«

»So hoaßt du mi?«

»I hab di nix g'hoaß'n. I sag, zu mir kemman guate und schlechte Leut. I kann s' net ausanand klaub'n.«

»Und muaßt zuaschaug'n, wia s' betrüag'n . . .«

»I hab net zuag'schaugt; i hab net so viel Zeit wia du.«

»Is scho recht. Es werd si no aufweis'n . . .«

»Jetzt mach zua! I moa, es waar g'scheiter, wenn's d' hoamfahrest . . .«

Draußen klapperten Hufe. Der Wastl war weggegangen, wie der Ruepp bezahlt hatte, und führte jetzt den Fuchs aus dem Stall.

»Wer hat denn dir 's Ei'spanna o'g'schafft? I muaß no zum Notari ummi.«

»Geh no zua. Da Gaul bleibt scho steh.«

Der Ruepp stolperte die Straße hinauf, und mancher mißbilligende Blick folgte ihm, bis er am Hause des Notars anlangte.

Als er grob an der geschlossenen Türe rüttelte, tat sie sich auf, und der Buchhalter kam mit Hut und Stock heraus.

»Was wollen denn Sie?« fragte er den übel zugerichteten Menschen, der stark nach Bier roch.

»An Notari brauch i . . .«

»Brauchen Sie? So? Und der Herr Notar muß für Sie da sein, jetzt um sieben Uhr?«

»I muaß 'n grad b'stell'n, daß er außa fahrt . . .«

»Da kommen Sie, wenn Bureauzeit is, und wenn Sie nüchtern sind und in an andern Aufzug!«

»I muaß'n heut hamm . . .«

»Jetzt machen Sie, daß Sie weiterkommen, Sie Flegel, Sie ung'hobelter!«

»A B'stellung werd er no o'nehma kinna.«

»Nein! Heut nicht mehr. Übrigens is der Herr Notar schon weggegangen . . .«

»Jetza so was! Fahrt mi eigens eina mitten in der Arndt . . .«

»Jawohl und betrinkt sich und glaubt dann, das Amt kann leicht warten. Jetzt sag ich's Ihnen zum letzten Mal, machen S', daß weiterkommen, sonst find ich Mittel und Weg . . .«

Der Ruepp ging schimpfend und vor sich hin fluchend zum Unterbräu zurück.

Es kam ihm doch die Einsicht, wie gemein er den Arbeitstag verplempert hatte.

Der Verdruß mit der Bäuerin, der Streit mit dem Kaspar, und vorher die Blamasche mit dem Gerichtsvollzieher, ein schöner Tag heut!

Und das Roß von der Arbeit weggenommen und Geld von den Spitzbuben geliehen und wieder Streit und wieder einen Rausch und zuletzt die Hauptsach nicht einmal ausgerichtet.

Ah was! Er konnte ja daheim sagen, daß er den Notar nicht getroffen und daß er den ganzen Nachmittag auf ihn gewartet habe. Und dann konnte der Michel herein radeln.

Aber der würde am End erfahren, was es für einen Spektakel beim Unterbräu gegeben habe, und auch, daß er so spät erst zum Notar hingegangen sei. Da war's gescheiter, ein paar Tage warten und dann selber in der Früh mit dem Zug nach Dachau fahren.

Er überlegte sich den Plan nicht im stillen, sondern redete halblaut vor sich hin, rutschte auch öfter auf dem Pflaster aus und blieb stehen, um sich zu fangen. Endlich langte er beim Unterbräu an, wo ein Dienstbub bei seinem Fuhrwerk Achtung gab.

Denn der Wastl hatte eine andere hausknechtliche Pflicht erfüllen müssen.

Der Bräu war nach seinem Diskurs mit dem Ruepp in die Gaststube gegangen.

Die Kellnerin wollte gerade mit drei frisch gefüllten Krügen zu dem Tische gehen, an dem die Unterhändler saßen und sich lachend über den dummen Bauern unterhielten, den sie so schön geschlaucht hatten.

»Für wen g'hört dös Bier?« fragte der Bräu.

»Für de Herrn dort.«

»Nix da! Tragst as wieder z'ruck! Und ös da,« sagte er zu den Herrn Agenten, »ös macht's, daß weiterkemmt's. I will enk nimmer da herin hamm . . .«

»Oha! Den schaugt's o!« schrie der Zederer.

»Du werst net lang schaug'n . . . Wastl!«

Der Hausknecht stand schon unter der Türe und kam sehr bereitwillig näher.

»Wollt's geh?« fragte der Bräu.

»Was waar denn jetzt dös! A so a Frechheit!« schimpfte der Schlehlein. »Z'erscht laßt er oan de größt Zech hermacha, na schmeißet er oan außi.«

»I hätt enk koane macha lassen, wenn i dahoam g'wen waar. Auf de Weis' net. Und dös laß i mir net nachsag'n, daß bei mir falsch g'spielt werd und de Leut ums Geld betrog'n wer'n . . .«

»Könna Sie dös beweisen? Dös müassen Sie beweisen kinna . . .« schrie jetzt der Wachinger.

»I brauch koan Beweis; mir is gnua, daß 's g'sagt werd. Und g'rafft habt's amal g'wiß, und an Ruepp g'schlag'n und z'erscht 's Geld abg'wunna. Dös g'langt mir. Also außi, sag i!«

»Mir genga scho. Mir woll'n gar it bleib'n . . .« schrie der Zederer. »Sauf dein Schäps alloa, du Bamperlwirt, du g'scheerter!«

Das war eine Unvorsichtigkeit in Gegenwart eines so rüstigen Mannes wie Wastl.

Im Augenblick faßten ihn fünf Finger wie Eisenklammern zwischen Hals und Hemdkragen, sein Körper kam in Schwung, prallte gegen die Türe, die nachgab, und lag draußen im Flöz. Die beiden andern zogen es vor, selbst hinauszugehen, und sie schwiegen vorsichtig, wenn sie auch sehr finstere Blicke um sich warfen.

Erst auf der Straße ermannte sich der Wachinger zu einem gellenden Geschrei.

»Du Saulackl, du g'scheerter! Du Schäpstandler, du hoabuachana! Di zahl'n ma no aus, da paß auf!«

Der Unterbräu stand ruhig unter dem Haustor und wandte nicht einmal den Kopf um nach den werten Gästen. Da steckte auch der Wastl seine großen Hände unter den blauen Schurz und versank in eine gemächliche Feierabendstimmung.

Die Herren Agenten gingen schimpfend die Straße hinunter, und zuweilen drehte sich einer um und schrie etwas zurück. Es war zu weit, um es zu verstehen, aber dem Anscheine nach war es wenig Freundliches.

Derweil kam nun der Ruepp, setzte sich auf seinen Wagen und fuhr ohne Gruß weg.

Vielleicht hätte er dem Wastl einen dankenden Blick oder ein Geldstück geschenkt, wenn er die Ereignisse, die sich in seiner Abwesenheit zugetragen hatten, gekannt hätte.

So schaute er mürrisch vor sich hin, riß grob am Zügel und zog den Fuchs eines über, daß er ausschlug und stürmisch anzog.

Nach kurzer Zeit holte der Ruepp die Herrn Agenten ein, die sich nicht nach dem rasselnden Wagen umsahen.

Da aber der Ruepp nicht wußte, daß schon eine Vergeltung geübt war, wollte er das geschwind selber besorgen.

Er holte kräftig aus und schlug dem Schlehlein die Peitschenschnur ums Gesicht, daß ihm noch eine Stunde danach die Ohrwaschel brannten.

Er sprang in die Höhe und schrie:

»Du Hund! Du . . . du abg'hauster Spitzbua . . . dös reut di no! . . .«

Der Ruepp fuhr weiter und lachte grimmig vor sich hin.

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