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Gutenberg > Ludwig Thoma >

Der Ruepp

Ludwig Thoma: Der Ruepp - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Ruepp
authorLudwig Thoma
year1922
publisherAlbert Langen Verlag
addressMünchen
titleDer Ruepp
pages3-304
created20020508
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1922
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Zweites Kapitel

Die Eisenbahn macht von Schwabhausen einen langen Umweg, um den altberühmten Markt Indersdorf nicht auf der Seite liegen zu lassen, und die Bedeutung des Ortes kommt jedem Fahrgast zum Bewußtsein, wenn der Zug dort dreimal so lang hält wie auf den kleinen Stationen.

Und ein ungeduldiger Fahrgast, der aufatmet, weil die Lokomotive, die wie eine Straßenwalze ausschaut, endlich anzieht, muß gleich darauf sehen, daß er die Wichtigkeit von Indersdorf alleweil noch unterschätzt hat, denn die Maschine reut es wieder, daß sie wegfahren soll, und sie pfeift noch einmal einen Willkommgruß und läuft zurück.

Das macht sie zweimal und dreimal, und erst wenn es gar nicht mehr anders geht, nimmt sie Abschied, aber man hört ihr den Zorn darüber an, denn sie pfaucht und schnauft und reißt die Wagen so unwillig nach, daß die Fahrgäste von ihren Sitzen rutschen.

An diesem Sonntag in der Erntezeit konnte sie damit kaum jemand ärgern, denn die alte Puchrainerin von Weidach war eine gottergebene Austraglerin, die man mit einer Grobheit nicht aus der Fassung bringen konnte, weil sie nichts anderes gewohnt war.

Und der Ruepp Michel, oder, um mit mehr Respekt von ihm zu reden, der Studiosus literarum Michael Umbricht, hatte bei dem langen Aufenthalt in Indersdorf noch einen Abschiedstrunk mit seinem Kommilitonen Gregor Finkenzeller gehalten, und war überhaupt so froh über die lange Trennung von der Freisinger Gelehrsamkeit, daß er sich alles gerne gefallen ließ.

Er war ein hoch aufgeschossener Jüngling, dem die Freisinger Schule, wenn sie das überhaupt vermag, nichts von seinem bäuerlichen Wesen abgeschliffen hatte.

Sein rundes, etwas sommersprossiges Gesicht zeigte nichts Vergeistigtes, und der Zwicker mit Fenstergläsern, den der Michel auf die breite Nase klemmte, um sich im Coupéfenster zu bespiegeln, machte nichts besser. Im Gegenteil, er hob zugleich das Bäuerliche stärker hervor und verschandelte es, wenigstens für den feineren Kenner der menschlichen Physiognomie, zu denen der Studiosus literarum noch nicht gehören konnte.

Er hatte eine ungetrübte Freude an seinem forschen Aussehen und zog die Krempe seines Hutes auf der einen Seite möglichst weit herunter, weil das seinem Gesichte einen unternehmenden Ausdruck gab.

Es war eine Mode, die in Altbayern absonderlich von Hilfslehrern und anderen geistig höher stehenden Jünglingen gepflegt wurde.

Leider war niemand im Wagen, der den Michel in feinem Glanze hätte bewundern können. Die alte Puchrainerin sah ihn nicht, weil sie durch eine Scheidewand von ihm getrennt war, und es ist auch noch die Frage, ob ihr der weltliche Reiz an einem jungen Menschen, der auf geistlich studierte, gefallen hätte.

Die alten Weiber sind mehr für das Heiligmäßige und erbauen ihr Gemüt an den Herren, die im Eisenbahnwagen das Brevier herausziehen und beim Lesen die Lippen deutlich bewegen.

So wäre unser Studiosus gänzlich unbeachtet in der Heimat angelangt, wenn nicht in Arnbach zwei dralle Bauernmädeln eingestiegen wären, von denen ihn die eine mit freundlichem Lachen begrüßte.

»Ah, der Michi! Kimmst in d' Vakanz hoam?«

»Ja, Stasi! Wie geht's allaweil?«

»Guat. Arbet gibt's in der Arndt. Da kunntst mithelfa . . .«

»Recht gern . . .«

»Sagt ma, aber de G'studierten mög'n si net plag'n.«

Die Stasi war eine Tochter vom Lukas und eine Schulkameradin vom Michael.

Wenn auch die Alten nicht gut miteinander standen, so hatten doch die Kinder bei dem täglichen Schulgang gute Freundschaft geschlossen.

Der Weg von den beiden Höfen ins Dorf hinunter war weit und im Winter oft mühsam genug. Da stapften sie miteinander durch den Schnee oder standen in einem Holzschuppen unter, wenn es der Wind zu arg trieb. Ging es aber auf Frühjahr und Sommer zu, dann brauchten sie noch länger zum Heimweg, denn es gab unterwegs allerhand zum Sehen und Bewundern.

Keiner von den Buben kletterte flinker auf die Bäume, um Krähennester auszuheben, wie der Michel, keiner sprang lustiger im Mühlbach herum, um die Forellen aus ihren Schlupfwinkeln herauszujagen, und die Stasi hielt bei ihm aus, wenn auch die andern ihr Gewissen heimtrieb. So blieben sie ein Jahr ums andere Kameraden, bis der Ruepp auf den Gedanken kam, aus seinem zweiten Buben einen Geistlichen zu machen, obwohl der Herr Pfarrer davon abriet.

Er hatte weder ein hervorragendes Talent noch einen mächtigen Lerntrieb beim Michel bemerken können und sagte, man solle doch nicht glauben, es ließe sich aus jedem Holze was Besonderes schnitzen.

So ein lebfrischer Bub, der es gar nicht mit den Büchern habe, solle wieder ein Bauer werden; dazu brauche es auch einen aufgeweckten Kopf. Das Studium sei ein langer Weg, auf dem schon viele umgekehrt seien, und so was Halbes und Unfertiges lasse sich dann selten noch zu was Ganzem richten.

Der Ruepp ließ ihn reden und glaubte fest, daß ihm der Pfarrer die Ehre, die auch ihm daraus erwachsen werde, nicht gönne.

So mußte der Michel an einem Herbsttag fort, und den Abend zuvor nahm er an der Lukasleiten von der Stasi, die dort die Gänse hüten mußte, Abschied.

Seine treue Kameradin wollte ihn auch wegen seines Aufstiegs zur hohen Gelehrsamkeit bewundern, aber sie kam nicht dazu, denn der Michel fing gottesjämmerlich zu weinen an, und da blieb ihr nichts übrig, als mitzutun.

Er zählte die Freuden auf, die er nun nicht mehr mit erleben durfte, das Nußknacken beim Lukas und beim Schuechl, die Jagd in Weidach, wo er als Treiberbub mitgegangen war, den Kirta mit seinen Genüssen, und bei jedem schmerzlichen Verluste, der ihm vor Augen trat, schluchzte er aufs neue, und nichts konnte ihn trösten, auch nicht das Versprechen der Stasi, daß sie ihm gewiß und wahr ihre Kirtanudeln schicken wolle.

Das gute Mädel vergaß vor lauter Mitleid, daß es spät wurde, und sie kam ohne ihre Gänse heim, denn die waren nicht so weichherzig, daß sie sich in ihrer Ordnung hätten stören lassen, und waren allein und ziemlich unwillig schnatternd heimgewatschelt.

Aber wenn die beiden Kinder auch den Schmerz so ehrlich teilten wie ehedem Äpfel und Birnen, die der Michel überall gefunden hatte, so war doch jener Abend auch der Abschied von ihrer Kameradschaft.

Die Zeit bringt allerhand, aber nichts, was sie einmal genommen hat, und wie der Lateinschüler zum erstenmal in die Vakanz heimkam, sah er wohl etliche Male die Stasi, aber Gewohnheit, die sie einmal verbunden hatte, trennte sie jetzt.

Sie waren freundlich zueinander, doch der Michel fand auf seinem neuen Wege andere Leute und andere Dinge und verlor die Erinnerung an die Kinderzeit aus dem Sinne.

Jetzt saß er unbeholfen und befangen dem saubern Bauernmädel gegenüber, das mit jedem gleichalterigen Burschen vom Dorf kecker und lustiger gewesen wäre als mit ihrem alten Spielkameraden.

»Die G'studierten mögen si net plagen,« sagte sie, aber der Michel gab ihr kein Scherzwort zurück, sondern versicherte beinahe feierlich, daß er die landwirtschaftliche Arbeit für eine Erholung anschaue.

Dadurch verlor auch die Stasi den Faden und redete mit dem andern Mädel.

Die zwei kicherten und lachten, obwohl ihre Unterhaltung gar nicht lustig klang.

Wenn die Stasi sagte. »Der Gidi is beim Kramer hiebei g'stand'n,« hielt sich die Mariann ihre große Hand vors Maul und lachte hinein, und wenn die Mariann sagte: »Am End hat er auf wen g'wart',« schüttelte es die Stasi her.

Da überkam den Michel schier ein Mitleid mit der Dummheit dieser Weibsbilder, und er zog den Zwicker aus der Gilettasche, um ihn auf der Nase festzuklemmen. Er sah jetzt durch die Fenstergläser, was er vorher nicht gleich beachtet hatte, daß seine Schulkameradin ein festes Trumm Frauenzimmer geworden war mit bemerkenswerten Potenzen, wie die Freisinger Studenten zu sagen pflegen, wenn sie sich ahnungsvoll von der Weiblichkeit unterhalten.

Er überlegte, wie er einen verfänglichen Diskurs mit den Mädeln beginnen solle, aber es ging ihm wie jedem, der darüber erst lange nachdenken muß. Es fiel ihm kein rechter Anfang ein, und wenn er schon den Mund öffnete, um was Keckes zu sagen, überkamen ihn wieder Bedenken, ob er damit nicht übel ankomme.

So schwieg er, und die Stasi glaubte, daß er stolz geworden sei, denn sie wußte ja nicht, zu was für einem Lattierl das Seminar einen rüstigen Bauernbuben erzieht.

Der Studiosus nahm sich vor, auf dem Heimweg von der Bahnstation seine Kühnheit zu steigern, und malte sich einige Redensarten aus, mit denen er das Gefecht eröffnen wollte. Aber wie sie alle in Erdweg ausstiegen, faßte die Puchrainerin unsern Michel ins Auge und rief:

»Du bischt ja gar an Ruepp der sei?«

Er mußte ihr Rede und Antwort stehen und mußte es leiden, daß die Alte neben ihm herhatschte, indes die Mädeln frischer vorangingen.

Und dabei wandte die Stasi öfters den Kopf nach ihm um und schien ihn durch ihre lustigen Blicke zum Mitkommen aufzufordern.

»Jetzt ko's na do nimmer lang hergeh, bis du de erschten Weicha kriagst?« fragte die zähe Puchrainerin.

»Z'erscht muaß i mit'n Gymnasium ferti wer'n,« antwortete der Michel unwirsch.

»Mit'n Gimnasi? Ja, wia lang hoscht'n da no z' toa?«

»Zwoa Jahr allaweil no . . .«

»Zwoa Jahr! Marand Josef, und bischt scho so lang auf da Studi!«

Die Puchrainerin konnte berechnen, wieviel Zeit es brauche, um ein Kalb zur nützlichen Kuh herzuzügeln, aber sie machte sich keinen richtigen Begriff von der Ewigkeit, die es dauert, bis man aus einem Buben einen Hochwürden schnitzelt.

Auch wußte sie nicht und brauchte es nicht zu wissen, daß dem Ruepp der seinige in diesem Jahre zum zweiten Male hocken bleiben mußte und jetzt mit bald einundzwanzig Jahren der würdige Senior der Bildungsanstalt war.

»I woaß no guat,« sagte sie, »wia's d' in d' Studi kemma bist. Dös is selbigs Jahr g'wen, wo's beim Langgörgl brennt hat. Ja, mei Gott, wia lang is jetzt dös scho wieda her!«

Es war freilich schon lang her, und die Schindeln auf dem neuen Dach vom Langgörgl hatten mehr Moos wie der Michel Gelehrsamkeit angesetzt.

»Ja, jetzt pfüad di,« sagte er und wollte den Mädeln nacheilen.

Aber die Puchrainerin hielt ihn mit einer neuen Frage zurück.

»Es werd na do scho it wahr sei, was d' Pfarraköchin g'sagt hat?«

»Was hat s' g'sagt?«

»Ja, daß du gar it firti machst. Und d' Weidacher, hat s' g'sagt, kinnan auf di länger wart'n wia d' Juden auf'n Messias, sagt s' und hat s' g'sagt, de Kaibin, wo zu dera Primiz g'hör'n soll'n, de wer'n allsammete als Ochsen überstandi . . .«

»Sagst ihr an schön Gruaß von mir,« erwiderte der Michel.

Das heißt, er sagte es natürlich anders, so wie es in bonis artibus et litteris nicht zu finden ist.

Die Puchrainerin erschrak aber nicht über die gröbliche Redensart; sie hatschte eifriger neben dem jungen Menschen her, dem sie noch einiges zu versetzen hatte.

»Na, paß auf! Sie sagt, dös gibt's ihra Lebtag it, daß du mit dem selln Gimnasi firti werst, und, sagt s', da Hochwürden da Herr Pfarra hat's glei g'sagt, daß du dös it dermachst, daß du z' schwach bischt für dös, hat s' g'sagt, und sagt s', er hat's dein Vatern scho gnua g'sagt aber der hat ja it hör'n woll'n, und, sagt s', grad mit Fleiß hat er it nachgeb'n, weil er si eahm dös ei'bild't hat . . .«

»Was paß denn i auf enkern Schmarrn auf?« sagte der Michel jetzt grob und ging so schnell voran, daß die Alte nicht mehr mitkommen konnte.

Sie schrie ihm nach. »Moanst do, du werst no?«, und dann blieb sie stehen und verschnaufte sich.

Der schwache Student holte die Mädeln ein, aber zu dem Anfang, den er sich ausgedacht hatte, fehlte ihm jetzt wieder die gute Laune, denn was ihm die Austraglerin vielleicht arglos in ihrer Sorge um die Heiligung des Ortes Weidach, vielleicht auch boshaft nach Altweiberart zu hören gegeben hatte, hinterließ einen Stachel in seiner Brust.

»Du hast as aba gnädi g'habt mit der alten Wab'n,« sagte Stasi.

»Der ihra dumm's G'red hätt i gern herg'schenkt . . .« knurrte Michel.

»Ja, schau, de alt'n Betschwestern hamm's halt mit die geischlinga Herrn . . .«

»Na soll s' wart'n, bis i oaner bin.«

»Vielleicht g'langen ihr drei Viertel, wann sie's net ganz hamm ko. Über unsern Koprater bist du scho weit außi g'wachsen . . .«

»Geh, red'n ma von was andern; i hab mir von dem alt'n Weibsbild scho gnua g'hört.«

»Am End g'freut's di gar nimma, 's Geischtli wer'n?«

»Woaßt denn du, ob's mi scho amal g'freut hat?«

»Für was waarst'n nacha furt in d' Studi?«

»I bin net g'fragt wor'n . . .«

Michel gab der Stasi mit einem Zeichen zu verstehen, daß er in Gegenwart der Mariann nichts mehr darüber sagen wolle, und sie erzählte nun, daß sie auf Besuch bei einem Basel in Flinsbach gewesen sei, und die Mariann hätte ihr Gesellschaft geleistet.

Ob er denn die nicht kenne? Sie sei vom Boz in Schwaigen, aber freilich, er sei in der Studi ein wenig stolz geworden und habe sich ja kaum mehr um die Nachbarschaft bekümmert, da kenne er nicht viel Leute.

Michel wehrte sich dagegen.

Von Stolz könnt man wirklich nicht reden, aber er sei halt wenig herumgekommen in der kurzen Zeit, wo er daheim gewesen sei. Er fragte so nebenher, um das Gespräch in Gang zu halten, wie das Basel in Flinsbach heiße, aber da mußte er unversehens auf etwas ganz Lustiges gestoßen sein.

Die Mädeln schauten einander an und brachen in ein schallendes Gelächter aus, und wenn die Stasi zu einer Antwort ansetzte, konnte sie nach den ersten paar Worten nicht mehr weiter reden, weil die Mariann vor Lachen beinah erstickte und sich gar nicht mehr zu helfen wußte.

Es stellte sich nach und nach heraus, daß die Stasi wegen einer Art Brautschau in Flinsbach gewesen war. Die Christlin, ihr Basel, hatte ihr den Scharl Gidi von Kemoden vermeint und hatte ihr eine Botschaft zukommen lassen, sie solle auf einen Sonntag herüberkommen und sich den Gidi einmal anschauen. Der war aber den Weg und das Fahrgeld nicht wert gewesen.

Er hatte einen Wasserkopf und konnte kaum ein paar Worte lallen, und er wär für den schönsten Bauernhof im ganzen Bezirk eine Dreingabe gewesen, die den Handel unmöglich gemacht hätte.

Die Christlin hatte der Stasi schon im voraus zu verstehen gegeben, daß sie ein Aug zudrücken und ein christliches Nachsehen haben müsse, aber wie dann der Gidi in die Stube hereinträppelte und das Maul aufsperrte und für nichts und wieder nichts zu lachen anfing, und wie er hernach sagte: »De dan dauberne Dindel,« da war's aus.

Die Christlin übersetzte es und sagte, es heiße. »Dös san saubere Deandel,« aber es half nichts mehr, daß sie der Stasi erklären wollte, was für ein begehrenswerter Brocken der Gidi trotz der paar Fehler sei.

Die Mariann hatte ihre Kameradin mit dem Ellenbogen angestoßen, und wie sie nun alle zwei zu lachen anfingen, da patschte der Scharl wie ein kleiner Bub in die Hände und kreischte vor Freuden mit.

Die Mädel nahmen schneller Abschied, als es der Christlin recht war, und die Stasi dankte ihrem Basel nicht einmal für die gute Meinung.

Als sie zum Hause hinausgingen, lief ihnen der Gidi nach, und wie sie sich umdrehten, sahen sie ihn beim Kramer stehen, in die Hände patschen und Grimassen schneiden.

Sie erzählten jetzt dem Michel ihr Erlebnis, und bald nahm die Mariann und bald die Stasi das Wort.

»Na, so was! Wia'r a bei der Tür eina is! I ho g'moant, mi haut's vom Stuhl owa . . .«

»Und woaßt, wia der zahnt hat, und na sagt aber: De dan dauberne Dindel . . .«

Sie blieben stehen und lachten hell auf.

Bei einem Feldweg, der nach Schwaigen hinüberführte, nahm die Mariann Abschied, und Michel ging nun allein neben seiner alten Schulkameradin her.

»Bist du scho öfter auf solchene B'suach g'wen?« fragte er.

»Ja, was glaabst denn? I laff do de Mannsbilder it nach . . .

»Aber . . .«

»Dös is do natürli, bal mir mein Basel schreibt, daß sie mir a guate Heiret wißt, daß ma da amal nachi schaugt. Da plagt oan na do scho d' Neugier . . .«

»I hätt mir denkt . . .«

Der Herr Studiosus stockte.

»Was nacha?«

»I hätt mir denkt, du hast scho lang an Schatz . . .«

»Host dir du dös denkt?«

»Hast koan?«

»Du bist guat, was du allssammete wissen mögst.«

»Sag mir's halt!«

»So fragt ma d' Leut aus. Was is denn na mit dir?«

»Ja, mit mir! Dös woaßt ja a so.«

»Da woaß i gar nix.«

»No, halt, daß i Student bin und in an Seminar.«

»Was is nacha dös?«

Michel erzählte, wie sie in Freising unter Aufsicht wären.

»Dös is ja wia in an Zuchthaus!« rief Stasi mitleidig aus. »Da glaub i's freili . . .«

»Was glaabst?«

»A so halt . . .«

»Na, dös muaßt mir sag'n . . .«

»I sag's net.«

»Geh, Stasi, jetzt kenna mir uns so lang, und früher hättst mir alls g'sagt . . .«

»Ja, früher! . . .«

»Dös ko ma do wieda auffrisch'n, wenn's aa scho lang her is. Schau, i hab mir z'erscht aa net richtig red'n traut, und jetzt, weil ma so mit anand dischkriern, geht's ganz leicht, und mir kimmt's a so vor, als wenn's nia anderst g'wesen waar . . .«

»Aber in da Eisenboh bist drin g'hockt und hast koa richtig's Wartl füra bracht.«

»Grad desweg'n schau, weil i's gar net g'wöhnt bin, und weil i net g'wißt hab, ob's dir recht is.«

»Dös is do amal g'wiß, daß ma si gern unterhalt, und i hab mir denkt, mir san dir am End net g'scheidt gnua, daß d' gar it red'n magst mit ins.«

»Ja freili, was moanst denn? Für so was muaßt mi scho net o'schaug'n.«

»I hab's aa net gern glaabt, weil mir do mit anand in d' Schul ganga san.«

»Natürli und überhaupts. Aber woaßt, i hab mir denkt, wia groß du wor'n bist und . . . und so sauber . . .«

»Geh, du!« Stasi rannte Michel mit dem Ellenbogen an. »Jetzt kam er mit dem daher! Dös sagst grad a so . . .«

»Na, g'wiß is wahr. Dös hab i mir denkt, und da hat's mir d' Red verschlag'n.«

»Ah, du bist oana! Z'erscht sagt er gar nix, und jetzt kam er a so daher!«

»Und schau, vor der andern hätt i scho gar net red'n kinna . . .«

»De hätt di aa it bissen . . .«

»Freili net, aber wenn ma's halt net g'wohnt is. Jetzt red i mi viel leichter.«

»Dös scheint si a so.«

»Derf i dös net sagen, daß d' so sauber wor'n bist?«

Das Mädel lachte, und Michel bekam einen roten Kopf. Er sah seine Begleiterin auch nicht herausfordernd an, sondern ganz zaghaft, als fürchtete er, daß sie über seine Verwegenheit entrüstet sein könnte.

Das war aber zum Glück nicht der Fall, im Gegenteil, Stasi drehte neckisch den Oberkörper herum und streifte ihn mit dem Ellenbogen.

»Dös hast g'wiß scho mehra g'sagt?«

»G'wiß net.«

»Daß di nacha gar nia um mi bekümmert hast, wenn'st dahoam g'wen bist?«

»A so halt. Schau, gar so lang war i net dahoam, und es hat si halt net troffa. 's letzt Jahr woaß i gar net, daß i di amal g'sehg'n hätt . . .«

»Jo. Amal bist im Berglbauern Holz hinter meiner g'wen, aber na bist steh blieb'n und bist mir nimma nachi kemma . . .«

»Dös woaß i scho no, ja. Da is aba da Hülfslehra daher kemma, auf den han i g'wart' . . . daß du dös no woaßt?«

»I ho mir's halt g'mirkt, und wia's d' heut in der Eisenboh aa net dergleich'n to hast, han i mir denkt, weil du geischtli werst, am End derfst mit an Madel gar it red'n?«

»Redt do da Pfarra aa mit enk!«

»Vielleicht bal s' älter san, derfan s' wieda. Aba da Koprata hebt an Kopf aa glei auf d' Seit'n und schaugt weg. Vielleicht daß dös a Vorschrift is?«

Michel wollte der Stasi schon umständlich erklären, daß es auch für die Alumnen keine solchene Vorschrift nicht gebe, und daß er überhaupt noch gar kein Alumne nicht sei, da merkte er aber an ihren lustigen Augen, daß es ihr mit diesen Ansichten nicht so ernst war.

»I glaab, du mögst mi dablecka . . .«

»Na. Aber i kenn mi do it aus mit die geischtlinga Herrn . . .«

»Geh, hör auf! Du woaßt recht guat, daß i no koana bin . . .«

»Aber wer'n tuast oana . . .«

»Dös is aa no net g'wiß. Extra g'freu'n tuat's mi net.«

»So? Na, hamm d' Leut do recht!«

»Mit was?«

»Sie sag'n halt aa, daß di 's G'studieren net g'freut.«

Michel sah seine Begleiterin mißtrauisch an. Wollte sie es ihm auch wie die Puchrainerin hinreiben, daß man dem Ruepp den seinigen nicht für gescheit genug halte?

Aber die Stasi schaute viel zu gutmütig aus, als daß man ihr eine versteckte Bosheit hätte zutrauen können.

Sein Blick blieb wohlgefällig an dem stattlichen Mädel hängen, das von Kraft und Gesundheit strotzte.

Er faßte sie am Arm und fühlte, fast erschreckend über seine Kühnheit, ihr pralles Fleisch.

Sie wurde nicht unwillig und ließ sich die Liebkosung gefallen.

Trotzdem wurde der Studiosus nicht kühner, sondern gab ihr schüchtern die Hand, die sie nach einem derben Drucke in der ihren behielt. So gingen sie eine Zeitlang schweigend nebeneinander her, und die Kornähren streiften auf dem schmalen Weg ihre Gesichter.

»Dös sell hast mir no net g'sagt,« bat Michel nach einer Weile.

»Was?«

»No voring. Du hast g'sagt, nacha glaabst du's freili, und hast g'lacht. Jetzt muaßt d' ma's sag'n . . .«

»Ah, dös woaß i scho nimma . . .«

»Du woaßt as recht guat . . . geh, sag ma's . . .«

»So halt, weil du verzählt hast, daß ös eing'spirrt seid's und überhaupts mit koan Madel it z'red'n kemmt's, und da han i mir denkt, nacha glaab i's scho . . . no ja, halt . . . daß di du a weng dappi g'stellst . . .«

»Glaabst dös jetzt no?«

Wenn Stasi recht ehrlich hätte sein wollen, hätte sie doch ja sagen müssen, denn so keck, wie sich der Michel selber vorkam, konnte er ihr nicht erscheinen.

Aber sie hatte Nachsicht mit ihrem alten Schulkameraden und dachte vielleicht, daß man ihn auf dem Wege zur Besserung nicht entmutigen dürfe.

Deswegen gab sie zu, daß er ihr jetzt lange nicht mehr so dappig vorkomme.

»D' Mariann glaabet's jetzt a nimma,« fügte sie hinzu.

»Hat sie g'redt über dös?«

Stasi nickte lustig mit dem Kopfe.

»Sie hat g'sagt, der muaß si scho gar it auskenna, und dös is a rechta Trauminet, hat s' g'sagt.«

»Bal ma oane net kennt, woaß ma net glei, was ma red'n soll. Bei dir is dös ganz anders.«

»Warum nacha grad bei mir?«

»Weil'st ma du viel besser g'fallst,« hätte der Michel sagen sollen, wenn er erfahren gewesen wäre, und er hätte es auch beinah gesagt, aber er schluckte es wieder hinunter, weil er nach seiner Meinung an diesem Tag schon weit genug gegangen war.

»A so halt . . . und weil mir do alte Bekannte san . . .«

»Denkst no a diam dro, wia mir mitanand in d' Schul ganga san?«

»Freili woaß i's no guat.«

»Wia 's du mit'n Zotz'n Peter g'rafft host, weil er mi schier in Bach eini g'rennt hot?«

»Und wia 's d' ma du dei Kletzenbrod g'schenkt hast, weil mi da Lehra so herg'haut hat . . .«

»Und wia du den letzten Tag, vor 's d' in d' Studi hast müassen, an der Leit'n bei mir g'wen bist. Woaßt no, wia 's d' selbigsmal g'woant host?«

Und so gingen sie nebeneinander her, und die alte Zeit stieg vor ihnen auf; sie hielten sich noch immer bei den Händen, und wenn sie an eine Erinnerung kamen, die ihnen besonders gefiel, schlenkerten sie sie lustig und vertraut.

Mit einemmal blieb Stasi fast erschrocken stehen und rief. »Da liegt wer!«

Zwei Schaftstiefel schauten aus den Halmen hervor, und mit einem scheuen Blick darauf gingen die jungen Leute schneller vorwärts.

Nach etlichen Schritten sagte das Mädel: »Am End feit oan was?«

Da kehrte Michel um und ging ein paar Schritte ins Kornfeld hinein.

Als er die Halme zurückbog, sah er seinen Vater schlafend auf dem Rücken liegen. Das Gesicht war verschwollen und mit Blut beschmiert.

Er bückte sich erschrocken nieder und rüttelte den Schlafenden an der Schulter.

»Vata! Feit dir was?«

Der Ruepp schlug langsam die Augen auf und blinzelte im Halbschlaf. Er konnte sich nicht gleich zurechtfinden.

»Han? Was is? Ah, du bischt's? Wia kimmst denn du daher?«

»Von da Station halt. Aba was is denn mit dir? Du bist ja voller Bluat!«

»Han? I? Ah so . . . ja . . . Auf d' Nas'n bin i halt g'fallen . . .«

Er raffte sich mühsam auf und torkelte noch ein wenig.

»Herrschaftsaggera! Is scho so spat? Jetzt han i glei gar g'schlafa. Ja, wia kimmst denn du auf oamal da her?«

»I bin grad mit'n Zug kemma und bin da aufa ganga. Willst dir net 's G'sicht a weng abputzen?«

»Is ja koa Wassa it da; dös hat Zeit, bis i dahoam bin . . .«

Stasi, die den Ruepp erkannte, wandte sich um und ging allein ihren Weg weiter, indes ihr Michel mit Bedauern über die Störung nachsah.

»Was is denn dös für a Weibsbild da vorn?« fragte der Ruepp mürrisch und verschlafen.

»Dös? D' Lukas-Stasi . . .«

»So? Was tuat denn de da?«

»Sie is aa von da Bahn aufa ganga . . .«

Dem immer noch halb Betrunkenen dämmerte sein Streit mit dem Lukas auf, und er knurrte:

»Bist du mit dera ganga?«

»Ja. Mir hamm ins halt troffa.«

»Mit de Leut will i überhaupts gar nix z' toa hamm. Durchaus gar it, dös mirkst da . . .«

»Red'n werd ma na do no derfa damit.«

»Durchaus gar it, sag i. Von dem g'schwollkopfat'n Lukas will i amal nix hör'n . . .«

Er brummte noch allerhand Unverständliches vor sich hin.

Die allerletzten Beleidigungen tauchten langsam in seiner Erinnerung auf.

Geradeso unlustig wie sein Vater tappte auch der Michel auf dem Feldweg weiter.

Er sah die Stasi sich immer weiter entfernen; ihr Kopftüchel tauchte zwischen den Halmen auf und verschwand wieder, und mit ihr ging die Freude an der Heimkehr fort, und alle Verdrießlichkeiten, die er daheim so oft verlassen und pünktlich wieder gefunden hatte, standen ihm vor Augen. Die Kümmernisse der Mutter, die zornigen Reden der Geschwister, Streitereien mit den Dienstboten, und da torkelte der Vater halb betrunken vor ihm her und brachte wieder neuen Verdruß zum alten ins Haus.

Herrgott, wenn er nicht so angebunden gewesen wäre, sondern auch ein lustiger Bauernbursch wie die andern, da hätte er mit der Stasi heimgehen oder sie wieder einmal treffen können.

Aber so – –

Der Ruepp blieb stehen und wollte seinem innerlichen Zorn ein wenig Luft machen.

»Was is nacha mit dir?« fragte er grob. »Bist jetzt firti wor'n, daß d' do amal d' Weicha kriagst?«

»Firti! Dös woaßt du do, Vater, daß i no net firti sei ko mit'n Gymnasium.«

»Nix woaß i, als daß d' ma du 's Geld koscht, und daß mi d' Leut dablecka, weil du so lang brauchscht . . .«

»Hättst mi halt net zwunga . . .«

»Himmi . . . Herrschaftseiten! A so muaß ma red'n. Bal ma's a so guat moant mit an Menschen und möcht'n was wer'n lassen, nacha schmeißast ma's du no für. Hättst mi net zwunga, sagt a, der Lapp, der nixnutzete . . .«

»I bin koa Bua nimmer, Vater, daß ma so mit oan redt . . .«

»Was bist 'n nacha? Koa geischtlinger Student amal g'wiß net, wia'r oana sei soll. Hat's net da Pfarra zu mir g'sagt?«

»Über dös sollen mir jetzt net dischkriern . . .«

»Net? Warum nacha net? Hat er net g'sagt, Ihner Michel, sagt er, hat nicht das richtinge Zeug zum Schtudieren, hat er g'sagt. Muaß ma'r i dös sag'n lassen und ho neun Jahr zahlt wia 'r a Schmied? Ihnen Ihr Michel, sagt a, Ihnen Ihr Sohn, sagt a, der hat nicht das richtinge Zeug. I gib dir nacha scho 's Zeug! Moanst, ich fuatter di umasunst neun Jahr her?«

»Vata, laß's jetzt guat sei! Mir san jetzt glei dahoam, und es waar do besser, du tatst dir z'erscht 's G'sicht o'waschen, sunst derschreckt d' Muatta wieder . . .«

»I derschrick, bal i di siech und über dös nachdenk, daß i di am End neun Jahr umasinscht her g'fuattert ho. Aber dös sag i dir, jetzt will i bald amal was inne wer'n, daß du de erschten Weicha kriagst, sinscht is gar mit'n Zahlen . . .«

Michel antwortete nicht; sie waren bei einem kleinen Stauweiher angelangt, der unter dem Hofe lag, und er tauchte sein Sacktuch ins Wasser und gab es dem Vater, der sich brummend das Gesicht abputzte.

Es blieben aber immer noch Blutspuren zurück, so daß die Rueppin nach der ersten Begrüßung ihren Michel fragte: »Was is denn scho wieder mit'n Vata g'wen?«

»I woaß net. Er sagt, er is auf d' Nas'n g'fall'n. I hab'n in an Kornacker g'fund'n, wia 'ra g'schlafen hat . . .«

»O mei Bua, is dös a Kreuz! Bei uns geht da Vadruß net aus . . .«

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