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Gutenberg > Ludwig Thoma >

Der Ruepp

Ludwig Thoma: Der Ruepp - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Ruepp
authorLudwig Thoma
year1922
publisherAlbert Langen Verlag
addressMünchen
titleDer Ruepp
pages3-304
created20020508
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1922
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Viertes Kapitel

Als Michel am andern Morgen aufwachte, stand die Sonne schon ziemlich hoch am Himmel; er sprang rasch aus dem Bett und sah beschämt, daß es auf sieben Uhr ging.

In der Küche traf er seine Mutter, die allein zurückgeblieben war, denn alle, der Kaspar, die Leni und die Dienstboten, waren vor Tag aufs Feld hinaus.

»Daß mi net g'weckt habt's!« sagte der Michel, als ihm die Mutter eine Kaffeesuppe vorsetzte.

»Zu was denn wecka? Den erst'n Tag dahoam hast di do scho ausschlafa derf'n.«

»Na. Da muaß ma si vor de andern schiniern; der Kaspar werd mi schö auszahna.«

»Geh zua, du bist do koa Bauernknecht.«

»Aba wenn d' Arwat pressiert, möcht ma do aa mithelfa, und ös laßt's mi in Tag eini schlafa. Is da Vata draußen?«

»Na, der schlaft no. Er muaß si wieder auskuriern von sein Sunntag.«

Michel löffelte schweigend seine Suppe aus, und die Rueppin setzte sich neben ihn.

Als sie wiederholt mit einem »ja, ja . . . so is halt amal« und »ja mei Bua« tief aufseufzte, fragte er:

»Habt's allaweil no Vadruß?«

»Der geht bei uns net aus. Von an Sunntag wollt i no gar nix sag'n, obwohl daß dös aa schiach gnua is, wenn er danach an halben Tag und länger seine Räusch ausschlaft. Aba wia oft kimmt's vor, sogar in der Arndt, daß er mitten unta da Woch wegafahrt auf Dachau eini oder auf Altomünster ummi. Da is wohl koa Wunder, daß ma z'ruckhaust.«

»Is scho so weit?«

»Weit gnua. Und is koa Aussicht auf a besser wer'n.«

»Dös versteh i aa net, Muatta, daß d' ma dös net früher g'sagt hast.«

»Du moanst zweg'n an Schtudiern?«

»Ja. Waar do scho g'scheiter g'wen, i hätt enk net aa no 's Geld kost.«

»Dös hätt's no derleid'n müass'n, und tat's aa jetzt derleid'n, wenn da Vata dergleichen tat. Aba ma siecht si ja net naus, bal dös net bessa werd, sondern im Gegenteil, allaweil no schlechta. Er laßt si in Handelschaften eini ziahg'n, de wo er net vasteht, und valiert 's Geld dabei, und für all's ko da Hof net aufkemma.«

»Wia kimmt er denn zu dem?«

»Im Wirtshaus halt, wo all's Guate dahoam is. Da kimmt er mit de Handler z'samm, und de schmatzen eahm was auf, und ausred'n laßt er eahm ja nix. Du kennst'n do. Da woaß eahm der oa a Roß zum verschachern; der ander a Holz, an dem gar soviel Geld zum vadeana waar, und kimmt er amal gleichauf, oder macht a gar an kloan Profit, na is no schlechta. Na moant er scho, er is da best beim Handeln und Schachern, und fahrt in die Wirtshäuser umanand und hat's grad gnädi und tuat woaß Good wia groß, und z'letzt zahlt er allmal drauf . . .«

»Hilft's Zuared'n gar nix?«

»Ah wa . . . I red eahm zua wia'r an krank'n Roß, aba i ko gar nix richt'n bei eahm. Net oamal, daß er auf mei Red'n was gibt. Siehgst, da han i de vorig Woch an Bartl auf Dachau eini schicka woll'n, daß da Notari zu da Loni außa kimmt. An Deanstbub'n ko ma do amal an Tag g'rat'n. Aber na! Dös geht net, er fahrt selm eini, und weil ma an Gaul in der Arndt z' notwendi braucht, werd's verschob'n, und de Alt arbet si in da Unruah ganz auf . . .«

»Na fahr i eini . . .«

»Dös is wahr, Bua, dös tuast . . .«

»Bal mir da Kaspar sei Radl leicht, mach i mi nach'n Essen auf'n Weg.«

»So mach ma's. Du kunnt'st as so aa glei nehma, aba woaßt scho, da Kaspar is a bissel eigens. Bal'st jetzt auf's Feld außi gehst, fragst'n . . . Und beim Notari drin machst as pressant; de Alt is so viel unruhig; heut in da Fruah hat s' mi wieda g'fragt und bitt . . .«

»Is recht, Muatta, und jetzt schaug i a weng zu de Leut außi . . .«

Als er aufs Feld hinauskam, war der Kaspar mit einem Knecht und dem Dienstbuben noch eifrig beim Mähen, hinter ihnen drein banden die Weiberleute die Garben.

Nach einer Weile setzte Kaspar aus, wetzte seine Sense und sah den Michel auf sich zukommen.

»Ah, der Hochwürden! Willst uns an Seg'n geben zu der Arwat, oder willst bloß zuaschaug'n, wia ander Leut schwitzen?«

»Brauchst mi net föppeln, i arwat gern mit, wenn mir da Bartl d' Sans' gibt.«

»Is uns an Ehr mit an g'weichten Herrn oder an halbg'weichten . . .«

»Geh, lass's guat sei, und daß i net vergiß, auf'n Namittag muaßt ma dei Radl leicha. I fahr auf Dachau eini.«

»Ahan, nach der Arbeit ist gut ruhen, hoaßt's bei dir.«

»Net z'weg'n an Vagnüag'n. I soll an Notari b'stell'n für d' Lonimuatta.«

»Will ja der Alt eini fahr'n.«

»D' Muatta sagt aba, d' Loni hat koa Ruah und bitt allaweil drum, und i bin ja glei drin.«

»No ja, und dein Vorteil siechst dir ja aa dabei.«

»Wia dös?«

»De Alt will ja die paar Kreuzer der Geischtlichkeit vermacha . . .«

»Z'weg'n dem pressiert's mir net mit'n eini fahr'n.«

»Na is recht, du tuast as bloß für de guat Sach . . . und i leich dir 's Radl dazua . . . da geh her, Bartl!«

Der Bub kam heran.

»Gib dei Sans' an hochwürdigen Herrn; vielleicht bringt er a Schneid ani . . .«

Bartl grinste, als er Michel die Sense gab, und der zog ohne weiteres Reden Jacke und Gilet aus, trat in die Reihe neben seinen Bruder und fing zu mähen an.

Die Sonne brannte so heiß herunter, daß die Luft flimmerte, und auch vom Boden stieg eine Hitze auf, daß Michel wie in einem Backofen schwitzte. Er merkte wohl, wie ungewohnt ihm die harte Arbeit war, das Kreuz schmerzte ihn, die Arme taten ihm weh, und er mußte allen Willen zusammennehmen, um nicht zu weit hinter den andern zurückzubleiben. Aber wenn er nachgeben wollte, dachte er an die Spottreden seines Bruders, und dazu war es ihm, als müßte er den Beweis liefern, daß er zur Arbeit tauge. So hieb er tapfer ein und schwang bald die Arme in einem gleichmäßigen Takte, bei dem er leichter Atem holte wie anfangs, wo er zu hastig gewesen war.

Als sie die lange Mahd bis zum Grenzrain fertig hatten, schulterte Michel wie die andern seine Sense und ging gemächlich zurück, sich wohlig dieser kurzen Rast hingebend, die ihm neue Kraft gab. Bei der dritten und vierten Mahd hatte er sich schon ganz an die Arbeit gewöhnt und spürte weniger Müdigkeit wie nach der ersten.

Inzwischen kam der Bartl, den man heimgeschickt hatte, mit Bier und Brot zurück, und nun kamen alle zum Untern in den Schatten eines breitästigen Ahorns.

Michel begrüßte im Zotzen-Peter, der Dienstknecht war, einen alten Schulkameraden und setzte sich zwischen ihn und die Zenzl, die zweite Magd,

Er bekam eine Flasche Bier und einen Keil Brot, von dem er langsam Stück für Stück herunterschnitt; die Hand war ihm durch die Arbeit schwer geworden, und die Bewegung beim Essen, wie er jeden Schnitz bedächtig zum Munde führte, verursachte ihm ein wohliges Gefühl von Kraft und zugleich von Ausrasten.

Er sah von seinem Platze aus weitum emsige Menschen auf den Feldern und suchte mit seinen Blicken die Ackerbreiten des Lukas ab. Von fernher blitzten weiße Kopftüchel auf, und er wußte nun, wo die Stasi arbeitete, und dachte, wie schön es wäre, wenn sie jetzt so neben ihm säße, wie die Zenzl, die gerade ihre dicken Waden lachend vor den Angriffen des Zotzen-Peter versteckte.

»Wer kimmt denn da daher?« fragte der Kaspar und streckte den Hals.

In einer Entfernung von etlichen hundert Schritten ging ein Mann auf dem Fußwege; bald verschwand er hinter dem hoch stehenden Getreide, bald war er wieder frei sichtbar, und die scharfen Augen Kaspars hatten gleich erkannt, daß er ein Städtischer sei.

Gleich darauf sah er auch, daß der Fremde eine Dienstmütze aus dem Kopfe trug.

»Dös waar ja bald . . .« brummte er halblaut vor sich hin und warf einen bedeutsamen Blick auf Leni, die auch unruhig geworden war.

Kein Zweifel: als der Mann näher kam, erkannte man, daß er ein Gerichtsbeamter oder so was Ähnliches sei.

Kaspar stand auf und schlenkerte zum Fußweg hinüber, und dabei hob er hie und da ein paar Garben auf und tat so, als ob er die Ähren angelegentlich betrachte.

Nun war der Mann auf etliche Schritte herangekommen, und es zeigte sich, daß er wirklich ein Amtszeichen auf der dunkelblauen Mütze trug.

»Heut is amal a richtig's Wetter zum Arbeit'n,« sagte er und blieb stehen.

»Ja . . . so waar's scho recht,« antwortete Kaspar.

»Heuer kann ma do überhaupts net klag'n, aber ihr Bauern seid's ja nie z'fried'n.«

»'s Rentamt scheint's aa net, sunst verlanget's net allaweil no mehra . . .«

»'s Rentamt?« Der Mann lächelte. »Da können S' recht haben; dös hat scho an weit'n Magen.«

»Seid's ös an oana?«

»Na, vom Rentamt bin i net. Aber sagen S' amal, geht's da zu einem Bauern, namens Umbricht?«

Der Fremde zog ein blaues Heft aus der Tasche, schlug es auf und las vor.

»Michael Umbricht, zum Ruepp auf der Leiten . . .«

»Ja . . . brauchen S' bloß allaweil gradaus geh. Dös Haus dort droben is . . .«

»Dank schön. Also gut'n Tag und gute Verrichtung . . .«

Er grüßte und wollte gehen.

Da fragte Kaspar:

»Sie entschuldigen, Sie hamm g'sagt, Sie san net vom Rentamt. Was san S' denn nacha?«

»Auch a unbeliebte Persönlichkeit . . .«

»Am End a G'richtsvollzieher?«

»Er selber net, aber sei Stellvertreter. Grüß Gott!«

Kaspar sah ihm finster nach und ging langsam zu seinen Leuten zurück. Er nahm gleich die Sense auf und mahnte die andern zum Aufbrechen.

»Geht's weida! Mir hamm no an schön Fleck zum Abhau'n . . .«

Michel merkte beim Aufstehen, daß die Zenzl dem Peter einen vielsagenden Blick zuwarf, und daß beide lächelten, und es entging ihm auch nicht, daß sein Bruder zornig war; er dachte sich wohl, daß er mit der fremden Amtsperson irgend was gehabt habe, aber er wollte nicht fragen und ging mit den andern weg.

Kaspar blieb mit der Leni so weit zurück, daß man ihn nicht hören konnte.

»Jetzt hamm ma's,« sagte er halblaut. »Es wird oiwei schöna; kimmt da G'richtsvollzieher scho ins Haus!«

»Marand Josef! War er dös?«

»Ja. Nach'n Weg zum Ruepp hat er g'fragt . . .«

»Was werd dös wieda sei!«

»Dös is net schwar zum derrat'n. Schuld'n werd er hamm mit seine Täuschlereien, mit seine gottverdammten!«

»Was ma da no derleb'n müass'n!«

»Daß ma abi rutschen. Ehnder gibt ja der lüaderliche Mensch koan Ruah, bis net all's hi is . . . Herrgottsaggerament, am liabern schmeißat i d' Sans' hi und gang auf und davo. Als Knecht kriagat i do mein Lohn richti und müaßt net warten und rum red'n um a jed's Markl. Plagt ma si für den Saustall und is und werd do nix. Aba lang tua i nimma mit . . .«

»Muaßt an 's Sach denka, Kaschpar!«

»Ja, denk no recht dro! Es werd a so bald koa Sach nimma da sei zum dro denka, wenn er auf d' Gant kimmt, der Mensch, der nixnutzete . . .«

»Moanst d', i soll hoam geh und schauen?«

»Ah! Was sehgast denn da?«

»I hab koan Ruah nimma . . .«

»No ja, na schaug hoam; ko da Bartl daweil beim Bind'n helfa. Am End is g'scheita, bal du dahoam bist, sunst is d' Muatta ganz alloa . . .«

»Er schlaft ja z'erscht no.«

»Da G'richtsvollzieher weckt'n scho. Nacha ko er'n o'blinzeln aus seine versuffan Aug'n. So bin i scho ausg'legt, daß i aa am liabern hoam gang und schmeißet eahm all's vor d' Füaß hi . . .«

Leni eilte heim und traf im Hausflötz ihre Mutter, die erschrocken vor dem Gerichtsmenschen stand.

»Da Bauer kimmt glei,« sagte sie. »Er hat si aufg'fall'n und is it ganz guat beianand . . .«

»Was geit's denn da?« fragte Leni scharf und schaute den Mann zornig an.

»Was 's gibt?« sagte dieser ruhig. »Ja, hoffentlich a Geld, sonst müaßt i was pfänden . . .«

»Jessas! Jessas!«

»Sei no staad, Muatta! . . . Vata!« schrie Leni in gellendem Ton. »Waar do scho Zeit, daß d' außa kamst!«

»Ö . . . hö . . . hö!« brummte der Ruepp und knöpfte noch sein Gilet zu, als er aus der Schlafkammer heraus kam. »Du kunnt'st ja no bessa schrei'n . . .«

»Muaß vielleicht d' Muatta den Dreck wegramma, den du herg'macht hast?«

»Du redst di a weng gar leicht, du! . . .«

»Is ja wahr! Muaß ma si da net z' Tod schama, bal oan da G'richtsvollzieher beim helliacht'n Tag ins Haus kimmt? Und du flackst im Bett, und d' Muatta woaß si net z' rat'n und z' helfa . . .«

»Dös wer i scho macha, desweg'n brauchst du it schrei'n als wia'r a Krattlerin . . .«

»Ja, dös woaß ma scho, wia's d'as du machst . . .«

»Halt 's Mäu, sag i . . . Was gibt's denn da überhaupts?« fragte er den Gerichtsvollzieher in barschem Ton.

»Sie, ich bitt mir an anderne Sprach aus, gel? Ich bin hier im Dienst, verstanden? Da wer'n S' Ihnen irren, wenn Sie glauben, daß Sie mir mit Lackelhaftigkeiten kommen können . . .«

»I wer no frag'n derfa, was Sie in mein Haus herin woll'n.«

»Jawoll, aber in an andern Ton. Ich bin der Stellvertreter des G'richtsvollziehers Stumbeck und hab' bei Ihnen eine Forderung einzutreiben.«

Der Ruepp war durch die scharfe Sprache des Mannes, der als gedienter Feldwebel den richtigen Tonfall hatte, eingeschüchtert.

»I woaß nix von koana Forderung,« sagte er kleinlauter.

»Wissen Sie's net, so? Ich kann Ihr Gedächtnis auffrischen. Da is das vollstreckbare Urteil vom Landg'richt München . . .« Er entfaltete ein Papier und las vor.

»Wasserburger gegen Umbricht. Sie schulden in Haupt- und Nebensache einschließlich der Kosten neunhunderteinundvierzig Mark und sechzig Pfennig. Können Sie sich jetzt an die Kleinigkeit erinnern?«

»Was? Für den frechen Juden, da müßt i zahl'n? Dös gibts's durchaus gar it . . .«

»Wenn Sie nicht zahl'n woll'n oder können, dann werd ich eben pfänden . . .«

»Von kinna is koa Red it. Für de Bagatell'n werd mei Hof no guat sei . . .«

»Also dann . . . nur raus mit die Maxen!«

»Was? Bal mi der Jud, der ausg'schamte, ganz offenbarig betrog'n hat? Der sell Gaul is dampfig g'wen, und für dös han i de bescht'n Zeug'n, de wo de Sach richtig sag'n kinnan . . .«

»Das hätten Sie früher und beim G'richt sagen müssen. Da is ein Versäumnisurteil und is rechtskräftig, und damit fertig.«

»Dös gibt's na do scho net. Wo waar denn da a Vasäumnis, bal i gar nix inne wor'n bin?«

»Sie hamm die Klage zugestellt kriegt. Machen S' mir nix vor!«

»Ko scho sei, daß amal was kemma is, aba als Landwirt hat ma do koa Zeit, in Summa, bei der größt'n Arwat, daß ma'r an jed'n Papierfetz'n lest.«

»Den hätten S' scho lesen sollen . . . Jedenfalls mich geht das gar nix an.«

»Den verklag i weg'n Betrug, dös laß i weida geh bis aufs Reichsg'richt . . .«

»Schön. Aber heut heißt's zahl'n . . .«

»Dös glaab i na do scho net, bal dös ganz offenbarig is und bal i de bescht'n Zeug'n hab . . .«

»Ich hab net so viel Zeit, mein Lieber, und Ihr Prozeß geht mich gar nix an. Bei mir gibt's bloß zahl'n oder pfänden.«

»I bin gar net beim G'richt g'wen mit dem Juden, mit dem ausg'schamten, na kann i aa net verurteilt sei . . .«

»Eben weil Sie nicht dort waren, und weil S' Ihnen kein Advokaten g'nommen hamm, deswegen sind S' verurteilt wor'n. Das is ja das Versäumnis . . .«

»Dös werd ma nacha do scho ei'sehg'n beim G'richt, daß a Bauernmensch bei da größt'n Arwat koa Zeit net hat . . .«

»Nein, das siecht man nicht ein, aber dös siech i ein, daß Sie net verstehen woll'n, und wahrscheinli auch net zahl'n . . .«

»I will mei Recht hamm. Muaß ma'r i an so an offenbarigen Betrug g'fall'n lass'n? Da muaß 's Reichsg'richt her . . .«

»Also wenn Sie nicht zahl'n woll'n, nacha geh'n wir jetzt in Stall naus.«

»Was recht is, wer i zahl'n . . .«

»Recht is neunhundertundeinundvierzig Mark und sechzig Pfenning. I wart fei jetzt nimmer.«

»Dös hat ma aa net allaweil dahoam . . .«

»Ich will Ihnen was sagen. Der Doktor Rosenbaum, der Vertreter von Ihrem Gegner schreibt, daß er Ihnen acht Tag Frist geben will für den Rest, wenn Sie mir sofort eine größere Summe einhändigen.«

»Und bal i's net ei'händig?«

»Pfänd ich Ihnen einen Gaul oder a paar Küh . . .«

»Mehra wia dreihundertfufzg Mark hab i net bei da Hand . . .«

»Schön, geben S' mir die, und in acht Tag zahlen S' das andere, sonst muß ich wieder kommen.«

»Aber guat sei laß i's net, und bis zum Reichsg'richt muaß de G'schicht geh . . .«

Der Ruepp ging brummend in die Kammer, und als er wieder zurück kam, zählte er auf das Fensterbrett dreihundertfünfzig Mark hin.

Der Gerichtsvollzieher schrieb ihm eine Quittung und ging.

Während des ganzen Vorgangs hatte die Rueppin ihren Mann ängstlich angeschaut; die Leni stand mit untergeschlagenen Armen daneben und machte ein bitterböses Gesicht.

Als der Beamte zur Tür hinaus war, sagte die Bäuerin nach einem schweren Seufzer.

»Pfänd't wer'n mir na do it? Daß wenigstens des Allerärgst net passiert!«

Der Ruepp war schon wieder großspurig.

»Kümmer di um dös it. Dem Malafizjuden, dem vadächtigen, brock i a Suppen ei . . .«

»De hoscht scho ins ei'brockt,« sagte Leni grob.

»Du nacha mit deina Goschen, was geht's denn di o?«

»Leider, daß 's mi was o'geht; mir waar's scho liaba, i waar in an richtinga Haus.«

»Daß 's dir fei nimma guat gnua is! Na suachst dir a bessers.«

»Dös waar net hart zum find'n; besser is glei oa's.«

»Nur recht frech sei, sag i. Tua di no ja net schinniern!«

»Waar g'scheiter, es schinnieret si wer anderer und waar drausd bei der Arwat und stand net herin bei de G'richtsvollzieher umanand!«

»Jetzt laß 's guat sei, Leni!« wehrte die Mutter ab.

»Is ja wahr! Muaß ma si vor de Deanstbot'n schama. De hamm's aa g'sehg'n, wia der sell mit da Haub'n zum Hof zuawa ganga is.«

»De wissen an Dreck,« sagte der Ruepp grob.

»Und überhaupts über meine Prozeßsacha wer mi i bekümmern, aber du di net. Und dös sell wer i scho macha, daß der Betrug offenbarig werd. Und z'weg'n was gehst denn du überhaupts vom Feld eina? I hätt di wohl it braucht da herin . . .«

Leni gab keine Antwort mehr, sondern warf die Küchentüre hinter sich zu, daß die Scheiben klirrten.

»A so an unguat's Luada, a so a zahnet's!« schimpfte der Ruepp hinter ihr drein.

»Sie moant's ganz recht,« sagte die Bäurin.

»Was vasteht denn de von sellane Sacha? Dös muaß i besser wissen, was i z' toa hab . . .«

»Und des allerbest waar, wann du gar nix z' toa hättst mit de G'richtssacha . . .«

»Laß dir no Zeit! Dem Juden hoaz i ei, daß eahm warm werd. Und jetza schaugst, daß d' mir in da Kuchl a weng was sauers z' machen kimmst. Dös sell richt mi wieda z'samm.«

Der Ruepp ging in seine Kammer, und die Bäurin richtete in der Küche das Essen für die Leute, die bald vom Feld herein kommen mußten.

Die Leni half ihr dabei, und wenn sie zornig mit dem Geschirr klapperte, nickte die Rueppin zustimmend mit dem Kopfe und seufzte tief auf.

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